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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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14.

Mithridates hatte inzwischen durch seinen Feldherrn Archelaus so große Fortschritte in den zunächst an Asien grenzenden europäischen Provinzen, welche die Oberherrschaft der Römer erkannten, gemacht, daß diese, ungeachtet des gefährlichen Zustandes, worin sich die Republik durch den Zusammenstoß der Parteien des Marius und Sylla in ihrem Innersten gesetzt befand, es nicht länger anstehen lassen konnten, dem Fortgang eines so furchtbaren Feindes Grenzen zu setzen. Sylla, welcher kürzlich die Oberhand über die 341 Partei seines Gegners erhalten hatte und sich die Ehre, den Uebermuth des Mithridates zu dämpfen, von keinem Andern nehmen lassen wollte, eilte mit fünf Legionen nach Griechenland, wo ihm alle Städte, das einzige Athen ausgenommen, ihre Thore öffneten. Aristion und Archelaus, von welchen jener die Stadt und dieser den PiräeusDer Hafen von Athen, welcher selbst eine große Stadt und mit einer sechzig Fuß hohen Mauer von Quadersteinen beschützt war. W. besetzt hielt, waren eben so entschlossen, es aufs Aeußerste ankommen zu lassen, als Sylla es war, sich, was es auch kosten möchte, von Athen Meister zu machen. Der Detail dieser Belagerung, die den römischen Feldherrn sehr theuer zu stehen kam, gehört nicht zu unserm jetzigen Zweck; wir berühren also nur diejenigen Umstände, welche den Charakter des Aristion und die Art, wie er die Athener glücklich machte, besonders auszeichnen.

Mau kann den unendlichen Jammer, der durch diesen einzigen Menschen über die größte und schönste Stadt der Griechen gehäuft wurde, nicht auf das Unglück der Zeiten schieben. So ein thörichtes Volk die Athener zuweilen waren, so hätte es ihnen doch unmöglich einfallen können, die Partei des Mithridates gegen die Römer zu nehmen, wenn sie von Aristion nicht dazu wären verleitet worden. Aber noch viel weniger würden sie unsinnig genug gewesen seyn, eine Belagerung von einem römischen Feldherrn wie Sylla aushalten zu wollen. Denn sie hatten wenig oder nichts zu verlieren, wenn sie ihm ihre Thore gutwillig öffneten, und Alles, wenn sie es aufs Aeußerste ankommen ließen. Aber Aristion hatte sie bethört, da sie noch frei genug waren, einen eignen Willen zu haben: und jetzt, da er seinen Zweck erreicht und sich zum Herrn über sie aufgeworfen hatte, war die Frage nicht mehr, was die Athener wollten oder wünschten, oder was die Erhaltung der Stadt und ihrer unglücklichen Einwohner erforderte; sondern, was der Tyrann 342 Aristion wollte, welcher wohl wußte, daß er, sobald Athen in der Römer Hände zurück fiel, wieder nichts war und also Alles, was er für den Mithridates that, für sich selbst that. Es ist zu glauben, daß er auf die anscheinende Uebermacht des letztern und auf einen noch zu rechter Zeit kommen werdenden Entsatz gerechnet habe. – Und doch, wenn man sein Betragen während der Belagerung ansieht, kann man kaum anders von ihm denken, als daß er nach dem großen Grundsatz aller Diebe und Räuber, denen mitten in den zügellosesten Befriedigungen ihrer Lüste immer vom Galgen träumt, sich wenigstens, wie Curtius, eh er sich in den Pfuhl stürzte, die kurze Zeit, wo ihm noch Alles erlaubt war, recht überschwenglich habe zu Nutze machen wollen.

Die Züge von sinnlosem Uebermuth und kaltblütiger Grausamkeit, die wir von ihm noch zu erzählen haben, würden unglaublich seyn, wenn sie nicht den gutherzigsten Mann des ganzen Alterthums, den ehrlichen Plutarch selbst, zum Gewährsmann hätten, der nicht fähig war, einem Menschen, so schlimm er auch seyn mochte, mehr Böses nachzusagen, als er sich durch die Pflicht gegen die Wahrheit verbunden glaubte.

Aristion hatte, wie wir bereits gehört, auf alle Weise dafür gesorgt, daß die Athener seiner Gnade leben mußten, und es lag nur an ihnen, sich bei ihren vielen Schauspielen und einem Pfund Gerste des Tages (welches doch immer mehr war, als worauf ein Diogenes sicher rechnen konnte) glücklich zu halten. Aber diese Munificenz hörte vermuthlich auf, nachdem Sylla der Stadt alle Zufuhr von Lebensmitteln abgeschnitten hatte. Aristion mußte nun dafür sorgen, daß es ihm und seinen Gesellen nicht ausgehe; die Stadt mochte für sich selbst sorgen, wie sie konnte. Das 343 Elend der unglücklichen Leute wurde unbeschreiblich groß. Ein Medimnus Korn (ungefähr hundert Pfund am Gewichte) wurde bis um tausend Drachmen (über hundertsechsundsechzig Rthlr.) verkauft. Das gemeine Volk war dahin gebracht, Gras – und, als es auch daran gebrach, gesottnes Leder von ihren Schuhen und Oelflaschen zu essen. Viele trieb die Wuth des Hungers, sich sogar mit todten Körpern zu nähren. Mitten unter diesem allgemeinen Jammer überließ sich Aristion mit seinen Freunden allen möglichen Ausschweifungen, brachte Tag und Nacht mit Tanzen, Schwelgen und Trinken zu; und über der Tafel erschöpften die feinen Herren ihren Witz, Spöttereien und Zoten zu erfinden, um sie dem Sylla von den Mauern herab zuzurufen und ihm dadurch zu zeigen, wie wenig man sich aus ihm mache. Zu der sorglosesten Gleichgültigkeit gegen das Elend seiner Mitbürger fügte der Tyrann, um es vollkommen zu machen, noch die grausamste Verhöhnung. Als ihn die Oberpriesterin der Minerva in der äußersten Noth nur um ein halbes Nößel Weizen bitten ließ, schickte er ihr ein halbes Nößel Pfeffer; und die Rathsherren und Priester, die ihn fußfällig baten, Mitleiden mit der Stadt zu haben, ließ er mit Pfeilschüssen zurücktreiben, ohne sie nur anhören zu wollen.

Indessen wurde die Noth zuletzt so groß, daß sich der unsinnige Mensch endlich entschloß, ein Paar von seinen Zechbrüdern an den römischen Feldherrn abzuschicken, die ihm vom Friedemachen sprechen sollten. Die Deputirten waren, wie es scheint, dessen, der sie abgeschickt hatte, vollkommen würdig. Denn, anstatt irgend einen vernünftigen Vorschlag, der auf Rettung der Stadt abgezielt hätte, zu thun, schwatzten sie dem Sylla ein Langes und Breites von 344 den Verdiensten des Theseus und Eumolpus und von den großen Thaten ihrer Vorfahren im medischen Kriege vor; so daß ihm endlich die Geduld ausging, und er sie mit den Worten unterbrach und abfertigte: »Meine schönen Herren, steckt eure Rede wieder in euren Schulsack und geht, wo ihr hergekommen seyd! Die Römer haben mich nicht zu euch geschickt, um in die Schule zu gehen, sondern um Aufrührer zu züchtigen.«

Während dieser Audienz war dem Sylla eine gewisse Stelle der Stadtmauer verrathen worden, wo sie wegen einer daran stoßenden Anhöhe am leichtesten zu ersteigen war; und gerade diese Stelle hatte Aristion, um sich in Allem immer gleich zu bleiben, unbeschützt gelassen. Sylla machte sich diese Entdeckung in der nächsten Nacht zu Nutz, erstieg die Mauer, ließ sogleich so viel, als nöthig war, niederreißen und zog mitten in der Nacht unter einem entsetzlichen Lärmen von Trompeten und Hörnern und bei dem noch schrecklichern Geschrei seines ganzen Kriegsheeres, welchem er die Erlaubniß zu plündern und zu morden gegeben hatte, in die unglückliche Stadt ein. Die Soldaten stürzten sich mit blosen Schwertern durch alle Gassen und ermordeten in der ersten Wuth ohne Verschonen Alles, was ihnen in den Wurf kam, Männer, Weiber und Kinder. Die armen Leute waren von Hunger so entkräftet, daß sie nicht einmal fliehen konnten. Sie blieben stehen und ließen sich geduldig niedermetzeln; Viele, welche diese gräuliche Verwüstung ihrer Stadt, dieses schönen Athens, worauf sie einst so stolz gewesen waren, nicht überleben wollten, gaben sich den Tod selbst. Jedermann erwartete von dem bekannten Charakter des römischen Feldherrn, daß nichts als die gänzliche Zerstörung einer Stadt, deren Eroberung ihm so viel gekostet hatte, seine 345 Rache würde sättigen können; aber Meidias und Kalliphon, zwei von dem Tyrannen Aristion verbannte vornehme Athener, die sich ihm zu Füßen warfen, von den Vorbitten aller anwesenden römischen Senatoren unterstützt, erhielten endlich durch anhaltendes Flehen, daß er der Stadt zu verschonen versprach. Ich vergebe, sagte er, den Vielen um der Wenigen und den Lebenden um der Todten willen.

Aristion hatte sich indessen in die Burg zurückgezogen und ergab sich nicht eher, bis er aus gänzlichem Mangel an Wasser dazu gezwungen war. Er wußte, was er von den Römern zu erwarten hatte; aber er hatte keinen Muth, sein Leben wenigstens mit einer edeln That zu enden.


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