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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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I.

Im vierten und fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung hatte die Stadt Athen nur noch eine literarische Bedeutung als Hochschule für einen großen Teil der griechisch redenden Völker. Der Glaube an die alten Götter Homer's lebte hier mit den dichterischen und philosophischen Traditionen hartnäckiger fort, als irgend wo anders in dem ganzen römischen Reiche. Er stand im Schutze alter akademischer Institute, ruhmvoller Erinnerungen der Geschichte, und herrlicher Monumente der Vergangenheit.

Der Vorzug des geistig schon längst trümmerhaften Athen war noch immer dieser, das »Hellas in Hellas« zu sein, wo die Begeisterung für die antike Literatur durch die Declamationen der Rhetoren und Sophisten, und vor allem in der berühmten Akademie Platos genährt wurde. Noch gab es Nachfolger des unsterblichen Philosophen auf seinem Lehrstule, während die drei andern Schulen alter Weisheit erloschen waren.

Athen war noch immer das Ziel für die ideale Sehnsucht und die Wißbegierde ausländischer Jugend. Wie die Erzählungen von der Schönheit der hehren Stadt der Pallas Athene, und von den Hörsälen der dortigen Philosophen den Sophisten Libanius in seiner Heimat nicht hatten ruhen lassen, so trieb noch später, im Jahre 429, derselbe Ruf und dieselbe Hoffnung den jungen Proklus von Alexandria nach Athen.Libanius, Opp. ed. Moreellus, I, 5. Den Proklus ermahnte die Göttin Athene selbst die Hochschule ihrer Stadt zu besuchen; so versichert Marinus, Vita Procli, c. 9. Dort studirt zu haben galt als ein beneidenswertes Glück, welches überall in der Welt auf Ehre und Bewunderung Anrecht gab.

Dies zeigt ein Brief, den der geistvolle Neuplatoniker Synesius von Cyrene, der Schüler der Philosophin Hypatia, als er den Plan gefaßt hatte nach Athen zu reisen, an seinen Bruder Euoptius geschrieben hat:

»Oft stürmen Privatpersonen und Priester mit Träumen auf mich ein, welche sie für Offenbarungen ausgeben, mir Unheil drohend, wenn ich nicht so bald als möglich nach dem heiligen Athen mich aufmache. Wolan, wenn Du einem Schiffer aus dem Piräeus begegnest, so schreibe an mich; denn dort werde ich die Briefe in Empfang nehmen. Aus dieser Reise nach Athen werde ich nicht allein den Nutzen ziehen, mich von gegenwärtigen Uebeln frei zu machen, sondern ferner nicht mehr nötig haben, Menschen, die von dort hergekommen sind, wegen ihrer Gelehrsamkeit ohne weiteres anzustaunen. Solche Leute sind von uns andern Sterblichen in nichts verschieden, zumal was das Verständniß des Aristoteles und Plato betrifft, aber sie schreiten unter uns einher wie Halbgötter unter Maulthieren, weil sie die Akademie und das Lykeion und die bunte Halle des Zeno gesehen haben, die aber nicht mehr eine bunte ist, denn der Proconsul hat die Gemälde daraus hinweggenommen, und so die Herren gehindert, im Weisheitsdünkel groß zu thun.«Synesii Ep. LIV, ed. Hercher (Epistolographi Graeci, Paris 1873). Lapatz, Lettres de Synesius traduites (Paris 1870), glaubt den Brief im Jahre 395 aus Cyrene datirt, was nicht zu erweisen ist.

Auf zahllosen Stätten Athens lebten die Erinnerungen an die großen Menschen und Werke des Altertums. Lehrer und Schüler wandelten noch voll Andacht an den Abhängen des sophokleischen Kolonós, auf der mit Denkmälern erfüllten Gräberstraße vor dem Dipylon, in den Olivenhainen am Kephissos, und unter den Platanen der Akademie, deren Fortbestand durch alte und neue Vermächtnisse für immer gesichert war. Die unsterblichen Dichter, die Philosophen und Redner Griechenlands schienen auf diesem geheiligten Boden in einer fortwirkenden Persönlichkeit gegenwärtig zu sein. Man zeigte noch ihre bescheidenen Wohnhäuser und die Scenen ihrer Thätigkeit.

Wenn der hier studirende Jüngling die äußere Gestalt Athens betrachtete, so konnte ihm die Kluft, die ihn von der classischen Vorzeit trennte, nicht einmal übermäßig groß erscheinen. Wenn er die breite Treppe zur Akropolis emporstieg, auf deren weißglänzender Felsenfläche noch der Erzkoloß der Athena Promachos, das Werk des Phidias, aufrecht stand, so sah er alle jene Bauwerke unversehrt, die diese Götterburg zum unvergleichlichen Denkmal nicht nur der Stadtgeschichte Athens, sondern der gesammten Cultur des hellenischen Geistes gemacht hatten: die Propyläen, den Niketempel, den Parthenon, das Erechtheion; und noch standen viele antike Weihgeschenke und Meisterwerke der Kunst an ihrem Ort.Nachts wurden die Tore der Akropolis geschlossen, vielleicht auch zu verhindern, daß Heiden heimlich die dortigen Tempel besuchten. Als Proklus a. 429 nach Athen kam, eilte er nach der Akropolis. Der Wächter (θυρωρός) war eben im Begriff den Eingang zu schließen (τὰς κλει̃ς επιτιθέναι μέλλων ται̃ς θύραις). Vita Procli.

Auf den Marmorsesseln des noch vollkommen erhaltenen Dionysostheaters konnte er niedersitzen, den Blick auf das sonnige Meer von Aegina und Salamis richten, und Verse jener großen Dichter recitiren, deren Stücke einst auf dieser erhabensten Schaubühne der Welt das Volk der Athener begeistert hatten.

Die Grotten des Pan und Apollo, die Straße der choragischen Dreifüße, der Areopag, die Pnyx, das panathenaische Stadium über dem Ilissos, der Prachttempel des olympischen Zeus, und der des Ares, die Agora, das Prytaneum, alle diese und andere Monumente des antiken Lebens der Athener standen noch, wie zur Zeit des Pausanias, wenn auch verlassen und öffentlich nicht mehr geehrt.

Bei solchem localen Verkehr mit den Genien des Altertums, mußte das Studium in Athen zu einem fortgesetzten Heroencultus werden, und einer Einweihung gleich sein in die Mysterien der Weisheit an ihrem eingeborenen Sitz. Man mag sich vorstellen, welchen magischen Zauber all' dies auf die Gemüter der jungen Ausländer üben mußte. Gregor von Nazianz, welcher bis zu seinem dreißigsten Jahre mit seinem Freunde Basilius in Athen studirt hatte, gestand, daß der Aufenthalt in dieser noch hartnäckig heidnischen Stadt der christlichen Jugend verderblich sei, aber er selbst riß sich nur mit Wehmut von ihr los. Nichts, so sagte dieser große Kirchenvater, ist so schmerzlich, als die Empfindung, von Athen und den Studiengenossen dort zu scheiden.Ουδὲν γὰρ ούτως ουδενὶ λυπρὸν, ως τοι̃ς εκει̃σε συννόμοις ’Αθηνω̃ν καὶ αλλήλων τέμνεσθαι. Or. XXIII, 24 S. 789.

Nirgend konnte es ein idealeres Local für wissenschaftliche und künstlerische Studien geben. Dies entzückende Stück Erde Attika war die wundervollste Idylle der Welt, und Athen das durch die Jahrhunderte geweihte Heiligtum der Musen. Nichts störte hier die gedankenvolle Einsamkeit. Der Zusammenhang mit den Dingen und Ereignissen draußen war nur mittelbar und zufällig. In dem ausgestorbenen Hafen Piräeus zeigten sich keine Kriegsschiffe mehr; selbst große Handelsschiffe waren dort selten. Die byzantinische Regierung Achajas hatte ihren Sitz nicht in Athen, sondern in dem reicheren Korinth.

Das municipale und allgemeine Leben der Athener bewegte sich fast ausschließlich um die Angelegenheiten der akademischen Hörsäle. Wir haben Berichte von dem Treiben der Professoren und Studenten dort, die ein Gemälde darbieten, vielfach demjenigen ähnlich der Hochschulen Bologna und Padua im Mittelalter, oder der Universitäten Göttingen und Halle im achtzehnten Jahrhundert.Die Zustände der Universität Athen seit den Antoninen sind mit Liebe erforscht worden, und jeder darin Eingeweihte kennt die davon handelnden Schriften von Zumpt, Weber, Ahrens, Schlosser, Ellissen, Wachsmuth, Hertzberg u. s. w.

Aus den Provinzen Asiens und Afrikas, aus Bithynien, Pontus und Armenien, aus Syrien und Aegypten und aus dem europäischen Hellas, strömte noch immer die griechisch redende, lernbegierige Jugend nach Athen. Selbst von Hypatia, der Zierde des alexandrinischen Museums, wird geglaubt, daß sie in Athen studirt hatte.Dies läßt sich freilich nicht erweisen. R. Hoche, »Hypatia die Tochter Theons«, im Philolog., XV. Jahrgang, S. 441. Auch das lateinische Abendland hörte noch nicht ganz auf, von dort seine Bildung in der Wissenschaft der Griechen zu holen. Noch im fünften Jahrhundert hat der berühmte Boethius Jahre lang in Athen studirt, derselbe letzte Weise Roms, der im Todeskerker, obwol ein Christ, nicht die christliche Religion, sondern die antike Philosophie zu seiner Trösterin herbeigerufen hat.

Das Christentum verhielt sich zu den heidnischen Studien minder feindlich in Athen als an andern Orten. Die Bekenner der neuen Religion hatten, während ihrer Verfolgungen in der Kaiserzeit, in Griechenland minder zu leiden gehabt. Dies beweist die auffallend geringe Zahl der Griechen, namentlich aber der Athener im Katalog der Märtyrer.A. Ellissen, Zur Gesch. Athens, in Götting. Studien, 1847, II, 887. Vielleicht hatte in keiner andern hellenischen Stadt von Ruf und Bedeutung der christliche Glaube es schwerer, Anhänger zu gewinnen und Fortschritte zu machen, als in Athen. Die hier vom Apostel Paulus und seinem Schüler Dionysos vom Areopag gestiftete Gemeinde war, so darf man glauben, minder zahlreich, als jene in Patras und Korinth.

Im vierten und fünften Jahrhundert erscheint die bischöfliche Kirche Athens in durchaus bescheidenen Verhältnissen, und ohne jede hervorragende geistliche Macht. Sie konnte auf dem dürren Felsenboden Attikas nicht durch Güterbesitz reich sein, noch war sie irgend durch eine theologische Schule berühmt. Die dogmatischen Kämpfe innerhalb der byzantinischen und orientalischen Kirche konnten in der Stadt des Plato keinen fruchtbaren Boden finden. Nur als legendäre Namen, geschichtlich unsicher und in ihrer Reihe lückenhaft, sind überhaupt Bischöfe Athens in langem Jahrhunderten für uns sichtbar. So ist aus dem vierten Säculum nur Pistos bekannt, der beim Concil zu Nicäa anwesend war; im fünften Jahrhundert erscheinen nur die Namen von drei athenischen Bischöfen.Le Quien, Oriens Christianus, Vol. II, hat zuerst solche Namen zusammengestellt, und neuerdings hat der athenische Archimandrit Panaretos Konstantinides durch seinen»geschichtlichen Katalog« der Bischöfe Athens sich verdient gemacht: in der Zeitschrift »Soter«, Juni 1878 u. s. w. Im September 1881 ist, wie mir Herr Spiridon Lambros eben mitteilt, das Grab eines bisher unbekannten athen. Bischofs Klematios am Lykabettos entdeckt worden (Ephimeris vom 16. Sept.).

Sicherlich hielt ein großer Teil der Athener noch immer den Glauben an die olympischen Götter fest, und entschieden war die Mehrheit der Professoren heidnisch. Kein namhafter Rhetor oder Philosoph Athens im vierten und fünften Jahrhundert ist, soviel wir wissen, Christ gewesen.Selbst nicht Proäresius, der für einen Christen gehalten wird. Bernhardy, Grundriß der griechischen Literatur, I, 658. Kein Christ aber nahm deshalb Anstoß, Schüler eines gelehrten Heiden zu sein. Denn noch gab es, trotz der Schriften großer Kirchenväter, keine christliche Schule: es bestand nur die eine Wissenschaft der Alten, und diese, das Gemeingut aller Gebildeten, konnte nur bei heidnischen Grammatikern und Philosophen gelernt werden.Ueber die heidnische Propädeutik der Jugend spricht ausführlich P. E. Müller, De Genio et moribus et luxu aevi Theodosiani, I, c. 2. II, c. 10.

Der gefeierte Patriarch Constantinopels, Johannes Chrysostomus, welcher die Verführung der christlichen Jugend durch den ausschließlichen Unterricht bei heidnischen Lehrern beklagte, war selbst Schüler des Sophisten Libanius in Antiochia gewesen. Die berühmten Kirchenväter Basilius von Cäsarea und Gregor von Nazianz hatten in Athen aus den Quellen heidnischer Beredsamkeit mit gleicher Begeisterung ihre attische Bildung geschöpft, wie eben jener Libanius, wie der Sophist Himerius und der kaiserliche Prinz Julian. Dieser Apostat des Christentums würde in seinen eigensinnigen Bemühungen um die Wiederherstellung der untergehenden Religion der Hellenen kaum so weit gegangen sein, wenn er nicht in Athen seine Studien gemacht hätte. Es war hier, unter den Tempeln und Standbildern der Götter Griechenlands, wo ihn im Jahre 355 seine Ernennung zum Cäsar überraschte; und von hier aus hat er dann seine geschichtliche Laufbahn angetreten.

So war Athen noch immer eine gesuchte Bildungsanstalt, die mit den großen Schulen in Constantinopel, in Alexandria und Antiochia wetteifern konnte. Aber die Vereinsamung und die Entfernung dieser Stadt des Perikles und Plato von den geschichtlichen Strömungen der auf neuen Bahnen fortschreitenden Menschheit, und ihre Teilnamlosigkeit an den großen geistigen Kämpfen und Lebenslagen, welche diese umgestalteten, verurteilten Athen dazu, nur als heiliges Museum des Altertums fortzudauern, nur noch ein literarisches und antiquarisches Schattendasein zu führen. Und hier würde die Kehrseite der Idealität Athens darzustellen sein, der fossile Zustand einer in ihre Erinnerungen versunkenen Provinzialstadt, welche kein politisches Leben mehr besaß, sondern nichts war als die veraltende Akademie einer untergehenden Wissenschaft, aus der kein das Bewußtsein der Menschheit entzündender und kein den Geist der Welt reformirender Gedanke mehr ausgehen konnte.

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