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Gerhart Hauptmann: Atlantis - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleAtlantis
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150921
projectidceb3ed92
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Für zwölf Uhr waren die Künstler von Ingigerd Hahlström zur Probe geladen. Man versammelte sich in Miß Evas Atelier mit einer gewissen Feierlichkeit. Außer Ritter und Lobkowitz waren Willy Snyders und der zigeunerhafte Franck gekommen, der ein großes Skizzenbuch unterm Arme trug. Da der Himmel hell und die Straßen trocken waren, beschloß die kleine Gesellschaft, der sich natürlich Eva Burns angeschlossen hatte, bis ins Theater der Fifth Avenue zu Fuß zu gehn. Ritter erzählte Friedrich unterwegs, daß er sich auf Long Island ein kleines Landhaus baue, aber dieser wußte bereits mehr davon. Es war, wie Willy Snyders Friedrich verraten hatte, ein ziemlich anspruchsvoller Bau, den der junge Meister nach eigenen Plänen errichten ließ. Ritter sprach davon, wie doch die dorische Säule die natürlichste und deshalb edelste aller Säulenformen sei und in jede Umgebung von Grund aus hineinpasse. Darum hatte er sie auch bei seiner Villa vielfach verwandt. Für die Innenräume waren ihm pompejanische Eindrücke teilweise maßgebend. Er hatte in seinem Hause ein Atrium. Er sprach von einer Brunnenfigur, einem Wasserspeier, den er über dem quadratischen Wasserbecken anbringen wollte. Er meinte, die Künstler seien in dieser Beziehung heute erfindungslos. Hier wären die tollsten und lustigsten Möglichkeiten. Er nannte das »Gänsemännchen«, das »Manneken Pis« und den Nürnberger »Tugendbrunnen« als naive deutsche Beispiele; aus der Antike den Satyr mit dem Schlauch zu Herkulanum und anderes mehr. »Das Wasser«, sagte er, »das als bewegtes Element mit dem unbeweglichen Kunstwerk verbunden sei, könne rinnen, triefen, stürzen, sprudeln, spritzen, aufwärtsquellen oder prächtig steigen, es könne glockig zischen oder staubig umhertreiben. Aus dem Schlauche des Satyrs zu Herkulanum muß es gegluckst haben.«

Während Friedrich neben dem schlanken und elegant gekleideten Bonifazius Ritter ging und in der kalten und sonnigen Luft griechische Phantasien mit ihm durchlebte, pochte sein Herz mit großer Gewalt. Es war ihm, wenn es ihm zum Bewußtsein kam, daß er, nach allem was dazwischenlag, Ingigerd Hahlström wiederum ihren Tanz tanzen sehen sollte, als könne er diesem Eindruck nun nicht mehr gewachsen sein.

Das Theater an der Fifth Avenue war finster und leer, als Ritter und sein Gefolge eintraten. Irgendein junger Mann hatte die Herren ins Parkett geführt. Sie konnten sich hier nur vorwärtstasten. Allmählich trat, nachdem sich ihre Augen gewöhnt hatten, die nächtliche Grotte des Theaterraumes mit seinen Sitzreihen, seinen Rängen und seinem bemalten Plafond hervor. Die Finsternis, die nach Staub und Moder roch, legte sich Friedrich auf die Brust. Das ganze geräumige Gruftgewölbe hatte Vertiefungen, die wie Höhlungen für Särge wirkten und zum Teil mit bleichen Laken verhängt waren. Die Bühne war, bei aufgezogenem Vorhang, durch abgeblendete Glühlampen schwach erhellt, in einem Umkreis, der größer wurde, je mehr sich das Auge mit dem schwach verstreuten Licht zu begnügen verstand.

Die Herren, von denen noch keiner einen unbeleuchteten, leeren Theaterraum gesehen hatte, fanden sich auf irgendeine Weise beengt und beklemmt, so daß sie, ohne besonderen Grund, ihr Gespräch zum Flüstern herabdämpften. Es war kein Wunder, daß Friedrichs Herz immer ungebärdiger gegen die Rippen schlug. Aber auch der nicht leicht betretene, immer zum Sarkasmus neigende Willy Snyders rückte die Brille, riß, wie man sagt, Mund und Nase auf, so daß sein schwarzer japanischer Kopf mit diesem Ausdruck der Selbstvergessenheit, als ihn Friedrich streifte, einen herausfordernd komischen Eindruck machte.

Als nach einer Anzahl spannungsvoller Minuten sich nichts veränderte, wollten die Künstler eben damit beginnen, ihre Seelen durch Fragen zu entlasten, als plötzlich die Ruhe durch ein Getrampel unterbrochen und der Bühnenraum vom Lärm einer lauten, etwas gepreßten, keineswegs melodischen Männerstimme erschüttert wurde. Schließlich erkannte man den Impresario Lilienfeld, im Paletot, den hohen Hut in den Nacken geschoben, heftig scheltend und mit einem spanischen Rohre fuchtelnd. Diese Entdeckung löste bei den Künstlern einen unwiderstehlichen, nur mit Mühe in den gebotenen Grenzen zu haltenden Lachkrampf aus.

Lilienfeld brüllte. Er rief nach dem Hausmeister. Irgendein Reinmacheweib, das ihm auf der sonst verödeten Bühne in den Wurf gekommen war, wurde von ihm auf geradezu schreckliche Weise niedergedonnert. Wo war der Teppich? Wo war die Musik? Wo war der Lümmel von einem Beleuchter, den man ausdrücklich auf zwölf Uhr bestellt hatte. Das Fräulein, hieß es, stehe hinten im Gang und könne nicht in die Garderobe hinein. Eine Stimme aus dem Parkett, die des jungen Mannes, der die Künstler hereingeleitet hatte, suchte sich mehrmals durch ein schüchternes »Herr Direktor, Herr Direktor.« bemerklich zu machen. Endlich hatte Lilienfeld, mit der Hand am Ohr an die Rampe tretend, den Laut dieser Stimme aufgefaßt. Sofort ergoß sich über den jungen Mann das einen Augenblick gestaute, jetzt verdoppelte Donnerwetter. Der Beleuchter kam und wurde nun ebenfalls angeranzt. Drei Leute mit Tamtam, Becken und Flöte wurden von einem Herrn im Zylinder hereingeschoben. »Wo ist die Blume? Die Blume! Die Blume!« schrie Lilienfeld jetzt in das Gruftgewölbe hinein, wo ihm ein zages »Ja, ich weiß nicht« von irgendwoher antwortete. Nun verschwand er, immer »Wo ist die Blume? wo ist die Blume?« rufend. »Wo ist die Blume? die Blume! die Blume!« drang es in endlosen Echos bald näher, bald ferner, bald von oben, bald von der Seite, bald von der Bühne, bald aus der letzten Parkettreihe den Künstlern ans Ohr. Ein Umstand, der ihre Heiterkeit noch mehr anregte.

Es wurde nun eine sonderbare, große, rote Papierblume bei etwas verstärktem Licht auf die Bühne gebracht. Lilienfeld, der befriedigter wiederkam, war im Gespräch mit den Musikanten begriffen. Er erkundigte sich, ob sie den verlangten Tanz studiert hätten, und schärfte ihnen den Rhythmus ein. Er wünschte alsdann zu hören, was sie zu leisten vermöchten, erhob seinen Rohrstock wie einen Taktstock und sagte befehlend: »Well, begin!«

So begannen denn nun die Musikanten auch in der Neuen Welt jenen aufreizenden Rhythmus, jene teils dumpfe, teils kreischende Barbarenmusik, die Friedrich schon in der Alten Welt verfolgt hatte. Er dankte dem Himmel dafür, daß die Dunkelheit seine Erregung verbergen half. Bis hierher war er durch immer dieselben Klänge gelockt, verleitet oder geleitet worden. Welche Absicht hatte dieser sonderbare Ariel nun mit ihm, und in wessen Auftrag handelte er, als er sein Opfer nicht nur mit inneren Stürmen aufregte, sondern es in einem wirklichen, furchtbaren Sturm auf hoher See beinahe zugrunde gehen ließ? Warum hatte er ihm die Stacheln dieser Musik ins Fleisch, ihre unzerreißlichen Schlingen um Nacken und Glieder geworfen, und wie kam es, daß sie durchaus ungeschwächt mit ihrer eigensinnigen Teufelei hier wieder einsetzte?

Er schlug nicht um sich, er rannte nicht fort und war doch nahe daran, beides zu tun. Es war ihm, als wäre sein Kopf dick in dicke Segelleinwand eingewickelt und als müßte er endlich die aufgezwungene Blindheit loswerden und seinem bizarren und grotesken Gegner – Ariel oder Kaliban – ins Augen sehn.

Es ist unzweifelhaft, dachte Friedrich, während die Musik ihn quälte und aufreizte, daß die Menschen immer wieder den Wahnsinn suchen und dem Wahnsinn ergeben sind. Und war nicht Wahnwitz bei denen der Anführer, die zuerst das Unmögliche möglich machten und über die Ozeane gingen, obgleich sie nicht Fisch noch Vogel waren. Es gibt in Skagen in Dänemark im Speisesaal eines kleinen Gasthofes eine Sehenswürdigkeit. Dort sind die bemalten Galionsfiguren untergegangener Schiffe, mit deren Trümmern sie gelegentlich an Land kamen, aufgestellt. Alle diese hölzernen Leute, Herren und Damen, mit den bemalten Gesichtern und Kleidern, hat unverkennbar die Hand des Wahnsinns berührt. Sie blicken alle nach oben und in die Weite, irgendwohin, wo sie etwas hinter allem zu sehen scheinen, und schnobern mit ihren Nasen nach Gold oder nach den Gerüchen fremder Gewürze in die Luft. Alle haben sie irgendwie ein Geheimnis entdeckt und den Fuß von der heimischen Erde in die Luft gesetzt, um dort Illusionen und Phantasmagorien und der Entdeckung neuer Geheimnisse im Pfadlosen nachzugehen. Von solchen ist das Dorado entdeckt worden. Solche führten Millionen und Millionen von Menschen in den Untergang.

Und Ingigerd Hahlström wurde Friedrich jetzt wirklich zur verführerischen und ekstatischen Galionsfigur, während er sie kurz vorher zur bemalten Madonna aus Holz gemacht hatte. Er sah sie jetzt über dem Wasser an der Spitze eines gespenstischen Segelschiffs, schwanenhaft vorgebauscht, mit offenem Mund und weitaufgerissenen Augen, während ihr gelbes Haar zu beiden Seiten der Schläfen lotrecht herniederfloß.

Da verstummte der Lärm der Musik, und Ingigerd war auf die Bühne getreten.

Sie hatte einen blauen, langen Theatermantel umgenommen, unter dem sie bereits im Kostüm ihrer Rolle war. Sie sagte sehr trocken: »Lieber Direktor, ich glaube, daß es ein bißchen dumm ist, meine Nummer ›Mara oder das Opfer der Spinne‹ in ›Oberons Rache‹ umzuändern.« – »Meine Liebe«, sagte Lilienfeld ärgerlich, »überlassen Sie das um Gottes willen mir, ich kenne das hiesige Publikum. Fangen wir an, meine Liebe! es eilt«, schloß der Mann, und indem er laut in die Hände klatschte, rief er den Musikanten zu: »Forwards! Forwards! Ohne Umstände!«

Wieder begann die Musik, und gleich darauf tanzte Mara herein. Sie glich einer nackten Elfe, die sich schwebend umherbewegte. Wie sie in weiten Kreisen um die noch ungesehene Blume flog, schien sie dann wieder in ihrem golddurchwirkten, durchsichtigen Schleier ein fabelhafter, exotischer Schmetterling. Willy Snyders nannte sie eine Wasserjungfer, Ritter eine Phaläne. Maler Franck hatte sich mit den Augen an der verwandelten Ingigerd festgesaugt.

Jetzt nun kam jener Augenblick, wo das Mädchen mit traumwandlerisch geschlossenen Lidern die Blume zu suchen begann. In diesem Suchen lag Unschuld und Lüsternheit. Es trat dabei jenes unendlich feine Zittern hervor, das man in der schwülen Erotik der Nachtfalter beobachtet. Endlich hatte sie an der Blume gerochen und, wie an ihrer jähen Erstarrung zu merken war, die dicke Spinne darauf erblickt.

Wie Friedrich bekannt war, pflegte Ingigerd das Entsetzen, die Schreckenslähmung und die Flucht nicht immer auf gleiche Weise darzustellen. Heut bewunderten alle den Wechsel des Ausdrucks auf dem süßen Antlitz der Tänzerin, das von Widerwillen, Ekel, Entsetzen und Grausen nacheinander bewegt und entstellt wurde. Sie flog, wie geblasen, bis in den äußersten Lichtkreis zurück.

Die neue Phase des Tanzes begann: jene, in der das Mädchen die Spinne für harmlos hielt und sich wegen der überstandenen Ängste auslachte. Dies alles war von unnachahmlicher Grazie, Unschuld und Lustigkeit. Als nun nach einem Zustand wohliger Ruhe das Spiel mit den imaginierten Spinnefäden seinen Anfang nahm, kreischte eine Parkettür, und ein stattlicher Greis ward hereingeführt. Er trug den Zylinder in der Hand, das scharfgeprägte Gesicht war bartlos, die ganze Erscheinung zeigte den Gentleman. Der junge Mann, der den Fremden geleitet hatte, stürzte davon, und der Gentleman, ohne nach vorn zu kommen, hatte sich, wo er war, auf einem Parkettsitz Platz geschafft. Aber Lilienfeld erschien, und indem er sich um den ehrfurchtgebietenden alten Yankee, gewandt wie ein Ohrwurm, herumbewegte, suchte er ihn zu veranlassen, in der vordersten Reihe Platz zu nehmen.

Der Herr, Mr. Barry, Präsident der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« und vieler anderer Organisationen, winkte ab und vertiefte sich in die Vorstellung. Ingigerd war indessen durch das Quarren der Parkettür, die Ankunft des neuen Zuschauers und das Brummeln ihres Impresarios bei der Begrüßung aus dem Konzept gebracht worden. »Vorwärts, vorwärts!« rief Lilienfeld. Die Kleine aber trat an die Rampe und sagte geärgert: »Was ist denn los?« – »Gar nichts, durchaus nichts, meine Verehrte«, beteuerte der Direktor voll Ungeduld. Ingigerd rief nach Doktor von Kammacher. Friedrich erschrak, als er seinen Namen erschallen hörte. Es war ihm peinlich, zu Ingigerd an die Rampe zu gehn. Sie beugte sich nieder und trug ihm auf, dem Pavian von der Society auf den Zahn zu fühlen und ihn zu ihren Gunsten zu bearbeiten. Sie sagte: »Wenn ich nicht öffentlich auftreten darf, so springe ich von der Brooklynbrücke, und man kann mich mit der Angel dort suchen, wo mein Vater ist.«

Als Ingigerd unter Zuckungen, erdrosselt von den Fäden der Spinne, scheinbar ihr Leben, in Wahrheit ihren Tanz beendet hatte, ward Friedrich Mr. Barry vorgestellt. Der alte reckenhafte Nachkomme der Pilgerväter, die mit der »Mayflower« gelandet waren, musterte Friedrich mit einem Blick, der feindlich wie der einer Katze schillerte und für den, wie es schien, Dunkelheit nicht vorhanden war. Barry sprach ruhig, aber was er sagte, hatte nicht gerade den Anschein, als ob ein tolerantes Verhalten von ihm zu erwarten wäre. »Das Mädchen«, sagte er nach einigen Auseinandersetzungen Lilienfelds, »ist bereits von ihrem gewissenlosen Vater zu verwerflichen Zwecken mißbraucht worden.« Er äußerte ferner: »Die Erziehung des Kindes ist vernachlässigt: offenbar hat man ihm nicht einmal die geläufigsten Begriffe von Scham und Anstand beigebracht.« Er setzte hinzu, mit einer Kälte und einem Hochmut, die jede Gegenerklärung entkräfteten, daß leider zur Verhinderung solcher widerlichen, das öffentliche Sittlichkeitsgefühl so gröblich verletzenden Schaustellungen noch immer kein Gesetz vorhanden sei. Einwände Lilienfelds schien er nicht aufzufassen.

Sein mangelhaftes Englisch erschwerte es Friedrich, einzugreifen. Dennoch hatte er den Zwang, unter dem Ingigerd sich befand, ihr Brot zu verdienen, zu betonen gewagt, woraufhin er aber sogleich mit der kalten Frage »Sind Sie der Bruder des Mädchens?« zum Schweigen gebracht wurde.

Der Präsident der Society hatte den Raum verlassen, und Lilienfeld tobte mit wilden Verwünschungen wider die niederträchtige Heuchelei dieser Yankees und Puritaner. Er hatte die ganz bestimmte Ahnung, daß ein Verbot, öffentlich aufzutreten, an Ingigerd Hahlström ergehen werde. Diese verwünschte Suppe hatten ihm Webster und Forster eingebrockt. Ingigerd weinte, als Friedrich sie in der Garderobe abholen wollte, und erging sich in wütender Heftigkeit. »Das habe ich niemand als Ihnen zu verdanken«, sagte sie, »warum konnten Sie mich denn nicht, wie Stoß mir riet und wie jeder mir riet, am ersten Tage auftreten lassen?«

Friedrich war angeekelt. Mr. Barrys Erscheinung hatte ihm die Gestalt seines Vaters ins Gedächtnis gerufen: Wenngleich er seine Ansichten niemals in der Form von Mr. Barry geäußert und betätigt haben würde, so waren sie denen des Yankees doch verwandt, ja in Friedrichs eigner Seele war vieles ungetilgt geblieben, was Geburt und Erziehung gepflanzt hatte.

Der zigeunerhafte Franck stürzte herein und gebärdete sich wie ein Unsinniger. Seine Begeisterung, die Ingigerds Laune ein wenig verbesserte, war von der stammelnden, nach Worten ringenden Art. Friedrich sah den Maler mit Widerwillen und erschrak, als er bei ihm die Zeichen der eigenen Besessenheit wiedererkannte. Ingigerd überließ dem Maler die Hand, die er mit wilden Küssen bedeckte, und diese leidenschaftlichen Küsse erstreckten sich von dem Handgelenk auf den Unterarm, was dem Mädchen natürlich und in der Ordnung schien.

Ingigerd wünschte, daß Friedrich nochmals zu Präsident Barry persönlich hinginge, um ihn mit Bitten oder Drohungen, Zwang oder Geld zu beeinflussen. Ein solcher Versuch war, wie Friedrich wußte, aussichtslos. Da weinte sie und erklärte, sie hätte nur Freunde, die sie ausnützten. Warum war Achleitner nicht mehr da? Warum mußte gerade er und nicht dieser und jener andere sein Leben einbüßen? Achleitner war ihr wirklicher Freund, einer, der in der Welt Bescheid wußte und zugleich reich und uneigennützig war.

 

Schon am nächsten Tage war das Verbot, aufzutreten, wirklich an Ingigerd Hahlström gelangt. Das Mädchen gebärdete sich wie unsinnig. Lilienfeld indessen erklärte, jetzt sei der Augenblick da, die Sache beim Mayor von New York anhängig zu machen. Zugleich eröffnete er Ingigerd, sie müsse das Klubhaus verlassen, wenn sie nicht Internierung in irgendein Waisenhaus gewärtigen wolle. Lilienfeld bot ihr – er war verheiratet, aber kinderlos – Asyl im eigenen Hause an; wohl oder übel mußte sie einwilligen.

Als am Morgen nach der Übersiedelung Ingigerds Friedrich in einem neuen, von Miß Eva Burns beschafften Rohleinwandkittel hinter seiner Modellierarbeit stand, hatte er ein Gefühl der Erleichterung.

Meister Ritter hatte Miß Eva Burns gegenüber Neigung geäußert, das tanzende Mädchen zu modellieren. Aber Friedrich brachte es nur zu einer etwas mühsamen Zustimmung. »Sehen Sie, Miß Eva«, sagte er, »eigentlich bin ich der letzte, der es verhindern will, wo irgend etwas von schönen Dingen entstehen soll. Aber ich bin nur Mensch, und wenn der Meister die Kleine als Aktmodell benutzt, so ist es mit meiner Seelenruhe zu Ende.« Miß Eva lachte. »Sie haben gut lachen«, sagte er, »aber ich bin ein Rekonvaleszent, und Rezidive sind lebensgefährlich.«

Es vergingen acht Tage, in denen Friedrich einen wunderlichen und noch keineswegs sieghaften Kampf durchmachte. Täglich arbeitete er im Atelier, Miß Burns war seine Vertraute geworden. Sie wußte nun durch ihn selbst, was ihr auch früher nicht verborgen gewesen war, daß er in Banden Ingigerds schmachtete. Sie wurde seine Kameradin und seine Beraterin, ohne sich jemals anders als aufgefordert in die Wirrungen seines Innern einzumischen. Friedrich hatte ihr seinen Entschluß, von Ingigerd freizukommen, mitgeteilt. Jedesmal wenn er bei dem Mädchen gewesen war, sagte er, daß er sich indigniert und gelangweilt gefühlt habe. Er war dann fest entschlossen, nicht mehr zu ihr zurückzugehn: ein Vorsatz, der oft schon einige Stunden später gebrochen wurde. Bei Miß Evas unendlicher Langmut brauchte Friedrich das Thema Ingigerd niemals abzusetzen. Die Seele des Mädchens wurde von innen nach außen und von außen wieder nach innen gewendet, ihr Inhalt wurde hundertmal durchgeworfelt und nach Gold oder Weizenkörnern durchgesiebt.

Eines Tages hatte das Mädchen zu Friedrich gesagt: »Nimm mich, entführe mich, mache mit mir, was du willst!« Sie hatte ihn aufgefordert, streng, ja grausam mit ihr zu sein. »Sperre mich ein«, sagte sie, »ich will außer dir keine Männer mehr sehen.« Ein andermal hatte sie bittend geäußert: »Ich will gut werden, Friedrich, mache mich gut.« Aber am nächsten Tage hatte sie ihren Beschützer und Freund schon wieder in die Zwangslage versetzt, sich mit unverzeihlichen Handlungen abzufinden.

Tatsache war, daß sie bereits eine Anzahl Männer für sich laufen, rennen, Geschäfte abwickeln, denken und zahlen ließ.

Wovon Friedrich sich nicht entwöhnen konnte, das war diese zerbrechliche, blonde und süße Körperlichkeit. Und doch war er entschlossen, sich loszumachen. Eines Tages kam Ingigerd, um Miß Eva für ein Porträt zu sitzen. Auch Friedrich rückte einen Drehstuhl heran. Es war nicht ohne weiteres abzusehen, warum Miß Burns diese Sitzungen arrangiert hatte, tatsächlich aber hatte das strenge und sehr genaue Studium, das nun auch Friedrich den Zügen seines Idols widmete, eine sonderbare Wirkung auf ihn.

Die Flächen der Stirn, die Augenbogen, die Lage der Augen selbst, die Biegung der Schläfe, die Form und der verkrüppelte Ansatz des Ohrs, die messerrückenschmale Nase, ihre Flügel, die etwas ältliche nasolabiale Falte, der Kniff in den Mundwinkeln, das schöne, doch auch brutale Kinn, der eigentlich wirklich unschöne Hals mit der wäscherinnenhaften Halsgrube, alles das prägte sich ihm so nüchtern ein, daß jede verschönende Kraft erlosch. Vielleicht wußte Miß Eva Burns, was es mit einer so strengen, anhaltend folgerichtigen Betrachtung eines Modells auf sich hat.

Die langen Sitzungen, denen Ingigerd sich aus Eitelkeit unterwarf, zeigten überdies das Enge, Tüftelige ihres Charakters. Mit Bewunderung für Miß Eva Burns empfand Friedrich das ewig Zurückgebliebene, Inkomplette seines Modells mit erschreckender Deutlichkeit. Einst hatte sie einen Brief aus Paris von der Mutter mitgebracht. Sie las ihn vor, und es war, als wenn sie indes am Pranger stünde.

Der Brief der Mutter war streng, ernst, sorgenvoll, aber nicht ohne Liebe. Das trübe Ende des Vaters wurde darin mit Anteil erwähnt und Ingigerd nach Paris eingeladen. Die Mutter schrieb: »Ich bin nicht reich, Du wirst bei mir arbeiten müssen, Mädchen, aber ich werde mich bemühen, Dir in jeder Beziehung eine Mutter zu sein, wenn« – und nun kam der Nachsatz –, »wenn Du Dir vornimmst, Deinen Lebenswandel zu bessern.«

Die Glossen, die das Mädchen zu diesen Äußerungen der Mutter machte, waren von einer dummen und wilden Gehässigkeit. »Ich soll zu ihr kommen und in mich gehen«, äffte sie nach, »weil mich der liebe Gott so wunderbarlich gerettet hat. Jawohl, Mama soll erst in sich gehen! So blöd werd' ich sein! Ich werde nicht Schneiderin. Fortwährend von Mama schurigeln lassen. Um mich ist mir nicht bange, wenn ich bloß nicht unter jemandes Fuchtel bin.« Und so ging es fort, in einer Weise, die vor den häßlichsten Intimitäten in der Lebensführung der Eltern nicht zurückschreckte.

 

Für den fünfundzwanzigsten Februar war auf Betreiben Lilienfelds und seiner Anwälte ein Termin vor dem Mayor von New York in der City-Hall anberaumt worden, der über Aufhebung oder Aufrechterhaltung des Verbots, Ingigerd Hahlström und ihr öffentliches Erscheinen angehend, entscheiden sollte. Ingigerd, durch Frau Lilienfeld smart gekleidet, wurde in eine Droschke gepackt und in Begleitung der Dame, die sie chaperonierte, nach der City-Hall übergeführt. Friedrich und Lilienfeld waren vorangefahren. »Die Lage ist die«, erklärte Lilienfeld während der Fahrt durch das graue, finstere und kalte New York, »daß New York augenblicklich in den Händen der Tammany-Society ist. Die Republikaner sind bei den letzten Wahlen durchgefallen. Ilroy, der Mayor, ist ein Tammany-Mann. Der Kutscher wird möglicherweise bei Tammany-Hall vorbeifahren, und ich werde Ihnen den Sitz dieser furchtbar einflußreichen Gesellschaft zeigen, die den Tiger im Wappen führt. Der Name Tammany stammt von einem indianischen Seher Tamenund. Die Parteiführer haben läppische indianische Namen und Titel. Das Wappen wird nicht Wappen, sondern Totem genannt. Aber lassen Sie sich durch diese Indianerromantik nicht täuschen. Diese Leute sind nüchtern. Der Tammany-Tiger ist ein Tier im großen New-Yorker Schafstall, mit dem nicht zu spaßen ist.

Wir dürfen übrigens annehmen«, fuhr der Direktor fort, »den Tammany-Tiger, und also den Bürgermeister, in Sachen der Kleinen für uns zu haben, obgleich das nicht absolut sicher ist. Mr. Barry ist jedenfalls Republikaner und ein Todfeind von Tammany-Hall. Dagegen würde Ilroy, der Mayor, mit allergrößtem Vergnügen ihm und der ›Society for the Prevention of Cruelty to Children‹, dieser blödsinnigen Institution, eins auswischen. Aber seine Amtszeit läuft ab, und er möchte gern wiedergewählt werden, was nur bei einigen Konzessionen an die Republikaner wahrscheinlich ist. Nun, wir wollen sehen! wir müssen abwarten.«

Man war im City-Hall-Park vor der City-Hall angelangt, einem Marmorbau mit Glockenturm und einem Säulenportikus. Unter diesem Portikus mußte man auf die Ankunft der Damen warten.

Im Hin- und Herschreiten fühlte sich Friedrich plötzlich am Rocke gezupft. Er wandte sich und erblickte ein modisch vermummtes kleines Mädchen, in dem er sofort Ella Liebling erkannte. »Ella, Mädel, wo kommst du her?« fragte er. Sie knickste und sagte, daß sie mit Rosa spazierenginge. In der Tat stand das Dienstmädchen an den Stufen der City-Hall und grüßte mit: »Guten Morgen, Herr Doktor!« Friedrich stellte Ella Herrn Lilienfeld als eine kleine Schiffbrüchige vor. »Guten Morgen, mein Kind«, sagte Lilienfeld, »also ist es wirklich wahr, daß du bei dem schauerlichen Schiffsuntergang auch gewesen bist?« Keck und frisch und mit einem kindlich koketten Stolz gewürzt kam die Antwort zurück: »Jawohl! und ich habe dabei einen Bruder verloren.« – »Ach, armes Kind!« sagte Lilienfeld, aber schon zerstreut, denn er dachte an den Speech, den er vielleicht vor dem Mayor zu halten gezwungen war. »Entschuldigen Sie«, sagte er plötzlich zu Friedrich, indem er sich einige Schritte entfernte und ein Blatt mit Notizen zu hastigem Studium aus der Brusttasche nahm. Ella rief: »Meine Mama war auch schon tot und ist wieder lebendig geworden!« – »Wieso, wieso?« fragte Lilienfeld, unter der goldenen Brille herüberglotzend. Friedrich erklärte ihm, daß Wiederbelebungsversuche der Mutter das Leben gerettet hätten. Er fügte hinzu: »Wenn es mit rechten Dingen zuginge, so müßte dieses simple bäurische Dienstmädchen dort« – er wies auf Rosa – »mehr als dereinst der selige Lafayette, der Held zweier Welten, gefeiert werden. Sie hat Wunder getan. Sie hat immer nur an ihre Herrschaft, an uns andere und nie an sich selbst gedacht.« Friedrich ging, um das Dienstmädchen zu begrüßen.

Als er sie nach Frau Liebling fragte, wurde Rosa wie eine Päonie. Der gnädigen Frau ginge es wohl recht gut, meinte sie. Danach brach sie in Tränen aus, weil sie sich an den kleinen Siegfried erinnerte. Alle Formalitäten der Beerdigung waren durch sie und einen Konsularagenten erledigt worden, und sie allein war dabeigewesen, als man die kleine Leiche auf dem israelitischen Friedhof begrub.

Nun trat ein ordentlich gekleideter Mensch heran, in dem Friedrich erst ganz aus der Nähe Bulke, den Diener des Artisten, erkannte. Er sagte: »Herr Doktor, meine Braut kommt von der Geschichte nicht los. Könnten Sie meiner Braut nicht mal sagen, Herr Doktor, daß sich das nicht gehört und daß man von so einer Geschichte loskommen muß. Schlimmer könnt's ja nicht sein, wenn sie einen eignen Jungen verloren hätte!« – »Wenn Sie sich verlobt haben, Herr Bulke, so kann man sich nur freuen für Sie und muß Ihnen aufrichtig gratulieren.« Bulke dankte und erklärte: »Sobald ich von meinem Herrn und sie von ihrer Dame fort kann, gehen wir nach Europa zurück. Bevor ich meine Zeit bei der königlichen Marine abmachen mußte, bin ich nämlich Schlächter gewesen. Nun schreibt mir mein Bruder aus Bremen von einem kleinen Schiffsproviantgeschäft, das zu haben ist. Man hat sich ja endlich auch was erspart, warum soll man's nicht schließlich mal so versuchen. Immer für fremde Leute arbeiten kann man doch nicht.« – »Ich bin ganz Ihrer Ansicht«, warf Friedrich ein, während sich plötzlich der Adlatus des Kunstschützen von Rosa mit den Worten »Die gnädige Frau!« empfahl.

Frau Liebling kam an der Seite eines dunkelbärtigen Herrn durch die Anlagen. Der Aufzug, in dem sie war und der für die Gattin eines russischen Großfürsten standesgemäß gewesen wäre, bewies, daß die reizvolle Frau inzwischen Gelegenheit gefunden hatte, den Verlust ihrer Garderobe zu ersetzen. Friedrich küßte der Dame die Hand und gedachte des Leberflecks unter der linken Brust und einiger anderen Merkmale des schönen Frauenleibes, den er mit so rücksichtsloser Mechanik allmählich wieder zu atmen gezwungen hatte. Er wurde dem schwarzen und eleganten Herrn vorgestellt, der ihn zugleich lauernd und abweisend musterte. Seltsam, dachte Friedrich, dieser Mikrozephale sollte eigentlich wissen, was er mir schuldig ist. Da schwitzt man, macht im Schweiße seines Angesichts Tote lebendig, fühlt sich als hochmoralisches Werkzeug der Vorsehung und hat schließlich für das Spezialvergnügen eines Lebemannes gearbeitet.

Frau Liebling war entzückt von Amerika. Sie rief: »Was sagen Sie zu den New-Yorker Hotels? Ich wohne im Waldorf-Astoria. Sind sie nicht großartig? Ich bewohne vier Zimmer nach vorn heraus. Die Ruhe! der Luxus! die schönen Bilder! wie in Tausendundeiner Nacht fühlt man sich! Lieber Doktor, das Restaurant Delmonico müssen Sie unbedingt mal besuchen! Was sind dagegen Berliner und selbst Pariser Verhältnisse? Ein solches Restaurant, solche Hotels finden Sie in Europa nicht.« Friedrich meinte verblüfft, das wäre wohl möglich. – »Waren Sie schon im Metropolitan Opera-House?« So und ähnlich setzte Frau Liebling, ohne Friedrich besonders zum Sprechen anzuregen, mit Fragen, die sie sich selbst beantwortete, eine Weile die Unterhaltung fort. Friedrich dachte an Rosa und Siegfried und hatte Zeit, immer wieder die nagelneuen Lackschuhe, die Bügelfalte, die Berlocks, die Brillantknöpfe, das mächtige Atlasplastron, das Monokel, den Zylinder und den kostbaren Pelzrock des kurznackig südländischen Dandys zu mustern, den die Dame mit Signor Soundso vorgestellt hatte.

»Was haben Sie denn mit unserm berühmten Tenor vom Metropolitan Opera-House zu tun?« fragte Lilienfeld, als Friedrich unter dem Portikus wieder erschien.

 

Die ganze Begegnung hatte ihm die Tragikomödie des Daseins so vor die Seele gestellt, daß er jetzt eine peinliche Gegenwart weniger wichtig zu nehmen fähig ward. Das Cab mit den Damen fuhr vor, und zugleich traten ein halbes Dutzend Journalisten in die Vorhalle, von denen, wie Friedrich nicht ohne Überraschung bemerkte, die meisten mit Ingigerd, der sie die Hand, drückten, auf einem zwanglosen Fuße standen. Sie sah sehr niedlich und kindlich aus und wurde samt Frau Lilienfeld, als nun auch Herr Samuelson gekommen war, von einer ziemlich zahlreichen Leibwache in das hohe, holzgetäfelte, mit Bogenfenstern versehene Sitzungszimmer der City-Hall hinaufgeleitet. An einem langen Tisch hatte bereits, und zwar neben dem leeren Präsidentenstuhl des Mayors von New York, die hohe Gestalt Mr. Barrys Platz genommen. Er hielt sein Augenglas in der Hand und blätterte manchmal in seinen Papieren. Herr Samuelson und Lilienfeld nahmen ihm gegenüber Platz. Der übrige Raum um den Tisch wurde von der Presse und sonstigen Interessenten eingenommen. Unter diesen war Friedrich, die äußerst repräsentative Gattin Lilienfelds und Ingigerd, das Objekt der Verhandlung.

Nun kam der Mayor, ein Ire, aus einer Flügeltür, die sich nah hinter seinem Stuhle öffnete. Er war ein verschlagen und verlegen lächelnder Mann, der zwar nicht jedermann freundlich grüßte, aber doch mit einem Anflug höflicher Güte anblickte. Jemand flüsterte Friedrich zu: »Die Sache des Fräuleins steht gut, der Mayor wird dem alten Heuchler Barry eins auswischen.« In der Tat war der Mayor gegen seinen Nachbar zur Rechten von einer nichts Gutes weissagenden Herzlichkeit.

Es trat Stille ein. Mr. Barry wurde das Wort erteilt.

Der alte Mann erhob sich mit dem Ernst und jener unabhängigen Sicherheit, die für gewöhnlich nur dem bedeutenden Staatsmann eignet. Friedrich konnte die Augen nicht von ihm wenden. Fast tat es ihm leid, daß der Erfolg seiner Rede schon im vorhinein vernichtet sein sollte.

Mr. Barry entwickelte zunächst in klarer Form die Zwecke seiner Society. Er führte eine Anzahl von Fällen an, wo Kinder im Dienste der Industrie, des Handels, des Handwerks oder des Theaters mißbraucht worden und zu Schaden gekommen waren. – Hier flüsterte jemand Friedrich ins Ohr: »Er kann sich an seiner Nase ziehen! Der Alte ist nämlich ein Wall-Street-Mann, der in seinen Fabriken zahllose Kinder beschäftigt und überhaupt einer der rücksichtslosesten Ausbeuter ist!« – Diese Mißstände hätten, wie Mr. Barry erklärte, die Gründung der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« notwendig gemacht.

Die Gesellschaft, fuhr Barry fort, mache es sich indes zur Pflicht, nur in wirklich erwiesenen Notfällen einzugreifen. Der schwebende sei ein solcher Fall.

Seit einigen Jahren werde New York von einer besonderen Sorte von Freibeutern – er sagte mit scharfer Betonung »freebooters« – überschwemmt. Das hänge mit der zunehmenden Glaubenslosigkeit, dem steigenden Mangel an Religion und der damit verknüpften Sucht nach äußerlichen Zerstreuungen und Vergnügungen zusammen. Die steigende Unmoral und allgemeine Verderbnis sei der Wind, der die Segel solcher Piraten fülle. Aber die Seuche dieser Verderbnis sei nicht etwa in diesem Lande entstanden, sondern sie werde aus den Lasterwinkeln der großen europäischen Städte, London, Paris, Berlin, Wien, eingeschleppt. Der Seuche müsse man Einhalt tun und zu diesem Behuf eben den Freibeutern, die sie nährten und immer wieder einschleppten, Halt gebieten.

»Sie sind keine guten amerikanischen Bürger, überhaupt keine Bürger, they are not citizens! Deshalb«, sagte Mr. Barry, jedes Wort mit harter Korrektheit aussprechend –, »deshalb ist es ihnen auch gleichgültig, wenn unsere Religion, unsere Sitte, unsere Moral verwüstet wird. Diese Raubvögel sind skrupellos, und wenn sie die Kröpfe gehörig voll haben, so verschwinden sie über den Ozean in ihre gesicherten europäischen Horste. Die Zeit ist gekommen, wo auch in dieser Beziehung der Amerikaner sich auf sich selbst besinnen und solche Schmarotzerinvasionen zurückweisen muß.«

Während der alte Jingo mit fester Stirn diese schneidenden Worte sprach, wurde Friedrich nicht müde, jede Bewegung seines harten und edlen Greisengesichtes zu beobachten. Es war sonderbar, wie der Ausdruck des Sprechers, als er von den räuberischen Vögeln redete, ihn selbst einem Geier ähnlich machte. Er stand mit dem Rücken den Fenstern zugekehrt, jedoch mit seitlicher Wendung des Kopfes, und Friedrich kam es vor, als ob bei den Worten von den gefüllten Kröpfen sein graublaues Auge zu einem weißlichen Glanz erblichen wäre.

Barry kam nun auf Ingigerd: »Es war ein großer Schiffbruch durch Gottes Ratschluß verhängt worden. Ein Vorfall, ganz dazu angetan, den Menschen nahezulegen, in sich zu gehen.« Der Redner brach ab und erklärte für unnütz, sich näher darüber auszulassen, weil denen, die ein solches Strafgericht nicht von sich aus zu würdigen wüßten, doch nicht zu helfen sei. Dann fuhr er fort: »Ich stelle den Antrag, das gerettete Mädchen, von dem nicht erwiesen ist, ob es das sechzehnte Jahr schon erreicht hat, einem Hospital zu überweisen und die Schiffahrtsgesellschaft zu veranlassen, daß es sobald wie möglich nach Europa zurücktransportiert und seiner Mutter, die in Paris lebt, übergeben werde. Das Mädchen ist krank, ist unentwickelt und gehört in die Hände des Arztes sowie unter Vormundschaft. Man hat es zu einem Tanz abgerichtet. Es verfällt hierbei in einen Zustand, der epileptischen Krämpfen nicht unähnlich ist. Es wird starr wie Holz. Die Augen quellen ihm aus dem Kopfe. Es zupft mit den Fingern Watte. Schließlich ist es ohnmächtig und weiß nichts von sich. Solche Dinge gehören hinter die Wände des Krankenzimmers, unter die Augen des Arztes und der Wärterin. Solche Dinge gehören nicht auf das Theater. Es wäre empörend, es würde eine Herausforderung der öffentlichen Meinung sein, wollte man diese Interna eines Spitals auf dem Theater vorführen. Dagegen protestiere ich, im Namen des guten Geschmacks, im Namen der öffentlichen Moral und im Namen der amerikanischen Sittlichkeit. Es geht nicht an, diese arme Unglückliche auf die öffentliche Bühne zu zerren und ihr Elend, nur weil sie durch die Schiffskatastrophe in aller Munde ist, schamlos auszubeuten.«

Dies war deutlich gesprochen. Herr Samuelson erhob sich sofort, nachdem Barry sich gesetzt hatte. Seine Art zu plädieren war bekannt. Man wußte, daß er sich anfangs zu schonen pflegte, um später unerwartet mit einem heftigen Leidenschaftsausbruch seine Hörer zu überrumpeln.

Als der Leidenschaftsausbruch auch in diesem Falle gekommen war, entsprach er nicht ganz den Erwartungen, die Lilienfeld, die Presse und Friedrich davon gehegt hatten. Man merkte zu deutlich, daß die ausgedrückte Entrüstung durch Honorar und energischen Willen erzwungen war und nicht aus natürlicher Quelle stammte. Der müdegehetzte Mann, mit dem Christusbart und der unreinen, blutlosen Haut, war eigentlich nur als Opfer seines Berufs beachtenswert, und auch in dieser Beziehung weniger imponierend als Teilnahme erregend: am meisten Mitleid erregend, leider, als er dem abgetriebenen Rößlein der Eloquenz gleichzeitig Peitsche und Sporen gab, um seinen Gegner niederzureiten. Mr. Barry und Mr. Ilroy, der Mayor, blickten einander vielsagend an, und es war, als hätten sie beide Lust, diesem traurigen Ritter beizuspringen.

Jetzt konnte sich Lilienfeld nicht mehr zurückhalten. Er wurde rot, seine Stirnader schwoll, die Zeit des Schweigens war vorbei, und die Stunde des Redens war gekommen. Da der Mann mit den hundert Schreibmaschinen und dem Millioneneinkommen der Aufgabe nicht gewachsen war, mußte man sie selbst in die Hand nehmen. Gedacht, getan! und zwischen den Lippen des gedrungenen, stiernackigen Unternehmers drangen die Worte mit Wucht hervor.

Nun war es an Mr. Barry, ruhig zu bleiben und ohne Wimperzucken den hageldichten Hieben und Stößen des Gegners standzuhalten. Dem alten Herrn wurde nichts erspart. Er hatte mancherlei Dinge von Kindermißbrauch in gewissen Fabriken in Brooklyn, von puritanischer Heuchelei, von öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken anzuhören und hinunterzuschlucken. Es wurde ihm attestiert, daß er ein Mitglied jener bornierten, kunst-, kultur- und lebensfeindlichen Kaste sei, die in Leuten wie Shakespeare, Byron und Goethe Teufel mit Hufen und langen Schwänzen zu sehen glaubten. Solche Leute, hieß es, machten immer wieder den Versuch, die Zeiger der Uhr der Zeit zurückzudrehen. Ein ganz besonders widerwärtiger Anblick im Lande der Freiheit, im vielgerühmten freien Amerika.

Freilich sei ein solches Beginnen kein aussichtsvolles. Für immer versunken und vorüber sei die Zeit puritanischer Prüderie, puritanischer Gewissensfolter, puritanischer Orthodoxie und Unduldsamkeit. Der Strom der Zeit, der Strom des Fortschritts und der Kultur werde dadurch nicht aufgehalten; aber diese reaktionären Mächte, in ihrer Finsterlingswirtschaft bedroht, hätten nun einen feigen Guerillakrieg kleiner, feiger, erbärmlicher Stänkereien angefangen. Ein Herd solcher gemeingefährlicher Stänkereien sei Mr. Barrys Society. Und hier gebe er ihm zurück, was Mr. Barry vorhin gesagt habe: in der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« sei ein Seuchenherd, wenn wirklich eine Seuche auf dem Boden Amerikas vorhanden wäre. Hier in der Society sitze der Herd der Pest, sofern eine Pest im Lande vorhanden sei. Mr. Barry mache sich lächerlich, wenn er behaupte, Europa sei eine Pestbeule. Europa sei die Mutter Amerikas, und ohne den Genius eines Kolumbus – man begehe jetzt die Erinnerungsfeier fourteen hundred and ninety-two –, ohne den Genius eines Kolumbus und den immerwährenden Zustrom mächtiger europäischer, deutscher, englischer, irischer Intelligenzen – hier zwinkerte er den Mayor an – wäre Amerika heute noch eine Wüste.

Nachdem Lilienfeld um der kleinen Tänzerin willen Himmel, Erde und Meer durcheinanderbewegt hatte, legte er die Denunziation seines Konkurrenten bloß, der sich der Society zu seinen verwerflichen Zwecken bedient habe, und wies seinerseits mit Entrüstung Barrys Behauptung zurück, daß er ein Ausbeuter sei. Sein Konkurrent sei vielleicht ein Ausbeuter. Er wies nach, von welchem Vorteil für Ingigerd die Bedingungen seien, die er ihr zugebilligt habe. Dort sitze seine Frau, die dem Mädchen, das in seinem Hause Unterkunft gefunden habe, in vielen Beziehungen eine Mutter sei. Im übrigen sei das Mädchen nicht krank, in seinen Adern fließe höchstens echtes, gesundes Artistenblut. Es sei eine unverschämte Dreistigkeit, die Ehre und die Moral der jungen Dame anzutasten. Sie sei keine Verkommene und Verwahrloste, sondern im Gegenteil ganz einfach eine sehr große Künstlerin.

Seinen Haupttrumpf hatte Lilienfeld bis zum Schluß aufgespart. Er war nämlich vor vier Wochen aus gewissen Rücksichten amerikanischer Bürger geworden. Nun schrie er so laut, daß die hohen Bogenfenster ins Klirren kamen, hinter denen der dumpfe Donner New Yorks arbeitete. Er schrie, Mr. Barry habe ihn einen Fremden, einen Freibeuter und dergleichen genannt. Er verbitte sich das auf das allerentschiedenste, da er ebensogut wie Mr. Barry amerikanischer Bürger sei. Und er rief ein Mal übers andere Mal, indem er den alten Jingo ganz direkt anredete, weit mit dem ganzen Körper über den Tisch gebeugt: »Mr. Barry, d'you hear? I am a citizen, Mr. Barry, d'you hear? I am a citizen! Mr. Barry, I am a citizen and I will have my rights like you!«

Er schwieg. In seiner Luftröhre röchelte es, als er sich niedersetzte. In Mr. Barrys Gesicht hatte sich nicht ein Nerv geregt.

Nach längerer Pause sprach der Mayor. Seine Worte kamen ruhig heraus und mit jener leisen Verlegenheit, die ihm eigen war und ihn gut kleidete. Seine Entscheidung fiel genau so, wie sie von den politischen Sterndeutern vorausgesagt worden war. Ingigerd wurde gestattet, öffentlich aufzutreten. Es hieß, nach ärztlichen Zeugnissen sei das Mädchen als gesund anzusprechen, außerdem sei sie bereits über sechzehn Jahre alt, und es liege kein Anlaß vor, das zu bezweifeln und ihr die Ausübung einer Erwerbstätigkeit, einer Kunst, die sie schon in Europa ausgeübt habe, abzusprechen.

Die Journalisten grinsten vielsagend. Der heimliche Haß des irischen Katholiken und Mayors gegen den eingesessenen Puritaner englischer Herkunft war zum Durchbruch gekommen. Mr. Barry erhob sich und drückte diesem Feinde mit kalter Würde die Hand. Dann schritt er aufgerichtet davon, und seinem zweiten, ganz anders gearteten Gegner gelang es nicht, ihm noch zum Abschiede, wie er vorhatte, seinen ganz anders gearteten Haß ins Auge zu blitzen, da dieses Auge ihn vollkommen übersah.

Ingigerd wurde umringt. Man überhäufte das Mädchen mit Gratulationen. Es war eine Sache nach ihrem Herzen, erlebt zu haben, wie angesichts zweier Weltteile um ihren Besitz gekämpft worden war. Man umbuhlte sie förmlich, man huldigte ihr. Und keine Prinzessin hätte in diesen Augenblicken das Interesse von der kleinen Künstlerin ablenken können. Sie strahlte von Glück und Dankbarkeit.

Direktor Lilienfeld lud sogleich alle ihm noch in den Wurf laufenden Journalisten zum Frühstück ein.

Friedrich schützte Geschäfte vor, mußte der Kleinen indessen die Zusage geben, wenigstens noch zum Nachtisch vorzusprechen. Er empfahl sich und war allein.

 

Sein erster Gang war quer durch den City-Hall-Park zur Hauptpost hinüber, einem Riesengebäude, in dem etwa zweitausendfünfhundert Postbeamte arbeiten. Nachdem er ein Telegramm geschrieben und aufgegeben hatte und wieder in den Lärm der City herausgetreten war, wo die Leute im scharfen Wind vermummt durcheinanderliefen, ununterbrochener Tram-, Cab- und Lastwagenverkehr das Ohr betäubte, zog er die Uhr und stellte fest, daß sie eine halbe Stunde nach zwölf zeigte, genau den Zeitpunkt, an dem für gewöhnlich Miß Eva Burns das bescheidene Lunch in ihrem kleinen Stammlokal, nahe der Grand Central Station, begann. Er nahm ein Cab und ließ sich dorthin bringen.

Er wäre unendlich enttäuscht gewesen, wenn er gerade diesmal Miß Eva in dem gewohnten Raum nicht getroffen hätte. Allein sie war da und wie immer erfreut, wenn sie den jungen Gelehrten sah. Er rief ihr zu: »Miß Eva, Sie sehen in mir einen Mann, der aus dem Gefängnis, aus dem Korrektionshaus, aus der Irrenanstalt entlassen ist. Gratulieren Sie mir! Heute bin ich wieder ein Independent, ein unabhängiger Mensch geworden!«

Er war geradezu selig, als er sich niederließ, und in der ausgelassensten Stimmung. Er hatte, wie er sagte, Appetit für drei, Humor für sechs und gute Laune genug, um einem Timon von Athen damit aufzuhelfen. »Es ist mir ganz gleichgültig«, sagte er, »was noch später mal aus mir wird. So viel steht jedenfalls fest: keine Circe hat mehr Gewalt über mich.«

Miß Eva Burns gratulierte und lachte herzlich. Dann wollte sie wissen, was passiert wäre. Er sagte: »Die ganze Tragikomödie in der City-Hall erzähle ich Ihnen nachher. Erst muß ich Ihnen jedoch einen furchtbaren Schmerz bereiten. Beißen Sie also die Zähne zusammen, Miß Eva Burns! Jetzt passen Sie auf: Sie verlieren mich!« – »Ich Sie?« Sie lachte ehrlich und kräftig, aber in einer etwas verdutzten Art, während ein dunkles Rot, schnell kommend und schwindend, ihr Gesicht überflog. – »Ja, Sie mich!« sagte Friedrich. »Ich habe soeben an Peter Schmidt in Meriden telegraphiert. Heute abend oder spätestens morgen früh verlasse ich Sie, verlasse New York, gehe aufs Land und werde Farmer!« – »Oh, da muß ich aber wirklich sagen, das tut mir leid, wenn Sie fortgehen«, sagte Miß Eva, ohne jeden sentimentalen Beiklang ernst werdend. – »Warum denn?« rief er übermütig. »Sie kommen hinaus! Sie besuchen mich! Sie kennen mich ja bisher nur als Waschlappen. Vielleicht entdecken Sie, wenn Sie zu mir hinauskommen, schließlich noch etwas wie einen tüchtigen Kerl in mir.«

Und er fuhr fort: »Nehmen wir mal ein Beispiel aus der Chemie. Eine Salzlösung, durch den Löffel des Herrgotts mächtig umgerührt, beginnt ihren Kristallisationsprozeß. Etwas in mir will sich kristallisieren. Wer weiß, ob nicht, wenn alle diese Umwölkungen und Durchwölkungen fallen, eine feste neue Architektur das Resultat aller Stürme im Wasserglase ist. Vielleicht ist die Entwickelung eines germanischen Menschen nicht vor dem dreißigsten Jahre abgeschlossen. Dann stünde vielleicht vor dem Zustand erreichter fester Mannheit ebendie Krise, der ich nun, aller Wahrscheinlichkeit nach, entronnen bin und die ich so oder so hätte durchmachen müssen.«

Friedrich erzählte nun kurz das Hauptsächlichste aus der Verhandlung in der City-Hall, das komische Aufeinanderplatzen zweier Welten in den Reden von Barry und Lilienfeld, das er »tant de bruit pour une omelette« nannte. Er berichtete die Entscheidung des Mayors und erklärte, der Augenblick dieser Entscheidung, der Ingigerd den Lebenslauf, den sie wünsche, eröffne, habe auch ihm den Weg in das eigene neue Leben freigemacht. Er habe fast körperlich gespürt, wie auch für ihn mit dem Diktum des Mayors die Entscheidung gefallen sei.

Er schilderte Barry und verhehlte nicht, wie sehr, trotz aller Gegensätzlichkeit der Ansichten, dieser Nachkomme derer um Cromwell, die Karl den Ersten von England gerichtet und hingerichtet hatten, ihm imponierte. Wenn Barry wirklich ein Heuchler war, hatte nicht Lilienfeld, so daß Friedrich dabei mit einem gewissen Schrecken sich umblicken mußte, von der moralischen Unantastbarkeit Ingigerd Hahlströms laut gesprochen, während ein Grinsen, wie ein boshafter Schatten, durch die Reihe der Journalisten glitt? Blühte die Lüge nicht überall? War die Heuchelei nicht in allen Lagern eine Sache der Selbstverständlichkeit?

Friedrich fühlte sich wieder sehr wohl in der Gesellschaft von Miß Eva Burns. In einem auf die Seele übertragenen Sinne überkam ihn in ihrer Gegenwart immer ein Gefühl von Ordnung und Sauberkeit. Man durfte ihr alles sagen und mitteilen, und was sie zurückgab, klärte, statt zu verwirren; statt aufzuregen, beruhigte es. Allein Friedrich war mit ihrem Verhalten heut nicht ganz in der gleichen Weise wie sonst zufrieden. Ihre Freude über seine Befreiung schien ihm nicht groß genug, und er wußte nicht, ob er den Umstand auf mangelnde Anteilnahme oder auf heimliche Zweifel zurückführen sollte. »Ich bin zu Ihnen gekommen, Miß Burns«, sagte er, »weil ich niemanden weiß und wußte, den ich von der neuen Phase meines Geschicks lieber verständigt hätte. Sagen Sie mir einfach und offen, ob ich recht hatte, das zu tun, und ob Sie verstehen können, wie einem Menschen zumute ist, den eine widersinnige Leidenschaft nicht mehr fesselt.«

»Vielleicht weiß ich das«, sagte Miß Eva Burns, »aber ...« – »Aber?« fragte Friedrich. Sie antwortete nicht, und er fuhr fort: »Sie wollen sagen, Sie können sich von der Gesundung eines so gearteten Menschen, wie ich einer bin, nicht überzeugt halten. Ich gebe Ihnen indes die Versicherung, daß ich niemals bei dieser öffentlichen Nacktprozedur der Kleinen unter den Zuschauern sitzen und noch viel weniger hinter ihr her durch die Tingel-Tangel aller fünf Weltteile ziehn werde. Ich bin los! ich bin frei! und ich werde Ihnen das auch beweisen.«

»Wenn Sie sich das selbst beweisen könnten, so würde das allerdings vielleicht von Wert für Sie sein.«

Aber er wollte das lieber ihr beweisen. Er zog einen Brief Peter Schmidts hervor, aus dem zu ersehen war, daß der Arzt in seinem Auftrage ein Landhaus besichtigt hatte und daß der Plan, sich zurückzuziehen, bei Friedrich nicht erst seit heut bestand. »Sie werden von mir hören«, sagte er, »wenn ich in der Stille zu mir selber gekommen bin. Dazu ist begründete Aussicht vorhanden.«

Das Mahl war beendet. Auch Friedrich hatte sich an den bei Miß Eva üblichen Vegetabilien gütlich getan. Jetzt erhob er sich, ersuchte die Dame um Erlaubnis, ihr zum Dank für geduldiges Zuhören die Hand zu küssen, und empfahl sich schnell, weil er zum Nachtisch des Siegesfestmahls noch zurechtkommen mußte.

 

Das von dem kinderlosen Ehepaar Lilienfeld in der hundertvierundzwanzigsten Straße bewohnte Einfamilienhaus, das ganz genau den übrigen Häusern der Straße glich, war sehr komfortabel eingerichtet. Man saß beim Kaffee in einem mit Teppichen, kostbaren Lampen, Japanvasen und dunkelpolierten Nußbaummöbelstücken geschmückten Salon des Hochparterres, den die schmauchenden Journalisten mit dem Rauche schwerer Importen angefüllt hatten. Ein prunkhafter Luster strahlte elektrisches Licht herab, das dem Räume eine düstere Pracht mitteilte.

Mitten unter den Journalisten saß Ingigerd, eine Zigarette rauchend, in einen Fauteuil zurückgelehnt. Ihr Haar war offen, ihre ganze Erscheinung wirkte nicht vorteilhaft. Da sie in langen Kleidern ziemlich unmöglich war, war sie auf einen backfischartigen Schnitt angewiesen: das verführte sie meist dazu, sich wie ein Seiltänzerkind herauszuputzen.

Als Friedrich von Kammacher im Salon erschien, errötete sie und streckte ihm lässig die Hand entgegen. Diese Hand hatte kurze, gewöhnliche Finger und mußte, da Hahlström, der Vater des Mädchens, lange und schöne Hände besaß, wohl ein Erbteil der Mutter sein. Friedrich küßte Frau Lilienfeld die Hand und bat um Vergebung, wenn er zu spät komme.

Natürlich war die Verhandlung in der City-Hall Gesprächsgegenstand. Direktor Lilienfeld lief mit Zigarren und Likören umher und bediente die Journalisten. Er tat dies mit einer zweckhaften Liebenswürdigkeit, die nicht davor zurückschreckte, den Herren lange Havannas in die Rocktaschen zu praktizieren.

Dieser und jener Journalist wurde beiseite geführt, um ihm über die Vergangenheit Ingigerds, ihre Abkunft, ihre Rettung, ihren Vater, ihre Erfolge, über die Art, wie ihr Talent entdeckt wurde, ein ziemlich grelles Gemisch von Wahrheit und Dichtung aufzunötigen. Er wußte, es würde noch am gleichen Abend, neben dem Verhandlungsbericht, in den New-Yorker Zeitungen stehen. Er hatte sein Märchen mit Hilfe von allerlei erhorchten Einzelheiten nach probatem Rezept zusammengebraut und erwartete eine sichere Wirkung.

Ingigerd sah recht müde aus, hatte indessen Befehl, solange noch ein Journalist zugegen war, nach Möglichkeit verschwenderisch mit Liebenswürdigkeit um sich zu streuen. Friedrich tat sie leid. Er merkte sofort: ihr Erwerbs- und Berufsdienst hatte begonnen.

Frau Lilienfeld, der sich Friedrich zunächst eine Weile widmete, war eine ruhige, mit Geschmack gekleidete Frau, die leidend, aber sehr anziehend war. Man gewann den Eindruck, daß ihr Mann, der sie sichtlich blindergeben verehrte, gewohnt war, sich nach dem kaum merklichen Wink ihrer Augen zu richten. Herr Lilienfeld war, trotz seines immerwährenden temperamentvollen Lärms, wie ein zaghaftes Kind vor ihr. Hätte Friedrich nicht bereits die Sicherheit eines festen Entschlusses in sich gefühlt, er wäre vielleicht auf die forschenden Fragen der Dame bedeutsamer eingegangen. Er spürte, die Dame hatte irgendwie Absicht und Wunsch, ihm in den Irrungen seiner Leidenschaft hilfreich zu sein.

Mit einem leisen, unendlich geringschätzigen Lächeln sprach sie zu Friedrich von dem Mädchen, das, Torheiten schwatzend, mit Beifallsbezeugungen überhäuft wurde. Sie nannte das Dämchen geradezu ein Gliederpüppchen aus dem Panoptikum, dessen blonder Porzellankopf mit Spreu gefüllt wäre. »Meinethalben ein Spielzeug!« sagte sie, »warum nicht? auch wohl ein Spielzeug für einen Mann! auch wohl ein Handelsobjekt! aber sonst nichts weiter! So etwas ist sein Geld vielleicht wert«, sagte sie, »aber sonst ist es nichts wert, nicht mehr wert als irgendeine andere Nichtigkeit, irgendeine andere Nippsache.«

Ingigerd – vielleicht fühlte sie einen Anflug von Eifersucht – kam und fragte Friedrich, ohne zu ahnen, welche Bedeutung die Frage in seinem Auge gewann, ob er seine Sachen gepackt habe. »Noch nicht! Wozu?« gab Friedrich zurück. – »Direktor Lilienfeld«, sagte sie, »hat für zwei Abende in der Woche mit Boston abgeschlossen. Packen Sie Ihre Sachen, Sie müssen übermorgen mit mir nach Boston gehn!« – »Bis ans Ende der Welt!« sagte Friedrich. Sie war befriedigt und blickte Frau Lilienfeld mit einem entsprechenden Ausdruck an.

 

Friedrich war froh, als er auch dieses Frühstück hinter sich hatte. Mit Willy Snyders' Hilfe war er wieder in den Besitz von Kleidern, Wäsche, einem Koffer und andrem gelangt, Sachen, in die er nun einige Ordnung brachte. Der letzte Nachmittag wurde still im Klubhaus verlebt, am Abend gedachte man den Abschied des lieben Gastes zu feiern.

Seit lange hatte sich Friedrich nicht so ausgeglichen und friedlich gefühlt wie während der Stunden dieses Nachmittages. Willy Snyders hatte den ehemaligen Lehrer auf seine Junggesellenbude geladen, um ihm endlich einmal vorzuführen, was er an schönen Kunstobjekten zusammengebracht hatte. Er, der falsche Japaner, sammelte echte Japansachen. Eine Stunde und länger wurden Friedrich in dem kleinen, mit Antiquitäten überfüllten Raum zunächst japanische Schwertstichblätter vorgeführt, Tsubas, wie der japanische Ausdruck lautet. Es sind kleine Ovale von Metall, die man leicht mit der Hand umfassen kann. Sie sind mit Bildwerk in flacherhabener Arbeit versehen, teils aus einem Metall, teils mit Kupfer, Gold oder Silber tauschiert und plattiert. »Kleiner Gegenstand, große Treue«, sagte Friedrich, nachdem er eine Anzahl dieser Wunderwerke bestaunt hatte: solche des Kamakura-Stils, des Namban-Stils, Arbeiten der über Jahrhunderte gehenden Goto-Schule, der Jakuschi-Schule, der Kinai-Schule, der Akasaka-Schule und der Nara-Schule – Fuschimi-Arbeiten aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, Gokinai-Arbeiten, Kagonami-Arbeiten. Herrliche Stichblätter im Marubori-, Marubori-Zogan- und Hikonebori-Stil, Hamanu-Arbeiten, und so fort. Wo gab es einen Adel, wie den des Goto Mitsunori, der am Ende des neunzehnten Jahrhunderts lebte und auf sechzehn Ahnen zurückblicken konnte, die alle bedeutende Meister von Schwertzieraten waren. Herrliches Meistergeschlecht, das nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst vererbte!

Und was alles war auf den kleinen ovalen Stichblättern dargestellt und zum Ausdruck gebracht: Die zweigespaltene Rübe des Glücksgottes Daikoku. Der Gott Sennin, mit seinem Hauch einen Menschen schaffend. Der sich auf den Bauch trommelnde Dachs, der so einen Wanderer in den Sumpf verlockt. Vollmondnacht und fliegende Gänse. Wiederum Wildgänse, die über einen Schilfstrand fliegen. Im Hintergrund Mondaufgang zwischen Schneebergen: das Ganze von Eisen, Gold und Silber, ein Oval noch nicht handtellergroß, und dabei der unendliche mondbeschienene nächtliche Raum. – Das Lapidare und mit höchstem Kunstverstand den vollen Reichtum der Komposition im kleinsten Raum Entfaltende ward immer wieder von dem Sammler selbst und von Friedrich bewundert. Eins der Stichblätter zeigte einen Teepavillon hinter einer Hecke. In der geräumigen Landschaft war ein Wasserlauf, Himmel und Luft, durch Löcher im Eisen, also durch ausgesparte Stellen – will sagen durch nichts – vollkommen ausgedrückt. Ein anderes Stichblatt zeigte den Helden Hidesato, der an der Setabrücke einen Tausendfuß erlegt. Ein drittes den weisen Laotse auf seinem Zugochsen. Ein viertes den Sennin Kinko, irgendeinen anderen Gottesmann, auf seinem goldäugigen Karpfen reitend und dabei in ein Buch vertieft. – Weitere Tsuba- oder Schwertstichblätter zeigten: Den Gott Idaten, der einen Oni, einen Teufel, verfolgt. Dieser hat Buddhas Perle gestohlen. – Einen Vogel, den Schnabel zwischen die Schalen der Venusmuschel eingeklemmt. – Einen goldäugigen Oktopus oder Tintenfisch. – Den Weisen Kioko, der, halb aus seiner Hütte herausgeneigt, bei Mondschein in einer Schriftrolle las.

Diese Kollektion hatte Willy in seiner Findigkeit und Dreistigkeit in der Gegend der Five Points aufgestöbert, bei einem Kneipwirt, dessen Kneipe noch verrufener als der ganze Stadtteil war. Der Ehrenmann hatte sie als Pfand für die Zeche eines japanischen Gentleman zurückbehalten, der seit einigen Jahren spurlos verschwunden war. Es verging kein Tag, wo Willy Snyders nicht die Trödelläden der Bowery oder des Judenviertels durchstrich. Mit seinen feurigen, furchtlosen Augen, die jederzeit etwas erstaunt und entrüstet blickten, wagte er sich in die dunkelsten Stadtteile, ja in die finstersten Winkel der Opiumhöllen des Chinesenviertels hinein. Er wurde dort mit seinem dreisten Maulwerk und seiner runden Brille, wie er selbst sagte, von den Leuten für einen Detektiv gehalten, was ihm auch bei Einkäufen nützlich war.

In Chinatown, der New-Yorker Chinesenstadt, im Laden eines dicken chinesischen Wucherers, war Willy Snyders um billiges Geld in Besitz ganzer Stöße von Japanholzschnitten gelangt. Auch diese wurden jetzt mit eifersüchtigem Sammlerstolz ausgebreitet. Da war Hiroshige: die meisten Farbenholzschnitte aus der Bilderfolge der Landschaften vom Biwasee; Hokusai: die sechsunddreißig Ansichten des Fujijama. Ein Blatt, der braunrote Kegel mit weißen Schneeresten in das Lämmergewölk des kalten Himmelsmeeres tauchend, war vollkommen hinreißend. – Da war Shunsho und Shigemasa: Blätter aus dem Buche »Spiegel der Schönheiten des grünen Hauses«, Jedo 1776. – Ferner Shunsho: »Buch der sprießenden Kräuter«. – Ein gewisses Blatt von Hokusai nannte Friedrich »das goldene Sommergedicht«. Man sah darauf den oberen Himmel tiefblau, den Fuji links, unten tiefblau, goldenes Getreide, Landleute auf Bänken, Hitze, Glanz, Lust. – Ein Blatt von Hiroshige nannte Friedrich »das große Mondgedicht«: auf feuchten, weitgedehnten melancholischen Wiesen trauerweidenartige Bäume, schwachbelaubt, deren Zweige in den Spiegel eines träge fließenden Flusses tauchen. Kähne, mit Torf beladen, ziehen vorüber, ein Floß, das die japanischen Flößer bedienen. Das Wasser ist blau im Abendzwielicht. Der ungeheure blasse Mond ist etwas über den fernen Rand der Sümpfe emporgestiegen, blutig bläßliche Tinten verschleiern ihn.

»Willy«, sagte Friedrich, »wenn Sie im übrigen Ihre amerikanischen Jahre so gut benützt haben, so gehen Sie nicht mit leeren Händen nach Europa zurück.« – »Na, Teufel auch«, antwortete Willy, »was hat man denn sonst von diesem verwünschten Lande!«

 

Am folgenden Morgen stand Friedrich vor dem Zug in der Grand Central Station. Er hatte sein geringes Gepäck bereits in das Netz im Innern seines Wagens gelegt, der, wie die fünf oder sechs anderen des Zuges, lang und von eleganter Bauart war. Schon am Abend vorher hatte Friedrich von seinen Freunden Abschied genommen. Aber plötzlich sah er die ganze kleine Künstlerkolonie, mit Meister Ritter an der Spitze, in corpore anrücken. Auch Miß Eva Burns war dabei. Sie trug, wie alle übrigen, drei oder vier jener dunkelweinroten, lang- und grüngestielten Rosen in der Hand, die damals in Europa noch nicht gezüchtet wurden. Friedrich sagte, wirklich gerührt, als er von jedem einzeln die mitgebrachten Rosen in Empfang nehmen mußte: »Ich komme mir ja wahrhaftig wie eine Primadonna vor.« Bahnhof und Zug lagen totenstill, als ob es hier niemals Ankunft oder Abreise gäbe; aber die kleine Rosenprozession und der temperamentvolle Lärm der Deutschen erregte doch einige Aufmerksamkeit und machte, daß hie und da das Gesicht eines Reisenden hinter Fensterscheiben erschien.

Endlich hatte sich, ohne jedes Signal, ohne jeden Ruf eines Beamten, der Zug wie zufällig in Bewegung gesetzt, und die winkende Gruppe der Künstler war in der Bahnhofshalle zurückgeblieben. Da stand der stattliche, elegante Bonifazius Ritter und schwenkte sein Taschentuch, der freundlich ernste Bildhauer Lobkowitz, Willy Snyders, das zigeunerhafte Genie Franck und, last not least, Miß Eva Burns. Friedrich spürte, daß in diesen Sekunden eine Epoche seines Lebens zum Abschluß kam, und ihm wurde bewußt, was er der herzlichen Wärme dieser verwandten Naturen zu danken hatte; ebenso, was er mit ihnen verlor.

Dennoch war Friedrich, nach der allgemeinen und wunderlichen Art der Menschen, froh erregt, weil sein Schicksal im wirklichen und im übertragenen Sinne ins Rollen kam. Noch führte die Bahn in dunklen Tunnels unter New York hindurch, später ging sie durch einen gemauerten Graben, endlich aber tauchte sie in die befreite Landschaft hinauf und hinein. Dies war nun also das wirkliche Antlitz Amerikas, und nun erst, nachdem der Hexensabbat der großen Invasion einigermaßen verklungen war, spürte Friedrich den wahren Erdhauch des neuen Landes.

Friedrich hatte in Nachahmung dessen, was er bei allen Passagieren des Wagens sah, sein Billett hinter das Band seines Hutes gesteckt, während er unverwandten Auges über die winterlich weißen Felder und Hügel hinausblickte. In dieser Nähe und Ferne, die, im Lichte der Wintersonne, dem Bereich seiner engsten Heimat so ähnlich sah, lag für den jungen Entwurzelten ein erregendes, frohes Mysterium. Aus allem Fremden sprach hier das Heimische. Er hätte aussteigen und den Schnee der Felder in die Hand nehmen mögen, um nicht nur zu sehen, sondern zu fühlen, daß es derselbe war, den er als Schuljunge geballt und mit dem man sich zuweilen sogar, in einem übermütigen Augenblick der Winterlust, im Kreis der Familie bombardiert hatte. Es war ihm zumut wie einem verwöhnten Kinde, das man von der Seite seiner Mutter gerissen und der Herzlosigkeit einer fremden Welt überliefert hat und das nach langem Leiden, unerwartet, in der fremdesten Ödenei eine Schwester der Mutter trifft: er fühlt das Blut! er fühlt, wie er ihres Blutes und wie sie ihm und vor allem seiner wirklichen Mutter in beglückender Weise ähnlich ist.

Jetzt erst lag, wie Friedrich glaubte, der große Atlantische Ozean hinter ihm. Zwar war er bereits in New York gelandet, aber noch nicht mit jenem Grundgefühl, wirklich gelandet zu sein. Die große gegründete Mutter Erde, die breite und weite Feste, die er jetzt zum erstenmal wiedersah, gab der alles überflutenden Fläche und Gewalt des Meeres in seiner Seele erst wieder die Einschränkung. Sie war die große und gute Riesin, die das Leben ihrer Kinder der ozeanischen Riesin abgelistet, abgetrotzt und alles nun für immer gegründet und umfriedet hatte. In Friedrich klang es: Vergiß die See, vergiß das Meer, schlage Wurzeln, verklammere dich in die Erde! Und während der Zug mit weichem Rollen immer tiefer und schneller ins Land hineineilte, hatte er ein Gefühl, auf einer glückvollen Flucht zu sein.

Friedrich war so versonnen, daß er zusammenfuhr, als jemand ihm das Billett wortlos vom Hute nahm. Es war ein Herr in Zivil, der Kondukteur, der einen durchaus gebildeten Eindruck machte. Er knipste die Karte, sagte kein Wort, verzog keine Miene und vollzog von Bank zu Bank, ohne daß jemand sich um ihn kümmerte, die gleiche Kontrolle. Immer steckte er dann die durchlochten Billetts wieder hinter die Hutbänder der Hüte hinein, die die Reisenden auf dem Kopfe behielten.

Friedrich lächelte, wenn er an Deutschland dachte, wo damals noch jeder Zug mit donnerndem Geläut einer Glocke empfangen und nach dreimaligem Geläut mit allgemeinstem Apachengebrüll der Beamten in Gang gesetzt wurde. Wo jeder Schaffner jedem Reisenden mit unbeholfener und roher Umständlichkeit die Fahrkarte abforderte. Und immer hörte er dabei mit Behagen die Räder des Zuges rollen und genoß die Flucht, die ihm alles andere eher als Schmach bedeutete. Er ertappte sich, wie er in tiefer Versonnenheit Fäden wie vom Gewebe einer Spinne von seinen Kleidern las, und spürte dabei, wie ihm mit jeder Minute das Atmen lieber und leichter wurde. Mitunter war ihm, als mache das hurtige Rad der gewaltigen Schnellzugsmaschine seine Drehungen um die Achse nicht schnell genug und als solle er selbst mit Hand anlegen, um immer neue, gesunde Eindrücke wie dünne Landschaftsvorhänge hinter sich aufzuhängen, um durch immer dichtere Schichten von dem gefährlichen Magneten, den er zurückgelassen hatte, getrennt zu sein.

In Newhaven, wo der Zug einen kleinen Aufenthalt hatte, ging ein Neger mit Sandwiches und ein Junge mit »Newspapers« durch den Zug. Im Morgenblatt der »Sun« oder »World«, das Friedrich erstanden hatte, fand er mit den üblichen Stich- oder Merkworten, im Anschluß an das freigegebene Auftreten Ingigerds, die Katastrophe des »Roland« aufgewärmt. Aber die Seelenverfassung Friedrichs war, bei dem strahlenden Wintertage, zu heiter und hoffnungsvoll, als daß er die grauenvollen Eindrücke des sinkenden Schiffes jetzt hätte können neu aufleben lassen. Heute erfüllte ihn seine Rettung nur noch mit Dankbarkeit. Kapitän von Kessel und alle übrigen, die das Unheil getroffen hatte, waren tot und also auch jedem Schmerze enthoben.

Von Newhaven bis Meriden kam dann Friedrich über dem biographischen Abriß aus Ingigerds Leben, den die Blätter brachten, nicht aus dem Lachen heraus. Lilienfeld hatte eine verwegene Phantasie entwickelt. Ingigerd Hahlström, deren Vater von deutschen Eltern stammte, und dessen geschiedene Frau französische Schweizerin war, sollte einem schwedischen Adelsgeschlecht entsprungen sein. Und es ward ihr eine Verwandte zugeteilt, die ihre letzte Ruhestätte in der Ritterholmkirche haben sollte. Arme Kleine! dachte Friedrich, als er die Zeitung zusammenlegte. Dann faßte er sich mit der Hand an den Kopf bei der jähen Erkenntnis von der überwiegenden Wichtigkeit, die das kleine törichte Mädchen inmitten alles großartig Neuen und Mannigfaltigen des Ozeans und der Neuen Welt für ihn und andre bis zu dieser Stunde behalten hatte. »Es ist aus! es ist aus! es ist aus!« flüsterte er und fluchte dann mehrmals in sich hinein.

 

Friedrich stieg in Meriden aus und wurde von Peter Schmidt empfangen. Der kleine Bahnhof war leer, nur Friedrich hatte den Zug verlassen, in der Nähe aber wälzte sich das Getümmel der größten Straße dieser rührigen Landstadt vorbei. »So, nun ist alles gut!« sagte Schmidt. »Jetzt hört's auf mit der New-Yorker Bummelei, und jetzt werden wir andere Saiten aufziehen.

Meine Frau ist auf Praxis«, fuhr er fort, »ich kann sie dir also erst später vorstellen. Wenn es dir recht ist, so frühstücken wir und fahren dann im Schlitten zur Besichtigung des von mir entdeckten kleinen Häuschens aufs Land hinaus. Wenn dir's gefällt, kannst du's zu jeder Stunde um billiges mieten. Einstweilen nimmst du wohl hier in unserm Hotel, auf das die ganze Stadt stolz ist, Unterkunft.« – »Ach, lieber Mitmensch«, sagte Friedrich, »ich habe ein wildes Bedürfnis nach Einsamkeit. Ich möchte am liebsten schon heut, schon gleich die erste Nacht in meinen vier Pfählen, möglichst weit von dem Stadtlärm, zubringen.« – »Wenn es dir gefällt«, sagte Peter Schmidt, »alles übrige ist in einer Viertelstunde mit meinem guten Freund, Apotheker Lamping, dem das Häuschen gehört, abgemacht. Er ist ein braver, gemütlicher Holländer, der in dieser Sache mit allem zufrieden ist.«

Die Freunde begaben sich ins Hotel, und nachdem sie in dem komfortablen Hause ein reizloses Frühstück genossen hatten, entfernte sich Peter und sandte fünf Minuten später einen Hotelboy herein mit der Nachricht, der Schlitten sei vorgefahren. Zu Friedrichs Erstaunen fand er den Freund in einem hübschen Zweisitzerschlitten. Er hatte ihn in der hier üblichen Weise ohne Kutscher ausgeliehen. »Ich will nur froh sein«, bemerkte er heiter, »wenn wir ohne umzuschmeißen ans Ziel kommen, denn, offen gestanden, ich habe eigentlich noch niemals die Zügel eines Gaules in Händen gehabt.« – »Na«, sagte Friedrich vergnügt, »mein Vater ist General, dann laß lieber mich machen.« Friedrichs Gepäck wurde auf den Schlitten gepackt, er nahm die Zügel, der Braune stieg, und heidi! ging es mit ohrenzerreißendem Schellengeläut die breite, belebte Hauptstraße hinunter.

»Habt ihr hier lauter solche Gäule?« sagte Friedrich. »Das Luder geht durch! Wenn wir durch dieses verdammte Gewühl glücklich durchkommen, dann hat das der liebe Gott gemacht!« – »Laß ihn man laufen!« sagte Schmidt. »Alle Tage gehen hier mehrere Pferde durch. Wenn wir heut an der Reihe sind, ist nichts zu machen.« Aber Friedrich geigte den Gaul, so daß er wohl oder übel vor einem Schienenstrang, der ohne Barriere durch das Getümmel der Straße lief, stillstehen mußte. Mit doppelstimmigem Heulen brauste der Schnellzug Boston-New York vorbei, und Friedrich fragte sich, wie es zugehe, daß er nicht eine Anzahl Kinder, Arbeiter, Herren mit hohen Hüten, Damen, Hunde, Pferde und Droschken überfahren, zu Mus zerquetscht und gegen die nahen Häuserwände auseinandergeschmettert hatte. Immer noch stieg der Gaul und schoß dann hinter den letzten Puffern des Zuges vorwärts und über das Bahngleis davon. Klumpen von Schnee und Eis flogen Friedrich und Peter um die Nase.

»Donnerwetter«; sagte Friedrich schnaufend, »hier merk' ich zum ersten Male etwas von der Tollheit, die spezifisch amerikanisch ist: kommst du unter die Räder, kommst du unter die Räder! Willst du fahren, kutschiere den Gaul! Brichst du die Knochen, brichst du die Knochen! Brichst du den Hals, brichst du den Hals!« Mitten in der tiefverschneiten Straße, deren Häuser nach der Peripherie der Stadt zu immer niedriger wurden, begegnete Friedrich zum erstenmal der damals in Europa noch unbekannten elektrischen Straßenbahn, und das heftige Blitzen zwischen Rolle und Zuleitungsdraht war ihm ein neues erregendes Phänomen. Krumm, schief, dick, dünn waren die Pfähle für die Befestigung der Drahtleitung, so daß alles einen interimistischen Eindruck machte. Aber die Wagen der Bahn waren bequem und glitten mit großer Schnelle dahin.

Ohne Unfall war, durch Gottes Ratschluß und Peters Führung, der gefährliche Stadtteil zurückgelegt. Vor dem klingelnden Braunen lag eine endlose, leere Straße mit guter Schlittenbahn in beschneiter Ebene ausgedehnt, und nun konnte der wackere Amerikaner nach Herzenslust ausgreifen.

Seltsam, dachte Friedrich, ich fahre Schlitten, ich kutschiere ein Pferd, was ich seit meiner Jugend nicht mehr getan habe. Und allerhand Pferdegeschichten fielen ihm ein, alles Dinge, an die er jahrzehntelang nicht gedacht hatte. Wie oft hatten Erzählungen des Vaters von seinen Jagdfahrten und Schlittenunfällen an behaglichen Winterabenden die ganze Familie zum Lachen gebracht!

Während der nun folgenden flotten und erquickenden Schlittenfahrt verjüngte sich Friedrichs Herz, und die schönsten Jahre seiner Knabenzeit wurden fast unmittelbare Gegenwart. Umgeben von dem blendenden Glanz der Schneefelder, atmend in der reinen, stählernen Luft, war das bloße Dasein für ihn zum unerhörten Genuß geworden.

Plötzlich wurde er bleich und mußte die Zügel an Peter abgeben. In das Geläute der Schlittenschellen hatte sich das anhaltend wirbelnde Hämmern elektrischer Klingeln gemischt. Mit dieser Gehörstäuschung war ein Gefühl von Angst und von Kälteschauern verbunden. Als Peter Schmidt, der die Veränderung im Wesen des Freundes sofort bemerkte, den Gaul zum Stehen gebracht hatte, war auch Friedrich bereits seines Anfalles Herr geworden. Er sagte nicht, daß der untergehende »Roland«, wie es der Fall war, unerwartet wieder »gewafelt« hätte, sondern behauptete nur, das Schlittengeläut habe seine Gehörsnerven überreizt. Es sei ihm unerträglich geworden. Man stieg in den Schnee, da man der Fläche des Hanoversees bereits sehr nahe war und das Häuschen am anderen Ufer erblicken konnte.

Peter Schmidt nahm dem Braunen, ohne ein Wort zu sagen, die Schellen ab, band das Tier an den Zweig eines kahlen Baumes und begab sich mit Friedrich über den festgefrorenen See gegen das einsame Landhaus hinüber. Der blonde Friese schritt über dicke Polster von Schnee die Stufen zur Eingangstür voran, öffnete diese und meinte, das Häuschen, wie er jetzt sehe, möge schwerlich im Winter bewohnbar sein. Friedrich dagegen war anderer Ansicht. Das sonst nur sommers benutzte Haus, das nicht unterkellert war, besaß eine kleine Küche und zwei Parterreräume sowie einen Mansardenraum im Dachgeschoß. Hier fanden die Freunde einen Tisch und eine Bettstelle, die mit einer Matratze, einem Keilkissen und wollenen Decken versehen war; und in diesem Raum wünschte sich Friedrich einzunisten. Alle Bedenken des Friesen schlug er aus dem Feld, indem er behauptete, es komme ihm vor, als ob dieses Haus, und eben nur dieses Haus, gerade auf ihn gewartet hätte.

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