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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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15.

Bald darauf machte sich Sylla auch vom Piräeus Meister, dessen Befestigungen er nebst dem Arsenal, einem der herrlichsten Gebäude im ganzen Griechenland, gänzlich zerstöret.

Dieser Tag war, so zu sagen, der Todestag der Stadt Athen, als eine Republik betrachtet, die sich noch immer für ansehnlich genug gehalten hatte, bei Gelegenheit ihre Rolle mitzuspielen. Die Stadt der Minerva lebte und blühte zwar in der Folge wieder auf und erhielt unter den Cäsarn nicht nur ihren alten Glanz wieder, sondern wurde sogar von Hadrian, der sie vorzüglich liebte, ansehnlich verschönert; aber sie begnügte sich zu ihrem Glücke an der Ehre, der Hauptsitz der Gelehrsamkeit, des Geschmacks und der feinern Sitten zu seyn, und entsagte auf ewig der gefährlichen Eitelkeit, sich in die Händel der Weltbeherrscher zu mengen.

346 Aristion, der das, was er an den armen Athenern verschuldet, durch jede Todesart noch immer zu gelinde gebüßt hätte, wurde, nach Plutarch und Strabo, nebst einigen seiner schlimmsten Mitschuldigen sogleich, nachdem er sich auf Gnad und Ungnad hatte ergeben müssen, auf Befehl des Sylla umgebracht, nach dem Bericht des Appianus hingegen eine Zeit lang gefangen gehalten und erst nach dem zwischen dem römischen Feldherrn und dem Mithridates durch Vermittlung des Archelaus geschlossenen Vergleich dem letztern zu Gefallen heimlich durch Gift aus dem Wege geräumt.

Dieser Elende, der ohne Zweifel den Namen eines Philosophen nicht besser verdiente als den Namen eines Regenten, wiewohl er die Eitelkeit gehabt hatte, in verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens Beides seyn zu wollen, gibt eines von den stärksten Beispielen ab, wie viel die Entwicklung dessen, was in einem Menschen liegt, von den Umständen abhängt. Wäre er sein Leben lang Schulmeister oder peripatetischer Philosoph (wie er sich nennen ließ) geblieben, so wäre vermuthlich nie an den Tag gekommen, daß seine Seele, nach Plutarchs Ausdruck, eine Composition von Schwelgerei und Grausamkeit war. Er würde zwar immer ein verächtlicher Mensch gewesen seyn und bei Gelegenheit eine Schuld abgeschworen, ein falsches Testament untergeschoben, Knaben und Weiblein verführt, auch wohl, wenn etwas dabei zu gewinnen gewesen wäre, einem ehrlichen Mann Gift gegeben oder im Dunkeln und hinterrücks ein Messer in den Leib gestoßen haben; aber, um sich in seiner wahren nackten Gestalt zu zeigen, mußte er in eine Lage kommen, wo er Alles seyn durfte, was er seyn wollte.

Indessen war eine Zeit, wo ihm die Athener von allen den schändlichen Eigenschaften, wovon sie endlich das Opfer 347 wurden, nichts zutrauten; eine Zeit, wo er für einen feinen, wohlberedten und staatsklugen Mann und für einen ihrer Besten galt, welches er doch, so schlecht auch die Andern seyn mochten, sicherlich nicht gewesen ist. Gestehen wir jedoch, daß es ihre eigene Schuld war, wenn sie so übel von ihm betrogen wurden. Daß der vorgebliche Philosoph einer von denen sey, welchen Wahr und Falsch, Recht und Unrecht so lange gleich viel gilt, bis ihnen dieses oder jenes mehr einträgt und ihren Leidenschaften beförderlicher ist, dieß hätten sie früher merken können; und von dem Menschen, der unter dem Namen eines Professors der Philosophie in Compagnie mit einem hübschen Mädchen auf reiche Jünglinge Jagd machte, war das Aergste zu erwarten, sobald man ihn in den Stand setzte, seine kleinen Bübereien im Großen zu treiben. Auf einer andern Seite lassen sich Umstände denken, unter deren Einfluß eben dieser Athenion, genannt Aristion, ohne sich jemals etwas von Tyrannei träumen zu lassen, ein ganz feiner Professor zu Athen oder Alexandria gewesen wäre, ein neues System gemacht, eine Secte gestiftet und, anstatt einer häßlichen Rolle in der politischen Welt, eine sehr glänzende in der philosophischen Geschichte gespielt hätte – und das Alles, ohne im innern Grunde seines Wesens um ein Haar ein besserer Mann gewesen zu seyn, als er auf dem Wege war, worauf ihn sein Schicksal führte.

Die Umstände machen also, bald daß ein Mensch scheint, was er nicht ist – bald daß das wirklich sichtbar und fühlbar wird, was er ist; aber der edle und gute Mensch ist und bleibt unter allen Umständen edel und gut. Abdalonymus war ein rechtschaffener Mann, da er von dem Ertrag eines kleinen Gartens lebte, den er mit eigenen Händen baute, und blieb, was er war, nachdem ihn Alexander zum 348 König von Tyrus gemacht hatte. Aristion war ein maskirter Bösewicht, da er noch der Philosoph Aristion hieß, und wurde als ein Bösewicht erfunden, sobald ihn das Glück auf die Capelle setzte.

Die Kaiser Marcus Aurelius und Julianus machten der Philosophie ganz andere Ehre als Aristion, und doch ist vielleicht noch eine Frage, ob beide ohne die Prätension an den Philosophenmantel nicht noch bessere Regenten gewesen wären; aber dieß ist gewiß, wenn sie es waren, so kam es nicht daher, weil sie Philosophen, sondern, weil sie tugendhafte Menschen waren.

 


 

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