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Auf dem »großen Wasser«

Henryk Sienkiewicz: Auf dem »großen Wasser« - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorHenryk Sienkiewicz
booktitleDrei Erzählungen
titleAuf dem »großen Wasser«
publisherVerlag von Otto Janke
translatorAd. Horovit
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid31ea216e
created20070105
modified20170915
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III.

In der Kolonie.

Was war Borowina? Eine im Werden begriffene Ansiedlung.

Aber augenscheinlich hatte man die Benennung im voraus erdacht, von dem Grundsatz ausgehend, daß dort, wo ein Name ist, auch eine Sache existieren müsse. In polnischen und sogar auch englischen, in New York, Chicago, Buffalo, Detroit, Milwaukee und Moritowk erscheinenden Zeitungen, mit einem Wort überall, wo man die polnische Sprache spricht, urbi et orbi im allgemeinen, und den polnischen Ansiedlern im besonderen war verkündet, daß wer von ihnen gesund, reich, glücklich sein, fett essen und lange leben wolle und nach dem Tod die Seligkeit erlangen möchte, der möge sich zur Ansiedlung im irdischen Paradies oder in Borowina eintragen lassen. Die Kundmachungen besagten, daß Arkansas, in welchem Borowina entstehen sollte, ein noch wüstes, aber das gesündeste Land der Welt sei. Zwar ist das knapp an der Grenze jenseits des Mississippi gelegene Städtchen Memphis ein Herd des gelben Fiebers, aber den Kundmachungen zufolge konnte weder das gelbe noch irgendein anderes Fieber über solch einen Fluß wie der Mississippi. Am oberen Laufe des Arkansasflusses ist es auch deshalb schon nicht mehr vorhanden, weil die benachbarten Choctaw-Indianer es erbarmungslos skalpiert haben. Das Fieber zittere beim Anblick einer Rothaut. Infolgedessen werden die Ansiedler Borowinas zwischen dem Fieber im Osten und den Rothäuten im Westen in einer ganz neutralen Zone wohnen, die deshalb eine große Zukunft vor sich hat. Nach tausend Jahren wird Borowina sicher zwei Millionen Einwohner zählen, und der Boden, der heute mit anderthalb Dollar pro Acre zu haben ist, wird dann als Parzellen zum Preise von zirka tausend Dollar für den Landstrich verkäuflich sein.

Solchen Versprechungen und Aussichten konnte man schwer widerstehen. Denjenigen, die von der Nachbarschaft der Choctaw-Indianer wenig erbaut waren, versicherte man durch Prospekte, daß dieser tapfere Indianerstamm für die Polen eben eine besondere Sympathie hege, so daß die freundnachbarlichsten Beziehungen vorauszusetzen wären. Übrigens ist es bekannt, daß dort, wo die Eisenbahn und Telegraphen die Wälder und Steppen durchschneiden, bald die Grabhügel der Indianer entstehen. Und da das Terrain bei Borowina von der Eisenbahn erworben ist, war also das Verschwinden der Indianer nur eine Frage der Zeit.

Der Boden war tatsächlich von der Eisenbahn erstanden, was der Kolonie einen Kontakt mit der Welt, einen Absatz für die Produkte und eine zukünftige Entwickelung zusicherte. Die Prospekte vergaßen zwar hinzuzufügen, daß diese Bahn erst im Entstehen sei, und daß der Verkauf an die Regierung der Eisenbahnen erst den für einen Bahnbau nötigen Fonds beschaffen wird, aber diese Vergeßlichkeit war bei solch einem komplizierten Geschäft leicht zu verzeihen. Nur hatte dies für Borowina den Unterschied, daß die Ansiedlung statt an einer Bahnlinie in einer stillen Wildnis lag, zu welcher man nur unter großen Strapazen gelangen konnte.

Dadurch konnten verschiedene Unannehmlichkeiten entstehen, die aber mit dem Zustandekommen der Bahn aufhören würden. Übrigens ist es ja bekannt, daß die Prospekte in diesem Lande nicht buchstäblich genommen werden können, denn so wie jedes auf amerikanischen Boden verpflanzte Gewächs zuverlässig üppig emporschießt, so schießt auch die Reklame in amerikanischen Zeitungen so hoch empor, daß man aus der Spreu meist nur mit Mühe ein Körnchen Wahrheit herauszuschälen vermag. Aber all dies war in den Ankündigungen über Borowina als sogenannter Humbug zu betrachten und konnte man immer der Meinung sein, daß diese Kolonie ganz und gar nicht schlechter sei als tausend andere, deren Gründung mit nicht geringerer Übertreibung angekündigt wurden. Die Begleitumstände und Bedingungen erschienen sogar in vieler Beziehung günstig und daher ließen sich viele Personen, sogar polnische Familien, von den großen Seen bis zu den Palmenwäldern Floridas, vom Atlantischen Ozean bis zu den Küsten Kaliforniens, als Ansiedler in der zu errichtenden Kolonie vormerken. Preußische Masuren, Schlesier, Posener, Galizianer, Litauer und Masuren aus der Gegend von Warschau, die in Chicago und Milwaukee in Fabriken gearbeitet und die sich schon längst nach einem Leben, das ein Bauer von Ahn und Urahn führen soll, gesehnt hatten, ergriffen die erste Gelegenheit, um die drückenden, rußgeschwärzten Städte verlassen zu können und in Arkansas weiten Feldern, Wäldern und Steppen Pflug und Axt zu ergreifen. Diejenigen, denen es in Texas zu heiß, in Minnesota zu kalt, in Detroit zu feucht oder in Radom in Illinois zu schlecht erging, vereinigten sich mit den ersten, einigen hundert Personen, meistens Männern; aber auch viele Frauen und Kinder machten sich auf den Weg nach Arkansas. Die Benennung »Bloody Arkansas« schreckte die Kolonisten nicht ab. Obwohl, um die Wahrheit zu sagen, dieses Land an raubgierigen Indianern, die sich vor dem Gesetze geflüchtet, an verwilderten Quäkern, die trotz des Verbotes der Regierung in Red River die Bäume fällten, an allerhand Abenteurern und Strolchen, die dem Galgen entlaufen waren, reich ist, obwohl der westliche Teil dieses Staates bis heute wegen der schrecklichen Kämpfe zwischen Rothäuten und Büffeljägern und wegen des furchtbaren Lynchrechtes berüchtigt ist, kann man doch für alles Rat schaffen. Ein Masur, der einen knorrigen Stock in der Hand hat, läßt sich nicht sobald aus dem Felde schlagen, besonders wenn er sich von Landsleuten umgeben weiß. Es ist auch bekannt, daß die Masuren untereinander zusammenhalten und sich gerne so ansiedeln, daß einer dem andern auf jeden Ruf zu Hilfe eilen kann.

Für die meisten war die Stadt Little Rock der Sammelplatz, aber von dort nach Clarcsville, der nächsten menschlichen Ansiedlung, an welche Borowina grenzen sollte, ist es weiter als von Warschau nach Krakau, und was schlimmer ist, man muß durch ein wüstes Land, Wälder und angeschwollene Flüsse passieren. Einige Leute, die nicht auf den ganzen Trupp warten wollten und einzeln den Weg antraten, blieben verschollen, aber der Hauptzug langte glücklich an und die Leute kampierten im Walde.

Um die Wahrheit zu sagen, waren die Kolonisten, als sie an Ort und Stelle anlangten, sehr enttäuscht. Sie hatten gehofft, auf dem zur Kolonie bestimmten Terrain Felder und Wald anzutreffen, und fanden nur einen Wald vor, der erst ausgerodet werden mußte. Schwarze Eichen, rote Baumwollbäume, sogenannte Cottonwood, lichte Plantanen und düstere Hickoren standen nebeneinander in einer dichten Masse. Das war eine echte Wildnis, unten von Gestrüpp bedeckt, oben von Lianen umschlungen, die sich wie hängende Brücken von einem Baum zum anderen hinzogen, mit Blüten bedeckt und so undurchdringliche Vorhänge bildeten, daß das Auge keinen Ausblick wie in unseren Wäldern hat. Wer tiefer vordrang, der sah über sich keinen Himmel, mußte sich in der Dunkelheit verirren und zugrunde gehen. Die Leute blickten bald auf die eigenen Fäuste, bald auf die Axt, bald auf jene Eichen, die viele Ellen im Umfang hatten, und mehr als einem wurde beklommen ums Herz. Es ist gutes Holz für den Bau einer Hütte vorhanden und zum Heizen zu haben, aber wenn einer auf hundertsechzig Morgen einen Wald fällen, die Baumstümpfe aus der Erde graben, die Löcher ebnen und dann erst den Pflug ergreifen soll, dann ist es eine Arbeit für viele Jahre.

Es war aber nichts weiter zu tun und gleich am folgenden Tage nach der Ankunft bekreuzte sich so mancher, spuckte in die Hände, ergriff ein Beil, stöhnte auf und machte sich an die Arbeit, und seit diesem Tage vernahm man das Krachen der Äxte im Walde von Arkansas und manchmal auch ein heimisches Volkslied.

Das Lager befand sich neben einem Strom auf einer ziemlich weitgestreckten Waldwiese, an deren Rand die Hütten in einem Viereck entstehen sollten und in der Mitte mit der Zeit eine Kirche und eine Schule. Aber das lag noch in weiter Ferne. Unterdessen wurden die Wagen, in welchen die Kolonistenfamilien angekommen waren, in einem Dreieck aufgestellt, um bei einem etwaigen Überfall sich wie in einer Festung verteidigen zu können. Jenseits der Wagenburg auf dem übriggebliebenen Teil der Waldwiese waren die Maulesel, Pferde, Ochsen, Kühe und Schafe untergebracht, die von einer aus jungen bewaffneten Bauernburschen bestehenden Wache gehütet wurden. Die Leute schliefen auf den Wagen oder auch außerhalb ihres Umkreises beim Biwakfeuer. Am Tage blieben Frauen und Kinder in der Wagenburg, und die Anwesenheit von Männern konnte man nur an dem Donnern der Äxte, von welchem der ganze Wald dröhnte, erkennen; nachts heulten im Dickicht wilde Tiere, insbesondere Jaguare und arkansische Wölfe. Furchtbare graue Bären, die den Feuerschein weniger fürchteten, kamen manchmal nahe an die Wagen heran. Infolgedessen hörte man häufig inmitten der Dunkelheit Gewehrschüsse und die Rufe: »Her da, es ist eine Bestie totzuschlagen!«

Die Leute, die aus der wilden Gegend von Texas gekommen waren, sind meistens geübte Jäger und diese lieferten mit Leichtigkeit für sich und ihre Familien Wild, insbesondere Antilopen, Hirsche und Büffel; es war die Zeit der Frühlingswanderungen dieser Tiere nach Norden. Die übrigen Ansiedler ernährten sich von den in Little Rock oder Clarcsville eingekauften Vorräten, die aus Maismehl und Salzfleisch bestanden. Außerdem wurden Schafe, wovon jede Familie eine gewisse Anzahl angekauft hatte, geschlachtet.

Abends, wenn neben der Wagenburg ein großes Feuer angezündet wurde, begann die Jugend nach dem Nachtmahl, statt schlafen zu gehen, zu tanzen. Irgendein Musikus hatte eine Geige mitgebracht, auf welcher er eine rauschende Tanzweise aufspielte. und wenn die Geigentöne inmitten des Waldesrauschens und unter freiem Himmel sich verloren, halfen andere dem Spielmann, auf amerikanische Weise auf den Blechgeschirren klimpernd.

Das Leben verstrich unter schwerer Arbeit geräuschvoll und ordnungslos. Die erste Arbeit war Hütten zu erbauen, und so erhoben sich bald auf dem grünen Hintergrund der Waldwiese Balkengerippe und die ganze Fläche bedeckte sich mit Säge- und Hobelspänen, mit Baumrinde und ähnlichen Holzabfällen. Das rote Holz oder das sogenannte »redwood« ließ sich leicht bearbeiten, oft aber mußte man weit gehen, um es zu holen. Manche errichteten provisorische Leinwandzelte und die Leinwand hierzu entnahmen sie den Wagen. Andere, besonders unverheiratete Männer, die es nicht so eilig hatten, ein Dach über dem Kopf zu haben und denen die Ausrodung lästig wurde, begannen an Stellen, wo das Gestrüpp nicht so dicht war, zu pflügen. Da erschollen zum erstenmal, seit der Arkanser Forst bestand, menschliche Zu- und Anrufe.

Im allgemeinen aber harrte der Ansiedler solch eine Arbeitslast, daß sie nicht wußten, was sie zuerst in Angriff nehmen sollten, ob Häuser bauen, ob ausroden oder auf die Jagd gehen. Gleich zu Anfang stellte es sich heraus, daß der Bevollmächtigte der Kolonisten das Terrain von der Eisenbahngesellschaft auf Treue und Glauben gekauft hatte und nie vorher dort gewesen war, sonst hätte er doch nicht eine finstere Waldwüste erstanden, besonders da es ebenso leicht war, nur teilweise bewaldete Streifen zu erwerben. Sowohl er wie der Vertreter der Bahngesellschaft waren zwar an Ort und Stelle gewesen, um die Parzellen zu vermessen und jedem, was ihm gehört, anzuweisen, aber da sie gesehen, wie die Sache sich verhält, trieben sie sich zwei Tage herum, zankten sich miteinander, und wegen der Vermessungsinstrumente wieder abreisend, ließen sie sich in der Kolonie nicht mehr blicken.

Bald kam es ans Tageslicht, daß die einen Ansiedler mehr, die anderen weniger bezahlt hatten, und was noch schlimmer war, niemand wußte, wo seine Parzelle lag, wie sie abzumessen sei und was ihm gehörte. Die Kolonisten blieben ohne jede Führung, ohne jede Behörde, die ihre Angelegenheiten ordnen und ihre Zwistigkeiten hätte schlichten können. Man wußte nicht, wie man arbeiten sollte. Deutsche hätten sich wahrscheinlich daran gemacht, den Wald gemeinschaftlich zu fällen und, nachdem die ganze Fläche gesäubert und Häuser errichtet waren, vor jedem Hause den Grund und Boden abzumessen. Aber jeder Masure wollte sich sofort mit seiner eigenen Sache befassen, sein Haus aufstellen und auf seiner Parzelle den Wald fällen. Überdies wollte jeder bei der mittleren Wiese, wo der Wald am lichtesten und das Wasser am nächsten war, einen Platz angewiesen haben. Daraus entstanden Streitigkeiten, die sich noch steigerten, als eines Tages der Wagen eines gewissen Herrn Grünmanski wie vom Himmel gefallen auftauchte. Dieser Herr Grünmanski hat wohl in Cincinnatti, wo Deutsche wohnen, Grünmann geheißen, aber in Borowina hängte er sich ein »ski« deshalb an, damit das Geschäft besser ginge. Sein Wagen hatte ein hohes Leinwanddach, auf welchem zu beiden Seiten eine Aufschrift mit großen, schwarzen Buchstaben stand: »Salon« und unten mit kleineren: »Brandy, Whisky«.

Auf welche Weise dieser Wagen die unsichere Einöde zwischen Clarcsville und Borowina heil und ganz passiert hat, wie es kam, daß die Steppenstrolche ihn nicht ausgeplündert, warum die Indianer, die in kleinen Trupps manchmal bis in die nächste Nähe von Clarcsville streifen, den Herrn Grünmanski nicht skalpiert haben, das war sein Geheimnis, genug, daß er angekommen war, und noch am selben Tage begann er ausgezeichnete Geschäfte zu machen. Aber die Kolonisten begannen sich auch an demselben Tag zu zanken. Zu den tausenderlei Streitigkeiten wegen Parzellen, Werkzeugen, Schafen, Plätzen beim Biwakfeuer gesellten sich überaus geringfügige Ursachen. So war bei den Kolonisten ein amerikanischer partikulärer Patriotismus erwacht. Diejenigen, welche aus den Nordstaaten stammten, begannen ihre früheren Wohnsitze auf Kosten der Kolonien und Kolonisten aus den südlichen Gegenden zu loben, und umgekehrt. Hader und Streit in einem mit englischen Brocken gespickten Polnisch waren an der Tagesordnung.

* * *

In der Kolonie war es sehr schlecht bestellt, denn dieser Menschenhaufe war einem hirtenlosen Rudel Schafe ähnlich. Die Streitigkeiten um die Grundstücke wurden immer heftiger. Es kam zu Raufereien, bei welchen die Genossen einer Stadt oder Kolonie sich gegen die aus anderen Orten Stammenden vereinigten. Die erfahreneren, älteren und klügeren gewannen zwar allmählich Ansehen und Macht, konnten sie aber nicht immer behaupten. Nur in Momenten der Gefahr ließ der gemeinschaftliche Instinkt der Verteidigung die Zänkereien vergessen.

Als eines Abends ein Trupp Indianerstrolche Schafe stahl, machten sich die Bauern haufenweise und ohne einen Moment zu überlegen an die Verfolgung. Die Schafe wurden zurückerbeutet und einer der Rothäute wurde so verhauen, daß er bald darauf starb, und an diesem Tage herrschte Eintracht, aber tags darauf begannen sie bei der Ausrodung wieder miteinander zu raufen.

Friede und Eintracht war auch, wenn abends der Musiker keine Tanzweisen, sondern heimatliche Lieder spielte, die jeder unter seinem Strohdach schon gehört hatte. Dann verstummten die Gespräche, die Bauern umringten den Spielmann im weiten Kreise, das Rauschen des Forstes begleitete ihn, die Flammen der Biwakfeuer zischten und sprühten Funken, während sie, ringsum stehend, die Häupter trübselig senkten und ihre Seelen über das Meer flogen. Manchmal tauchte der Mond schon hoch über dem Wald auf und sie lauschten noch immer.

Aber mit Ausnahme dieser kurzen Episoden geriet in der Kolonie alles immer mehr in Auflösung. Die Zerrüttung wuchs, die Feindschaft untergrub alles. Dieses kleine Gemeinwesen, in die Wälder verschlagen, von den übrigen Menschen beinahe losgelöst und von den Führern verlassen, wußte sich keinen Rat.

Unter den Ansiedlern finden wir zwei bekannte Gestalten: den alten Bauer Wawrzon Toporek und seine Tochter Maryscha. Nach Arkansas gelangt, sollten sie in Borowina die Schicksale der anderen teilen. Anfänglich ging es ihnen besser, ein Forst ist kein New-Yorker Straßenpflaster und außerdem hatten sie dort nichts gehabt, hier besaßen sie einen Wagen, ein wenig Inventar, auch einige Ackerbaugeräte. Dort zehrte an ihnen ein furchtbares Heimweh, hier hatten sie schwere Arbeit und kein Abschweifen der Gedanken vom Tagewerk. Der Bauer arbeitete von frühmorgens bis abends im Forst und zimmerte Holz für die Hütte zurecht. Die Dirn' mußte im Strome waschen, Feuer machen und kochen. Aber trotz der schweren Arbeit verwischten die Bewegung und die Waldluft allmählich auf ihrem Gesicht die Spuren der Krankheit, von welcher sie durch das Elend in New York befallen worden war. Die heiße Luft und der Windhauch hatten ihr bleiches Gesicht gebräunt und mit einem goldigen Schimmer überzogen. Die jungen Burschen aus San Antonio und aus der Gegend der großen Seen, die bei dem geringfügigsten Anlaß mit geballten Fäusten sich bedrohten, waren nur darin einig, daß Maryschas Augen unter dem lichten Haar ausschauten wie blaue Blumen aus dem Korn und daß sie das schönste Mädel sei.

Maryschas Schönheit kam auch Wawrzon zustatten. Er hatte sich einen Streifen des Waldes selbst ausgesucht, und niemand erhob dagegen Einsprache, denn alle jungen Bauernburschen waren auf seiner Seite. Mehr als einer war ihm auch beim Holzhauen, beim Bearbeiten der Balken oder beim Zusammenfügen der Balkengerippe behilflich, aber der Alte war schlau, er merkte den Grund und sagte: »Mein Töchterchen geht über die Wiese wie eine Lilie, wie eine Herrin, wie eine Prinzessin! Ich werde sie nicht dem ersten besten zum Weibe geben, denn sie ist eines Landwirts Tochter. Wer vor mir einen tiefen Bückling machen und nach meinem Willen sein wird, dem werde ich sie geben, aber nicht einem Hergelaufenen.«

Wer ihm also half, half sich selber.

Und so erging es Wawrzon besser als den anderen, und es wäre alles gut gewesen, wenn die Kolonie irgendeine Zukunft vor sich hätte. Aber dort verschlimmerten sich die Dinge von Tag zu Tag. Woche um Woche verging; rings um die Waldwiese waren Bäume gefällt, der Boden bedeckte sich mit Holz; hier und da erhob sich schon die gelbe Wand eines Hauses: aber das, was getan war, war ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was noch zu tun war. Die grüne Forstmauer wich nur langsam vor den Äxten. Diejenigen, die weit in das Gestrüpp vorgedrungen waren, brachten die wunderliche Nachricht, daß dieser Forst gar kein Ende habe und weiterhinein unter den Bäumen schreckliche Sümpfe seien; daß dort Ungetüme hausen und Nebeldünste wie Geister durch das Dickicht gleiten; daß Schlangen am Erdboden zischen und manchmal Stimmen rufen: »Geh nicht!« und daß unnatürliche Menschen sie bei den Kleidern packen und nicht loslassen. Ein Junge aus Chicago behauptete, daß er den Teufel in eigener Person gesehen habe, wie er seinen schrecklichen zottigen Kopf aus dem Moor herausstreckte und ihn so anfauchte, daß er nur mit knapper Not sich nach der Wagenburg flüchten konnte. Die Kolonisten aus Texas erklärten ihm, es müsse ein Büffel gewesen sein, er aber wollte es nicht glauben, und durch solchen Aberglauben gestaltete sich die ohnehin schreckliche Lage noch schlimmer.

Einige Tage nachdem man den Teufel zu sehen gemeint hatte, gingen zwei unerschrockene Männer in den Wald und kamen nicht mehr zurück. Einige Leute erkrankten von den Anstrengungen an Kreuzschmerzen und wurden dann vom Fieber befallen. Bei den Streitigkeiten um die Grundstücke kam es bis zu Schlägereien und Blutvergießen. Wer sein Vieh nicht gezeichnet hatte, dem wurde das Eigentumsrecht von anderen bestritten. Die Wagenburg wurde zerstört und die Wagen an allen Enden der Wiese aufgestellt, um weit voneinander zu sein. Man wußte nicht, wer das Vieh hüten sollte, und die Schafe begannen verloren zu gehen.

Unterdessen wurde es immer offenkundiger: ehe die auf den Waldlichtungen angebauten Saaten irgendeinen Ertrag lieferten, würden die vorhandenen Lebensmittelvorräte aufgezehrt sein, so daß Hunger zu befürchten war. Verzweiflung bemächtigte sich der Leute, im Wald verringerte sich das Dröhnen der Äxte, denn die Geduld und der Mut ließen nach. Jeder würde doch gearbeitet haben, wenn er gewußt hätte: dies oder das gehört dir. Aber niemand wußte, was sein und was nicht sein war. Die Leute sagten, sie seien in die Wüstenei geführt worden, um elendlich umzukommen. Wer noch etwas Geld hatte, bestieg seinen Wagen und fuhr nach Clarcsville. Die meisten aber hatten keinen Pfennig und konnten nicht nach dem früheren Wohnsitze zurück. Sie sahen den sicheren Untergang, rangen die Hände und jammerten. Die Äxte ruhten schließlich und der Forst rauschte, als mache er sich über die menschliche Ohnmacht lustig. »Arbeite zwei Jahre und dann stirb Hungers,« sagte einer zum anderen. Und der Wald rauschte, als schüttle er sich vor Lachen.

Eines Abends kam Wawrzon zu Maryscha und sagte: »Liebe Tochter, man sieht, daß hier alle und auch wir elend zugrunde gehen werden.«

»Gottes Wille geschehe,« entgegnete das Mädchen, »er war uns immer barmherzig und so wird er uns auch jetzt nicht verlassen.«

Sie schlug ihre blauen Augen zu den Sternen auf, und beim Schein des Biwakfeuers sah sie aus wie ein Kirchenbild.

Die jungen Leute aus Chicago und die Jäger aus Texas sagten: »Auch wir, Maryscha, Du Morgenrot, werden Dich nicht verlassen.«

Sie dachte aber, nur mit einem würde sie bis ans Ende der Welt gehen und das ist Jaschko aus Lipinze. Aber obwohl er versprochen hatte, ihr zu folgen, ist er nicht gekommen; dieser eine hat sie Arme verlassen.

Maryscha konnte nicht wissen, daß es mit der Kolonie schlecht bestellt sei, aber sie war schon einmal aus der Untiefe gerettet. Gott hatte sie schon aus solchen Abgründen gezogen, daß ihre Seele nun im Ungemach so zuversichtlich war, daß nichts vermochte, ihr das Vertrauen auf die himmlische Hilfe zu rauben. Schließlich erinnerte sie sich, daß der Herr in New York, der ihnen aus dem Elend geholfen und sie hierher geschickt, ihr seine Karte mit den Worten gegeben hatte, daß sie im Unglück sich nur an ihn wenden möge, und er sich ihrer immer annehmen würde.

Unterdessen brachte jeder Tag für die Kolonie eine größere Gefahr. Die Leute liefen nachts davon, und was mit ihnen geschah, wußte niemand. Ringsum rauschte der Wald, als schüttele er sich vor Lachen.

Der alte Wawrzon erkrankte schließlich vor Überanstrengung. Er hatte heftige Schmerzen im Rückgrat. Zwei Tage achtete er dessen nicht, am dritten Tage konnte er nicht mehr aufstehen. Das Mädchen ging in den Wald, sammelte Moos, polsterte damit sein Lager aus, legte den Vater auf Moos und kochte ihre Arzneien mit Branntwein.

»Maryscha,« brummte der Bauer, »der Tod kommt schon zu mir durch den Forst. Du wirst als Waise allein zurückbleiben. Gott straft mich für meine schweren Sünden, weil ich Dich übers Meer geführt und zugrunde gerichtet habe. Mein Sterben wird mir schwer werden.«

»Väterchen,« antwortete das Mädchen, »Gott hätte mich gestraft, wenn ich Dir nicht gefolgt wäre.«

»Wenn ich Dich nur nicht allein zurücklassen müßte, wenn ich Dich zur Trauung segnen könnte, wäre es mir leichter zu sterben. Maryscha, nimm den schwarzen Orlik zum Mann, er ist ein guter Kerl, er wird Dich nicht verlassen.«

Als der schwarze Orlik, ein unfehlbarer Jäger aus Texas, dies vernahm, sank er in die Knie und sagte: »Vater, segne uns, ich liebe dieses Mädchen wie mein eigenes Geschick. Ich bin mit dem Forst vertraut und werde sie nicht umkommen lassen.«

Er schaute mit seinen Falkenaugen auf Maryscha, aber sie wand sich zu Füßen des Alten und sagte: »Väterchen, zwingt mich nicht; dem ich geschworen habe anzugehören, dem werde ich mein Wort halten.«

»Dem Du Dein Wort gegeben hast, wirst Du nicht angehören, denn ich werde ihn töten. Du mußt mein werden oder niemand angehören,« antwortete Orlik. »Hier werden alle umkommen, und wenn ich Dich nicht rette, wirst auch Du umkommen.«

Der schwarze Orlik täuschte sich nicht, die Kolonie ging zugrunde. Wiederum verstrich eine und eine zweite Woche. Die Vorräte gingen zu Ende. Man begann das zur Arbeit bestimmte Vieh zu schlachten. Das Fieber überfiel immer mehr Leute, die Menschen in der Einöde begannen zu fluchen und mit lauter Stimme zum Himmel um Hilfe zu rufen. Eines Sonntags knieten alle, Alte, Junge, Weiber und Kinder, am Rasen nieder und sangen Bittgebete. Hundert Stimmen wiederholten: »Heiliger Gott, heilig und mächtig und unsterblich, erbarme Dich unser.« Der Forst hörte auf, sich zu schütteln, hörte auf zu rauschen und hörte zu. Erst als der Gesang verstummt war. begann er wieder zu rauschen, als sage er drohend: »Hier bin ich der König, hier bin ich der Herr, hier bin ich der Stärkste!«

Der schwarze Orlik aber, der mit dem Forst vertraut war, heftete auf ihn seine schwarzen Augen, schaute ihn seltsam an und sagte dann laut: »Nun, so werden wir den Kampf miteinander aufnehmen.«

Die Leute blickten auf Orlik und eine neue Hoffnung zog in ihre Herzen ein. Diejenigen, die ihn noch von Texas her kannten, hatten zu ihm großes Vertrauen, denn er war selbst in Texas ein berühmter Jäger. Er war ein in der Steppe verwilderter Mensch und stark wie eine Eiche. Er ging ganz allein auf die Bärenjagd. In San Antonio, seinem früheren Wohnort, wußte man, daß er manchmal mit der Büchse in die Wildnis ging, monatelang ausblieb und immer heil und unversehrt heimkehrte. Man nannte ihn den Schwarzen, weil er stark sonnenverbrannt war. Man sagte ihm sogar nach, daß er an der Grenze Mexikos das Räuberhandwerk betrieben hätte; das war aber nicht wahr. Er brachte nur Felle und manchmal auch Indianerskalpe mit, bis der Ortspfarrer ihn dafür mit dem Bannfluche bedrohte. Jetzt in Borowina war er der einzige, der sich um nichts kümmerte und um nichts sorgte. Der Forst gab ihm zu essen und zu trinken, der Forst kleidete ihn.

Als die Leute also begannen davonzulaufen und die Köpfe zu verlieren, nahm er alles in die Hand und schaltete und waltete eigenmächtig, da er alle aus Texas auf seiner Seite hatte. Als er nach den Bittgesängen den Forst herausfordernd anblickte, dachten sich die Leute, daß er was ersinnen würde.

Mittlerweile ging die Sonne unter, beleuchtete noch eine Zeitlang die Zweige wie eine goldene Halle, dann verblaßte sie und erlosch. Der Wind kam von Süden. Als es dunkel wurde, nahm Orlik seine Flinte und ging in den Wald.

Die Nacht war schon herangebrochen, als die Leute in der schwarzen Waldesferne gleichsam einen großen goldigen Stern wie aufsteigendes Morgenrot erblickten, der mit rasender Schnelligkeit wuchs und einen blutigen und roten Schein verbreitete.

»Der Forst brennt! Der Forst brennt!« begann man im Lager zu rufen.

Vogelscharen flogen von allen Enden des Waldes geräuschvoll auf, schreiend, krächzend und zwitschernd. Das Vieh im Lager begann jämmerlich zu brüllen, die Hunde heulten, die Menschen rannten entsetzt umher und glaubten, die Feuersbrunst wälze sich auf sie, aber der starke Südwind trieb die Flammen von der Waldwiese fort.

Unterdessen blitzte in der Ferne ein zweiter und dann ein dritter roter Stern auf. Beide verschmolzen bald mit dem ersten, der eine immer größere Ausdehnung annahm. Die Flammen ergossen sich wie Wasser, strömten über die trockenen Gewinde der Lianen und des wilden Weins. Ein Sturmwind riß die flammenden Blätter los und trieb sie wie feurige Vögel immer weiter und weiter! – –

Die starken Bäume barsten in den Flammen. Rote Feuerschlangen leckten über das harzige Gestrüpp. Ein Zischen und Rauschen, ein Krachen der Äste, ein unheimliches Brausen des Feuers, mit dem Gekreische der Vögel und dem Brüllen der Tiere vermengt, erfüllte die Luft. Himmelragende Bäume wankten wie flammende Säulen und Kolonnaden. Die in den Verschlingungen durchgebrannten Lianen rissen sich von den Bäumen los und schaukelten sich wie dämonische Arme, und so verbreiteten sich die Funken von einem Baum zum anderen. Der Himmel wurde rot, als wütete in ihm ein zweiter Brand. Es wurde tageshell, dann flossen alle Flammen in ein Feuermeer zusammen und ergossen sich wie Todesodem oder wie Gottes Zorn über den Wald. Rauch, Hitze und Brandgeruch erfüllten die Luft. Die Leute im Lager, obwohl ihnen keine Gefahr drohte, begannen zu schreien und sich gegenseitig zuzurufen, als der schwarze Orlik in der Richtung der Feuersbrunst im Feuerschein zum Vorschein kam. Er hatte ein rauchgeschwärztes drohendes Gesicht.

Als man ihn umringte, lehnte er sich auf die Flinte und sagte: »Ihr werdet nicht mehr ausroden, ich habe den Forst verbrannt. Morgen werdet Ihr von dieser Seite Felder in Hülle und Fülle haben.« Dann wandte er sich an Maryscha: »Du mußt mein sein, so wie ich der bin, der den Forst verbrannt hat. Wer ist stärker als ich?«

Maryscha begann am ganzen Leib zu zittern, denn in Orliks Augen flammte eine Lohe und er kam ihr schrecklich vor. Zum erstenmal seit ihrer Ankunft dankte sie Gott, daß Jaschko fern in Lipinze weilte.

Unterdessen gewann der Brand sengend und zischend immer mehr an Ausdehnung, ein trüber Tag brach an und Regen drohte. Mit Tagesanbruch gingen die Leute, die Brandstätte zu besichtigen, aber es war der Hitze wegen unmöglich, sich zu nähern. Am folgenden Tag schwebte ein Mehltau wie Nebel in der Luft, so daß einer den anderen auf einige Schritte Entfernung nicht unterscheiden konnte. In der Nacht begann es zu regnen und der Regen ging bald in ein schreckliches Gewitter über. Es mag sein, daß die Atmosphäre zum Zusammenballen der Wolken beitrug, außerdem war dies die Frühlingszeit, in welcher am oberen Mississippilauf, wie auch in dem Arkansas- und roten Flusse, gewöhnlich ungeheure Regengüsse niedergehen. Auch das Verdampfen der Gewässer trägt dazu bei, die in Arkansas in Form von Sümpfen, kleinen Seen und Strömen das ganze Land bedecken und infolge der Schneeschmelze im oberen Gebirge anschwellen. Die ganze Waldwiese wurde aufgeweicht und verwandelte sich allmählich in einen großen Teich. Die Leute waren tagelang durchnäßt und wurden krank. Wieder andere verließen die Kolonie, um nach Clarcsville zu gelangen, kehrten aber um, da der Fluß stark angeschwollen und ein Übersetzen unmöglich war. Die Lage wurde immer schlimmer; denn seit der Ankunft der Ansiedler war schon ein Monat zu Ende. Die Vorräte erschöpften sich, und neue aus Clarcsville zu beschaffen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Nur Wawrzon und Maryscha drohte der Hunger weniger als den andern, denn des schwarzen Orlik mächtige Hand wachte über ihnen. Jeden Morgen brachte er Wild, das er erlegte oder mit einer Schlinge einfing. Er stellte sein Zelt auf, um den Alten und Maryscha vor Regen zu schützen. Man mußte diese Hilfe, die er beinahe aufdrängte, schon annehmen und sich zur Dankbarkeit verpflichten, denn eine Bezahlung wollte er nicht und forderte nur Maryschas Hand.

»Bin ich denn allein in der Welt?« versuchte das Mädchen sich loszubitten. »Geh, such Dir eine andere, da ich einen anderen liebe.«

Orlik aber antwortete: »Selbst wenn ich bis ans Ende der Welt ginge, fände ich keine zweite wie Du, Du bist für mich die einzige auf der Welt und mußt mein sein. Was willst Du beginnen, wenn der Vater stirbt? Du wirst zu mir kommen, wirst von selbst kommen, und ich werde Dich nehmen wie ein Wolf das Lamm, werde Dich in dem Wald aber nicht auffressen. Du bist mein, Du bist meine einzige! Wer will Dich mir streitig machen? Wen hätte ich zu fürchten?«

Was Wawrzon betraf, schien Orlik recht zu haben. Der Alte kränkelte immer mehr, zeitweilig bekam er Hitze, redete von seinen Sünden, von Lipinze und davon, daß Gott nicht gestatte, es wiederzusehen.

Maryscha vergoß Tränen über ihn und über sich. Das, was Orlik ihr versprach, mit ihr selbst nach Lipinze zurückzukehren, wenn sie ihn heiraten wollte, war für sie Kummer, aber kein Trost. Nach Lipinze heimkehren, wo Jaschko war, und als die Frau eines anderen kommen – für nichts in der Welt! Besser hier unter dem ersten besten Baum sterben. Sie dachte sich, daß es so enden wird.

Mittlerweile sollte die Kolonie von einer neuen Fügung Gottes heimgesucht werden.

Der Regen fiel in immer größeren Strömen nieder. In einer finstern Nacht, als Orlik wie gewöhnlich in den Wald gegangen war, erscholl im Lager der Entsetzensschrei: »Wasser! Wasser!«

Als die Leute sich den Schlaf aus den Augen rieben, erblickten sie in der Dunkelheit, soweit das Auge reichte, eine weiße Wasserfläche, auf die der Regen plätscherte und die vom Winde geschaukelt wurde. Das flatternde und verschleierte Nachtlicht glitzerte stahlfarben auf dem Gekräusel der Flut. Von der Richtung des Ufers und von dem verbrannten Wald her vernahm man das Rauschen und Glucksen einer neuen Flut, die mit großer Geschwindigkeit einherströmte. Im ganzen Lager entstand Lärm. Die Weiber und Kinder begannen sich auf die Wagen zu retten, die Männer rannten nach der Westseite der Waldwiese, wo die Bäume nicht gefällt waren; das Wasser reichte bis zum Knie, stieg aber schnell, und das Rauschen von der Waldseite wurde stärker und vermengte sich mit Angstrufen und mit Bitten um Hilfe. Bald begannen die Tiere vor dem Andrang des Wassers zurückzuweichen, die Flut stieg, Schafe kamen herangeschwommen und blökten jämmerlich, bis sie fortgeschwemmt wurden. Der Regen floß in Strömen und in jeder Minute wurde es schlimmer. Das ferne Rauschen verwandelte sich in ein Brausen und in ein rasendes Getöse der Wasserfluten. Vor ihrem Anprall begannen die Wagen zu schwanken. Es war klar, daß dies nicht eine gewöhnliche Überschwemmung infolge starken Regens war, sondern daß der Arkansasstrom und alle seine Nebenflüsse aus den Ufern getreten sein müssen. Es wurde ein Wasserstrudel, ein Entwurzeln der Bäume, ein Einstürzen der Wälder, ein Entsetzen, eine Entfesselung der Elemente, die Finsternis, der Tod!

Einer der dem abgebrannten Wald zunächst stehenden Wagen kippte um. Auf den entsetzten Hilferuf der im Wagen eingeschlossenen Weiber kamen einige dunkle Männergestalten von den Bäumen heruntergeklettert, aber die Flut ergriff die Zuhilfeeilenden, drehte sie im Wirbel und trug sie nach dem Wald, dem Untergang entgegen. Auf anderen Wagen flüchtete man sich auf die Leinwanddächer. Immer größere Finsternis hüllte die düstere Waldwiese ein. Manchmal glitt ein Ballen mit einer daran geklammerten menschlichen Gestalt vorüber, von der Flut auf und nieder geschleudert, manchmal tauchte die Gestalt eines Tieres oder Menschen auf oder eine Hand kam an die Oberfläche, um dann sogleich wieder für immer in dem Wasser zu verschwinden. Das Brausen der Gewässer wurde immer stärker, das Brüllen der ertrinkenden Tiere und die Hilferufe der Menschen übertönte alles. Auf der Wiese bildeten sich Strudel und Wirbel und die Wagen verschwanden.

Und Wawrzon und Maryscha?

Die Wand, auf welcher der alte Bauer unter Orliks Zelt lag, rettete sie vorderhand, denn sie schwamm wie ein Floß. Die Flut drehte es rings um die ganze Waldwiese und trug es schließlich, ins Flußbett treibend, davon. Das Mädchen, neben dem alten Vater kniend, hob die Hände gen Himmel, Gottes Hilfe anrufend. Aber nur das Brausen der vom Wind gepeitschten Flut antwortete ihr. Das Zelt wurde weggerissen, aber auch das Floß konnte jeden Augenblick zerschellen, denn vor und hinter ihm trieben Baumstämme, die alles erdrücken konnten.

Schließlich geriet es zwischen die Zweige eines Baumes, dessen Schopf aus dem Wasser ragte. Da ließ sich von diesem Schopf eine menschliche Stimme vernehmen: »Nehmt die Flinte und schifft nach der andern Seite, damit das Floß nicht überschlage, wenn ich hinaufspringe!«

Kaum hatten Wawrzon und Maryscha vollführt, was ihnen geheißen, schwang sich eine menschliche Gestalt vom Baumzweig auf das Floß.

Es war Orlik.

»Maryscha,« sagte er, »wie ich versprochen habe, werde ich Dich nicht verlassen. Ich werde Euch aus dieser Hochflut retten.«

Mit einem kleinen Beil, das er bei sich führte, haute er einen geraden Zweig vom Baum ab. zimmerte ihn im Handumdrehen zurecht, dann stieß er das Floß aus den Zweigen und begann zu rudern.

Sie gelangten in das eigentliche Strombett und trieben blitzschnell dahin. Wohin, das wußten sie nicht. Von Zeit zu Zeit stieß Orlik Stämme und Zweige weg oder drehte das Floß, um einem hervorstehenden Baume auszuweichen. Seine Riesenkräfte schienen sich zu verdoppeln. Trotz der Dunkelheit entdeckte sein Auge jede Gefahr. Eine Stunde nach der anderen verstrich, jeder andere wäre vor Ermüdung zusammengebrochen, an ihm war nicht einmal eine Anstrengung zu merken.

Mit Tagesanbruch waren sie aus dem Waldrevier, denn es war kein einziger Baum mehr zu sehen, dafür sah die ganze Gegend wie ein Meer aus. Die ungeheuern Wellen der gelben schäumenden Wassermassen wälzten sich brüllend über die Fläche.

Mittlerweile tagte es immer mehr; Orlik sah, daß in der Nähe kein Baumstamm war, hielt eine Weile im Rudern inne und drehte sich zu Maryscha: »Jetzt bist Du mein, denn ich habe Dich dem Tod entrissen.«

Sein Kopf war barhäuptig, und das nasse, von der Anstrengung gerötete und vom Kampfe mit der Überschwemmung erhitzte Gesicht hatte solch einen Ausdruck von Kraft, daß Maryscha zum erstenmal nicht wagte, ihm zu erwidern, daß sie einem anderen Treue gelobt.

»Maryscha,« sagte er weich, »herzige Maryscha.«

»Wohin schiffen wir?« fragte sie, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Was liegt mir daran! Nur mit Dir, mein Lieb, rudern, bis der Tod uns ereilt.«

Orlik begann wieder zu rudern.

Wawrzon aber fühlte sich immer schlechter. Abwechselnd hatte er Hitze und Frost und er ward zusehends schwächer. Für seinen alten, erschöpften Körper war das Leiden schon zuviel, das Ende nahte. Um die Mittagszeit wachte er auf und sagte: »Maryscha, ich werde morgen nicht mehr leben. Ach, Mädel, Mädel, hätte ich lieber Lipinze nicht verlassen und Dich nicht weggeführt. Aber Gott ist barmherzig! Ich habe viel gelitten, und so wird er mir meine Sünden vergeben. Begrabet mich, wenn es möglich ist, und Dich soll Orlik zu dem alten Herrn nach New York bringen. Das ist ein guter Herr, er wird sich Deiner erbarmen, wird Dir auch das Reisegeld geben und Du kannst nach Lipinze heimkehren; ich nicht mehr. O Gott, barmherziger Gott, erlaube meiner Seele, daß sie dorthin fliegen darf und es wenigstens wiedersieht. Heilige Mutter Gottes, ich begebe mich unter deinen Schutz!« Plötzlich schrie er auf: »Werfet mich nicht ins Wasser, denn ich bin kein Hund!« Dann erinnerte er sich, daß er Maryscha aus Elend habe ertränken wollen, denn er rief wiederum: »Kind, vergib, vergib mir!« . . .

Die Arme lag schluchzend ihm zu Häupten . . . Orlik ruderte und Tränen erstickten seine Stimme.

Am Abend klärte sich das Wetter auf. Die Sonne kam zum Vorschein und spiegelte sich im Wasser in einem goldigen, langen Streifen. Der Alte verfiel in Agonie. Aber Gott erbarmte sich seiner und gab ihm einen leichten Tod. Anfänglich wiederholte er mit wehmütiger Stimme: »Ich habe Polen verlassen,« aber dann kam es ihm in der Fieberhitze vor, als ob er heimkehre. Er bildete sich ein, daß der alte Herr aus New York Geld für die Reise und auch für den Rückkauf seines Anwesens gegeben hätte, und er und Maryscha befänden sich jetzt auf der Heimfahrt. Sie sind auf dem Ozean, das Schiff schwimmt Tag und Nacht. Die Matrosen singen. Dann sieht er den Hafen von Hamburg, von dem er die Reise angetreten, verschiedene Städte flimmern vor seinen Augen, ringsum erschallt die deutsche Sprache, aber der Eisenbahnzug stürmt weiter, und so fühlt Wawrzon, daß er sich immer mehr der Heimat nähert, Freude schwellt seine Brust, und von der heimatlichen Gegend kommt ihm eine liebe andere Luft entgegengeweht.

Was ist das? Die Grenze. Das arme Bauernherz schlägt wie ein Hammer . . . Fahret nur zu! Gott! Gott! und da sind schon die bekannten Felder und Obstbäume, die grauen Bauernhütten und Kirchen! Dort geht ein Bauer in einer Lammfellmütze hinter dem Flug drein. Aus dem Waggon streckt er ihm die Hände entgegen, weit! weit! Er kann nicht reden. Man fährt weiter. Und was ist denn dort? Die Stadt Przyrembla, und hinter Przyrembla Lipinze. Er und Maryscha gehen den Weg entlang und weinen. Es ist Frühling. Das Getreide blüht, die Maikäfer summen in der Luft. In Przyrembla läutet man zum Angelus. Jesus! Jesus! Für ihre Sünden so viel Glück! Noch über dieses Berge, dort ist schon ein Kreuz, ein Wegweiser und die Grenze von Lipinze.

Der Bauer wirft sich zu Boden und schreit auf vor Glück, küßt die Erde, kriecht ans Kreuz heran und umfaßt es mit den Händen, er ist schon in Lipinze. Ja. so ist es. Er ist schon in Lipinze, denn nur sein toter Körper ruht auf dem ins Hochwasser verirrten Floß, während die Seele dahin schwebt, wo ihr Glück und Friede ist.

Arme Maryscha! Dein Schluchzen ist vergeblich. Väterchen wird nicht mehr zu Dir zurückkehren. Ihm ist in Lipinze zu wohl.

Die Nacht war angebrochen. Vor Müdigkeit entfiel Orliks Händen das improvisierte Ruder, und der Hunger setzte ihm zu. Maryscha, an der Leiche des Vaters kniend, sagte mit gebrochener Stimme Gebete her, und ringsum bis zum äußersten Rande des Horizontes sah man nur das Hochwasser.

Sie gerieten in das Bett eines größeren Flusses denn die Strömung trieb das Floß wiederum rasch dahin. Es war unmöglich zu lenken. Vielleicht aber waren es auch nur Wasserstrudel, die über den Vertiefungen wirbelten, denn sie wurden häufig im Kreis herumgedreht. Orlik fühlte, daß die Kräfte ihn verließen, da sprang er plötzlich auf und rief: »Bei den Wundmalen Christi! Dort ist ein Licht!«

Maryscha blickte nach der Richtung, in welcher er die Hand ausstreckte. In der Tat leuchtete in der Ferne eine kleine Flamme.

»Das ist ein Boot aus Clarcsville,« sagte Orlik hastig. »Die Yankees haben Hilfe geschickt, daß sie uns nur nicht verfehlen. Maryscha, ich werde Dich erretten! Hoffnung! Hoffnung!« Gleichzeitig ruderte er mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte.

Das Licht wuchs vor ihren Augen, und in seinem roten Schein zeichnete sich ein großes Boot ab. Es war noch sehr weit, aber sie kamen näher. Nach einer geraumen Zeit bemerkte Orlik, daß das Boot nicht vom Fleck komme. Sie schifften in einen großen Strom, aber das Ruder brach in Orliks Händen. Nun waren sie ohne Ruder. Die Strömung trug sie immer weiter dahin, das Licht wurde kleiner. Zum Glück stieß das Floß nach einer Viertelstunde an einen einsamen, in der Steppe stehenden Baum und blieb in seinen Zweigen stecken. Sie begannen beide um Hilfe zu rufen, aber das Tosen der Brandung übertönte ihre Stimmen.

»Ich werde schießen,« sagte Orlik, »sie werden das Aufleuchten erblicken und das Krachen des Schusses hören.«

Kaum gedacht, richtete er schon den Flintenlauf in die Höhe, aber statt eines Schusses vernahm man nur das dumpfe Schnappen des Hahnes auf der Gewehrpfanne. Das Pulver war naß geworden.

Orlik warf sich der Länge nach auf dem Floß hin. Es war keine Rettung. Eine Weile lag er wie leblos; schließlich stand er auf und sagte: »Maryscha . . . ein anderes Mädel hätte ich schon längst mit Gewalt genommen und in den Wald geschleppt. Ich dachte es auch mit Dir so zu machen, ich wagte es aber nicht, denn ich habe Dich lieb. Ich ging wie ein Wolf allein durch die Welt, die Menschen fürchteten mich, während ich vor Dir Furcht habe. Maryscha, Du mußt mir was angetan haben . . . Aber Du scheinst mich nicht heiraten zu sollen, der Tod ist besser! Ich werde Dich retten oder umkommen, und wenn ich umkomme, so betraure mich, mein Lieb, und sage für mich ein Gebet her. Was habe ich an Dir verschuldet? Ein Unrecht habe ich Dir nicht zugefügt. Ach Maryscha, Maryscha! Leb wohl, Du mein Lieb, meine Sonne!« Und ehe sie sich versah, was er vorhabe, sprang er ins Wasser und begann zu schwimmen. Eine Weile sah sie in der Dunkelheit seinen Kopf und die Arme, die das Wasser trotz der Strömung stromauf durchschnitten, denn er war ein tüchtiger Schwimmer. Bald aber verschwand er aus ihren Augen. Er schwamm zum Boot, um Rettung für sie zu holen. Die reißende Strömung behinderte seine Bewegungen, als zöge ihn etwas zurück, er riß sich aber los und hastete vorwärts. Wenn er dieser Strömung hätte ausweichen können, wenn er in eine andere geriet, hätte er bestimmt das Ziel erreicht. Aber er vermochte trotz der übermenschlichen Anstrengung nur langsam vom Fleck zu kommen. Dichte gelbliche Wassermassen spritzten ihm oft Schaum in die Augen und so streckte er den Kopf in die Höhe, sammelte Atem und strengte in der Dunkelheit den Blick an, um zu erspähen, wo das Boot sich befinde. Manchmal warf eine stärkere Welle ihn zurück, dann hob sie ihn wieder in die Höhe; er atmete immer schwerer, er fühlte, daß seine Knie erstarrten. Er glaubte nicht, daß er hinüberkommen würde; da flüsterte ihm aber etwas wie Maryschas liebe Stimme ins Ohr: »Rette mich!« und er begann wieder die Flut verzweiflungsvoll mit den Armen zu teilen. Seine Backen blähten sich auf, und die Augen traten ihm hervor.

Wenn er umkehrte, konnte er noch stromabwärts das Floß schwimmend erreichen, aber er dachte nicht einmal daran, denn das Boot, von derselben Strömung, gegen die er ankämpfte, getragen, kam ihm tatsächlich entgegen. Plötzlich fühlte er, daß die Füße ihm ganz erstarrten. Nach einigen verzweifelten Anstrengungen – das Boot kam immer näher – rief er: »Hilfe! Rettung!« Das letzte Wort erstickte das Wasser, das ihm in den Mund kam. Er tauchte unter, eine Welle glitt über seinen Kopf; aber er tauchte wieder auf – das Boot war ganz nahe – strengte zum letztenmal seine Stimme an und rief: »Hilfe, Hilfe!« Man hörte ihn, denn das Plätschern der Ruder wurde rascher. Aber Orlik sank wieder unter. Ein Wirbel erfaßte ihn . . . Noch eine Weile war er auf der Flut sichtbar, dann ragte nur eine, dann die andere Hand aus dem Wasser hervor und dann verschwand er ganz im Wasserschlund . . .

Maryscha, auf dem Floß allein mit dem Leichnam des Vaters zurückgeblieben, starrte wie irre ins ferne Licht.

Aber die Strömung trieb es ihr entgegen. Ein Boot mit mehreren Rudern, die sich beim Schein des Feuers wie die roten Füße eines großen Wurmes bewegten, zeichnete sich ab. Maryscha begann verzweiflungsvoll zu schreien.

»He, Smith,« ließ sich eine Stimme auf englisch vernehmen, »man möge mich henken, wenn ich nicht Hilferufe vernommen und wenn ich sie nicht wieder höre.« . . .

Bald darauf trugen kräftige Arme Maryscha in den Kahn. Orlik aber war nicht im Boot.

Zwei Monate später verließ Maryscha das Spital in Little Rock und für das von guten Menschen gesammelte Geld fuhr sie nach New York.

Aber dieses Geld reichte nicht aus. Einen Teil des Weges mußte sie zu Fuß zurücklegen, da sie aber schon ein wenig Englisch sprach, verstand sie die Eisenbahnschaffner zu bitten, sie streckenweise umsonst mitzunehmen. Viele Menschen hatten mit diesem armen, abgehärmten, hinfälligen, blauäugigen Mädchen, das einem Schatten ähnlicher war als einem Menschen, und das mit Tränen um Erbarmen bat, Mitleid.

Nicht die Menschen hatten ihr Unglück verschuldet, sondern das Leben und dessen Begleiterscheinungen. Was sollte in diesem amerikanischen Strudel und in diesem riesigen Verkehr dieses Feldblümlein aus Lipinze beginnen? Wie sollte Maryscha sich helfen?

Mit einer ausgemergelten, vor Schwäche zitternden Hand zerrte sie an der Glocke in Water Street in New York: Maryscha kam, um bei dem alten Herrn, der aus der Gegend von Posen stammte, Hilfe zu suchen.

Ein fremder, ihr unbekannter Mensch öffnete.

»Ist Mister Zlotopolski zu Haus?«

»Wer ist das?«

»Ein alter Herr.« Hier wies sie seine Karte vor.

»Er ist gestorben.«

»Gestorben? Und der Sohn? Herr William?«

»Verreist.«

»Und Fräulein Johanna?«

»Gleichfalls abgereist.«

Die Tür schloß sich vor ihr. Sie setzte sich auf die Schwelle und begann sich das Gesicht zu reiben. Sie war wiederum in New York, allein, hilf- und schutzlos, ohne Geld. Konnte sie hier bleiben? Nie und nimmer! Sie wird nach dem Hafen gehen, in die deutschen Docks, die Knie des Kapitäns umfassen und ihn bitten, daß er sie mitnehme und wenn er sich ihrer erbarmt, würde sie Deutschland bettelnd durchwandern und nach Lipinze heimkehren. Dort ist ihr Jaschko. Außer ihm hat sie niemand mehr in der weiten Welt. Wenn er sich ihrer nicht annimmt, wenn er sie vergessen, wenn er sie verstößt, so wird sie wenigstens in seiner Nähe sterben.

Sie ging nach dem Hafen und kniete zu den Füßen des deutschen Kapitäns nieder. Er möchte sie schon mitnehmen, denn wenn sie sich nur ein wenig erholen würde, wäre sie ein schönes Mädchen. Er möchte gern, aber die Gesetze gestatten es nicht, es wäre ein öffentliches Ärgernis. Sie möge ihn also in Ruh lassen . . .

Das Mädchen ging, um auf derselben Brücke zu schlafen, auf welcher sie und der Vater in jener denkwürdigen Nacht, als er sie ertränken wollte, schliefen. Sie nährte sich davon, was das Wasser ans Ufer spülte, so wie sie sich damals in New York mit dem Vater ernährt hatte.

Zum Glück war es Sommer – also warm.

Kaum daß der Tag graute, ging sie täglich nach den deutschen Docks, um Gnade zu erbetteln; jedoch immer vergebens. Aber sie besaß eine bäuerliche Ausdauer. Doch endlich verließen sie die Kräfte. Sie fühlte, daß wenn sie nicht bald fährt, sie sterben wird, so wie alle, mit denen das Schicksal sie zusammengeknüpft hatte, gestorben waren.

Eines Morgens schleppte sie sich nur mit Mühe und mit dem Gedanken her, dies sei wohl schon das letztemal, denn morgen werden die Kräfte nicht mehr reichen. Sie beschloß nicht zu bitten, sondern sich auf das erste beste nach Europa abgehende Fahrzeug zu schleichen und sich irgendwo an Bord zu verstecken. Wenn sie erst auf offener See sind und sie finden, wird man sie doch nicht ins Wasser werfen, und wenn sie es tun, ja, was ist weiter dabei? Wenn man sterben muß, ist es einerlei, wie man stirbt.

Aber bei der zum Schiff führenden Landungsbrücke wurde auf die Kommenden gut aufgepaßt und der Wächter stieß sie beim ersten Versuch zurück. Und so setzte sie sich auf einen Pfahl beim Wasser und dachte sich, das Fieber überfalle sie wohl. Sie begann auch zu lächeln und zu träumen.

»Jaschko, ich bin eine Gutsbesitzerstochter, habe Dir aber Treue bewahrt. Was, Du kennst mich nicht?«

Die Arme verfiel nicht in ein hitziges Fieber, aber in Wahnsinn. Von da an kam sie täglich nach dem Hafen, Jaschko zu erwarten. Die Leute gewöhnten sich an sie und gaben ihr manchmal ein Almosen. Sie dankte demütig und lächelte wie ein Kind. So lebte sie zwei Monate. Aber eines Tages kam sie nicht nach dem Hafen und man sah sie nicht mehr. Nur die Polizeizeitung meldete am folgenden Tage, daß man am äußersten Hafenende den Leichnam eines nach Name und Herkunft unbekannten Mädchens gefunden habe.

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