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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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III.

Leontius besaß neben seiner öffentlichen Stellung in Athen auch ein nicht unbedeutendes Privatvermögen.Λεοντίου του̃ φιλοσόφου ’Αθηναίου ευπορωτάτου: Malalas, Chrongr. XIV, 353. So mußte er ein einflußreicher Mann unter den Bürgern und sein Haus eins der gesuchtesten der Stadt sein. Er konnte dies mit aller antiken Schönheit und so viel Luxus ausstatten, als sich wolhabende Philosophen seit den Zeiten Platos in Athen zu erlauben pflegten. In glücklichen Verhältnissen wuchsen seine Kinder auf. Er hatte zwei Söhne, Valerius und Gesius mit Namen, und eine Tochter, welche jünger gewesen zu sein scheint, als diese ihre Brüder.Ουαλέριον καὶ Γέσιον: Malalas. Das Chron. Paschale schreibt Valerianus und Gesius. Zonaras: Valerius und Genesius. Beide Formen Genesius und Gesius finden sich als griechische Namen. Im 5. Jahrhundert gab es einen Grammatiker Gesius aus Perra (Suidas). Nicephorus, XIV, c. 13, hat irrig Aetius. Das Geburtsjahr der schönen Athenaïs ist unbekannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war sie erst nach dem Einfall der Gothen, etwa im Jahre 400 oder 401 geboren.

Ihre glänzenden Anlagen ermunterten den Vater, ihr die sorgsamste Erziehung zu geben. Griechische Philosophen unterrichteten gern ihre eigenen Töchter in denjenigen Wissenschaften, welche sie selber lehrten. So thaten das der Mathematiker Theon, der Vater Hypatias, der Philosoph Olympiodorus in Alexandria, und der Neuplatoniker Plutarch in Athen.Von der Tochter des Olympiodorus: Marinus, Vita Procli, c. 9.

Der Studienplan einer jungen Griechin aus der besten Gesellschaft jener letzten Zeit des Hellenentums würde unsere heutige Frauenerziehung wahrscheinlich noch etwas mehr beschämen, als die vorzügliche Bildung der Italienerinnen der Renaissance dies thut. Denn er hatte zu seinem Inhalte die reichste, formvollendetste Sprache und Literatur, welche die Menschheit überhaupt hervorgebracht hat.

Frauen wie Hypatia und Pulcheria, wie Athenaïs, Asklepigeneia und Aedesia liefern den tatsächlichen Beweis, daß auch das weibliche Geschlecht jener Zeit eine hohe Stufe der Bildung zu erreichen im Stande war. Grammatik, Rhetorik und Mathematik, Musik und Dichtkunst waren Gegenstände des Wissens jeder wolgebildeten Griechin, und jede Dame von Erziehung am Hofe in Byzanz, wie in dem Palast eines Patriciers oder angesehenen Mannes in der Provinz verstand die Kunst, feine Gewebe und Stickereien in Gold und Purpurfäden anzufertigen.Solche Kunst galt damals als Beschäftigung vornehmer Damen. Καὶ οι̃ος αξιαγάστων γυναικω̃ν νόμος, υφασμάτων καὶ τω̃ν τοιούτων έργων επεμελου̃ντο. Sozomenos, Hist. Eccl., IX, c. 3. Nun war freilich Athen im Vergleich zur Kaiserstadt am Bosporus, oder zu den großen Städten Alexandria und Antiochia nur eine kleine Provinzialstadt, aber diese war eben das alte, bewunderte Athen. Sie vereinigte in sich immer eine geistreiche Gesellschaft auf der bezauberndsten Stätte der gebildeten Welt. Aus der moralischen Atmosphäre Attikas sog hier noch der Athener Elemente der classischen Bildung ein, und der tägliche Verkehr mit den Meisterwerken der großen Künstler, ja selbst nur der Anblick der Akropolis mußte bildend auf ein empfängliches Gemüt wirken.

Es lebte auch damals noch in Athen ein vornehmer Adel von Archonten und Senatorenfamilien, die ihren Stammbaum, so gut wie die Römer derselben Zeit, von großen Geschlechtern des Altertums herleiteten.Der Platoniker Hegias behauptete, von Solon abzustammen. Beutler, De Athenarum Fatis, S. 55. Noch gab es dort auch reiche Patricier. Selbst noch im fünften Jahrhundert konnten einige Bürger Athens als Wolthäter und liberale Mäcene an die Zeiten des Herodes Attikus erinnern, wie Archiadas und dessen Schwiegersohn, der reiche Theagenes.

Leontius legte an seinen Söhnen keine besondere Ehre ein, aber die anmutige und geniale Tochter belohnte seine Mühe durch die glänzendsten Erfolge. Sie bewies in spätern Jahren, daß sie ihren Homer niemals mehr vergessen hatte. Sie recitirte mit derselben Meisterschaft die Chorgesänge der Tragiker wie die Glanzstellen im Demosthenes und Lysias; sie verstand schöne Briefe zu schreiben, und lernte in Prosa wie in Versen im Sinne jener Zeit sich prunkvoll ausdrücken. Sie disputirte über Sätze alter Autoren oder über sophistische Probleme nach schulmäßigen Schablonen. Sie lernte geistreich reden und improvisiren, wie dies in dem Hörsaal eines jeden Rhetors betrieben wurde. Wenn ihr Vater als Sophist sie hauptsächlich in dieser Sprach- und Schriftkunst unterwies, ihr die Schätze der schönen Literatur der Alten mitteilte, und zum gezierten Ausdruck der Rede verhalf, der als die Blume aller humanen Vollkommenheit zumal für einen Professor der Rhetorik galt, so konnte er für ihre allseitige Ausbildung durch den Unterricht ihm befreundeter Meister Sorge tragen. Der Ruf des Genies und der wunderbaren Gelehrsamkeit Hypatias erfüllte Athen bis zu dem Jahre, in welchem diese letzte Muse Griechenlands dem Fanatismus der Christen Alexandrias zum Opfer fiel. Ihr Beispiel konnte auf eine talentvolle junge Athenerin mächtig einwirken.

Gerade in den Jahren, wo Athenaïs ihre sorgfältigste Erziehung erhielt, lehrte der gefeierte Plutarch in Athen, und hier behauptete er den Lehrstul bis zu seinem im Jahre 431 erfolgten Tode. Er flößte der Akademie wieder einiges Leben ein, und zwar durch den geheimnisvollen Neuplatonismus, dieses letzte philosophische System Griechenlands überhaupt, welches Plotinus begründet hatte. Schon nach der Mitte des vierten Jahrhunderts war dasselbe durch den Epiroten Priskus, den Vorgänger Plutarchs, auch in Athen eingeführt worden. Die neue Theosophie war eine pantheistische Entwickelung der platonischen Ideenlehre, gerade mit Rücksicht und im Gegensatz zu dem immer tiefer in die Menschheit eindringenden Christentum. In der stufenweisen Erhebung der Seele aus der Materie, ihrer Reinigung vom Sinnlichen und ihrer mystischen Vereinigung mit dem absoluten Einen, der Allgottheit, sollte der heidnische Götterdienst noch zu einer sittlichen Religion verklärt werden, und so als eine wissenschaftliche Geheimlehre auch für Träumer und Wundergläubige gegen die Erlösungsidee des Christentums widerstandsfähig sein.

Ob Leontius mit jenem Athener Plutarch befreundet war, wissen wir nicht. Leicht konnte die Verschiedenheit ihrer wissenschaftlichen Richtung beide von einander getrennt halten. Denn von Alters her bestand Eifersucht zwischen den Sophisten und Philosophen. Als der junge Neuplatoniker Proklus nach Athen kam, wollte er von den Redekünstlern nichts wissen, sondern er schloß sich dem damaligen Haupt der Akademie, dem greisen Plutarch und seinem Schüler Syrianus an.Marinus, Vita Procli c. 11. Wenn aber jene Männer dennoch Freunde waren, so konnte Athenaïs den Unterricht Plutarchs in der platonischen Philosophie genießen mit dessen eigener geistvollen Tochter. Sie hieß Asklepigeneia. Dieser Name ist für jene Zeit eben so bedeutungsvoll wie der Name Athenaïs. Leontius hatte seine Tochter mit absichtlicher Demonstration der Göttin der Weisheit geweiht, und Plutarch die seinige demjenigen hellenischen Gott empfohlen, welcher neben der Pallas Athene gerade in der Zeit des sinkenden Hellenentums bei dem noch altgläubigen Volk der Athener die größeste Verehrung genoß. Dies war Asklepios, den man den Heiland (σωτήρ) zu nennen pflegte.

Sein Tempel auf dem Südabhange der Akropolis war am Ende des vierten Jahrhunderts und später noch keineswegs zerstört.Marinus, c. 29. Καὶ γὰρ ηυτύχει τούτου η πόλις τότε, καὶ ει̃χεν έτι απόρθητον τὸ του̃ σωτη̃ρος ιερόν. In demselben, wie es scheint der Akademie zu eigen gehörigen Hause zwischen jenem Asklepieion und dem Heiligtum des Dionysos am Theater wohnten die Neuplatoniker Plutarch und Syrianus, und ebendaselbst lebte auch ihr Nachfolger auf dem akademischen Lehrstul, der geistvolle Proklus, welcher erst im Jahre 485 starb.Marinus, c. 29. Hertzberg, Gesch. Griechenlands, III, 529. Asklepigeneia vermälte sich mit dem reichen Archiadas, und wurde die Mutter einer Tochter, die ihren Namen erhielt und später die Gattin des Theagenes ward.

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