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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXI.

Die Kaiserin fand die Zustände am Hofe kaum verändert. Im Staate war einer ihrer Freunde zu Ansehen gelangt, Cyrus, ein Aegypter von Geburt aus der Stadt Panopolis. Dieser ausgezeichnete Mann bekleidete damals das Amt der Stadtpräfectur.An ihn und Florentius, den Praef. Praetorio richtete Theodosius II. einen Befehl am 23. März 439. Seine seltene griechische Bildung und ein glückliches Dichtertalent hatten ihn Eudokia schon früher wert gemacht. Ihrer Gunst verdankte Cyrus die Erhebung zur Würde des Patricius und zu andern bedeutenden Ehrenstellen. Auch im afrikanischen Kriege gegen Genserich hatte er als General gedient.Evagrius, I, c. 19. Suidas sub Cyro.

Noch war der Einfluß Pulcheria's im Palast allmächtig, und auch der Hofmarschall Paulinus behauptete sich in der Gunst des Kaisers. Nur eine Veränderung von Wichtigkeit wurde schon im Jahre 439 am Hofe fühlbar, nämlich das Emporkommen eines neuen Günstlings.

Dies war der Eunuch Chrysaphius mit dem Zunamen Tajuma. Seine schöne Gestalt hatte Theodosius so sehr für ihn eingenommen, daß er ihn bald zu seinem erklärten Lieblinge machte.Malalas, XIV, 363. Thatsächlich hat dieser arglistige Spathar den schwachen Kaiser Jahre lang beherrscht.

Spätere Byzantiner haben Geschichten von Hofintriguen überliefert erhalten, und dann in der verworrensten und unklarsten Weise weiter erzählt, wonach jener ränkevolle Kämmerling, um die Macht der Pulcheria zu brechen, die beiden kaiserlichen Schwägerinnen mit einander entzweit habe. Der Gegenstand der Eifersucht dieser Frauen sei der Besitz des schönen Paulinus gewesen; diesen habe Pulcheria nach vielen Streitigkeiten ihrer Schwägerin Eudokia abtreten müssen, worauf sie den Kaiserpalast verließ und sich ins Privatleben nach dem Hebdomon zurückzog.Zonaras, III, 123. Theophanes, I, 151. Nicephorus, XIV, 47. Der Syrer Evagrius (geb. 536), Fortsetzer des Sokrates und Sozomenus, schweigt über diese Intriguen. Aber es gibt keine geschichtlich beglaubigte Tatsache, welche diese Erzählung bestätigen kann. Sie ist von jenen Byzantinern mit der Ketzerei des Eutyches und den Schicksalen des Flavianus verbunden worden, obwol dieser Patriarch erst im Jahre 447 der Nachfolger des Proklus auf dem Bischofstule Constantinopels geworden ist, also in einer Zeit, wo sich Eudokia, wie wir sehen werden, nicht mehr in der Hauptstadt befunden hat.Dies hat auch Sievers erkannt, obwol er den Erzählungen des Zonaras u. s. w. Gehör gibt. Tillemont, Ste. Pulcherie in Mem. Eccl., XIV, 177, erklärt die Intrigue des Chrysaphius mit Eudokia für eine Fiction.

Daß aber bald nach ihrer Rückkehr ans Palästina die Verhältnisse am Hofe sich zu ihrem Nachteil gestalteten, und die Kaiserin einer großen Intrigue zum Opfer fiel, ist als Thatsache unzweifelhaft.

Wenn schon die Vermälung ihrer Tochter mit dem Kaiser Roms das Selbstgefühl Eudokias gehoben hatte, so mußte dasselbe durch ihre Wallfahrt nach Jerusalem noch vermehrt werden. Denn während fast eines Jahres hatte sie dort und in Syrien, fern von den Einflüssen des Palastes, eine unbeschränkte Selbständigkeit und das Bewußtsein der kaiserlichen Majestät genossen. Als sie hierauf nach Constantinopel zurückkehrte, vermochte sie nicht mehr die Schranken zu ertragen, in welche die Augusta Pulcheria sie zurückwies. Ihr Stolz konnte leicht mit den Pflichten der Pietät gegen ihre mächtige Schwägerin in Kampf geraten. In so fern ist die Ansicht, daß der Kämmerer Chrysaphius sie für eine Intrigue zum Sturze Pulcherias zu gewinnen suchte, nicht durchaus unglaublich. Aber alle bestimmten Kunden darüber fehlen uns.

So viel ist gewiß, daß die Verbindung ihrer Tochter mit dem Kaiser Valentinian und die darauf folgende Pilgerfahrt nach Jerusalem den Höhenpunkt des Glückes Eudokias gebildet haben. Seither bewegte sich dieses in so jählings absteigender Linie, daß auf jene glänzenden Ereignisse alsbald der Sturz der Kaiserin folgte.

In diesem höfischen Ränkespiel erscheint, so wenig deutlich uns auch der dramatische Zusammenhang ist, Paulinus als die Hauptfigur.

Die byzantinischen Geschichtschreiber erzählen Folgendes: Eines Tages ging der Kaiser Theodosius am Fest der Epiphanie in die Kirche, ohne seinen Hofmarschall, welcher an der Gicht darnieder lag. Ein armer Mann bot ihm einen ungewöhnlich großen phrygischen Apfel dar, welchen der Kaiser und seine Begleiter sehr bewunderten. Theodosius ließ dem Armen 150 Goldstücke auszahlen, den Apfel aber seiner Gemalin überbringen. Die Kaiserin schenkte denselben sofort dem kranken Paulinus. Der Hofmarschall, welcher von der Herkunft des Geschenks keine Ahnung hatte, wußte nichts Eiligeres zu thun, als denselben Apfel dem Kaiser zu schicken, sobald dieser aus der Kirche in den Palast zurückgekehrt war. Der erstaunte Theodosius ließ seine Gemalin zu sich kommen und fragte sie, wo der Apfel geblieben sei, den er ihr zugeschickt habe. Die Kaiserin antwortete voll Verlegenheit, daß sie ihn verzehrt habe, und nochmals bei ihrem Seelenheil aufgefordert, die Wahrheit zu gestehen, war sie schwach genug, mit einem Eide zu beteuern, daß sie jene Frucht gegessen habe. Da ließ der Kaiser den Apfel herbeibringen, hielt ihn seiner Gemalin vor Augen, und geriet in den heftigsten Zorn, argwöhnend, daß Paulinus der Geliebte seines Weibes sei. Deshalb ließ er den Hofmarschall umbringen.‛Υπονοήσας ὸτι ως ερω̃σα τω̃ αυτω̃ Παυλίνω έπεμψεν αυτω̃ τὸ μη̃λον καὶ ηρήσατο. Joh. Malalas.

Dies ist die älteste Gestalt der Sage vom Apfel der Eudokia, wie sie das Chronicon Paschale und Johannes Malalas berichten. Aus diesen Quellen ging sie in die spätern byzantinischen Geschichten über. Obwol jene beiden Chroniken mancherlei Zusätze und Einschaltungen erfahren haben, so ist es doch glaublich, daß ihre Erzählung vom Apfel schon dem siebenten Jahrhundert angehört. Im sechsten, in welchem Evagrius seine Kirchengeschichte geschrieben hat, war sie bereits bekannt. Dieser Byzantiner redet zwar nicht von ihr und nennt auch niemals den Namen Paulinus, aber er sagt Folgendes: »Aus Antiochia ist Eudokia zweimal nach Jerusalem gegangen; aus welchem Grunde und was sie dort im Besondern gewollt hat, das zu erzählen will ich den Geschichtschreibern überlassen, obgleich es mir scheint, daß sie nicht Wahres berichten.« Ohne Zweifel hat Evagrius hier die Apfelgeschichte im Sinne gehabt.Dies hat Le Beau (ital. Ausgabe von 178), Storia del Basso Impero XVI, 221) bemerkt.

Theophanes hat dieselbe Erzählung mit dem Sturz der Pulcheria durch Chrysaphius und die von ihm gewonnene Kaiserin, und mit den spätern monophysitischen Streitigkeiten in Verbindung gebracht. Während jene ältesten Chronisten ein Liebesverhältniß zwischen Paulinus und Eudokia nur andeuten, sagt er geradezu, daß der Hofmarschall wegen seiner Weisheit und Schönheit von der Kaiserin geliebt wurde.Παυλι̃νος τις μάγιστρος ηγαπα̃το παρὰ τη̃ς Ευδοκίας, ως λογιώτατος καὶ ωραιότατος, ω̃ τινι συχνω̃ς ιδία συνετύγχανεν ως συμπράξαντι τοι̃ς γαμοι̃ς αυτη̃ς. Malalas sagt nur: η̃ν γὰρ πάνυ εύμορφος νεώτερος; Zonaras, II, 35, nur, daß ihn seine Bildung der Eudokia wert gemacht habe. Ganz wie Theophanes erzählt die Geschichte Cedrenus. Auch Nicephorus hat sie. In Verse brachte sie Constantin Manassis im Breviarium histor. metricum, welches bis aufs Jahr 1200 reicht. Ed. Bonn., v. 2633 sq.

Im fünfzehnten Jahrhundert hat Codinus die Apfelgeschichte in seiner Schrift über die Bauwerke Constantinopels wiedergegeben, bei Gelegenheit eines von Paulinus gestifteten Klosters, von dem er redet. Er weicht von den übrigen Byzantinern darin ab, daß er die Kaiserin auf die Frage ihres Gemals die Wahrheit gestehen und sagen läßt: »Ich habe den Apfel unserm getreuesten Paulinus gegeben.«Παυλίνω τω̃ πιστοτάτω ημω̃ν δέδωκα. De aedificiis Constant. ed. Bonn., p. 111. Der zornentflammte Theodosius aber befahl, so erzählt er, den Paulinus umzubringen, sobald dieser den Palast betreten würde. Man überfiel den Hofmarschall auf einer finstern Treppe, doch gelang es den Meuchelmördern nicht, ihn zu tödten. Sie schnitten ihm die Ohren ab, worauf er entrinnen konnte. Seine Flucht aber war das Werk der Heiligen Cosmas und Damianus, denen Paulinus eben eine Kirche erbaute, und diese sollte er vor seinem Tode vollenden. Der Kaiser heuchelte, nichts von dem Mordanschlag gegen seinen Freund gewußt zu haben, aber nachdem jene Basilika vollendet war, ließ er ihm den Kopf abschlagen.Ueber diese den Anargyren von Paulinus gebaute Kirche Ducange, Constant. christiana, lib. III, 182.

Die zwei ältesten Byzantiner sagen nichts von der Zeit und dem Ort des Todes des Paulinus, nur daß ihn der Kaiser auf Grund jenes Apfels habe tödten lassen. Cedrenus läßt die Hinrichtung in derselben Nacht nach der Scene mit der Kaiserin geschehen; Nicephorus und Theophanes aber wissen, daß der Hofmarschall erst in die Verbannung nach Cappadocien geschickt und dann dort hingerichtet worden ist. Die Chronik des Marcellinus verzeichnet zu dem Jahre (440), da Valentinian zum fünften Mal und Anatolius Konsuln waren, dies: »Paulinus, der Magister officiorum, ist zu Cäsarea in Cappadocien auf Befehl des Fürsten Theodosius getödtet worden.«Jubente Theodosio principe interemptus est.. Muralt setzt den Tod des Paulinus nach Marcellinus ins J. 440, Clinton ins J. 444, wo Eudokia in Jerusalem war. Das richtige Datum liegt zwischen 440 und 444.

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