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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXVIII.

In das Grab des Theodosius war für Eudokia der ganze glänzende Traum ihres Lebens versunken, sammt der letzten Hoffnung der Wiederkehr in den Palast Constantins, wo sie einst eine byzantinische Kaiserin gewesen war. Ihr Schicksal war jetzt entschieden: die Verlassenheit im Exil zu Jerusalem bis an ihren Tod.Nichts berechtigt zu der von Sixtus Senensis, Bibl. Sancta, lib. IV, 282, und von andern ausgesprochenen Meinung, daß Eudokia aus Jerusalem nach Constantinopel zurückgekehrt sei, dann aber nach dem Tode des Theodosius nochmals Jerusalem zu ihrem letzten Aufenthalt erwählt habe. Sicherlich würden die neuen Herrscher es ihr erlaubt haben, ihre Tage in Ravenna oder Rom bei der Tochter zu beschließen, aber es ist fraglich, ob sie jemals diesen Wunsch gehegt hat.

Wie sie ihr einsames Leben in Jerusalem einrichtete, wissen wir nicht. Nur so viel ist gewiß, daß sie fortfuhr das Ansehen einer Augusta zu genießen, nicht allein als Wittwe des Theodosius, sondern auch als Mutter der römischen Kaiserin. Ihr Gemal hatte ihr im Jahre 444 einen Teil ihres Hofstaates entzogen, aber schwerlich die Einkünfte geraubt, welche sie aus der kaiserlichen Kasse bezog. Einen Erbschaftsprozeß, wie jener gewesen war, welcher Athenaïs aus Athen vertrieben hatte, durfte die Kaiserin-Wittwe Eudokia nicht mehr wiederholen. Auch Pulcheria und Marcianus werden ihr ein ehrenvolles Wittum gegönnt haben. Daß sie selbst in ihrer Verbannung über beträchtliche Mittel zu verfügen hatte, beweisen die freigebigen Stiftungen, mit denen sie die Stadt Jerusalem zu beschenken im Stande war.Zonaras, II, 35, der die beiden Reisen Eudokias unrichtig datirt, sagt, sie sei mit großen Reichtümern (σὺν πλούτω βαθει̃) nach Jerusalem gekommen, wo sie so vieles gebaut habe.

Ihren Geist und ihre Willenskraft hatten die Misgeschicke nicht zu beugen vermocht. Das sollte ihre Schwägerin Pulcheria bald erfahren; denn gerade als Kaiserin-Wittwe lieh Eudokia ihre Autorität einer kirchlichen Revolution, welche ganz Palästina umwälzte.

Mit der Thronbesteigung des neuen Herrscherpaares war nämlich am byzantinischen Hof die den Monophysiten entgegengesetzte Richtung zur Macht gekommen. Pulcheria und Marcianus eilten die gewaltthätigen Acte der Räubersynode auszulöschen. Dies geschah unter der entscheidenden Mitwirkung des Papstes Leo, welchem jene Streitigkeiten die willkommene Gelegenheit darboten, den Primat des römischen Bistums auch vor der orientalischen Kirche zur Geltung zu bringen.

Der Kaiser Marcian berief ein Concil nach Nicäa, und verlegte dasselbe alsbald nach Chalcedon, weil diese Stadt dem Kaiserschloß in Constantinopel nahe lag. Im October 451 wurde daselbst das vierte ökumenische Concil durch den Kaiser persönlich eröffnet. Es cassirte die Decrete der Räubersynode, verdammte die monophysitische Doctrin und erklärte die Lehrsätze des Papstes Leo zur canonischen Formel. Darnach wurde bestimmt, daß der Eine Christus, der Sohn und Herr, in zwei unvermischten und ungetrennten Naturen sei, daß aber diese beiden Naturen in einer ungetrennten und unwandelbaren Person vereinigt zu denken seien.

Die auf der Räubersynode gemißhandelten Bischöfe, darunter Theodoret von Cyrus, wurden wieder hergestellt, während Dioskuros selbst und seine Anhänger abgesetzt und verdammt wurden. Zu diesen zählte auch der alte Feind des Nestorius, Juvenalis von Jerusalem, welcher die Absetzung des Flavianus auf jener Synode unterschrieben hatte; aber zu Chalcedon that er einen Widerruf, und so wurde ihm verziehen.

Dem Entgegenkommen des Kaisers Marcian hatte Leo der Große dadurch sich erkenntlich erwiesen, daß er darein willigte, den Patriarchen Constantinopels als den zweiten im Range nach dem Bischofe Roms anzuerkennen, was in der letzten Sitzung des Concils festgesetzt wurde.

Der jahrelange Aufruhr in der orientalischen Kirche schien demnach durch die übereinstimmende Handlung ihrer angesehensten Bischöfe, des byzantinischen Kaisers und des römischen Papstes beigelegt; jedoch die heißblütigen Monophysiten streckten deshalb nicht die Waffen, sie setzten vielmehr ihren Widerstand in einigen Provinzen des Reiches fort, namentlich in Alexandria und Jerusalem. Die Partei des Dioskuros zählte außer in Aegypten nirgend so viele Anhänger als unter den zehntausend Mönchen Palästinas. Ihr Führer wurde dort der Fanatiker Theodosius.

Nachdem Juvenalis die Beschlüsse des chalcedonischen Concils unterzeichnet hatte, verließ dieser Theodosius voll Wut die Synode, um nach Jerusalem zu eilen. Hier stellte er der Geistlichkeit das Geschehene vor und reizte sie zur Empörung auf. Als nun Juvenalis selbst, vom Kaiser mit der Jurisdiction über ganz Palästina beschenkt, aus Chalcedon nach Jerusalem zurückkehrte, fand er diese Stadt in vollem Aufruhr. Die rebellischen Mönche hatten sich der heiligen Grabkirche bemächtigt; sie wollten den Bischof nur dann einlassen, wenn er seine Zustimmung zu den Beschlüssen des Concils widerrufe, und da er sich dessen weigerte, konnte er nur mit Not ihren Händen entrinnen und nach Constantinopel zurückkehren.

Die Mönche und Anachoreten Palästinas erhoben sich aus ihren Wüstenhölen mit fanatischer Wut. Sie stürmten die Stadt Jerusalem, warfen Feuer in die Häuser, öffneten die Kerker und begingen die ärgsten Frevel. Sie erhoben dann an Stelle des Juvenalis jenen Theodosius zum Patriarchen Palästinas. Dies geschah am Ende des Jahres 451.Das Nähere über diese Vorgänge in Assemanni, Bibl. Orient.., II, 55 fg., wo Auszüge aus des Zacharias Melitensis Hist. Eccl. gegeben sind.

Der Eindringling richtete ein dreistes Schreiben an die Kaiserin Pulcheria, welche sich sogar herabließ, ihm zu antworten. Er machte sich zum Tyrannen von ganz Judäa, wo er Bischöfe absetzen oder ermorden ließ und ihre Sitze an Monophysiten gab, während wilde Mönchsscharen, durch Räuberhaufen verstärkt, die Landschaften in Schrecken hielten.

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