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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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IX.

Athenaïs war jetzt Gebieterin in dem Palaste zu Byzanz, dem Sitz erlauchter Kaiser und Kaiserinnen, und von hier überblickte sie mit Genugthuung die große Weltstadt, in welche sie aus Athen als die Gemalin eines Kaisers verschlagen worden war. In diesem Cäsarenschloß hatte Konstantin das römische Palatium zu überbieten gesucht, und er übertraf dasselbe durch seine herrschende und zugleich entzückende Lage an der schmalen Meerenge, welche Europa von den Gestaden Asiens trennt. Dort verbreitete sich die große Kaiserburg auf dem Ostrande der Landzunge des Bosporus, wo ehemals die Akra des alten Byzantium gestanden war. Marmortreppen führten zum Palasthafen hinab; und hier ankerten die kunstvoll gebauten Schiffe, welche für den Dienst des Kaisers bestimmt waren.

Die Residenz war, wie jene auf dem römischen Palatin, ein Labyrint von Palästen und Höfen, von Gärten, Triklinien und Sälen, welche der Luxus des Orients und die Künste Griechenlands mit Schönheit und überschwänglicher Pracht erfüllten. In der Mitte lag der große Tronsaal für die feierlichen Staatsactionen, während das berühmte Porphyrgemach die Kaiserinnen aufnahm, wenn die bange Stunde nahte, wo ein purpurgeborner Sprößling der unseligen Welt geschenkt werden sollte.

Südlich führte die Kochlias oder das Schneckentor durch reiche Anlagen und den Vorhof Triklinium zu dem Hippodrom, dem weltberühmten Mittelpunkte Constantinopels und aller öffentlichen Lustbarkeiten und Leidenschaften seines unruhigen Volkes. Dort standen die vier goldenen Pferde, die einst von Athen nach Chios, sodann nach dieser Kaiserstadt gebracht worden waren. In der Mitte des Circus erhob sich der ägyptische Obelisk, welchen Theodosius der Große im Jahre 390 aufgerichtet hatte.

Westwärts ging man durch das eherne Hauptportal nach dem Erzhof Chalke, den Propyläen der Kaiserburg, bestehend aus Palästen und Säulenhallen, die alle mit vergoldeten Erzziegeln gedeckt waren. In den Portiken lagen die Prätorianergarden des Kaisers.

Von hier aus gelangte man durch die Kaiserhalle zwischen der Sophienkirche und dem Senatspalast nach dem ersten der schönen Plätze Constantinopels, dem Forum Augustäum. Die porphyrne Bildsäule der Helena Augusta gab ihm den Namen, und auch die silberne Statue Theodosius des Großen stand daselbst auf einer Säule, welche Arcadius errichtet hatte. Die Mitte dieses Platzes nahm das Milium ein, der prachtvolle triumfbogenartige Meilenzeiger aller Hauptstraßen des byzantinischen Reichs, der an das Milliarium Aureum in Rom erinnerte. Außer andern Statuen, wie den Reiterfiguren des Trajan und Hadrian, stand an diesem Milium das Reiterbild des Gemals der Athenaïs, auf der Rechten den Globus, auf der Linken eine ihn krönende Victoria tragend.

Vom Augustäum führten Wege nordwärts zu den Bädern des Zeuxippus, zu dem Lampenhause oder illuminirten Bazar am goldnen Horn, und dem von Schiffen bedeckten Welthafen, welche die Schätze Indiens, Persiens, Arabiens und die Handelsartikel westlicher und nordischer Zonen nach der Kaiserstadt brachten.

Südwärts führten andere Straßen wieder zum Circus und zu den Vierteln an der Propontis, westlich durch die Hallen des Severus zum Hauptplatz der Stadt, dem ungeheuern Oval des Forums Constantins. Zwei Triumfbogen bildeten seinen Eingang. Zweistöckige Säulenhallen aus Marmor von Prokonnesos umringten ihn, und in seiner Mitte stand die hundert Fuß hohe Porphyrsäule, unter deren Basis man das Palladium Roms versenkt glaubte. Auf ihrem Gipfel trug sie die eherne Colossalfigur des Gründers der neuen Roma.

Das Forum Tauri oder Theodosianum lag südwestwärts nach der Propontis hin; hier erhob sich die silberne Statue Theodosius des Großen auf einer hohen Triumfsäule, die der trajanischen in Rom nachgebildet war. Derselbe Kaiser saß dort als Bellerophon auf dem Pegasus von Erz, und dieses Kunstwerk stammte aus Antiochia. Im Forum des Arcadius stand eine andere gewundene Säule, auf welche Theodosius der Zweite im Jahre 420 das Standbild seines Großvaters gestellt hatte.

Die östliche Hälfte der Stadt, den Hauptteil Constantinopels, schloß gegen Westen die von demselben Theodosius ausgebaute und reichgeschmückte Porta Aurea, das goldne Tor der Landmauern.Ueber den byzantinischen Kaiserpalast und seine Umgebungen geben Aufschluß Ducange: Constant. christiana; Hammer, Constantinopel und der Bosporus; O. Frick, Byzantium in Pauly's Realencyklopädie; Hertzberg, Gesch. Griechenlands unter der Herrschaft der Römer, III, 253 fg. Eine brauchbare Schilderung und Plan gibt A. Schmidt, Der Aufstand in Constantinopel unter Kaiser Justinian.

Als ein Abbild der alten Tiberstadt war die neue Kaiserresidenz des Ostens von ihrem Gründer angelegt worden. Wie jene hatte auch diese 14 Regionen, 7 Hügel, ein Capitol, ein Palatium, ein Marsfeld (Strategion), Fora, Tempel, Basiliken, Theater, Thermen, und den Circus mit seinen Factionen. Jeder Römer konnte, wenn er das übermütige Constantinopel, die nach der Ansicht der Griechen schönste Stadt der Welt, betrat, über diese sclavische Nachäffung Roms lächeln und das Urteil fällen, daß jene gewaltigen Bauten nur kalte Prunkgebäude seien, ohne das Gepräge monumentaler Geschichtlichkeit und ohne die erhabene Schönheit der Bauwerke Roms aus der Zeit des Augustus, Trajan und anderer Kaiser. Aber er durfte sich nicht verhehlen, daß diese Mängel aufgewogen wurden durch die unvergleichliche Lage Constantinopels an den Meeren zwischen Asien und Europa, und durch eine steigende Entwicklung zu Reichtum und politischer Größe, welche diese Tochter der alten Roma zur Gebieterin der römisch-griechischen Welt machen mußte.

Als Athenaïs die Gemalin des Theodosius wurde, bestand die neue Hauptstadt des Ostens noch nicht volle hundert Jahre, und erst seit dem Großvater dieses Kaisers war sie die ständige Residenz der byzantinischen Herrscher. In diesem Zeitraum hatte sie einen Umfang von vierzehn römischen Millien erreicht, und sie dehnte sich gerade während der Regierung Theodosius des Zweiten über alle sieben Hügel aus.Gibbon, Kap. XVII. Nach der Berechnung von O. Frick umfaßten sie hundert und elf Stadien. Sie war der Sammelplatz der Rassen und Sprachen des Morgen- und Abendlandes, das Emporium des Handels dreier Weltteile, wie ehedem Alexandria und Rom, die uneinnehmbare Centralfestung und der Mittelpunkt der Verwaltung eines großen, aus uralten Culturländern musivisch zusammengesetzten Reichs, dessen Wesen sich eben auszuprägen begann.

Derselbe Mangel an nationaler Einheit, welcher dem ganzen oströmischen Reiche eigen war, zeichnete auch dessen neue Hauptstadt aus. Wie ein asiatischer Despot bei ähnlichen Gründungen, hatte sie Constantin gewaltsam bevölkert, indem er aus nahen und fernen Städten des Römerreichs Einwohner in sie verpflanzte. Ihr Grundstock war byzantinisch-griechisch, aber die lateinischen Colonisten bildeten anfangs die Mehrzahl. Nach und nach strömten andere Elemente hinzu, und Constantinopel stellte im Auszuge das Römerreich selber dar. Römer, Griechen und Syrier, Aegypter, Armenier und Juden, selbst Barbaren hunnischer und germanischer Abkunft, die den Kern des Heeres bildeten, setzten das chaotische Gemisch des Volkes der Kaiserstadt am Bosporus zusammen, welches an Zahl schon längst das damalige Rom übertraf.

Es war ein Volk erst im Werden, noch in der Gärung begriffen und ohne das Selbstbewußtsein, welches eine große einheitliche Geschichte verleiht. Weil die neue Schöpfung Constantins aus dem Greisentum Roms entsprungen war, trug sie schon in ihrer Jugend greisenhafte Züge. Es sind überall grelle Gegensätze, die im Leben Constantinopels zur Zeit des Theodosius und der Athenaïs sichtbar werden; denn hier vereinigten sich Heidentum und Christentum, die alte abgestorbene und die neue aufstrebende Welt. Hier sah man beieinander asiatischen Reichtum und gierige Pöbelarmut, christlichen Glauben und chaldäische und persische Astrologie; fakirhaftes Mönchtum und das Bettelphilosophentum Griechenlands, feinste classische Bildung der Hellenen und ungezähmte Rohheit der Scythen, die Reste aller alten Religionen des Morgenlandes, die Laster und Tugenden der antiken und neuen Menschheit, den finsteren Ernst und die Heuchelei christlicher Askese und die frivolste Genußsucht.

Die Leidenschaft der Römer noch in eben dieser Zeit ihres politischen Unterganges für Theater und Circusschauspiele ist bekannt genug, aber sie bedeutete nicht viel im Vergleich zu Constantinopel, wo der Hippodrom mit seinen Wagenlenker-Parteien eine Macht im Staate wurde, weit gefährlicher als die der alten Prätorianer gewesen war. Man muß die Homilien des Johannes Chrysostomus lesen, um einen Einblick in die Laster, die Eitelkeiten, den Sinnentaumel, den Fanatismus und den noch ganz heidnischen Aberglauben des christlichen Volkes am Bosporus zu haben.

Alle öffentlichen Formen des Lebens dort waren noch römisch, und die Sprache der vornehmen Gesellschaft, des Staats und des Hofes blieb die lateinische. Athenaïs hatte dieselbe wahrscheinlich schon in ihrer Vaterstadt Athen erlernt, denn die Weltsprache Roms wurde überall in den Schulen der Städte des Reichs, selbst in Alexandria und Antiochia gelehrt und gesprochen. Sie blieb bis ins siebente Jahrhundert die officielle Sprache Constantinopels. Gregor der Erste hatte dort, ehe er Papst wurde, einige Jahre als römischer Nuntius zugebracht, ohne doch das Griechische zu erlernen. Die Gesetze des Reichs wurden sowol von Theodosius dem Zweiten als von Justinian lateinisch publicirt, und selbst in den Concilien der anatolischen Kirche mußten die griechisch redenden Bischöfe sich lateinische Anreden gefallen lassen. So hat der Nachfolger des jüngeren Theodosius, der Kaiser Marcian, das Concil in Chalcedon im Jahre 451 mit einer Rede in lateinischer Sprache eröffnet. Die byzantinischen Münzen behielten die römischen Typen und lateinischen Legenden noch bis zum achten Jahrhundert, wo sie griechischen Inschriften Platz machen.Sabatier, Inscription générale des Monnaies Byzantines, I, 26.

Das römische Wesen hatte also in dem Staatsgedanken und den civilen Gesetzen sein Princip, aber die griechische Nation drang immer massenhafter in die Hauptstadt ein, und zu ihr bekannte sich die größeste Macht Ostroms, die Kirche. Sie war die volkstümliche Trägerin der hellenischen Literatur, der sophistischen Redekunst und Bildung überhaupt. Ihre Sprache war griechisch, weil dies die Weltsprache des Ostens war, so weit ihn Alexander der Große hellenisirt hatte. Von der Kirche ging die Ueberwindung des Römertums aus, und seine Umschmelzung in den Byzantinismus.

Der Byzantinismus entstand als das eigenartige Culturgepräge der Hauptstadt des Ostreiches, welche noch einmal das Beispiel der centralisirenden Macht des alten Rom wiederholte, aber nicht mehr durch erobernde Waffengewalt, sondern durch einen geistigen Proceß verschiedenartige Völker zu einem Ganzen zusammenband. In dem großen Schmelztiegel Constantinopel gingen die griechisch-römische Cultur des Heidentums, die christliche Religion, der kosmopolitische Mechanismus des Cäsarentums, und die Lebensformen und Sitten Asiens eine Verbindung ein, die als byzantinische Form weltgeschichtlich geworden ist. Ihr Einheitsprincip war die griechische Kirche.

Gerade unter Theodosius dem Zweiten hat die Gräcisirung Constantinopels die ersten großen Fortschritte gemacht. Er selbst gab der Welt den deutlichsten Beweis seiner griechischen Sympathien; denn nachdem noch sein Vater eine Abendländerin aus Gallien zu seiner Gattin erwählt hatte, führte er eine Athenerin auf den Kaisertron, trotz seiner Bigotterie darum unbesorgt, daß diese Hellenin eben erst die Götter Griechenlands angebetet hatte.

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