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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XVIII.

Das Verzeichniß der Reisestationen von Bordò nach Jerusalem, welches zum Gebrauche für abendländische Pilger schon im Jahre 333 verfaßt worden war, beschreibt den Weg vom Palast Daphne bei Antiochia nach der heiligen Stadt, und diesen Weg hat wol auch Eudokia eingeschlagen.Itinerarium Hierosolymitanum, ed. Wesseling.

Er führte von jenem Palast an der Küste des Mittelmeeres herab über Laodicäa nach Tripolis, sodann nach Berytus und zu den alten Phönikierstädten Sidon und Tyrus, welche noch immer durch köstliche Gewebe und Purpurfärbereien berühmt waren. Sie zog dann nach Ptolemais (Akkon). und weiter am Berge Karmel vorbei nach der volkreichen Stadt Cäsarea, wo die Provinz Syrien ihr Ende und das Land Judäa den Anfang nahm.

Der byzantinische Statthalter Palästinas, welcher dort residirte, und der Bischof dieser großen Metropole empfingen hier die Kaiserin, um sie dann weiter zu geleiten über Maximinopolis, Stradela, Scythopolis (Bethsan) nach Aser und Neapolis oder Sichem, von wo bis Jerusalem vielerlei alte Orte die Pilger einluden, solche Stätten zu besuchen, welche die biblische Geschichte der Erinnerung geweiht hatte.

Melana war der Kaiserin entgegen gekommen; in Gesellschaft dieser Römerin hielt Eudokia ihren Einzug in das heilige Jerusalem.

Eine unberechenbare Verkettung der Lebensschicksale hatte sie aus den Olivenhainen ihrer Vaterstadt Athen zu den Palmen der fernen Stadt Davids und Salomos geführt. Beide wunderbare Städte bezeichneten für sie den Ausgangspunkt und den Endpunkt ihres Lebens, und beide waren die entgegengesetzten Pole der menschlichen Cultur.

Hellas war das gelobte Land und Athen das Pilgerziel der Heiden. Und noch immer lebte in der Menschheit, selbst bei Christen, die sehnsüchtige Liebe fort, welche sie nach der Heimat der größesten Genien des Altertums und ihren ehrwürdigen Denkmälern zog. Aber diese herrliche Welt der Griechen hatte Jesus von Nazareth dem Tode geweiht.

Die Bibel hatte den Homer verdrängt. Was Hellas und Athen für die antike, das bedeuteten jetzt für die neue Menschheit Palästina und Jerusalem.

Das Erscheinen Eudokias war für diese Stadt ein großes Ereigniß. Zwar besuchten dieselbe zahllose Wallfahrer aus allen Teilen der christlichen Welt, aber seit Helena, der Mutter Constantins, hatte weder ein Kaiser noch eine Kaiserin dorthin eine Wallfahrt gemacht.

In der Hauptstadt der Juden, wo im Gemüte armer und hochsinniger Menschen die religiösen Ideen entsprungen waren, welche die tausendjährige Herrschaft der alten Götter, die glänzende Weisheit der Philosophen und die gesammte antike Cultur bezwungen hatten, betrat Eudokia eine ihr völlig fremde Welt, mit der sie nichts aus ihrer hellenischen Vergangenheit in Zusammenhang bringen konnte. All ihr Genie, die Gaben der Musen, die Kenntniß der griechischen Wissenschaft und Kunst galten nichts auf dem dürren Felsenboden, auf welchem Jesus und seine Jünger gewandelt waren. Der Schlüssel zu den Mysterien Jerusalems konnte nur gefunden werden in solchen Gefühlen des Glaubens, der hingebenden Andacht und Weltentsagung, wie sie die Seele Melanas geheiligt hatten.

Nichts ihrem Geiste Verwandtes, nichts Griechisches, nicht Monumente der Geschichte, noch schöne Kunstwerke, noch Schulen der Wissenschaft fand die Kaiserin in dem kleinen Jerusalem. Einige Trümmer von alten Bauwerken, zumal von Stadtmauern und Festungen, wie der Türme Hippias, Phasaelus und Mariamne erinnerten noch an die Zeiten des einheimischen Königtums der Juden und an die Herrschaft der Römer. Noch stand über dem Tale Josafat das unter dem Namen »Gräber der Könige« berühmte Denkmal, welches die Grabstätte der zum Judentum übergetretenen Königin Helena von Adiabene am Tigris gewesen war. Titus hatte es verschont, und Pausanias, der Beschreiber Griechenlands, stellte es mit einiger Uebertreibung dem Mausoleum von Halikarnassos an die Seite.Pausanias, Arcadia, VIII, c. 16. Nach seiner leichtsinnigen Versicherung öffnete und schloß sich die Marmorthür dieses Grabes von selbst an einem bestimmten Tage. Robinson Biblical researches in Palestine, I, 528 fg., und Grätz, Gesch. der Juden, III, 433.

Noch immer hieß Jerusalem Aelia Capitolina, und Eudokia selbst trug den stolzen Kaisernamen Aelia. Von Hadrian, welcher den letzten verzweifelten Aufstand der Juden wider das Joch der Römer unter dem Fanatiker Barkocheba in Blutströmen erstickt hatte, war die neue Kolonie so benannt worden, die er auf den Trümmern der von Titus zerstörten Stadt angesiedelt und dem Jupiter vom Capitol geweiht hatte. Alle Denkmäler, welche den Juden und Judenchristen dort als ehrwürdig galten, waren von den Römern mit boshafter Absicht vernichtet und in Vergessenheit gebracht worden. Auf der Stelle des salomonischen Tempels, des uralt heiligen Mittelpunktes des Monotheismus, war ein Jupitertempel erbaut, und das verschüttete Grab Christi auf Golgatha schändete ein Heiligtum der gemeinsten Venus. Erst zur Zeit Constantins war dieser profane Tempel der Freudengöttin niedergerissen worden, worauf im Schutt seiner Fundamente das heilige Grab soll wiedergefunden worden sein. Die fromme Helena Augusta gab es im Jahre 326 der Andacht der Christen zurück. Dann ließ Constantin über ihm eine marmorne Capelle erbauen, und daneben eine prächtige Kirche, welche im Jahre 336 eingeweiht wurde.

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