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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XVI.

In demselben Jahre 431 verlor Eudokia ihre zweite Tochter Flaccilla.Marcellinus verzeichnet zu diesem Jahre den Tod der Flaccilla, die er eine Tochter des Theodosius nennt. Eine Hungersnot brach in Constantinopel aus; mit Steinwürfen verfolgte das Volk sogar den Kaiser, als er in Procession zu den Kornspeichern zog.Marcellinus. Auch seine Truppen waren in Afrika unglücklich; die Heere, welche er unter dem Befehle Aspars, des besten der byzantinischen Generale, den Römern unter Aetius zu Hülfe geschickt hatte, wurden von dem Vandalenkönige geschlagen.

Nichts verlautet sonst von den Verhältnissen des byzantinischen Hofes. Es gehen Jahre dahin, in welchen Eudokia für uns unsichtbar bleibt. Aber noch einmal erglänzte der Stern ihres Glückes, als sie ihre einzige Tochter mit dem Kaiser Roms vermälte.

Die Beziehungen der beiden Höfe Ravenna und Constantinopel zu einander waren seit dem Jahre 425 lebhafter als je. Mehrmals führte Theodosius den Consulat mit seinem künftigen Eidam Valentinian. Dieser junge Prinz war unter Weibern und Höflingen aufgewachsen, während seine Mutter, ein Spielball der Hofintriguen, das zerfallende römische Reich regierte.

Galla Placidia wurde in allen ihren öffentlichen und häuslichen Verhältnissen vom Unglück verfolgt. Nachdem sie so viel tragische Schicksale erlebt hatte, bereitete ihr ihre einzige Tochter einen tödlichen Schmerz. Die junge Justa Grata Honoria ließ sich von ihrem Hofmarschall Eugenius verführen; die Mutter schickte sie (im Jahre 434) nach Constantinopel, dort ihre Schande zu verbergen, und die gestrenge Jungfrau Pulcheria sperrte die Gefallene in ein Kloster ein.

Honoria lebte in diesem Gefängniß schon drei Jahre lang, als ihr Bruder, der Kaiser Valentinian, in Constantinopel landete, um seine Verlobte, Eudoxia, heimzuführen.Ευδοξίαν τὴν εξ Ευδοκίας γεννηθει̃σαν αυτω̃: Theophanes, I, 142. Dies der Namen wegen. Die Hochzeit sollte in Thessalonich stattfinden, doch der junge Fürst eilte in einer Anwandlung von Ritterlichkeit und Liebesfeuer nach der Kaiserstadt, hier seine Schwiegereltern und seine Braut zu umarmen. Sie war von so ungewöhnlicher Schönheit, daß sich noch in der Zeit des Procopius die Sage davon erhalten hat.

Die Tochter der Athenaïs hatte jetzt das Alter von vierzehn oder funfzehn Jahren erreicht; ihr Gemal Valentinian aber zählte achtzehn Jahre. Am 29. October 437 wurde dies Paar durch den Patriarchen Proklus eingesegnet, worauf glänzende Feste gefeiert wurden.Proklus war Bischof Constantinopels seit 434. Dieser Ehebund brachte dem oströmischen Reich als Gewinn das westliche Illyrien ein, welches der Eidam seinem Schwiegervater abzutreten verpflichtet wurde. Die Neuvermälten reisten nach Thessalonich ab, um daselbst zu überwintern und im kommenden Frühjahr die Heimfahrt nach Ravenna anzutreten. Es waren schwere Schicksale, denen die junge römische Kaiserin entgegenging; ihr Leben sollte an ungewöhnlichen Ereignissen nicht minder reich, aber weniger glücklich sein, als dasjenige ihrer Mutter.

Eudokia hatte jetzt den Höhenpunkt ihres eigenen Glückes erreicht: ihre Tochter bestieg den römischen Cäsarentron, während sie selbst Kaiserin in Byzanz war. Indeß diese Genugthuung erkaufte sie mit der Trennung von ihrem einzigen Kinde, und dies hat sie nie mehr wiedergesehen. Sie vereinsamte fortan im Palast, während ihre Stellung dort, namentlich ihr Verhältniß zu Theodosius und Pulcheria, alle diejenige Kräftigung verlor, welche ihr die Gegenwart einer kaiserlichen Tochter geben mußte.

Den Schmerz der Trennung von ihr suchte sie durch eine Pilgerreise nach Jerusalem zu mindern, und diese Wallfahrt war vielleicht weniger ihr eigner Wunsch, als derjenige des Kaisers, welcher dem Himmel gelobt hatte, seine Gemalin nach der heiligen Stadt zu schicken, um am Grabe Christi Gott für die glückliche Vermälung der Tochter, und für andere große Wolthaten zu danken.Sokrates, VII, c. 47, und andere Byzantiner.

Eudokia selbst, so wird erzählt, war von einer berühmten Heiligen, Melana der Jüngeren, zu jenem Entschluß überredet worden. Diese Römerin aus einem edeln Senatorengeschlecht hatte einst mit vierzehn Jahren einem vornehmen Jünglinge Apenianus ihre Hand reichen müssen, aber den Gatten zu einem gottgeweihten Lebenswandel bekehrt. Sie gaben ihre Landgüter in Latium den Armen hin und wanderten in die weite Welt, nach Sicilien, nach Karthago, nach dem Paradies entsagender Menschen, dem mystischen Aegypterlande, wo Melana mehre Klöster gründete. Dann schlug sie ihren Sitz am Grabe des Erlösers in Jerusalem auf.

Nun fügte es sich, daß ihr Oheim Volusianus, der Stadtpräfect Roms, als Abgesandter Placidias und Valentinians nach Constantinopel kam, um hier wegen der bevorstehenden Vermälung des jungen Kaisers mit der Prinzessin Eudoxia Verabredungen zu treffen. Volusian wollte seine geliebte Nichte Melana wiedersehen; sie folgte seiner Einladung, in der Hoffnung, ihn, der noch Heide war, zum Christenglauben zu bekehren.

Sie reiste von Jerusalem nach Constantinopel, wo sie im Palast des Lausus Aufnahme erhielt. Ihren Oheim fand sie zum Tode erkrankt; um so leichter wurde es ihren Ermahnungen, welche die Beredsamkeit des Patriarchen Proklus unterstützte, den edeln Römer zu bekehren. Volusianus starb als Christ.

Die Heilige fand die Kaiserstadt noch von der nestorianischen Ketzerei tief aufgeregt, welche sie selbst mit frommer Leidenschaft bekämpfte. Sie bewog auch Theodosius, die Bücher des Nestorius zu verbieten.Es gibt ein Edict des Theodosius gegen die Nestorianer vom 30. Juli 435. Sie beschwor den Kaiser und die Kaiserin, aller weltlichen Eitelkeit zu entsagen, und sie war es endlich, welche in Eudokia das Verlangen erweckte, das gelobte Land zu besuchen. Dorthin kehrte Melana zurück, um das Osterfest am Grabe Christi zu feiern und den Bau eines Oratoriums auf Golgatha zu vollenden.Vita S. Melanae Romanae beim Surius zum 31. Januar. – Baronius ad a. 434. Tillemont, Mem. Eccl., XIV, 252, verlegt die Rückkehr der Melana aus Constantinopel in die Zeit vor Ostern 438.

Ehe die Kaiserin nach Palästina abreiste, war sie Zeuge eines aufregenden Schauspiels. Am 23. Januar 438 wurden die Reliquien jenes Johannes Chrysostomus, welcher vor dreißig Jahren in der Verbannung gestorben war, aus Komana in Pontus nach Constantinopel hinüber gebracht und hier in der Kirche der Apostel feierlich beigesetzt.Marcellinus ad a. 438. Dort befanden sich die Grüfte Constantins und seiner kaiserlichen Nachfolger, und auch die der Patriarchen von Byzanz.

Durch diese verspätete Ehrenrettung eines gefeierten Mannes sühnte Theodosius die Schuld seiner eigenen Mutter Eudoxia, deren Opfer Chrysostomus gewesen war, während er selbst es nicht empfand, daß er einen andern Patriarchen seinen Gegnern preis gegeben hatte. Ohne Zweifel stand auch jener Act der Pietät mit der Vermälung seiner Tochter in Zusammenhang, welche seine religiösen Empfindungen gesteigert hatte.

Theodosius fand noch mehr Ursache zur Dankbarkeit gegen Gott und seine Heiligen, weil eben in dieser Zeit die große Sammlung der seit Constantin erlassenen Reichsgesetze zum Abschluß gekommen war, und diese hatte er einer Commission von ausgezeichneten Rechtskundigen unter der Leitung des Consularen und Expräfecten Antiochus übertragen. Der weltberühmte Codex Theodosianus wurde im Jahre 438 in Constantinopel publicirt, und einige Jahre später als allgemeines Gesetzbuch des Römerreichs auch von Valentinian III. anerkannt. Er überdauerte den Sturz Roms, er gab dem byzantinischen Reich einen festern civilen Zusammenhalt; er flößte selbst Barbarenvölkern den Geist des Rechts und der Civilisation ein, und sicherte dem schwachen Theodosius einen bescheidenen Anspruch auf den Namen eines Wolthäters seiner Untertanen.

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