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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XX.

Ein Jahr lang blieb die Kaiserin in Jerusalem. Hier wird sie ihre Wohnung in irgend einem der Frauenklöster genommen haben, vielleicht in jenem der Melana, welche sie als ihre geistliche Mutter verehrt zu haben scheint. Eudokia erhöhte durch ihre Anwesenheit das Fest der Einweihung der Kirche, die jene Matrone auf dem Calvarienberge erbaut hatte.Vita S. Melanae beim Surius.

Wir können sie uns vorstellen, wie alle andern Wallfahrer, die Andachtsorte in und bei Jerusalem besuchend und die Reliquien der Passion verehrend, die in der constantinischen Grabkirche gezeigt wurden.

Nach einer bekannten Legende hatte Helena das Kreuz Christi im Jahre 326 unversehrt aufgefunden. Seine mit Hülfe von Wundern erwiesene Echtheit war vom Glauben frommer Christen nicht bezweifelt worden. Die Kaiser Roms nahmen sein Abbild in das Labarum, die Reichsfahne, auf, und als Symbol der Herrschaft Christi über die gesammte Erde ließ es sich auf der Weltkugel nieder, mit welcher in der Hand Christus selbst und seine politischen Statthalter, die Kaiser, im Bilde dargestellt wurden.

Constantin hatte, wie man wenigstens wissen wollte, das heidnische Palladium Roms in seine neue Hauptstadt am Bosporus entführt, aber nicht gewagt das Palladium der Christenheit aus Jerusalem zu entfernen. Die dortigen Bischöfe hüteten dasselbe in der Grabkirche als das Kleinod der Welt. So freigebig teilten sie für echtes Gold unechte Splitter davon als unschätzbare Amulete an Wallfahrer aus, daß dieses Kreuz in kurzer Zeit bis auf seine letzten Atome sich würde aufgelöst haben, wenn es nicht die wunderbare Kraft der Wiedererneuerung besessen hätte.Schon in der Mitte des 4. Jahrhunderts spricht Cyrillus, der Bischof von Jerusalem, von den in der Welt verteilten Kreuzessplittern. Robinson, II, 16.

Schon jener abergläubige Despot Constantin hatte Teile davon zu Talismanen verwendet; er hatte auch von den Nägeln Christi einige als Nimbus für das Haupt seiner eigenen Bildsäule gebraucht, andere auf seinem Helm, und sogar am Zaum seines Leibpferdes anbringen lassen. Aber auch die Nägel besaßen die Wunderkraft unerschöpflicher Vervielfältigung.

Der Reliquienschatz Jerusalems war die einträglichste Quelle des Erwerbs für die dortige Kirche. Alle Pilger daselbst dankten dem Himmel für die Vollendung ihrer Gelübde durch mehr und minder reichliche Spenden. Sie selbst nahmen Reliquien mit sich in die Heimat. Solche wurden, wie an jedem andern Wallfahrtsort, massenhaft angefertigt. Oel aus den Lampen, die in der Grabkirche brannten, Bildnisse Christi und der Jungfrau, für Werke des Apostels Lucas oder der Engel ausgegeben, wurden in Menge verkauft, und was hatte nicht, auf dem heiligsten Local der Welt, eine Priesterschaft feilzubieten, welcher die Geschichte des alten und des neuen Testaments den Reliquienstoff hergab!

Mit kaiserlicher Freigebigkeit belohnte Eudokia die Geschenke des Bischofs Juvenalis. Es befanden sich unter denselben einige Reliquien des Protomartyr Stephanus, in dessen Kirche zu Constantinopel Athenaïs die christliche Taufe empfangen hatte. Sie legte dieselben nach ihrer Rückkehr in der Basilika des heiligen Laurentius nieder.Marcellinus ad a. 439.

Aber die merkwürdigste Erinnerung an ihre Wallfahrt nach dem gelobten Lande waren für sie und ihre wie die folgende Zeit zwei Ketten, welche sie in dem guten Glauben an sich nahm, daß der grausame König Herodes den Apostel Petrus mit ihnen hatte fesseln lassen. Sie schenkte später eine Hälfte davon der Apostelkirche in Constantinopel, die andere ihrer Tochter Eudoxia. Und das veranlaßte diese Kaiserin, auf den Carinen in Rom eine Basilika zu erbauen, um jene unschätzbaren Reliquien darin niederzulegen. Die Kirche erhielt von ihrer Stifterin den Namen Titulus Eudoxiae, und wurde später Sancti Petri ad Vincula genannt.Baronius ad a. 439. Dort werden die Ketten Petri bis auf den heutigen Tag, nach mehr als vierzehn Jahrhunderten, bewahrt und verehrt. Auch sie besaßen die wunderbare Kraft der Selbsterneuerung. denn von ihnen abgefeilte Eisensplitter wurden von den Päpsten als Amulete verschenkt und Jahrhunderte lang über die ganze christliche Welt ausgestreut.

Sehr lakonisch sind übrigens die Berichte der Byzantiner über den Aufenthalt Eudokias in Jerusalem. Sie sagen nur, daß sie dort den Kirchen viele Geschenke machte, das Kreuz anbetete, die geweihten Stätten besuchte, und dann nach Constantinopel zurückkehrte.Sokrates, VII, c. 47. Theophanes, I, 142. Später hat sie auch große Bauten in Jerusalem ausgeführt, und von ihnen mögen einige, wie namentlich die Restauration der Stadtmauern, schon bei ihrer ersten Anwesenheit unternommen worden sein.

Die Wallfahrt nach Jerusalem bildete einen Abschnitt im Leben Eudokias. Sie hatte für sie als Christin die religiöse Bedeutung, welche für Heiden die Einweihung in die eleusinischen Mysterien gehabt hatte. Die Laster der Welt, Ehrgeiz, Streitsucht, Neid und Habsucht begegneten ihr auch am heiligen Grabe. Aber der Genius Jerusalems hatte ihre Seele berührt, und erst dort ist Athenaïs eine fromme Christin geworden. Wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte sie später nicht dieselbe Stadt zu ihrem letzten Asyl gewählt.

Denn als sie Jerusalem verließ, ahnte sie nicht, daß sie hier sterben sollte. Sie ahnte auch nicht, daß ihre Enkelin einst hier neben ihr ruhen sollte.

Im Jahre 439 kehrte Eudokia zu ihrem Gemal nach Constantinopel zurück.Marcellinus, Ind. VII. Theodosio XVII. et Festo Coss.

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