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Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Der Ingenieur

Aus Aspiras Tagebuch

Der Ingenieur führte mich von einer Einrichtung zur andern, durch mehrere Arbeitsschuppen hindurch, und knüpfte überall seine Erklärungen an. Und je länger er sprach, um so sicherer klang seine Rede. Ich kannte den schweigsamen Mann kaum wieder. Er lebte förmlich mit seinen Röhren und Turbinen, Hebewerken und Bohrmaschinen – nein, das alles lebte in ihm, das waren ihm Kinder und Kameraden, die bei der Arbeit halfen. Wenn mir etwas besonders gefiel, freute er sich wie ein Vater, dem der Junge ein gutes Zeugnis nach Hause bringt. Wie froh war ich wieder, daß Wera ihre Zeit auf der Hochschule so gut benutzt hatte. Ich entdeckte in mir so treffliche Kenntnisse in technischen Dingen, daß ich alles ohne Schwierigkeit verstand. Wenn ich ihn etwas fragte, oder wenn er ich etwas fragte – ich glaube, er wollte manchmal sondieren, ob ich auch seinen Worten folge – dann sah er mich ganz glücklich an, daß ich nichts Dümmeres sagte. Als ich mich nach den Sprengpatronen erkundigte, da imponierte ich ihm sichtlich. Da war ich ganz in meinem chemischen Fache und verstand mehr davon als er selbst. Ich sah ihm sein Erstaunen an, aber er war zu bescheiden, mich auszufragen.

»Wissen Sie,« sagte er dann, »wenn die Sprengschüsse krachen, das ist eigentlich mein schönster Moment.«

»Nun, ästhetisch ist es gerade nicht,« bemerkte ich.

»Nein, aber ich möchte sagen – ethisch. Das wird Ihnen sonderbar vorkommen. Sehen Sie, was wir hier tun, ist doch im Grunde eine Art Kriegführung gegen diese ehrwürdige Ruhe des Gebirges, und wenn man einmal Krieg führen muß, soll es auch ehrlich sein, mit eignen Waffen, nicht mit solchen, die wir dem Feinde heimlich gestohlen haben. Und diese chemische Energie des Sprengschusses, das ist außer dem bißchen Handarbeit die einzige Wirkung, die wir aus eignen Mitteln in den Berg hineinbringen. Die Sprenggelatine haben wir hergestellt, die haben wir nicht aus diesem Gebirge. Aber alle andre Energie haben wir ja aus dem Berge selbst entwendet. Sehen Sie, diese Turbinen liefern uns sechzehnhundert Pferdestärken zum Bohren und Transportieren. Wer gibt sie uns? Der Körnbach. Und wer gibt uns den Körnbach? Der Berg. Ohne ihn hätten wir kein Gefälle. Und so zwingen wir eigentlich den Berg, sich selbst zu durchbohren. Ist das nicht Verrat?«

»O nein!« rief ich sehr lebhaft. »Das erscheint mir ganz anders. Wie kommt denn das Wasser auf den Berg? Durch die Wolke. Und wer hebt die Wolke hinauf? Die Sonne. Das Bild vom Kampfe mit den Elementen mag ich nicht hören. Die Elemente mögen freilich den Menschen als Feind betrachten, aber sie sollten es nicht. Und der Mensch darf nun schon gar nicht so denken. Nenne Sie diesen Kampf lieber eine Erziehung, eine Leitung der Natur durch den Menschen. Der Berg und das Wasser und die Wolken wissen nicht, was sie können, der Mensch weiß es, und so zwingt er sie, seinen Willen auszuführen. Er steht über diesem scheinbaren Kampfe, er vertritt die hohe Macht, um derentwillen Berg und Bach und Sonne da sind und dort dieser Zellenbau des Menschenleibes und die Vielheit der Individuen. Daß Sie den Berg durchbohren, ist doch nicht Zweck; das ist doch auch nur ein Mittel zu einem höheren Ziele, damit die Verbindung geschaffen werde von Volk zu Volk, von Geist zu Geist; damit das werde, was wir Kultur nennen und Freiheit. Der Berg weiß davon nichts. Aber er soll es lernen. Er muß es lernen –– ich will – ich meine – wenn er es wüßte, würde er sich nicht beklagen. Er hätte kein Recht dazu. Wir leihen ihm nur eine neue Fähigkeit, eine neue Macht, sowie die ganze, große, unendliche Natur auch jedem kleinen Menschlein ihre Macht leiht –« Ich brach plötzlich ab. Ich hatte mich so in Eifer geredet, – es war doch die Frage, die meine ganze Existenz erfüllte. Aber was sollte er denken? Er stand da und sah mich mit großen Augen verwundert an, als fände er keine Worte. Ich wollte von dem Thema abkommen. So fragte ich ganz unvermittelt, ob der Tunnel nicht auch von der andern Seite in Angriff genommen sei.

Martin schwieg noch immer. Dann sprach er etwas von Terrainschwierigkeiten, gleichmäßiger Steigung und Wasserabfluß, und sagte schließlich, das könne er mir eigentlich nur an den Zeichnungen deutlich machen. Ob ich nicht einen Augenblick in sein Bureau eintreten wolle. Dort könne er mir die Pläne vorlegen.

Ich stand in dem hellen Zimmer eines schmucklosen Bretterverschlages, auf einem großen Tische waren Pläne ausgebreitet – – Noch vor wenigen Tagen konnte ich nicht verstehen, wie es möglich sei im voraus zu bestimmen, daß etwas gerade so und nicht anders geschehen werde, und heute lagen alle diese Entwürfe vor mir – und nun begriff ich ganz deutlich, warum dieser Mann sagen konnte: »Sehen Sie, hier kommen wir heraus.«

Ich beugte mich einige Zeit über ein Blatt, und als ich mich aufrichtete, bemerkte ich, daß der Ingenieur verschwunden war. Aber schon trat er wieder herein – jetzt in seinem Straßenrock – und fuhr fort, als wenn er sich gar nicht unterbrochen hätte:

»Im Herbst, denke ich, schlagen wir durch. Das Gestein ist günstig und wir können schnell vorstoßen. Vorausgesetzt freilich, daß eine Befürchtung nicht eintrifft –« Er brach ab.

»Was ist das für eine Befürchtung?«

»Ich sollte darüber vielleicht nicht sprechen. Es ist möglich, daß wir Erfahrungen machen, die uns noch zu einer Änderung der Tunnelachse am andern Ende zwingen. Deshalb haben wir dort erst Vorarbeiten. Doch etwas Bestimmtes läßt sich noch nicht sagen. Die Herren Geologen beruhigen uns ja. Dennoch bin ich manchmal in Zweifel – aber ich langweile Sie –«

»Nein, wirklich nicht! Im Gegenteil, ich bitte Sie recht sehr –«

Er suchten einen großen bunten Bogen hervor.

»Sehen Sie,« sagte er, »das ist ein geologisches Profil. Soweit Sie hier die Farben durchgeführt sehen, beruhen die Angaben auf den Ergebnissen der Bohrungen und sind sicher. Aber dort bemerken Sie einige Stellen, wo wir nur auf Vermutungen angewiesen sind. In diesen verzwickten Bergen kommen nämlich manchmal Verwerfungen vor, auf die kein Mensch gefaßt sein kann. So ein Berg hat sich bei irgend einem Jugendübermut eine innere Quetschung zugezogen und alles ist durcheinandergedrückt.«

Ich lachte. »Sie müssen doch den Bergen auch ihr Vergnügen gönnen,« sagte ich. »Glauben Sie mir, das tut den harten Gesellen nicht weh, das ist ihnen eine angenehme Abwechslung, so als wenn Sie zwischen Ihren Berechnungen ein heiteres Märchen lesen.«

»Oder es erzählt bekommen,« antwortete er lustig. »Das freut mich sehr, daß die Verwerfungen den Bergen keine Schmerzen machen. Dann werden sie hoffentlich auch das Anbohren nicht übel nehmen und keine unangenehmen Überraschungen bereiten.«

Darüber dachten die Berge freilich anders. Ich unterdrückte aber natürlich meine Meinung.

»Ja,« fuhr er fort, »wenn ich ein Berg wäre, würde ich mir aus einer alten Schramme im Innern wohl auch nichts machen. Der Mensch darf es ja auch nicht. Aber – wenn ich nun durch einen solchen Berg hindurch soll und an eine Bruchstelle komme, und statt des festen Gesteins preßt mir der Berg einen Brei von Schlamm und heißem Wasser entgegen und ersäuft mir meine Maschinen – dagegen hilft mir keine Charakterstärke. Wie Sie hier sehen, besitzt dieser Teil des Langbergs, unter dem wir in unserm letzten Tunneldrittel hindurch müssen, die Marotte, mitten zwischen seinen Gneislagern ein Kalkgeschiebe eingepreßt zu haben. Es tritt oben zutage, wo es die bizarren Felsgruppen bildet, die man die Gamssteine nennt. Sie kennen Sie? Die Bohrungen zeigen zwar, daß die Mächtigkeit der Schicht nach der Tiefe schnell abnimmt, und so hoffen wir, daß sie nicht bis in unser Niveau herabreicht. Aber wir können nicht dahinter kommen, ob sie nicht noch allerlei Verwerfungen hat, die von unten her uns stören könnten. Schneiden wir eine solche an, so müßten wir bei dem hier herrschenden Druck darauf gefaßt sein, daß die Schicht zermalmt und mit heißem Wasser durchtränkt ist, und dann – dann kann uns der Spaß des Herrn Langberg im besten Falle ein Jahr Arbeit und ein paar Millionen mehr kosten.«

»O, nein, nein!« rief ich. »Das darf nicht sein, das darf der Langberg nicht.«

Verlegen brach ich ab. Ich kannte ja das Kalkband. Wenn wir oben auf dem Langberg regneten, dann huschten wir immer durch die Spalten bei den Gamssteinen hinab und kamen unten an einer Stelle des Silbertobels wieder heraus. Und dabei hatten wir die schönsten Kanäle und Grotten ausgewaschen. Tiefer hinab hatte ich mich freilich nur einmal gelegentlich hinverirrt, da war allerdings ein grauenhafter heißer Brei von zerquetschtem Gestein. Aber ob sich dieser Teil überhaupt nach der Seite des Tunnels und wie tief er sich ins Innre des Berges hinzog, das wußte ich nicht. Ich wußte nur, wo man sich in der zerklüfteten Kalkschicht wieder ans Tageslicht hinauspressen konnte – die Stelle kannte ich – da würde ich ja jetzt wohl feststellen können, ob sie über oder unter dem Tunnelniveau läge. Ich wußte noch nicht, was zu tun sei, aber der nette Ingenieur sollte keine Not haben, wenn ich ihm helfen konnte – das nahm ich mir vor.

Während ich mir das überlegte, hatte ich gar nicht daran gedacht, wo ich saß. Ich war erst lebhaft erschrocken und dann auf einmal wieder sehr froh geworden in dem Gedanken, den Menschen vielleicht nützen zu können. Aber freilich, sagen durfte ich ja nichts. Und nun sprang ich plötzlich auf und rief ganz vergnügt:

»O, bitte, bitte, schreiben Sie mir doch einmal genau die Höhenlage des Tunnels auf.«

Ich war mit meinen Gedanken so ganz im Berg-Innern gewesen, daß ich den Ingenieur gar nicht beachtet hatte. Jetzt war ich erstaunt, daß er ein Glas mit Wasser gefüllt hatte und zu mir sagte:

»Ich freue mich, daß Sie wieder vergnügt sind. Sie waren plötzlich ganz bleich geworden, ich fürchtete, Sie hätten sich vorhin doch Schaden getan. Aber jetzt haben Sie wieder Farbe –«

Ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg.

»Nein, nein,« rief ich, »ich bin ganz wohl – ich war nur wirklich erschrocken bei dem Gedanken, daß Sie – daß der schöne Tunnel in den Schlamm geraten könnte. Doch es wird ja nicht sein, und da bin ich wieder froh. Aber das brauchte man mir nicht gleich anzusehen.«

»O nicht doch,« fiel er lebhaft ein. »Beklagen Sie das doch nicht. Wir Geschäftsleute müssen ja leider so oft unsre Mienen in acht nehmen, aber Sie – – das ist gerade so schön, Sie sind das Leben selbst, Sie sind wie die Natur, die sich nicht verstecken kann, wie die Wolken um das Blankhorn, die in jedem Augenblick den Zauber der Beleuchtung wechseln, und das macht so froh – – ja – doch – verzeihen Sie – Sie wollten die Höhenzahlen für den Tunnel – darf ich fragen, warum?«

»Würden Sie es nicht ohne Frage tun, Herr Martin?«

Er antwortete nicht, sondern kramte in den Papieren. Er legte einen großen Bogen Pauspapier über das Tunnelprofil, skizzierte mit schnellen Strichen die Hauptlinien und schrieb ein paar Zahlen daran.

Ich stand etwas verlegen dabei und schielte nach dem Glase Wasser. Ich wußte, daß ich Durst hatte; gar zu gern hätte ich getrunken. Aber das hatte ich noch nie wirklich probiert. Wenn ich es nun ungeschickt machte? Zu dumm, daß man sich genieren kann! Und doch paßte ich den Moment ab, wo er nur auf die Zeichnung sah, da griff ich schnell nach dem Glase und trank es aus wie ein richtiges Menschenfräulein – das hätte ich mir denken können, und doch freute mich's so, daß ich leise lachte.

Er war gerade fertig und blickte auf. Eigentlich mußte er mich doch für sehr dumm halten. Aber als er mit den Bogen überreichte, sah er gerade so vergnügt aus wie ich.

»Ich danken Ihnen herzlich,« sagte ich erfreut. »Ganz besonders für Ihr Vertrauen, das freut mich so. Aber wo soll ich nun mit dem großen Bogen hin?«

»Den legen wir in die Mappe. Ich darf doch?«

Und schon hatte er die Mappe geöffnet. Das hatte ich ja selbst noch gar nicht getan, und wie das aussah, was darin war, darüber hatte ich auch nur meine Wera-Erinnerung.

Er schlug die Mappe ganz auf, um das Blatt sorgfältig hineinzulegen, und dabei kam eine fast fertige Zeichnung zum Vorschein – ich erkannte gleich das Blankhorn über dem Gletscher, mit einem Wolkenstreifen, den ich auch kannte, denn – das war meine Lieblingsstellung – – Er fragte gar nicht, ob er das Blatt ansehen durfte, er betrachtete es einfach, lange, genau – Ich wagte gar nichts zu sagen.

»Sind Sie Malerin?« fragte er dann kurz.

»Nein, ich habe Chemie studiert.«

»Als Fach?«

»Ja, ich arbeite im Laboratorium von Rötelein.«

»O, da müssen Sie sehr glücklich sein.«

»Warum?«

»Daß Sie so etwas machen können. Einfach mit dem Stift. Es ist eine große Stimmung darin.«

»Und wenn ich Malerin wäre?«

»Dann hätte ich Ihnen noch Einiges gesagt.«

»Was denn?«

»Wenn ich nun auch bäte, nicht zu fragen?«

»Aber gefällt Ihnen das Blatt? Würden Sie es annehmen, wenn ich mir erlaubte, es Ihnen als Gegengabe anzubieten?«

»Sie könnten mir keine größere Freude machen.«

»Gern! Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.«

»Ich bitte, ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Nun vollenden Sie Ihre Güte, schreiben Sie Ihren Namen hierher.«

Er reichte mir einen Bleistift. Meinen Namen schreiben! Welche Idee! Ich hatte noch nie geschrieben. Ich nahm den Stift, hielt ihn richtig und machte schnell einmal die Bewegung meines Namenzuges mit den Fingern. Dann brachte ich die Spitze auf das Papier, noch einmal dieselbe Bewegung, und da stand es: Wera Lentius.

Als ich den Bleistift hinlegte, ergriff er meine Hand und küßte sie. Und dann noch einmal. Aber anders, lange. Ich schauerte zusammen. Es war mir nicht angenehm. Und – ich weiß nicht – es hatte etwas Lächerliches für mich. Ich trat zurück.

Er sah mich erschrocken an. Ich wollte ihn nicht kränken. Er meinte es gewiß sehr gut, nach Menschenart. Und ich dachte einen Augenblick, ich müßte doch eigentlich auch das probieren, wie es weitergeht. Aber er packte jetzt seine Pläne zusammen und ich meine Mappe. Wir sprachen nichts. Dann überwand ich mich und trat auf ihn zu. Ich gab ihm die Hand und sagte etwas von gehen müssen und Dank. Er hielt sie lange fest und antwortete dann:

»Sie müssen mir erlauben, Sie bis an die Seilbahn zu begleiten. Ich fühle mich verantwortlich.«

So gingen wir hinaus. Er trug wieder die Mappe. Am Turbinenhaus kamen wir dicht an der großen Druckleitung vorbei. Ich klopfte mit der Hand auf das Rohr und murmelte: »Wackerer Körnbach.« Dann ging es schnell bergab.

An der Seilbahn hielt er mich zurück.

»Wir müssen ein paar Minuten warten,« sagte er. »Sehen Sie dort oben die Fahne? Das ist das Zeichen, daß sofort ein Wagen abgelassen werden wird. Und wenn er vorüber ist, dann muß und zurück.«

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