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Gerhart Hauptmann: Atlantis - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGerhart Hauptmann
titleAtlantis
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
isbn3549051427
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150921
projectidceb3ed92
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Am folgenden Tage war Friedrich bereits in das einsame und verschneite Asyl am Hanoversee eingezogen, das er fortan abwechselnd seine Diogenestonne, Onkel Toms Hütte oder seine Retorte nannte. Eine Diogenestonne war es nicht, denn die beiden Freunde hatten Holz- und Anthrazitkohle anfahren lassen, es war im Mansardenraum ein kleiner amerikanischer Ofen gesetzt worden, dessen immer sichtbare Glut behagliche Wärme verbreitete, und Küche und Speisekammer enthielten alles und etwas mehr, als zum Leben notwendig war. Auf irgendeine Bedienung im Hause verzichtete Friedrich, er wolle, wie er sagte, Bilanz machen, und dabei könne ihm die Gegenwart eines fremden Menschen nur störend sein.

Es war für Friedrich ein tiefer Augenblick, als Peter Schmidt in der Dunkelheit – die Freunde hatten noch gemeinsam Kaffee getrunken – mit dem Schellengeläut seines Schlittens verschwunden war und als er selbst zum erstenmal sich in der weißen und dabei nächtlich verhüllten amerikanischen Landschaft allein fühlte. Er ging ins Haus, schloß die Tür hinter sich, horchte und hörte das Holz des Feuerchens in der Küche knacken. Er nahm ein Licht, das im Hausflur stehengeblieben war, und leuchtete die Stiege hinauf. In seinem Zimmerchen angelangt, freute er sich der Wärme und des behaglichen Feuerscheins, den das kleine Kuppelöfchen ausstrahlte. Er zündete die Lampe an, und nachdem er die Gegenstände auf dem langen, unbedeckten Ausziehtisch ein wenig geordnet hatte, nahm er mit einem voll genossenen, tiefen und mysteriösen Behagen Platz.

Er war allein. Er befand sich in einem Zustand, der in allen fünf Weltteilen der gleiche ist. Draußen lag eine klare und lautlose Winternacht, dieselbe, die er aus seiner Heimat kannte. Alles, was er bis hierher erlebt hatte, war nicht mehr. Oder es war! aber wie nie gewesen. Heimat, Eltern, Weib, Kinder, die Geliebte, die ihn über den Ozean gezogen hatte, alles, was ihm auf der Reise zugestoßen und nahegetreten war, hatte nicht mehr in seiner Seele zurückgelassen als ein Schattenspiel. Sollte das Leben, fragte sich Friedrich, nichts weiter als ein Material für Träume sein? So viel steht fest, sagte er zu sich selbst, mein jetziger Zustand ist der, über den wir im Grunde, solange wir leben, niemals hinwegkommen. Wir brauchen nicht ungesellig zu sein, aber noch weniger dürfen wir diesen Zustand, das natürlichste, ungestörte Grundverhältnis der Persönlichkeit, ungepflegt lassen: den Zustand, wo wir allein dem Mysterium unseres Daseins wie einem Traum gegenüberstehen.

Friedrich hatte während der letzten Monate ein ereignisreiches Leben der allertiefsten Gegensätze geführt: er war beängstigt, erregt, bedroht worden, eigene Schmerzen waren vielfach in fremden untergegangen, und fremde hatten die eigenen vermehrt. Aus der Asche einer ausgebrannten Liebe war die Flamme einer neuen leidenschaftlichen Illusion emporgeschlagen. Friedrich war getrieben worden, gehetzt, gelockt, ja wie an Stricken willenlos in die Weite geführt! willenlos und besinnungslos! Nun erst war die Besinnung wiedergekommen! – Dann erscheint die Besinnung, wenn das besinnungslos gelebte Leben im bewußten, wachen Geist das Material für Träume geworden ist. Friedrich nahm einen Bogen Papier und schrieb darauf mit einer neuen amerikanischen Feder, die er in ein jungfräuliches Tintenfaß getaucht hatte: Das Leben, ein Material für Träume.

Dann ging er daran, seinen Robinsonhaushalt weiter nach Laune herzurichten. Er stapelte Bücher, die er in New York erstanden hatte, Reclambändchen und andere, auf den Tisch, auch solche, darunter die Schleiermachersche Platon-Übersetzung, die Peter Schmidt ihm geliehen hatte. Vor einem alten holländischen Sofa mit Lederbezug, das Apotheker Lamping, gebürtig aus Leyden, mit herübergebracht hatte, stand ein zweiter großer, dazugehöriger Tisch, den Friedrich mit grünem Tuch bedeckt und auf den er die weinroten, langgestielten Rosen der Künstler, die von Miß Eva gesondert, gestellt hatte. Jetzt ging er daran, das stehengebliebene Kaffeegeschirr beiseite zu schaffen. Weiter wurde ein von Peter Schmidt entliehener Revolver geladen und neben das Tintenfaß auf den Schreibtisch gelegt, hernach ein friedliches wissenschaftliches Instrument, ein Zeiß-Mikroskop, geprüft und zusammengestellt. Es war dasselbe, das Friedrich vor Jahren in Jena für seinen Freund Peter Schmidt persönlich ausgesucht hatte, als dieser nach Amerika ging. Dies war ein seltsames, damals nicht im entfernten geahntes Wiedersehen!

Und Friedrich hatte noch mehr zu tun. Er mußte eine Seemannsuhr auseinandernehmen, wieder zusammenstellen und an die Wand hängen, ein altes Ding, das ihm erst heut, bei Gelegenheit eines kleinen Möbeleinkaufs, um billiges in die Hände gefallen war. Zu seiner Freude fing die alte Großmutter bald darauf in ihrem braunen, etwa meterlangen Gehäuse von der Wand am Fußende des Bettes mit angemessener Würde zu ticken an. Dort mochte sie hängenbleiben, bis ihr neuer Besitzer sie wieder herunter und mit nach Europa, in ihre Heimat nahm. Denn sie stammte aus Schleswig-Holstein, und Friedrich hatte ihr die ersehnte Heimkehr fest zugesagt.

Wenn er auf seinem Bette lag, konnte er den gelben Messingperpendikel der altertümlichen Uhr hin und her glänzen sehen. Das Zifferblatt war eine Merkwürdigkeit. Als pausbäckige Sonne gedacht und bemalt, zeigte es oben die Insel Helgoland und zinnerne Segelschiffchen, die im gravitätischen Rhythmus des Perpendikels schaukelten. Dieser Anblick war angetan, die Behaglichkeit des gesicherten Herdes für einen gezausten Seefahrer doppelt spürbar zu machen.

Wann war das doch, überlegte Friedrich, als ich Mr. Barrys schneidende Worte, Mr. Samuelsons verunglückten Vorstoß und Lilienfelds Apachenritt gegen puritanische Unduldsamkeit miterlebte: einen wüsten und lügenhaften Kampf, der scheinbar um eine Seele zu retten geführt wurde, in Wirklichkeit aber nichts weiter als der Kampf von Krähen um einen jungen, hilflosen Hasen war. Wann war das doch? Es mußte Jahre zurückliegen. Nein! Ingigerd war ja erst am gestrigen Abend zum erstenmal öffentlich aufgetreten. Es konnte also nicht früher als am vorgestrigen Tage gewesen sein.

Übrigens lag bereits der erste Brief von ihr auf dem Tisch. Das Mädchen beklagte sich heftig über seinen Vertrauensbruch. Sie habe sich furchtbar in ihm getäuscht, behauptete sie. Und im selben Atem: sie habe ihn in den ersten fünf Minuten durchschaut, als er sich, noch in Berlin, ihr näherte. Nachdem sie aber seinen Charakter vollständig in den Grund gebohrt hatte, bat sie ihn dringend, zurückzukehren. »Ich habe«, hieß es, »heut einen Riesentriumph erlebt. Das Publikum hat Kopf gestanden. Nach der Vorstellung kam Lord Soundso, ein junger, bildschöner Engländer, der einstweilen hier lebt, weil er mit seinem Vater zerfallen ist. Wenn der Alte stirbt, bekommt er den Herzogtitel und erbt Millionen.«

Friedrich zuckte die Achseln: er fühlte nicht den geringsten Antrieb mehr, Beschützer oder Retter der Kleinen zu sein, nicht den leisesten Anreiz, über ihr Schicksal nachzugrübeln.

Am nächsten Morgen, als Friedrich erwachte, fröstelte ihn, trotzdem das Öfchen die Zimmerwärme erhalten hatte und Wintersonne ins Fenster schien. Er nahm seine goldene Taschenuhr, ein Stück, das er aus dem Schiffbruch davongebracht hatte, und fand, daß sein Puls über hundert Schläge in der Minute tat. Aber er machte nichts weiter daraus, stieg aus dem Bett, wusch sich von oben bis unten mit kaltem Wasser, zog sich an, machte sein Frühstück zurecht und hatte bei alledem nicht die Empfindung, krank zu sein. Immerhin fühlte er sich zur Vorsicht gemahnt, denn es war nicht unmöglich, daß jetzt, wo die Spannungen und Erregungen nachließen, der Körper seinen Kapitalverbrauch eingestand und eine Art Bankerott ansagte. Werden doch zuweilen die ärgsten Strapazen ganz ohne Warnung bewältigt, und alles geht gut, solange der aufgepeitschte Körper im Gange ist. Er glaubt, er arbeite aus dem Überschuß, und bricht, sobald Wille und Spannung nachlassen, ausgeplündert in sich zusammen.

 

Gegen zehn Uhr war Friedrich im Sprechzimmer seines Freundes in der City von Meriden. Der Spaziergang durch den Wintertag hatte ihm gut getan. »Wie hast du geschlafen?« fragte Schmidt. »Ihr abergläubischen Leute behauptet ja, was man die erste Nacht in einem fremden Hause träumt, geht in Erfüllung!« – »Das will ich nicht hoffen«, sagte Friedrich. »Meine erste Nacht war recht mangelhaft, und in meinem Schädel ist es recht kunterbunt zugegangen.« Er verschwieg den peinlichen Klingeltraum, den er gehabt und der ihn wiederum hartnäckig in die angstvollsten Augenblicke des Schiffsunterganges zurückversetzt hatte. Nachgerade war diese Gehörshalluzination Friedrichs heimliches Kreuz geworden. Er fürchtete manchmal, es möchte eine Art Aura sein, durch die sich nicht selten Anfälle schwerer körperlicher Leiden ankündigen.

Friedrich hatte Frau Doktor Schmidt, approbierte Ärztin und Kollegin ihres Mannes, schon am Tage vorher kennengelernt. Die Konsultationszimmer waren durch das für die Patienten beider Ehegatten gemeinsame Wartezimmer getrennt. Frau Schmidt kam herüber, begrüßte Friedrich und wünschte ihren Mann bei der Untersuchung einer Patientin heranzuziehen. Es war eine seit kurzem verheiratete, noch nicht achtundzwanzigjährige Arbeiterfrau, deren Mann in einer der Meridener Christophel-Fabriken eine gute Stellung innehatte. Sie glaubte sich ein bißchen den Magen verdorben zu haben, aber Frau Doktor Schmidt vermutete Magenkrebs.

Von seinem Freunde und dessen Frau aufgefordert, ging Friedrich mit zu der Patientin hinein, die lachend auf dem Operationsstuhle saß und einigermaßen verdutzt die Herren begrüßte. Friedrich wurde als ein berühmter deutscher Arzt vorgestellt, und die hübsche, wohlgekleidete Frau hielt es immer wieder für angebracht, sich wegen der Umstände zu entschuldigen, die sie verursache. Sie habe sich eben den Magen nur ein bißchen verdorben, ihr Mann würde sie auslachen, wenn er wüßte, daß sie deswegen zum Doktor gelaufen sei.

Wie Friedrich und Peter Schmidt feststellten, bestätigte sich die Diagnose von Frau Doktor Schmidt, und man sagte der ahnungslosen Todeskandidatin, sie werde sich möglicherweise einer kleinen Operation unterziehen müssen. Dann bat man sie, ihren Mann zu grüßen, fragte sie nach dem Befinden ihres Kindchens, das vor anderthalb Jahren, unter Assistenz von Frau Doktor Schmidt, zur Welt gekommen war, und schickte sie fort, als sie mancherlei mit guter Laune geantwortet hatte. Sie war gegangen, und Peter Schmidt nahm es auf sich, ihren Mann zu verständigen.

In den folgenden Tagen zog Peter seinen Freund mehr und mehr in die medizinische Praxis hinein. Friedrich fand einen düsteren Reiz darin. Diese sonderbare Tretmühle, inmitten einer Welt des ewigen Leidens und Sterbens aufgestellt, hatte mit dem täuschenden Dasein einer verhältnismäßig glücklichen Oberflächlichkeit nichts gemein. Das Ehepaar Schmidt stand in einem entsagungsreichen und schweren Dienst, ohne andere Entlohnung als die, gerade so weit Nahrung und Behausung zu haben, um ebendiesen Dienst fortsetzen zu können: es behandelte arme eingewanderte Arbeiter, die sich durch den Verdienst in den Christophel-Fabriken des Orts mühselig über Wasser hielten. Das ärztliche Honorar blieb äußerst gering und wurde bei Peters Sinnesart in vielen Fällen nicht eingezogen.

Friedrich kannte zur Genüge den Sublimat- und Karbolgeruch ärztlicher Sprechzimmer, dennoch hatte er Not, sich von dem niederdrückenden Eindruck nichts merken zu lassen, den die Lokale der Office in ihrem öden Halbdunkel, mit dem Straßengepolter vor den Fenstern, auf ihn gemacht hatten. In Deutschland ist eine Stadt von dreißigtausend Einwohnern tot. Diese amerikanische Stadt von fünfundzwanzigtausend rannte, klingelte, polterte, rasselte, tobte wie wahnsinnig. Kein Mensch hatte Zeit, alles hastete aneinander vorüber. Wenn man hier lebte, so lebte man hier, um zu arbeiten; wenn man hier arbeitete, so tat man es um des Dollars willen, der die Kraft in sich hatte, schließlich von dieser Umgebung zu befreien und eine Epoche des Lebensgenusses einzuleiten. Die meisten Menschen, besonders die deutschen und polnischen Arbeiter und Geschäftsleute, sahen in dem Leben, das sie hier führen mußten, nur etwas Vorläufiges. Eine Ansicht, die bei denen sich gallig verbitterte, denen die Rückkehr in die Heimat durch begangene Delikte abgeschnitten war. Friedrich hatte im Wartezimmer der Freunde solche beklagenswerte Verstoßene kennengelernt.

Frau Schmidt war geborene Schweizerin. Ihr breiter alemannischer Kopf mit der feinen und geraden Nase saß auf einem Körper, wie er den Baseler Frauentypen des Holbein eigen ist. »Sie ist viel zu gut für dich«, sagte Friedrich zu seinem Freunde, »sie sollte die Frau eines Dürer oder noch besser des reichen Ratsherrn Willibald Pirckheimer sein. Sie ist geboren, einem Patrizierhause, Kisten und Kasten voll feiner Leinwand, schwerer Brokate und Seidengewänder vorzustehen. Sie müßte auf einem drei Meter hohen, von zwölf verschiedenerlei Linnen- und Seidendecken überzogenen Bette schlafen, doppelt soviel Hüte und Pelzwerk haben, als der Rat der Stadt den Reichsten erlaubt. Statt dessen hat sie, daß Gott erbarm', Medizin studiert, und du läßt sie mit einem ominösen Täschchen von Hinz zu Kunz rennen.«

In der Tat hatten ihre Beschäftigung, der sie in der Woche meist vier von sieben Nächten opfern mußte, sowie die Häßlichkeiten ihrer Umgebung Frau Emmerenz Schmidt zu einem verbitterten, heimwehkranken Menschen gemacht. Sie besaß das schweizerische eigensinnige Pflicht- und Erwerbsgefühl, worin sie durch Briefe der Eltern bestärkt wurde. Es war der Grund, weshalb sie es mit unbeugsamem Willen ablehnte, früher als nach dem Erwerb eines festen Vermögens, wofür einstweilen noch gar keine Aussicht war, in die Heimat zurückzugehen. Sie konnte auf schneidende Weise bitter sein, sooft Peter Schmidt, der seine Frau an Heimweh kranken und welken sah, ihr den Vorschlag zur Rückkehr machte.

Frau Schmidt lebte auf, wenn sie eine Stunde berufsfrei war und mit Friedrich und ihrem Mann von Schweizer Bergen und Bergtouren reden konnte. – Da stieg in der muffigen Office oder in der kleinen Privatwohnung des Ehepaars die herrliche Vision des Säntis auf, in dessen Nähe die Wiege der Ärztin gestanden hatte. Man sprach dann vom Scheffelschen »Ekkehart«, vom Wildkirchli und vom Gemsenreservat, vom Bodensee und von Sankt Gallen. Die Ärztin meinte, sie wolle lieber die letzte schmutzige Sennerin auf dem Säntis als hier in Meriden Ärztin sein.

Natürlich litt der blonde Friese unter diesen Verhältnissen, keineswegs aber so, daß sein besonderer, eingefleischter und überzeugter Idealismus ins Wanken kam.

Dieser immer vorhandene, immer gegenwärtige Idealismus war es vielmehr, der Peter Schmidt über alle augenblickliche Mühsal immer und überall hinausheben konnte. Es schien Friedrich so, als ob gerade durch diesen Umstand die Lage der Frau verschlimmert würde. Aus ihren Bemerkungen ging hervor, daß sie es lieber gesehen haben würde, wenn Peter mehr sein eigenes Fortkommen, weniger den Fortschritt der Menschheit im Auge gehabt hätte. Es gab keinen Menschen, der einen stärkeren Glauben an den Sieg des Guten in der Welt besaß als Peter Schmidt, der im übrigen jeden religiösen Glauben verurteilte. Er gehörte zu denen, die den Garten Eden verwerfen, den jenseitigen Himmel für ein Märchen erklären, dagegen fest überzeugt sind, daß die Erde sich zum Paradies, der Mensch zur Gottheit darin entwickeln werde. Auch Friedrich besaß eine Neigung zur Utopie, und die Eigenschaften des Freundes erweckten diese. Solange er auf Berufsgängen oder beim Schlittschuhlauf oder in seiner Diogenestonne mit ihm redete, war er wieder diesseits der Hoffnung geraten, während er ohne ihn immer jenseits der Hoffnung war.

Das Thema, das die Freunde zumeist erörterten, ist mit den Namen Karl Marx und Darwin charakterisiert. Im Geiste Peter Schmidts bahnte sich eine Art Ausgleich oder Verschmelzung der Grundtendenzen dieser Persönlichkeiten an. Immerhin war dabei das christlich-marxistische Prinzip des Schutzes der Schwachen durch das Naturprinzip des Schutzes der Starken ersetzt worden, und dies bedeutete den Ausgang der allertiefsten Umwälzung, die vielleicht je in der Geschichte der Menschheit vor sich gegangen ist.

 

Während der ersten acht Tage teilte Friedrich mit dem ärztlichen Ehepaar in einem Boardinghouse das Mittagsmahl. Immer aber begab er sich um die Zeit der Dämmerung, und zwar meistens zu Fuß, in seine Diogenestonne am Hanoversee zurück.

In der folgenden Woche wurden die Besuche bei seinen Freunden seltener, warum, wußte Friedrich selber nicht. Er schlief nicht gut. Es kam immer wieder und wieder vor, daß ihn der Klingeltraum heimsuchte. Selbst wachend litt er an einer eigentümlichen, ihm früher unbekannten Schreckhaftigkeit. Wenn wirklich ein Schlitten mit einer Schlittenschelle vorüberkam, erschrak er zuweilen so, daß er zitterte. Wenn er in der Stille seines Zimmers sein eigenes Atmen vernahm, konnte ihn das nicht weiter verwundern, aber er wurde immer wieder mit einer sonderbaren Unruhe darauf aufmerksam. Mitunter fröstelte ihn, und da er ein Thermometer besaß, stellte er einige Male fest, daß er erhöhte Temperatur hatte. Alle diese Umstände beunruhigten ihn, und eine überall leise wirkende Atmosphäre von Beängstigungen versuchte er vergebens von sich zu scheuchen und abzuschütteln. Als er zum erstenmal seinen Gang ins Boardinghouse einstellte, hinderten ihn Unlust, das Zimmer zu verlassen, und Appetitlosigkeit. Ein anderes Mal war er, bei dem ständigen klaren Winterwetter, halbwegs auf der Straße nach Meriden wieder umgekehrt und vermochte kaum, sich nach Haus zu schleppen. Von alledem aber, was Friedrich so in der Stille durchmachte, erfuhren die beiden Freunde nichts. Sie fanden es nicht verwunderlich, wenn Friedrich diesen und jenen Tag in seinen vier Wänden bleiben wollte.

Aber sein Leben wurde mehr und mehr eine schleichende Sonderbarkeit. Die Welt, der Himmel, die Landschaft, der Erdteil, auf dem er war, kurz alles vor seinen Augen, auch die Menschen, veränderten sich. Sie rückten fort, ihre Angelegenheiten hatten einen fernen, fremden Charakter bekommen. Ja, Friedrichs eigene Angelegenheiten waren nicht mehr dieselben geblieben. Sie waren ihm abgenommen, irgend jemand hatte sie einstweilen beiseite gelegt. Er mochte sie später wiederfinden, falls das Endziel seines neuen Zustandes nicht ein andres war.

Als Peter Schmidt eines Tages doch durch sein zurückgezogenes Dasein befremdet war und Besorgnis äußerte, wies ihn Friedrich mit einer gewissen Schroffheit zurück, denn auch der Freund war ihm fremd geworden. Er verriet ihm nichts von der bangen und schweren Atmosphäre, in der er atmete, denn sonderbarerweise war auch etwas wie ein heimlicher Reiz in ihr, den Friedrich mit niemand teilen wollte.

Eines Abends, als er wie gewöhnlich am Schreibtisch bei der Lampe saß, war es ihm, als ob sich jemand über seine Schulter herabbeugte. Friedrich hatte die Feder in der Hand und in wirrem Durcheinander Manuskriptseiten vor sich liegen. Versonnen, vergrübelt, wie er war, fuhr er zusammen, indem er die Worte sagte: »Rasmussen, wo kommst du her?« Dann wandte er sich und erblickte tatsächlich Rasmussen mit der Lloydmütze, wie er von seiner Weltumsegelung gekommen war, lesend am Fußende seiner Bettstelle sitzen. Er hielt ein Fieberthermometer in der Hand und sah aus, als ob er die unbeschäftigte Zeit einer langen Wache am Krankenbett mit Lesen hinbringe.

Friedrich hatte bemerkt, daß die Einsamkeit den visionären Charakter des Daseins steigerte. Es fehlte der zweite Mensch, ohne den der erste immer zum Verkehr mit Gespenstern verurteilt ist. Friedrich brauchte in seiner Eremitage nur an irgend jemand zu denken, um ihn leibhaft redend und gestikulierend vor sich zu sehen. Er wurde durch diese Entzündlichkeit seiner Phantasie nicht beunruhigt. Auch die neue Erscheinung notierte er mit kühler und scharfer Beobachtung, aber er merkte doch: sein Seelenleben war in eine neue Phase getreten.

Er stieg nach einiger Zeit, um vor Schlafengehen den Verschluß der Haustür zu kontrollieren, in das Parterregeschoß hinab und fand sich veranlaßt, ein mit Läden verwahrtes Gemach zu öffnen. Als er dort mit dem brennenden Lichte hineinleuchtete, hatte er zu seiner höchsten Verwunderung eine zweite, ebenso deutliche Halluzination. Er gratulierte und bescheinigte sich, daß er auf diesem psychopathologischen Gebiet jetzt nicht nur vom Hörensagen mitreden könne. Vor seinen Augen, deutlich sichtbar, saßen vier Kartenspieler um einen Tisch. Die Männer, die ziemlich rohe und rote Gesichter hatten, rauchten Zigarren, tranken Bier und schienen dem Handelsstande anzugehören. Plötzlich faßte sich Friedrich an die Stirn. Er hatte am Etikett und an der Flasche das Bier erkannt, das in der kleinen Schwemme des »Roland« geführt wurde. Und das waren ja die auf dem Schiff so bekannten ewigen Trinker und Kartenspieler. Kopfschüttelnd über die sonderbare Tatsache, daß diese Leute nun auch gerade hier im Parterre seines Hauses untergekommen waren, begab sich Friedrich nach oben in sein durchwärmtes Zimmer zurück.

Die Tagesstunden, in denen er sich vielfach, wenn auch allein, draußen beschäftigte, hatten Friedrich bisher auf gesunde Weise ins Wirkliche abgelenkt. Außerdem war sein Urteil über den eigenen Zustand im großen ganzen gesund geblieben. Als er nun auf schleichende Weise erkrankte, empfand er es nicht. Es erschien ihm natürlich, daß er mit Rasmussen auf der Bettstelle, mit den Skatspielern im unteren Zimmer wie mit wirklich vorhandenen Dingen rechnete.

In den von dem Hauche indianischer Sage umwobenen Hanoversee ergießt sich ein Flüßchen, Quinnipiac, das Friedrich eines Tages auf seinen Schlittschuhen landein verfolgte. Er befand sich bei dieser Fahrt in der Begleitung eines Schattens, an dessen Körperlichkeit er nicht zweifelte. Er glich der Persönlichkeit des früher als seine Kollegen zugrunde gegangenen Heizers Zickelmann: nicht wie dieser sich als Toter, sondern wie er sich in Friedrichs Traum gleichsam offenbart hatte. Der Schatten des Heizers erzählte, es seien mit dem »Roland« fünf Oberheizer, sechsunddreißig Heizer und achtunddreißig Kohlenzieher gesunken: was für Friedrich eine über Erwarten große Anzahl war. Er sagte weiter, die Bucht und der Hafen, wo Friedrich im Traume gelandet wäre, sei wirklich nichts weiter als die Atlantis, ein gesunkener Kontinent, dessen überm Meeresspiegel gebliebene Reste die Azoren, Madeira und die Kanarischen Inseln wären. Friedrich kam zu sich selbst, als er vor einer verschneiten, fuchsbauartigen Höhle stand, in der er allen Ernstes nach dem Durchgang zu den Lichtbauern gesucht hatte.

Von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde gewann der Geisteszustand Friedrichs an Wunderlichkeit und Fremdartigkeit. Immer saß Rasmussen auf dem Bett, spielten die Kaufleute im Parterrezimmer. Der einsame Kranke ging flüsternd umher, in Gespräche mit Menschen und Dingen verwickelt. Stundenlang wußte er nicht, wo er wirklich war. Er glaubte im Doktorhäuschen zu sein, dann wieder im Hause seiner Eltern; meistens befand er sich, seiner Meinung nach, auf dem Deck und in den üblichen Räumlichkeiten des Schnelldampfers, der auf der Fahrt nach Amerika begriffen und, wie sich Friedrich kopfschüttelnd sagte, nicht untergegangen war.

Nach Mitternacht stand Friedrich zuweilen vom Bette auf und enthüllte einen Wandspiegel, den er, da er Spiegel nicht liebte, verhängt hatte. Er betrachtete sich, indem er sich mit der brennenden Kerze dicht vor die Scheibe bog, und erschreckte sich durch Grimassen, die seine Züge unkenntlich machten. Dann sprach er mit sich. Es waren teils wirre, teils klare Sätze, die er äußerte oder hörte, nach denen er fragte oder auf die er Antwort gab. Sie bewiesen, daß er sich mit dem Doppelgängerproblem, als einem der grauenvollsten und tiefsten, schon früher beschäftigt hatte. Er schrieb auf ein Blatt: Der Spiegel hat aus dem Tiere den Menschen gemacht. Ohne diesen Spiegel kein Ich und Du, ohne Ich und Du kein Denken. Alle Grundbegriffe sind Zwillinge: schön und häßlich, gut und schlecht, hart und weich. Wir reden von Trauer und Freude, von Haß und Liebe, von Feigheit und Mut, von Scherz und Ernst, und so fort. Das Bild im Spiegel sagte zu Friedrich: »Du hast dich in dich und mich gespalten, ehe du die einzelnen Eigenschaften deines nur als Ganzes wirkenden Wesens unterscheiden, das heißt scheiden, das heißt spalten konntest. Bevor du dich selbst nicht im Spiegel sähest, sähest du auch nichts von der Welt.«

Es ist gut, daß ich allein bin, dachte Friedrich, mit meinem Spiegelbild. Ich brauche nicht die vielen peinigenden Hohl- und Rundspiegel, die mir andere Menschen bedeuten. Dieser, in dem ich bin, ist der ursprüngliche Zustand, und man entgeht den Verzerrungen, denen man in den Blicken und Worten anderer Menschen verfallen ist. Das beste ist: schweigen oder mit sich selbst reden, das heißt mit sich selbst im Spiegelbild. Dies tat er so lange, bis er sich eines Abends, aus der Umgebung seines Hauses heimkehrend, als er die Zimmertür öffnete, selbst am eigenen Schreibtische leibhaftig sitzend fand. Friedrich stand still und wischte sich über die Augen. Der Mensch aber, der in seinem Stuhle saß, war noch vorhanden, trotzdem er die Absicht hatte, ihn, als wäre er nur eine Vision, mit geschärftem Blick zu zerteilen. Da kam ihn ein noch nie gefühltes, unnennbares Grauen an und zugleich eine Wallung tödlichen Hasses. Mit »Du oder Ich« hielt er dem Doppelgänger den schnellgepackten Revolver vors Gesicht. Ein Gleiches tat auch der Doppelgänger! so daß sich Haß und Haß und nichts in Haß und Liebe Gespaltenes gegenüberstand.

 

Für einen bestimmten Tag hatte Peter Schmidt Friedrichs Assistenz bei einer schweren Operation erbeten, weil er wußte, daß sein Freund und Kollege gerade diese besondere Operation bei Kocher in Bern öfters gesehen und einige Male mit Glück ausgeführt hatte. Es handelte sich um einen fünfundvierzigjährigen Farmer und Yankee, dem ein fibröses Lipom, eine Faserfettgeschwulst, entfernt werden sollte. Friedrich wurde von einem Sohne des Patienten abgeholt und trat zur festgesetzten Stunde, sehr bleich, aber äußerlich ruhig, in die Office des ärztlichen Ehepaares. Die Stimmung war ernst, niemand ahnte, mit welchem Aufwand an Willenskraft Friedrich sich orientierte und daß er sich nur mit immer der gleichen Willenskraft in der Gewalt behielt.

Die Ärzte berieten, und Peter Schmidt sowie seine Frau wünschten aufs dringendste, Friedrich möge die Operation ausführen. Ihm raste der Kopf. Er war heiß, er zitterte, aber die Freunde bemerkten es nicht. Er bat um ein großes Glas Wein und ging wortlos daran, sich vorzubereiten.

Frau Doktor Schmidt führte den alten Farmer herein. Der wackere Mann und Familienvater wurde, entblößt, in den Operationsstuhl gelegt und auf die bekannte gründliche Weise gewaschen. Dann wurde ihm die Achselhöhle durch Peter Schmidt ausrasiert. Über Friedrich, der sich, mit heraufgestreiften Hemdsärmeln, unablässig Hände und Arme wusch, Nägel und Finger bürstete, war eine nachtwandlerische Ruhe gekommen. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, untersuchte er noch einmal die kranke Stelle mit aller Kühle und aller Genauigkeit, fand, daß die Geschwulst vielleicht bereits zu weit fortgeschritten war, schnitt aber gleich darauf mit fester Hand in die Masse des lebenden Fleisches hinein.

Die Narkose wurde von Frau Doktor Schmidt besorgt, während Peter Instrumente und Tupfer zureichte. Das ungenügende Licht in der Parterreräumlichkeit, vor deren Fenster der Verkehr der Hauptstraße tobte, lockte dem Operateur immer wieder Verwünschungen ab. Die Geschwulst saß tief und setzte sich gegen Erwartung zwischen den großen Nervenstämmen und Blutgefäßen im inneren Teil des Armgeflechtes fort. Von dort mußte sie mit dem Skalpell herauspräpariert werden. Das war sehr heikel und bei der dünnwandigen großen Vene insofern gefährlich, als diese, nur leicht angeschnitten, Luft ansaugt, was den Tod zur Folge hat. Aber alles ging gut vonstatten, die große Hohlwunde wurde mit Jodoformgaze ausgefüllt, und nach Verlauf von dreiviertel Stunden hatte man den noch immer bewußtlosen Farmer, mit Hilfe seines neunzehnjährigen Sohnes, in einem jenseits des Flures vorhandenen Krankenzimmer zu Bett gebracht.

Unmittelbar nach dieser Operation sagte Friedrich, er müsse zur Post, um Miß Eva Burns, die ihn besuchen wolle, abzutelegraphieren. Wenige Augenblicke später wurde ihm selbst ein Telegramm in die Office gebracht. Er öffnete es, sagte kein Wort und bat den Sohn des Farmers, ihn augenblicklich nach Hause zu fahren. Er ging, nachdem er den Freunden die Hände geschüttelt hatte, aber ohne ein Wort von dem zu erwähnen, was in der eingetroffenen Depesche stand.

Als er an der Seite des Farmerssohnes durch die beschneite Landschaft fuhr, war es eine ganz andere Fahrt als jene, die er mit Peter Schmidt gemacht hatte. Erstlich kutschierte Friedrich nicht selbst, sondern das tat der junge Farmer, dessen Vater er vermutlich heute das Leben gerettet hatte. Ferner hatte Friedrich nicht im entferntesten, wie damals, das Gefühl wiedergewonnener Selbstbestimmung und Lebenslust. Sondern, obgleich die Sonne noch immer unbewölkt über der weißen Erde stand, fühlte sich Friedrich mit Schellengeläut in eine dicke Finsternis vorwärtsgerissen.

Der junge Farmer bemerkte nichts weiter, als daß der berühmte deutsche Arzt äußerst bleich ihm zur Seite saß. Aber Friedrich hatte wohl nie eine gleich große Willenskraft nötig gehabt, um nicht als Irrsinniger mit Gebrüll und in voller Fahrt aus dem Schlitten zu springen. Er wußte von einem Telegramm, das er zerknautscht in der Pelztasche hielt. Jedesmal aber, wenn er sich an seinen Inhalt erinnern wollte, war es, als ob ihm immer wieder ein und derselbe Hammer betäubend gegen die Stirne schlüge.

Friedrich tappte sich in sein Haus, nachdem er in mitternächtiger Dunkelheit dem jungen Farmer die Hand zum Abschied gedrückt hatte. Einige Dankesworte, die jener sprach, gingen im Rauschen von Wassern unter. Die Schlittenschellen, die jetzt wieder erklangen, rissen nicht ab und gingen in jenes infernalische Klingeln über, das sich nun einmal seit dem Schiffsuntergang im Kopf des Geretteten festgesetzt hatte. Ich sterbe, dachte Friedrich, in seiner Mansarde angelangt, ich sterbe, oder ich werde wahnsinnig. Die Schiffsuhr erschien und war wieder verschwunden. Er sah sein Bett und griff nach dem Bettpfosten. »Fall nicht!« sagte Rasmussen, der noch immer dort mit dem Thermometer saß. Aber nein, diesmal war es nicht Rasmussen, sondern Mr. Rinck, seine gelbe Katze im Schoß, Mr. Rinck, der das deutsch-amerikanische Seepostamt unter sich hatte. Friedrich brüllte: »Was suchen Sie hier, Mr. Rinck?« Aber schon war er wieder ans Fenster unter das Licht der blendenden Wintersonne getreten, die aber kein Licht, sondern eine kohlrabenschwarze Finsternis, wie ein nachtgebärendes Loch am Himmel, ausströmte. Dazu klagte und heulte plötzlich der Wind, es pfiff höhnisch und janhagelmäßig durch die Türritzen. Oder war es die miauende Katze von Mr. Rinck? Oder waren es unten im Hausflur greinende Kinder? Friedrich tappte umher. Das Haus erbebte und riß sich aus seinen Grundfesten. Es schwankte. Die Wände fingen zu knacken, zu knistern und ähnlich wie Korkgeflecht zu knarren an. Die Tür flog auf. Friedrich wurde vom wilden Luftdruck fast niedergerissen. Jemand sagte: »Gefahr!« Die elektrischen Läutwerke tobten, verbunden mit den Stimmen des Sturmes, fort und fort. »Es ist ja nicht wahr, es ist satanische Täuschung gewesen. Niemals betratst du den Boden von Amerika. Deine Stunde ist da. Du gehst zugrunde.«

Er wollte sich retten, er suchte seine Sachen zusammen. Ihm fehlte sein Hut. Er fand seine Beinkleider, sein Jackett, seine Stiefeln nicht. Draußen stand der Mond. In der klaren Helle tobten die Stürme, und plötzlich kam, einer Mauer gleich und breit wie der Horizont, über die Fläche draußen das Meer heran. Der Ozean war über seine Ufer getreten. Atlantis! Die Stunde ist da, dachte Friedrich, unsere Erde muß wie die alte Atlantis untergehen. – Friedrich lief vor das Haus hinunter. Auf der Treppe griff er seine drei eigenen Kinder auf und erkannte nun erst, daß sie es gewesen waren, die im Hausflur gewinselt hatten. Er nahm das Kleinste auf seinen Arm, die beiden übrigen an die Hand. Vor der Haustür sahen sie miteinander, wie die furchtbare Sintflutwoge im Aschenlicht des Mondes näher und näher kam. Sie sahen ein Schiff, einen Dampfer, der, mitgerissen, furchtbar stampfend und rollend, von der Woge getragen wurde. Die Dampfpfeifen heulten fürchterlich, manchmal anhaltend, manchmal stoßweise. »Es ist der ›Roland‹, mit Kapitän von Kessel«, erklärte Friedrich den Kindern. »Ich kenne es, ich war auf dem Schiff, ich bin selbst mit dem prächtigen Dampfer untergegangen!« Und der Dampfer schien auf allen Seiten Blut auszuströmen wie ein Stier, der an vielen Stellen tödlich getroffen ist. Überall quoll es wasserfallartig aus seinen Breitseiten. Und Friedrich hörte, wie auf dem kämpfenden und verblutenden Schiff Böller gelöst wurden. Raketen schossen gegen den Mond, platzten im nächtlichen Grauen und blendeten.

Und jetzt fing er, immer eins um das andere seiner Kinder auf den Arm nehmend und wieder verlierend, vor der Springflut um sein Leben zu rennen an. Er rannte, er lief, er sprang, er stürzte. Er protestierte, daß er doch noch zugrunde gehen sollte, wo er doch schon gerettet gewesen war. – Er fluchte, er rannte, er stürzte nieder, erhob sich wieder und lief und lief, mit einer gräßlichen, nie gefühlten besinnungslosen Angst, die sich in dem Augenblick, als ihn die Woge überholte, in eine wohlige Ruhe verwandelte.

 

Am folgenden Morgen, und zwar mit dem gleichen Zug, den Friedrich vor etwa vierzehn Tagen benutzt hatte, kam Miß Eva Burns in Meriden an. Sie ging in die Office zu Peter Schmidt, um sich nach Friedrich zu erkundigen, der sie eigentlich von der Bahn hatte abholen wollen. Peter Schmidt war allein und erzählte ihr von der gestern vor sich gegangenen glücklichen Operation. Er sprach ihr dann von dem Telegramm, das Friedrich gerade in dem Augenblick erhalten hatte, als er ihr, Miß Eva Burns, für heut abzusagen willens gewesen war.

»Nun bin ich hier«, sagte Miß Burns aufgeräumt, »und nun lasse ich mich nicht so ohne weiteres abspeisen. Ich will nicht in Rom sein, ohne den Papst zu sehen.«

Dreiviertel Stunden später war der Zweisitzerschlitten mit seinem feurigen Braunen, dessen Eigenart man jetzt besser zu nehmen wußte, am Hanoversee vor »Onkel Toms Hütte« angelangt. Peter Schmidt hatte Miß Eva herauskutschiert. Der alte Farmer war fieberlos. Das wünschte der Freund Friedrich mitzuteilen.

Die beiden Besucher stiegen, ein bißchen verdutzt, die Treppe hinauf und traten, laut ihre Ansichten über den seltsamen Zustand des Hauses austauschend, durch die nur angelehnte Tür in Friedrichs Mansarde ein. Hier fanden sie ihn, noch in seinem Pelz, wie er nach der Operation die Office verlassen hatte, bewußtlos, leise delirierend, schwer erkrankt auf das Bett gestreckt. Von der Erde aber hob Peter Schmidt ein Telegramm, dessen Inhalt kennenzulernen Miß Eva Burns und er sich berechtigt glaubten. Sie lasen: »Lieber Friedrich, Nachricht aus Jena, Angele gestern nachmittag trotz sorgsamer Pflege für immer entschlafen. Raten Dir: nimm unabänderliche Tatsache hin und erhalte Dich selbst Deinen immer getreuen Eltern.«

 

Acht Tage lang schwebte Friedrich in Lebensgefahr. Vielleicht hatten niemals bisher die Mächte des Abgrundes mit solcher Gewalt nach ihm gegriffen. Acht Tage lang war sein Kopf und sein ganzer Körper wie etwas, das durch und durch in Flammen stand, nicht anders, als sollte er sich mit allem, was in ihm war, aufzehren und verflüchtigen. Es war natürlich, daß Peter Schmidt seinen Freund mit aller erdenklichen Sorgfalt behandelte und daß auch Frau Doktor Schmidt nach Kräften das Ihrige tat. Miß Eva Burns, die der Zufall in einem so ernsten Augenblick an Friedrichs Seite geführt hatte, faßte nun sofort den Entschluß, außer wenn jede Gefahr vorüber wäre, nicht von seinem Lager zu weichen.

Friedrich hatte getobt, was man an den durcheinandergeworfenen Gegenständen, an dem zerschlagenen Glas der alten Seemannsuhr und an dem zertrümmerten Porzellan erkannte. In den ersten zwei Tagen und Nächten entfernte sich Peter Schmidt nicht vom Krankenbett, außer wenn er von seiner Frau abgelöst wurde. Die Fieberparoxysmen des Kranken wiederholten sich. Das Ehepaar wandte mit Vorsicht und Umsicht die verfügbaren Mittel an, um das Fieber herabzudrücken, und wurde ernster und ernster, als es am dritten Tage noch immer bis über vierzig stieg. Endlich aber war ein ziemlich konstanter Rückgang festzustellen.

Nach Ablauf der ersten Krankheitswoche erkannte Friedrich zum erstenmal Miß Eva Burns und begann zu begreifen, was sie inzwischen für ihn geleistet hatte. Er lächelte mühsam. Er machte Bewegungen mit den Fingern seiner kraftlos auf der Bettdecke ruhenden Hand.

Erst am Ende der zweiten Woche, gegen den sechsundzwanzigsten März, ward er fieberfrei. Die letzte Woche hindurch hatte sein Zustand indessen keinen Anlaß mehr zu Besorgnis um sein Leben gegeben. Der Kranke sprach, schlief, träumte lebhaft, erzählte mit matter Stimme und oft mit ein wenig Humor, was ihm wieder Tolles durch den Schädel gegangen war, kannte seine Umgebung, äußerte Wünsche, äußerte Dankbarkeit, fragte nach dem Farmer, den er operiert hatte, und lächelte, als Peter Schmidt erzählte, die Wunde sei prompt geheilt, und der brave Landmann habe bereits Perlhühner für Kraftsuppen hergebracht.

Die Führung des Haushaltes durch Miß Eva Burns war musterhaft. Friedrich genoß eine Pflege, wie sie in einer so immer wachen Form nicht gerade vielen Menschen zuteil wird. Natürlich kannten ein Arzt wie Peter Schmidt und eine Ärztin wie Frau Doktor Schmidt keine Prüderie. Aber auch Miß Eva Burns mit ihren kräftigen Armen und Bildhauerhänden, der das Aktmodellieren etwas Gewöhnliches war, kannte sie nicht.

Sie hatte Peter Schmidt veranlaßt, Telegramme an Friedrichs Vater zu senden, der nun durch die letzte, günstige Nachricht beruhigt war. Einen dicken Brief des Vaters, noch vor Ausbruch der Krankheit geschrieben, fing sie ab, und da sie annahm, er enthalte Einzelheiten über das traurige Ende Angelens, sandte sie ihn mit der Bitte zurück, ihn für Friedrichs gesunde Tage aufzubewahren. Sie wollte nicht in Versuchung kommen, dem Kranken die Existenz des Briefes vielleicht doch eines Tages zu verraten.

Zu Ende der dritten oder Anfang der vierten Woche seit Beginn der Krankheit erhielt Miß Eva Burns einen Dankesbrief von dem General. Mit vielen Grüßen von Mutter und Vater an den Sohn verband er tiefbewegte Worte, die dem wackeren Doktor Peter Schmidt, seiner Gattin und Miß Burns galten. Ihr könne er ja erzählen, schrieb er, daß die arme Angele keines natürlichen Todes gestorben sei. Sie habe nach Art ihres Leidens in der Anstalt aufs schärfste bewacht werden müssen, leider aber gäbe es auch bei der allergenauesten Überwachung immer einen unbewachten Augenblick.

Der Schnee war geschmolzen, langsam, langsam fand sich Friedrich wieder ins Leben hinein. Es war eine Sanftheit in ihm und ebenso draußen in der Natur, die ihm eine liebe Erfahrung war. Überall fühlte er etwas Schonendes. Sauber gebettet, über sich die zinnernen Schaukelschiffchen der alten Schifferuhr, hatte er ein Gefühl, geborgen, ja, was mehr war, erneut und entsühnt zu sein. Ein Gewitter war reinigend aus Schwefelwolken herabgefahren und grollte nur noch leise und auf Nimmerwiederkehr vorüber am fernen Horizonte hin. Für den schwachen Mann war eine stille, reiche, volle Lebensluft zurückgeblieben.

»Dein Körper«, sagte Peter Schmidt zu dem Kranken, »hat sich mittelst einer Gewaltkur, einer tollen Eruption, von allen faulen Stoffen befreit.«

»Es ist schade, daß keine Vögel singen«, erklärte eines Tages Friedrich. – »Ja«, sagte Miß Eva Burns, die das Mansardenfenster geöffnet hatte, »das ist schade!« – »Denn«, fuhr Friedrich fort, »Sie sagen ja doch, daß es draußen um den Hanoversee schon grunelt!« – »Was heißt das – ›grunelt‹?« fragte Miß Eva Burns. – Friedrich lachte. Darauf sagte er ruhig: »Der Frühling kommt! Und ein Frühling ohne Vogelmusik ist ein taubstummer Frühling!« – »Kommen Sie nur nach England«, sagte Miß Eva Burns, »da können Sie was von Vögeln erleben!«

Friedrich sagte gezogen und den Ton der Freundin nachahmend: »Kommen Sie nur nach Deutschland, Miß Eva Burns!«

 

Als der Tag gekommen war, an dem Friedrich aufstehen sollte, sagte er: »Ich stehe nicht auf! Es geht mir zu gut im Bett.« In der Tat, es war ihm während der fieberfreien Wochen nicht übel ergangen. Man hatte ihm Bücher aufs Bett gebracht, man las ihm die Wünsche von den Augen, Peter Schmidt oder Frau Doktor Schmidt oder Eva Burns unterhielten ihn mit Geschichtchen aus der Lokalchronik, soweit sie annehmen konnten, daß es ihm zuträglich war. Man hatte das Mikroskop an sein Bett gebracht, und er ging allen Ernstes daran, gewisse Stoffe seines Körpers selbst auf Bazillen zu untersuchen, eine Tätigkeit, über die viele Scherze gemacht wurden. Somit war der schreckliche Graus seiner Krankheit für ihn selbst der reizvolle Gegenstand seines Studiums und eine angenehme Unterhaltung geworden.

Friedrich saß bereits wohlverpackt in einem bequemen Stuhl, als er zum ersten Male wissen wollte, ob nicht ein Brief von Vater und Mutter gekommen wäre. Miß Eva Burns sagte ihm daraufhin, was ihn erfreuen und beruhigen konnte. Sie war erstaunt, als sie von seinen bleichen Lippen die Worte vernahm: »Ich bin überzeugt, die arme Angele hat sich selbst das Leben genommen! Nun«, fuhr er fort, »ich habe gelitten, was zu leiden war, aber ich werde die Hand, die sich mir, wie ich fühle, gnädig erweisen will, nicht zurückstoßen. Damit will ich sagen«, fügte Friedrich hinzu, als er in Miß Evas Augen zu lesen glaubte, daß sie ihn nicht verstanden habe, »ich werde wieder, trotz alledem und alledem, mit Vertrauen ans Leben gehn.«

Eines Tages hatte Miß Eva Burns von Männern gesprochen, die sie kennengelernt hatte, da und dort in der Welt. Es waren dabei auch leise Klagen über Enttäuschungen untergelaufen. Sie sagte, sie werde in einem Jahr nach England gehn und sich irgendwo auf dem Dorf der Erziehung verwahrloster Kinder widmen. Der Bildhauerberuf befriedige sie nicht. – Da sagte der Rekonvaleszent mit einem offenen, schalkhaften Lächeln: »Wie wär's, Miß Eva, möchten Sie nicht ein ziemlich schwieriges großes Kind erziehen?«

Peter Schmidt und Eva Burns waren übereingekommen, Ingigerd Hahlström nie zu erwähnen. Mit den Worten: »Auf wen bezieht sich das?« reichte Friedrich Miß Eva aber eines Tages einen Zettel, auf dem mit zittrigen Bleistiftzügen dies Verschen geschrieben stand:

Haben sich Fäden gezogen? Nein!
Wir blieben kühl und klein und allein!
Gingen wir ein in das höhere Sein?
Petrus verwehrte das Schlüsselein!
Ich sahe das Sakramentshäuslein,
griff auch mit geweihten Händen hinein,
doch leider: fand weder Brot noch Wein!
Alles erstrahlte so ungemein
und war gemeiner Trug und Schein.

Es bewegte Miß Eva Burns einigermaßen, als sie bemerken mußte, daß Friedrich sich noch immer mit der kleinen Tänzerin zu schaffen machte. Ein anderes Mal sagte Friedrich: »Ich eigne mich nicht zum Arzt. Ich kann den Menschen das Opfer nicht bringen, eine Beschäftigung beizubehalten, die mich traurig, ja schwermütig macht. Meine Phantasie ist ausschweifend, ich könnte vielleicht Schriftsteller werden! Nun habe ich aber in meiner Krankheit, besonders gegen die dritte Woche, sämtliche Werke von Phidias und Michelangelo noch mal modelliert. Ich bin entschlossen, ich werde Bildhauer. Aber ich bitte Sie, mich nicht mißzuverstehen, liebe Eva! Ich bin nicht mehr ehrgeizig! Ich möchte nur alles Große der Kunst verehren und selber ein anspruchsloser, treuer Arbeiter sein. Ich glaube, es könnte mir gelingen, mit der Zeit einmal den nackten menschlichen Körper so weit zu beherrschen, daß ich ein, wenn auch nur ein gutes Kunstwerk hervorbringe.«

»Sie wissen ja, ich glaube an Ihre Begabung«, sagte Miß Eva Burns.

Friedrich fuhr fort:

»Wie würden Sie denn darüber denken, Miß Eva? Das Vermögen meiner armen Frau wird für die Erziehung meiner drei Kinder etwa fünftausend Mark Rente abwerfen. Aus dem Besitze meiner immerhin nicht ganz unvermögenden Mutter erhalte ich einen jährlichen Zuschuß von dreitausend Mark. Meinen Sie, daß wir fünf damit in einem kleinen Häuschen mit Atelier, etwa bei Florenz, unser Leben in Ruhe beschließen könnten?«

Auf diese gewichtige Frage hatte Miß Eva Burns nur durch ein herzliches Lachen geantwortet.

»Ich wünsche kein Bonifazius Ritter zu werden«, sagte Friedrich. »Eine große Bauhütte mit künstlerischer Massenproduktion, und wäre sie auch noch so gut, entspricht meinem Wesen nicht. Ich wünsche mir einen Arbeitsraum, dessen Tor sich in einen Garten öffnet, wo man im Winter Veilchen und zu jeder Jahreszeit Zweige von Steineiche, Taxus und Lorbeer brechen kann. Dort möchte ich einen stillen, vor der Welt verborgenen Kultus der Kunst und der Bildung im allgemeinen treiben. Auch die Myrte müßte innerhalb meines Gartenzaunes wieder grünen, Miß Eva Burns.«

Miß Eva lachte, ohne auf irgendeine Anspielung einzugehen. Zu Friedrichs Plänen gab sie aus voller gesunder Seele ihre Zustimmung. »Es gibt genug Leute«, sagte sie, »die zu Ärzten und überhaupt zu Männern der Tat geboren und geeignet sind, und es gibt viel zu viele, die sich auf diesen Gebieten vordrängen.« Über Ritter sprach sie mit Sympathie. Sein naives Eindringen in die Regionen der upper four hundred sah sie mit einem grundgütigen Verständnis an. Sie meinte: Gläubigkeit, Genußfreude, Ehrgeiz verlange das Leben, wo es mit einer gewissen äußeren Verve dahineilen will. Sie selbst, Miß Eva Burns, hatte im elterlichen Hause, bevor ihr Vater den größten Teil seines großen Vermögens verlor, das high life in England vollauf kennengelernt und hatte es schal und voll Langerweile gefunden.

Als Friedrich ohne Stütze wieder langsam die Treppe steigen, stehen und gehen konnte, nahm Miß Eva Burns ihren Urlaub, um die Zeit bis Mitte Mai ihrer unterbrochenen Arbeit zu widmen. Für Mitte Mai hatte sie auf dem großen Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie »Auguste Viktoria« einen Kajütplatz belegt, weil sie vermögensrechtlicher Dinge wegen nach England mußte. Friedrich von Kammacher ließ sie ziehen. Ich möchte einen solchen Kameraden fürs Leben haben, sagte er sich, und ich wünschte Miß Eva Angelens Kindern als Mutter.

Dennoch ließ er sie ziehen und hielt sie nicht.

 

Friedrich genas. Es war eine solche Genesung, daß es ihm vorkam, als wäre er ehedem länger als ein Jahrzehnt krank gewesen. Was seinen Körper betraf, so befand sich dieser nicht mehr im Prozesse einer Umbildung, sondern baute sich aus jungen und neuen Zellen auf. Das Gleiche schien im Bereiche der Seele vorzugehen. Jene Last des Gemütes und jene ruhelos um den mehrfachen Schiffbruch seines Lebens kreisenden Gedankengänge, die ihn früher bedrückt und gepeinigt hatten, waren nicht mehr. Er hatte seine Vergangenheit wie etwas wirklich Vergangenes und wie einen von Wind und Wetter zerschlissenen, von Dornen und Degenstichen durchlöcherten, ausgedienten Mantel abgeworfen. Erinnerungen, die sich, vor seiner Krankheit, mit dem fürchterlichen Aufputz phantastischer Gegenwart ungerufen zudrängten, blieben jetzt aus; und mit Verwunderung und Befriedigung bemerkte Friedrich, daß sie für immer unter einen fernen Horizont gesunken waren. Die Reiseroute seines Lebens hatte ihn in ein völlig neues Bereich geführt. Dabei war er durch ein fürchterliches Verfahren, mittelst Feuers und Wassers, jung geläutert worden. Genesende tappen meist wie Kinder, ohne Vergangenheit, in das neugeschenkte Leben hinein.

Der amerikanische Frühling war zeitig eingetreten. Es wurde heiß, wie denn in jenen Gegenden der Übergang vom Winter zum Sommer ein fast unmittelbarer ist. Die Ochsenfrösche brüllten in Tümpeln und Teichen mit dem hellen, klaren Schellengeläut der anderen amerikanischen Frösche um die Wette. Jetzt fing die feuchte Wärme an, die in jenen Breiten so unerträglich ist und die Frau Doktor Schmidt so sehr fürchtete. Ein solcher Sommer, in dem sie überdies ihre schwere Arbeit fortsetzen mußte, war für sie eine bittere Leidenszeit. Friedrich hatte wieder angefangen, Peter Schmidt auf Berufsgängen zu begleiten, und manchmal streiften die Freunde auch in etwas ausgedehnteren Wanderungen im Lande herum. Natürlich, daß nach alter lieber Gewohnheit dabei Probleme gewälzt und die Geschicke der Menschheit erwogen wurden. Zur Verwunderung seines Freundes zeigte Friedrich bei der Debatte weder im Angriff noch in der Verteidigung die alte Schneidigkeit. Eine gewisse heitere Ruhe dämpfte jede allgemeine Hoffnung, jede allgemeine Befürchtung. »Wie kommt das?« fragte Peter den Freund. Und Friedrich antwortete: »Ich glaube, ich habe mir das bloße, köstliche Atmen jetzt hinlänglich verdient, und ich kann es auch würdigen. Ich will vorläufig sehen, riechen, schmecken und mir das Recht des Daseins zusprechen. Der Ikarusflug ist für meinen augenblicklichen Zustand nichts. Ebensowenig, bei meiner neuerwachten, zärtlichen Liebe zum Oberflächlichen, wirst du mich jetzt zu mühsamem Bohren in die Tiefen bereit finden. Ich bin jetzt ein Bourgeois«, schloß er lächelnd, »ich bin zunächst saturiert, mein Sohn.«

Peter Schmidt, als behandelnder Arzt, äußerte seine Zufriedenheit. »Künftig freilich«, sagte er, »muß es mit dir wieder anders werden!«

In Peter Schmidt war ein gut Teil Indianerromantik zurückgeblieben. Er liebte es, gewisse Punkte der hügeligen Landschaft aufzusuchen, an die sich sagenhafte Ereignisse aus den Kämpfen der ersten weißen Kolonisten und der Indianer knüpften. An solchen Stellen hielt er sich lange auf, durchlebte im Geiste die Abenteuer der Pelzjäger und das zähe Ringen der Ansiedler und zog nicht selten seinen Revolver hervor, um sich in einer Anwandlung kriegerischen Geistes im Schießen nach irgendeinem Ziele zu üben. Der Friese schoß gut, und Friedrich vermochte es ihm nicht gleichzutun. »In dir«, sagte Friedrich, »kreist das alte deutsche Abenteurer- und Kolonistenblut. Eine fertige, ja überreife, überraffinierte Kultur wie die unsere paßt eigentlich nicht für dich. Du mußt eine Wildnis und eine darüber schwebende Utopie haben.« – »Die Welt ist immer noch nicht viel mehr als eine Wildnis«, sagte Peter Schmidt. »Es wird noch eine Weile dauern, bevor den Bau der Welt Philosophie zusammenhält. Kurz: wir haben noch viel zu tun, Friedrich!« Der Freund gab Antwort: »Ich werde, wie Gott der Herr, aus nassem Ton menschliche Leiber kneten und ihnen lebendigen Odem einblasen!« – »Ach was«, schrie Peter, »solche Puppenfabrikation führt ja zu nichts. Du bist mir wahrhaftig dafür zu schade! Du gehörst auf die Schanze, du gehörst in die vorderste Schlachtlinie, lieber Sohn.«

Lächelnd sagte Friedrich: »Ich für mein Teil lebe die nächstfolgenden Jahre im Waffenstillstand. Ich will mal versuchen mit dem auszukommen, was die Welt zu bieten imstande ist. Träume und Reflexionen will ich mir für die kommende Zeit soviel wie möglich abgewöhnen.«

Friedrich sah eine Pflicht darin, den Freund um seinet- und seiner Gattin willen zur Heimkehr nach Deutschland zu veranlassen. Er sagte: »Peter, die Amerikaner haben keine Verwendung für einen Menschen wie dich. Du kannst weder Patentmedizinen empfehlen noch einen armen Arbeiter, der in acht Tagen mit Chinin zu kurieren ist, acht Wochen lang mit kleinen Dosen als melkende Kuh auf dem Krankenbett festnageln. Du hast keine von jenen Eigenschaften, die den Adel des hier maßgebenden Amerikaners ausmachen. Du bist im amerikanischen Sinne ein kreuzdummer Kerl, denn du bist immer bereit, dich für jeden armen Hund aufzuopfern. Du mußt in ein Land zurück, wo, Gott sei Dank, der Adel des Geistes, der Adel der Gesinnungen noch immer jedem andern Adel gewachsen ist. In ein Land, das sich als gestorben und abgetan betrachten würde, wenn einmal die Wissenschaften und die Künste in ihm nicht mehr die Blüte des Landes darstellen sollten. Es bleiben übrigens ohne dich genug Deutsche hier, die sich die Mühe geben, Hals über Kopf die Sprache Goethes und die Sprache, die ihre Mütter sie gelehrt haben, zu vergessen. Rette deine Frau! Rette dich! Geh nach Deutschland! geh nach der Schweiz! geh nach Frankreich! geh nach England! Wohin du willst! Aber bleibe nicht in dieser riesigen Handelskompanie, wo Kunst, Wissenschaft und wahre Kultur einstweilen noch eine gänzlich deplacierte Sache sind.«

Aber Peter Schmidt schwankte. Er liebte Amerika, und wenn er das Ohr nach indianischer Weise an die Erde legte, so hörte er bereits die unterirdisch probierte Festmusik des künftigen großen Tages einer allgemeinen Menschheitserneuerung. »Wir müssen erst«, sagte er, »alle amerikanisiert und dann zu Neueuropäern werden.«

Einer der Lieblingsspaziergänge Friedrichs führte in jene Vorstadt von Meriden, wo die italienischen Weinbauern angesiedelt sind. Man hörte sie mit ihren sonnenwarmen Stimmen singen, ihre Frauen mit dem bekannten Oktavenschrei die Kinder herbeirufen, sah braune Männer Weinreben anbinden und hörte des Sonntags ihr Lachen und die Bocciakugeln dumpf auf dem gestampften Lehm des Spielplatzes nieder- und gegeneinanderschlagen. Dieser Laut, diese Klänge waren Friedrich unendlich heimatlich. »Schlag mich tot!« sagte er, »aber ich bin und bleibe ein Europäer.«

Friedrichs Sehnsucht nahm immer stärkere Formen an. Er verwickelte durch seine Schwärmerei und sein Lob der Heimat mehr und mehr die Freunde in das Gewebe dieser Sehnsucht hinein. Eines Tages sagte Peter Schmidt plötzlich: »Du hast mich wahrhaftig mit deiner Europaschwärmerei schwach gemacht. Aber nun bitt' ich dich, einmal mit mir zu gehen und mir, nachdem ich dir etwas gezeigt habe, zu sagen, ob du mir dann noch zur Heimkehr rätst.«

Und Peter führte den Freund auf einen Kirchhof und an den Hügel, unter dem sein Vater begraben lag. Friedrich hatte den wackeren Mann in Europa gekannt, später auch erfahren, daß er fern von der Heimat gestorben war, aber wo, das war ihm wieder entfallen. »Ich bin gar nicht sentimental«, sagte Peter Schmidt, »aber es bleibt immer schwer, sich von so was zu trennen.« Und nun wurde die Lebensgeschichte des alten Schmidt durchgenommen, der Werkführer einer Fabrik gewesen war und den ein ruheloser, unternehmender Sinn und Schwärmerei für das freie Amerika in die Fremde getrieben hatten. »Ich gebe zu«, sagte Friedrich, »so ein Toter kann den Grund eines ganzen fremden Erdteils, mehr als es tausend Lebendige können, heimisch machen. Und dennoch ... dennoch ...«

Einige Tage später war sogar in Frau Doktor Schmidt der starre Widerstand gegen die Heimat zerschmolzen. Jetzt fing in dieser Frau ein überraschend neues Leben an. Ihre Müdigkeit war vergessen. Ihre Bewegungen wurden lebhaft und schnell, sie begann Zukunftspläne mit leidenschaftlicher Hoffnung auszubauen. Der geheilte Farmer verfolgte Friedrich mit Dankbarkeit. Er entwickelte seinem Retter, wie er sich immer auf die Hand Gottes verlassen habe und verlassen könne. Gott habe den rechten Mann zur rechten Zeit auch diesmal zu ihm gesandt. So wußte nun Friedrich, welcher tiefere Grund seine sonderbare und furchtbare Reise veranlaßt hatte.

Friedrich vermied es, in die Zeitung zu blicken, weil er eine krankhafte Abneigung hatte, von den Genossen seiner Seereise durch die Zeitung zu erfahren. Eines Tages stieg aus dem Bostoner Zuge Ingigerd Hahlström, begleitet von einem nicht mehr in der ersten Jugend stehenden Herrn. Sie begab sich, samt ihrem Begleiter, zu Peter Schmidt in die Office hinüber, stellte sich vor und wünschte zu wissen, ob Friedrich von Kammacher noch in Meriden sei. Peter Schmidt aber und seine brave Frau, denen die Gewohnheit, überall die Wahrheit zu sagen, weil sie von ihr nicht lassen konnten, überall im Leben hinderlich war, logen, daß sich die Balken bogen. Sie erklärten der Dame, Friedrich sei mit dem großen Passagierdampfer »Robert Keats« der White Star Line von New York aus heimgereist. Die Dame war wenig betrübt darüber.

Friedrich hatte, ohne jemand etwas davon zu sagen, ebenfalls für Mitte Mai auf der »Auguste Viktoria« für sich einen Platz bestellt. Peter Schmidt und seine Frau wollten aber die Überfahrt mit einem langsamer gehenden, weniger teuren Steamer machen. Alle lebten sie bereits in der herrlichsten Ungeduld, und der Ozean war für ihre Sehnsucht wieder ein kleiner Teich geworden. Man spielte damals in allen Theatern Amerikas ein sentimentales, in einer Schneiderwerkstatt hergestelltes Stück, das den Titel »Hands across the Sea« führte. »Hands across the Sea« las man auf allen Bauzäunen, auf allen Kalk- und Zementfässern. Friedrich dudelte es und hatte, sooft er die Worte »Hands across the Sea« zu sehen bekam, eine schöne und volle Musik in der Seele.

Immerhin gab es noch etwas, wodurch sich Friedrich beunruhigt fühlte. Er ging mit einem Gedanken um. Bald war es seine Absicht, ihn mündlich auszudrücken, bald ihn in einem Briefe niederzulegen. Es verstrich kein Tag, wo er nicht zehnmal bald die eine, bald die andere Form verwarf, bis ihm eines Sonntags der Zufall in Gestalt von Willy Snyders und Miß Eva Burns, die einen Ausflug nach Meriden unternommen hatten, entgegenkam. Jetzt stellte es sich heraus, daß bei Friedrichs Überlegungen die Frage »ob überhaupt?« oder »ob überhaupt nicht?« immer noch eine Rolle gespielt hatte. Nun, als die schöne, sommerlich gekleidete, tüchtige Evastochter und Eva ihm lachend entgegenkam, war die Frage in ihm entschieden. »Willy, machen Sie, was Sie wollen«, rief er vergnügt, »bleiben Sie, wo Sie wollen, amüsieren Sie sich, wie Sie mögen und können, und zum Abendessen im Hotel werden wir uns, so Gott will, wiedersehen!« Damit griff er Miß Evas Hand, zog ihren Arm in den seinigen und ging mit der lachenden Dame davon. Willy, der sehr verdutzt war, lachte laut auf und gab in drolliger Weise zu verstehen, daß er da allerdings übrig sei.

Als Friedrich und Eva abends in den hübschen Speisesaal des Meriden-Hotels traten, schwebte, für jedermann merkbar, über ihnen ein feiner Charme, eine zarte, innige Wärme, die sie beide jünger und anmutiger machte. Diese beiden Menschen waren plötzlich zu ihrer eigenen Überraschung von einem neuen Element, von einem neuen Leben durchdrungen worden. Trotzdem sie darauf zugesteuert waren, hatten sie kurz zuvor noch keine Ahnung davon gehabt. Es wurde an diesem Abend Champagner getrunken.

Acht Tage darauf hatte die New-Yorker Künstlerkolonie Miß Eva Burns und Friedrich auf die »Auguste Viktoria« gebracht, mehrere Hochs waren gestiegen, Willy hatte den Scheidenden noch zuletzt »Ich komme bald nach!« mit brüllender Stimme zugerufen. Dann hatte der Dampfer losgemacht.

Friedrich und Eva erlebten auf See eine Kette von Sonntagen. Gegen Abend des dritten Tages sagte der Kapitän des Schiffes, der keine Ahnung davon hatte, einem geretteten Passagier vom »Roland« gegenüberzustehen: »Hier in diesen Gewässern ist, allen Berechnungen nach, der große Passagierdampfer ›Roland‹ gesunken.« Das Meer war glatt, es glich einem zweiten, ewig ungetrübten Himmel, Delphine tummelten sich umher.

Und seltsam: die Nacht, die herrliche Nacht, die diesem Abend folgte, ward für Eva und Friedrich zur Hochzeitsnacht. In seligen Träumen wurden sie über die Stätten des Grauens, das Grab des »Roland« dahingetragen.

Am Kai in Cuxhaven erwarteten Friedrichs Eltern und Kinder das Paar. Aber er sah nur seine Kinder. Er hielt sie eine Minute lang alle dreie zugleich, die wie unsinnig schwatzten, lachten und zappelten.

Als man von dem Rausche des Wiedersehens ein wenig verschnaufen konnte, machte Friedrich Kniebeuge und faßte mit beiden Händen die Erde an. Dabei blickte er Eva in die Augen. Dann stand er auf, gebot Stille mit dem Zeigefinger der rechten Hand, und man hörte über den nahen unendlichen Saatfeldern tausend und aber tausend von Lerchen trillern. »Das ist Deutschland!« sagte er. »Das ist Europa! Was tut's, wenn wir nach diesen Stunden auch schließlich mal untergehn.«

Der General übergab jetzt Friedrich einen Brief, auf dessen Rückseite der Name des Absenders stand. Es war der Vater des verstorbenen Rasmussen. Ah, ein Dankesbrief! dachte Friedrich. Und ohne jede Neugier steckte er ihn in die Brusttasche. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, Todestag und -stunde des Freundes mit jenen Angaben zu vergleichen, die er ihm einst im Traume gemacht hatte.

Der Kapitän, der vorüberging, grüßte Friedrich. »Wissen Sie denn«, sagte Friedrich in seinem überschäumenden Lebensmut, »daß ich wirklich einer von den Geretteten und einer von den wirklich Geretteten des ›Roland‹ bin?« – »So!« sagte der Kapitän erstaunt und setzte im Weitergehen hinzu: »Ja, ja, wir fahren immer über denselben Ozean! Gute Reise, Herr Doktor.«

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