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Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Die Silberquelle

Als Wera ihre Aufzeichnungen geschlossen hatte, war es so spät geworden, daß sie vor dem Abendessen gerade nur Zeit fand, einmal durch den Ort zu gehen und einige Einkäufe zu machen. Bei Tische nahm sie die Karte von dem Alpinisten in Empfang und hörte mit Vergnügen auf seine begeisterten Schilderungen aus der Bergwelt. Der Platz des Ingenieurs war leer geblieben. Er hatte absagen lassen. So wechselte Wera nach Tische nur einige gleichgültige Gespräche mit verschiedenen Gästen und zog sich bald zurück. Eigentlich wollte sie noch die Karte für ihren Zweck studieren, aber die Beleuchtung des Zimmers war dazu nicht geeignet. Ermüdet von all den neuen Eindrücken zog sie es vor, ihren ersten Menschenschlaf zu tun.

Am andern Morgen weckte sie der helle Tag. Schnell huschte sie ans Fenster und warf einen Blick durch die Gardine. Über das grüne Tal und die schimmernden Gletscher herüber leuchtete das weiße Haupt des Blankhorns im Sonnenglanz. Wera winkte ihm grüßend zu. Ob der Alte sie sehen konnte? Aber eiligst trat sie zurück. Sie war ja keine Wolke mehr. Seltsame Seelenmischung – das war wohl ein Menscheninstinkt?

Doch die Frage interessierte sie nicht. Wie steht es im Langberg? Das war der Gedanke, der sie jetzt so ausschließlich beschäftigte, daß von den vielen Erinnerungen, die noch in ihrer Weraseele schlummerten, keine einzige irgendwie deutlich emporstieg. Hier war eine Aufgabe für ihren jungen Menschenstolz. Die Natur mit Menschenaugen zu betrachten, die Macht der Erkenntnis nun selbst zu üben, das hob und erfüllte ihre ganze Seele – alles, was weiter zurück lag, war im Augenblick nicht für sie vorhanden.

Bald saß sie am Tische und hatte das Tunnelprofil und die Karte des Alpinisten vor sich ausgebreitet. Das Kartenbild sah freilich ganz anders aus als die Landschaft aus der Wolkenhöhe. Das also war der Langberg! Er trennte das Tal des Schaumbachs, an dem Schmalbrück lag, von der Schlucht der Festina, die unten bei St. Florentin den Schaumbach in sich aufnahm. Nach der Seite der Festina hin besitzt der Langberg einen starken seitlichen Vorsprung, den der Fluß in weitem Bogen umgehen mußte. Dabei hatte er eine enge Klamm ausgewaschen. Die Bahn kam von St. Florentin her im Festinatal herauf, überschritt den Fluß dicht vor der Klamm und mußte nun den Vorsprung des Langbergs in dem bewußten Tunnel durchbohren.

Dieser Vorsprung war durch eine Reihe von Gießbächen zerrissen, die in die Klamm niederstürzten. Von ihnen war der Silbertobel der tiefste und wildeste, und an einer Stelle dieser Schlucht trat die Silberquelle – wie Aspira den gesuchten Ausfluß nannte – aus dem Berge hervor. Aber wo lag diese Stelle? Lag sie tiefer als der Tunnel, so mußte der Weiterbau notwendig in die Kalkschicht geraten, und dann trat die befürchtete Gefahr ein. Die Karte konnte darüber keine Auskunft geben, denn die Menschen wußten von dem unterirdischen Zufluß nichts, weil ihn der durch den ganzen Silbertobel rauschende Bach verdeckte. Aspira kannte die Stelle nur aus den Merkmalen der Umgebung. Sie mußte sie also, um ihre Höhenlage festzustellen, selbst aufsuchen.

Aber wie dahin gelangen? In ihrem Wolkenbewußtsein war ihr das sehr einfach vorgekommen, jetzt vor der Karte sagte sie sich, welche Schwierigkeit und Gefahr darin lag, diese Berge auf ungebahnten Wegen zu durchstreifen. Wenn sie nicht wie der Alpinist den Langberg überqueren wollte, mußte sie die wilden Schluchten überklettern, die vom Langberg nach der Festinaklamm abstürzen.

Wera wurde ärgerlich und legte die Karte zusammen. Was sollte sie lange grübeln? Versuchen wir's, sagte sie sich. Sie versah ihren Handbeutel mit den erforderlichen Instrumenten, einem Taschenbarometer und einem Thermometer zur Bestimmung der Wassertemperatur. Beim eiligen Frühstück nötigte ihr Frau Leberecht noch einen wohlverpackten Imbiß auf. Vor dem Hotel begegnete ihr der Hausdiener, der eben von der Post zurückkam, und händigte ihr einen Brief und eine Drucksache aus. Sie nahm sich gar keine Zeit, die Papiere anzusehen, sondern steckte sie eilends in die Tasche ihres Kleides. Denn es war für ihre Expedition schon spät geworden.

Um die andere Seite des Langbergs zu gewinnen, schlug Wera zunächst den Weg nach dem Tunnel ein. Von dort führte sie ein schmaler Holzfällerpfad durch den Wald bis auf die Matten. Schon sah sie die Schiefklippe und den Steinbruch unter sich liegen. Nun mußte sie oberhalb der Waldgrenze bis an den Silbertobel gelangen, um ihn seiner ganzen Erstreckung nach im Walde zu verfolgen, denn sie wußte ja nicht, in welcher Höhe die Silberquelle lag. Da aber kam der erste Einriß. Sie mußte sich einen Weg durch die Felstrümmer der Schlucht suchen, über den Bach springen und auf der andern Seite hinaufklettern. Obwohl ihr das alles leichter gelang, als es einem Menschen ohne Wolkenerbteil möglich gewesen wäre, verging doch ziemlich viel Zeit darüber. Und solcher Schluchten gab es vier bis zum Silbertobel! Sie sah nach der Uhr und blickte sich dann ziemlich ratlos um.

»Ach, wär ich nur auf ein paar Minuten eine Wolke, wie schnell wäre ich drüben! Aber das geht nun nicht – Ich bin nur ein Mensch und will es sein! Hier müssen Menschenmittel helfen. Ich will denken!« Sie sammelte alle ihre Erinnerungen an ihre letzte Regenfahrt von den Gamssteinen in die Festinaschlucht. Wenn es ihr gelang, die ungefähre Höhe der Silberquelle zu ermitteln, so brauchte sie nicht den ganzen Tobel hinabzuklettern, sondern konnte ihren Weg bedeutend kürzen und zugleich die Übergangsstellen über die Einschnitte sich aussuchen, indem sie bergab stieg. Von einer ins Tal hervorspringenden Klippe gewann sie einen umfassenden Einblick in die Schlucht. Und dort, an der gegenüberliegenden Seite der Schlucht, etwa hundertfünfzig Meter unter ihrem Standpunkt, erkannte sie eine Felspartie, oben abgeplattet, und auf dieser Platte lagen die verkrümmten, dicken Wurzeln einer umgestürzten und abgestorbenen Kiefer, die wie die silbergrauen Glieder eines riesigen Drachens im Sonnenschein schillerten. Da blitzte es in ihr auf. Diese grotesken Windungen waren ihr jedesmal in dem Augenblicke aufgefallen, wenn sie aus dem Berge hervorquellend das Licht wieder erblickt hatte. Aber sie erinnerte sich deutlich, daß der Fels ausgesehen hatte wie ein Tierkopf, der dieses wunderliche Gehörn auf dem Scheitel trug. Die Platte und der untere Teil des Holzes waren nicht sichtbar gewesen. Also hatte sie den Felsen von unten gesehen, und die Silberquelle mußte somit tiefer liegen als jener Felsen.

Sie konnte von hier auch den nächsten Einschnitt überblicken und erkannte, daß er ein Stück tiefer unten zu einer schmalen Spalte wurde. Also dorthin! Sie sprang den Berg hinab. Dabei bemerkte sie zu ihrem Entzücken, daß sie mit voller Sicherheit wie von der Luft getragen über die Steine und durch das Gestrüpp des Bodens flog. Und so setzte sie auch mit einem kühnen Sprung über den Spalt. Nun kam sie in den Wald, der aber hier nur aus vereinzelten, verkümmerten Bergkiefern bestand.

Sie glühte in Lebenslust und Kraft. Es war ihr, als summte es um sie: »Wohin, Aspira, wohin so geschwind?« Und übermütig rief sie: »Zur Silberquelle!« Plötzlich ein breiter Riß, den sie nicht zu überspringen wagte. Ärgerlicher Aufenthalt! Mußte sie hier wieder klettern?

Da kam's hinter ihr von oben polternd herab, ein großer Felsblock. Sie erschrak nicht, sie wußte, daß er sie nicht trifft. Er sauste vorbei in den Einschnitt und riß dabei einen schon halb entwurzelten größeren Stamm um, daß er sich über den Erdriß wie eine Brücke legte. Jauchzend lief sie ohne Besinnen hinüber. Ein Stück des Kleides blieb an einem Aste – was tat's? Ihre Freund vom Berge schützten sie. Unter ihr verbarg das Moos Löcher und Spalten des Gesteins, lagen Trümmer von Ästen und Wurzeln, aber ihr eilender Fuß traf stets den festen Boden, die sperrigen Zweige der Bäume wichen zurück, der letzte Wildbach ward übersprungen, noch ein Stück Wald durch hochstämmige, bemooste Fichten – sie stand am Silbertobel.

Und im Augenblick erkannte sie die Stelle. Da aus jenem Spalt rauschte eine Quelle direkt im Bette des Bachs. Und drüben durch die Wipfel der Bäume blickte von der andern Talseite der Widderfelsen mit seiner Schlangenkrone.

Sie kletterte bis hinab an das Wasser, von dem sie schlürfte. Dann saß sie ausruhend auf breitem Felsstück. Schnell waren Barometer u Notizbuch hervorgeholt. Das Tunnelniveau stieg bis 1952 Meter. Was würde sich ergeben? Wie hoch war sie hier?

Sie mußte einen Augenblick die Augen schließen. Das Herz pochte. Dann las sie das Instrument ab.

Neunzehnhundert und – siebzig! Die Korrektion betrug noch 6 Meter. Also zwanzig Meter über der Tunneldecke! Die Angaben des Instruments konnten um zehn Meter nach oben oder unten ungenau sein. Aber im schlimmsten Falle blieb doch immer noch ein Mehr von zehn Meter, und im Innern des Berges mußte der Unterschied viel größer sein. Freilich – es konnten auch noch tiefer Verwerfungen liegen, aber von diesem Zweige des Kalkbandes drohten jedenfalls keine Störungen. Um sicher zu gehen, nahm Wera noch eine Bestimmung oberhalb des Zuflusses und in diesem selbst vor. Letztere war nur um 4 Grad höher als die des Baches. Kein Wunder, daß noch niemand auf diese warme Quelle aufmerksam geworden war. Der geringe Unterschied bewies, daß dieser Wasserlauf mit dem tiefer liegenden, zerdrückten und schlammigen Teile im Innern des Berges nicht zusammenhing.

Nun atmete Wera auf. Sie war glücklich und stolz. Ihre Freunde vom Berge hatte sie nicht verlassen, sie fühlte, wie sie rings umher für sie sorgten. Und doch hatte sie sich ihres Menschenseins würdig erwiesen. Ihr Denken hatte ihr geholfen, die Mittel der Natur hatte sie zu benutzen gewußt. Sie hatte die erste Probe abgelegt, daß sie sich einen Menschen nennen konnte, der auf der Brücke der Erkenntnis stand. Sie hatte eine wichtige und erfreuliche Feststellung gemacht.

Es litt sie nicht in der düstern Schlucht, sie wollte ins Licht, ins Freie. Aber wie? Nach dem Tunnelausgang, der in nahezu gleicher Höhe lag, wäre es nicht weit gewesen, aber da hätte sie über sämtliche, kaum zugängliche Einschnitte klettern müssen. Die Festinaklamm selbst war unpassierbar. So blieb ihr nichts übrig, als, wie der Alpinist, den Berg wieder hinaufzuklimmen. Nach zwei Stunden war die Höhe am Flügel des Berges gewonnen, von wo sie auf beide Täler und weit hinaus über den See und die Bergzacken jenseits blicken konnte. Von hier vermochte sie bequem nach Schmalbrück hinabzusteigen.

Wera lagerte sich behaglich auf dem grünen Rasen und stärkte sich an dem willkommenen Imbiß.

Und nun konnte sie träumen. Kühl war die Luft, und doch ruhte sich's so warm im leuchtenden Sonnenglanz. Wie wundervoll still und einsam lag die blumenbunte Alpenwiese! Die dunklen Nigritellen durchdufteten die Luft, um die gelbe Arnika, den orangelichten Senecio summten leise die Hummeln. Sonst kein Ton als mitunter der Pfiff eines Murmeltiers. Und weit, ganz weit, ein verhallendes Herdengeläut.

Ihre Hand strich leise über die dunkelblauen Sterne des Enzians an ihrer Seite.

Da – in der Ferne ein dumpfer Knall, noch einmal, und dann schwächer und schwächer der rollende Widerhall an den Bergwänden.

Das ist der Mensch, der felsensprengend in die Stille der Berge bricht. Der Ton stört sei nicht. Er ist ihr ein froher Gruß einer befreundeten Macht. Wie töricht, darin den Feind der Ruhe, des heiligen Friedens der Natur zu sehen! Donnert nicht auch die blitzende Wolke, stürmt nicht der Bergsturz zerschmetternd ins Tal, rauscht nicht der Wildbach vernichtend hernieder? Und sie wissen nicht, warum sie schädigen. Der Mensch aber zerstört, um Höheres aufzubauen. Aspira weiß es jetzt. Die Elemente sträuben sich vergebens. Ihr Frieden ist ein Schein. Es gibt einen höhern Frieden, es gibt einen Zweck des Schaffens, denn es gibt Menschenherzen. Ihrem Frieden die Stätte zu bereiten müssen die Elemente zum Dienste gezwungen werden. Sie wollen sich sträuben, den Menschen vertreiben – deshalb sollte sie ihn ja studieren. Aber nun hat sie erkannt, daß der Mensch im Rechte ist. Und sie, die Tochter der Natur, sie wird den Menschen schützen, sie wird ihm helfen bei seinem Werke. Denn sie beide, Natur und Mensch, haben ein gemeinsames Ziel – – der Mensch kennt es, er ist ihr Führer; so darf er herrschen, so darf er zwingen!

Und warum zwingen? Wera richtete sich empor. Warum zwingen? Warum nicht bloß führen?

Warum konnte sie die Frage beantworten, die den Ingenieur bedrängte? Warum hatte sie in die Kalkschicht blicken können? Weil sie Aspira war, die Wolke, die durch die Klüfte zu rauschen vermochte und ins Innere des Berges mit Leichtigkeit zu schauen. Aber freilich, als Wolke wußte sie nichts von den Beziehungen der Natur zum Menschen. Erst da sie ein Mensch geworden, konnte sie die Frage verstehen und mit besonnener Überlegung die Mittel ergreifen, sie zu lösen. Auch der Mensch mochte schließlich das Innere des Berges ergründen, wenn er Arbeit und Kosten und Zeit erschwang. Aber wie umständlich und langwierig war dies Beginnen! Jetzt, da sie ein Mensch geworden, konnte sie dem Menschen direkt helfen. Sie verband das unmittelbare Leben der Natur mit dem mittelbaren Erkennen des Menschen. Sie ersparte ihm unsägliche Mühe, wie heute auf ihrem Wege befreundete Geister des Berges sie großer Anstrengung überhoben hatten. Wieviel Zeit hätte ein gewöhnlicher Mensch zur Auffindung der Silberquelle verwenden müssen!

Und nun stieg es in Wera auf wie ein neues, heiliges Licht, und wie ein unendliches Glück.

Nein, nicht zwingen mehr sollte der Mensch die Elemente. Etwas Größeres noch gab es als diese Arbeit. Helfen sollten sich beide gemeinsam. Wie sie ihr freies Naturleben heute willig in den Dienst der Menschenzwecke gestellt hatte, so sollten ihre Geschwister alle, so sollten die Geister der Erde, des Wassers und der Luft sich vereinen aus freiem Entschlusse mit den Menschen. So sollte der Mensch unmittelbar in die Natur hineinschauen und in raschem Fluge von ihr gewinnen, was ihm, dem Erforscher des Gesetzes, sonst erst in der Arbeit der Jahrtausende gelang.

Das war ihre Aufgabe! Versöhnen die Reiche der Natur und des Menschen, die sich getrennt hatten. Mitarbeiten sollten die Elemente am Kulturzweck aus eignem Trieb. Dazu war sie aufgestiegen zum hohen Äther, dazu war sie herabgestiegen aus dem Reiche der Luft zu den Wohnungen der Menschen. Diese Einsicht mußte sie den Elementen wie den Menschen vermitteln. Das war die Aufgabe ihres Daseins, ihre Arbeit. Das war das Glück auf der Brücke der Erkenntnis!

Und nun an das Werk! Sie mußte damit beginnen, dem Ingenieur ihr Wissen mitzuteilen. Aber wie? Was durfte sie ihm sagen?

Doch es würde sich schon ein Weg finden. Hier eben mußte der Menschenverstand einsetzen.

Da war es ja! Die beiden Gewässer, das von oben kommende und das aus der Kalkschicht, mußten sich chemisch unterscheiden. Die brauchte also nur – wozu hatte sie denn so viele – –

Damit dachte sie zum ersten Male klar zurück an ihre Arbeit als Wera. Und ein innerer Schauer, eine dunkle Angst lief durch ihre Seele und zerriß den einfachen Gedanken – –

Warum hatte sie so viele – Quell-Analysen gemacht?

Mit der Erinnerung an ihre Arbeit tauchte eine zweite auf – ein unbestimmter Schreck durchzuckte sie, wie ein dumpfer Schrei klang ein Name – –

Paul! Paul!

Sie griff an ihr Kleid und fühlte das Knittern des Papiers. Sie riß die Postsendungen heraus. Zuerst fiel ihr die Drucksache in die Augen. Jetzt wußte sie sogleich, was es war. Die Korrektur eines kleinen Artikels aus dem Journal für Geologische Chemie – ihre letzte Arbeit vor ihrer Abreise aus der Universitätsstadt in die Alpen. Und die erste, die sie mit Paul zusammen gemacht hatte und hier veröffentlichte. Da stand es ja: Über den Gasgehalt der Quellen von Hellborn. Von P. Sohm und W. Lentius.

Paul Sohm! O wie hatte dieser Name ihr auch nur auf einen Tag entschwinden können! Der doch seit Monaten ihr alles war, ihr ganzes Leben erfüllte! Ach, nicht seit Monaten, im stillen schon viel länger – –

Ihre zitternden Finger öffneten den Brief. Von ihm!

»Meine geliebte Wera! – –«

Sie konnte nicht weiter lesen. Es wurde so dunkel. Die Sonne, die Eisgipfel, die Wiese verschwanden – – alles so wirr und leer in ihr – wer war sie?

Die freie Wolke, die vom Äther kam, die Weisheit der Menschen in sich aufzunehmen, das Gesetz zu ergänzen durch die Fülle des Lebens und den Schritt der Kultur zu beflügeln durch die Schwingen den Natur?

Oder der mühsam tastende, langsam fortarbeitende Einzelmensch, gefesselt durch zahllose Bande an die andern, gehemmt durch unbekannte Gewalten rings umher und im Innern der Menschenbrust?

Wer war sie?

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