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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13.

Wir haben oben zu bemerken vergessen, daß Aristion, sobald er sich an der Spitze der Republik sah, statt der Archonten, welche damals waren und als Freunde der Römer keine Gnade vor ihm fanden, andere, welche ihm beliebte, erwählen ließ und, wie leicht zu erachten, Leute, die gänzlich von ihm abhingen und Alles zu leiden und zu thun fähig waren. Die Geschichte nennt uns von seinen Freunden und Werkzeugen nur einen Einzigen, welcher auch, wie er, die Prätension hatte, ein peripatetischer Philosoph zu seyn, und ohne Zweifel durch Aehnlichkeit der Gemüther, eine unbegrenzte 338 Gefälligkeit gegen den Tyrannen und dadurch, daß er sich willig begnügte, nur eine Nebenrolle unter ihm zu spielen, sich bei ihm in Gunst zu setzen gewußt hatte. Dieser Mensch nannte sich Apellikon, und wir erwähnen seiner hier, da es die Gelegenheit mit sich bringt, um so eher, weil sein Name zufälliger Weise einige Celebrität in der Gelehrtengeschichte erhalten hat.

Apellikon, der so glücklich gewesen war, viel zu erben, hatte sich aus Liebhaberei oder Prätension in den Kopf gesetzt, eine kostbare Bibliothek zu besitzen, und kaufte alle Bücher zusammen, die nur immer um Geld zu haben waren. Von ungefähr wurde ihm die Originalhandschrift der sämmtlichen Werke des Aristoteles zu Kauf angeboten, welche dieser Fürst der Philosophen in seinem letzten Willen seinem Freunde Theophrast, Theophrast auf gleiche Weise seinem Freunde Neleus von Skepsis und dieser seinen eigenen ungelehrten Erben hinterlassen hatte, von welchen sie über hundert und dreißig Jahre in einem Keller dem Moder und den Mäusen Preis gegeben wurden. Das Haus, worin dieser unerkannte Schatz begraben lag, kam endlich an einen Besitzer, der, da er zufälliger Weise hörte, daß Apellikon viel Geld um alte und rare Handschriften gebe, sich erinnerte, daß er dergleichen Waare in einem Winkel seines Kellers liegen habe, und, es sey nun, daß er durch die Tradition oder auf andere Weise erfahren, was es war, diese Handschriften, wiewohl sehr übel zugerichtet, hervorzog und als die Originalhandschrift der Werke des großen Aristoteles an besagten Apellikon verkaufte, der über diesen, wiewohl ihm wenig brauchbaren Schatz eine desto größere Freude hatte, weil allem Vermuthen nach außer der alten Bibliothek zu AlexandriaDiejenige, welche der König Ptolemäus Philadelphus zu sammeln anfing und die bei Eroberung und Verwüstung dieser Stadt durch Julius Cäsar unglücklicher Weise ein Raub der Flammen wurde. W. (wo entweder das wahre AutographonEigne Handschrift. Athenäus Lib. I. p. 3. B. W. dieser Werke oder wenigstens eine davon genommene 339 Abschrift befindlich war) kein anderes Exemplar davon in der Welt existirte. Er blieb im Besitz desselben, bis Sylla nach Eroberung von Athen unter Anderm, was des Transports werth war, auch die ganze Bibliothek des Apellikon nach Rom abführen ließ. In der Folge erhielt ein gewisser Grammatiker Namens Tyrannion (welchen Lucullus aus Amysa mit nach Rom gebracht, und dessen Cicero an verschiednen Orten seiner Briefe rühmliche Erwähnung thut) von dem Bibliothekar des Sylla die Erlaubniß, diese Handschrift der Werke des Aristoteles zu copiren; und, nachdem er sich unendliche Mühe gegeben, den Text wieder herzustellen oder wenigstens an den verderbtesten Stellen, so gut ihm möglich war, verständlich zu machen, stellte er eine neue Ausgabe derselben ans Licht, wovon nach und nach eine Menge Abschriften ins Publicum kamen. Wenn man es also gleich (wie Einige allzugütig sich auszudrücken beliebt haben) dem Apellikon nicht eben zu danken hat, daß wir noch auf diesen Tag im Besitz der meisten Aristotelischen Schriften sind; so ist doch gewiß, daß er die unverdiente Ehre gehabt, in die Schicksale derselben verflochten zu seyn.

Apellikon, um seine Büchersammlung mit wichtigen Seltenheiten zu bereichern, bediente sich eines zwar sehr wohlfeilen, aber etwas gefährlichen Kunstgriffes, dessen auch einige berühmte Neuere beschuldigt worden sind. Er machte sich kein Bedenken, alte Originalurkunden aus Tempeln und andern öffentlichen Archiven zusammen zu stehlen, würde aber, als er über einer solchen Plünderung des Tempels der GöttermutterEr wurde gewöhnlich das Metroon genannt und war das Archiv, wo die athenischen Gesetze, Decrete und andere wichtige Urkunden aufbewahrt wurden. W. auf frischer That ergriffen worden, diesen Frevel theuer haben bezahlen müssen, wenn er nicht Mittel gefunden hätte, sich mit der Flucht zu retten. Indessen wirkten ihm doch die Freunde, die er zu Athen hatte, nach einiger 340 Zeit die Erlaubniß aus, zurückzukommen; und da er in der Folge einer von den eifrigsten Beförderern des Aristion war, mit welchem ihn die gemeinschaftliche Profession der peripatetischen Philosophie in genauere Verbindung gebracht hatte, so war er auch einer von denen, die von der Erhöhung desselben den meisten Vortheil zogen. Aristion hatte eine so gute Meinung von seinen militärischen Fähigkeiten oder war vielmehr so arm an geschicktern Männern, auf die er sich hätte verlassen können, daß er ihm die Behauptung der Insel Delos, an welcher ihm viel gelegen war, anvertraute. Aber Apellikon wußte so wenig, was bei einem solchen Geschäfte zu thun war, daß er die wichtigsten Posten unbesetzt und sich selbst mit den tausend Mann, die er bei sich hatte, somno vinoque sepultus, von dem römischen General Orbius überrumpeln ließ, noch wohl zufrieden, mit Verlust seiner ganzen Mannschaft wenigstens seine eigne Person durch die Flucht in Sicherheit zu bringen.


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