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Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Legende

Aspira stieg. Im Schattenkegel der Erde stieg sie hinauf in den unendlichen Weltraum. Immer weiter zerstreuten sich die feinen Eiskristalle. Die sich sonst im glitzernden Streifen der Federwolke geschart hatten, waren schon meilenweit voneinander. Aber ihre Einheit war nicht getrennt. Noch war sie Aspira, noch fühlte sie die gemeinsame Ordnung, die ihr Wolken-Ich durchzog und band. Schon lag das Reich des Vaters hinter ihr, wo Migro die Grenzen des Planeten hütete. Immer leichter und freier wurde ihr zumute. Wann kam sie zum Hohen?

Niemand kann ihn sehen, den Urewigen, den Unendlichen, dessen Wohnung der dunkle Äther ist. Würde er reden? Konnte eine Wolke ihn verstehen?

Und nun trat sie aus dem Erdschatten hinaus. Der Lichtdruck der Sonnenstrahlen trieb ihre Teilchen hinweg vom umfassenden Arm der Erde. Aufgelöst war sie in die Spannung des freien Äthers, eins mit dem unergründlichen Weltraum. Nur wer den höchsten Lüften verwandt ist vom Geschlecht der Planetengeister, vermag dahin zu gelangen. Da schwinden die Grenzen des Stoffs, da strahlt das Geheimnis des Unbegriffenen in die ungeschiedenen Seelen des Allebendigen. –

Und die heilige Sehnsucht der ewigen Frage durchschauerte Aspiras Seele. In ihrem bebenden Herzen sprach die Bitte nach Erleuchtung:

Uralte Weisheit wag' ich zu suchen.
Uralte Weisheit, fühl' ich, umfließt mich.
Uralte Weisheit künde mir, Hoher!

Ehrfurchtsvoll lauschte sie auf eine Antwort.

Da klang es zu ihr mit einer Stimme, die keine Stimme war, aber unwiderleglich wie der Gang der Zeit und das Licht der Sonne:

Uralte Weisheit gibt es nirgend.
Uralte Weisheit kann man nicht fühlen.
Uralte Weisheit läßt sich nicht künden.

Und Aspira war es, als sollte sie in nichts verschwinden, niedergeschmettert vom dreifachen Nein des Unbegreiflichen. Aber wieder vernahm sie die Stimme milder:

»Habe Mut, Aspira, denn ich weiß, daß du Redliches willst. So höre! Weisheit ist nicht alt, denn Weisheit ist zeitlos. Sie muß immer neu werden für jeden, der sie sucht. Weisheit kann man nicht fühlen, denn fühlen kann man nur sich selbst; Weisheit aber ist gegründet in dem, was außer dir ist und die Welt bedingt und dich selbst. Weisheit kann man niemand verkündigen, denn sie muß errungen sein und erobert mit mühevoller Arbeit, weil ein jeder sie schöpfen muß aus dem Quell der Welt.«

Aspira schwieg und versuchte das Gehörte, das ihr noch zu fremd war, anzuknüpfen an das, was sie ganz erfüllte. Dann fragte sie schüchtern: »Und diese Weisheit erringen, vermögen das die Menschen? Ist das ihre Macht, zu wissen, was noch nicht ist? Zu bestimmen, was erst sein wird?«

»Diese Macht ist noch nicht die Weisheit, aber sie ist der Weg zu ihrem Tempel.«

»Nur diese Macht der Menschen möcht' ich erkunden, nur dieser Weg ist's, den ich schauen möchte. O, wie kann man diesen Weg finden?«

»Das Wort muß man verstehen, das ihn den Menschen weist, euch freien Geistern der Elemente aber unbekannt ist. Ein Wort, das zu der Welt Geheimnis leitet, öffnet den Weg.«

»O nenne das Wort!«

»Wenn ich es nenne, so wird die Sehnsucht dich ergreifen, den Weg zu wandeln. Und die Sehnsucht wird deinen leichten Wolkenleib hemmen und dein glückliches Spiel in den freien Lüften. Darum erbitte es nicht.«

»Die Sehnsucht hemmt mich schon, die Furcht ergriff mich vor der Macht der Menschen. Kann ich, eine freie Wolke, dazu gelangen, das Geheimnis des Menschen zu erfassen, so nenne das Wort!«

»Das Wort weist nur den Weg, noch nicht die Weisheit.«

»Nur den Weg suche ich.«

»Es ist ein schwerer Weg und ein schweres Wort, ein heiliges Wort, das die Macht der Welt in die Seele legt –«

»Nenne das Wort!«

»Aber mit der Macht auch das Leid, das erhabene Leid des Schöpfers um sein Werk, daß seine Seele erbebt in ihrer Tiefe, die zur Tiefe der Welt wird.«

»Nenne das Wort!«

»Das Gesetz!«

Als dieses Wort in der Leere des Raumes vernommen ward, da war kein Ton und keine Stimme, und dennoch war das Wort und schauerte durch alles Leben der Kreatur. Denn es war das Wort, vom dem gesagt ist, daß es im Anfang war – das Gesetz – die Bestimmung des Gesetzes.

Und ehe Aspira sich bewußt wurde, was ihr Neues gegeben ward, klang in ihr wieder milde die Stimme des Hohen, die keine Stimme war: »Vernimm, Aspira, das Geheimnis des Gesetzes, soweit du vermagst. Frei in deiner Seele entstand die Frage nach dem, was anders ist als das Jetzt, entstand der Zweifel. So hast du ein Recht errungen zu hören vom Gesetz. Denn nur wer zweifeln kann, der kann erkennen. Ihr Geister der Natur kennt nicht den Zweifel, darum bedürft ihr nicht der Erkenntnis. Du aber hast nun eine Macht gewonnen, die über das Wolkenreich hinausführt.

Ich künde dir die Legende.

Das Gesetz war vereint mit Zeit und Raum. Und in ihnen war die Fülle der Welt.

Da entsprossen zwei Kinder. Weil hieß der eine, und Will der andre.

Weil konnte nur rückwärts blicken und nahm alles, was gewesen war, das hielt er fest mit der Kraft seines Vaters, des Gesetzes. Denn er sah nur, wie alles Geschehene in ihm bedingt war.

Will schaute nur voran und forderte alles, was in Zukunft geschehen sollte, das bestimmte er als Ziel mit der Macht seines Vaters, des Gesetzes. Wie aber etwas geschah, das wußte er nicht. Denn er kannte nur, was geschehen solle nach dem Gebot.

Da entstand Streit zwischen den Brüdern, und sie gaben ihrem Vater, dem Gesetze, verschiedene Namen. »Notwendigkeit« nannte es Weil, »Freiheit« aber nannte es Will. Und jeder sagte, daß die Welt nur ihm allein gehorche. Und sie klagten beim Vater.

Der Vater schied, um den Streit zu schlichten, alles Lebendige in zwei Teile, in das Reich des Werdens und in das Reich des Sollens.

Das Reich des Werdens nannte er »Natur« und gab es dem Weil, der nur das Geschehene sah, wie es ward, und nicht das Ziel, wohin es strebte. Darum nannte er das Gesetz die »Notwendigkeit«, und alles mußte so sein, wie es ist.

Das Reich des Sollens aber nannte er »Idee« und gab es dem Will, der nur das Ziel sah, aber nicht verstand, wie es werden mußte. Darum nannte Will das Gesetz »Freiheit«, und alles wollte anders sein, als es ist.

Der Vater aber sprach weiter zu den Geistern alles Lebendigen: »Gehet hin und wählet das Reich, darin ihr leben möget; in jedem von ihnen findet ihr das Glück; weil nur ein Gesetz in euch ist, werdet ihr nichts vom Gesetze mehr merken. Geht ihr in das Reich der Natur, so lebt ihr nach dem Gesetze der Notwendigkeit. Aber da ihr nicht wißt, daß ihr auch anders sein könntet, so nehmt ihr das Leben ohne zu fragen hin, wie es eben kommt. Nach dem eignen Wesen lebt ihr glücklich, ohne Enttäuschung, sorglos und frei. Euer Leben ist ein Spiel, denn das Gesetz ist in euch, ohne daß ihr es wißt.

Geht ihr in das Reich der Idee, so werdet ihr euch stets erblicken, wie ihr wollt, und ihr werdet auch glücklich sein. Denn euer Ziel setzt ihr euch nach Gefallen und wißt nichts von den Hindernissen, die entgegenstehen. Eure Wünsche sind euer Leben. Ihr lebt in der Idee und seht das Gewollte als erfüllt, das Erfüllte wie ein Gewolltes. So seid auch ihr glücklich und sorglos ohne Enttäuschung. Euer Leben ist ein Spiel, denn das Gesetz ist euer Wille.

Aber wenn ihr glücklich bleiben wollt, so hütet euch, in beide Reiche zu dringen, in beiden leben zu wollen. Von einem Reiche zum andern führt der Weg der Macht, doch er ist eine Brücke. Wer sie betritt, der unterliegt dem Gesetze beider Reiche.

Wer aus dem Reiche der Natur kommt in das der Idee, der lernt die Freiheit kennen, der fordert für sich, was er nicht hat. Da strebt er nach dem Unerreichbaren. Da sieht er, daß er notwendig bedingt ist, seine Freiheit däucht ihm ein Schein, und seine Macht sinkt zusammen im Leide der Sehnsucht.

Wer aber aus dem Reiche der Idee in das der Natur tritt, dem scheint es, daß er seiner Freiheit beraubt werde. Denn will er die Macht erreichen über das, was geschieht, so muß er sich dem Gesetze der Notwendigkeit unterwerfen. Sich selbst muß er ansehen als bedingt durch das, was war, und vorausbestimmt für alles, was sein wird. Und der Stolz der Freiheit sinkt ihm zusammen im Leide der Sehnsucht.

Darum hütet euch, die Brücke zu betreten.

Die Brücke aber heißt: Erkenntnis.

Wer nur lebt in der Reiche einem, der weiß nichts vom Geheimnis der Welt. Er lebt nur unter einem Gesetz, und so weiß er nichts davon, daß es zwei Seiten hat, die Notwendigkeit und die Freiheit. Er kennt das Leben nur in einem Gefühl ohne Grund, ohne Widerstand.

Wer aber die Brücke der Erkenntnis betrat, dem hallt das Wort entgegen, das am Anfang war, dem wird die Seele erschüttert vom Zweifel und der Sehnsucht in der Wonne des Stolzes und der Macht. Das ist das erhabene Leid des Schöpfers um sein Werk.

Du stehst auf der Brücke, Aspira, du hast das Wort vom Gesetze vernommen. Aber noch steht dir frei, zurückzutreten in dein Reich.

Du weißt nicht, welches dein Reich ist? Freilich kannst du es nicht wissen, da du nur das eine kennst. Und die nur das eine kennen, sind glücklich im freien Spiel. Denn unglücklich macht nur der Zwang. Der Zwang aber entsteht für den, der beide kennt, die Notwendigkeit und die Freiheit.

So vernimm, was weiter geschah.

Die Geister des Lebendigen trennten sich voneinander, die einen zogen zu Weil, die andern zu Will.

Die zu Weil zogen, waren die Gewaltigen des Raumes. Das waren die Riesen des Äthers, die von Sonnen zu Sonnen ihre Strahlenleiber strecken. Das waren die Sonnen selbst und die Planeten. Und auf der Erde waren es die Geister der Elemente, die im Innern des Erdballs glühn und die sich in den Bergen zur Höhe steifen, die in den Schluchten rauschen und in den Lüften ziehen. Und ihr Wolken seid die feinsten, die höchsten, die beweglichsten von ihnen. Daher kann es geschehen, daß eine von euch sich über ihr Reich verliert bis zur Brücke der Erkenntnis.

Die aber zu Will zogen, das waren die Geister, die sich die kleinen, mühsamen Zellenleiber bauten. Die schwimmen im Meer und wachsen am Fels, die kriechen und summen und fliegen und klettern, und teilen sich und sterben, aber leben wieder auf in ihren Teilen. Und auch sie sind verschieden, und viele von ihnen reichen bis an die Grenze, wo die Brücke der Erkenntnis steht. Und die höchsten von ihnen sind die Menschen.«

Lange schwieg Aspira. Dann wagte sie zu sagen:

»Die Menschen! Um ihretwillen kam ich zu dir, ihr Geheimnis zu vernehmen. So ist es ihr Geheimnis und ihre Macht, daß sie nicht zum Reiche der Notwendigkeit gehören, wie wir Wolken, sondern zum Reiche der Freiheit?«

»Nein, das ist es nicht. Der Menschen gibt es zweierlei. Solange sie jung sind und Kinder, ob nun die einzelnen, ob ganze Völker, so leben sie noch allein im Reiche der Freiheit und willen nichts von den beiden Reichen. Und sie sind glücklich, aber machtlos. Wenn sie jedoch älter werden –«

»So gewinnen sie die Macht?«

»Die Macht und das Leid. Denn sie treten auf die Brücke der Erkenntnis und können nicht wieder zurück.«

»Was ist Erkenntnis?«

»Das eben ist die Macht, aus dem Reiche der Freiheit in das der Notwendigkeit zu treten und das Gesetz zu verstehen, wie aus dem Geschehenen das Künftige werden muß.«

»Und das ist das Geheimnis der Menschen?«

»Das ist eines der Geheimnisse, es ist ihre Macht.«

»Ich will auf die Brücke der Erkenntnis treten. Ich will ihre Macht gewinnen. Denn das ist das Geheimnis, das ich suche.«

»Erinnerst du dich, was ich von der Weisheit sagte? Weisheit kann nicht geschenkt werden, sie kann nur erworben werden in mühevoller Arbeit. Und Erkenntnis ist ein Teil der Weisheit. Sie zu erringen kann dir nicht gelingen mit deinem geschmeidigen, dehnsamen Wolkenleibe. Dazu müßtest du ein Mensch werden.«

»Ein Mensch! Ich? Kann ich das?«

»Es gibt auserwählte Geister in beiden Reichen, denen es gestattet ist, aus dem einen in das andre Reich zu tauchen. Dann enthüllt sich ihnen das Gesetz in seiner doppelten Gestalt als der eine Vater alles Lebendigen. Mitunter können auch Menschen hineinschweben in die Tiefe der Natur und das Gesetz in seiner Einheit erblicken.«

»So könne sie Wolken werden?«

»Nein. Ihr Leib muß ein Menschenleib bleiben. Denn nur die Zellenwesen haben im Bau ihres Hirns die Fähigkeit, nicht nur mitzuschwingen und mitzuerleben, was die Welt im Verborgenen durchflutet, sondern auch es nachzubilden und mitzuteilen. So könne sie mit euch schweben in allen Höhen und Tiefen und hinaus bis in die Unendlichkeit des Äthers und mitfühlen das Geheimnis der Welt. Dichter heißen sie unter den Menschen. Ihr aber, die ihr nicht schon wohnt im Reiche der Freiheit, könnt in der Menschen Gedankenreich nur hineintauchen, wenn ihr einen Menschenleib gewinnt.«

»O gibt ihn mir, Hoher, o laß mich ein Mensch werden! Wie ist das möglich?«

»Der die Bewegung kennt aller Strahlen und Atome der Erde, wird es dir sagen. Schwebe zurück, Aspira, aus den Höhen des Raumes und frage deinen Vater. Will er's gestatten, so magst du ein Mensch sein.«

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