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Gerhart Hauptmann: Atlantis - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleAtlantis
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150921
projectidceb3ed92
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Man erhob sich von Tisch, und als man an Deck hinaufkletterte, sagte Hahlström plötzlich zu Friedrich: »Meine Tochter erwartet Sie. Wir besitzen hier nämlich einen Freund, Herrn Achleitner, einen sanften Schöps, der aber dafür sehr viel Geld besitzt. Der Ärmste weiß nicht, wie es am besten hinauswerfen. So hat er denn einem Leutnant für meine Tochter eine opulente Deckkabine abgemietet. Dafür hat er dann leider auch das Recht, ihr manchmal gehörig zur Last zu sein.«

In der Tat saß Achleitner, als die Herren in das Deckzimmer eintraten, auf einem nicht sehr sicher stehenden Malerstuhl, während sich Mara, sorgfältig eingehüllt, auf dem Diwan streckte. Sogleich aber rief sie dem Vater zu, er möge gefälligst Achleitner, der sie langweile, fortschaffen, und bedeutete Friedrich, sie habe an ihn ein besonderes Anliegen. Gehorsam entfernten sich Hahlström und Achleitner.

»Womit kann ich dienen?« fragte Friedrich und hörte nun eines jener belanglosen Anliegen, womit Ingigerd ihre Umgebung zu beschäftigen liebte. Sie tat das, wie sie erklärte, weil sie sich, wenn nicht Menschen in kleinen Dingen für sie tätig wären, verlassen erschien. »Falls Sie es aber nicht tun wollen«, sagte sie dann – es war irgend etwas ganz Gleichgültiges, wofür die Stewardeß die rechte Instanz gewesen wäre -, »wenn Sie es aber nicht tun mögen, bitte, dann ist es mir lieber, Sie lassen es. Und wenn Sie sich überhaupt bei mir langweilen, so bleibe ich ebensogern allein.«

Friedrich empfand diesen ganzen Beginn als den törichten Ausdruck einer Verlegenheit. Er sagte ruhig, er wolle nach Kräften nützlich sein, und erklärte, daß er sich keineswegs langweile. Das tat er auch nicht, denn allein mit der Kleinen in ihrer Kabine, empfand er, zumal die Bewegung des Schiffes hier weniger spürbar war, den gefährlichen Reiz ihrer Gegenwart.

Das Leiden der Seefahrt gab ihrem Madonnengesicht eine wächserne Durchsichtigkeit. Die Stewardeß hatte ihr die Locken gelöst, die sich über das weiße Linnen des Kopfkissens ausbreiteten: eine goldne Flut, deren Anblick für Friedrich verwirrend war. In diesem Augenblick kam es ihm vor, als ob das ganze ungeheure Schiff, mit seinen Hunderten menschlicher Ameisen, nichts weiter wäre als der Kokon dieses winzigen Seidenräupchens, dieses farbenzarten, entzückenden Schmetterlings; als ob die nackten Heloten, die unten am Grunde des Schiffes Kohlen in die Weißglut schleuderten, nur schwitzten, um dieser kindlichen Venus dienstbar zu sein. Als ob Kapitän und Offiziere die Paladine der Königin, die übrigen ihr Gefolge wären. Und als wäre das Zwischendeck von blindergebenen Sklaven angefüllt.

»Habe ich Ihnen gestern mit meinen Erzählungen wehgetan?« sagte sie plötzlich.

»Mir?« fragte Friedrich. »Sie haben sich höchstens selbst wehgetan.«

Sie betrachtete ihn mit sardonischem Lächeln und zerzupfte dabei einen kleinen Ballen rosafarbener Watte aus einer Konfektschachtel, die neben ihr stand.

Friedrich fühlte, daß in der Art ihres Lächelns, in der Art ihres Blickes ein kaltes Genießen lag, und da er ein Mann war und sich solchem Hohne gegenüber machtlos fühlte, stieg eine Welle physischen Jähzorns in ihm auf, die ihm das Blut in die Augen trieb und seine Hände zu Fäusten zusammenzog. Dies war jener Raptus, den Friedrich gelegentlich notwendig hatte und der seinen Freunden eine bekannte Erscheinung war.

»Was ist Ihnen denn«, flüsterte Ingigerd, indem sie weiter Watte zerzupfte. »Vor einem Mönche, wie Sie sind, fürcht' ich mich nicht.«

Diese Bemerkung war nicht geeignet, die leidenschaftliche Woge zu beschwichtigen, die in Friedrich aufbäumte. Er wurde indessen ihrer Herr. Ein neues Tier im Stall dieser Circe werden wollte er nicht.

Es war, als wenn Ingigerd selbst die verkörperte böse Psyche wäre, so wenig gab es etwas Verborgenes in den Gefühlsregungen eines Mannes für sie. »Oh, ich wollte ja selbst einmal Nonne werden«, sagte sie, und einigermaßen umständlich plappernd erzählte sie, der Wahrheit gemäß, soweit sie nicht log, daß sie einmal ein Jahr und länger in einem Kloster untergebracht gewesen wäre, um gut zu werden, daß es aber auch im Kloster nicht besonders weit damit gediehen sei. Das heißt, sie sei religiös. Sie könne das ruhig aussprechen. Jeder Mensch, bei dem sie nicht das Gefühl habe, neben ihm und mit ihm zu Gott beten zu können, bleibe ihr fremd, ja widerlich. Vielleicht werde sie doch noch einmal Nonne werden, aber nicht wegen der Frömmigkeit – und hiermit fing sie, ohne es scheinbar selbst zu merken, allem soeben Gesagten Hohn zu sprechen an -, nicht wegen der Frömmigkeit, denn, das sollte ihr gerade einfallen, sie sei nicht fromm. Sie glaube an nichts als an sich selber. Das Leben sei kurz, und danach komme nichts. Man müsse das Leben ausgenießen. Wer sich einen Genuß versage, der sündige gegen sich und betrüge sich.

Die Stewardeß kam in die Kabine und rückte mit lustigen Worten Ingigerds Kissen und Decken zurecht. »Hier ist es besser, nicht wahr, als unten, Fräulein?« Als sie gegangen war, sagte Ingigerd: »Ich weiß nicht, die dumme Frau ist auch schon verliebt in mich.«

Weshalb sitze ich hier? fragte sich Friedrich, und hatte dabei schon angefangen mit dem Versuch, dem törichten kleinen Geschöpf in aller Güte den Star zu stechen. Warum wandelte ihn denn eigentlich immer wieder in so ungewöhnlicher Stärke Mitleid an, das dieses Geschöpf durchaus nicht beanspruchte? Und warum konnte er sich von der Idee der Unschuld nicht freimachen, von der Idee des Keuschen, solange die Gegenwart dieser kindlichen Lamia auf ihn einwirkte? Sie schien ihm lauter und unberührt, und jede ihrer kapriziösen Bewegungen und Bemerkungen erhöhte für ihn nur ihre rührende Hilflosigkeit.

Alle Liebe ist Mitleid! Dieser Satz, den Schopenhauer aufstellt und für paradox und wahr zugleich erklärt, ging Friedrich durch den Kopf. Er nahm eins der Püppchen in die Hand, die wieder um die Kleine verstreut lagen, und suchte in dem humanen Ton, den er sich im Verkehr mit Patienten zu eigen gemacht hatte, Ingigerd begreiflich zu machen, daß man nicht ungestraft in dem Irrtum lebe, die Welt sei ein Puppenspiel. Ihre Puppen seien in Wahrheit Raubtiere. Wehe, wenn man das nicht früher erkenne, als bis man von ihren Zähnen zerrissen, von ihren Pranken niedergeschlagen sei.

Sie lachte kurz und gab keine Antwort. Sie klagte dann über Schmerz in der Brust. Friedrich sei doch wohl Arzt: ob er sie nicht untersuchen wolle.

Friedrich antwortete barsch, das sei Doktor Wilhelms Sache, er selbst praktiziere auf Reisen nicht. – Nun, meinte sie, wenn sie leide, er aber als Arzt ihr Leiden lindern könne, das aber nicht wolle, so möchte wohl seine Freundschaft für sie nicht besonders sein.

Dieser Logik verschloß Friedrich sich nicht. Er wußte längst, daß ihre überaus zarte Konstitution zwischen Soll und Haben nur gerade so mühselig balancierte und in jeder Minute gefährdet war. »Wenn ich Ihr Arzt wäre«, erklärte er, »ich würde Sie etwa bei einem Landpfarrer oder bei einem Farmer unterbringen. Kein Theater besuchen, geschweige auftreten! Diese verdammten Tingeltangel haben Sie körperlich und moralisch auf den Hund gebracht.«

Ich bin roh, und das ist Medizin, dachte Friedrich.

»Wollen Sie Farmer werden?« – »Wieso?« – »Pfarrer sind Sie ja schon!« – Sie lachte, und das Gespräch ward durch das Geschrei eines Kakadus unterbrochen, dessen Kletterstange im Hintergrund der Kabine stand und den Friedrich bisher noch nicht bemerkt hatte.

»Das fehlte noch! Wo haben Sie diese Bestie her?«

»Bitte geben Sie mir mal diese Bestie! Koko! Koko!« Friedrich stand auf und ließ sich den großen, weißen, rosig überhauchten Seefahrer auf die Hand klettern.

Indessen hatte sich draußen der »Roland« durch sinkende Täler salzigen Wassers und über steigende Gebirgszüge des wie eine ungeheure Maschine gleichmäßig arbeitenden Ozeans in eine Nebelwolke hineingewühlt und ließ das Gebrüll der Sirene ausströmen. »Nebel«, erklärte Ingigerd, und es wich alles Blut aus ihrem Gesicht. Aber sie sagte sofort, daß sie sich niemals ängstige. Danach nahm sie ein Stückchen Konfekt in den Mund und ließ den Kakadu davon abknabbern, der dabei ohne jede Empfindung auf den lieblich bewegten Busen des Mädchens trat.

Friedrich mußte inzwischen jeden Augenblick eine andere Handreichung tun und fragte sich, während er sie von einem javanischen Äffchen, das sie einmal besessen hätte, schwärmen hörte, ob er denn eigentlich Arzt, Krankenpfleger, Friseur, Kammerzofe oder Schiffssteward sei und ob er es nicht doch noch bei Ingigerd bis zum Laufburschen bringen werde.

Er sehnte sich lebhaft in freie Luft und an Deck zurück.

Als aber bald darauf mit angstvoll fragenden Augen Achleitner wieder ins Zimmer getreten war und Ingigerd Friedrich, mit einem gehässigen Blick und überaus ungnädig, mehr fortgeschickt als entlassen hatte, fand er sich kaum hinter der eingeklinkten Tür im Nebelgestöber, als es ihm vorkam, es reiße ihn etwas, wie einen Gefesselten, an das Lager des Mädchens zurück.

 

Die Sirene brüllte ohrenzerreißend. Es war wiederum jener wie aus der Brust eines ungeheuren Stieres hervorröchelnde, sich wild und furchtbar steigernde Ton, der etwas Drohendes und zugleich etwas angstvoll Warnendes in sich hatte. Friedrich vernahm ihn niemals, ohne daß er seine Warnung und Angst auf sich bezog. Ebenso schien ihm der jagende Nebel ein Bild seiner Seele oder seine Seele ein Bild des jagenden Nebels und des erblindet ins Unbekannte strebenden Schiffes zu sein. Er trat an die Reling, und indem er gerade hinabstarrte, konnte er sehen, mit welcher gewaltigen Schnelligkeit sich die riesige Schiffswand durchs Wasser schob. Und er fragte sich, ob die Kühnheit des Menschen nicht Wahnwitz wäre.

Wer, vom Kapitän bis zum letzten Schiffsjungen, konnte verhindern, daß vielleicht schon im nächsten Augenblick die Welle der einzigen Schraube brach, die fortwährend auftauchte und in der Luft schnurrte? Wer konnte ein Schiff sichten, bevor der vernichtende Zusammenstoß der aus oblatendünnen Wänden geformten hohlen Kolosse zu vermeiden war? Wer konnte das Wrack eines der vielen untergegangenen Schiffe zu vermeiden hoffen, wenn es im Nebel unter dem Wasser schwamm und seine zusammengeklumpte Masse von Eisen und Balken, durch die Wucht des Seegangs geschleudert, gegen den Rumpf des gewaltig nahenden »Roland« traf? Was geschah, wenn jetzt die Maschine versagte? Wenn ein Kessel dem seit Tagen und Tagen ununterbrochenen Drucke der Dampfspannung nicht gewachsen war? In diesen Gegenden traf man auch Eisberge. Nicht davon zu reden, welches Schicksal den »Roland« in gesteigertem Sturm erwartet hätte.

Friedrich trat in das obere Rauchzimmer, wo er die Kartenspieler, Doktor Wilhelm, den armlosen Artur Stoß, Professor Toussaint und andere Herren versammelt fand. Er wurde mit einem Hallo empfangen. Das Zimmer, das stark nach Kaffee roch, war von dickem, beizendem Qualm erfüllt, der einen Augenblick lang, als Friedrich eintrat, mit dem feuchten Nebel zusammenschlug.

»Was ist denn passiert, meine Herren?« fragte Friedrich.

Jemand rief: »Haben Sie der Tänzerin nun glücklich den allbekannten Leberfleck, zwei Finger breit vom Kreuz, dicht oberhalb der linken Hüfte, wegoperiert?«

Friedrich erbleichte und antwortete nicht.

Er nahm wieder bei Doktor Wilhelm Platz und stellte sich, als ob er den ganzen Lärm und die Worte des Unbekannten gar nicht auf sich bezogen hätte. Den Vorschlag des Kollegen, Schach zu spielen, nahm er an.

Über dem Spielen hatte er Zeit, Scham und Empörung hinunterzuwürgen. Verstohlen sah er sich nach dem vermutlichen Sprecher um. Stoß rief ihm zu: »Es gibt hier Leute, Herr Doktor, die, wenn sie nach Amerika gehen, ihren Anstand in Deutschland lassen, obgleich die Überfahrt dadurch nicht billiger wird.« Der, den es traf, ließ diese Bemerkung unbeantwortet. Dagegen sagte irgendwer: »Aber, Mr. Stoß, wir sind hier in keinem Damensalon, und man braucht einen kleinen Spaß nicht gleich krummzunehmen.« – »Ich bin nicht für Späße«, entgegnete Stoß, »die auf Kosten von Leuten gemacht werden, die in der Nähe sind, und besonders nicht, wo Damen ins Spiel kommen.« – »Oh, Mr. Stoß«, sagte der ältere Hamburger Herr, der ihm schon einmal geantwortet hatte, »alles zu seiner Zeit: gegen Predigten habe ich nichts, aber wir sind hier bei schlechtem Wetter auf See, und dieses Zimmer ist keine Kirche.«

Jemand sagte: »Übrigens hat niemand Namen genannt.«

Der amerikanische Jüngling, der sich durch Feuerchenmachen im Damensalon bereits ausgezeichnet hatte, sagte jetzt trocken: »When Mr. Stoß is in New York, he will hold church services every night in Webster and Forster's tingeltangel.« Stoß gab zurück: »No moisture can be compared with the moisture behind the ears of many young American fellows.« Der Jüngling erwiderte: »Directly after the celebrated Barrison sisters' appearance, after the song ›Linger longer Loo‹ Mr. Stoß will raise his hands to heaven and beg the audience to pray.«

Nach diesen Worten sprang, ohne auch nur einen Muskel seines Gesichts zu verziehen, der schlanke Bengel ins Freie hinaus.

Artur Stoß hatte das Nachsehen. Aber auch er hielt sich nicht lange bei dem Hiebe, den er empfangen hatte, auf und bei dem Gelächter, das ihm nachfolgte. »Man täuscht sich sehr«, sagte er, sich an Professor Toussaint wendend, der bei ihm saß, »wenn man annimmt, daß die Moral in Artistenkreisen laxer als sonstwo in der Gesellschaft ist. Das ist eine vollkommen irrige Annahme. Oder meint jemand, daß diese unerhörten und tollkühnen Leistungen, worin die Artisten sich fortwährend steigern, mit einem Luderleben vereinbar sind? Goddam! da sollte sich manch einer wundern. Für Taten, wie sie in den verachteten Tingeltangels geleistet werden, ist Askese und eiserne Arbeit vonnöten, wie sie dem Philister, der seinen Frühschoppen niemals versäumt, eine unbekannte Sache ist.« Und er fuhr fort, das Lob des Artisten auszubreiten.

Hans Füllenberg fragte: »Was haben Sie denn eigentlich für eine Spezialität, Herr Stoß?«

»Wenn man's kann«, kam zurück, »ist's nicht schwer, mein Junge. Aber wenn wir uns jemals duellieren sollten, so hätten Sie ganz die Wahl, welches Auge, welches Ohrläppchen oder welchen Backenzahn Sie drangeben wollten.« – »Er schießt wie Carver«, sagte jemand. »Drei-, viermal hintereinander nimmt er mit der Kugel das Herz aus dem Aß heraus!« – »Eine Kunst wie andere, meine Herrschaften! Aber glauben Sie nicht, daß sie, selbst wenn man Arme hat und nicht mit den Füßen die Flinte halten und abdrücken muß, ohne Entsagung, Schweiß und Geduld zu erlangen ist.«

Kapitän von Kessel erschien und wurde mit lautem »Ah« empfangen. Um ihn herum durch die Tür brach eine gewaltige Fülle von Sonnenschein. »Das Barometer steigt, meine Herrschaften!«

Die Tatsache wirkte und hatte bereits wie ein Zauber gewirkt. Ein Herr, der im Winkel schlafend gelegen hatte – in jenem Halbschlaf, der die gelindeste Folge der Seekrankheit ist –, setzte sich aufrecht und rieb die Augen. Hans Füllenberg eilte mit anderen Passagieren an Deck hinaus. So taten auch Doktor Wilhelm und Friedrich, der seine Partie verloren hatte.

 

Die beiden Doktoren wandelten über die ganze Länge des Promenadendecks, wo sich ein überraschend heiteres Leben entfaltete. Die Luft war lind. Das Schiff lag still, und es schien für seinen gewaltigen Körper ein Genuß zu sein, sich durch die nur noch niedrigen Züge flaschengrüner Wogenreihen vorwärtszudrängen. Und auch die Passagiere durchdrang Zufriedenheit. Fortwährend mußten die Herren grüßen und ausweichen, denn die Stewards hatten das schöne Wetter von Koje zu Koje bekannt gemacht, und jedermann war an Deck gekrochen. Überall wurde geschwatzt und gelacht, und man konnte erstaunen und wieder erstaunen, welch ein lustiger Damenflor sich bisher im Rumpfe des »Roland« verborgen gehalten hatte.

Hans Füllenberg kam vorüber, mit seiner wieder gesund gewordenen Amerikanerin. Sie hatte eine Freundin gefunden. Diese, mit einer schwedisch-blonden Haarkrone, mit Pelzbarett und in Fuchspelz gehüllt, schien von den schlechten Späßen und dem schlechten Englisch Hans Füllenbergs höchst erbaut zu sein. Außerdem hatte er ihre Muffe in Pension, die er abwechselnd vor den Magen, vor das Herz und mit furchtbarer Leidenschaft an den Mund drückte. Der junge Amerikaner begleitete seine Kanadierin, die sehr blasiert, aber merklich erfrischt promenierte. Sie schien zu frösteln, obgleich sie sich in ein Jackett aus kanadischem Zobel gesteckt hatte, das ihr bis zu den Knien ging.

Auf der Backbordseite des Decks hielt Ingigerd, diesmal vor ihrer Kabine, Cercle. Der bevorzugte Raum, den sie innehatte und dessen Türe hinter ihr offenstand, schmeichelte jetzt, wo das Deck voller Menschen war und jedermann sie beneiden konnte, nicht wenig ihrer Eitelkeit.

Friedrich sagte zu Doktor Wilhelm: »Wenn es Ihnen recht ist, Kollege, so bleiben wir lieber diesseits des Rubikon. Die Kleine ennuyiert mich ein bißchen. Könnten Sie mir nicht übrigens sagen«, fuhr er fort, »wodurch ich, als ich vorhin ins Rauchzimmer kam, ein solches Hallo und die Bemerkung des Unbekannten entfesselt habe?«

Wilhelm meinte, heiter begütigend, Hans Füllenberg sei hereingekommen und habe im Übermut eine Bemerkung gemacht. Er habe wohl Friedrich aus Ingigerds Zimmer treten sehen.

Friedrich wollte dem Jüngling die Ohren abschneiden.

Die Herren lachten und wurden fröhlich und stimmten so in den allgemeinen Taumel der Lebensfreude ein. Jeder hatte nach den erbärmlichen Stunden wieder den Wert des bloßen Lebens verstehen gelernt. Nur leben, nur leben! das war der mit jedem Schritt, mit jedem Lachen, mit jedem Zuruf von Mensch zu Mensch mitschwingende Wunsch, in dem alle Kümmernis versank. Keine von den Sorgen europäischer oder amerikanischer Herkunft, die man mit aufs Schiff geschleppt hatte, gewann in diesen Minuten die geringste Daseinsmacht. Wer nur lebte, hatte das große Los gewonnen.

Alle diese promenierenden Menschen wären jetzt bereit gewesen, allerlei Torheiten zu begehen und als geringfügig einzuschätzen, die sie sich auf festem Boden niemals gestattet und niemals verziehen hätten.

Auf Befehl des Kapitäns waren inzwischen die Musikanten an Deck erschienen und hatten sich mit ihren Notenständern und Instrumenten aufgestellt. Und als ihre fröhlichen Wanderweisen nun über den ganzen »Roland« dahinschmetterten, gab es einen Gipfel von Festlichkeit, und es war ein halbe Stunde lang, als wären die wenigen ziehenden Wolken am blauen Himmel, das Schiff, die Menschen darauf und der Ozean übereingekommen, Quadrille zu tanzen.

Plötzlich wurde der alte furchtbare Meergreis jovial und gutmütig. Es zeigte sich darin, daß er in sichtlich spaßhafter Laune, nicht ohne eine gewisse hanebüchene Eitelkeit, Nummer auf Nummer, seine Puppen im Umkreis des »Roland« ebenfalls tanzen ließ. Scharen fliegender Fische mußten aufspringen. Ein Walfisch ließ seine bekannte Fontäne los. Und schon wurde auch von den Zwischendecklern am Vordersteven der Ruf »Delphine!« ausgestoßen.

Auf die Dauer konnten die Herren Ingigerd nicht umgehen. Als Wilhelm ihrer ansichtig wurde, äußerte er: »Theridium triste, die Galgenspinne!« – »Wieso?« fragte Friedrich, der ein wenig erschrocken war. – »Sie wissen doch«, gab Wilhelm zur Antwort, »daß die Galgenspinne gewöhnlich in der Nähe eines Ameisenhaufens auf der Spitze ihres Grashalmes sitzt und nichts weiter tut, wenn unten ein Myrmidone vorüber will, als ihm einen Gespinstknäuel vorzuwerfen. Das übrige besorgt dann die Ameise schon allein. Sie verwickelt sich bis zur Hilflosigkeit und wird von dem winzigen Spinnchen dann ganz gemächlich aufgefressen.«

»Wenn Sie die Kleine hätten ihren Tanz tanzen sehen, Kollege«, sagte Friedrich, »Sie würden ihr dann vielleicht eher die Rolle der Ameise zuteilen, die von der Galgenspinne erdrosselt wird.« – »Ich weiß nicht«, lautete Wilhelms Antwort, »irgendein Dichter sagt ja wohl: dies Geschlecht ist am stärksten, wenn es schwach.«

Ingigerd hatte inzwischen eine neue Sensation, die sie Herrn Rinck, dem Verwalter des Postamts, verdankte. Sie spielte mit einem niedlichen Hündchen, das wie ein nicht über zwei Fäuste großer Ballen weißer Wolle auf ihrem Schoße lag. Der Spaß war der, daß dieser Eisbär en miniature mit seiner lächerlich winzigen Fistel wie rasend die große Schiffskatze anbellte, die ihm Herr Rinck vor die Augen hielt.

»Heut wollen wir einmal gut schlafen«, sagte Wilhelm, »mit Ihrer Erlaubnis, Mr. Rinck.« – »I always sleep well«, erwiderte sehr phlegmatisch der Postbeamte, der neben dem schweren, weichen, hängenden Katzenleib die brennende Zigarette hielt.

»Blicken Sie einmal hier hinunter, Kollege!« Mit diesen Worten öffnete Doktor Wilhelm eine in der Nähe befindliche Tür, durch die man in einen tiefen quadratischen Schacht hinabsehen konnte: er war bis zu halber Höhe mit Tausenden von Paketen angefüllt. Man konnte mit Stiefeln darauf herumtreten. Alles dies mußte der Postbeamte ordnen. – »Ohne die Briefe«, ergänzte phlegmatisch Mister Rinck.

»Dieser Rinck«, sagte Wilhelm im Weitergehen, »ist eigentlich ein Original, das man kennen muß. Er hat vor Jahren einmal mit einem ähnlichen Typus wie dieser kleinen Hahlström Pech gehabt. Solche Typen soll man nicht heiraten. Seit der Zeit hat er dem Tode auf jede mögliche Weise und auf allen Meeren der Welt gleichgültig ins Auge gesehen. Sie sollten ihn mal erzählen hören: wozu man ihn aber, da er nicht trinkt, nur selten bringen kann. Man redet so viel von Fatalismus, der aber schließlich bei den meisten, die das Wort im Munde führen, nur eine papierne Sache ist. Bei Rinck ist er keine papierne Sache!«

Das Leben an Deck nahm mehr und mehr einen mondänen Zuschnitt an. Friedrich war erstaunt, wie viele Leute aus Berlin, die er von Ansehen kannte, plötzlich auftauchten. Bald hatte sich ihm Professor Toussaint vorgestellt und ihn zu seiner in einen Schiffsstuhl hingegossenen Gattin geführt. »Ich folge der Einladung eines amerikanischen Freundes«, erklärte Toussaint, etwas herablassend, und nannte den Namen eines bekannten Millionenmannes, »und wenn ich drüben Aufgaben finde, so soll es mir nicht darauf ankommen, in Amerika etwas wie meine zweite Heimat zu sehen.« Und der bleiche, versorgte, vornehme Mann fuhr fort, unter dem etwas ironisch blasierten Blick seiner noch immer schönen Frau, Sorgen und Hoffnungen auszubreiten. Ohne es selbst zu merken, gebrauchte er immer wieder, und fast zu oft, den Ausdruck: das Dollarland.

Mittlerweile fing man am Hinterdeck zu tanzen an. Es war Hans Füllenberg, der allezeit aufgelegte Berliner, der einen Straußschen Walzer zum Anlaß nahm, die Dame im Fuchspelz zu engagieren. Wie immer, schlossen sich dem gegebenen Beispiel bald eine Anzahl weiterer Tanzpaare an, und somit ward unter dem aufgeklärten Himmel ein Kränzchen gehalten, das nicht vor Sonnenuntergang seinen Abschluß erreichte.

Als die Kapelle mit ihren blinkenden Messinginstrumenten sich wieder verkriechen wollte, wurde sie von der Gesellschaft festgehalten, und im Handumdrehen ward eine Sammlung eröffnet und ein beträchtliches Geldgeschenk in die Kasse der Musikanten gelegt. Worauf ihre Tänze, weit fröhlicher, wiederum einsetzten.

 

Doktor Wilhelm ward abgerufen. Friedrich gelang es nach einiger Zeit, sich von dem Ehepaar Toussaint loszumachen und eine Weile für sich zu sein. Der gereinigte Himmel, das wie durch ein Wunder beruhigte, glasig schwellende Meer, der Tanz, die Musik, die Sonnenstrahlen bewirkten auch in ihm ein neues, wohliges Daseinsgefühl. Das Leben, sagte sich Friedrich, ist immer ein so oder so, mit Schmerz oder Lust, mit Nacht oder Tag, mit Sonnenschein oder schwarzem Gewölk erfüllter Augenblick. Und von diesem aus wird sich jedesmal Vergangenheit und Zukunft verfinstern oder erleuchten. Sollte das so durchleuchtete Dasein von einer geringeren Realität als das so verfinsterte sein? Mit einem jugendlichen, fast kindlichen Jubel hörte er alles in sich und um sich mit »Nein!« antworten.

Friedrich hatte den Schlapphut, den er jetzt trug, zurückgerückt, den leichten Überzieher geöffnet; seine beiden Arme, mit den in grauen schwedischen Handschuhen steckenden Händen, waren wie Haken über die Reling zurückgelegt. Er sah das Meer, das gleitende Schiff, er fühlte die Pulsstöße der Maschinen, sein Gehör war mit den schmiegsamen, wienerisch schmelzenden Harmonien des Walzers erfüllt, die ganze Welt war zu einem selber in allen Teilen leichtsinnig bewegten, farbig funkelnden Ballsaal geworden! Er hatte gelitten und leiden gemacht, und alle, an denen er gelitten und die er jemals leiden gemacht hatte, umarmte er nun und schien sich mit ihnen im Rausch zu verbinden.

Da geschah es, daß Ingigerd Hahlström und die Reckengestalt des Ersten Offiziers vorübergingen. Friedrich hörte sie sagen: sie tanze nicht, und das Tanzen sei ein fades Vergnügen. Da sprang er auf und schwang sich gleich darauf im Kreise mit der Kanadierin, die er dem verblüfften amerikanischen Jüngling mit einer eigentümlich flammenden deutschen Manier rücksichtslos von der Seite geraubt hatte. Es war zu erkennen, daß die hochatmende, zarte und exotische Frau an diesem starken Erobererarm Gefallen fand.

Als Friedrich den Tanz mit der Kanadierin aufgeben mußte, fand er sich in der Notwendigkeit, mit ihr eine Zeitlang Französisch und Englisch zu radebrechen. Er war sehr froh, als er sie an den jungen Amerikaner zurückgeben konnte. Zur gleichen Zeit wurde Stoß von seinem Diener, wie immer am Rockkragen, über Deck transportiert. Der Armlose nahm Gelegenheit, auf diese Art der Beförderung spaßhaft hinzuweisen: er nannte sie eine Überland- und Übersee-Privatextrapost. Friedrich schob einen Deckstuhl herbei, weil er Lust bekam, mit dem Artisten zu plaudern, und dieser wurde von seinem Burschen mit Geschick und Umsicht niedergesetzt.

»Wenn das Wetter so bleibt«, sagte Artur Stoß, »können wir im Laufe des Dienstags am Pier in Hoboken festmachen. Aber nur, wenn das Wetter so bleibt. Wie der Kapitän mir sagt, laufen wir endlich volle Kraft, sechzehn Knoten die Stunde.« – Friedrich erschrak! Im Laufe des Dienstags also mußte das gemeinsame Leben mit Ingigerd zwischen den gleichen Wänden zu Ende sein.

»Die Kleine ist ein pikantes Luderchen«, sagte Stoß, als ob er Friedrichs Gedanken erraten hätte. »Mir ist es nicht wunderbar, wenn ein unerfahrener Mann diesem Früchtchen verfällt. Freilich, man soll sie mit Handschuhen anfassen!« – Friedrich litt Pein. Indem er den armlosen Rumpf seitlich anschielte, krümmte sich seine Seele unter dem Fluch der Schmach und der eigenen Lächerlichkeit.

Aber Stoß fuhr fort, über Erotik im allgemeinen zu philosophieren. Er, der armlose Don Juan, las Friedrich über die Art, mit Weibern umzugehen, ein Privatissimum. Dabei kam er ins Renommieren, und seine Intelligenz schrumpfte im genauen Verhältnis zum Wachstum seiner Eitelkeit. Irgendein quälender Trieb in ihm schien dahin gerichtet, dem anderen als Mann zu imponieren.

Ein Dienstmädchen führte Kinder vorüber. Friedrich atmete auf, denn Stoß wurde hierdurch abgelenkt. Er rief: »Nun, Rosa, was macht die Gnädige?« Rosa antwortete: »Sie kommt nicht herauf. Sie ist beim Kartenlegen und Tischrücken.« Der Bursche Bulke, vor dessen Augen das Kindermädchen Gnade gefunden zu haben schien, half ihr die Kleinen auf Stühle setzen. Und Friedrich erkannte in ihr die gleiche Landpomeranze wieder, die im Rasiersalon Eau de Cologne gekauft und deren unerquickliche Dienstverhältnisse er durch den Barbier erfahren hatte.

Diese Verhältnisse fanden jetzt auch durch Artur Stoß Bestätigung: »Da ist eine Frau Liebling«, sagte er, »die gegen diese Perle von einem Domestiken den Obersteward zu Hilfe ruft. Pfundner hat ihr aber gesagt, sie müsse diese geradezu exemplarische Rosa, statt sie zu verklagen, in Watte packen.« Der Armlose schloß: »Solche Weiber wissen oft nicht, was sie tun.«

 

Noch erklang die Musik, noch leuchtete die Sonne aufs trockene Deck, wo die reisende Welt in oberflächlichster Laune, angesichts der Unendlichkeit von Himmel und Wasser, tanzte und tänzelte, als Friedrich in den Maschinenraum gerufen ward. Der Abstieg führte eine senkrechte eiserne Leiter hinunter, durch dicken Öldunst und künstliches Licht, einen Weg, der Friedrich unendlich schien. Um ihn arbeiteten die Maschinen. Über gewaltige Schwungräder liefen breite, sausende Schwungriemen. An dicken metallenen Achsen drehten sich große metallene Scheiben, verbunden mit Rädern und Rädchen, die alle besondere Arbeit verrichteten. Friedrichs Augen streiften die ungeheuren Zylinder, in denen gepreßter Dampf pumpenschwengelartige Kolben und durch sie die große Welle bewegte, die, längs der Kiellinie eingebaut, nach rückwärts ging.

Maschinisten stiegen mit Lappen und Ölkännchen zwischen den kreisenden Eisenmassen herum, mit einer staunenerregenden Sicherheit und Verwegenheit, wo doch jede noch so geringe unüberlegte Bewegung todbringend sein mußte.

Und immer noch weiter ging es hinab, bis dorthin, wo von vielen Schaufeln, in den Händen nackter Heloten, Kohle in die Weißglut unter den Kesseln flog. Man war in eine nach Kohle, Brand und Schlacke riechende Hölle gelangt, die durch weißglutspeiende Ofenlöcher erleuchtet wurde.

Friedrich rang nach Luft. Der Abgrund, in dem er sich zu befinden schien, besaß eine solche Temperatur, daß ihm sofort der Schweiß den Nacken hinabrieselte. Noch ganz von der Neuheit des Eindrucks hingenommen und ganz vergessend, daß er sich eigentlich umgeben von Wasser tief unter der Meeresfläche befand, bemerkte er plötzlich Doktor Wilhelm und zugleich einen Leichnam, der weiß auf schwarzem Gerölle lag.

Einen Augenblick später hatte Friedrich, nur noch ganz Arzt, das Stethoskop Doktor Wilhelms in der Hand, um das Herz des Gefallenen zu behorchen. Seine Kollegen, von oben bis unten geschwärzt mit Steinkohlenstaub, rastlos in den Dienst der Maschine gestellt, warfen kaum hie und da, wenn sie Bier oder Wasser in sich hineinschütteten, einen Blick auf ihn. »Er ist«, sagte Wilhelm, »vor kaum drei Minuten zusammengestürzt; der dort, der Frischgewaschene, ist sein Nachfolger.«

»Er wollte eben Kohle ins Loch schleudern«, erklärte schreiend – denn man konnte beim Scharren der Schaufeln, beim Schlagen der eisernen Ofentüren nur schwer verstehen – der Maschinist, der Friedrich heruntergeleitet hatte, »da flog ihm die Schaufel weit aus der Hand und hätte beinahe noch einen Kohlenzieher zu Schaden gebracht. Der Mann«, fuhr er fort, »ist in Hamburg angemustert. Als er aufs Schiff kam, dachte ich gleich: wenn das man gut abgeht, mein Junge. Aber er machte noch einen krampfhaften Witz und sagte: ›Wenn's Herz man jut is, Herr Maschinist!‹ Und er tat mir auch leid, denn er konnte auf andere Weise nicht über den großen Teich und wollte um jeden Preis irgend jemand nach vierzehnjähriger Trennung wiedersehen.«

»Exitus«, sagte Friedrich, als er die Brust des Verunglückten lange behorcht hatte. Man konnte auf der bläulich wächsernen Haut über den Rippen des armen Heizers noch einige Augenblicke die Ringe vom Druck des Höhrrohrs sehen. Dem Toten fiel das Kinn herunter. Es wurde mit Friedrichs weißem Taschentuch festgemacht.

»Er ist schlecht gefallen«, bemerkte Friedrich. Die Kante einer gewaltigen Schraubenmutter hatte ihm eine tiefe, verbrannte, schwarz blutende Wunde an der Schläfe gemacht.

Und nun stiegen die Ärzte wieder an Deck, und das Opfer der Zivilisation, der noch mit den Schweißperlen seiner furchtbaren Tätigkeit überdeckte moderne Galeerensklave, der mit dem umgebundenen Tuch aussah wie jemand, der Zahnschmerzen hat, wurde von mehreren Männern, ebenfalls aus der glühenden Hölle, empor, in den für Tote bestimmten Raum geschleppt.

Doktor Wilhelm mußte den Kapitän benachrichtigen. Ohne daß jemand an Deck, wo die Musik soeben ihre letzten Takte hinausschmetterte, etwas ahnen durfte und ahnte, hatte man den Leichnam, mit Hilfe der Schwester vom Roten Kreuz, auf einer Matratze hingebettet, wo nach kurzer Zeit ein Kreis gewichtiger Männer, darunter der Zahlmeister und die Ärzte, mit dem Kapitän an der Spitze, um den Toten versammelt war.

Kapitän von Kessel gab Befehl, den Tod des Heizers geheimzuhalten, und ersuchte die beiden Ärzte darum. Dann mußten Schreibereien und Formalitäten erledigt werden, bis es draußen ganz dunkel geworden war und der first call for dinner, die bekannte helle Trompete des »Roland«, über Deck und durch die Gänge der ersten Klasse erscholl.

 

Während dieser Zeit hatte sich Friedrich in seiner Kabine umgezogen. Als er im Speisesaal erschien, herrschte bereits ein reger Zuzug von Toiletten. Nahezu vollzählig kamen die Damen in den vom Glanz des elektrischen Lichtes festlichen Raum hereingerauscht. Friedrich bemerkte allerdings, sobald er auf seinem Platze saß und beobachtete, wie sich viele der Schönen beim Eintritt erst einen Mut fassen mußten, um dann mit graziösem Humor über die Furcht vor der Seekrankheit hinwegzutänzeln.

Aber wirklich, außer dem leisen Beben, das, wie überall im »Roland«, durch Dielen und Wände ging, war die Schiffsbewegung kaum zu empfinden. Die Musik begann, und die Schar der livrierten Stewards, die hereineilte, konnte, ohne zu balancieren, zu den Reihen der Tafelnden hingelangen. »Galatafel«, sagte, nach einem befriedigten Rundblick sich niederlassend, der Kapitän.

Man war schon beim Fisch, als Ingigerd von dem plumpen und sehr gewöhnlich aussehenden Achleitner hereingeführt wurde. Friedrich hätte versinken mögen, so unvorteilhaft sah die Kleine aus, so peinlich wirkte der ganze Aufzug. Der Schiffsfriseur hatte aus ihrem blonden Haar einen schrecklichen Berg von Frisur gemacht, sie hatte ein spanisches Tuch um die Schultern, als ob sie Carmen agieren wollte, eine überaus dürftige, wirklich fast klägliche Carmen, die denn auch von einem Ende zum andern längs der ganzen Tafel beißenden Spott und Hohn entzündete. Friedrich dachte, indem er den Fisch mit der Gräte verschlang: was hat sie für giftgrüne Strümpfe an, und warum trägt sie denn diese gemeinen Goldkäferschuhe? »Etwas Kreide«, sagte ein Herr, »für die Sohlen der Dame. Die Dame will Seil tanzen.« Von den Lippen der Herren und aus den Augen der Damen stieg eine Wolke von Boshaftigkeit. Man verschluckte sich, mußte die Serviette vorhalten. Nicht alle Bemerkungen wurden etwa diskret gemacht, und im Kreise der Kartenspieler, die wieder Sekt tranken, nahm der Hohn sogar rohe Formen an.

Friedrich glaubte nicht recht zu sehen, als plötzlich dieses kleine Scheusal mit einer kompromittierenden Intimität vor ihm stand und ihn mit einer schmollenden Anrede auszeichnete. »Wann kommen Sie wieder zu mir?« fragte sie, oder so etwas, worauf Friedrich entsetzt irgend etwas antwortete. Hälse in Stehkragen, nackte, mit Ketten und Perlen geschmückte Hälse wandten sich. Friedrich konnte sich nicht erinnern, etwas ähnlich Peinliches je erlebt zu haben. Ingigerd sah es nicht und fühlte es nicht. Achleitner gab sich Mühe, sie fortzubringen, weil er sich ebenfalls unter dem Kreuzfeuer der Gesellschaft nicht wohlbefand.

Endlich entfernte sie sich mit den Worten: »Pfui, Sie sind fad! Sie sind dumm! Ich mag Sie nicht!« Woraufhin an der Kapitänsecke ein lang andauerndes, ziemlich befreiendes Gelächter zum Ausbruch kam.

»Sie können mir glauben, meine Herren«, sagte Friedrich mit einer leidlich gespielten ironischen Trockenheit, »daß ich weder weiß, wie ich diese soeben genossene Auszeichnung verdient habe, noch wie ich sie mir in Zukunft verdienen soll.« Dann wurde von anderen Dingen gesprochen.

Das heitere Wetter und die Erwartung einer geruhsamen Nacht erfüllte die Tischgesellschaft mit sorgloser Heiterkeit. Man aß, man trank, man lachte und flirtete, alles mit dem schönen Bewußtsein, ein Bürger des neunzehnten und bald des wahrscheinlich noch köstlicheren zwanzigsten Jahrhunderts zu sein.

 

Als die beiden Ärzte nach Tisch in der Doktorkabine beisammen saßen, bildete das Thema die Bilanz der modernen Kultur.

»Ich fürchte«, sagte Friedrich, »daß der weltumspannende Verkehrsapparat, der angeblich im Besitze der Menschheit ist, vielmehr seinerseits die Menschheit besitzt. Wenigstens sehe ich bis jetzt noch nichts davon, daß die ungeheuren Arbeitskräfte der Maschinen die zu leistende Menschenarbeit verringert hätten. Die moderne Maschinensklaverei ist die imposanteste Sklaverei, die es jemals gegeben hat; aber sie ist eine Sklaverei! Wenn man fragt, ob das Zeitalter der Maschinen das menschliche Elend vermindert hat, muß man bis jetzt mit Nein antworten. – Ob es das Glück und die Möglichkeiten zum Glück gesteigert hat? Wiederum lautet bis jetzt die Antwort: Nein!«

»Deshalb kann man sehen«, sagte Wilhelm, »wie jeder dritte gebildete Mensch, den man trifft, ein Schopenhauerianer ist. Der moderne Buddhismus macht reißende Fortschritte.«

»Jawohl«, sagte Friedrich, »denn wir leben in einer Welt, die sich fortgesetzt ungeheuer imponiert und sich dabei mehr und mehr ungeheuer langweilt. Der Mensch der geistigen Mittelklasse tritt mehr hervor, ist inhaltsloser als irgendwann, dabei blasierter und übersättigt. Keine Art Idealismus, keine Art wirklich großer Illusion kann mehr standhalten.«

»Ich gebe zu«, sagte Wilhelm, »daß die gewaltige Kaufmannsfirma Zivilisation mit allem geizt, nur nicht mit dem Menschen noch mit dem, was an ihm das Beste ist. Sie wertet es nicht und läßt es verkümmern. Aber uns bleibt ein Trost: ich glaube, daß diese Firma doch das Gute besitzt, uns von den ärgsten Barbarismen der Vergangenheit ein für allemal loszutrennen, so daß zum Beispiel eine Inquisition, ein hochnotpeinliches Halsgericht und ähnliches nicht mehr möglich ist.«

»Wissen Sie das ganz gewiß?« fragte Friedrich, »und finden Sie es nicht sonderbar, wie neben den höchsten Errungenschaften der Wissenschaft, Spektralanalyse, Gesetz von der Erhaltung der Kraft und so weiter, die ältesten Köhlerirrtümer immer noch machtvoll fortbestehen? Ich bin nicht so sicher, daß ein Rückfall selbst in die grauenvollsten Zeiten des Malleus maleficarum unmöglich ist!«

In diesem Augenblick kamen zugleich ein Steward, dem geklingelt worden war, und der Schiffsjunge Pander herein. Wilhelm sagte: »Kollege, mir ist so, wir müssen Champagner trinken. Adolf«, wandte er sich an den Steward, »bringen Sie eine Pommery.« – »Es geht sehr über den Sektkeller«, sagte Adolf. »Natürlich, die Leute sind alle froh, daß wir gestern und vorgestern nicht ersoffen sind.« Der Schiffsjunge war vom Kapitän geschickt, um den Totenschein für den Heizer zu holen. Der tote Heizer hieß Zickelmann. Im Notizbuch des armen Menschen hatten sich Anfänge eines Briefes gefunden, die etwa so lauteten: »Ich habe vergessen, wie du aussiehst, liebe Mutter! Es geht mir schlecht, aber ich muß doch einmal zu Dir, nach Amerika, Dich wiedersehen! Es ist doch traurig, wenn man in der ganzen Welt keinen Anverwandten hat! Liebe Mutter, ich will Dich nur einmal ansehen und werde Dir wirklich sonst nicht zur Last fallen.«

Der Champagner erschien, und es dauerte nur eine kurze Zeit, bis die erste Flasche durch eine zweite ersetzt wurde. »Wundern Sie sich nicht, Kollege«, sagte Friedrich, »wenn ich heute unmäßig bin. Vielleicht, daß ich mit Hilfe dieser Medizin einige Stunden schlafen kann.«

Es war halb elf, und die Ärzte saßen noch immer zusammen. Wie es bei alten Studenten und Fachgenossen natürlich war, die sich einander genähert hatten, bewirkte der Wein einen hohen Grad von Vertraulichkeit.

Er sei, sagte Friedrich, mit einem allzu günstigen Vorurteil in die Welt getreten, er habe aus einer Art Idealismus die Militär- und Regierungskarriere abgelehnt. Er habe dann das Studium der Medizin in dem Glauben ergriffen, er könne dadurch der Menschheit nützlich sein. In diesem Glauben sei er getäuscht worden. »Denn schließlich, Kollege, der wirkliche Gärtner sorgt für einen Garten voll gesunder Bäume, aber unsere Arbeit ist einer aus kranken Keimen stammenden, kränklich vermickerten Vegetation gewidmet!« Deshalb war Friedrich, wie er sagte, in den Kampf gegen die schrecklichsten Menschenfeinde, die Bakterien, eingetreten. Er wolle indessen nicht verschweigen, daß ihn die öde, geduldige und mühsame Facharbeit ebenfalls nicht habe befriedigen können. Die Fähigkeit zu verknöchern besitze er nicht, die für einen Fachmenschen nötig sei. »Als ich sechzehn Jahre alt war, wollte ich Maler werden. Am Seziertisch, im Leichenschauhaus in Berlin, habe ich, wie ich nicht leugnen kann, Gedichte gemacht. Heut wär' ich am liebsten ein freier Schriftsteller. Aus alledem, lieber Kollege, können Sie sehen«, schloß Friedrich, auf eine ironische Weise auflachend, »daß mein Leben ziemlich zerrissen ist.«

Wilhelm wollte das keineswegs zugeben.

Aber Friedrich fuhr fort: »Es ist so! Ich bin ein echtes Kind meiner Zeit und schäme mich deshalb nicht! Jeder einzelne Mensch von Bedeutung ist heut ebenso zerrissen, wie es die Menschheit im ganzen ist. Ich habe dabei allerdings nur die führende europäische Mischrasse im Auge. In mir steckt der Papst und Luther, Wilhelm der Zweite und Robespierre, Bismarck und Bebel, der Geist eines amerikanischen Multimillionärs und die Armutsschwärmerei, die der Ruhm des heiligen Franz von Assisi ist. Ich bin der wildeste Fortschrittler meiner Zeit und der allerwildeste Reaktionär und Rückschrittler. Der Amerikanismus ist mir verhaßt, und ich sehe in der großen amerikanischen Weltüberschwemmung und Ausbeuterherrschaft doch wieder etwas, was einer der berühmtesten Arbeiten des Herkules im Stall des Augias ähnlich ist.«

»Es lebe das Chaos!«, sagte Wilhelm.

Sie stießen an. »Ja«, sagte Friedrich, »aber nur, wenn es einen tanzenden Himmel oder mindestens einen tanzenden Stern gebiert.«

»Man soll sich vor tanzenden Sternen in acht nehmen!« sagte lachend der Schiffsarzt und sah Friedrich etwas vielsagend an.

»Was wollen Sie machen«, erwiderte der, »wenn Ihnen erst so ein verfluchtes Pestgift im Blute sitzt?«

Diese plötzliche Beichte erschien unter dem Einfluß des Weines Wilhelm wie Friedrich selbstverständlich.

Wilhelm zitierte: »Es war eine Ratt' im Kellernest.« – »Naja, naja«, meinte Friedrich, »aber was tut man dagegen?« Und dann lenkte er wieder ein und ab.

»Für was soll man sich eigentlich noch intakt halten, da einem doch nun, wie dem berühmten Gerber, die Felle, alias Ideale, fortgeschwommen sind. Ich habe also mit meiner Vergangenheit reinen Tisch gemacht. Deutschland ist mir ins Meer versunken. Gut so! Was ersieht man sich schließlich daran? Ist es denn wirklich noch immer das starke, geeinigte Reich, oder nicht vielmehr eine Beute, um die noch immer Gott und der Teufel, ich wollte sagen Kaiser und Papst miteinander streiten? denn man muß sagen, daß durch länger als ein Jahrtausend das einigende Prinzip das kaiserliche gewesen ist. Man redet vom Dreißigjährigen Krieg, der Deutschland zerrissen hat. Ich rede lieber vom tausendjährigen, von dem der dreißigjährige nur der schlimmste Anfall jener den Deutschen eingeimpften religiösen Dummheitsseuche ist. Ohne die Einheit aber gleicht das Reich einem recht sonderbaren Gebäude, dessen Ziegelsteine nur zum geringsten Teil im Besitz seines Eigentümers oder seiner Bewohner sind und die der Gläubiger mit der Tiara, zu Rom, lockert und lockert, immer erpresserisch mit Zerstörung des Hauses drohend, bis er sie wirklich mit Zins und Zinseszins zurücknehmen kann. Dann gibt es im besten Fall einen Trümmerhaufen.

Man könnte schreien und sich die Haare raufen, daß der Deutsche nicht sieht, wie im Souterrain seines eigentümlichen Hauses eine verschlossene, geheime, furchtbare Blaubartskammer ist. Aber durchaus nicht für Weiblein allein. Er ahnt nicht, welche geistlichen Folterwerkzeuge dort zum Gebrauche bereitstehen: geistlich insofern, als sie, dem fanatischen Wahnwitz einer blutrünstigen Pfaffenidee dienstbar, zur scheußlichen Marter des Körpers bereitstehen. Wehe! wenn diese Tür sich einmal öffnet, wie denn fortwährend an ihren Schlössern gerüttelt wird: dann wird man alle blutigen Greuel des Dreißigjährigen Krieges, die entartete Schlachthausgrausamkeit der Ketzergerichte wiederum blutig aufblühen sehen.«

»Darauf«, sagte Wilhelm, »wollen wir aber nicht anstoßen. Dann sagen wir lieber: es lebe das gesunde, ehrlich-zynische Ausbeuterideal von Amerika mit seiner Verflachung und Toleranz!«

»Ja, tausendmal lieber«, sagte Friedrich. Und so ward auf Amerika angestoßen.

Eine Stewardeß aus der zweiten Kajüte brachte plötzlich die siebzehnjährige russische Jüdin aus dem Zwischendeck hereingeführt, die ein Taschentuch vor die Nase hielt, weil sie an unstillbarem Nasenbluten zu leiden hatte. »Oh, ich störe«, sagte die Russin und wich einen halben Schritt aus der Tür an Deck zurück. Wilhelm ersuchte sie, näher zu treten. Nun war aber die Begleitung des Mädchens für die Stewardeß nicht der Grund, weshalb sie zu Doktor Wilhelm gekommen war. Sie flüsterte ihm einige Worte ins Ohr, die ihn veranlaßten, mit einer Entschuldigung gegen Friedrich aufzuspringen. Er nahm die Mütze und ging mit der Stewardeß davon, die Russin dem Kollegen empfehlend.

 

Sie sind Arzt?« sagte die Russin. Friedrich bestätigte und hatte bald ohne viele Worte, indem er die Patientin sich lang auf den Diwan strecken ließ, durch einen Tampon die Blutung zum Stehen gebracht. Die Tür an Deck war offen geblieben, weil Friedrich den Zustrom frischer Seeluft für heilsam hielt.

»Meinethalben können Sie ruhig rauchen«, sagte die Russin nach einiger Zeit, weil sie bemerkt hatte, wie Friedrich sich mehrere Male in der Zerstreuung eine Zigarette anzünden wollte, es aber immer wieder im letzten Moment unterließ.

Er sagte kurz: »Nein, ich rauche jetzt nicht.«

»Aber dann könnten Sie mir vielleicht eine Zigarette geben«, sagte die Russin, »ich langweile mich.«

»Das gehört sich so«, sagte Friedrich, »ein Patient soll sich langweilen.«

»Wenn Sie mir eine Zigarette erlaubt haben«, erklärte die Leidende, »werde ich nachher sagen: Jawohl, Sie haben ganz recht, mein Herr.«

Friedrich sagte: »Ich weiß, daß ich recht habe, und von Zigarettenrauchen kann in diesem Augenblick nicht die Rede sein.«

»Ich will aber rauchen«, sagte sie, »Sie sind ungezogen.«

Friedrich sah die Russin, die eigensinnig ihre Ferse ein wenig erhoben und wieder auf das lederne Polster hatte fallen lassen, mit einem absichtlich finstren Gesichte an.

»Glauben Sie, daß ich deshalb Rußland verlassen habe, um im Ausland erst recht von jedermann kommandiert zu sein?« sagte das Mädchen mit nörgelnder Stimme. Sie fuhr fort: »Mir ist kalt! bitte schließen Sie doch die Tür.«

»Wenn Sie es wünschen, so will ich die Tür schließen«, sagte Friedrich. Er tat es mit einem nicht ganz ehrlichen Anschein von Resignation.

Friedrich, der am Morgen im Zwischendeck sich durch einen Blick mit dieser Deborah verständigt hatte, sehnte, trotzdem ihm der Wein oder weil ihm der Wein im Kopfe saß, Doktor Wilhelm herbei, dessen Rückkunft sich verzögerte. Als seine Patientin nun eine Weile geschwiegen hatte und Friedrich eine Untersuchung der Wattepfropfen in ihrem Näschen für notwendig fand, bemerkte er Tränen in ihren Augen.

»Was gibt's?« fragte Friedrich, »warum weinen Sie denn?«

Da kämpfte sie plötzlich gegen ihn mit Händen und Armen an, nannte ihn Bourgeois und wollte aufspringen. Aber Friedrichs sanfte, überlegene Kraft brachte sie bald in die ruhende Lage zurück. Dann nahm er, wie früher, abwartend Platz.

»Mein liebes Kind«, sagte er, weich und sanftmütig, »Sie werfen da auf eine höchst sonderbare Weise mit gewissen Ehrentiteln um sich herum, die wir nicht weiter erörtern wollen. Sie sind nervös. Sie sind aufgeregt!«

»Niemals würde ich erste Kajüte reisen!«

»Warum nicht?«

»Weil es bei dem Elend, in dem die Mehrzahl der Menschen schmachtet, eine Gemeinheit ist. Lesen Sie Dostojewski, lesen Sie Tolstoi, lesen Sie Krapotkin! Wir werden gejagt! Wir werden gehetzt! Es ist gleich, hinter welchem Zaune wir sterben.«

»Wenn es Sie interessiert«, sagte Friedrich, »ich kenne sie alle: Krapotkin, Tolstoi und Dostojewski. Aber glauben Sie nicht, daß Sie die einzige Gehetzte auf der Erde sind. Ich bin auch gehetzt. Wir sind alle gehetzt, meine Beste.«

»Ach, Sie fahren in der ersten Kajüte«, gab sie zurück, »und Sie sind auch kein Jude. Ich bin eine Jüdin! Haben Sie eine Ahnung, was es bedeutet, wenn man in Rußland gelebt hat und Jüdin ist?«

»Dafür kommen wir jetzt in die Neue Welt«, sagte Friedrich.

»Ich kenne mein Schicksal«, sagte sie. »Wissen Sie vielleicht, in welche verfluchten Ausbeuterhände ich gefallen bin?«

Das Mädchen weinte, und da sie jung und von ähnlicher Zartheit der Gestalt wie Ingigerd, nur von einer ganz anderen, dunkelhaarigen und dunkeläugigen Rasse war, fühlte sich Friedrich schwach werden. Sein Mitleid wuchs, und er wußte wohl, daß Mitgefühl die sicherste Brücke der Liebe ist. Deshalb zwang er sich nochmals zu einer harten Entgegnung.

Er sagte: »Ich bin hier Arzt, ich vertrete hier einen Kollegen. Was geht es mich an, und wie kann ich es ändern, wenn Sie in Ausbeuterhände gefallen sind. Außerdem seid ihr intellektuellen Russen und Russinnen alle hysterisch! Und das ist ein Zug, der mir nachgerade widerlich ist.«

Sie fuhr empor und wollte davonrennen. Friedrich, um sie festzuhalten, griff sie erst am rechten und dann auch am linken Handgelenk. Da sah sie ihn mit einem solchen Blicke von Haß und Verachtung an, daß er die ganze leidenschaftliche Schönheit des Mädchens empfinden mußte.

»Was habe ich Ihnen getan?« fragte Friedrich, der im Augenblick wirklich erschrocken war und nicht wußte, ob er nicht etwa tatsächlich etwas verbrochen habe. Er hatte getrunken. Er war aufgeregt. Was sollte jemand, der jetzt dazu kam, von ihm denken? Hatte nicht schon das Weib des Potiphar, der Joseph entlief, mit Vorteil zu einem bekannten Mittel gegriffen? Er wiederholte: »Was hab' ich getan?«

»Nichts«, sagte die Russin, »außer was Ihnen gewöhnlich ist: nämlich ein schutzloses Mädchen beleidigen.«

»Sind Sie wahnsinnig?« fragte Friedrich.

Plötzlich gab sie zur Antwort: »Ich weiß es nicht.« Und in diesem Augenblick veränderte sich der harte, gehässige Ausdruck ihres Gesichts und verwandelte sich in Hingabe, eine Verwandlung, die für einen Mann wie Friedrich ebenso rührend wie unwiderstehlich war. Er vergaß sich. Auch er war seiner nun nicht mehr mächtig.

 

Dieses sonderbare Ereignis mit Kommen, Sehen, Lieben und für immer Abschiednehmen war traumhaft vorübergeeilt. Da Wilhelms Rückkehr sich noch immer verzögerte, trat Friedrich, nachdem sein Besuch geflohen war, auf Deck hinaus, wo ihn der Eindruck des ausgestirnten Himmels über dem unendlichen Ozean gleichsam reinigte. Er war von Natur und Gewohnheit kein Don Juan, deshalb mußte er staunen, daß ihm das ungewöhnliche Abenteuer als das Natürlichste von der Welt erschien.

In dieser Stunde hatte Friedrich eine bis ins Innerste erfühlte schmerzliche Vision der Summe vom Leben und Sterben innerhalb irdischer Jahrmillionen. Aber der Tod mußte etwas vor dem Beginne sein. Tod und Tod, das waren die Grenzen, dachte Friedrich, für ungeheure Summen von Sorge, Hoffnung, Begierde, Genuß – der sich aber sogleich wieder selbst verzehrte -, für erneute Begierde, Illusion von Besitz, Realität von Verlust, für Nöte, Kämpfe, Einigungen und Trennungen, alles unaufhaltsame Vorgänge und Durchgänge, die mit Leiden und wieder Leiden verbunden sind. Es beruhigte Friedrich, vorauszusetzen, daß nun, bei so ruhiger Fahrt, die Russin und alle übrigen Leidensgefährten wahrscheinlich, von dem großen Wahnwitz des Lebens erlöst, in einem bewußtlosen Schlummer lagen.

So grübelnd und auf den Schiffsarzt wartend, hatte sich Friedrich vom Rande des Decks aus beiläufig umgewandt und bemerkte, nicht weit vom Schornstein, in einem Winkel, halb an die Wand gekauert, eine dunkle Masse, die ihm aus irgendeinem Grunde seltsam schien. Näher tretend, erkannte er einen schlafenden Mann, dessen Mütze über die Augen gezogen war und der, an der Erde sitzend, den bärtigen Kopf auf einem Feldstuhl zur Ruhe gelegt hatte. Dieser Mann, wie Friedrich sich überzeugte, war Achleitner. Auf die Frage, die Friedrich sich stellen mußte, weshalb er bei vier oder fünf Grad Kälte hier hockte und nicht zu Bette lag, hatte er bald die richtige Antwort: denn drei Schritte entfernt befand sich die Tür zur Kabine Ingigerds. Achleitner konnte der treue Hund im Sinne des Wächters, im Sinne des Zerberus und im Sinne des von Tollwut besessenen Eifersüchtigen sein. »Armer Bengel«, sagte Friedrich ganz laut, »armer, blöder Achleitner!« Und neben dem echtesten, beinahe zärtlichen Mitgefühl kam Friedrich der ganze Jammer des liebenden und enttäuschten Mannes an, wie er von Nietzsche und Schopenhauer bis hinab zu Buddha Gotama zu verfolgen ist, den sein Schüler Ananda fragt: »Wie sollen wir uns, Herr, gegen ein Weib benehmen?« und der da antwortet: »Ihr sollt ihren Anblick vermeiden, Ananda!« Weil des Weibes Wesen, sagte er, unergründlich verborgen wie der Weg des Fisches im Wasser sei und ihnen die Lüge wie Wahrheit und die Wahrheit wie Lüge wäre.

»Pst, Kollege, was machen Sie hier?« Mit diesen Worten war leise schreitend Doktor Wilhelm herangetreten, der etwas, sorgsam eingewickelt, in Händen trug. »Wissen Sie, wer hier liegt?« sagte Friedrich, »das ist Achleitner!« – »Er hat aufpassen wollen«, bemerkte Wilhelm, »daß die Frequenz dieser Tür dort nicht zu lebhaft wird.« Friedrich sagte: »Wir müssen ihn aufwecken.« Wilhelm: »Warum denn? Später! Wenn Sie zu Bette gehn!« – »Ich werde jetzt gehen«, sagte Friedrich. Wilhelm: »Kommen Sie erst noch einen Augenblick zu mir herein.«

In seiner Kabine wickelte der Arzt den nassen Embryo eines menschlichen Kindes aus Packpapier. »Sie hat ihren Zweck erreicht«, sagte er und meinte das Mädchen in der zweiten Kajüte, die seiner Ansicht nach die Reise zu keinem anderen Zweck, als um ihre Last dabei zu verlieren, gemacht hatte. Und Friedrich wußte beim Anblick dieses anatomischen kleinen Objektes nicht, ob wirklich geboren werden oder nicht zum Leben erwachen das bessere wäre.

Dann ging er, weckte den schlafenden Achleitner und führte den unverständliche Worte murmelnden, widerspenstigen, aber im Gehen schlafenden Mann unter Deck und in seine Kabine hinab. Nicht ohne Grauen vor den Foltern der Schlaflosigkeit suchte auch Friedrich nun sein Lager.

 

Friedrich entschlief sogleich; allein als er aufwachte, war es erst zwei Uhr nach Mitternacht. Das Schiff lag immer noch ruhig, und man hörte die Schraube gleichmäßig unter Wasser arbeiten. Wenn das Leben in Zeiten großer psychischer Krisen an sich ein Fieber ist, so steigern Reisen und schlaflose Nächte noch dieses Fieber. Friedrich kannte sich und erschrak, als er sich nach so kurzer Zeit um den Frieden des Schlafes betrogen glaubte.

Aber war es wirklich ein Friede gewesen? Er hatte geträumt, er war Hand in Hand mit Achleitner unter den schwarzen Witwen aus Kohlenqualm, die von den Schloten des »Roland« aus über den Ozean zogen, endlos, endlos davongewandert. Er hatte, gemeinsam mit der russischen Jüdin aus Odessa, den toten Heizer Zickelmann in den blauen Damensalon mit schwerer Mühe heraufgetragen und mittels eines Serums, dessen Entdecker er war, ins Leben zurückgebracht. Dann hatte er einen Streit geschlichtet, der zwischen der Russin und Ingigerd Hahlström ausgebrochen war, die einander tätlich anfielen und mit leidenschaftlichen Schimpfreden überschütteten. Dann wieder saß er mit Doktor Wilhelm in dessen Apotheke und beobachtete gemeinsam mit ihm, wie weiland Wagner, einen Homunkulus, der sich noch embryonal in einer gläsernen Kugel unter Lichterscheinungen ausbildete. »Die Menschen steigen wie Blasen im Wasser auf«, sagte Wilhelm, »man weiß nicht woher, man weiß nicht wohin, – und zerplatzen.« Dabei plapperte der weiße Kakadu Ingigerds im Tone von Artur Stoß, indem er sagte: »Ich bin heute schon vollkommen unabhängig! ich reise, weil ich mein Vermögen abrunden will.« Indem Friedrich aller dieser Dinge sich zu erinnern glaubte, träumte er bereits wieder. Plötzlich fuhr er auf mit den Worten: »Ich nehme Sie bei den Ohren, Hans Füllenberg!« Gleich darauf hielt er im Rauchzimmer eine vernichtende Strafpredigt, worin er den Herrn, der seine geheime Beziehung zu Ingigerd entweiht hatte, moralisch niederschlug.

Und wieder fing das Wandern Hand in Hand mit Achleitner und den qualmigen Witwen über die Wasserwüste an. Das mühsame Schleppen – gemeinsam mit der jungen Verehrerin Krapotkins – des nackten toten Heizers, treppauf und treppunter. Der Zank der Frauen, die Abkanzelungen Füllenbergs und des Menschen im Rauchzimmer wiederholten sich. Und immer qualvoller wurden die Wiederholungen. Der Homunkulus in der Glaskugel, mit Doktor Wilhelm, erschien wiederum. Er entwickelte sich, mit Lichterscheinungen. In seiner Not, in seiner unendlichen Hilflosigkeit dieser marternden Bilderflucht gegenüber bäumte sich Friedrichs gehetzte Seele nach Frieden lechzend plötzlich auf, und er sagte laut: »Zünde an das Licht der Vernunft! zünde an das Licht der Vernunft, o Gott im Himmel!« Dann fuhr er empor und erkannte, daß Rosa, das Dienstmädchen, mit einem wirklichen, brennenden Licht bei ihm stand. Sie fragte: »Ist Ihnen nicht gut, Herr Doktor?«

Die Kabine knackte. Das Dienstmädchen hatte sich wieder entfernt. Das Schiff lag still. Oder hatte der Kurs des »Roland« nicht mehr die gleiche Ruhe und Stetigkeit? Friedrich horchte gespannt und hörte die Schraube gleichmäßig unter Wasser rauschen. Dann drangen monotone Rufe von Deck und das laute Rasseln der Schlacke, die man ins Meer schüttete. Die Uhr zeigte fünf, so daß seit Friedrichs letztem Erwachen eine Spanne von drei Stunden verstrichen war.

Wiederum rutschte, mit Gepolter und mit Gerassel, eine Ladung Schlacke in den Atlantischen Ozean. Waren es nicht die Kollegen des toten Heizers, die sie hinausschütteten? Friedrich vernahm Kindergeschrei, hierauf das Weinen und Greinen seiner hysterischen Nachbarin, endlich die Stimme Rosas, die den kleinen Siegfried und die geschwätzige Ella Liebling zu beruhigen suchte. Siegfried wünschte nicht weiterzureisen. Er bettelte grämlich und wollte durchaus zu seiner Großmama nach Luckenwalde zurück. Frau Liebling zankte mit Rosa und machte das Mädchen für das Betragen der Kinder verantwortlich. Friedrich hörte sie sagen: »Ihr trampelt auf meinen Nerven herum, laßt mich schlafen!«

 

Über allen diesen Eindrücken war Friedrich abermals eingeschlafen. Er träumte: er befand sich mit dem Dienstmädchen Rosa und dem kleinen Siegfried Liebling in einem Rettungsboot, das über ein ruhiges, grünlich-leuchtendes Meer schaukelte. Sonderbarerweise hatten sie eine Menge Goldbarren mit sich auf dem Boden des kleinen Schiffs, es waren wohl jene für die Washington-Bank bestimmten, die der »Roland« an Bord haben sollte. Nach einigem Kreuzen, wobei Friedrich das Steuer führte, waren sie in einem hellen, freundlichen Hafen, etwa auf einer der Azoren oder Madeira oder den Kanarischen Inseln, angelangt. Nicht weit vom Kai sprang Rosa ins Wasser und erreichte das Land, den kleinen Siegfried hoch auf dem Arm tragend. Leute empfingen sie, worauf sie alsbald mit ihnen und dem kleinen Liebling in einem der blütenweißen Gebäude am Hafen verschwand. Als Friedrich landete, wurde er auf der marmornen Landungstreppe des Kais zu seiner Freude von seinem alten Freund Peter Schmidt in Empfang genommen. Peter Schmidt war jener Arzt, den besuchen zu wollen Friedrich neugierigen Fragern gegenüber als den hauptsächlichsten Zweck seiner Reise genannt hatte. Als Friedrich ihn hier, im Rahmen der weißen, südlichen Stadt, unvermutet, nach einer Trennung von Jahren wiederfand, war seine Freude über dies Wiedersehen ihm selbst überraschend. Wie war es denn möglich gewesen, daß er eines solchen prächtigen Mannes und treuen Jugendgenossen während einer so langen Zeit sich nur noch gelegentlich hatte erinnern können?

»Es ist schön, daß du kommst«, sagte Peter Schmidt, und Friedrich fühlte, als sei er lange erwartet worden. Schweigend geleitete ihn der Freund in eine am Hafen gelegene Herberge, und Friedrich überkam ein bis dahin noch nie empfundenes Gefühl von Geborgenheit. Während er sich mit einem Imbiß an der Wirtstafel stärkte und der Padrone des Hauses, ein Deutscher, die Daumen drehend ihm gegenüberstand, sagte Schmidt: »Die Stadt ist nicht groß, aber sie kann dir ein Bild geben. Du wirst hier Leute finden, die für immer gelandet sind.«

Es bestand eine Übereinkunft, daß man in dieser sonderbaren, in blendendem Lichte liegenden, stummen Stadt nur mit den allerwenigsten Worten sich verständigen mußte. Alles wurde hier mit einem neuen, stummen, inneren Sinn erkannt. Aber Friedrich sagte: »Ich habe dich immer für den Mentor in unbekannte Tiefen unserer Bestimmung genommen!« Worte, womit er seine Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wesen des Freundes ausdrücken wollte. »Ja, ja, aber dies ist nur ein kleiner Anfang«, sagte der Freund. »Immerhin kann man hier bereits etwas erfahren, was unter der Oberfläche verborgen ist.« Hiermit wurde Friedrich von Peter Schmidt, gebürtig aus Tondern, an den Hafen hinausgeführt. Der war sehr klein. Es lagen darin mehrere altertümliche Schiffe. »Fourteen hundred and ninety-two«, sagte Peter Schmidt. Es war das Jahr, von dessen vierhundertjähriger Wiederkehr man unter dem amerikanischen Publikum auf dem »Roland« viel gesprochen hatte. Der Friese wies auf die beiden Karavellen hin und bedeutete Friedrich, daß eines davon die »Santa Maria«, das Admiralschiff des Christoph Kolumbus, wäre. »Ich«, sagte der Friese, »bin mit Christoph Kolumbus hierhergelangt.«

Alles dieses war Friedrich auf eine unbedingte Weise einleuchtend. Auch als Peter Schmidt die Erklärung gab, das Holz dieser langsam verfallenden Karavellen werde legno santo genannt und brenne an Feiertagen in den Kaminen, weil der Geist der Erkenntnis darin gebunden sei, fand Friedrich nichts Rätselhaftes darin. Weiter draußen im Meer lag ein drittes Schiff, das backbords vorn eine schwarze, gewaltige Öffnung hatte. Der Friese sagte: »Es ist gesunken. Es hat uns eine helle Menge Volks hereingebracht.« Friedrich blickte hinaus. Er war unbefriedigt. Gerne hätte er über das sonderbar fremde, sonderbar bekannte Fahrzeug da draußen mehr gewußt. Aber der Friese war vom Hafen ab und in ein enges, verwinkeltes Treppengäßchen eingebogen.

Hier geschah es, daß ein alter, vor mehr als fünfzehn Jahren verstorbener Onkel Friedrichs, die Pfeife behaglich im Munde, ihm entgegentrat. Er hatte sich, wie es schien, soeben von einer Bank erhoben, die am offenen Eingang seines Hauses stand. »Guten Tag«, sagte er, »wir sind alle hier, lieber Junge!« Und Friedrich wußte, wen der seinerzeit im Leben nicht gerade von Glück begünstigte alte Herr mit den Worten »Wir alle sind hier« gemeint hatte. »Man lebt hier recht gut«, fuhr der Alte schmunzelnd fort, »es ist mir bei euch, in der finsteren Luft, nicht so gut gegangen. Erstlich haben wir doch das legno santo, mein Sohn« – und er wies mit der Tabakspfeife auf einen im dunklen Innern des Hauses bläulich züngelnden Herd zurück –, »und dann haben wir schließlich auch noch die Lichtbauern. Du wirst mir zugeben, daß man es mit diesen Arcanis in den Gefahren des Universums, weiß Gott, eine gehörige Zeitlang ohne alle übertriebene Sorge aushalten kann. Aber ich halte dich auf. Wir hier haben ja Zeit, aber du hast Eile!« Friedrich sagte Adieu. »Ach was!« rief der Onkel ärgerlich, »habt ihr da unten immer noch so viel Schererei mit dem Willkommen und dem Adieu, mein Sohn?«

Im Weiterschreiten und Weitersteigen wurde der Träumer von Peter Schmidt durch mehrere Häuser und Innenhöfe hindurchgeführt. In einem der winkligen Höfe, der Friedrich an gewisse alte Hamburger oder Nürnberger Viertel erinnerte, befand sich ein Kramladen, der ein Schild mit der Aufschrift »Zum Meerschiff« trug. »Alles sieht hier sehr gewöhnlich aus«, sagte Peter Schmidt, »aber wir haben doch hier von allem die Urbilder.« Damit wies er den Freund auf das kleine Modell eines altertümlichen Schiffes hin, das zwischen Kautabak und Peitschenriemen im kleinen Fenster des Kramladens stand.

Schiffe, Schiffe, nichts als Schiffe! und es war, als melde sich in Friedrichs Kopf beim Anblick des neuen Schiffchens ein leiser, quälender Widerstand. Freilich wußte er auch, daß er in ihm ein nie gesehenes, allumfassendes Sinnbild vor Augen hatte. Mit einem neuen Erkenntnisorgan, mit einer zentralen Klarheit erkannte er, wie hier, im kleinen Bilde, das ganze Wanderer- und Abenteurerdasein der menschlichen Seele begriffen war. »Oh«, sagte der Krämer, der soeben die Glastür des kleinen Ladens öffnete, so daß allerlei Ware, die daran hing, klappernd ins Schwanken kam, – »oh, lieber Friedrich, du bist hier? Ich hätte dich noch auf See vermutet.« Und Friedrich erkannte in dem Krämer, der im schäbigen Schlafrock und Käppi eines längst verstorbenen Konditors aus seiner Knabenzeit vor ihm stand, sonderbarerweise Georg Rasmussen: Georg Rasmussen, dessen Abschiedsbrief er noch in Southampton erhalten hatte. So geheimnisvoll alles war, lag dennoch für Friedrich etwas Selbstverständliches in diesem Wiedersehen. Der kleine Laden schwirrte von Goldammern. »Es sind die Goldammern«, sagte der in einen Trödler verkleidete Rasmussen, »die vorigen Winter in der Heuscheuer einfielen, wie du weißt, und die mir zum Verhängnis geworden sind.« – »Jawohl«, sagte Friedrich, »man näherte sich einem kahlen Strauch, und plötzlich war's, als ob er sich schüttelte und zahllose goldene Münzen abwürfe. Wir deuteten das auf Berge von Gold.« – »Nun«, sagte der Krämer, »ich tat genau am vierundzwanzigsten Januar, ein Uhr dreizehn Minuten, als ich dein Telegramm von Paris, mit dem Schuldenerlaß, in Händen hielt, meinen letzten Atemzug. Hinten im Laden hängt auch der Fuchspelz meines Kollegen, durch den ich – ich beklage mich keineswegs! – infiziert worden bin. Ich schrieb dir, ich wolle mich dir aus dem Jenseits bemerklich machen. Well, hier bin ich! Es ist auch hier nicht alles ganz klar, aber es geht mir besser, wir ruhen hier alle in einem gesicherten Grundgefühl.

Es ist sehr hübsch«, fuhr er fort, »daß du dich mit Peter getroffen hast. Peter Schmidt gilt viel auf diesem Boden. Na, ihr werdet euch ja oben, in dem Jubiläumsrummel von New York, ›fourteen hundred and ninety-two‹, wieder begegnen. Gott, was bedeutet im Grunde das bißchen Entdeckung von Amerika.« Und der wunderlich verkappte Rasmussen zog das kleine Meerschiff aus dem Schaufenster, das ebenfalls wieder, gleich dem Admiralschiff des Christoph Kolumbus, »Santa Maria« hieß. Er sagte: »Jetzt bitt' ich gefälligst achtzugeben!« Und Friedrich bemerkte, wie der alte Konditor immer ein Schiff nach dem anderen, von der gleichen Art, aber kleiner und kleiner, aus dem ersterblickten zog. Er sagte, immer noch neue Schiffchen aus dem Bauche des einen hervorziehend: »Immer Geduld, die kleineren sind nämlich immer die besseren. Und wenn ich Zeit hätte, würden wir zu dem kleinsten gelangen, dem letzten, gloriosesten Werke der Vorsehung. Mit jedem dieser Schiffchen kommen wir nicht nur über die Grenze unseres Planeten, sondern unseres Erkenntnisvermögens hinaus. Aber wenn du Interesse hast«, fuhr er fort, »ich besitze noch andere Waren im Hause. Hier ist die Heckenschere des Kapitäns, hier ist ein Senkblei, womit man bis in die letzten Abgründe des Sternenhimmels und der Milchstraße loten kann. Doch ihr habt keine Zeit, ich will euch nicht aufhalten.« Und der Trödler zog sich hinter die Glastür zurück.

Hinter dem Glas aber sah man ihn, wie er die Nase dagegen quetschte. Geheimnisvoll, und wie wenn er noch etwas zu verkaufen hätte, hielt er den Finger vor den karpfenmaulartig worteformenden Mund. Friedrich verstand: legno santo! Die Lichtbauern! Aber da schlug Peter Schmidt mit der Faust die Glastüre ein, riß dem verkappten Rasmussen das gestickte Käppi herunter, nahm einen kleinen Schlüssel heraus und winkte Friedrich mit sich fort.

Sie verließen die Häuser und traten ins freie, hügelige Land hinaus. »Die Sache ist die«, sagte Peter, »es wird Mühe kosten.« Und dann liefen und stiegen sie stundenlang. Es war Abend geworden. Sie machten ein Feuerchen. Sie schliefen auf einem im Winde schaukelnden Baum. Der Morgen kam. Sie wanderten wiederum, bis die Sonne nur noch ganz niedrig stand und endlich Peter das Pförtchen in einer niedrigen Mauer öffnete. Hinter der Mauer war Gartenland. Ein Gärtner band Wein und sagte: »Willkommen, Herr Doktor. Die Sonne geht unter, aber man weiß ja, wozu man stirbt.« Und als Friedrich den Mann genau betrachtete, war es der Heizer, der auf dem »Roland« sein Leben eingebüßt hatte. »Ich tue das lieber, als Kohle schaufeln«, sagte er, womit er auf die langen Bastschnüre, die ihm durch die Finger hingen, und seine Tätigkeit an den Reben und Trauben anspielte. Und dann gingen sie, alle drei, einen ziemlich langen Weg, in eine verwilderte Gegend des Gartens, worüber es völlig dunkel ward. Nun sauste der Wind, und die Stauden, Bäume und Büsche des Gartens begannen wie eine Brandung zu rauschen. Jetzt hockten sie, auf den Wink des Heizers, in einen Kreis, und es war, als ob er ein Stückchen glimmender Kohle mit bloßer Hand aus der Tasche genommen hätte. Er hielt es, wenig über der Erde, so daß eine runde Bodenöffnung, etwa die Fahrt eines Hamsters, beleuchtet ward.

»Legno santo«, sagte, auf die glimmende Kohle deutend, Peter Schmidt. »Du wirst jetzt jene ameisenartigen kleinen Dämonen zu Gesicht bekommen, lieber Friedrich, die man hierzulande Noctilucae oder Nachtlichtchen nennt. Sie selber nennen sich pomphaft die Lichtbauern, allerdings muß man zugeben, daß sie es sind, die das im Innern der Erde verborgene Licht in Magazine aufsammeln, auf besonders präparierte Ackerflächen aussäen, es ernten, wenn es mit hundertfältiger Frucht gewachsen ist, und es in goldenen Garben oder Barren für die allerfinstersten Zeiten aufbewahren.« Und wirklich sah Friedrich durch einen Spalt in eine wie von einer unterirdischen Sonne erleuchtete zweite Welt, wo sich zahllose kleine Lichtbauern mit Sensendengeln, Halmeschneiden, Garbenbinden, kurz, mit Ernten beschäftigten. Viele schnitten das Licht, wie Goldbarren, aus dem Boden heraus. »Diese Lichtbauern«, sagte Peter, »sind es vor allen, die für meine Ideen tätig sind.« Friedrich erwachte und hörte dabei die Stimme des Freundes dicht neben sich.

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