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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

Der junge Mann war, wie es scheint, mit allen den Gaben geboren, womit die Natur, nach der Meinung des Philosophen Vanini, seines Gleichen für die Strenge der Gesetze und des Vorurtheils schadlos hält. Die Cultur dieser Gaben und der kluge Gebrauch, den er davon machen würde, waren der einzige Weg, auf dem er aus der Dunkelheit auftauchen konnte, wozu ihn Geburt und Umstände sonst verurtheilt hätten. In dem Hause eines Mannes erzogen, der die philosophischen Wissenschaften mehr aus Liebhaberei als um Gewinns willen trieb, und der sein ganzes Leben gleichsam im Lyceum zubrachteUns dünkt wenigstens, es lasse sich dieß aus der Art, wie sich Athenäus darüber ausdrückt, schließen. W. – hatte er vermuthlich von dem, was damals zur Encyklopädie der peripatetischen Schule gehörte, schon so viel begriffen, daß er nach dem Tode seines Vaters Muth genug in sich fühlte, selbst eine Schule zu eröffnen und, nach unserer Art zu reden, den Professor der Philosophie und der schönen WissenschaftenDenn dieß ist, was man zu des Athenäus Zeiten durch das Wort σοφιστεύειν verstanden zu haben scheint. zu machen. Er widmete sich also dieser Lebensart mit eben so viel Eifer als Erfolg, zog viele junge Leute an sich, lehrte öffentlich zu Messana und Larissa und verdiente viel Geld. Mit diesem Geld und mit einem ziemlich bekannt gewordenen Namen kehrte er nach Verfluß einiger Jahre in die Minervenstadt zurück, wo er sich durch seinen lebhaften, geschmeidigen und unternehmenden Geist und durch seine Wohlredenheit gar bald bei einem Volke in Ansehen zu setzen wußte, über welches Witz und Beredsamkeit von jeher Alles vermochten.

Ich hätte beinahe einen kleinen Umstand vergessen, den ich gleichwohl nicht übergehen darf, da ein Philosoph, wie Posidonius, in seiner Erzählung der Lebensumstände des Aristion, wovon uns Athenäus den Auszug liefert, dessen 313 nicht ohne Absicht, wie es scheint, Erwähnung that. Aristion fing nämlich seine neue Lebensart damit an, daß er ein schönes junges Mädchen (παιδισκαριον ευμορφον) heirathete – eine Handlung, die ihm, insofern als er das Mädchen heirathete, noch sogar zum Verdienst angerechnet werden könnte; denn das war mehr, als sein eigener Vater gethan hatte; wenigstens war es einem Philosophen aus der peripatetischen Schule, welche bei Berechnung dessen, was das Summum Bonum eines weisen Mannes ausmache, den bonis corporis ihr volles Drittel einräumte, so wenig als irgend einem andern ehrlichen Manne übel auszulegen. Aber unsern Aristion werden wir bald auf einen solchen Fuß kennen lernen, daß wir ihm mit vieler Wahrscheinlichkeit zutrauen können, er habe bei der Heirath der schönen jungen Dirne noch eine kleine Nebenabsicht gehabt, die seiner Klugheit mehr Ehre macht als seinen Sitten – nämlich (um es nur heraus zu sagen) keine geringere, als junge Leute von Stand und Vermögen, auf welche er nun eigentlich Jagd machen wollte, desto leichter ins Garn zu locken. Wenigstens scheint es, Posidonius hätte sich, wenn er eine so unehrbare Sache auf eine nicht ganz unehrbare Art zu verstehen geben wollte, kaum verständlicher ausdrücken könnenΓήμας δε παιδισκάριον εὖ μόρφον, μετὰ τούτου πρὸς τὸ σοφιστεύειν ὡρμῆσε, μειράκια σχολάστικα ϑηρεύων (Nachdem er ein schönes junges Mädchen geheirathet, eröffnete er sogleich mit ihr eine Schule auf Burschen – so, denke ich, kann man jetzt μειράκια σχολάστικα übersetzen – Jagd machend.) Mich däucht, dieß sagt deutlich genug, daß sie an der sophistischen Jagd ihres Mannes auf junge Leute Antheil gehabt – Das Wie ergibt sich aus der Natur der Sache. W.. Auch der Umstand, daß er Athen verließ und seine sophistische Bude in entlegenen Orten aufschlug, bestärkt diesen Verdacht. Die Athener sollten keine Augenzeugen davon seyn, wie er das Vermögen erworben, womit er zu ihnen zurückkehrte. Ein Mensch bleibt immer verächtlich, dem man in der Operation, sich durch niederträchtige Mittel zu bereichern, gleichsam Schritt vor Schritt zugesehen hat. Erscheint er aber nach einer langen Abwesenheit auf einmal wieder als Einer, der sein Glück gemacht hat, so läßt sich die Menge immer vom Glanz des 314 Goldes blenden und fragt wenig darnach, wie es erworben worden.


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