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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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IV.

Sollte nicht Athenaïs auch von der Lehre der christlichen Kirche einige Kenntniß erhalten haben? Diese drängte sich auch in Athen dem Nachdenken der Heiden auf. Die Tochter des Leontius mußte mit Christen oft genug in Berührung kommen, weil gerade in ihrer Vaterstadt die Anhänger beider einander verneinenden Religionen im Ganzen friedlich beisammen lebten. Altgläubige Familien zählten unter ihren Mitgliedern Christen; eine Schwester des Leontius wohnte in Constantinopel, und sie war, wie es scheint, nicht mehr Heidin.

Wenn nun Athenaïs nicht durch Christgläubige selbst über das Evangelium aufgeklärt worden war, so machten sie die heidnischen Sophisten, ihre Lehrer, mit dessen Inhalt bekannt, jedoch nur in entstellter Form, und nur zu dem Zwecke, ihr die Vorzüge des Glaubens der großen Vorfahren vor der Religion der Apostel klar zu machen. Wenn diese Philosophen ihren Blick vor der Geistestiefe und der moralischen Höhe des Christentums verschlossen, und sich nur an dessen äußere Erscheinung hielten, so war es ihnen nicht schwer, ihre Schülerin davon abzuschrecken.

Die christliche Kirche hatte längst jene sympathische jugendliche Gestalt verloren, welche sie in der Zeit der ersten, um ihr Dasein kämpfenden Gemeinden gehabt hatte. An die einfache Lehre des Evangeliums hatten sich die dogmatischen Auslegungen und Erfindungen der Theologen, wie der Ketzer und Sektirer, angesetzt. In den Cultus der Kirche waren Vorstellungen des Heidentums mit dem ganzen Zubehör des Wunder- und Zauberdienstes und des Aberglaubens eingedrungen. Die christlichen Symbole, nur vom Leiden und dem Tode hergenommen, waren abstoßend häßlich und für lebensfrohe oder natürliche Menschen so unerfreulich, wie das Gebot der Entsagung von den Genüssen der schönen Erde überhaupt.

Wenn ein griechischer Heide die Mythologie des Christenhimmels, die Scharen von legendären Heiligen und Märtyrern, deren modernde Reste man unter die Altäre versenkte und als Talismane verehrte, mit den stralenden Gestalten des Olymp verglich, so durfte man seiner ästhetischen Empfindung verzeihen, daß er vor jenen zurückbebte. Wenn er selbst die albernen Götterfabeln der Griechen, welche schon Lucian dem Spotte preisgegeben hatte, verlachte, so hatte er doch das Bewußtsein, daß die antike Religion ewige Typen göttlicher Schönheit und heroischer Menschlichkeit geschaffen hatte, worin der ganze Kosmos der Natur und des Geistes in vollkommenen Formen verkörpert und verklärt war.

Er täuschte sich darin nicht, denn diese heidnischen Ideale sind ewig menschlich und deshalb auch unzerstörbar. Die christliche Religion hat sie so wenig aus der Welt verdrängen und durch ihre eigenen Typen ersetzen können, daß ohne dieselben unsere symbolische Anschauung vom Menschen und seinem Bezug auf das unendliche Reich der Gedanken und Handlungen, in dem er lebt und wirkt, nur eine einseitige und lückenhafte sein würde. Die antike Götterwelt ist eine unvergängliche Schöpfung des die Natur lebensfroh anschauenden Menschengeistes, und die ewige Wahrheit des Heidentums ist die Kunst. So lange es gebildete Völker gibt, werden auch die Gestalten der griechischen Mythe künstlerisch fortdauern, und wie unsre Vorfahren vor zwei Jahrtausenden, und wie wir heute Lebenden, so wird noch der späteste Nachgeborne, mag die Menschheit auch zahllose neue Wunder des Genies erdacht und erschaffen haben, mit Begeisterung in das ernste Götterantlitz der Juno des Polyklet und der Minerva des Phidias blicken.

Was hatte nun, so fragten die auf den classischen Adel des Altertums stolzen Heiden, dieses die Natur, die Kunst und die Wissenschaft zugleich mißachtende Christentum in vier Jahrhunderten seiner Dauer Großes und Schönes zu erschaffen vermocht? Was konnte es neben die unsterblichen Werke der Griechen stellen? Es ist wol begreiflich, daß es selbst noch im vierten und fünften Jahrhundert nach Christus edle Hellenen gab, die sich sträubten, von der entzückenden Welt der antiken Schönheit und Menschlichkeit für immer sich abzuwenden, und eine Religion aufzugeben, welche sie als die legitime gebildeter Menschen zu betrachten gewohnt waren.

Die Tochter des Leontius wurde in solchen Anschauungen durchaus als griechische Heidin erzogen, und nirgends konnte sie mit größerer Naivetät und mit minderer Gefahr eine solche sein, als in ihrer kleinen Vaterstadt Athen. Das Heidentum erschien hier unter den classischen Erinnerungen und Denkmälern der größten Geister Griechenlands minder vernunftlos, und der Kampf der die Welt erneuernden Ideen des Christentums mit dem veralteten Götterglauben war hier minder heftig als in den großen Orten des Reichs. Die städtischen Verhältnisse selbst geboten die Duldung des althergebrachten Heidentums, trotz aller gegen dasselbe erlassenen Verbote der Staatsgewalt.

Schon im Jahre 380 hatte ein kategorisches Edict Theodosius des Großen befohlen, daß alle Völker des römischen Reichs die Religion des göttlichen Apostels Petrus bekennen sollten.Cunctos populos – in tali volumus religione versari, quam divum Petrum apostolum tradidisse Religio usque da nunc ab ipso insinuata declarat. Cod. Theod., XVI, 1, 2. Aber dies Gesetz wurde nirgends, und am allerwenigsten in Griechenland durchgeführt. Hier fand keine gewaltsame Zerstörung heidnischer Tempel statt, wie in Syrien, in Afrika oder in Aegypten, wo der Wunderbau des alexandrinischen Serapeum mit allen seinen Kunstschätzen im Jahre 391 zertrümmert wurde. Mit Gewalt ist in Hellas vor Justinian niemand gezwungen worden, das christliche Bekenntniß abzulegen und sich am Gottesdienst in den Kirchen zu beteiligen. So hartnäckig behauptete sich vielmehr die alte Religion in dem Lande, wo sie entstanden war und in den bewundernswürdigsten Schöpfungen des Genies sich selbst verewigt hatte, daß seit dem vierten Jahrhundert der Name »Hellene« als Bezeichnung des »Heiden« überhaupt gebraucht wurde.

Aber strenge Gesetze hatten wiederholt jeden heidnischen Cultus, jedes Opfer, jede Procession und Umgehung der Altäre untersagt, und wo nicht die Zerstörung, so doch die Schließung der Tempel und Capellen anbefohlen. Durch das Edict der Kaiser Arcadius und Honorius vom 9. Juni 408 war ausdrücklich verordnet worden, daß die Götterbilder aus allen noch aufrecht stehenden Tempeln entfernt, die Altäre zerstört und die Tempelgebäude selbst zu öffentlichen Zwecken verwandt werden sollten.

Diese Erlasse sind in der Stadt Athen niemals vollzogen worden. Denn sie schützte davor die Schwäche der dortigen bischöflichen Kirche, die Macht der öffentlichen Meinung, die feine Bildung und die Pietät der Enkel für die Monumente ihrer Vorfahren. Der alte Götterglaube fand außerdem seine kräftigste Stütze an den aus der Vorzeit stammenden Instituten der Wissenschaft, die noch keine byzantinische Regierung gewaltsam aufzuheben wagte: denn die Unterdrückung der Hochschule würde die an allen andern Erwerbsmitteln arme Stadt Athen ihrer besten Lebensquelle beraubt haben.

Aber die junge Heidin Athenaïs hat nie mehr einen jener prachtvollen Festaufzüge zu Ehren ihrer Namensgöttin mit Augen gesehen, es sei denn in den Sculpturen des Phidias am Friese der Zelle des Parthenon. Sie hat nie mehr ihr Gebet im Tempel der Musen am Ilissos, oder in denen der Athene Polias und Parthenos vor den Bildnissen der hehren Göttin dargebracht, obwol diese zu ihrer Zeit noch nicht entfernt worden waren. Denn noch in den Zeiten des neuplatonischen Philosophen Proklus, welcher im Jahre 429 nach Athen gekommen war und etwa seit 450 den Lehrstul der Akademie einnahm, befand sich die berühmte goldelfenbeinerne Bildsäule der Athene von Phidias an ihrem alten Ort im Parthenon. Ihre Entfernung von dort durch die Christen hat dann noch Proklus selbst erlebt. Dies erzählt sein Schüler und Biograph Marinus mit folgenden Worten: »Wie sehr Proklus dieser Göttin der Weisheit wert gewesen ist, hat sie selbst damals kund gethan, als ihr Bild, welches sich bisher im Parthenon befunden hatte, von denen, die alles Heilige aus den Angeln heben, hinweggeführt wurde. Denn dem Philosophen erschien im Traum eine erhabene Frauengestalt, welche ihn aufforderte, schnell ein Haus zu rüsten, weil, so sagte sie, die Herrin Athene bei dir bleiben will.«Hertzberg, III, S. 429, 529, denkt hier an die Promachos. Daß die Parthenos zu verstehen sei, lehrt eben Marinus, Vita Procli, c. 30: ηνίκα τὸ άγαλμα αυτη̃ς τὸ εν Παρθενω̃νι τέως ιδρύμενον υπὸ τω̃ν καὶ τὰ ακίνητα κινούντων μετεφέρετο. Die Bildsäule ist entfernt worden nach 429, als Proklus schon namhaft war.

Indeß jenes Wunderwerk des Phidias war für Athenaïs kaum noch sichtbar, weil jeder heidnische Tempel verschlossen blieb und sein Betreten durch die Gesetze streng bestraft wurde. Nur in ihrem elterlichen Hause konnte sie den heimlichen Festen beiwohnen, die ihr Vater etwa an den Gedenktagen der olympischen Götter zu begehen wagte. Und auch dieser versteckte Cultus war gefährlich, da es Angeber gab, welche ihn den Behörden verraten konnten. Der schwärmerische Proklus wagte einmal, die Gebote der Regierung zu übertreten. Asklepigeneia war zum Tode erkrankt und von den Aerzten bereits aufgegeben: ihr Vater, sein Freund, bat ihn dringend, den Heiland Asklepios um Rettung anzuflehen, und der Philosoph entschloß sich dazu. Er nahm seinen Studiengenossen Perikles mit sich, ging in den Tempel jenes Gottes und verrichtete daselbst das Gebet nach »alter Weise«. Sein Biograph bemerkt dabei, daß dies kühne Unternehmen so heimlich und so geschickt ausgeführt wurde, daß die Aufpasser nicht die geringste Kunde davon erhielten.Καὶ ουδεμίαν πρόφασιν τοι̃ς επιβουλεύειν εθέλουσι παρασχών. Marinus, c. 29. Das konnte, so sagt er, Proklus wagen, weil seine Wohnung nahe beim Asklepieion gelegen war. Freilich mußte sich auch der gläubigste Heide gestehen, daß die antike Religion keinen lebendigen Zusammenhang mit der Zeit mehr hatte, und unrettbar verloren war.

Leontius hatte seine Tochter mit der vollkommensten attischen Bildung ausgerüstet, aber nur eins versäumt, ihr unter den edeln Jünglingen des Landes einen würdigen Gemal auszuwählen. Athenaïs war reich, klug und von seltener Schönheit, und dennoch starb ihr Vater, ohne sie vermält zu sehen. Der Inhalt seines Testaments stand im schreienden Widerspruch zu seinen väterlichen Empfindungen. Er hatte seine beiden Söhne Valerius und Gesius zu Universalerben eingesetzt, über ihre Schwester aber nur diese lakonische Verfügung gemacht: Ich bestimme, daß meiner geliebten Tochter Athenaïs hundert Goldstücke ausgezahlt werden, denn sie hat an ihrem Glücke genug, welches jedes andre Frauenglück übersteigt.’Αρκει̃ γὰρ αυτη̃ η αυτη̃ς τύχη η υπερέχουσα πα̃σαν γυναικείαν τύχην. Malalas, XIV, 353. Chron. Paschale und die spätern Byzantiner.

Vielleicht hat erst das glänzende Los, welches der Tochter des Leontius bald nachher wirklich zu Teil wurde, die Sage veranlaßt, daß ihr Vater, ein Philosoph, ihre Zukunft in den Sternen gelesen habe. Um das märchenhafte Glück einer jungen Heidin noch durch einen starken Gegensatz zu steigern, hat man sie zu einer Enterbten und Verstoßenen gemacht. Nach dem Tode ihres Vaters, so wurde erzählt, flehte Athenaïs ihre Brüder auf Knieen an, das ungerechte Testament umzustoßen und ihr den dritten Teil des Erbes auszuzahlen, da sie doch selbst bezeugen müßten, daß sie sich durch keine unkindliche Handlung an ihrem Vater versündigt habe. Aber die Unbarmherzigen verstießen die Bittende sogar aus dem väterlichen Hause, worauf sie bei der Schwester ihrer verstorbnen Mutter eine Zuflucht fand.

So viel ist glaublich und muß eine Thatsache gewesen sein, daß ein Streit mit den habgierigen Brüdern über ihren eigenen Anteil an dem väterlichen Vermögen sie genötigt hat, Athen zu verlassen.

Weder das Jahr des Todes des Leontius, noch dasjenige der Abreise seiner Tochter ist bekannt. Sie blieb, so darf man glauben, noch eine Weile in Athen bei ihrer Muhme, um vor den städtischen Gerichten einen fruchtlosen Prozeß zu führen.Die Worte des Malalas scheinen einen längeren Aufenthalt bei der Muhme auszudrücken: ως ορφανὴν καὶ ως παρθένον εφύλαξεν αυτήν. Doch davon schweigen die byzantinischen Geschichtschreiber, denen es nur darauf ankam, in diesem Prozeß das Motiv zu besitzen, welches die schutzbedürftige Philosophentochter zum kaiserlichen Hof in Constantinopel in Beziehung gebracht hat. Denn dorthin führte sie ihre Tante, und zwar in das Haus einer Schwester des verstorbenen Leontius.

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