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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Der Mann, der sie in diesen neuen Anfall von Schwärmerei setzte, war der Philosoph Aristion, der (wie gesagt) seit seiner Zurückkunft durch seine Beredsamkeit und durch die 321 Figur, die er mit seinem auswärts erworbenen Gelde machte, sich bei dem athenischen Volke in Ansehen zu setzen gewußt hatte. Man sieht aus der Art seines ganzen Verfahrens, daß er nach einem Plan handelte, von dessen Entwicklung die leichtsinnigen Vögel des Aristophanes sich wenig träumen ließen, wiewohl der Knoten mit allem Fleiße so geschlungen war, daß er sich just auf diese Art entwickeln mußte.

Er fing damit an, daß er die Athener die Nothwendigkeit fühlen machte, sich in Zeiten um die Freundschaft eines Monarchen zu bewerben, der vermuthlich in Kurzem das Schicksal von Griechenland, ja von ganz Europa in seiner Hand haben würde. Dieser Punkt war, so wie die Sachen damals standen, leicht zu erhalten. Die Angelegenheiten der Römer hatten nie mißlicher ausgesehen. Mithridates ging wie eine neue Sonne über dem politischen Horizont auf. Alle griechische Städte richteten ihre Augen auf ihn; und die schlauen Athener wollten lieber unter den Ersten als unter den Letzten seyn, die sich bei ihm wichtig zu machen und in Gunsten zu setzen suchten. Die Frage war also, wen man an den König Mithridates abschicken sollte? Natürlicher Weise den beredtesten Mann in Athen; folglich den Aristion. Dieß zu erhalten, war der große Punkt gewesen, und der Philosoph erhielt ihn. Es war zwar nur der erste Schritt nach seinem Ziele, aber die übrigen machten sich dann von selbst.

Aristion reisete also an Mithridates Hoflager ab und wurde sehr wohl empfangen. Denn dem eben so staatsklugen als tapfern und entschlossenen Fürsten, der die Tücken des Glücks kannte, und dessen Macht im Grunde doch immer von sehr zufälligen Combinationen abhing, kam es auf Gefälligkeit und Liebkosungen nicht an, wo es darum zu thun war, die Partei seiner Feinde zu schwächen und die seinige zu verstärken. 322 Der König und der Philosoph wurden (wie man sich's leicht vorstellen kann) bald einig: das ist, der König versprach, was der Philosoph wollte, weil er wußte, daß er immer Herr bleiben würde, gerade so viel zu halten, als ihm belieben würde; und der Philosoph, der die gute Disposition und Freundlichkeit des Königs der geheimen Gewalt zuschrieb, die sein Verstand und seine Wohlredenheit über denselben ausübe, wünschte sich selbst zu seiner Geschicklichkeit Glück, den König unvermerkt (wie er sich schmeichelte) zum Werkzeug seiner eignen Absichten gemacht zu haben. Die Geschichte sagt zwar nichts ausdrücklich von dem Separat-Artikel, welchen der König und der Philosoph mit einander abredeten; aber es erhellet aus dem ganzen Zusammenhang der Sachen, daß ein solcher Geheimartikel existirte, und daß er darin bestand: Aristion sollte, mit Genehmigung und Beistand des Mithridates, sich der höchsten Gewalt in Athen bemächtigen und dafür Seiner Majestät in allen billigen und – unbilligen Dingen gehorsam und gewärtig seyn.

Mithridates war ein zu großer Fürst, um sich viel darum zu bekümmern, wer die Bürger von Athen unmittelbar beherrschte, und ein zu kluger Mann, um auf die Treue eines Verräthers Staat zu machen; aber es war jetzt blos darum zu thun, die Athener mit der Lockspeise der Freiheit von den Römern abzuziehen. Die Unbeständigkeit dieser selbst in ihrem Verfall noch immer ansehnlichen Republik war bekannt. Solange sie Republik blieb, war nicht acht Tage auf sie zu rechnen. Sie mußte also, nach damaliger Art zu reden, einen Tyrannen bekommen, und der Tyrann mußte ein Mann seyn, der ohnehin schon viel beim Volke vermochte. Niemand schickte sich dazu besser als Aristion. Sein eignes Interesse nöthigte ihn, dem König vor der Hand getreu zu seyn: und, wie es auch 323 in der Folge ausfallen möchte, genug, daß Mithridates durch diesen Mann erreichte, was jetzt für den Moment seine Absicht war. Ging sein Hauptplan glücklich durch, so blieb den Griechen ohnehin nichts Anderes übrig als sich an den Sieger anzuschmiegen; fiel es aber widrig aus, so halfen die Athener wenigstens die Römer aufzuhalten, und er gewann indessen Zeit, sich in Asien desto besser in Verfassung zu setzen. Der König war also bei diesem Geheimartikel immer der gewinnende Theil, und überließ es übrigens dem athenischen Sophisten, wie gut oder schlecht er bei dem ganzen Handel fahren würde.

Aristion mußte bei dem Allen sein Spiel sehr behutsam spielen, um seine wahre Absicht nicht vor der Zeit durchscheinen zu lassen und ein Volk dadurch scheu zu machen, das eben so eifersüchtig über seine Rechte, als unbesonnen in seinen Anschlägen und schwärmerisch in seinen Leidenschaften war. Die Römer hatten noch immer eine Partei in dieser großen Stadt; zwar die geringste an der Zahl, aber an Ansehen und Einfluß beträchtlich genug, weil sie aus den Edelsten und Reichsten bestand, denen mit gefährlichen Veränderungen selten gedient ist. Das Volk fing zwar wieder an den Meister zu spielen; und das, was ihm den Aristion ganz außerordentlich werth machte, war, daß er ihm in seinen von Hofe aus geschriebenen Briefen immer die stärkste Hoffnung gab, die Demokratie – den ewigen Gegenstand ihrer Wünsche und Träume – durch Mithridates Unterstützung wieder hergestellt zu sehen: aber eben darum würde der kleinste Vorlaut von seinen geheimen Absichten Alles verderbt haben. 324


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