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Auf Abbruch ...

Max Nordau: Auf Abbruch ... - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorMax Nordau
booktitleMahâ Rôg und andere Novellen
titleAuf Abbruch ...
publisherVerlagsbuchhandlung Alfred Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
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An dem Hochzeitsschmaus nahmen nur die Siefferts teil, da alle Bekannten des Geheimrats die Einladung abgelehnt hatten. Trotz der geräuschvollen Lustigkeit des Vaters Sieffert, der seinem greisen Schwiegersohn zutrank und sogar ein Lied steigen ließ, herrschte bei Tische eine recht gedrückte Stimmung. Denn Lene saß still mit nassen Augen da, die Mutter war derart in die Betrachtung der bräutlich geschmückten, doch so trüb blickenden Tochter versunken, daß sie zu essen vergaß, und die zwölf bereits tischfähigen Geschwister waren von ihrem vornehmen alten Schwager stark eingeschüchtert und muckten nicht. Der Geheimrat machte der Mahlzeit so rasch, wie es sich schicklich tun ließ, ein Ende und entführte seine junge Gattin zur Bahn.

Er hatte seit vielen Jahren die Gewohnheit, wegen seines Rheumatismus alljährlich nach Teplitz zu gehen. Diesmal begab er sich etwas vor der Zeit nach dem Kurort und vereinigte praktisch die Hochzeits- mit der Badereise.

Statt der üblichen vier Wochen blieben sie über drei Monate weg. Gleich nach der Ankunft in Teplitz hatte Lene an die Mutter eine Postkarte geschrieben, dann nicht wieder. Nur vom Geheimrat kamen einige kurze Grüße und die Mitteilung, daß er nach beendetem Gebrauche der Heilquelle seiner jungen Frau auch sonst noch etwas von der Welt zeigen wolle. Aus der Schweiz traf einmal eine starke Sendung Baseler Leckerli und später aus Oberitalien eine Kiste Feigen ein.

Der Sommer ging zur Neige, als eines Abends die all die Zeit her dunkeln Fenster der Behrschen Wohnung sich mit einemmal erhellten. So erfuhren Siefferts, daß ihre Tochter wieder da war. Sie hatte mit keinem Worte ihre Heimkehr angezeigt. Vater Sieffert lief spornstreichs hinunter und wurde vom Geheimrat empfangen, der ihn kurz begrüßte und ihn ersuchte, das Wiedersehen mit der Tochter zu verschieben, weil sie der Ruhe bedürfe. Da auch sein Schwiegersohn keine Lust zeigte, sich auf eine längere Unterhaltung einzulassen, zog Sieffert sich betreten und kopfschüttelnd zurück und schickte unverweilt seine Frau hinab.

Ihre Mutter nahm Lene an. Frau Sieffert fand sie schlecht aussehend. Sie war blaß und ihr Gesicht schien schmäler geworden.

»Du bist doch nicht krank, Lene?« rief die Mutter und breitete die Arme nach ihr aus. Da warf sich die Tochter ihr an die Brust, brach in Schluchzen aus und stammelte abgerissen und kaum hörbar: »Es ist nicht wahr – daß ich barmherzige Schwester sein sollte – ach, Mutter – warum haben wir es getan!«..

Ende März war Kindtaufe beim Geheimrat. Dem greisen Vater war ein kleines Mädchen beschert worden. Er freute sich über die Maßen damit und erwies sich der Mutter dankbar, indem er ihr ein prachtvolles Brillantenarmband als Wiegenangebinde verehrte. Von den Gefühlen der Mutter erfuhr die Welt nichts. Sie war den ganzen Herbst und Winter nicht ausgegangen und hatte keinen Besuch empfangen, nicht einmal ihre Eltern und Geschwister sehen wollen, als hätte sie eine Schande vor aller Welt zu verbergen. Gleich nach den Wochen ging sie mit ihrem Kinde aufs Land und kam erst beim Herbstbeginn nach der Stadt zurück. Sie verkehrte mit keiner menschlichen Seele und ließ sich nirgendwo blicken. Sie verließ ihre Wohnung nur wie verstohlen und immer dicht verschleiert und stieg aus ihrem Wagen erst irgendwo weit draußen, an einer einsamen Stelle, um ihrer Gesundheit zuliebe Bewegung im Freien zu machen, sonst war sie immer zuhause bei ihrem Kinde, das übrigens nicht lang das einzige blieb.

Je weniger man die junge Frau Geheimrat sah, um so mehr fuhr die Stadt fort, sich mit ihr zu beschäftigen. Es gingen allerlei krause Sagen über sie um. Die verbreitetste erzählte, der alte Behr sei eifersüchtig wie ein Tiger, er halte sie in engem Gewahrsam, weiche nicht von ihrer Seite und lasse nicht einmal ihre Eltern zu ihr, weil er auch ihnen nicht traue und ihr begünstigendes Einverständnis zu irgend einer Weiberlist fürchte. Die Wirkung solchen Klatsches war, daß ein Luftkreis von Verachtung und Feindseligkeit den Geheimrat umgab. Mit seiner Familie blieb er völlig zerfallen, aber auch seine ältesten Freunde und Bekannten zogen sich von ihm zurück und er wurde nach Ablauf seiner Amtsfristen weder zum Kirchenältesten noch zum Stadtverordneten wiedergewählt.

Das schien ihn jedoch nicht anzufechten. Er sah wohl und zufrieden aus und zeigte die rosige Gesichtsfarbe gesunder alter Leute, die von sorgsamster Pflege umgeben sind. Er fand offenbar einen Jungbrunnen in seinem häuslichen Glück, das sich immer reicher entfaltete. Denn es ging fast kein Jahr ins Land, ohne daß sein Heim mit einem Zuwachs gesegnet wurde. Der Name des alten Behr wurde sprichwörtlich. Auf der Straße wies man mit den Fingern auf ihn als auf eine der Merkwürdigkeiten der Stadt. Er aber war stolz auf seine späte Vaterschaft und da er seine Frau nicht bestimmen konnte, sich öffentlich mit ihm zu zeigen, führte er allein, von Amme und Kindermädchen begleitet, seine Kinderschar spazieren, die größeren an der Hand, die kleinen im Wägelchen, das kleinste in den Armen der Amme, und ergötzte sich an dem Aufsehen, das der Zug immer erregte.

Frau Sieffert kränkte es bitter, daß ihre Tochter auch mit ihr nicht verkehren wollte, und am wenigsten zu den Zeiten, wo das Weib sonst das natürliche Verlangen fühlt, sich von einer mütterlichen Hand liebkosen zu lassen. Vater Sieffert rächte sich an Lene für ihre Kälte und Fremdheit, indem er sie verklatschte. »Sie ist stolz geworden. Sie ist eine große Dame. Ihre Eltern sind ihr nicht mehr gut genug. Meinetwegen. Fehlen wir ihr nicht, so fehlt sie uns nicht. Wer hat sie zu dem gemacht, was sie ist? Das vergißt sie. Nun, Undank ist der Welt Lohn. Mir kann es recht sein. Ich habe nie jemand gebraucht.«

Er ließ es sich aber mit Vergnügen gefallen, daß sein Schwiegersohn für alle seine Kinder in dem Maße, wie sie heranwuchsen, sorgte, die Mädchen aussteuerte, die Jungen ausbilden ließ und ihnen zu Stellungen verhalf, ihn selbst ohne Unterlaß mit Geldgeschenken und Gaben für die Speisekammer bedachte. Seinen Hochzeitsrock hatte er zwanzig Jahre lang getragen, ohne daß er ihm zu eng geworden war. Jetzt mußte er seine Kleider alle zwei Jahre erweitern, und manchmal dauerte es nicht einmal so lang.

Das grüne Alter des Geheimrats wollte kein Ende nehmen. Der Tod schien ihn vergessen zu haben. Elf Jahre waren ins Land gegangen, seit er Lene heimgeführt, und in dieser Zeit war sie sechsmal Mutter geworden. Fünf lebende Kinder umwimmelten sie, eins hatte sie verloren. Was ihr Leben in diesen elf Jahren gewesen war, das wußte niemand außer ihrem Kindermädchen und ihrem Arzt, der ein beinahe täglicher Besucher ihres Hauses war. Denn Krankheit war ein ständiger Gast in den beiden Kinderstuben, die Kleinen waren ausnahmslos kümmerliche, quienige Geschöpfe, bleich, blutarm, rhachitisch, skrophulös, wie mit einem ungenügenden Maße Lebenskraft für die Erdenreise ausgerüstet, und die Krankenpflegerin, die sie ihrem rüstigen Alten nicht zu sein brauchte, mußte sie hundertfältig seinen Kindern sein. Sie klagte nicht, sie schmollte nicht einmal, aber nie hatte sie jemand seit ihrem Hochzeitstage lächeln sehen, ihre einst so lustigen blauen Augen waren glanzlos, ihre blühenden Mädchenwangen weggeschmolzen, sie sah blaß und dünn, vergrämt und welk aus und erweckte die Vorstellung, als sei ihre herrliche Jugend in die geschrumpften Adern ihres Mannes hinübergeflossen und als habe sie selbst sich bei diesem heroischen Opfer ihrer Lebenssäfte verblutet.

Sah der alte Behr nicht, wie sie dahinschwand? Wollte er es in seiner grausamen Selbstsucht nicht sehen? Man hat es nie erfahren. Er war gegen sie von einer Zärtlichkeit, die rührend gewesen wäre, wenn sie nicht einen Beigeschmack von ruchlosem Kannibalismus gehabt hätte. Er erreichte damit jedenfalls, daß seine Frau, die auch jetzt noch die gutmütige Lene nicht verleugnete, ihm nichts nachtrug. Nur ihren Eltern und sich selbst war sie böse, nicht dem lüsternen Greise, der sie auf Händen trug und sich ihr gegenüber in schmeichelnder Unterwürfigkeit nicht genug tun konnte.

Wie bei ihrem ersten, so hatte er ihr bei jedem folgenden Kinde ein kostbares Geschmeide geschenkt, sie aber legte die Juwelen niemals an, sondern schloß sie in die hinterste Ecke ihres Schrankes weg, um sie nicht vor Augen zu sehen. Denn der reiche Schmuck erinnerte sie hart strafend daran, daß sie sich für Geld verschachert hatte, mit dem sündigen Hintergedanken noch dazu, das Schicksal zu übervorteilen und ein unredlich gutes Geschäft zu machen. Dagegen ließ sie es sich ohne Selbstvorwürfe gefallen, daß ihr Mann tief in die Tasche griff, wenn eine ihrer Schwestern sich verheiratete.

Vier waren im Laufe der elf Jahre mit seiner ausgiebigen Unterstützung unter die Haube gebracht worden. Jetzt hatte sich für die fünfte ein annehmbarer Freier gefunden und Vater Sieffert, der niemand brauchte, wandte sich wie gewöhnlich an den Geheimrat wegen der Ausstattung und Mitgift. Er nahm seinen Schwiegersohn mit Selbstverständlichkeit, kraft eines Gewohnheitsrechts, in Anspruch. Er war deshalb ebenso erstaunt wie entrüstet, als der alte Behr diesmal seine Bitte rund abschlug. »Kommst du mir so, du alter Filz!« knurrte er vor sich hin, als er in seine Wohnung hinaufstieg, und schickte unverweilt die Braut zu Frau Behr, damit sie den knickerigen Greis bei ihrer Schwester verklage.

Das Mädchen weinte der Schwester vor, daß ihr Bräutigam sie sitzen lassen würde, wenn er sich in seinen natürlichen Erwartungen getäuscht sehe, und daß sie nicht begreife, weshalb sie so viel schlechter behandelt werden solle als ihre Schwestern vor ihr.

Frau Behr beruhigte das junge Ding mit dem Versprechen, sich bei ihrem Manne für sie zu verwenden. Als die Schwester gegangen war, fiel ihr ein, daß der Geheimrat ihr vier Monate vorher bei der Geburt ihres sechsten Kindes zum erstenmal gegen seinen unwandelbaren Brauch nichts geschenkt hatte. Sie hatte es wohl bemerkt, war aber ganz zufrieden gewesen, denn es schien ihr zu beweisen, daß er endlich, wenn auch sehr spät, eingesehen hatte, wie wenig sich der Anlaß zu aufdringlichen Freudenbezeigungen eignete. Jetzt fragte sie sich, ob sie die Enthaltung nicht anders deuten müsse?

Sie hatte von ihrem Manne noch nie etwas verlangt. Alles war von seiner freien Entschließung ausgegangen. Zum erstenmal trat sie jetzt mit einem Anliegen an ihn heran, und sie tat es gleich mit Gereiztheit. Unbewußt und unwillkürlich ließ sie in ihre Worte etwas von der Bitterkeit sickern, die sie alle die Jahre her in ihrem Gemüt aufgedämmt hatte.

Als sie in sein Arbeitszimmer trat, fand sie ihn, den Kopf in beide Hände versenkt, an seinem Schreibtisch sitzen, als ob er schliefe. Bei ihrer unerwarteten Ansprache schrak er empor und blickte sie mit wirren Augen an.

»Du hast meinem Vater erklärt, daß du für meine Schwester nichts tun willst?«

Er schwieg und wich ihrem Blick aus.

»Es ist dir wohl etwas über die Leber gekrochen?«

Er blieb noch immer still.

»Es ist der Mühe wert, die Frau eines reichen Mannes zu sein, wenn man seinen Angehörigen nicht einmal bescheiden beistehen kann.«

»Erlaube –« stotterte der Geheimrat; »ich habe doch wahrhaftig für die Deinigen genug getan –«

»So? Was meinst du wohl, wenn ich eine Frau wäre wie andere, hätte ich nicht für Putz und Lustbarkeiten und Badereisen mehr Geld ausgeben können, als die Meinigen je von dir bekommen haben? Ich koste dich blutwenig. Ich bin dir eine billige Wärterin, Haushälterin und Kinderfrau. Meinen Lohn wenigstens will ich für meine Familie haben. Den kann ich dir nicht schenken.«

So hatte der alte Behr Lene nie gesehen. Er griff nach ihren Händen und bat: »Schatz, sei nicht so – du weißt nicht –«

Sie entriß ihm ihre Hände. »Ich weiß, daß du ein hartherziger Geizkragen bist. Nun ja. Ich bin nicht die kleinste Rücksicht mehr wert. Ich bin nicht mehr das frische junge Mädchen, von dem man verlangt hat, daß es sich aufopfert. Jetzt bin ich welk und häßlich. Was braucht man sich da noch aus mir zu machen?«

Er erhob sich mühsam und sagte leise und demütig: »Lene, Lene, schilt mich nicht aus. Es ist nicht recht von dir. Du weißt, daß du mein Augapfel bist. Ich will ja alles tun, was du willst; alles, was ich kann. Es ist nur so – so–«

Er konnte nicht weiter. Er sank in seinen Stuhl zurück und brach in Tränen aus.

Lene dachte, der Alte sei vollkommen kindisch geworden, und es tat ihr leid, daß sie ihn hart angelassen hatte. Ihren Willen hatte sie ja nun und so begütigte sie ihn mit einigen Worten und ließ ihn allein.

Er war beim Abendessen wie abwesend. Er rührte keinen Bissen an und stieß häufig tiefe Seufzer aus. Sie war noch immer verstimmt und sagte nichts, und da auch er schwieg, verlief die Mahlzeit in unheimlicher Stille. In der Nacht merkte sie, daß er sich schlaflos auf seinem Lager wälzte. Er weckte sie einigemale durch seine Anstrengungen, sich im Bette aufzusetzen. Sie fragte ihn, ob ihm etwas fehle, er erwiderte aber nur: »Nichts, mein Kind, nichts.«

Am Nächsten Vormittag ließ er viel früher als gewöhnlich anspannen. Ehe er ging, küßte er Lene auf die Stirn und sagte: »Für deine Schwester soll gesorgt werden.«

Er war etwa eine Stunde weg, da trat der Diener, der ihn auf den Fahrten immer begleitete, hastig bei ihr ein und meldete tief verstört: »Frau Geheimrat wollen verzeihen – der Herr Geheimrat sind plötzlich erkrankt –«

»Wo ist er? Was ist es?« rief sie erschrocken.

»Es ist beim Herrn Direktor geschehen – beim Herrn Sohn –«

»Was!« stieß sie hervor, »bei seinem Sohn? Ist mein Mann bei seinem Sohn gewesen?«

»Jawohl, Frau Geheimrat. Und da hat er einen Anfall bekommen –«

Sie machte Miene, zur Tür zu eilen. »Ist er im Wagen unten?«

»Nein. Der Herr Doktor erlaubt nicht, daß man den Herrn Geheimrat transportiert. Er ist beim Herrn Direktor geblieben.«

»Ich komme,« murmelte sie. Im Nu hatte sie einen Hut aufgesetzt und einen Mantel umgenommen und saß im Wagen, der sie in rasselnder Eile zur Behrschen Dampfmühle führte. Was bedeutete das? Was ging vor? Dem Geheimrat hatte sich seit elf Jahren ihres Wissens keins seiner Kinder oder Enkel genähert. Sie waren einander urfremd geworden. Und nun besuchte er mit einemmal seinen ältesten Sohn? Ohne ihr ein Wort zu sagen?

An der Einfahrt der Dampfmühle führte eine Treppe zu den Kontorräumen hinauf. Als der Wagen hielt, trat der Herausspringenden der Direktor Behr mit finsterer, verlegener Miene entgegen und verneigte sich leicht.

»Er lebt doch?«

»Er lebt.«

»Wo ist er?«

»Darf ich bitten.«

Er geleitete sie wortlos die Treppe hinauf durch ein Vorzimmer und einen Arbeitssaal mit Schreibern, die in sichtlicher Aufregung waren, an eine Tür, die er vor ihr öffnete. Er ließ sie allein eintreten und blieb selbst draußen.

Auf einem Sofa sah sie ihren Mann liegen. Ein Professor und sein Assistent saßen zu seinen Häupten. Sie wollte zu ihm eilen. Der energisch warnende Finger des Arztes bannte sie fest. Er kam ihr entgegen und flüsterte ihr zu: »Um Gotteswillen, nur ruhig. Jede Aufregung kann lebensgefährlich werden.«

»Aber was ist es?«

»Ihr Herr Gemahl hat einen leichten Schlaganfall erlitten.«

»Einen leichten –«

»Nun ja, er war nicht tötlich. Aber in seinem Alter – Sie begreifen –«

»Kann ich ihn sehen?«

Der Professor wandte den Kopf nach dem Kranken. Dieser war wieder bei Bewußtsein, er hatte die Eintretende erkannt, seine Augen starrten nach ihr hin, er stieß Röchellaute aus und schien sich aufrichten zu wollen.

»Ja, gehen Sie zu ihm,« sagte der Professor.

Frau Behr trat an das Sofa und beugte sich bewegt über den Kranken. Er versuchte zu sprechen, brachte aber nur unartikulierte Laute hervor. Er streckte ihr die Linke entgegen und brach in stille Tränen aus. Sein Mund war nach links gezogen, seine rechte Seite gelähmt. Sie sprach ihm Trost zu, er verstand sie offenbar und klammerte sich mit der Linken an ihre Hand fest, die er nicht fahren ließ.

»Was soll nun geschehen?« fragte sie den Professor. »Wir können ihn doch nicht hier lassen.«

»Nur noch einige Stunden, Frau Geheimrat. Wenn keine neue Gehirnblutung eintritt, so können wir ihn gegen Abend mit größter Vorsicht auf einer Tragbahre nachhause schaffen lassen.«

Sie richtete sich auf. Der Kranke hielt sie ängstlich fest und stöhnte und winselte in abgebrochenen, fast bellenden Tönen. Sein Benehmen drückte aus, was er nicht in Worten sagen konnte: »Geh nicht weg! Laß mich nicht allein!«

Sie verstand ihn. »Sei ruhig, Karl, ich bleibe bei dir.«

Am Abend durfte sie ihn in die Wohnung schaffen lassen. Als sie mit den Trägern die Dampfmühle verließ, erschien Direktor Behr am Tor und begrüßte sie schweigend. Tagsüber hatte er sich nicht wieder sehen lassen.

Nach einigen angstvollen Tagen besserte sich der Zustand des Kranken. Die Sprache kam allmählich wieder, die Lähmung dagegen ging nur wenig zurück. In der zweiten Woche nach dem Schlaganfall konnte er endlich beichten. Und da erfuhr die niedergeschmetterte Frau, daß der Geheimrat in einer schweren Finanzkrise, die kurz vorher über das Land hereingebrochen war, alles verloren hatte. Denn angesichts seiner neuen zahlreichen Familie hatte er geglaubt, sein Vermögen durch Spekulationen vermehren zu müssen, und das war ihm zum Verderben geworden. Er hatte das Schreckliche vor seiner Frau verborgen, so lange es möglich war. Erst als sie von ihm ein Opfer verlangte, das er nicht mehr bringen konnte, entschloß er sich zum Äußersten. Er ging zu seinem Sohne, enthüllte ihm seine Lage und flehte ihn um Beistand an. Der aber wies ihm unmenschlich die Tür. »Es ist mein Tod,« jammerte der unglückliche Vater. »So verrecke,« antwortete der entartete Sohn. Da waren dem Alten die Sinne geschwunden...

Wenn sie nicht gleich ermaß, was das Bekenntnis des Geheimrats bedeutete, so kamen alsbald Tatsachen ihrem Verständnis zu Hilfe. Das übermäßig mit Schulden belastete Haus wurde versteigert. Sie mußte ihren ersten Stock verlassen, da keine Rede davon war, daß sie die Miete einer hochherrschaftlichen Wohnung bezahlen konnte. Auch Siefferts mußten hinaus, denn mit der Unentgeltlichkeit ihrer Behausung war es vorbei. Vater Sieffert kam aus dem Zorn nicht heraus. Er wollte sich mit Ratschlägen an seine Tochter herandrängen. Sie wies ihn jedoch schroff ab. Nur der jammernden Mutter sagte sie trockenen Auges und harten Tones, sie hätten alle, was sie verdienten; sie hätten die Vorsehung überlisten wollen, aber die Vorsehung hätte es ihnen heimgezahlt und die Betrogenen blieben nun sie. Sie sagte es nicht ganz mit diesen Worten, denn sie war nicht gebildet und hatte nach der Volksschule nur Kolportageromane gelesen, aber das war doch der Gedanke. Sie hatten gerechnet, sie würde eine kinderlose reiche Witwe werden, sie war nun eine Ruine, ebenso bettelarm, fast ebenso kinderreich, wie einst ihre Eltern, nein, noch viel ärmer als sie, weil ohne eine Stunde der Liebe, der Zufriedenheit, des Glücks.

* * *

Vater Sieffert wollte seine Tochter in den bitteren Tagen der Verwirrung und Ratlosigkeit überreden, den gelähmten Alten samt den fünf Kindern dem Direktor und seinen reichen Geschwistern auf den Hals zu schicken und für sich selbst von ihnen, nötigenfalls auf dem Klagewege, standesgemäßen Unterhalt zu erzwingen. Sie verbat sich solche Reden und sagte ihrem Vater rund heraus, daß ihr seine Gegenwart in ihrer derzeitigen Verfassung unangenehm sei.

Sie holte die Geschmeide hervor, die der Geheimrat ihr bei der Geburt ihrer Kinder geschenkt hatte, und machte sie zu Geld. Sie mietete eine bescheidene Wohnung in der Vorstadt und richtete sie einfach ein, so daß sie sich beinahe in ihre Kinderzeit zurückversetzt glaubte. Dann wartete sie. Direktor Behr und die übrigen Kinder, alle Millionäre, wußten gleich der ganzen Stadt, wie es um den Vater, die Stiefmutter und die Stiefgeschwister stand. Sie ließen jedoch nichts von sich hören. Da raffte Lene Behr alle Kraft zusammen, die ihr das Unglück gelassen hatte, und nahm als das tapfere Weib aus dem Volke, das sie im Grunde immer noch war, den Kampf mit dem Schicksal auf. Sie erinnerte sich, daß sie ein Nähmädchen gewesen war, und kehrte zu ihrem Berufe zurück. Sie öffnete eine Werkstatt, stellte Arbeiterinnen ein und suchte Kunden. Gute Menschen nahmen Anteil an ihr und gaben Aufträge. Sie mußte sich hart rackern, von früh bis spät, aber sie fand ihr bescheidenes Auskommen. Dem gelähmten alten Mann machte sie keinen Vorwurf und zeigte nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. Er saß in seinem Rollstuhl an schönen Tagen vor der Tür, bei schlechtem Wetter in der Stube mit den Kindern, von denen die ältesten ihn beaufsichtigen, schieben und ein wenig zerstreuen mußten. So viel ihre Zeit es erlaubte, pflegte Frau Behr ihn wie ihre kränklichen und schwächlichen Kinder und es störte sie nicht merklich, daß sie einen Mund mehr zugleich mit den übrigen Mündern zu füllen hatte.

Ihre Handlungsweise machte auf die öffentliche Meinung starken Eindruck. Um ihrer schlichten Treue willen verzieh man dem alten Behr seine frühere Ungehörigkeit und erinnerte sich wieder, daß er einen großen Platz im Stadt- und Gemeindeleben eingenommen hatte. Der Vorsitzende des Konsistoriums ließ ihr diskret Unterstützung anbieten. Sie lehnte stolz ab. Behrs Kinder aus erster Ehe wurden allmählich gewahr, daß man ihre Lieblosigkeit allgemein hart verurteilte, und auch sie schickten eines Tages ihren Rechtsanwalt zu Frau Behr und erklärten sich durch seinen Mund bereit, ihr ein bescheidenes Monatgeld zu bewilligen. »Zu spät,« sagte sie, denn es geschah erst im dritten Jahre nach dem Schlaganfall; »sagen Sie dem Direktor Behr, sein Vater kann auch ohne sein Monatgeld verrecken.« Und als der Rechtsanwalt sie verblüfft ansah, fügte sie hinzu: »Sie verstehen mich nicht. Der Direktor Behr wird mich schon verstehen.«

Der alte Behr sprach lallend und verwechselte die Worte, er blieb auf einer Seite gelähmt und versank allmählich in Blödsinn, aber er lebte, lebte erstaunlich, unheimlich weiter. Zwölf Jahre lang verschonte der Tod noch den sagenhaften Greis, und erst als er volle vierundneunzig Jahre alt geworden war, erlosch endlich sein ewig scheinendes Lebenslämpchen.

Sein Begräbnis war ein Ereignis. Die ganze evangelische Gemeinde und viele andere Mitbürger folgten dem Leichenwagen. Am Grabe hielt der Superintendent selbst die Trauerrede. Umgeben von fünf Kindern, zwischen zweiundzwanzig und zwölf Jahren, darunter einem verwachsenen Mädchen und zwei zwergwüchsigen Knaben, stand die einundvierzigjährige verhärmte Witwe, die wie eine Sechzigerin aussah, neben dem Sarge und schluchzte herzbrechend. Und je wärmer der Superintendent ihre selbstlose Hingabe rühmte, und je beredter er sie als Muster einer christlichen Gattin von lauterster Tugend und Pflichttreue pries, um so reichlicher strömten ihre Tränenbäche und um so heftiger rang sie die Hände. Die Stiefkinder und Enkel auf der andern Seite des offenen Grabes waren im geheimen wütend über das, was sie für Komödie hielten. Auch die Fremden fanden solche Verzweiflung übertrieben und beinahe anstößig. »Es ist nicht wahr, daß man so um einen bald Hundertjährigen trauert, den man als Siebziger geheiratet hat,« flüsterte eine Frau lieblos ihrer Nachbarin zu.

Lene Behr trauerte auch nicht um den Toten im Sarge. Sie weinte trostlos über sich, über ihre Jugend, über ihr Leben, um das man sie betrogen hatte.

* * *

In meiner Erinnerung stieg das Bild der schwarzgekleideten vorzeitig gealterten Frau mit den Spuren einstiger Schönheit auf, ich hörte ihr verzweifeltes Schluchzen, das ich so genau verständlich fühlte wieder das tiefe Mitleid, das meine siebzehnjährige schwärmerische Seele bei dem denkwürdigen Leichenbegängnisse mit der Unglücklichen gefühlt hatte, während vom Balkon über der engen Gaditaner Straße die Klage zu mir herübertönte:

»Me casé con un viejo,
Por su moneda,
La moneda se acaba,
Y el viejo queda...«

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