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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XIV.

Unterdessen wurde Eudokia in die ersten persönlichen Beziehungen zum Kaiserhof in Ravenna und zu den nächsten Verwandten ihres Gemals gebracht. Im Sommer 423 landete in Constantinopel Galla Placidia, die Schwester des Honorius und die Tante Theodosius des Zweiten.

Diese unglückliche Fürstin, ehemals eine Königin der Gothen, hatte am 2. September 421 ihren edeln Gemal Constantius durch den Tod verloren. Jetzt aber schickte sie ihr Bruder, in Folge höfischer Kabalen, in die Verbannung nach Constantinopel, wohin sie ihre Kinder aus der letzten Ehe, Valentinian und Honoria, mit sich nahm. Sie wurde am byzantinischen Hof von ihren Verwandten freundlich aufgenommen.

So fanden sich damals im Palast Constantin's drei erlauchte Frauen beisammen, Placidia, Pulcheria und Eudokia, welche bei der Untüchtigkeit der Kaiser Honorius und Theodosius die eigentlichen Repräsentanten der römischen Reichsgewalt genannt werden konnten. Der Frömmigkeit Pulcheria's entsprach die gleich christliche Gesinnung ihrer Tante Placidia, denn wie jene im Orient, so war diese im Abendlande die Beschützerin der orthodoxen Kirche.

Kaum hatte sich die Verbannte in ihrem Zufluchtsort niedergelassen, als Boten von Ravenna meldeten, daß der Kaiser Honorius am 15. August 423 gestorben sei. Dies Ereigniß machte den oströmischen Kaiser augenblicklich zum Gebieter über die Schicksale Roms. Denn Theodosius konnte jetzt die beiden Hälften des durch seinen Großvater geteilten Reiches wieder unter seinem Scepter vereinigen, wenn er den einzigen legitimen Prätendenten des abendländischen Trones als nicht berechtigt erklärte.

Dieser Erbe aber war Valentinian, der fünfjährige Sohn der Placidia und des Augustus Constantius, und gerade jetzt genoß er als Flüchtling den Schutz des byzantinischen Hofes.Er war am 4. November 419 in Ravenna geboren: Marcellinus. Dies war ein glücklicher Zufall, wodurch die Bemühungen Placidia's, ihrem Kinde die Herrschaft in Rom zu sichern, sehr erleichtert werden mußten. Theodosius willfahrte den Wünschen der erlauchten Frauen: man schloß ein Reichs- und Familienbündniß: Placidia wurde zur Augusta und damit zur Vormünderin ihres Sohnes erklärt, und Valentinian III., welchem das westliche Reich zuerkannt worden war, mit der zweijährigen Prinzessin Eudoxia verlobt.Marcellinus (zum Jahr 424).

So sah Athenaïs ihr persönliches Leben auch mit den Geschicken des großen Rom verbunden, da ihrer Tochter schon in der Wiege der dortige Kaisertron zugesichert war.

Man rüstete jetzt Heer und Flotte aus, um Placidia und ihren Sohn nach Ravenna hinüber zu führen, wo nach dem Tode des Honorius ein kühner Mann, der kaiserliche Notar Johannes, den Purpur an sich gerissen hatte. Theodosius wollte in Person das Heer begleiten, um diesen Usurpator zu züchtigen und seinen künftigen Eidam auf den Tron zu setzen, aber er erkrankte, schickte dann durch den Patricius Helion das Cäsardiadem an Valentinian und kehrte zu seiner Gemalin zurück.Sokrates, VII, c. 24.

Der General Ardaburius und sein Sohn Aspar führte hierauf Placidia und Valentinian von Thessalonich nach Italien hinüber. Ihren Kampf mit dem Usurpator Johannes erleichterten die Wunder des Himmels, welcher, nach der Versicherung schmeichelnder Priester, die Frömmigkeit des Theodosius durch ein glänzendes Zeugniß belohnen wollte. Ein Engel in Hirtengestalt führte Aspar und seine Reiterscharen mitten durch die unwegbaren Sümpfe Ravennas. Diese feste Stadt wurde alsbald durch Verrat eingenommen, der tapfere Rebell gefangen und umgebracht. Auch Rom öffnete den Byzantinern die Tore, und Helion, der bevollmächtigte Minister des Theodosius, bekleidete dort vor dem Senat Valentinian den Dritten mit dem kaiserlichen Purpur, am 23. October 425.

Theodosius sah gerade im Circus den Wagenrennen zu, als der Bote mit der Nachricht vom Sturze des Tyrannen Johannes eintraf. Augenblicklich erhob sich der Kaiser vom Tribunal; er forderte das versammelte Volk auf, einen Hymnus anzustimmen, und in Procession zog er nach der Sophienkirche.

Placidia, die Vormünderin ihres Sohnes, und ihre Nichte Pulcheria regierten jetzt im Abend- und Morgenlande. Gerade in der Zeit, wo frömmelnde Frauen durch die unselige Verkettung der Ereignisse berufen waren, in diesen beiden Hälften des römischen Weltreichs die Staatsangelegenheiten zu führen, erhoben sich aus der noch fortwogenden Flut der Völkerwanderung zwei furchtbare Kriegsdämonen, bestimmt, die antike Cultur vollends in Trümmer zu schlagen, Genserich und Attila. Sie traten fast gleichzeitig auf, der eine im Westen, der andere im Osten des Römerreichs.

Das Weiberregiment war unheilvoller für Rom als für Byzanz. Bald ging dort durch die Schuld und Schwäche der Regentin die große Provinz Afrika mit dem altberühmten Karthago an die Vandalen verloren. Denn Genserich führte sein Volk im Jahre 429 von Spanien dort hinüber. Im Osten übernahm wenige Jahre später dieselbe Mission der Zerstörung der schreckliche Hunnenkönig, welcher sich rühmte, das vergrabene Schwert des alten Kriegsgottes Mars durch Schicksalsfügung wieder entdeckt zu haben. Die hunnischen Horden streiften schon aus Pannonien nach Illyrien hinüber, aber noch war Attila nicht an ihre Spitze getreten, und dem Kaiser Theodosius wurden noch einige Jahre des Friedens geschenkt, die er dazu verwendete, die Hauptstadt des Reichs mit doppelten Mauern zu befestigen.

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