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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XI.

Große Aufgaben pflegen im Manne, an welchen sie plötzlich herantreten, die Kraft und das Genie zu steigern, aber das Weib sucht in ähnlichen Lagen seine Stärke in dem natürlichen Tact und in der Kunst, sich dem Fremden anzuschmiegen, dem Feindlichen auszuweichen, oder es durch Liebreiz zu versöhnen. Ein schönes und geistvolles Weib empfindet die socialen Gegensätze minder lebhaft als der Mann, der sie als Schranken erkennt und bekämpfen muß.

Aber wenn auch Athenaïs sich des weiblichen Privilegiums der Ebenbürtigkeit für die höchste Lebensstellung bewußt war, und wenn sie selbst eine Zeit lang als Palastdame Pulcheria's die höfische Schule durchgemacht hatte, so erforderte es doch für sie keine geringe Kraft, von der glänzenden, aber gefahrvollen Welt, der sie jetzt angehörte, mit Anmut und Würde Besitz zu nehmen. Sie mußte nun im Verkehr mit Menschen argwöhnisch, berechnet und herablassend sein, wo sie früher natürlich und liebenswürdig gewesen war. Sie mußte die Huldigungen der Großen des Reichs entgegennehmen, und die stolzen Patricierdamen aus alten Consulargeschlechtern als Kaiserin empfangen mit dem Bewußtsein, daß jede von ihnen sie im Herzen verabscheute.

So oft sie sich durch die Säle der Hofburg bewegte, deren Marmorparkette an jedem Morgen Hunderte von Sclaven mit Goldsand bestreuten, ging sie von Hofdamen begleitet an Scharen von Kämmerlingen vorüber, welche die Philosophentochter aus Athen keines Blickes zu würdigen hatte, wenn sie sich vor ihr zu Boden warfen. Jeder ihrer Schritte war vom peinlichsten Hofceremoniel vorgeschrieben, gezählt und überwacht. Dies Ceremoniel stammte von Diocletian und Theodosius dem Ersten her, welche die höfischen Einrichtungen der Könige Persiens auf den römischen Palast übertragen hatten. Die zahllosen Haus- und Hofbeamten waren in Rangklassen oder Schulen eingeteilt, denen Palastmeister vorstanden. Der allmächtige Großkämmerer, in der Regel ein Eunuch und erklärter Favorit des Kaisers, führte die Aufsicht über das Hofpersonal, unter dem Titel des Präpositus des heiligen Schlafgemachs. Er war nach einer ausdrücklichen Bestimmung Theodosius des Zweiten im Range dem Präfecten des Prätoriums und der Stadt gleichgestellt.Cod. Theod., lib. VI, 8, 1. De praepositis sacri cubiculi, erlassen zu Gunsten des Macrobius, im Jahre 422. An der Spitze aller Angelegenheiten des kaiserlichen Hauses stand der Magister Officiorum, der Hausminister oder Hofmarschall.

Unter dem Druck der höfischen Etikette hat Athenaïs oftmals mit Sehnsucht an die Haine am Kephissos Athens zurückdenken müssen, aber sie wäre nicht ein junges, lebenskräftiges Weib gewesen, wenn sie nicht schnell gelernt hätte, ihre persönliche Freiheit mit der goldenen Sclaverei des Palastes zu vertauschen, und ihre philosophischen Grundsätze dem Ehrgeiz der Kaiserin aufzuopfern. Sie konnte das wahrscheinlich schneller und besser als ihre Vorgängerinnen in der byzantinischen Hofburg, die schöne Tochter Bautos, und Aelia Flaccilla, die erste Gemalin des großen Theodosius.

Wenn neben ihrem Ehrgeiz auch ihr Herz Befriedigung gefunden hatte, so konnte Athenaïs als Eudokia sich selbst glücklich preisen. Ob das der Fall gewesen ist, ist für uns ein Geheimniß geblieben. Aber so viel ist gewiß, daß sie lange Jahre hindurch die Zuneigung ihres Gemals besessen hat.

In dessen Wesen sich zurecht zu finden, war eine der schwierigsten Aufgaben für sie, denn dasselbe stand zu allen ihren hellenischen Gewohnheiten in Widerspruch. In der Seele des jungen Frömmlers Theodosius lebte keine männliche Leidenschaft. Als ein Pedant war er auferzogen worden, und vielleicht hatte die Gelehrsamkeit der Philosophentochter ihn noch mehr begeistert als ihre wunderbare Schönheit. Er selbst war ein Bücherwurm, wie Claudius. Er studirte die Nächte hindurch beim Schein einer Lampe, die er sich so künstlich hatte einrichten lassen, daß sie sich selber mit Oel versorgte.

Wenn man die Lobpreisungen der Höflinge auf das geringste Maß herabsetzt, so bleibt doch immer dies übrig, daß der junge Kaiser viel studirt und viel gelernt hatte. Er war bewandert in der griechischen und lateinischen Literatur, selbst in der Astronomie und den mathematischen Wissenschaften. Einen zweiten Salomo hat ihn Sozomenus genannt wegen seiner Kenntnisse von der Natur der Steine und Pflanzen. Er zeichnete und malte, er war ein Dilettant in der Bildhauerei und andern technischen Künsten. Er schrieb so sauber Handschriften in goldnen Lettern ab, und zierte sie mit Miniaturen so kunstvoll, daß ihn Schmeichler und Spötter den »Kalligraphen« zu nennen pflegten. Noch im dreizehnten Jahrhundert zeigte man Codices von seiner Hand, namentlich Evangelien, deren Text Blatt für Blatt in Kreuzesform geschrieben war.Nicephorus, II, c. 3. Von seiner Kunstfertigkeit noch Cedrenus, I, 571, Zonaras, II, 35. Er sammelte, wie sein Zeitgenosse Sokrates sich ausdrückt, mit der Leidenschaft eines Ptolemäus Philadelphus Bücher, aber meist heiligen Inhalts. Mit Bischöfen wußte er wie ein Bischof zu disputiren. Am frühen Morgen sang er mit seinen Schwestern geistliche Hymnen. Er fastete in jeder Woche zweimal, an der vierten und sechsten Ferie. Sein einziges Vergnügen war die Jagd, welche er mit Leidenschaft liebte.

Wir haben keinen Grund weder bei Theodosius, noch bei seiner Schwester Pulcheria solche geistliche Tugenden für erheuchelt zu halten. Der junge Kaiser war religiöser und frommer als sein Großvater, ohne den Fanatismus dieses geborenen Spaniers zu besitzen. Seine Bildung und Gemütsart schützten ihn davor.

Alle seine Zeitgenossen sind einstimmig in dem Ruhme seiner Humanität, Sanftmut, Güte und ungetrübten Seelenruhe.Φιλανθρωπία – γαλήνη ψυχη̃ς ζάλην ου δεχομένη, ein schönes Lob des Zeitgenossen Theodoretus, Ecc. Hist., V, c. 36. Aehnlich Sokrates, der den Tugenden des Kaisers ein eignes Kapitel (VII, 22) gewidmet hat, und Sozomenus in der Zueignung seiner Kirchengeschichte an Theodosius. Ihre von einander unabhängigen Zeugnisse werden im Ganzen durch geschichtliche Thatsachen bestätigt. Denn, wenn je ein byzantinischer Kaiserhof von Verbrechen frei geblieben ist, so war es dieser des zweiten Theodosius während einer langen Zeit. Sozomenus preist seine Regierung, deren letzte Jahre er freilich nicht geschildert hat, als einzig, weil sie sich von Blutschuld rein erhielt.’Αναίμακτον δὲ καὶ καθαρὰν φόνου πάντων τω̃ν πώποτε γενομένων, μόνην τὴν σὴν ηγεμονίαν άπας αιω̃ν αυχει̃. In der Widmung.

Seine Zeitgenossen haben die Milde des Fürsten durch einige Beispiele gezeichnet. Als Theodosius eines Tages im Amphitheater eine Jagd aufführen ließ, und das erhitzte Volk Kämpfe mit reißenden Thieren verlangte, verweigerte er das als unmenschlich. Als beim Wagenrennen im Hippodrom ein wütendes Gewitter losbrach, rief er die Zuschauer auf, einen geistlichen Hymnus zu singen, und in Procession zog der Kaiser aus dem Circus nach einer Kirche. Als ein verehrter Bischof gestorben war, ließ er sich dessen Kleid bringen, um es selbst zu tragen. Als einst ein frecher Mönch, dem er eine Forderung nicht bewilligt hatte, ihn verwünschte, erschien er nicht zur Malzeit und ruhte nicht eher, bis der Fanatiker seinen Fluch zurückgenommen hatte. Einer seiner Vertrauten fragte ihn, warum er sich niemals an einem Beleidiger durch dessen Tod räche; der Kaiser erwiderte: ich wünschte, daß ich Todte auferwecken könnte.

Solche Eigenschaften konnten Theodosius nicht unter großen Staatsmännern oder kriegerischen Königen glänzen machen. Die Priester erhoben ihn als das Ideal des Fürsten zu den Sternen, doch Männer konnten ihn als Schwächling mißachten.

Er wird geschildert als ein Mann von mittelmäßiger Gestalt, mit blondem Haar, mit feingeschnittener Nase, mit schwarzen scharfblickenden Augen, deren Wimpern tief herabhingen. Seine Art, mit Menschen umzugehen, war von ungezwungener Höflichkeit.Dies Porträt gibt Cedrenus, I, 587.

Seine Münzen (und kaum die am sorgsamsten ausgeführten von Gold geben eine sichere Porträtähnlichkeit) stellen ihn in verschiedenen Epochen seiner Regierung dar, meistens mit edel geschnittenem Profil und bartlos, wie die Antlitze der byzantinischen Kaiser überhaupt bis auf Phokas abgebildet sind. Er erscheint bald in militärischer Tracht, mit dem Helm auf dem Haupt, welchen ein Perlenband umschlingt, mit Schild und Lanze; bald sitzend, im Diadem, ein Volumen in der einen, ein Kreuz in der andern Hand, oder aufrecht stehend, mit dem Labarum und dem Globus.Die Münzen, bei Sabatier, I, 111 ff. Eine Kupfermünze stellt Theodosius dar, den Globus auf der Hand, stehend auf einer Trireme, die von einer Victoria gezogen wird.

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