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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Es war nicht das erste Mal, daß die Athener in einer Anwandlung von unbesonnener Fröhlichkeit, die den Abderiten selbst Ehre gemacht hätte, einen Menschen zum Oberfeldherrn schufen, der vom Kriegswesen gerade so viel verstand, als – ein Magister, der über den Polybius liest. Schulmeister, Gerber, Hufschmied, Alles galt ihnen gleich! Der Mann, den sie mit ihrem Zutrauen beehrten, konnte Alles. Aber – glücklich ist die Republik, die von Philosophen beherrscht wird! War es nicht Plato, der das sagte? Und hatte nicht Plato einen Staat entworfen, wo die Philosophen herrschen, die Weiber gemein sind, und Alles gut geht? Der Weise, sagen die Stoiker, ist schön, edel, reich, durchlauchtig, großmächtig und unüberwindlich, König der Könige und Herr über Alles, weil er Herr über sich selbst ist. Und doch glaube ich nicht, daß sie gesagt haben, er sey ein Feldherr, ein Steuermann, ein Wundarzt. Die Athener, man muß es gestehen, hatten zuweilen wunderliche Begriffe. Doch, da es ihrem Freunde, dem Könige Mithridates, nicht an Generalen fehlte, was war am Ende auch daran gelegen, ob der Philosoph Aristion, den sie zu ihrem Oberfeldherrn machten, viel oder wenig vom Kriege verstand? Das, was sie eigentlich wünschten, war ja Friede und Ueberfluß und Schauspiele und Lustbarkeiten und ewiger Müßiggang und Unabhängigkeit und Alles thun zu können, was ihnen einfiele! Wenn ihr Oberfeldherr Aristion nur die Kunst verstand, ihnen dieß Alles zu verschaffen, 331 was bekümmerten sie sich darum, wie er's anfing, um ihnen dazu zu verhelfen? Eben darum, damit sie sich um die Mittel nicht weiter bekümmern müßten, hatten sie einem so weisen, so wohlmeinenden Manne die oberste Gewalt übertragen.

Wir wollen sehen, wie Aristion die gute Meinung rechtfertigte, die er den Athenern von seiner Weisheit und Tugend eingeflößt hatte, und was er that, um sie – wenigstens so glücklich zu machen, als er konnte. So wenig Gutes wir uns vielleicht zu ihm versehen mögen, so wird sich doch am Ende zeigen, daß er in seiner Art mehr leistete, als wir ihm zugetraut hatten.


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