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Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Schluß

Ein Jahr war vergangen.

Am Abhang des Langbergs, wo die Schiefklippe herabgestürzt war, saßen Paul Sohm und seine junge Frau. Wera ordnete einen Strauß später Alpenblumen, die sie gepflückt hatte.

»Ist es nicht merkwürdig,« sagte sie nachdenklich, »daß ich mich noch dunkel erinnere, wie ich in dieser Gegend das letzte Mal Blumen zusammenband, daß es mir aber ganz unmöglich ist mich zu besinnen, was dann weiter erfolgte?«

»Liebste, du warst eben damals leidend. Ich bin noch immer der Meinung, daß zu deiner nervösen Abspannung eine Vergiftung durch irgend eine Exhalation in der Höhle getreten ist.«

»Dort oben am Gletscher – freilich, da begann es so plötzlich. Und ebenso plötzlich, bei meiner Rettung aus der Spalte, war meine unselige Einbildung verschwunden! Jetzt sehe ich ja ein, daß ich nervenkrank gewesen sein muß, aber damals – es war schrecklich, ich war überzeugt, ganz gesund und vernünftig zu denken, und bildete mir doch ein – nein, ich bringe keinen Zusammenhang heraus! Und es schmerzt mich, daß ich auch von Martin gar kein deutliches Bild mehr habe, dessen Botschaft ich doch meine Rettung verdanke. Ich weiß wohl, was ich mit dir gesprochen habe und was ich hier plante, aber das eigentlich Motiv, dieser Glaube an mein Verständnis mit den Elementargeistern, was ich dir nicht zu sagen wagte, das ist mir alles so nebelhaft, so traumartig geworden, ich kann mich auf nichts einzelnes mehr erinnern.«

»Und es ist dir auch nie wieder eingefallen, wie du in die Gletscherspalte geraten bist?«

»Nein, Liebster. Das Letzte, was ich weiß, ist, daß ich, nach der Unterhaltung mit dem liebenswürdigen Brautpaar im Wagen, durch Nacht und Sturm in wahnsinniger Hast den Berg hinauf eilte. Alles andere ist fort – gerade wie mein Bündel mit dem Proviant! Ich denke mir, daß meine nervöse Überreizung zu einer Krisis kam – wahrscheinlich habe ich in der Unterkunftshütte am Schmalstein bewußtlos gelegen und bin dann zuletzt auf den Gletscher geraten – aber nun, es ist ja vorbei –«

Er hielt sie im Arm und sagte weich:

»Du geliebtes, armes Geschöpf. Wer weiß, was du ausstehen mußtest! Es ist gut, daß du gar nichts mehr davon behalten hast. Auch nicht von deinem Erwachen, mitten im Eise?«

In der Erinnerung suchend hielt sie die Augen geschlossen, den Kopf an seine Brust gelehnt, dann blickte sie voll zu ihm auf:

»Ich begriff mich nicht. Ich fühlte nur die rauhe Luft und daß ich hier fortmüsse, und als ich aufstand, war ich ganz frisch und gesund, und auf einmal hörte ich Stimmen – und dann kamst du –«

Sie schmiegte sich an ihn.

»Laß uns gehen,« sagte er zärtlich. »Es wird kühl, und dort steigt schon die abendliche Wolke aus der Festinaschlucht.«

»Seltsam,«»Ich begriff mich nicht. Ich fühlte nur die rauhe Luft und daß ich hier fortmüsse, und als ich aufstand, war ich ganz frisch und gesund, und auf einmal hörte ich Stimmen – und dann kamst du –«

Sie schmiegte sich an ihn.

»Laß uns gehen,« sagte er zärtlich. »Es wird kühl, und dort steigt schon die abendliche Wolke aus der Festinaschlucht.«

»Seltsam,« fuhr er fort, indem sie sich bergabwärts wandten, »wie schnell sich eine Sage bildet. Der Bahnwärter erzählte mir, daß diese Wolke jeden Abend hier heraufstiege und sich vor den Tunnel lagere, und zwar seit jenem Tage, der – der mir dich wiederbrachte – –«

Sie waren den wenig begangenen Fußpfad hinabgestiegen, der am Wärterhaus vor dem Tunnel vorbeiführt. Vor dem Eingang, durch den die Bahnzüge jetzt gefahrlos rollten, blieben sie stehen.

Hier ist eine Erzplatte in den Fels eingelassen. Sie ist gewidmet dem Andenken des Erbauers des Tunnels, dem Oberingenieur Theodor Martin, den eine Lawine verschüttete, als er zur Rettung eines Menschenlebens im Schneesturm auf den Blankhorngletscher eilte. Der Tote selbst war nicht aufgefunden worden. Die Gewalten des Berges hatten ihn bestattet.

Wera Sohm legte den Blumenstrauß auf einem Vorsprung des Felsens nieder. Paul faßte ihre Hand. Ein leichter Nebel umhüllte die heimwärts Wandelnden.

Zwischen Tal und Höhen steigend und fließend in freiem Spiel zieht Aspira dahin. Vergessen unter ihr hastet der Menschen unruhiges Geschlecht. Nichts stört den heitern Flug der Königswolke. Gelöst ist die von der Sorge um des Schöpfers Leid und um die dunkeln Fragen der Erkenntnis.

Nur eine Erinnerung an ihr Menschentum ist ihr geblieben, eine einzige – die letzte – da sie auftauchte aus der innersten Tiefe des Menschenherzens zurück zur Höhe der Heimat – – Ein unendliches Glück eines wonnigen Augenblicks, verklärend mit geheimnisvollem Schimmer den ewigen Wandeln in Werden und Vergehen.

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