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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Als Aristion nach Athen zurück kam, befand sich Griechenland am Ausbruch einer Krisis, welche der Gestalt seiner Angelegenheiten, ja der ganzen Verfassung von Europa und Asia eine wichtige Veränderung anzukündigen schien.

Seitdem Roms große und unversöhnliche Mitwerberin um die Oberherrschaft, Karthago, gefallen, und Antiochus der Große gedemüthigt und jenseits des Gebirges Taurus eingeschlossen worden war, schien nun Alles dem glücklichen Genius dieses wundervollen Freistaats weichen zu müssen. Aber das Schicksal oder (richtiger zu reden) die Herrschsucht der Römer (die keine andere Grenzen des römischen Reiches anerkannte, als wo die Natur aufhörte, Menschen hervor zu bringen) erweckte ihnen einen neuen Feind, und einen der furchtbarsten, der sich ihnen jemals entgegen gestellt hatte, in der Person des Königs von Pontus, Mithridates, dem seine außerordentlichen Eigenschaften den Beinamen des Großen erwarben; eine zweideutige Ehre, die fast immer zu sehr auf Kosten des menschlichen Geschlechts erworben worden ist, um von einem guten Menschen gesucht oder beneidet zu werden. Der große Alexander selbst hatte nichts vor ihm voraus, als sein Glück; und auch in diesem schien ihm Mithridates eine Zeit lang gleich zu seyn.

Die Römer konnten den Ehrgeiz dieses Fürsten – der weder mit dem höflichen Vasallennamen eines Freundes und 315 Bundesgenossen des römischen Volkes, noch mit den erweiterten Grenzen, die sein Vater von demselben empfangen hatte, zufrieden war – eben so wenig ertragen, als Mithridates den übermüthigen Stolz dieser Bürger einer italienischen Stadt, die von den Ufern des Tibers sich zu Richtern über die entferntesten Könige aufwarfen und entschlossen schienen, nicht eher zu ruhen, bis sie es dahin gebracht hätten, von den Trümmern der größten Thronen herab der ganzen Welt Gesetze vorzuschreiben»Entweder, o König, versuche größer zu werden, als die Römer, oder befolge stillschweigend, was sie dir befehlen,« sagt Marius zum König Mithridates. Der König stand wie vom Donner gerührt, setzt Plutarch (der dieß erzählt) hinzu; denn er hatte zwar schon Vieles von den Thaten der Römer gehört, aber dieß war das erste Mal, daß er mit eigenen Ohren hörte, aus welchem Ton sie mit Seinesgleichen zu sprechen pflegten. W.. Bei solchen gegenseitigen Gesinnungen konnt' es an Gelegenheit zum Ausbruch nicht fehlen.

Kappadocien, woraus der König von Pontus den von Rom beschützten Ariobarzanes vertrieben hatte, gab den ersten Vorwand; im Grunde aber war es (wie Marius dem Könige auf gut Römisch unter die Augen gesagt hatte) darum zu thun, ob die Römer den Mithridates, oder Mithridates die Römer zwingen könnte, der Unabhängigkeit zu entsagen. Der ehrsüchtige Fürst, durch seine Verbindung mit dem Könige von Armenien und durch den freiwilligen oder erzwungenen Beistand vieler andern asiatischen Völker verstärkt, zog gegen die Römer mit einem Heer zu Felde, in welchem man bis auf zwei und zwanzig Nationen von verschiedenen SprachenDie Mundarten waren ohne Zweifel mitgerechnet; zumal wenn wahr seyn soll, was Justinus sagt, daß Mithridates alle diese Sprachen geredet habe. W. zählte.

Der Moment, in welchem er diese gebornen Feinde des königlichen Namens, welche außer der Majestät des römischen Volkes keine Majestät erkennen wollten, zu demüthigen hoffte, konnte für sein Vorhaben nicht günstiger seyn. Die Römer waren seit ungefähr zwanzig Jahren erst durch den Krieg mit dem numidischen Fürsten Jugurtha, dann durch die Nothwendigkeit, das Herz ihres Reichs gegen unzählbare Horden unbändiger Wilden zu vertheidigen, welche fluthenweise aus 316 Germanien in Gallien eingedrungen waren und Italien zu überschwemmen drohten, endlich durch den blutigen marsischen Krieg (mit ihren mißvergnügten und empörten italienischen Bundesgenossen), worin Italien in wenig Jahren über dreimal hundert tausend streitbarer Männer und Jünglinge verloren hatte – die Römer, sage ich, waren durch dieß Alles außerordentlich erschöpft worden; und noch war eben ein neuer fürchterlicher Bürgerkrieg zwischen Marius und Sylla ausgebrochen, der dieser Republik in ihren eigenen Eingeweiden den Untergang drohte. Hierzu kam noch der tödtliche Abscheu, womit die Völker des kleinen Asiens gegen den römischen Namen erfüllt waren; ein Abscheu, der jedem zu ihrem Befreier sich aufwerfenden Eroberer die Thore aller Städte dieser reichen und von Menschen wimmelnden Provinzen zu öffnen versprach.

Mithridates zögerte nicht, sich diesen Zusammenfluß günstiger Umstände zu Nutze zu machen; und glücklicher Weise für ihn waren die ersten römischen Feldherren, die sich ihm entgegen stellten, keine Sylla noch Luculle. Er schlug sie zu verschiedenen Malen, vernichtete ihre Armeen und begegnete den Heerführern Oppius und Aquilius so grausamDen Ersten ließ er sich ausliefern und führte ihn überall in seinem Lager zur Schau, damit seine Völker sich an dem Anblick eines geschlagenen römischen Feldherrn weiden möchten. Den Zweiten traf ein noch weit härteres Loos. Er ließ ihn in Fesseln legen, geißeln und auf einem Esel reiten, wobei er von Zeit zu Zeit rufen mußte, daß er Aquilius sey. Nachher wurde er an einen Reiter angefesselt, dem er zu Fuße folgen mußte, und endlich ward ihm zu Pergamus geschmolzenes Gold in den Mund gegossen, um so der römischen Habsucht zu spotten., so sehr wider Alles, was unter Menschen und Völkern Sitte ist, daß man schon daraus genugsam abnehmen konnte, daß seine Unternehmungen nicht einen billigen Frieden, sondern Roms Untergang zum Ziele hatten und sich mit diesem – oder seinem eigenen enden würden. 317


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