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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXVI.

Der Friede mit den Hunnen hatte kaum das oströmische Reich beruhigt, als dasselbe von neuem durch wütende Streitigkeiten der Theologen über die undefinirbare Natur Christi in Aufruhr versetzt wurde.

Diesen Kämpfen sollte ein dritter Patriarch zum Opfer fallen, Flavianus, welcher im Jahre 447 dem Proklus auf dem bischöflichen Stule Constantinopels gefolgt war.

Die cyrillische Partei der Zeloten verfolgte unablässig das Andenken des Nestorius, dessen Lehre, in einer neuen Fassung ausgedrückt, noch viele Anhänger zählte, und besonders die Sympathien des geistvollen Bischofs Theodoret von Cyrus gewonnen hatte. Die Führer jener Partei waren jetzt der rohe und unwissende Dioskuros von Alexandria, der Nachfolger des im Jahre 444 gestorbenen Cyrill, und der Archimandrit Eutyches in Constantinopel.

Theodosius stand durchaus unter dem Einfluß dieser Cyrillianer, um so mehr, als sein Günstling Chrysaphius der persönliche Freund des Eutyches, seines Pathen, und der Feind des Nestorius war. Diesen wollte er stürzen, um womöglich jenen auf den Patriarchenstul zu erheben. Der ränkevolle Eunuch war seit dem Sturze des Cyrus allmächtig geworden, und die Triebfeder aller Dinge am Hof. Nichts schlug ihm der verblendete Kaiser ab. Er erpreßte und raubte nach Willkür, und seine Macht verstärkte die Prasina oder grüne Circusfaction, deren Patron er geworden war.Malalas, S. 363.

Einen am Hof beliebten Mann, den Vandalen Johannes, welcher Magister militum war, hatte er im Jahre 441 in Thracien umbringen lassen, ohne daß ihn der Kaiser dafür bestrafte. Gegen den furchtbaren Attila hatte er, wie man glauben wollte mit Wissen des Theodosius, einen Plan zum Meuchelmorde geschmiedet, der indeß vom Hunnenkönige entdeckt wurde. Dieser forderte die Hinrichtung des frechen Eunuchen, aber der Kaiser eilte, seinen Zorn durch eine Gesandtschaft und reiche Geschenke zu beschwichtigen.Siehe dies beim Priskus.

Chrysaphius haßte den Patriarchen Flavian, weil derselbe sich geweigert hatte, seine Gunst durch Geschenke zu erkaufen, und bald gab der monophysitische Hader ihm Gelegenheit, ihn zu verderben. Denn wider seine friedliebende Natur sah sich der Patriarch durch seine amtliche Stellung in die theologischen Kämpfe hineingezogen. Vor einer Synode, welcher er präsidiren mußte, wurde Eutyches der Ketzerei angeklagt, weil er behaupte, daß Christus nur eine einzige Natur habe, da das Menschliche in ihm ganz in das Göttliche aufgegangen sei. Diese Ansicht war der äußerste Widerspruch zu der nestorianischen Meinung, welche die Orthodoxen verurteilt hatten, da sie die göttliche und die menschliche Natur zu sehr von einander sonderte.

Der Kaiser Theodosius nahm bei diesem kirchlichen Gezänke wie ein Theologe Partei, und zwar für Eutyches, denn für diesen hatte ihn sein Günstling Chrysaphius gewonnen. Er suchte die Synode durch seine Bevollmächtigten einzuschüchtern, jedoch sie verhängte mit anerkennenswerter Selbständigkeit die Absetzung und den Kirchenbann über jenen Monophysiten. Durch dieses Urteil beschwor nun Flavianus einen Sturm herauf, welchem er nicht begegnen konnte. Seine Stütze am Hof war freilich die Augusta Pulcheria, doch sie selbst wurde durch die Macht des Eunuchen aus der Gunst ihres Bruders verdrängt.

Die späteren Byzantiner haben den Irrtum begangen, in die eutychianischen Händel, welche nicht vor dem Jahre 448 ihren Anfang nahmen, auch die Kaiserin Eudokia zu verflechten, und doch war sie zu jener Zeit nicht in Constantinopel, sondern in Jerusalem. Nur hier hat sie an den Folgen jenes kirchlichen Zwiespaltes sich mit beteiligt.Den verwirrten Angaben des Theophanes, Nicephorus und Cedrenus sind Baronius und Neander ohne Kritik gefolgt.

Nicht sie, sondern der Kämmerer Chrysaphius hat Pulcheria gestürzt. Die bisher allmächtige Schwester des Theodosius mußte sich vom Hofe in das Privatleben zurückziehen, und ihren Sitz im Hebdomon nehmen, einer Vorstadt bei den Blachernen, wo Constantin der Große einen Palast Magnaura und dem heiligen Theologen Johannes eine Kirche gebaut hatte. Dort pflegten später die byzantinischen Kaiser zu residiren.Banduri Imper. Orient., I, 56.

Chrysaphius setzte jetzt bei Theodosius die Berufung eines allgemeinen Conciles durch, auf welches Eutyches sowol beim Kaiser, als beim Papst Leo in Rom angetragen hatte, und der Unheil ahnende Flavianus suchte diese Synode vergebens zu hintertreiben. Der Kaiser schrieb sie wiederum nach Ephesus aus, wo sie im August 449 eröffnet wurde.

Sie ist unter dem Namen der »Räubersynode« berühmt geworden, und hat diesen reichlich verdient.

Von Jerusalem, wo Eudokia lebte, war der Bischof Juvenalis zum Concil gekommen, und der zelotische Dioskuros führte das Präsidium. Unter dem Drohen der Waffen kaiserlicher Soldaten, die man in den Sitzungssaal eingelassen hatte, unter dem Wutgeschrei fanatischer Mönche wurden die nicht monophysitischen Bischöfe gezwungen, die Decrete der Gegner zu unterschreiben, welche den Abt Eutyches absolvirten und seine und Dioskurs Lehre von der einen Natur als kanonisch erklärten.

Vergebens forderten die römischen Legaten die Verlesung des dogmatischen Briefes Leos an Flavian, in welchem dieser Papst sich entschieden gegen Eutyches ausgesprochen und die orthodoxe Lehre von der Natur Christi auseinander gesetzt hatte. Man sprach vielmehr die Absetzung Flavians und seiner Anhänger aus, unter denen sich auch Theodoret von Cyrus befand.

Der Kaiser anerkannte diese Beschlüsse. Trotz der Abmahnungen des Papstes und aller Mitglieder des römischen Kaiserhofes, welche, wie im Besondern seine Tochter die Kaiserin Eudoxia, und Placidia, Briefe an ihn richteten, behauptete er, daß die preiswürdigen Decrete der Synode zu Ephesus in voller Freiheit erlassen seien.Sein Brief an Valentinian III. in Epistol. Leonis, n. LXII.

Der unglückliche Patriarch Flavianus hatte das Schicksal des Nestorius, nur daß er noch schneller als dieser bei Seite geschafft wurde. Nachdem es ihm geglückt war, einem der römischen Legaten, welche machtlose Zeugen des auf der Räubersynode ausgeübten Terrorismus gewesen waren, einen Protest an den Papst Leo zu übergeben, wurde er nach dem Schlusse des Concils auf kaiserlichen Befehl ins Exil hinweggeführt. Er erlag auf dem Wege, in einem Orte Lydiens, den Mißhandlungen seiner Quäler.

Die auffallende Thatsache, daß seit dem Jahre 404 schon drei Patriarchen Constantinopels von den Kaisern selbst der Wut ihrer kirchlichen Gegner aufgeopfert wurden, gibt den Beweis, daß es die Absicht der byzantinischen Staatsregierung war, den Bischof der eignen Kaiserstadt in keiner Weise zur geistlichen Macht gelangen zu lassen. Die Kaiser überhäuften ihn mit Glanz und Ehren, aber sie behandelten ihn zugleich wie ihren Minister und Hofbeamten. So verhinderten sie das Entstehen eines byzantinischen Papsttums. Eher als das Aufkommen eines solchen centralisirten Organismus der Kirche in ihrer Hauptstadt zu dulden, erlaubten sie den andern orientalischen Bischöfen, den Patriarchen von Byzanz durch Niederlagen zu entehren.

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