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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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VIII.

Als Athenaïs im Kaiserpalast sich der Augusta zu Füßen warf, war ihr Zweck, bei ihr Schutz und Gerechtigkeit gegen ihre Brüder zu suchen, aber sie fand mehr als dies: sie gewann erst die Zuneigung Pulcherias und dann die Liebe des Kaisers selbst. Dies ist eine geschichtliche Thatsache.

Wahrscheinlich hat die kaiserliche Regentin sie unter ihre Hofdamen aufgenommen. Sie hat sie dann zum Christentum bekehrt. Es lag ihr viel daran, die Seele der schönen geistvollen Heidin, welche sie bewunderte und liebte, den falschen Dämonen zu entreißen, und Athenaïs konnte den Glauben an die Götter ihrer Heimat um so williger aufgeben, als sie des höchsten Preises dafür versichert war. Der Bischof Attikus unterrichtete sie in den Lehren des Evangeliums. Wie lange Zeit sie zu ihrer Umwandlung gebraucht hat, wissen wir nicht. Ihre Taufe und ihre Vermälung mit Theodosius wird von den Byzantinern in einem Atemzuge erzählt, und die Gleichzeitigkeit beider Vorgänge würde in keiner Weise auffallend gewesen sein.

Nach griechischer Sitte adoptirte Pulcheria die bekehrte Heidin als ihr Seelenkind.Von der Adoption spricht Nicephorus, XIV, c. 13. Sie war ihre Taufpathin. In der Stephanskirche zu Constantinopel wurde diese heilige Handlung vom Patriarchen Attikus vollzogen.Nicephorus. Athenaïs nahm als Christin die stolzen Namen Aelia Eudocia an, und schon sie beweisen, daß ihre Taufe und ihre darauf folgende Vermälung mit dem Kaiser in einem sehr nahen Zusammenhange standen. Denn diese Namen waren, mit der alleinigen Ausnahme eines Buchstabens, jene der Mutter des Theodosius und der Pulcheria gewesen, der Aelia Eudoxia. Sie wurden offenbar gewählt in Erinnerung an diese, die Ausländerin und Tochter Bautos, deren rätselhaftes Glück sich in Athenaïs wiederholte.Die Namen Eudoxia und Eudokia (lateinisch Eudocia) sind streng zu unterscheiden. Jener bedeutet »Ruhm«, dieser das »Wolwollen Gottes« (τὸ αγαθὸν θέλημα του̃ θεου̃, nach Suidas). Er war passender für Athenaïs, die ihn aus Bescheidenheit mag gewünscht haben, statt Eudoxia. Da es Münzen gibt der Aelia Eudoxia und andere der Aelia Eudocia, so gehören die ersten der Gemalin des Arcadius, die letzten der des Theodosius II. An die feste Unterscheidung beider Namen bei den Byzantinern sollten sich doch die Numismatiker halten. Sabatier (Monnaies Byzantines, I, 108) nennt die eine und die andere Kaiserin Eudocia und Eudoxia und gesteht, daß er deren Münzen nicht unterscheiden kann; ebenso Eckhel, VIII. 184.

Wann die Taufe stattfand, und eine wie lange Zeit nach ihr bis zur Vermälung verfloß, ist unbekannt. Man hat die höfischen Beziehungen der Athenaïs, ihre Vorschule im Palast unter der Leitung Pulcherias, schon im Jahre 414 beginnen und dann bis zu ihrer Vermälung im Jahre 421 dauern lassen.Clinton und Finlay, denen andere gefolgt sind. Aber es ist wahrscheinlicher, daß der von Liebe erglühte Theodosius, statt wie Jakob um Rahel sieben lange Jahre um die schöne Athenerin zu dienen, sich mit der Frist eines einzigen Jahres begnügt hat.Das Chron. Paschale setzt die Ankunft der Athenaïs in Constantinopel und ihre Beziehung zum Hofe ins Jahr 420 (9. Consulat des Theodosius und 3. des Constantius). Ich folge seiner Angabe um so mehr, als dies Chronicon das Datum der Vermälung der Athenaïs richtig angegeben hat.

Was in dieser Zeit im kaiserlichen Palast gespielt hat, wie viele Künste aufgewendet, und wie viele Intriguen gesponnen und bekämpft worden sind, ehe der Kaiser seine Hand der heidnischen Philosophentochter reichte, hat uns Niemand verraten können. Der Begriff der Mißheirat, wenigstens in Bezug auf Frauen, war im Altertum unbekannt. Römische und byzantinische Kaiser, welche oftmals selbst aus niedrigem Stande emporgekommen waren, kannten oder achteten solche Vorurteile so wenig, daß noch der große Justinian sich mit einer Schauspielerin vermälte, welche als öffentliche Dirne in ganz Constantinopel gebrandmarkt war. Aber Theodosius zerstörte durch seine Heirat offenbar die ehrgeizigen Hoffnungen mancher vornehmer Patriciergeschlechter, und nicht ohne Widerspruch auch von Seiten strenggläubiger Christen hat er diesen kühnen Schritt gethan. Es mußte wirkliche Leidenschaft sein, was ihn dazu bewog, während Pulcheria Grund hatte, die Heirat ihres Bruders mit einem Mädchen geringer Abkunft, ihrer eigenen Schutzbefohlenen, jeder andern Verbindung vorzuziehen; denn so durfte sie hoffen, Herrin im Palast zu bleiben.

Man hat das Alter der Athenaïs bei ihrer Verbindung mit dem Kaiser auf 27 Jahre berechnet, aber dies Mißverhältniß würde selbst bei den bezauberndsten Eigenschaften seiner Gemalin für den zwanzigjährigen Theodosius zu groß gewesen sein. Es ist daher einem byzantinischen Geschichtschreiber zu glauben, welcher behauptet hat, daß Athenaïs zwanzig Jahre alt war, als sie dem Kaiser sich vermälte.Nicephorus, XIV, c. 50, ein freilich ganz unkritischer Autor. Auch Tillemont verwirft das Alter von 27 Jahren. Sabatier (Monn. Byz., I, 119) setzt es sogar auf 29 Jahre an, da er Athenaïs 393 geboren glaubt.

Als Aelia Eudocia wurde sie mit Theodosius am 7. Juni 421 verbunden.Das Datum im Chron. Paschale und übereinstimmend beim Marcellinus. Ihre Trauung vollzog der Patriarch Attikus entweder in der Palastkapelle des Hebdomon, wo oftmals große Staatshandlungen stattfanden, oder in der heiligen Sophia. Diese berühmte Kirche war ursprünglich von Constantin gegründet, dann von seinem Sohne Constantius neugebaut worden. Im Jahre 404 hatte sie ein Brand beschädigt, da bei einem Volkstumult in Folge der Verbannung des Johannes Chrysostomus dessen Anhänger sie in Flammen gesetzt hatten. Darauf war sie von Theodosius im Jahre 415 hergestellt worden.Marcellinus zu diesem Jahre.

Der heidnische Dichter Claudian hat die Hochzeitsfeier des Kaisers Honorius und der Maria, einer Tochter Stilichos, in schönen Versen besungen, die wir noch mit Anteil lesen; aber die Epithalamien, welche die entzückten Hofpoeten in Constantinopel dem jungen Kaiserpaare Theodosius und Eudokia dargebracht haben, sind leider alle verloren gegangen. Kein Augenzeuge hat uns die sinnverwirrende Pracht des Hochzeitszuges, die Reihen schöner Hofdamen, die bunten Schwärme der Kämmerlinge, die prunkvollen Aufzüge der Geistlichkeit, des Senats, der Großwürdenträger des Reichs, der kaiserlichen Garden und das Gewühl des jubelnden Volkes von Byzanz geschildert. Keiner hat uns die mit Juwelen bedeckte, von Schönheit und Anmut stralende Kaiserbraut beschrieben und den Ausdruck des Glücks oder die Tränen der Rührung in ihrem Antlitz gezeigt, noch von den märchenhaften Festen im byzantinischen Kaiserpalast erzählt, deren Mittelpunkt die Tochter des Philosophen Leontius war. Die Chronisten berichten nur trocken und kurz, daß die Stadt Constantinopel die kaiserliche Hochzeit durch öffentliche Schauspiele und Wagenrennen im Circus gefeiert hat.

Theodosius schickte sein und seiner Gemalin Bildniß an den römischen Kaiserhof in Ravenna; aber wir wissen nicht, wie dies Ereigniß von dem Oheim Honorius und seiner Schwester, der Augusta Placidia, aufgenommen worden ist.

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