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Christoph Martin Wieland: Athenion - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleAthenion
pages44
created20131126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

Unser Philosoph war der Mann nicht, der eine so erwünschte Hitze ungebraucht hätte erkalten lassen sollen. Vermuthlich geschah es auf seine Veranstaltung (wiewohl Athenäus dieß nicht ausdrücklich sagt), daß bald nach seiner Ankunft das ganze Volk, ohne von den obrigkeitlichen Personen, denen solches allein zukam, zusammen berufen zu seyn. auf dem gewöhnlichen Platze der Berathschlagungen sich versammelte, um zu hören, was ihnen der wundervolle Aristion zu sagen hätte.

Aristion erschien, bestieg die Rednerbühne, von welcher er das ganze Volk übersehen konnte, und fing seine Rede damit an: er hätte ihnen Sachen von der äußersten Wichtigkeit vorzutragen; aber eben dieß und die Betrachtung der großen Folgen, die in den gegenwärtigen Zeitläufen daraus entstehen könnten, wenn er ihnen Alles sagte, was ihn seine Liebe zur Republik zu sagen dringe, mache ihn schüchtern und binde seine Zunge.

Das Volk, dessen Erwartung durch einen solchen Eingang aufs äußerste gespannt war, rief ihm zu, daß er ungescheut reden könne; und Aristion, der sie völlig in der Stimmung sah, worin er sie haben wollte, stellte ihnen nun mit einer hinreißenden Beredtsamkeit vor: daß die Begebenheiten dieser Tage so groß und außerordentlich seyen, daß sie Alles überträfen, was der ausschweifendste Traum einem Menschen als möglich vorbilden könnte. »Der König Mithridates, sagte er, ist in diesem Augenblick Meister von Bithynien, woraus er den Freund der Römer Nikomedes vertrieben hat, von Kappadocien und dem ganzen festen Lande von Phrygien bis an die Enden von Cilicien; alle Völker am 328 europäischen Meere bis zu den mäotischen Sümpfen erkennen ihn für ihren Herrn; die Könige von Armenien und Persien stehen zu seinem Befehl; die Römer selbst, deren Obermacht vor Kurzem der ganzen Welt furchtbar war, haben endlich der seinigen weichen müssen. Ihre Kriegsheere sind aufgerieben, ihre Feldherren Oppius und Aquilius sind seine Gefangnen; und dieser Aquilius, ein Mann, der die höchsten Würden in Rom bekleidet und über Sicilien triumphirt hatte, muß sich gefallen lassen, einem fünf Ellen langen pontischen Reiter, Namens Basternes, an einer langen Kette, womit er ihm an den Leib geschlossen ist, zu Fuße nachzutraben. Alle Römer, von welchen Asien voll war, sind an einem Tage bis am Fuß der Altäre, wo sie vergebens Zuflucht suchten, erschlagen worden. Die Griechen selbst – so wüthend ist in Asien der Haß gegen Alles, was einem Römer gleich sieht – sogar die Griechen, die das römische Bürgerrecht haben, konnten sich nicht anders retten, als indem sie eilends die verhaßte Toga von sich warfen und die Kleidung ihres Vaterlandes wieder anzogen, welches Mithridates ehrt und in seinem ehmaligen Glanz wieder herzustellen beschlossen hat. Durchdrungen von diesen Gesinnungen, empfangen ihn alle Städte Asiens mit offnen Armen, empfangen ihn nicht wie den größten der Könige, sondern wie einen Gott. Alle Orakel kündigen ihm die Herrschaft über den ganzen Erdkreis an. Schon erfüllen seine Heere Thracien und Macedonien. Die Provinzen Europa's eilen in die Wette, sich auf seine Seite zu schlagen; und nicht nur von den Völkern Italiens, sondern sogar von den Karthagern sind Gesandte bei ihm angelangt und bezeigen ihm ihre Bereitwilligkeit, zur Zerstörung Roms ihre Waffen mit den seinigen zu vereinigen.«

329 Hier hielt der redselige Sophist ein, weil er dem erstaunten Volk etliche Augenblicke Zeit lassen wollte, den Gemüthsbewegungen, worein sie das Anhören dieser Wunderdinge gesetzt, etwas Luft zu machen. – Nach einer kleinen Pause schritt er zur Nutzanwendung des bisher Gesagten. – »Was soll ich euch nun sagen, rief er, wo die Sache selbst so laut spricht? Oder, ihr Männer von Athen, soll ich euch noch erst ermahnen müssen, nicht länger diese Anarchie zu dulden, in welcher euch die Römer zu halten entschlossen sind, bis sie vielleicht einst für gut befinden, euch eine neue, ihren Absichten anpassende Verfassung zu geben? Nicht länger zu dulden, daß eure Tempel zugeschlossen bleiben, und eure Gymnasien, Schauplätze und Gerichtshöfe öde und verlassen stehen? In solchen Umständen wäre es rühmlich, auch bei einem blosen Schimmer von Hoffnung Alles zu wagen; aber es wäre Schande, unthätig zu bleiben, wo der Beistand eines allvermögenden Freundes euch des glücklichsten Erfolges gewiß macht.«

Die Vögel des Aristophanes merkten die Schlinge nicht; sie sahen nur die Lockspeise und fielen gierig und sorglos zu. Sie hatten sich durch ihre tumultuarische Versammlung eigenmächtig wieder in den momentanen Besitz der Demokratie gesetzt; aber was konnte ihnen die höchste Gewalt helfen, wenn sie den ausübenden Theil derselben nicht einem Manne auftrugen, der mit ihnen eines Sinnes war, und zu dessen Wohlmeinung sie sich eben so vieles Guten versahen, als zu seinem Ansehen bei dem großen Könige, ihrem neuen Freund, Beschützer und Abgott? Aristion wurde also einhellig zum Oberbefehlshaber über die athenische Kriegsmacht ausgerufen – und das war es eben, was der verschmitzte Jünger des Aristoteles mit 330 allen seinen bisherigen patriotischen Bemühungen abgezweckt hatte.


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