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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXVII.

Die Knechtung der orientalischen Kirche durch die alexandrinische Partei, wozu Theodosius sich durch Chrysaphius und die Eutychianer hatte überreden lassen, konnte indeß nicht von Dauer sein. Eine kirchliche Reaction erhob sich alsbald nach der Räubersynode unter dem Clerus Constantinopels und Asiens. Sie fand an dem großen Papst Leo ihren Anhalt, welcher die Lehren der Monophysiten verdammte.

Theodosius selbst, immer ohne eigenen Willen und wankelmütig, ließ sich von dem Unrecht überzeugen, welches am Patriarchen Flavian war begangen worden. Er rief seine Schwester Pulcheria aus dem Hebdomon zurück, wo sie ein Jahr in Verbannung gelebt hatte. Den arglistigen Chrysaphius entsetzte er seiner Aemter, confiscirte sein Vermögen und verbannte ihn auf eine Insel.Diesen Umschwung am Hofe erzählt Nicephorus, XIV, c. 49.

Bald darauf überraschte den Kaiser der Tod, ehe er den noch forttobenden Aufruhr in der Kirche beigelegt sah. Ein unglücklicher Sturz vom Pferde in den Bach Lykus zog ihm eine Verletzung des Rückgrates zu, an welcher er nach zwei Tagen, am 28. Juli 450 starb, in seinem funfzigsten Lebensjahre. Er hatte noch Zeit gefunden, seine Schwester Pulcheria, den Patricius Aspar, die Häupter des Senats und andere Große des Reichs um sich zu versammeln, und ihnen seinen Wunsch wegen des Nachfolgers auf dem Kaisertrone auszusprechen. Er offenbarte ihnen, daß er eines Tags den heiligen Theologen Johannes in seiner Kirche gefragt habe, wer nach ihm die Kaiserwürde erlangen solle, und daß ihm hierauf im Traume der Bescheid geworden sei, Marcianus werde sein Nachfolger sein. Dies Geständniß des sterbenden Kaisers beweist, daß die heidnischen Traumorakel auch in den höchsten Kreisen des Christentums noch immer fortdauerten.Malalas.

Der Enkel Theodosius des Großen wurde in der Basilika der Apostel im Monument seines Vaters und Großvaters feierlich bestattet. Er nahm mit sich ins Grab den Ruf eines bigotten, im Grunde gutmütigen und wolwollenden Fürsten, welchen nicht Laster, sondern Willensschwäche zum Spielball der Eunuchen gemacht hatten.Cedrenus, I, 587, zählt als Reihe dieser Favoriten auf Antiochus, Eutropius, Lausus (?), Calapodius und Chrysaphius. Die grenzenlose Corruption und Käuflichkeit aller Dinge durch die Habsucht dieser Blutsauger und die Schimpflichkeit des hunnischen Friedens bestimmten das harte Urteil des Suidas über diesen Kaiser, welchen er geradezu einen Feigling genannt hat, ohne die Tugenden zu berücksichtigen, die den Enkel doch immer liebenswerter gemacht haben, als es der Vater und Großvater gewesen waren.

Die Nachfolge im Reich hätte an die einzige Tochter des Theodosius übergehen müssen, aber diese war die Gemalin des römischen Kaisers. Weder sie noch dieser machten Ansprüche auf den erledigten Tron des Morgenlandes; noch konnte solche die Kaiserin-Wittwe Eudokia irgend erheben, da sie überdies als Verbannte in dem fernen Jerusalem lebte. Die Augusta Pulcheria wurde vom Reichssenat als Nachfolgerin ihres Bruders proclamirt.

Die Alleinregierung eines Weibes würde ohne Beispiel in der Geschichte des Römerreichs gewesen sein. Sie erkannte das und bot ihre Hand dem verwittweten Marcianus zu einer platonischen Ehe.

Der würdige Patricier war ein tapferer und kluger Mann von 54 Jahren, der Sohn eines einfachen Kriegers aus Thracien. In niedern Verhältnissen war er einst nach Constantinopel gekommen, hatte hier Dienste im Heer unter Ardaburius und Aspar genommen, und sich im persischen wie im vandalischen Kriege hervorgethan. In dem unglücklichen Feldzuge in Afrika war er in die Gefangenschaft Genserichs geraten, und dann von diesem ausgeliefert worden. Wie die Sage erzählte, hatte der Vandalenkönig zu Häupten seines sorglos schlummernden Gefangenen einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln schweben gesehen, und daraus die große Zukunft des Marcian erkannt.

Die vortreffliche Wahl Pulcherias fand keinen Widerspruch. Am 25. August 450 wurde ihr Scheingemal im Hebdomon als Kaiser acclamirt, wo er sich in Gegenwart des Patriarchen Anatolius mit eigner Hand die Krone aufs Haupt setzte.

Die erste Handlung Pulcherias war die Bestrafung des Chrysaphius. Der Anstifter so vielen Unheils wurde der Rache Jordans überliefert, eines Sohnes des ermordeten Vandalen Johannes, und derselbe brachte den Spathar am Stadttore Melantias ums Leben.Prosper, Chronicon. Marcellinus. Victor Tunnunensis ed. Roncalli, S. 339. Von der Auslieferung an Jordan weiß Cedrenus.

Die zweite Handlung der neuen Herrscher war die Wiederherstellung der Ehre des Patriarchen Flavianus. Seine Leiche wurde, wie einst jene des Johannes Chrysostomus, in feierlicher Procession nach der Hauptstadt hinübergeführt und im Aposteldome beigesetzt.Nicephorus, XIV, c. 49. Pulcheria zeigte dem Papst Leo dies an. Epist. Leonis, n. LXXVII.

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