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Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

Gustav Schüler: Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes - Kapitel 111
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleAuf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
publisherFritz Eckardt Verlag
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160221
projectid90127d03
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Beethovens Neunte Symphonie.

Ein Menschenpaar hörte die »Neunte« an. –
Sie standen da und harrten dieser Wunder,
So voll von Blut, das her zum Herzen jagte,
So voll von Furcht, als wären sie geladen,
Daß sie es sähen, wie die Erde bebte.
Sie waren arm und standen Hand in Hand,
Sie liebten sich mit einer langen Liebe.
Das Weib, inbrünstig junger Knospen Art,
War feierlich von Schönheit überspreitet,
Von einem weitentrückten, fremden Glanze.
Der Mann, an Jahren sommerlich voraus,
Mit einer schönheitssatten Glockenseele,
Die selten rein nach ihrer Abkunft klang,
Weil Not die Glocke oft zum Tönen brachte. –
Dies Menschenpaar, ungleich an Art und Wesen,
Hörte die »Neunte«, dies Gebet voll Angst und Glück,
Das nie ein Mensch gleich nah bei Gott gebetet. –
Der Sturm kroch an, dann wirres Schrei'n und Kämpfen:
Dies Zerren am Brokatgewande Gottes,
Dies Zuhau'n mit zerhackten Fechterschwertern,
Dies Fassen in zerfetzte Wolkenfahnen!
Schier überirdisch riß der Töne Wut
Die Seelen dieser Menschen aus den Leibern
Und ließ sie flattern wie die Schmetterlinge.
Mit neuen Sinnen lebten sie ihr Leben
Und ihrer Liebe vollgefüllte Stunden
Zum zweiten Male grell und gierig nach:
Den ersten Kuß, den ersten Wollustschrei,
Das erste blinde krallende Umklammern,
Die Hasseswut und Raserei der Liebe.
Die Klänge kreischen Wahnsinn! Blut braust hin,
Die Sonne schwimmt in Blut, die Erde kocht,
Die Meere klettern in die Bergeskuppen,
Und alles schreit und flucht: »Was ist der Mensch?
Wer's weiß, der stirbt, und Gott, der's weiß, stirbt mit!«
Die beiden Seelen stöhnten in die Qual:
»Wer's weiß, der stirbt, und Gott, der's weiß, stirbt mit!« –
Dann, wie ein Feuerstrudel, stürmt der Gang
Der Töne, die vor stierer Tollheit brechen.
Die Lust, die Lust, die rote Erdenlust,
Die Erde frißt und an dem Fraße stirbt!
Im Tollen mittoll, faßten sich die Seelen
Und brannten, zuckten, wie sie's nie gewußt,
Und schütterten und splitterten vor Taumel.
Doch mählich ausgesiedet ist der Rausch.
Die Becher brechen in des Zechers Hand,
Der damit auf des Tisches Kante haut. –
Ein froherstauntes Lebensfühlen wächst
Hervor aus Schutt mit großen goldenen Blumen,
Und schleierleise weben frühe Röten,
Die eben über Kampf und Stürme steigen.
Der Elemente träumend Lallen quirlt
Hinein in dunkelschwere Schöpferworte.
Und eine neue Erde bricht hervor,
Licht überfärbt von niegeschauten Lenzen.
Der Äther duftet, schwärmt und wogt und treibt,
Die Quellen lachen und die Wälder reden,
Die Liebe tanzt im neuen Morgenrot.
Die beiden Seelen schmiegen sich in eins
Und atmen tief und vollberuhigt wunschlos,
Wie Nachtigallen über ihrem Neste. –
Dann zuckt ein Fragen: Ist denn dies das Glück,
Dies tiefe Rasten bei den kühlen Brunnen?
Nein, auf zum Kampf! Die ganze Menschheit will
Erlöst und will an Gott gekettet werden!
»Wo bist du, Gott?« Der Schrei springt wieder auf
Kriegsleuten gleich, wenn die Trompete gellt:
»Wo bist du, Gott?« Im Himmel, auf der Erde,
Im Bergwald, in den eisbehangnen Gletschern,
Im Wetter, das mit Riesenstimme brüllt,
Bist du im Meer, bist du im Menschenbild?
Und beide Seelen fallen klagend ein:
»Auch in der Liebe nicht, auch nicht in uns!«
Die Töne wieder, wie verzweiflungstoll,
Rütteln an allen Türen, bohren sich
Hinab bis in das schwarze Mark der Erde.
Die beiden Seelen, eins in Sehnsuchtsnot,
Schrein für die Menschheit, schreien mit den Hörnern
Und laufen mit den wühlenden Bässen Sturm.
Es wächst zur Wut und ist doch nicht zu zwingen,
Die Hochburg Gottes ist dem Schrei zu fern. –
Der Meister, der die Hörner toben ließ,
Die Geigen kreischen und die Bässe schüttern,
Springt auf im Wahnsinn: Menschen müssen singen!
Und Stimmen, Menschenstimmen ruft er her
Und läßt sie schütternd durcheinanderbeten,
Was jede will, doch dess' sind alle eins:
Herabgebetet muß der alte Gott
Aus seinen Himmelsfelsenfesten werden
Und ewig eingeschmiedet in die Menschheit.
Die beiden Seelen schreien wie Verzückte,
Des Weibes Seele für den einen Mann,
Des Mannes Seele für die andern alle.
Und: Freude! Freude! bricht es von den Bergen
Lawinenwuchtend zu den Rufern nieder,
Und Jubel fällt ins Blut der Beterschar
Und ein entrückter seliger Dank weint auf. –
Die neue Erde mit dem neuen Volke
Stampfte im Äther her. Gott ging voraus
Und wies den Weg und funkelte von Größe.

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