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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXII.

Es wäre nutzlos ergründen zu wollen, ob jener Erzählung ein wirkliches Ereigniß zu Grunde gelegen, oder ob sie eine griechische Dichtung gewesen ist. Ein ihr ähnlicher Vorgang wird in der Geschichte von den drei Aepfeln in Tausend und Einer Nacht erzählt.Im ersten Bande, übersetzt von G. Weil, S. 113. Der phrygische Apfel der Eudokia entzieht sich der Kritik nicht minder, als der paradiesische Evas, aber diese Geschichte, welche wie jede andere in dem Leben der Athenaïs nichts enthält, was durchaus unmöglich wäre, kann auch so viel Wahrheit besitzen, als die berüchtigte Halsbandgeschichte, die am Hofe Ludwig XVI. gespielt hat. Selbst die fromme Pulcheria wurde schon im Jahre 431 einer Leidenschaft für Paulinus beschuldigt; jetzt aber stürzte dieselbe Beschuldigung oder der Verdacht des Kaisers seine Gemalin Eudokia. Wir halten nur diesen Verdacht fest, denn alles Uebrige entzieht sich der Forschung.

Daß irgend ein unbesonnener Vorgang mit Paulinus die Katastrophe veranlaßt hat, beweist seine Hinrichtung. Der Eifersucht des Kaisers ist der unglückliche Hofmarschall zum Opfer gefallen, mochte er von dem ihm verbotenen Apfel gegessen haben oder nicht. Der Comes Marcellinus berichtete den Tod des kaiserlichen Günstlings ohne jede Angabe der Ursache seinem blutigen Endes. Sein lakonisches Schweigen sieht so aus, als habe dieser Staatsmann sich noch hundert Jahre nach jenem Ereigniß gescheut, das Andenken eines Kaisers und einer Kaiserin zu verunglimpfen, zumal die Thatsache selbst nur noch sagenhaft auf die Nachwelt gekommen war.

Wie viele und welche Personen sonst in der Hoftragödie handelnd aufgetreten sind, ist uns gänzlich unbekannt. Bei dem Mangel aller Kunden von den näheren Umständen jenes Ereignisses ist auch die Vermutung ohne Wert, daß Pulcheria einen Anteil am Sturze des Paulinus gehabt habe, mit welchem auch derjenige Eudokias, ihrer wahrscheinlichen Nebenbulerin um die Herrschaft im Palast, verbunden wurde.Tillemout spricht seine Heilige von jedem Anteil am Sturze der Eudokia frei.

Die byzantinischen Geschichtschreiber haben die Verbannung Eudokias in unmittelbaren Zusammenhang mit der Hinrichtung des Paulinus gebracht. Der Kaiser, so erzählen sie, nahm diesem das Leben, worauf die tiefgekränkte Kaiserin sich für beschimpft hielt, weil überall die Rede ging, daß um ihretwillen der Hofmarschall umgebracht worden sei. Sie bat ihren Gemal um die Erlaubniß, sich nach Jerusalem begeben zu dürfen, was derselbe ihr gestattete.Malalas. Er kennt nur diese eine Reise Eudokias. Der unkritische Zonaras kennt zwei, aber er läßt die erste sogleich auf die Apfelgeschichte folgen, und verlegt die zweite in die Zeit nach dem Tode des Kaisers. Marcellinus und Theophanes verzeichnen beide Reisen. Nicephorus wirft beide zusammen, sagt aber einmal (XIV, c. 50), es werde geglaubt, daß Eudokia zweimal nach Jerusalem gegangen sei, und das entnahm er aus Evagrius.

Es ist jedoch wenig wahrscheinlich, daß die Entfernung der Kaiserin so schnell auf jene Katastrophe gefolgt ist. Sie hatte nicht sofort den Hof verlassen, als Paulinus verbannt wurde; erst nach seiner Hinrichtung in Cappadocien hat sie den Kaiser gebeten, ihr die Reise nach Palästina zu erlauben. Erst die in Constantinopel verbreiteten Gerüchte machten ihr die eigene Verbannung wünschenswert. Mußte es nicht dem Kaiser selbst daran gelegen sein, jenen Gerüchten zu begegnen? Wenn er seine Gemalin unmittelbar nach dem Sturze seines Jugendfreundes aus dem Palast verstoßen hätte, so würde er vor der Welt das Geständniß abgelegt haben, daß er selbst von ihrer Untreue überzeugt sei.

Der Geschichtschreiber Theophanes, welcher verschiedene von einander getrennte Ereignisse zusammenwirft, scheint doch anzunehmen, daß Eudokia noch einige Zeit nach dem Untergange des Paulinus im Palast geblieben ist. Der Kaiser, so sagt er, habe ihr eines Tages unter vielen andern Beschuldigungen auch ein Verhältniß zu jenem Manne vorgeworfen, und da die Dinge für sie verzweifelt standen, habe sie ihn gebeten, sie nach Jerusalem reisen zu lassen.Theophanes, I, 157. Mit ihm stimmt Cedrenus, I, 601.

Nun war Cyrus im Jahre 441 alleiniger Consul, da kein Römer aus dem Abendlande als sein College in dieser Würde genannt wird. Der ausgezeichnete Staatsmann gehörte aber zu den Günstlingen der Kaiserin; wenn er nun damals jenes hohe Amt bekleidete, so stand er trotz seiner freundlichen Beziehungen zu Eudokia noch in der Gunst des Kaisers. Aus dieser Thatsache kann gefolgert werden, daß es den Feinden der Kaiserin damals noch nicht gelungen war, sie zu stürzen.

Wahrscheinlich hat sie zwischen den Jahren 441 und 444 Constantinopel verlassen.Cedrenus. I, 601, sagt sogar, daß Eudokia erst im 42. Jahre des Theodosius nach Jerusalem gegangen sei, also 450, was ganz irrig ist. Dasselbe Datum hat Zonaras. Leider verlassen uns hier die zeitgenössischen Byzantiner. Theodoret schließt seine Geschichte mit dem Jahre 429, und Sokrates und Sozomenus schließen vor 439. Ihr Fortsetzer Evagrius (431–594) gibt keine Daten.

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