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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XIII.

Wenn sich in dem Herzen Eudokias noch die Sympathien der Athenaïs für ihre heidnischen Freunde in Attika regten, so durfte sie nicht wagen, ihre Stimme für die Schonung der Götzendiener dort zu erheben. Denn ihre Schwägerin Pulcheria bemühte sich mit frommer Leidenschaft, die von ihrem Großvater begonnene Ausrottung des Hellenismus durchzuführen.

Nachdem der junge Kaiser, für welchen diese dachte und regierte, schon im Jahre 416 das Verbot erlassen hatte, Heiden zum Kriegsdienst, zur Verwaltung und zu den Gerichtshöfen zuzulassen, erschien, bald nach der Erhebung Eudokias zur Augusta, am 13. April 423, ein scharfes Edict gegen die heidnischen Culte überhaupt, als Bestätigung früherer Reichsgesetze.Paganos qui supersunt, quamquam jam nullos esse credamus . . . Dat. Id. April. C. P. Asclepiodoro et Mariniano Coss.

Diesem Erlaß wurden jedoch am 10. Juni desselben Jahres zwei mildernde Bestimmungen hinzugefügt. Sie verhängten gegen Götzendiener, wenn sie beim Opfern betroffen wurden, Gütereinziehung und Exil statt der gesetzlichen Todesstrafe. Sie nahmen friedliche Juden und Heiden gegen die Raublust der Christen in Schutz, welche durch die Edicte der Kaiser sich zu jeder Art Mißhandlung ihrer andersgläubigen Mitbürger berechtigt glaubten.Die Edicte zum Schutz der Juden, im Cod. Theod., lib. XVI, t. 8. Diese Milderungen wurden der Regierung durch die bürgerlichen Verhältnisse selbst abgenötigt. Noch zeigte sich auch das Heidentum in Hellas, wie überhaupt im ganzen Römerreich so stark, daß seine gewaltsame Ausrottung unmöglich war. Die wiederholte Erneuerung der Verbote des alten Götterdienstes beweist das zur Genüge. Die Duldung der »friedlichen« Heiden dauerte fort, und nur der öffentliche Cultus war gesetzlich unterdrückt.

Ein fünftes und letztes Edict gegen das Heidentum erließ Theodosius im Jahre 426. Er untersagte darin wieder bei Todesstrafe den Opferdienst an den Altären der Götter; er befahl, alle Tempel und Heiligtümer, wenn solche noch im Reiche aufrecht ständen, zu zerstören, oder sie mit dem Zeichen des christlichen Kreuzes zu entsühnen.Cunctaque eorum fana, templa, delubra, si qua etiam nunc restant integra, praecepto magistratuum destrui, conlocationeque venerandae Christianae religionis signi expiari praecipimus. Diese fünf Edicte im Cod. Theod. cum perpet. comment. Jacobi Gothifredi, VI, p. 263 sq.

Byzantinische Kirchenhistoriker haben behauptet, daß Theodosius in Wirklichkeit alle Heidentempel, so viele deren sich zu seiner Zeit erhalten hatten, von Grund aus habe zerstören lassen, aber dies ist nicht der Fall gewesen. Die berühmtesten Tempel in Athen blieben fortdauernd in demselben Zustande, in welchem sie Athenaïs verlassen hatte. Andere mögen in Folge jener Reichsgesetze wirklich zerstört, manche ihrer heiligen Götterbildnisse beraubt worden sein. Nach dem Jahre 429 wurde die goldelfenbeinere Parthenos des Phidias aus ihrem Tempel entfernt. Vielleicht kam sie nach Constantinopel, doch niemand hat von ihrem Schicksal Kunde gegeben.Adolf Michaelis, Der Parthenon, S. 45. Dieses für die Athener peinvolle Ereigniß scheint anzudeuten, daß die Christen damals gerade die Heiligtümer auf der Akropolis angegriffen haben. So mag auch auf Grund der Edicte des Kaisers das Asklepieion ans dem Südabhange der Burg zertrümmert worden sein.

Wenn nun Eudokia auf das bürgerliche Los der Anhänger des alten Glaubens in Athen keinen Einfluß haben konnte, so wird sie den wissenschaftlichen Anstalten in ihrer Vaterstadt ihre Teilname nicht versagt haben. Nicht ohne die Mitwirkung seiner hochgebildeten Gemalin hat Theodosius im Jahre 425 die schon von Constantin gestiftete Universität auf dem Capitol Constantinopels mit großer Liberalität ausgestattet und neu gegründet.

Während er auf dieser Lehranstalt drei Oratoren und zehn Grammatiker für die lateinische Beredsamkeit anstellte, bestimmte er für die griechische Sprache fünf Sophisten und zehn Grammatiker.Cod. Theod., XIV, 9. 3, datirt vom 27. Februar 425. Die hellenischen Studien erhielten also officiell in Constantinopel das Uebergewicht über die lateinischen. Wir haben einigen Grund anzunehmen, daß der Kaiser Theodosius und seine Räte hier die Ansichten der Kaiserin und ihre Wünsche berücksichtigt haben. Die Schöpfung der großen Lehranstalt geschah freilich auf Kosten der Hochschule in Athen, welche dadurch an Bedeutung verlieren mußte, aber das griechische Nationalelement hatte es doch jener zu einem nicht geringen Teile zu verdanken, wenn es in der Weltstadt am Bosporus immer mehr zur Geltung kam. Insofern durfte es auch die Tochter des Leontius aus Athen verschmerzen, daß die Philosophie auf der byzantinischen Universität mit Geringschätzung behandelt und nur mit einem einzigen Lehrstul bedacht wurde.Zumpt, Ueber den Bestand der phil. Schulen, S. 33. Finlay, S. 177. Hertzberg, III, 495

Sie durfte dies um so mehr, weil gerade jene Vernachlässigung der philosophischen Studien in Constantinopel ihrer eigenen Vaterstadt zum Vorteil gereichte. Denn hier erlangte die platonische Akademie, dies letzte von den Hellenen mit patriotischer Liebe gepflegte Heiligtum aus der Vergangenheit, noch eine wissenschaftliche Nachblüte. Wenn es auch zweifelhaft ist, daß Athenaïs noch als Kaiserin persönliche Beziehungen zu Männern der Wissenschaft in Athen unterhielt, die erst nach ihrer Zeit zu Ruf gelangt waren, so wird sie doch immer eine dankbare Erinnerung für ihren erlauchten Heimatsort behalten, und an den Schicksalen der Athener freundlichen Anteil genommen haben.

Der Verkehr Athens und Constantinopels mit einander durch Handelsgeschäfte, durch Angelegenheiten der kaiserlichen Verwaltung und der Kirche, endlich durch wissenschaftliche Studienreisen bot ihr Gelegenheit genug, sich über die Vorgänge dort zu unterrichten. Manche Athener werden sich in privaten und öffentlichen Bedürfnissen im Kaiserpalast ihrem Schutze empfohlen haben.

In ihrem Herzen konnte die Liebe zu den Musen Attikas niemals erlöschen. Mit Genugtuung hat sie jenen neuen Aufschwung der athenischen Universität verfolgt, welcher gerade in die Zeit fiel, wo sie Kaiserin war. Sie war noch in Athen Zeuge gewesen des Ruhms ihres Mitbürgers Plutarchos, des Vaters der edlen Asklepigeneia, und dieser Erneuerer der Akademie durch den Neuplatonismus starb erst zehn Jahre nach ihrer Vermälung mit Theodosius. Sie hörte von den glänzenden Erfolgen seiner Schüler, in denen sich die »goldene Kette« der Nachfolger Platos fortsetzte, des Syrianus aus Alexandria und des Proklus aus Constantinopel, welcher alle seine Zeitgenossen durch Gelehrsamkeit und philosophisches Talent übertraf, und als der letzte namhafte Platoniker der Akademie Athens noch einen letzten Ruf zu geben vermochte. Sie konnte nicht unbekannt sein mit den Namen und Leistungen einiger berühmter Rhetoren, die jenen Lehrstul der Sophistik einnahmen, welchen einst ihr eigener Vater Leontius besessen hatte, wie vor allen andern des bewunderten Atheners Lachares, welcher ein Bruder des Grammatikers Dioskorides war.Die letzte Blüte der Universität Athen im 5. Jahrhundert hat ausführlich dargestellt Hertzberg im dritten Bande. Siehe auch Zeller, Die Phil. der Griechen, III, zweiter Teil.

Die Philosophen Attikas fuhren fort Heiden zu sein. Fern von dem Gewühle der Weltstadt Constantinopel und nicht berührt von den geistigen Kämpfen der Zeit, hüteten diese Träumer am Kephissos, im Anblick der zwar verlassenen aber noch von ewiger Jugendschönheit leuchtenden Marmortempel Athens, den letzten schwachen Geistesfunken vom antiken Leben Griechenlands. Sie alle waren tadellose Männer von solcher Mäßigkeit und Reinheit des Lebenswandels, daß sie selbst den Christen als Muster hätten dienen können. Sie sahen den ungeheuern Tod vor sich, welcher die antike Welt verschlang, und wollten als deren letzte Zeugen wenigstens mit classischem Anstand sterben.

Die Schonung oder Gleichgültigkeit, mit der die byzantinische Regierung, selbst unter dem Regiment der Pulcheria, diese wundergläubigen Magier und Geisterseher in Athen behandelte, war schwerlich der Pietät zuzuschreiben, welche die ehemalige Philosophentochter Athenaïs noch für ihre heidnischen Landsleute bewahren mochte. Sie erklärt sich vielmehr aus dem verständigen Verhalten jener Schwärmer für ein untergegangenes Ideal. Denn sie hüteten sich das Christentum öffentlich anzugreifen, wie ihre Vorgänger Celsus, Philostratus, Phorphyrius, der Kaiser Julianus und Libanius es gethan hatten. Den Bischof Athens haben sie kaum zu Denunciationen herausgefordert. Außerdem war die christliche Kirche im ganzen Orient mit ihren heftigen Streitigkeiten um die nestorianischen und monophysitischen Probleme so tief beschäftigt, daß sie keinen Blick für die antiken Mystiker Athens hatte.H. Kellner, Hellenismus und Christentum, S. 396.

Als eine unschädliche Reliquie des Altertums betrachtete vielleicht auch die byzantinische Regierung jene letzte Philosophenschule. Sie kostete der Staatskasse nichts, denn die Professoren in Athen bezogen ihre Einkünfte aus dem Stiftungsvermögen der platonischen Akademie, welches zur Zeit des Proklus eine jährliche Rente von tausend Goldstücken abwarf.Photius, Bibl. 346a.

Die seit Constantin bis ins sechste Jahrhundert fortgesetzte Duldung der classischen Tradition von der Weisheit Platons auch in ihrer Auflösung in phrasenhaften Dunst, ideenlose Phantastik und Magie ehrt die byzantinischen Kaiser nicht wenig. Sie warteten lange geduldig, bis dies letzte Lämpchen auf dem Altar des Hermes und der Musen von selbst erlosch. Aber derselbe Justinian, welcher auch den römischen Consulat verschwinden ließ, verlor die Geduld seiner Vorgänger. Unfähig, die geschichtlich interessante Anomalie in seinem Reiche zu ertragen, nämlich das Fortbestehen des Heidentums in einer wissenschaftlichen Körperschaft, verbot er im Jahre 529 das Lehren der Philosophie in der Vaterstadt Platons, und dann zog er die akademische Stiftungsrente ein.

Die letzten sieben Weisen Athens wurden brotlos: sie wanderten mit tragischem Entschluß aus den Platanenhainen dort nach dem fernen Magierlande Persien, wie vor ihnen die christlichen Nestorianer, aber die Zeiten des Apollonius von Tyana waren vorbei. Die sieben Auswanderer täuschten sich in der Erwartung, unter den Persern des Chosroes die rauhen Tugenden der Zeitgenossen des Cyrus wieder zu finden, wie in dem großen Sassaniden Nuschirwan einen Philosophenkönig auf dem Trone, und in seinem barbarischen Sclavenreiche den Musterstaat des Plato und Plotin anzutreffen.

Sie sehnten sich bald von Ktesiphon in ihre Heimat zurück, um unter den Trümmern des griechischen Altertums ihr hoffnungsloses Leben zu beschließen. Der Großherr Asiens erwirkte die ungekränkte Rückkehr seiner Schutzbefohlenen nach ihrem hellenischen Vaterlande durch einen besondern Artikel des Friedensvertrages, welchen er im Jahre 533 mit dem Kaiser Justinian abschloß. So wurde der friedliche Abschied der letzten Philosophenschule von der antiken Welt seltsamer Weise ein Titel des Ruhms für einen Nachfolger auf dem Trone der großen Feinde Athens, des Darius und des Xerxes.Agathias, Hist., II, 30. Die letzten sieben Weisen Athens waren Damascius, Simplicius, Eulalius, Priscianus, Hermias, Diogenes und Isidorus.

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