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Gerhart Hauptmann: Atlantis - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleAtlantis
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150921
projectidceb3ed92
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Die Gig des Bildhauers stand vor der Tür und wurde Friedrich und Doktor Peter Schmidt, der wieder nach Meriden zurückwollte, zur Fahrt nach der Station zur Verfügung gestellt. Beide Herren mußten sich zu dem österreichischen Trainer, Kammerdiener oder was er nun war, in das kleine Gefährt hineinquetschen. Ritter hatte ihn als Mr. Boaba vorgestellt. Er war ein in den Jahren Ritters stehender Mensch, der den üblichen kleinen runden Hut von brauner Farbe, braune Handschuhe und den kurzen Überrock des Jockeis von einer ähnlichen Farbe trug. Er hatte ein starkes Kinn, seine Nase war fein, Bartflaum bedeckte die Oberlippe. Man mußte ihn einen schönen Jüngling nennen, da das Kühne, jünglingshaft Naive in seinem Antlitz vorherrschend war. Er lächelte leicht und wie beglückt, als er den prächtigen Eisenschimmel durch das Gewirr der Cabs, Lastfuhrwerke und Trambahnwagen hindurchlenkte.

Bei aller Phantastik, die durch die wilden Ausschweifungen der Technik in diesem Stadtbild erzeugt wurde, hatte die Stadt doch den Charakter eines Provisoriums. Die Hast, der Fleiß, die Eile, der Erwerbstrieb, die Dollarraserei hatten die Technik überall zu verwegenen Leistungen aufgepeitscht. Die Wolkenkratzer, an deren Fuß man vorüberkam, die Hochbahn, unter deren Trägern man hindurchmußte, der Schienenstrang auf offenem Platz ohne jede Barriere, auf dem, zweistimmig ununterbrochen heulend, der Schnellzug vorüberdonnerte, gaben ein Bild davon. Diese Hochbahn, die wie eine durchleuchtete Schlange auf einer einzigen Reihe von Trägern lief, bog jäh um die Ecken, kroch in jedes Sträßchen und Gäßchen hinein, beinahe konnte man aus den Fenstern der Stockwerke die Wagen streifen. »Tollheit, Irrsinn, Wahnsinn!« sagte Friedrich. – »Das ist nicht so ohne weiteres wahr«, erwiderte Peter Schmidt, »hinter alledem steckt grade eine ganz rücksichtslose und hemmungslose Nüchternheit und Zweckmäßigkeit.« – »Es wäre ganz scheußlich, wenn es nicht so großartig wäre«, rief Friedrich durch den Lärm zurück. – Immer noch »Roland!, Roland!« »Wreck of the gigantic steamer Roland!« schrien die Zeitungsjungen. – Was ist das? Was war das? Ich wühle im Leben! dachte Friedrich. Was geht mich diese Geschichte an? Da der Verkehr sich staute, mußte der Eisenschimmel stillstehen. Er kaute Kandare, er warf den Kopf, Schaumflocken flogen von seinem Maule. Er blickte sich um, als ob er mit seinem heroisch feuersprühenden Auge den jungen, verkappten österreichischen Offizier, der die Zügel hielt, auf Herz und Nieren prüfen wollte. Bei diesem aufgezwungenen Stillstand merkte Friedrich, wie Stöße von »World«, »Sun« und New-Yorker »Staatszeitung« von der drängenden, stoßenden, schiebenden Menschenmenge konsumiert wurden. Die Kuh frißt Gras, und New York fraß Zeitungen. Und Gott sei Dank, in der »World«, die Peter Schmidt von einem Zeitungsjungen, der sich mit Lebensgefahr durch die Wagen bis zu ihm durchschlängelte, gegriffen hatte, stand vor »Roland« bereits eine neue Sensation. Grubenunglück in Pennsylvanien. Dreihundert Bergleute abgeschnitten. Ein dreizehnstöckiger Wolkenkratzer, eine Spinnerei ausgebrannt. Vierhundert Arbeiterinnen umgekommen. »Nach uns die Sintflut«, sagte Friedrich, »die Kohle ist teuer, das Getreide ist teuer, der Spiritus, das Petroleum, aber der Mensch ist billig wie Brombeeren. Sind Sie nicht auch der Meinung, Herr Boaba«, schloß Friedrich, »unsere Zivilisation ist ein Fieber von einundvierzig Grad? Muß man nicht sagen, daß dieses New York ein Tollhaus ist?«

Aber der delphische Wagenlenker Boaba hatte mit unnachahmlicher Eleganz die freie Hand nach Art eines österreichischen Offiziers an die Mütze geführt, wobei ein ebenso bestimmtes als glückliches Lächeln seine Mundwinkel kräuselte, und seine Antwort enthielt durchaus keine Zustimmung. »Well, I love life; here one really lives. When there is no war in Europe, then it is wearisome.« Er sprach englisch, wodurch er sein Verhältnis zum alten Kontinent in klarer Form zu erkennen gab.

Auf dem Bahnhof sagte Peter zu Friedrich, indem er ihm in seiner deutschen Manier die Hand drückte: »Jetzt kommst du aber bald mal zu mir heraus, nach Meriden, Menschenskind. Meriden ist eine Landstadt, und dort kann man sich besser als hier erholen!« Mit einem leisen fatalistischen Lächeln antwortete Friedrich: »Ich habe in meinen Entschlüssen nicht ganz freie Hand, mein Sohn!« – »Wieso nicht?« – »Ich habe Pflichten! Ich bin gebunden!« – Mit der Indiskretion intimster Freundschaft fragte nun Schmidt: »Hängt es mit der Madonna aus Holz zusammen?« – »Kann sein«, sagte Friedrich, »daß es so etwas Ähnliches ist. Das arme kleine Ding hat seinen Vater, also seinen Beschützer verloren, und da ich gewissermaßen an ihrer Rettung beteiligt war ...« – »Also doch«, sagte Schmidt, »das Mädchen im Hemd und die Strickleiter!« – »Ja und nein«, gab Friedrich zurück, »ich erzähle dir später mal das Nähere. Jedenfalls gibt es Augenblicke, wo einem plötzlich überraschenderweise die ganze Verantwortung für irgendeinen Nebenmenschen zugeschoben wird.« Peter Schmidt lachte: »Du meinst, wenn einem im Trubel der Großstadt plötzlich ein Säugling von einer fremden Frau in die Arme gelegt wird, mit der Bitte, ihn eine halbe Minute zu halten, und wenn die Frau dann nicht wiederkommt?« – »Ich werde dir alles später erklären!« – Der Zug mit den langen und gut gebauten Bahnwagen setzte sich langsam in Bewegung: ganz ohne allen Lärm schlich er sich gleichsam unbeachtet davon.

 

Friedrich hatte, ins Klubhaus zurückgekehrt, durch Petronilla bei Ingigerd anfragen lassen, ob sein Besuch genehm wäre. Die Alte kam wieder mit der Nachricht, daß die Signorina in einer Viertelstunde bitten lasse. Sie setzte hinzu: der Signor Pittore Franck sei bei ihr. Bevor dieser Nachsatz gesprochen wurde, hatte Friedrich die Absicht gehabt, sich zu säubern und umzuziehen. Nun aber stieg ihm das Blut zu Kopf, und er lief, immer zwei, drei Stufen auf einmal nehmend, sogleich ins erste Stockwerk hinauf, wo er heftig an Ingigerds Tür pochte. Da niemand »Herein!« rief, trat er unaufgefordert ein und sah neben Ingigerd, Seite an Seite, den Zigeunerjüngling Franck sitzen. Er hatte unter die Glühlichtbirnen einen ziemlich großen Bogen Papier gelegt und zeichnete etwas, was Friedrich im Nähertreten als flüchtige Skizzen für Kostüme erkannte. »Ich ließ Sie doch bitten, erst in fünfzehn Minuten zu kommen«, sagte, ein Mäulchen ziehend, Ingigerd. – »Und ich komme, wenn es mir paßt«, sagte Friedrich.

Franck stand auf, ohne jede Eile, und ging, den jungen Gelehrten geradezu herzlich angrinsend, zur Türe hinaus. Ingigerd rief ihm nach: »Aber Rigo, Sie haben versprochen, wiederzukommen!«

Mit spürbarem Ärger und ziemlich grob fragte Friedrich: »Was hat denn dieser Jüngling in deinem Zimmer zu suchen, Ingigerd? Und Rigo? Was heißt denn Rigo? Seid ihr beide denn blödsinnig?« – Obgleich dieser Ton der kleinen Schiffbrüchigen etwas Neues sein mußte, schien er doch zunächst der rechte zu sein, denn sie sagte sehr demütig: »Warum sind Sie so lange weggeblieben?« – »Das werd' ich dir später erzählen, Ingigerd, aber wie wir jetzt stehen, verbitte ich mir solche Freundschaften. Wenn du etwas tun willst, schenke dem Schlingel einen Kamm, eine Nagelbürste und eine Zahnbürste! Übrigens heißt der Jüngling nicht Rigo, sondern Max, ist ziemlich verlumpt und wird ausschließlich von seinen Freunden durchgefüttert.«

Ingigerd hatte es leicht, Friedrich zu beschämen: ob jemand arm sei oder reich, sagte sie, geckenhaft oder schlecht gekleidet, das mache für sie keinen Unterschied. Friedrich verstummte und drückte die Lippen in ihren Scheitel.

»Wo bist du gewesen?« fragte das Mädchen. Friedrich erzählte von Peter Schmidt und von den fröhlichen Stunden, die er in Ritters Atelier durchlebt hatte. Sie sagte: »Ich liebe das nicht! Ich mag so etwas nicht!« und setzte hinzu: »Wie kann man nur Wein trinken.«

Ungefähr eine Stunde nach diesen Vorgängen ersuchte Friedrich seinen früheren Schüler, Willy Snyders, ihm eine Pension ausfindig machen zu helfen, wo Ingigerd gut aufgehoben sei. Willy müsse einsehen, meinte er, daß es nicht wohl anginge, eine junge Dame in einem Klubhause von Junggesellen wohnen zu lassen. Willy sah es ein, ja er hatte bereits eine vorzügliche Unterkunft in der Fifth Avenue ausgemittelt.

Am Morgen des nächsten Tages war Friedrich, abermals von einer Erregung übermannt, bei Ingigerd eingetreten. Der Entschluß, der ihn diesmal beherrschte, hatte als Ursache einen Sturm des Gemüts, das sich reinigen wollte. Er sagte: »Das Schicksal, Ingigerd, hat uns zusammengeführt. Du wirst, wie ich, ein Gefühl haben, als ob trotz alles Zufälligen, das wir miteinander durchlebt haben, Vorherbestimmung im Spiele gewesen sei.« Und er begann eine durchdachte Beichte der Zustände seiner Vergangenheit: erzählte von seinen Jugendjahren, erzählte mit aller möglichen Schonung und Liebe von seiner Frau. Es sei keine Hoffnung, sie wieder gesund zu sehen. »Ich habe mir ihretwegen«, fuhr er fort, »gewiß keinen anderen Vorwurf zu machen, als daß ich eben auch nur ein Mensch mit guten Absichten und mangelhaftem Vollbringen gewesen bin. Aber ich war vielleicht insofern kein Mann für sie, als ich sie durch Ruhe des Gemüts, die mir selbst meistens fehlt, nicht stützen konnte. Und jedenfalls, als der Zusammenbruch endlich kam und, weil ein Unglück selten allein kommt, auch zugleich äußere Fehlschläge einsetzten, hatte ich Not, mich selbst aufrechtzuerhalten. Ich sage es ungern«, fuhr er fort, »aber es ist die Wahrheit, und ich sage es dir, ich habe, bevor ich dich sah, mehr als einmal den Revolver zu einem ganz bestimmten Zweck in der Hand gehabt. Das Leben war mir auf eine bleierne Weise uninteressant geworden. Dein Anblick, Ingigerd, und seltsamerweise der Schiffbruch, den ich nun auch in Wirklichkeit, nicht nur symbolisch genommen, erleben mußte, hat mich das Leben wieder schätzen gelehrt! Dich und das nackte Leben, die beiden Dinge, die ich aus dem Schiffbruch gerettet habe. – Was geschehen ist, gab ich vor zu suchen, Ingigerd! Aber es kam viel, viel mehr über mich, als ich gesucht habe. Wieder steh' ich auf festem Land. Ich liebe den Boden. Ich möchte ihn streicheln: dennoch bin ich noch nicht geborgen, Ingigerd! dennoch bin ich wund, innen und außen. Du hast verloren! ich habe verloren: wir haben die andre Seite des Daseins, den unaustilgbaren Abgrundschatten des Daseins gesehen. Ingigerd: wollen wir beide zusammenhalten? Willst du für einen Zerrissenen und Gepeitschten, heute Gierigen, morgen Übersättigten, der sich nach Ruhe, nach Frieden sehnt, die Ruhe, der Frieden sein? Könntest du alles das aufgeben, was bisher dein Leben erfüllt hat, Ingigerd, wenn ich alles das hinter mir lasse, womit sich mein Leben bisher verzettelt hat? Wollen wir beide ein neues Leben beginnen, schlicht und scheinlos und auf eine neue Basis gestellt, und als einfache Menschen leben und sterben? Ich will dich auf meinen Händen tragen, Ingigerd.« Und er formte die Hände, wie er es im Kreise der Künstler, als er von seiner Madonna sprach, getan hatte. »Ich will ...« Aber er unterbrach sich und sagte: »Rede! Sage von zwei Worten das eine, Ingigerd! Kannst du ... kannst du mein Kamerad werden?«

Ingigerd stand am Fenster, blickte in den Nebel hinaus und klopfte mit einem Bleistift gegen die Scheiben. Dann sagte sie: »Ja, vielleicht, Herr von Kammacher!« Er fuhr auf: »Vielleicht? – Und Herr von Kammacher?« – Sie wandte sich um und sagte schnell: »Warum bist du gleich immer so furchtbar heftig? Kann ich denn wissen, was ich kann und was ich nicht kann und ob ich für das, was du willst und brauchst, geeignet bin?« Er sagte: »Es handelt sich hier um Liebe!« – »Ich habe dich gern, jawohl«, sagte Ingigerd, »aber ob das Liebe ist, wie soll ich das wissen?« Es kam Friedrich vor, als ob er sich nie in seinem Leben so tief wie jetzt entwürdigt hätte.

 

Indessen hatte es an die Tür geklopft, und ein Herr im Paletot, den Zylinder in der Hand, die landesüblichen braunen Handschuhe an den dicken Händen, war mit einem »Excuse me« eingetreten. Als er sich überzeugt hatte, daß er Ingigerd Hahlström gegenüberstand, stellte er sich als Direktor Lilienfeld vom Fifth-Avenue-Theater vor und überreichte zugleich seine Karte. Dieser Karte entnahm Friedrich, während der Besucher das Mädchen in einem längeren Speech anredete, daß Lilienfeld nicht nur Direktor des Fifth-Avenue-Theaters, sondern auch Inhaber eines Varietés und überhaupt von Beruf Impresario war. Herr Lilienfeld sagte, er kenne die Adresse des gnädigen Fräuleins durch den armlosen Kunstschützen Stoß. Es sei ihm zu Ohren gekommen, daß sie mit Webster und Forster in Unstimmigkeiten geraten sei. Da habe er sich gesagt: er wolle sich jedenfalls der Tochter eines guten Freundes nicht vorenthalten. Er hatte nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Mutter gekannt. Und Herr Direktor Lilienfeld ging dazu über, Ingigerd sein Bedauern über den Tod ihres Vaters, seines Freundes, auszudrücken.

»Fräulein Ingigerd Hahlström«, sagte Friedrich, »konnte bis jetzt aus Gesundheitsrücksichten nicht öffentlich auftreten. Nun haben aber inzwischen Webster und Forster die junge Dame auf eine so krüde und rüde Weise durch Mittelspersonen und Briefe bedroht, daß sie jetzt den Entschluß gefaßt hat, bei diesen Leuten keinesfalls aufzutreten.« – »Nie!« sagte Ingigerd. »Nimmermehr!«

Friedrich fuhr fort: »Die Gage ist außerdem eine erbärmliche! Wir haben hier Briefe mit Angeboten, die auf das Dreifache, ja Vierfache gestiegen sind.« – »Das ist ganz in der Ordnung!« erklärte Direktor Lilienfeld. »Gestatten Sie, daß ich mit meinem Rat nicht zurückhalte: vorerst möchte ich Sie beruhigen, wenn Sie etwa durch die Einschüchterungsversuche von Webster und Forster unsicher gemacht sein sollten. Der Vertrag mit Ihrem Herrn Vater hat nämlich, aus verschiedenen Ursachen, keine gesetzliche Gültigkeit. Der Zufall hat es mit sich gebracht, daß ich über die Scheidungsmodalitäten Ihres verstorbenen Herrn Vaters und Ihrer Frau Mutter durch beide Parteien und dann durch meinen Bruder, den Rechtsanwalt Ihres verstorbenen Vaters, ziemlich genau unterrichtet bin. Damals sind Sie, mein Fräulein, rechtlich der Mutter zugesprochen. Ihr Vater hat also, genau genommen, zum Abschluß eines Vertrages überhaupt kein Recht gehabt. Sie sind geflohen, Sie sind mit Ihrem Papa gegangen, weil Sie Ihrem Papa mit Leib und Seele anhingen und weil das Einvernehmen zwischen Ihnen und Ihrer Frau Mama vielleicht ein weniger gutes war. Und ich stehe nicht an, zu sagen: Sie taten recht, sehr recht daran! Denn er hat Sie, Ihr Vater, zur großen Künstlerin ausgebildet.«

»Jawohl, ich danke!« lachte unwillkürlich, gegen eine solche Erziehung zur Kunst noch bei der bloßen Erinnerung protestierend, Ingigerd. »Er hat mich jeden geschlagenen Vormittag, während er höchst gemütlich seine Shagpfeife rauchte, auf einem Teppich splitterfasernackt Sprünge und Verrenkungen machen lassen. Nachmittags hat er sich ans Klavier gesetzt, und dann ging die Sache von frischem los.«

Der Direktor fuhr fort: »Ihr Vater war darin schlechterdings großartig. Drei oder vier internationale Stars allererster Größe hat er, wenn Sie es mir zu sagen erlauben, auf die Tanzbeine gestellt. Er war der Tanzmeister beider Welten.« Der Direktor lachte vielsagend: »Freilich auch noch manches andere Interessante nebenbei. Aber bleiben wir bei der Hauptsache: wenn Sie wollen, ist Ihr Vertrag bei Webster und Forster bedeutungslos.

Ich leugne nicht«, begann er aufs neue und wandte sich diesmal besonders gegen Friedrich um, »ich leugne nicht, daß ich in den Grenzen eines Gentleman auch Geschäftsmann bin. Und in dieser Eigenschaft gestatte ich mir, an Sie eine Frage zu richten, Herr Doktor: Besteht bei Ihnen überhaupt noch die Absicht, Ihre Schutzbefohlene öffentlich auftreten zu lassen, oder ist vielleicht bei Ihnen und ihr der Entschluß gereift, sich ins private Leben zurückzuziehen?« – »O nein« sagte Ingigerd sehr entschieden.

Friedrich kam sich vor wie ein Schwertschlucker, der sich von dem Stahl zu befreien nicht gleich imstande ist. »Nein«, sagte auch er, »ich würde zwar wünschen, daß Fräulein Ingigerd überhaupt nicht mehr auftrete, weil sie von zarter Gesundheit ist. Aber sie selbst behauptet, sie brauche die Sensationen. Und wenn ich die Anträge überblicke, die Honorare, die ihr geboten sind, so weiß ich nicht, ob ich ein Recht habe, sie zurückzuhalten.«

Der Direktor sagte: »Herr Doktor, ich bitte Sie, tun Sie das nicht! – Ich fand unten die Türe geöffnet, ich trat ins Haus, ich klopfte an mehrere Türen, niemand gab Antwort, niemand öffnete. Endlich gelangte ich bis hierher und hatte das Glück, am Ziele zu sein. Mein Fräulein, Herr Doktor, lassen Sie mich die Sache mit Webster und Forster ausfechten, Leuten, die wirkliche Blutsauger sind und die überdies die Dame beleidigt haben. Denn ich kann Sie versichern, es werden von dort aus fortwährend Gerüchte der allerniederträchtigsten Art in Umlauf gesetzt.« – »Bitte, Namen!« sagte erbleichend Friedrich. – »Pst!« Der Direktor erhob beschwichtigend beide Hände, und es kam Friedrich vor, als ob der Geschäftsmann diebisch zwinkere. Es war, als wenn ein plötzlich aufdringendes, breites Lachen ihm unvermutet allen Geschäftsernst verdarb. »O Gott«, rief er, »vielzuviel Ehre! vielzuviel Umstände!« Und der Mann sah Friedrich nun zynisch mit runden und großen Augen gerade an. Dann fuhr er fort: »Ich überbiete bei einem Engagement um fünfhundert Mark pro Abend, also zirka hundertundvierzig Dollar, jedes bis jetzt erfolgte Angebot, alle Spesen und Kosten ausgenommen. Treten Sie in zwei oder drei oder vier Tagen auf! Wenn Sie einverstanden sind, können wir gleich zum Anwalt fahren.«

Kaum zehn Minuten später standen Friedrich und Ingigerd mit etwa zwanzig Personen in einem Riesenlift, der sie in den fünften Stock eines Geschäftshauses in der City hinaufführte. Lilienfeld sagte zu Friedrich: »Wenn Sie so etwas noch nicht kennen, werden Sie staunen über die Office eines gesuchten amerikanischen Rechtsanwalts. Es sind ihrer übrigens zwei: Brown und Samuelson. Aber Brown ist ein Schwachkopf, der andere macht alles.«

Gleich darauf standen sie vor Samuelson, dem berühmten New-Yorker Rechtsanwalt. In einem Riesensaal, einer Schreibfabrik, wo Damen und Herren an Schreibmaschinen arbeiteten, war für den Chef mit Holz und blindem Glas ein Raum abgeteilt. Der Mann, nicht sehr groß, hatte schlechte Farbe und trug einen Christusbart. Seine Kleidung war keineswegs neu, eher abgeschabt. Er war überhaupt kein Musterbeispiel amerikanischer Sauberkeit. Man schätzte sein Jahreseinkommen in Dollars nach Hunderttausenden. Der Vertrag zwischen Lilienfeld und Ingigerd wurde in fünfzehn Minuten abgeschlossen, ein Vertrag, der, bei Ingigerds Minderjährigkeit, beiläufig ebensowenig als der mit Webster und Forster rechtsgültig war. Übrigens zeigte sich Herr Samuelson, der mit sehr leiser Stimme sprach, über die Sachlage im Falle Hahlström – Webster und Forster eingehend informiert. Er lächelte nur sehr geringschätzig, als man auf diese Herren und ihre Ansprüche zu reden kam und sagte: »Wir lassen sie ruhig an uns herankommen.«

Als Ingigerd und Friedrich während der Heimfahrt im Cab allein saßen und die vordere Fensterwand geschlossen war, umarmte Friedrich das Mädchen mit Leidenschaft. »Wenn du öffentlich auftrittst, Ingigerd«, sagte er, »ich werde wahnsinnig.«

Der arme junge Gelehrte begann aufs neue die Pein, die er litt, diesmal unter heißen Umarmungen auszuschütten. Er sagte: »Ich bin ein Mensch, der ertrinkt! der noch hier auf gesichertem Boden, wenn du ihm nicht die Hand gibst, ertrinken muß! Du bist stärker als ich! du kannst mich erretten. Die Welt ist mir nichts, was ich verloren habe, war mir nichts, wird mir nie etwas sein, wenn ich dich dafür eintausche.«

»Du bist nicht schwach!« sagte Ingigerd. Sie atmete schwer, ihre schmalen Lippen trennten sich. Und wieder lag das furchtbar verführerische Lächeln einer Maske über ihrem bewußtlosen Antlitz verbreitet. Sie hauchte: »Nimm mich! entführe mich!«

Sie schwiegen lange, während das Cab auf seinen Gummirädern dahinrollte. Dann sagte Friedrich: »Nun mögen sie lange auf dich warten, Ingigerd. Morgen sind wir bei Peter Schmidt, in Meriden!« Aber sie lachte, ja lachte ihn aus, und er merkte sehr wohl, daß er ihren Körper, aber nicht ihre Seele zum Schmelzen gebracht hatte.

Man hielt vor dem Klubhaus. Friedrich brachte Ingigerd bis zur Haustür. Wortlos, mit seiner Erschütterung und Beschämung kämpfend, drückte er ihr die Hand. Wortlos stieg er ins Cab zurück. Dem Kutscher hatte er irgendein Ziel, was ihm gerade einfiel, angegeben.

 

Friedrich verkroch sich. Er schämte sich. Sobald er allein saß, nannte er sich in leidenschaftlichster Inbrunst mit den allerverächtlichsten Schimpfnamen. Er nahm seinen Schlapphut, den er immer noch nicht durch den New-Yorker Zylinder ersetzt hatte, vom Kopf, wischte den Schweiß von der Stirn und schlug zugleich mit der Faust dagegen: Mein armer Vater! In einem Monat werd' ich vielleicht nicht mehr und nicht weniger als der Zuhälter einer Dirne sein. Man wird mich kennen, mich honorieren. Jeder deutsche Barbier in New York wird erzählen, wer mein Vater ist, von was ich lebe und wem ich nachlaufe! Ich werde der Pudel, der Affe, der Gelegenheitsmacher dieses nichtsnutzigen kleinen Balgs und Teufels sein. Die ganze deutsche Kolonie in den kleinen und großen Städten, wo wir auftauchen, wird in mir ein typisches Beispiel dafür sehen, bis zu welchem ekelhaften Grade ein Mitglied des deutschen Adels, bis in welche Kloake ein ehemals tüchtiger Mensch, Mann und Familienvater sinken kann.

In diesem Zustand der Einkehr und der Beschämung ließ Friedrich, während der schnellen Fahrt durch den Broadway, die Blicke wie blind an den Häusern entlanggleiten. Plötzlich schnellte er aus der zurückgelehnten, gleichsam verkrochenen Lage empor, weil ihm die Aufschrift »Hofmann-Bar« in die Augen fiel. Er sah nach der Uhr und erinnerte sich der auf der »Hamburg« getroffenen Abrede. Es war der Tag, und es war die Zeit zwischen zwölf und eins, wo sich die Schiffbrüchigen mit ihren Rettern in der Hofmann-Bar nochmals treffen wollten. Das Cab fuhr, trotz des von Friedrich gegebenen Haltesignals, an der Bar vorbei. Friedrich stieg aus, lohnte ab und war gleich darauf in den bekannten New-Yorker Trinkraum eingetreten.

Er sah einen langen Schenktisch, Marmorplatten, Marmorverkleidungen, Messing, Silber, Spiegel, auf denen kein Stäubchen zu entdecken war. Sehr viele blanke, leere Gläser, Gläser mit Strohhalmen, Gläser mit Eisstückchen. Barkeepers, in tadellose Leinwand gekleidet, besorgten die verschiedenartigen amerikanischen Drinks mit einer Gewandtheit, die an Kunst streifte, und einer Gelassenheit, die durch nichts zu stören war.

Die Wand hinter dem Schenktisch hatte bis zu erreichbarer Höhe viele blitzende Zapfhähne aus poliertem Metall und Durchgänge in die Vorrats- und Wirtschaftsräume. Darüber war sie mit Bildern behängt. Friedrich sah über den Köpfen der längs der Bar stehenden oder hockenden Leute, die den runden Hut oder Zylinder nach hinten geschoben hatten, einen köstlichen weiblichen Akt von Courbet, Schafe von Troyon, eine helle, wolkige Meerlandschaft von Dupré, mehrere ausgesuchte Stücke von Charles François Daubigny: eine Dünenlandschaft mit Schafen, eine andere mit doppeltem Vollmond: über dem Horizont und als Spiegelung in einem Tümpel, dabei zwei wiederkäuende Stiere – Friedrich sah einen Corot: Baum, Kuh, Wasser, herrlicher Abendhimmel – einen Diaz: Weiher, alte Birke, Lichtreflexe im Wasser – einen Rousseau: riesiger Baum im Sturm – einen Jean Francois Millet: Topf mit Rüben, Zinnlöffel, Messer – ein dunkles Porträt von Delacroix – noch einen Courbet: Landschaft, gespachtelt, kompakt in der Malerei – einen kleinen Bastien Lepage: Mädchen und Mann im Gras, mit sehr viel Licht – außerdem viele andere vorzügliche Bilder. Er war von dem Anblick so gebannt, daß er beinahe vergaß, was er eben durchlebt hatte und weshalb er gekommen war.

Da Friedrich die Augen, in fast vollkommener Selbstvergessenheit, auf diese Adelsgalerie französischer Kunst gerichtet hatte, ward er durch eine etwas laute Gruppe von Gästen gestört, die sich durch Geschrei, Gelächter und eine gewisse Zappeligkeit von der Ruhe der übrigen unterschieden. Plötzlich wurde ihm eine Hand auf die Schulter gelegt, er erschrak und sah einem Mann in die Augen; dessen bärtiger Kopf ihn fremd und gewöhnlich anmutete. Cocktails und andere gute Getränke hatten der Gesichtshaut des Mannes einen päonienartigen, ins Bläuliche spielenden Anstrich gegeben. Der Fremde sagte: »Wat is mich denn dat, leiwer Doktor, kennen Sie Kapitän Butor nicht?« Gott ja, das war ja der Kapitän, der Mann, dem Friedrich sein Leben verdankte.

Und nun erkannte er auch die Gruppe, deren Lärm ihn beim Betrachten der Malereien gestört hatte. Es war der armlose Artur Stoß, dessen Bursche Bulke etwas abseits saß. Es war Doktor Wilhelm, der Maler Fleischmann, der Maschinist Wendler. Es waren zwei Matrosen vom »Roland«, die neue Anzüge und Mützen bekommen hatten. Man hatte sie bereits einem anderen Dampfer zugeteilt.

Friedrich wurde jetzt laut begrüßt. Artur Stoß sang gerade das alte Lied, wonach er in kurzer Zeit das Reisen aufgeben und sich zur Ruhe setzen werde. Er sprach dabei viel und laut von seiner Frau und schien Wert darauf zu legen, bekannt zu geben, daß er wirklich eine besaß. Seine Erfolge, sagte er, seien diesmal riesenhaft, man habe am Abend vorher das Podium gestürmt und ihn auf den Schultern umhergetragen.

»Nun, Kollege«, fragte Doktor Wilhelm, »wie geht's? wie haben Sie Ihre Zeit verbracht?« – »So so la la!« Friedrich zuckte die Achseln. Er wußte selbst nicht, wie ihm diese summarische Abfertigung der inhaltsreichen Zeit über die Lippen kam. Aber seltsamerweise war hier an Land, in der Hofmann-Bar, wenig oder nichts von seinem Drange, sich dem Kollegen mitzuteilen, übriggeblieben. »Was macht unsere Kleine?« fragte Wilhelm und lächelte vielsagend. – »Ich weiß nicht«, gab Friedrich mit dem Ausdruck kühlen Befremdens zurück. Er fügte hinzu: »Oder wen meinen Sie, lieber Kollege?« Da Friedrich einige solche, etwas ungelenke Antworten gab, wollte das Gespräch nicht in Gang kommen. Er selbst begriff in den ersten zehn oder fünfzehn Minuten nicht, warum er eigentlich hergekommen war. Außerdem war die Gruppe peinlicherweise als Zirkel der Geretteten vom »Roland« unter den Gästen der Bar bekanntgeworden. Stoß an sich, der Mann ohne Arme, war auffällig. Er selbst trank nicht, aber er hatte die »Spendierhosen« an. Und dieser Umstand hatte Kapitän Butor, den Maschinisten Wendler, den Maler Fleischmann und die Matrosen bewogen, einander kräftig Bescheid zu tun. Auch Doktor Wilhelm ließ sich nicht nötigen.

Er berichtete leisen Tones, daß man für den Maler Fleischmann in der New-Yorker »Staatszeitung« eine Sammlung eröffnet habe und daß ihm schon eine Summe von Dollars überreicht worden sei, wie sie der arme Kerl wohl noch niemals beisammen gesehen hätte. Nun lachte Friedrich mit Herzlichkeit, denn er begriff, weshalb sich Fleischmann mit einer so großen Entschiedenheit zugleich betrank und gewaltig aufspielte.

»Was sagen Sie dazu, Herr Doktor?« Mit diesen Worten redete Fleischmann Friedrich an, lachte und denunzierte ihm gleichsam die mit Bildern bedeckte Wand. »Nu sagen Se mal, nu sehen Se mal! So was nennt sich Kunst! So was wird für Millionen und aber Millionen aus Frankreich bezogen. So was schmiert man den Amerikanern an! Ich wette, wenn einer bei uns nicht besser zeichnet als der oder der« – er wies dabei auf beliebige Bilder –, »dann ist er bei uns, in München, Dresden oder Berlin, schon in der Gipsklasse abgetan.«

»Sie haben ganz recht«, sagte lachend Friedrich.

»Passen Sie auf«, schrie Fleischmann, »ich werde den Amerikanern ein Licht aufstecken. Die deutsche Kunst ...« Aber Friedrich hörte schon nicht mehr hin, nur kam es ihm nach einiger Zeit so vor, als ob Fleischmann inzwischen die gleichen Worte unzählige Male mißbraucht hätte.

Friedrich sagte darauf ziemlich ungeniert zu Wilhelm: »Erinnern Sie sich, wie dieser brüllende Seehund, dieses wahnwitzig lachende Vieh aus den Wellen vor unserem Boote auftauchte?«

Kapitän Butor und Maschinist Wendler, die über irgend etwas furchtbar gelacht hatten, traten mit überlaufenden Äuglein herzu, als ob sie die Zeit für gekommen hielten, nun mit den beiden Ärzten für einige Augenblicke ernst zu sein. »Haben Sie gehört, meine Herren«, sagte der Kapitän, »daß bereits von Neufundlands Fischern Trümmer und Leichen signalisiert worden sind? Auch Rettungsringe vom ›Roland‹ sind gefunden. Die Trümmer und die Leichen sind angeblich auf einer Sandbank angespült. Viele Haie und sehr viele Vögel treiben sich, wie es heißt, in der Nähe herum.« Wilhelm fragte: »Was meinen Sie, Kapitän, wird nach Ihrer Meinung noch jemand vom ›Roland‹ tot oder lebend zu bergen sein?« Von den Lebenden wollte Herr Butor nichts sagen: »Es könnte ja sein, daß ein und das andere Boot noch weiter südlich getrieben wäre und ruhige See getroffen hätte. Nur sind sie dann aus dem Kurs der großen Dampfer heraus, und es kann sein, daß sie drei, vier Tage lang kein Schiff treffen. Wracke, Trümmer und Tote werden meist vom Labradorstrom nach Süden geführt, bis sie den Golfstrom treffen, der sie dann nach Nordosten treibt. Wenn sich die Trümmer und Leichen mit dem Strome in der Nähe der Azoren nach Norden wenden, so können sie in kurzer Zeit einige tausend Seemeilen nördlich, und zwar an der schottischen Küste sein.«

»Dann könnte also«, sagte Friedrich, »unser blonder prächtiger Kapitän doch möglicherweise noch in schottischer Erde, auf einem Kirchhof der Namenlosen, sein Grab finden.«

»Wir armen Kapitäne«, sagte Butor, der etwa den Eindruck eines deutschen Pferdebahnkondukteurs machte, »man verlangt von uns, wir sollen, wie unser Herr Jesus Christus, dem Meere und dem Sturm gebieten, und wenn wir das nicht können, so haben wir zwischen Ersaufen in See oder Gehangenwerden an Land die Wahl.«

Artur Stoß trat heran: »Können Sie sich erinnern, meine Herren, als wir sanken, sind da die Schotten geschlossen gewesen?« Friedrich sann nach, dann sagte er: »Nein!« – »Ich hatte den Eindruck ebenfalls«, sagte Stoß. »Die Herren Matrosen behaupten, davon nichts zu wissen. ›Wir haben die Befehle ausgeführt, die wir bekommen haben‹, sagten sie.« Maler Fleischmann rief dazwischen: »Die Schotten sind nicht geschlossen gewesen. Ich habe den Kapitän überhaupt nicht gesehen, weiß also nicht, was für ein Mann er gewesen ist. Die Schotten sind jedenfalls nicht geschlossen gewesen. Ich hatte meinen Platz«, erzählte er weiter, »neben einer Familie russisch-jüdischer Auswanderer. Da fühlten wir einen furchtbaren Stoß, ein Scheitern und Splittern, als wäre das Schiff gegen eine Granitklippe angelaufen. Und da brach auch sofort die Panik los. Alle wurden blödsinnig, alle wurden vollkommen wahnsinnig. Dabei flogen wir durcheinander und mit den Köpfen gegeneinander und gegen die Wand« – er streifte den Ärmel empor –, »da können Sie sehen, wie ich zerschunden bin. Nämlich, da war eine schwarze Russin, die dafür gesorgt hatte ... die dafür gesorgt hatte, sage ich, daß mir die Zeit bis dahin im allgemeinen nicht lang wurde.« – Wilhelm sah Friedrich bedeutsam an. – »Sie ließ mich nicht los! Sie war vom Schreien ganz heiser geworden! Sie pfiff nur noch! Sie hielt mich fest, und wie, sage ich Ihnen, und keuchte nur immer: ›Entweder Sie gehen mit mir zugrunde, oder Sie retten mich!‹ Was konnt' ich denn tun? Ich mußte ihr wirklich 'n Ding übern Kopf geben.«

»Ja, was soll einer tun in solcher Lage?« sagte Maschinist Wendler, »prost, meine Herren!«

»Apropos«, sagte Stoß, »Herr Doktor von Kammacher, da fällt mir die kleine Hahlström ein. Sie sollten ihr zureden, daß sie mit Webster und Forster sobald wie möglich ins reine kommt. Wenn Sie das Mädel am Auftreten hindern, so stehen Sie ihr tatsächlich im Licht.« – »Ich?« fragte Friedrich, »was fällt Ihnen ein?« – Unbeirrt fuhr der Armlose fort: »Webster und Forster sind sonst sehr anständig, ihr Einfluß und Anhang aber ist unberechenbar. Wehe, wenn man im Bösen mit ihnen zu tun bekommt!« – »Bitte, Herr Stoß, ersparen Sie sich alles Weitere. Ich bin für die arme Waise, von der Sie reden, durchaus nicht zum Vormund bestellt.«

»Ach was, arme Waise!« sagte Stoß. »There's money in it, sagt der businessman. Vergessen Sie nicht, wir sind hier im Dollarlande.«

Friedrich war indigniert. Er hatte Lust, seinen Hut zu nehmen und fortzulaufen. Er konnte nicht mehr begreifen, weshalb er mit diesen Leuten zusammenkam. Um abzulenken und einige Bosheit und schlechte Laune loszuwerden, allerdings auch aus einem edleren Grunde, fing er plötzlich von dem Dienstmädchen Rosa zu sprechen an und rügte, daß man von dieser Person so wenig hermache. Es würde ihm viel wichtiger sein, für diese als für irgendeine andere Frauensperson etwas zu tun. Er sei kein Händler. Er sei kein Schacherer. Aber wenn man Gelder gesammelt habe und nicht für Rosa gesammelt habe, so habe man für eine wirkliche Heldin des »Roland« eben nichts getan. – »Wieso? wieso?« fragte Fleischmann erschrocken und mit einer gewissen Rüdigkeit. Ihn traf der Gedanke, daß man vielleicht eine Teilung seines Raubes beabsichtigen könnte. Bei diesen Worten trat Bulke heran: »Erinnern Sie sich, Herr Fleischmann: Rosa hat Sie zuerst gesehen! Wo Rosa nicht war und Sie aus dem Wasser gezogen hätte – das Frauenzimmer ist bärenstark! –, von uns anderen hätten Sie eher noch eins mit dem Ruder über den Kopf gekriegt.« – »Was Sie sagen, Sie Schöps«, sagte Fleischmann zurückziehend, »is ja richtiger Bledsinn! Keene Ahnung.« Dann wandte er sich gegen die Bilderwand und sagte mit bezug auf einen der wundervollen Daubignys: »Weeß Gott, ich sehe in einem fort die beeden schauderhaften mondsichtigen Ochsen an.« Friedrich zahlte, empfahl sich und ging seiner Wege.

Den Vorschlag der anderen, gemeinsam zu frühstücken, hatte er für sein Teil, so höflich als es ihm irgend möglich war, abgelehnt.

 

Auf der Straße fragte er sich, warum er eigentlich so wenig Humor habe. Was konnten diese harmlosen Leute dafür, daß er in einem Zustand der Überreizung war. Es lag in Friedrichs Art, sobald er ein Unrecht eingesehen hatte, es möglichst sogleich wiedergutzumachen. Deshalb kehrte er um, als er mit sich im reinen war, in der Absicht, das Frühstück seiner Unglücks- und Glücksgenossen nun doch noch mitzumachen.

Er brauchte Minuten, ehe vor seinen Augen die Pforte der Hofmann-Bar wieder auftauchte. Wie immer war der Broadway belebt, und zwei endlose, von kurzen Zwischenräumen unterbrochene Reihen der gelben Wagen der Drahtseilbahn fuhren aneinander vorüber. Die Luft war kalt. Der Lärm war groß, und in diesen Lärm sah Friedrich eben die Genossen seines Schiffbruchs aus der Bar heraustreten. Im Begriff, mit der Hand zu winken, glitt er aus. Irgendein Obstkern oder eine Apfelschale auf dem nassen Trottoir war die Ursache. In diesem Augenblick rief eine Stimme: »Fallen Sie nicht, Herr Doktor. How do you do?« Friedrich stand wieder fest, und sah eine stattliche schöne Dame, die verschleiert war, ein Pelzbarett und ein Pelzjäckchen trug und in der er langsam Miß Burns wiedererkannte.

»Herr Doktor, ich habe Glück«, sagte sie, »denn ich komme sehr selten in diese Gegend und habe nur gerade heut, weil ich hier in der Nähe etwas kaufen muß, diesen Umweg zu meinem Restaurant gemacht. Wären Sie übrigens nicht gestolpert, würde ich Sie gar nicht bemerkt haben. Außerdem hat mich heute eine junge Dame, die Sie kennen, Fräulein Hahlström, die Herr Franck ins Rittersche Atelier brachte, länger als sonst dort zurückgehalten.«

»Sie speisen allein, Miß Burns?« fragte Friedrich.

»Ja, ich speise allein«, sagte sie, »aber wundert Sie das?« – »Nein, gar nicht«, beeilte er sich zu versichern. »Ich wollte nur fragen, ob Sie etwas dagegen hätten, wenn ich mit Ihnen frühstückte?« – »Aber nein, Herr Doktor, es freut mich sehr.«

Das stattliche Paar wurde im Weiterschreiten von den Passanten viel beachtet. »Darf ich Sie bitten«, sagte Friedrich, »nur einen Augenblick stehenzubleiben. Eben steigen nämlich dort Leute, die durch Gottes unerforschlichen Ratschluß teils meine Retter geworden, teils mit mir errettet worden sind, in einen Straßenbahnwagen ein. Ich möchte den Herren nicht nochmals begegnen.«

Die gefürchtete Gruppe war gegen Brooklyn davongerollt. Friedrich fuhr fort: »Ich segne den Himmel, Miß Burns ...« Er stockte. – Sie lachte und sagte: »Sie meinen, weil Sie von diesen Herren im Straßenbahnwagen gerettet worden sind?« – »Nein, daß ich Sie getroffen und daß Sie mich vor diesen Herren gerettet haben. Ich gebe zu, ich bin undankbar. Aber da ist ein Kapitän. Als ich sein Schiff über den Ozean heranschweben und heranstampfen sah und ihn oben auf der Kommandobrücke, da war er, wenn schon kein Erzengel, so doch wirklich ein Werkzeug Gottes. Er war nicht mehr irgendein Mensch, sondern er war der Mensch! der rettende Gottmensch! Und außer ihm gab es keinen. Meine Seele und unsere Seelen schrien ihn, ja beteten ihn an! Hier ist er ein guter, braver, platter, kleiner, langweiliger Spießer geworden. Den armlosen Stoß, dessen lebhafter Geist während der Seereise eine Wohltat war, verflacht die Pflicht, die den Kapitän Butor vertieft. Da ist der Schiffsarzt, mein guter Kollege: Ich war ganz verblüfft, zu erleben, wie unausgiebig er eigentlich ist. Nichts bindet uns mehr, nachdem das Band des Schiffbords nicht mehr vorhanden ist.« Friedrich sprach, wie wenn eine Schleuse geöffnet wäre.

Er sagte: »Was mich heute besonders erschreckt hat, ist die Tatsache, daß ein Mensch einen Eichbaum restlos verdauen kann. Was mich betrifft, ich ertappe mich immerwährend darauf, wie ich die Tatsache des Unterganges dieses Riesendampfers, den ich bis in alle Winkel gekannt habe, bezweifle. Ich habe da etwas gesehen, aber ich bin so unendlich ferne davon, daß es meinem ganzen Wesen noch immer nicht eigentlich faßlich ist. Ich fühle jetzt erst das riesige Schiff in meiner Seele lebendig werden. Drei-, vier-, fünfmal am Tag wiederholt es in meiner Seele den Untergang. Heute nacht fuhr ich auf, verzeihen Sie, wirklich in kaltem Schweiß gebadet, von infernalischem Klingeln geweckt, und der Wirrwarr und das Getute der Notsignale und die blutigen Fratzen und menschlichen Glieder, die um mich her schwammen, waren reichlich grauenvoll.«

»Ihre Freunde«, sagte lachend Miß Eva Burns, »müssen sich wirklich sehr schlecht aufgeführt haben, wie mir scheint.« Das konnte Friedrich nun nicht bestätigen. Er sagte nur immer wieder: »Sie haben das Schiff mit allem Holz und Eisen und allem Leben darin mit den Zähnen zermalmt und spurlos hinuntergeschlungen.«

Das Paar war vor der Tür einer kleinen Gastwirtschaft angelangt. Miß Eva sagte: »Wenn Sie jetzt wirklich mit mir frühstücken wollen, Herr Doktor, so dürfen Sie in Ihren Ansprüchen nicht etwa auf der Höhe von Mr. Ritter stehn.« Sie traten ein und waren in einem niedrigen Stübchen, das eine Diele aus roten Fliesen und vertäfelte Decke und Wände hatte. Der kleine Raum, sauber gehalten, war von einem Publikum kleiner Leute besucht: deutschen Barbieren, Kutschern und Geschäftsangestellten, die hier Getränke an der Bar und ein billiges Frühstück vorfanden. Der Wirt hatte eine kleine Sammlung von Sportsbildern aufgehängt: namhafte Jockeis mit ihren Pferden, Kettensprenger, Brückenspringer und anderes mehr. Der Mann sah aus, als ob er am späten Abend und nachts mit einem ganz anderen Publikum zu tun hätte.

Friedrich litt noch immer an einer gewissen Wohlerzogenheit. Deshalb war er heimlich erstaunt, daß sich Eva Burns in ein solches Lokal wagte. Der Wirt erschien und sagte auf Englisch mit unverändertem maskenhaftem Ernst: »Sie kommen spät, Miß Burns. Haben Sie Havarie gehabt?« Lebhaft und aufgeräumt gab sie zur Antwort: »Not a bit of it, Mr. Brown, I am always allright!« Dann bat sie um ihr gewöhnliches Lunch und meinte, was den Herrn beträfe, so würde er wahrscheinlich damit nicht zufrieden sein. Hoffentlich habe Mr. Brown für ihn etwas Besseres in der Hinterhand. Friedrich wünschte indessen, das gleiche zu speisen.

»Oh«, sagte sie, als der Wirt gegangen war, »ich warne Sie. Ich glaube wirklich nicht, daß Sie mit meiner Diät einverstanden sein werden. Ich esse niemals Fleisch. Sie sind sicherlich ›Fleischfresser‹.« Friedrich lachte: »Wir Ärzte«, sagte er, »kommen auch immer mehr ab von der Fleischdiät.« – »Ich finde es scheußlich«, sagte sie, »Fleisch zu essen. Ich habe ein schönes Huhn im Garten, ich sehe es alle Tage, und nachher schneide ich ihm die Gurgel durch und fresse es auf. Wir haben als Kinder ein Pony gehabt: schließlich ist es erschlagen worden, und die Leute in East-End haben es aufgegessen. Viele Leute essen gern Pferdefleisch.« – Sie zog ihre langen schwedischen Handschuhe von den Händen, ohne sie aber vom Arm zu streifen. – »Aber das schlimmste ist dieses furchtbare fortgesetzte Blutvergießen, was zur Erhaltung der menschlichen Fleischfresser notwendig ist: diese Riesenschlachthäuser von Chikago, wo der maschinenmäßige Massenmord unschuldiger Tiere fortwährend im Gange ist! Man kann ohne Fleisch leben! Man braucht nicht Fleisch zu essen!«

Alles das sagte sie in einem humoristisch gefärbten Ernst, und zwar auf gut deutsch, nur mit etwas zu dicker Zunge.

Friedrich sagte, wie er aus manchen Gründen in seiner Ansicht über diese Frage noch schwankend sei. Er selbst könne übrigens ohne Fleischnahrung auskommen. Wenn er nur sein Entrecote zu Mittag und sein Roastbeef zum Abend hätte, so sei er zufrieden und brauche nicht mehr. Sie war verdutzt und brach dann über den harmlosen Scherz in herzliches Lachen aus.

»Sie sind ein Arzt«, rief sie. »Ihr Ärzte seid alle Tierquäler!« – »Sie meinen die Vivisektion?« – »Jawohl, ich meine die Vivisektion. Es ist eine Schande, es ist eine Sünde durch die Jahrtausende! Es ist eine schreckliche Sündenschuld, wie man Tiere, bloß um irgendeinem gleichgültigen Menschen das Leben zu verlängern, kaltblütig und grausam zu Tode quält.«

Friedrich wurde ein wenig still, denn er war zu sehr Mann der Wissenschaft, um hierin mit seiner Tischgenossin einig zu sein. Sie spürte das wohl und sagte darauf: »Ihr deutschen Ärzte seid schreckliche Menschen. Wenn ich in Berlin bin, habe ich immer Angst, daß ich sterben und dann in eure schrecklichen Anatomien geschafft werden könnte.«

»Ah, Sie waren schon in Berlin, Miß Burns?« fragte Friedrich. – »O natürlich, Herr Doktor, ich war überall.«

Nun brachte der Wirt das Frühstück herein, das in gebackenen Kartoffeln, Grünkohl und Spiegeleiern bestand und das Friedrich sonst kaum genügt hätte. Aber jetzt aß er mit Appetit und trank dazu, ebenso wie Miß Eva, das obligate amerikanische Eiswasser.

Die Unterhaltung der Dame war ungezwungen und von natürlicher Lebhaftigkeit. Sie hatte bemerkt, wie sehr das Ereignis der Schiffskatastrophe noch in Friedrich lebendig war, und hatte, eingedenk der Mahnung von Peter Schmidt, das Gespräch geflissentlich abgelenkt. Friedrich, der wegen seiner Äußerungen über den Kreis der Schicksalsgenossen mit sich unzufrieden war, versuchte mehrmals darauf zurückzukommen, wie denn überhaupt etwas Bohrendes und heimlich Gequältes in seiner Art, sich zu äußern, lag.

Er sagte: »Man spricht von einer dem Weltplane immanenten Gerechtigkeit. Warum ist aber eine solche ärmliche Zufallsauswahl von Menschen gerettet worden, während so viele, und darunter, von diesem unvergeßlichen Kapitän von Kessel angefangen, die ganze ausgesucht prächtige Mannschaft des ›Roland‹, ertrunken sind? Und weshalb und zu welchem Zweck bin ich selber gerettet worden?«

Sie sagte: »Herr Doktor, gestern waren Sie ein ganz anderer Mann. Sie waren erleuchtet: heut sind Sie verfinstert. Ich finde, daß Sie unrecht haben, nicht einfach dankbar gegen Ihr gutes Geschick zu sein. Meiner Ansicht nach sind Sie weder für die Qualität der Geretteten noch für die eigene Rettung noch für die Zahl der Untergegangenen verantwortlich. Der Schöpfungsplan ist ohne sie entworfen und durchgeführt, und so, wie er eben ist, muß man ihn hinnehmen. Das Leben hinnehmen ist doch die einzige Kunst, deren Übung auf die Dauer wirklich nützlich ist.«

»Sie haben recht«, sagte Friedrich, »nur bin ich ein Mann und habe von Haus aus einen höchst überflüssigen Trieb weniger zur praktischen als zur ideellen Aktivität mitbekommen. ›Die Zeit ist aus den Fugen‹, sagt Ihr dänischer Engländer Hamlet, ›Schmach und Gram, daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam.‹ Ich kann mir diesen unbegreiflichen Größenwahn noch immer nicht abgewöhnen. Dazu kommt noch bei jedem braven Deutschen, der auf sich hält, das Faustische. ›Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin ...‹ und so fort. Da ist man in jeder Beziehung enttäuscht, und da möchte man sich dem Teufel verschreiben, dessen erstes Medikament dann sonderbarerweise meistens ein blondes Gretchen oder mindestens etwas Ähnliches ist.«

Die Dame schwieg, und Friedrich sah sich genötigt fortzufahren.

»Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert«, sagte er, »über die sonderbaren Schicksale eines ideologischen Bankrotteurs etwas Näheres zu erfahren.«

Sie lachte und sagte: »Eines Bankrotteurs? Dafür halt' ich Sie nicht! Aber alles, was Sie angeht und was Sie mir mitteilen wollen, interessiert mich natürlich.«

»Schön«, sagte Friedrich, »wir wollen sehen, ob Sie recht haben. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der bis zum dreißigsten Jahre immer auf falschen Wegen gewesen ist. Oder wenigstens hat die Reise auf jedem dieser Wege immer sehr bald durch Achsenbruch oder Beinbruch ein Ende genommen. Es ist ja auch nur ein Wunder, daß ich diesmal dem wirklichen Schiffbruch entgangen bin. Dennoch glaube ich, mein Schiff ist gescheitert und ich mit ihm, oder wir sind noch mitten im Scheitern. Denn ich sehe kein Land. Irgend etwas fest Begründetes sehe ich nicht.

Bis zum zwölften Jahr war ich in einer Kadettenanstalt. Ich bekam Selbstmordneigung und erlitt Strafen wegen Widersetzlichkeit. Ich konnte keinen Reiz darin finden, mich für eine künftige große Schlächterei vorbereitet zu sehen. Da nahm mich mein Vater heraus, obgleich er damit seine Lieblingsidee mit mir – denn er ist mit Leib und Seele Soldat – aufgeben mußte. Ich absolvierte dann das vielbefehdete humanistische Gymnasium. Ich wurde Arzt, und weil ich darüber hinaus wissenschaftliche Interessen hatte, verlegte ich mich auf Bakteriologie. Nun, Achsenbruch! Beinbruch! die Sache ist abgetan! Ich werde in diesen Fächern kaum noch arbeiten. – Ich trat in die Ehe. Ich hatte mir diese ganze Angelegenheit vorher sozusagen künstlerisch aufgebaut: ein Haus, ein Gärtchen, ein braves Weib, Kinder, die ich auf neue, freie und bessere Art und Weise erziehen wollte, als es üblich ist. Dazu Praxis in einem bedürftigen Landbezirk, da ich der Ansicht war, ich könne dort mehr als in Berlin W von wirklichem Nutzen sein. Aber Junge, hieß es, bei deinem Familiennamen: deine Revenuen in Berlin könnten die zwanzig-, dreißig-, vierzigfachen sein! Meine gute Frau wollte partout keine Kinder haben. Von dem Augenblick an, wo Aussicht war, bis zur Geburt gab es verzweifelte Auftritte, das Leben wurde zur Hölle für uns. Wir haben nicht selten, meine Frau und ich, anstatt zu schlafen, die Nächte durch debattiert. Meine Aufgabe bestand in gutem Zureden, Trösten, laut und leise, heftig und sanft, wild und zärtlich, mit allen erdenklichen Argumenten. – Auch ihre Mutter verstand mich nicht. Meine Frau war enttäuscht, ihre Mutter enttäuscht, weil sie in der Art, wie ich einer großen Karriere aus dem Wege ging, nur das Gebaren eines Verrückten zu sehen vermochten. Dazu kam, ich weiß nicht, ob das in allen jungen Ehen das gleiche ist, daß wir schon jedesmal, bevor noch das Kind geboren war, über die einzelnen Punkte seiner Erziehung das Streiten bekamen. Wir stritten, ob wir den Knaben, wie ich wollte, im Haus oder, wie meine Frau wollte, in der öffentlichen Schule erziehen lassen sollten. Oder ich sagte: ›Das Mädchen bekommt Turnunterricht!‹ – meine Frau: ›Es bekommt keinen Turnunterricht!‹ Das Mädchen war aber noch gar nicht geboren. Wir stritten so, daß wir einander mit Scheidung und Selbstmord drohten. Meine Frau schloß sich ein. Ich prügelte gegen die Tür, weil ich in Angst war und Schlimmes befürchtete. Dann gab es Versöhnungen. Und die Folgen solcher Versöhnungen vermehrten dann wieder das nervöse Elend in unserer Häuslichkeit. Eines Tages mußt' ich die Schwiegermama vor die Türe setzen. Es war ein Mittel, um Ruhe zu schaffen. Meine Frau sah das schließlich selber ein. Überhaupt, wir liebten einander und hatten trotz allem die besten Absichten. Wir haben drei Kinder: Albrecht, Bernhard und Annemarie. Sie sind in drei Jahren, also schnell nacheinander gekommen. Diese Geburten haben die nervöse Disposition meiner Frau zur Krisis gebracht. Schon nachdem Albrecht geboren war, hatte sie einen Anfall von Melancholie. Die Schwiegermama mußte mir zugeben, daß sie die gleichen Anfälle schon als Kind gehabt hatte. Nach der letzten Geburt reiste ich mit meiner Frau auf zwei Monate nach Italien. Es war eine schöne Zeit, und ihr Gemüt schien sich wirklich unter dem ›glücklichen Himmel Italiens‹ aufzuheitern. Aber die Krankheit schritt in der Stille fort. Ich bin einunddreißig Jahre alt und acht Jahre verheiratet. Mein ältester Junge ist sieben Jahr. Es ist jetzt« – Friedrich sann nach –, »es war ungefähr, wir haben jetzt Anfang Februar, Mitte Oktober vorigen Jahres, als ich meine Frau in ihrem Zimmer darüber betraf, wie sie einen nicht gerade billigen moiréseidenen Stoff, den wir in Zürich gekauft hatten und der länger als vier Jahre in ihren Schüben gelegen hatte, in lauter kleine Flickflecken zerschnitt. Ich sehe noch den roten Stoff, soweit er noch nicht zerschnitten war, und den lockeren Berg von Flicken, der auf der Erde lag. Ich sagte: ›Angele, was machst du da?‹ – Und da merkte ich, was die Uhr geschlagen hatte! – Dennoch trug ich mich eine Zeitlang mit Hoffnungen. Eines Nachts aber wachte ich auf und sah das Gesicht meiner Frau mit einem Ausdruck der Abwesenheit dicht über mir. Dabei fühlte ich etwas an meiner Kehle. Sie hatte mir dieselbe Schere, mit der sie den Stoff zerschnitten hatte, an die Gurgel gesetzt. Dabei sagte sie: ›Komm, Friedrich, zieh dich an, wir müssen beide in einen Sarg von Lindenholz schlafen gehn!‹

Nun mußte ich ihre und meine Verwandten zusammenberufen. Schließlich lag Gefahr für die Kinder vor, wenn auch ich mich zu schützen gewußt hätte. – Sie sehen also«, schloß Friedrich, »daß ich auf dem Wege der Ehe auch nicht weit mit meinem Talent gekommen bin. Ich will alles und nichts. Ich kann alles und nichts. Mein Geist ist zugleich überladen worden und leer geblieben.«

Miß Eva Burns sagte einfach: »Da haben Sie in der Tat etwas Schweres durchgemacht.«

»Ja«, sagte Friedrich, »Sie haben jedoch nur dann recht, Miß Burns, wenn Sie die Gegenwartsform an Stelle der Vergangenheitsform setzen und wenn Sie erst ganz ermessen, wodurch dieser Fall noch verwickelter wird. Die Frage ist: Habe ich Schuld an dem Verlauf, den das Gemütsleiden meiner Frau genommen hat, oder aber darf ich mich freisprechen? Ich kann nur sagen, das Verfahren über diesen Fall, wo ich selber Angeklagter, Kläger und Richter bin, ist im Gange, und es ist einstweilen keine letzte Entscheidung abzusehen.

Finden Sie nun einen Sinn darin, Miß Burns, daß gerade mich der Atlantische Ozean nicht hat haben gewollt? Oder daß ich wie ein Verrückter um mein nacktes Dasein gekämpft habe? Daß ich einige Unglückliche, die unser Boot zum Kentern bringen wollten, mit dem Ruder über die Köpfe schlug, so daß sie lautlos und spurlos untertauchten? Ist es nicht eine Gemeinheit, daß ich mich noch immer ans Leben klammere und alles andere lieber tue, als dies gänzlich verpfuschte Dasein aufzugeben?«

Alles dieses hatte Friedrich bleich, erregt, übrigens aber im Tone leichter Konversation gesprochen. Die abgegessenen Teller hatte der Wirt schon vor längerer Zeit beiseite gebracht. Miß Eva sagte, vielleicht um eine peinliche Antwort zu umgehen: »Wir nehmen doch hier noch Kaffee, Herr Doktor?« – »Alles, was Sie wünschen, heut oder morgen und immer, solange ich Ihnen nicht lästig bin. Aber Sie haben an mir einen tristen Gesellschafter. Es gibt nicht zum zweitenmal einen so dummen und kleinen Egoismus, wie der ist, mit dem ich behaftet bin. Denken Sie sich, meine Frau befaßt sich in der Anstalt, in der sie jetzt ist, damit, sich immerfort ihre eigene Sündhaftigkeit, Unwürdigkeit, Schlechtigkeit und Nichtigkeit zu beweisen. Weil sie so unwürdig ist, wie sie sagt, und weil ich so groß, edel und bewunderungswürdig vor ihr dastehe, deshalb muß man sie ständig bewachen, damit sie sich nicht, wie man sagt, ein Leides tut. Ist das nicht ein sehr hübsches Bewußtsein für mich? und darf ich mich da nicht wirklich stolz fühlen?«

Miß Burns aber sagte: »Ich habe gar nicht gewußt, daß in einem so kräftigen Manne, verzeihen Sie, ein so kleines, zitterndes Seelchen sitzt. Was Sie jetzt zu tun haben, ist meiner Ansicht nach nur das: nach Möglichkeit diese ganze Vergangenheit zuzudecken. Etwas Ähnliches müssen wir alle tun, um für das Leben tüchtig zu sein.«

»Nein«, sagte Friedrich, »ich bin vollkommen untüchtig. In diesem Augenblick ist mir wohl, weil ich mich einem Menschen gegenüberbefinde, dem ich aus irgendeinem Grunde über mich reinen Wein – verzeihen Sie, euphemistisch ausgedrückt – einschenken kann.«

»Sie müßten sich konzentrieren, Sie müßten arbeiten«, sagte Miß Burns. »Sie müßten womöglich bis zur absoluten Übermüdung körperlich tätig sein.«

»Oh, meine Verehrte«, rief Friedrich, »wie überschätzen Sie mich! Arbeit? Dazu braucht man Vertrauen und Lust: beides hab' ich verloren. Und wenn ich hier sitze, in einem Lande, das durch die mächtigsten Willenskräfte des europäischen Menschen in Besitz genommen ist, so sitze ich hier – und das ist der Punkt, der die meisten Menschen von heut von den Menschen von damals unterscheidet –, weil ich Ruder und Steuer verloren habe und mein letztes bißchen Selbstbestimmung flötengegangen ist.«

Der Kaffee kam, und Friedrich sowie Miß Burns rührten schweigend die Löffel darin.

Dann fragte Miß Burns: »Wodurch ist Ihnen denn, wie Sie sagen, Ihre Selbstbestimmung verlorengegangen?« – »Theridium triste«, sagte Friedrich und gedachte plötzlich des Beispiels der Galgenspinne, das Doktor Wilhelm in bezug auf Ingigerd gebraucht hatte und das er jetzt im größeren Sinn auf das Verfahren des Schicksals anwendete. Natürlich verstand Miß Burns ihn nicht. Aber Friedrich brach ab und wollte sich, als sie ihn deshalb um Auskunft bat, nicht erklären. Und ebenso schnell und bereit zog die Dame ihre Frage zurück und sagte, sie fände es richtig und gut, wenn er von seiner mit deutschem Tiefsinn geführten Unterhaltung mehr in ihre Sphäre, die Sphäre eines oberflächlichen Menschen, überginge. An diese Bemerkungen schloß sie den Rat: wenn er auch noch so scharf mit sich ins Gericht gehe, weil er so viele verschiedene Wege nicht zu Ende gegangen sei, so müsse er doch getrost einen neuen betreten und sich womöglich auf etwas beschränken, wobei Hand, Auge und Kopf gleichermaßen gefesselt wären. Mit einem Wort: er solle kommen und mit seiner alten Liebe, der Bildhauerei, einen Versuch machen. Vielleicht würde er in einigen Monaten der Meister einer Madonna aus polychromiertem Holz geworden sein.

Friedrich sagte: »Sie täuschen sich, ich bin ein Schaumschläger. Lassen Sie mir die Illusion, wonach ein großer Künstler in mir auf den Augenblick der Befreiung harrt. Viel eher sollte ich vielleicht Mr. Ritters Kutscher, Kammerdiener oder Geschäftsführer sein.«

 

Miß Eva Burns hatte ihr kleines Geldtäschchen hervorgeholt, sie litt nicht, daß Friedrich für sie bezahlte, und beide traten wieder auf die belebte Straße hinaus. Ebenso wie früher erregte das Paar, wo es erschien, Aufmerksamkeit. »Zum Donnerwetter«, sagte Friedrich, der im lärmenden Treiben der Straße wieder ein anderer geworden war, »was habe ich eigentlich alles geschwatzt, Miß Burns? Ich habe Ihre Geduld mißbraucht und Sie auf scheußliche Weise gelangweilt!« – »O nein«, sagte sie, »an solche Gespräche bin ich gewöhnt. Ich verkehre seit vielen Jahren mit Künstlern.« – »Damit wollen Sie hoffentlich doch nicht über meine Wahrhaftigkeit den Stab brechen, Miß Burns?« fragte ein wenig erschrocken Friedrich. – »Nein, aber ich glaube nicht«, sagte sie ruhig und mit einer beinahe männlichen Festigkeit, »daß die Natur, wenn sie uns einmal durch etwas leiden macht, uns durch dasselbe Etwas immer wieder leiden zu machen beabsichtigt. Zwischen zwei Tage, scheint mir, ist, nicht ohne Absicht des Schöpfers, immer und überall für den Menschen die Nacht und der Schlaf gesetzt.«

»Nicht immer und überall«, meinte Friedrich und dachte daran, mit welcher Mühe er sich in den vergangenen Nächten einige Stunden Schlafs erobert hatte. An einer Straßenkreuzung stand Miß Eva still, um eine Tramway zu erwarten, die sie wieder ins Atelier bringen sollte. »Sehen Sie das«, sagte Friedrich zu ihr und wies auf sechs vollständig gleiche Riesenplakate, die alle in schreienden Farben Mara, das Opfer der Spinne, darstellen sollten. Ein grüner Streifen war schräg über jedes Plakat geklebt, worauf man las, die Tänzerin sei bis jetzt noch durch die Folgen des Schiffbruchs am Auftreten verhindert, werde aber am morgigen Tage bei Webster und Forster sich vor dem amerikanischen Publikum zum erstenmal produzieren. Über diesen Plakaten war an derselben Brandmauer Artur Stoß in ganzer Figur, überlebensgroß, sechs- bis achtmal abgebildet.

»Die Kleine hat Mr. Ritter für übermorgen früh zur Probe in ein Theater auf der Fifth Avenue geladen. Das ist doch nicht Webster und Forster!« sagte Miß Burns. Friedrich erklärte ihr, was sich inzwischen begeben hatte. Die in Aussicht stehende Probe war dagegen für ihn selbst eine Neuigkeit. Er sagte leichthin: »Ich habe eigentlich nur Mitleid mit diesem Mädchen.« Er schloß: »Ich hätte den innigen Wunsch, Miß Burns, Sie möchten sich dieses armen leitungslosen Geschöpfes etwas annehmen.« – »Auf Wiedersehen, kommen Sie so bald als möglich ins Atelier arbeiten«, sagte Miß Burns, in den Straßenbahnwagen einsteigend.

Nachdem Miß Eva Burns von dem Strome des New-Yorker Verkehrs fortgerissen worden war, hatte Friedrich seltsamerweise eine Empfindung von Verlassenheit. Ich werde, sagte er sich, selbst auf die Gefahr hin, mein Mißgeschick durch Lächerlichkeit zu krönen, mich morgen in Ritters Atelier verfügen, meine Hände in den Tonkasten vergraben und mein Leben aus einem feuchten Erdenkloß gleichsam von Grund aus neu zu bilden versuchen.

 

Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen hatte Ritter Friedrich bereits in seinem Atelier willkommen geheißen. Er erhielt einen kleinen Arbeitsraum, dessen Tür nach der Werkstatt von Miß Burns offenstand.

Friedrich nahm nun zwar zum erstenmal jenen vielbedeutenden feuchten Ton in die Hand, aus dem Götter Menschen, dafür aber auch die Menschen um so mehr Götter gebildet haben, aber er hatte schon in Rom manchem befreundeten Bildhauer auf die Finger gesehen, so daß ihm die Arbeit, zum eigenen Staunen und zur Verwunderung von Miß Burns, leicht vonstatten ging. Natürlich halfen ihm dabei auch seine anatomischen Kenntnisse. Als er drei Stunden hintereinander mit heraufgestreiften Hemdsärmeln fieberhaft tätig gewesen war und der Arm eines Muskelmenschen, in großen Zügen deutlich nachgeformt, vor ihm stand, fühlte Friedrich ein ihm völlig neues Gefühl der Befriedigung. Er hatte, solange er arbeitete, ganz vergessen, wer er war und daß er sich in New York befand. Als Willy Snyders, wie meistens auf seinem Wege von seinem Geschäft zum Lunch, unterwegs Bonifazius Ritter und die Kunst grüßte, kam es Friedrich vor, als würde er in ein ganz anderes, ihm fremdes Leben aufgeweckt und zurückgerufen. Es tat ihm leid, die Arbeit verlassen zu müssen. Er fand, daß die Mittagsmahlzeit eigentlich etwas recht Störendes sei.

Miß Burns sowohl als Willy hatten Friedrich durch Lob stolz gemacht. Als Ritter kam, wurden sie schweigsam und abwartend. Ritter, nachdem er diesen ersten Versuch des Arztes betrachtet hatte, meinte: er habe sicherlich schon öfters Ton in den Händen gehabt. Das konnte Friedrich mit gutem Gewissen verneinen. »Nun«, meinte Ritter, »dann haben Sie wirklich mit dem Material gewirtschaftet wie jemand, dem die Sache im Blute sitzt. Nach diesem ersten Versuche erscheint es mir, als ob Sie nur auf den Ton gewartet hätten und als ob der Ton nur auf Sie gewartet habe.« Friedrich sagte: »Wir wollen sehen!« Er fügte hinzu: es heiße zwar, aller Anfang sei schwer, aber nach seiner Erfahrung sei es bei ihm eher umgekehrt. So gewinne er meist die erste und zweite Schach-, Skat- oder Billardpartie, während er später immer verliere. So sei ihm seine Doktorarbeit, seine erste bakteriologische, und seien ihm seine ersten medizinischen Kuren gut ausgeschlagen. Diesen Behauptungen, an denen immerhin ein Gran Wahrheit war, wollten die Künstler indessen nicht trauen, und Friedrich verließ das Atelier in einer gesünderen Laune, als ihn je eine seit Jahren überkommen hatte.

Leider schlug sie einigermaßen um, nachdem er im Klubhaus mit Ingigerd Hahlström gesprochen hatte. Das Mädchen hörte mit Anteillosigkeit, wenn nicht mit Ironie, von seiner neuen Betätigung. Ritter, Willy und Lobkowitz waren heimlich empört über ihre Bemerkungen. Sie verlangte von Friedrich, er müsse zu Webster und Forster gehn und diese Leute veranlassen, eine Anzeige, die sie bei der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« aus Rache gemacht hatten, zurückzuziehen. Da ihnen der Dollarwert, der in der kleinen Schiffbrüchigen steckte, durch deren neuen Vertrag mit Lilienfeld entgangen war, sollte nun wenigstens auch dem Konkurrenten ein Strich durch seine Rechnung gemacht werden. Ingigerd hatte am Morgen eine erste kleine Probe gehabt. Zur Probe des nächsten Tages hatte sich bereits ein Vertreter der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« angemeldet. Sie war natürlich darüber außer sich, denn erstlich wollte sie nun durchaus in New York ihr Licht leuchten lassen und im doppelten Sinne gefeiert, das heißt bedauert und bewundert sein. Ferner wollte sie das in Aussicht stehende Kapital nicht einbüßen. Wenn man sie in New York nicht auftreten ließ, so verdarb man ihr das Geschäft für Amerika.

Gegen den eisernen Willen der Kleinen war nicht anzukommen. Mit innerem Ekel, wohl oder übel, mußte Friedrich von Mittag bis Abend für den kleinen Star Läufer- und Handlangerdienste verrichten. Er lief von Webster und Forster zu Lilienfeld, von Lilienfeld zu den Anwälten Brown und Samuelson, von der Second Avenue nach der Fourth Avenue, von der Fourth Avenue nach der Fifth Avenue, um schließlich bei Mr. Barry, dem Vorstand der »Society for the Prevention of Cruelty to Children« selbst, anzuklopfen. Aber Mr. Barry empfing ihn nicht.

Es war ein Glück, daß der brave Willy Snyders seinem ehemaligen Lehrer in aufopfernder Weise zur Seite blieb und ihm – er hatte sich zu diesem Zweck den Nachmittag über von seinem Bürodienst frei gemacht – die Wege so viel wie möglich ebnete. Sein schnoddriger, derber Humor, seine lustigen Privatissima über New-Yorker Verhältnisse halfen Friedrich über viele unangenehme Augenblicke hinweg.

Es ist für die Besitzer der Paläste in der Fifth Avenue gut, daß ihre Ohren mit Taubheit geschlagen sind. Sonst würde keiner von ihnen zum Genuß seines Daseins gelangen. Man kann sich in Europa nicht vorstellen, von welcher Fülle von Flüchen und Verwünschungen die Umgebung der Häuser der Goulds, der Vanderbilts und andrer Nabobs verfinstert ist. Diese langweiligen Sandstein- und Marmorpalais werden angesehen wie auf Jahrmärkten Käfige wilder Tiere, oder wie man Gebäude ansehen würde, die aus den blutigen Judaspfennigen erbaut worden sind, um die, nach der Sage, ein Jünger Jesu den Meister verriet.

Dem allgemeinen Brauche gemäß erging sich denn auch Willy Snyders in höchst respektlosen Äußerungen. Ein solcher Brauch ist natürlich in einem Lande, wo es dem Bürger völlig unmöglich ist, irgend jemand für etwas anderes als seinesgleichen anzusehen, und wo eine geheiligte Autorität, ein unterscheidender Nimbus weder für Geld noch für gute Worte zu haben ist. Es gibt dort keine Fürsten, also auch keine Geldfürsten, sondern nur solche Leute, von denen man sagt, daß sie sich durch Raub, Diebstahl und Betrug einen ungerechten Riesenanteil der allgemeinen, jahraus, jahrein fortgesetzten Dollarfischzüge gesichert hätten.

Friedrich war glücklich, als er am folgenden Morgen wieder in der Nähe des Tonkastens und bei seiner Modellierarbeit stand. Hier konnte er, leidenschaftlich mit Hand und Auge bemüht, seinen vom Lärm New Yorks brummenden Kopf austosen lassen. Er pries sich glücklich, daß er von Grund aus unpraktisch war und den grauenvollen Jahrmarkt, die ewigen Kriech-, Tanz- und Springprozessionen nach dem sakrosankten Dollar nicht mitzumachen brauchte.

Wenn ihm der Atem jenes Treibens das Kleid seiner Seele gleichsam in Fetzen riß, so spürte er, die Details des athletischen Armes nachbildend, wie der innere Heilungsprozeß in Gang geriet, öfters kam Miß Eva herein, um zu betrachten, was er gemacht hatte, und einige Worte mit ihm zu wechseln. Das war ihm lieb, ihre kameradschaftliche Gegenwart beruhigte, ja beglückte ihn. Und das in sich Beruhende ihres Wesens erregte Friedrichs immerwährende stille Bewunderung. Als er ihr sagte, welches merkbare Quietiv ihm diese neue Arbeit sei, erklärte sie, wie sie das sehr wohl aus eigener Erfahrung gewußt habe, und meinte, wenn er nicht abspringe, sondern dabeibleibe, werde ihm die Wohltat einer solchen Arbeitsform bald noch tiefer fühlbar sein.

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