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Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Im Eise

Nebelig und windig war der Morgen in Schmalbrück. Seufzend blickten die Fremden in de übelwollende Wetter und fragten sich, ob sie wohl besser täten abzureisen –

Unruhig umschwebte Aspira das Haus, wo alle ihre Bemühungen vergeblich gewesen waren, sich des eingeschlossenen Teils ihres Zentralorgans wieder zu bemächtigen. Und verzweifelt bebte das gefangene Wolkenherz mit im Dunkel des Schreibpults. Vergeblich hatte das Blankhorn seine Stürme gegen die festen Mauern gesandt, vergeblich war die lockende Rede Aspiras gewesen, vergeblich sogar die Drohung mit Weras Vernichtung. Sie konnte es ja freilich nicht anders erwarten. Ein Mensch von der festen wissenschaftlichen Überzeugung Sohms konnte diese Erscheinung nicht anders deuten als subjektiv, allein dem eignen Gehirn entsprungen. Und doch war die Drohung keine leere gewesen, nur zu entsetzlich nahte die Wahrheit. Konnte Aspira nicht ganz sich an Wera zurückgeben, so waren sie beide dem Verderben verfallen – Wera dem Erstarrungstod des Menschen in der Eisspalte, und Aspira dem erstarrten Leben in den Höhen der Luft als unseliger Geist – –

Was tun? Was tun? Nun hatte sich Paul ihrem Einflusse durch ein Mittel nach Menschenart entzogen, ein Schlafmittel, das sein Gehirn lähmte. Und wenn er wieder erwachte, dann war es Tag – würde sie dann noch einmal mit ihm sprechen können? Versuchen mußte sie es. Wenn er allein war, konnte sie sich doch vielleicht verständlich machen, sein Geist mochte dann noch unter der Nachwirkung des vermeintlichen Traumes stehen und sich ihrem Vorstellungskreise wieder anpassen. Aber würde er ihr mehr glauben als in der Nacht? Verloren, verloren!

Es war schon spät am Morgen, als Sohm mit wirrem Kopfe sich erhob. Während er sich ankleidete, besann er sich auf seinen Traum. Es war doch zu toll, zu deutlich gewesen!

»Nun muß ich doch nachsehen,« sagte er sich, »ob ich wirklich in der Nacht –«

Er schloß den Schreibtisch auf und fuhr zurück – da stand die Flasche.

»So bin ich tatsächlich heute nachtgewandelt und habe die Flasche hierher gestellt. So ein Blödsinn! Das ist mir noch nie passiert. Nun mag sie schon hier stehen bleiben. O, wenn ich nur erst wüßte, wo du bist, du geliebte, böse Wera. Dann würden alle diese törichten Angstphantasien auf einmal verschwinden. Nun, vielleicht liegt schon ein Brief für mich unten!«

Er wollte das Schreibpult abschließen. Da klang es leise:

»Paul Sohm!«

Er erschrak. Was war das? Doch wohl nur die Feder des Schlosses, die leise schwirrte? Oder ein Ton von draußen?

»Paul Sohm, ich muß mit dir reden.«

War das wieder die Flasche? Bin ich krank? Träume ich denn noch immer? dachte er.

Er trank ein Glas Wasser. Er öffnete das Fenster und sog die rauhe Morgenluft ein. Dann setzte er sich vor das Pult und sagte zu sich: »Ruhig Blut jetzt! Man muß alles prüfen. Nun rede, Flasche, denn du noch kannst.«

Da klang es deutlich:

»Höre mich! Wenn Wera nicht verderben soll –«

»Nein! Es ist zum verrückt werden! Oder bin ich es schon?« Er wollte aufspringen, aber er zwang sich, sitzen zu bleiben und faßte krampfhaft seinen Kopf mit den Händen. »Redet denn wirklich die Flasche? Also Ruhe! Das müssen wir ergründen.«

Sohm öffnete den Kasten. Er nahm noch andere Flaschen heraus. Er trat ans offene Fenster und betrachtete sie genau. Eine war wie die andere. Nun stellte er sie direkt vor sich hin, er redete sie an – eine wie die andere schwieg.

»Also ihr könnt nicht reden«, sagte er. »So kapriziert sich meine Einbildung auf die eine Flasche. Oder – vielleicht bin ich nun glücklich den ganzen Schwindel los.«

Was tönt da wieder? Von den Flaschen? Nein, nein, das war Geräusch von der Straße, eilige Tritte, Stimmen im Hotel und vereinzelte Rufe: »Wo? Wo?«

Sohm achtete jetzt nicht darauf. »Nun erst die Gegenprobe«, sagte er aufgeregt. Er ergriff die Flasche mit Aspiras Herzen. Er stand am Fenster und hielt sie vor sich hin.

»Nun schweige, schweige auch du!« murmelte er.

»Öffne die Flasche« rief Aspira jetzt laut wie mit einem Verzweiflungsschrei. Sohm begann zu zittern.

»Sofort! Sonst stirbt Wera in der Gletscherspalte!«

Zugleich erscholl von draußen die Stimme des Wirts:

»Herr Professor, Herr Professor!«

»Hier! Was gibt's?«

»Es ist ein Unglück geschehen – am Gletscher – Fräulein Lentius –«

Sohm stellte die Flasche wortlos aus der Hand, wo er stand, aufs Fensterbrett, und sprang nach der Tür. Er riß sie auf.

Ein Windstoß sauste durchs Haus und schlug das Fenster zu. Die Flasche wurde hinausgeschleudert. Sie stürzte auf die Steine des Hofes und zersplitterte.

Leute sammelten sich.

»Was ist mit meiner Braut? Schnell, Herr Leberecht.«

»Es ist schon Hilfe hin, Herr Professor. Der Dumme Peter, der Hirtenbub, brachte die Nachricht, es läge eine Dame am Gletscher. Der Herr Oberingenieur Martin schickt ihn, er meint, es sei – hier ist die Karte.«

»Wera? Wo? Wo? Ich will hin.«

»Ich gehe mit«, sagte der Wirt.

Aber allen voran mit des Sturmes Eile floh Aspira, die Befreite – – Jetzt mit ganzem, ungeteiltem Herzen, ein Mensch in Wolkengestalt, bereit, Leben zu geben, Leben zu gewinnen. Hinaus, hinauf in die Freiheit!

Martin war, wie immer, schon sehr früh im Tunnel gewesen und hatte den Fortgang der Arbeiten in bester Ordnung gefunden. Er konnte die Arbeitsstelle mit der zufriedenen Überzeugung verlassen, daß noch vor Ablauf des September der Durchschlag des Tunnels ohne Störung erfolgen werde.

Jetzt stieg er an der Lehne des Langbergs nach dem ehemaligen Steinbruch in die Höhe, um die Stelle zu besichtigen, wo die Schiefklippe sich befunden hatte, und die dortigen Sicherheitsarbeiten zu kontrollieren. Er wanderte dann noch ein Stückchen weiter nach einem Punkte, wo man über den Gletscher nach den Schneebergen hinübersehen konnte, die freilich jetzt in Wolken gehüllt lagen.

Sinnend blickte er hinaus. Auch ihn quälte die Frage, was aus Wera geworden sei. Ob sie vielleicht schon in Schmalbrück ist? Ach, was ging es ihn an? Er wollte sie nicht wiedersehen –

Eben wollte er umkehren, als er in der Ferne, am Rande des Berges, wo der Weg nach dem Gletscher umbog, eine seltsame Gestalt auftauchen sah. Sie warf die Arme unregelmäßig in die Luft, und wollte offenbar Zeichen geben. Jetzt vernahm er auch Ausrufe, ohne sie verstehen zu können. In der Annahme, daß es sich um einen Notruf handle, lief er auf dem Pfade dem Kommenden entgegen und erkannte nun bald den Ziegenhirt Peter, der dumme Peter genannt, seines trottelhaften aber gutmütigen Wesens wegen.

»Was gibt's, Peter?« rief er.

Der Atemlose kam immer näher, brachte aber nur zusammenhangloses Zeug vor. Zuerst von einer Ziege und vom Sturme. Dann von der Spalte im Gletscher und dem Schnee. Und das wäre die Ziege nicht. Es wäre eine Dame, eine Fremde.

Martin erschrak. Er beruhigte den Burschen und gewann endlich ein Bild der Sachlage. Peter war auf der Suche nach einer verlorenen Ziege auf den Gletscher gekommen, der wegen des Neuschnees schlecht zu passieren war. Dort hatte er in einer Spalte etwas liegen sehen und sei nahe herangekrochen. Da war er offenbar enttäuscht, daß es nicht die Ziege war, sondern ein Mensch. In fliegender Eile forschte Martin nach Merkmalen, denn sein erste Gedanke war an Wera. Ja, eine fremde Dame mit dunklen Haaren, die im Sommer hier gewesen war mit der Mappe. Sie hatte ihm einmal Geld geschenkt – –

Martin zweifelt nicht mehr. Er schickte Peter nach Schmalbrück ins Hotel Leberecht und mahnte ihn zur größten Eile. Zur Sicherheit schrieb er ein paar Zeilen auf seine Karte und gab sie Peter mit. Ein großes Silberstück beschleunigte seine Füße. Er flog den Pfad hinab.

Martin selbst aber eilte pochenden Herzens nach dem Gletscher. Die Anstrengung war gewaltig. Gegen den scharfen Wind mußte er den steinigen Pfad hinauf und über die Moräne. Er wußte nicht, wo sich die Spalte befand, aber überall lag hier noch Neuschnee, und die Spuren Peters leiteten ihn. Da hörten sie auf. Hier war die Spalte. Er legte sich nieder und spähte hinab. Dort, weiter hinten, in der Ecke, wo eine Nebenspalte endete, lag etwas. Wie kam er hinab? Er bewegte sich vorsichtig auf dem Eise entlang, und merkwürdig – hier verflachte sich die Spalte auf einmal wegartig, ohne Schwierigkeit konnte man hineintreten – –

Und da, halb im Schnee, nur das bleiche Gesicht völlig frei, lag eine weibliche Gestalt, ruhig, wie sorgsam gebettet und eingehüllt – Wera!

Einen Augenblick stand er starr, Atem schöpfend, dann sprang er vor, in der Aufregung glitt sein Fuß aus, er taumelte und fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust, aber nun war er bei ihr. Er warf sich auf die Kniee und hob sanft ihren Oberkörper. Kalt, eisig, ohne Atemzug, ohne Pulsschlag – starr –

Was sollte er tun? Der Bote mußte jetzt in Schmalbrück sein. Aber ehe die Hilfe kam – – Und wie lange lag sie hier? Er hielt sie für unrettbar. Jammer zerriß sein Herz.

Was war das für ein Sausen in der Luft? Schnee wirbelte auf. Feine Flocken stürmten von oben herab und fielen auf die bleichen Lippen.

Die namenlos Geliebte hielt er umfaßt – nun gehörte sie niemand mehr – nun küßte sie der kalte Schneesturm – – Und weinend beugte er sich herab und preßte seine Lippen auf die ihren:

»Wera, geliebte Wera, lebe wohl!«

Aber da – gütiger Himmel! Ist es möglich? Diese Lippen wurden warm, sie erwiderten seinen Kuß, diese Arme hoben sich und schlangen sich um seinen Nacken, diese Augen öffneten sich und glänzten ihm leuchtend entgegen – –

Aspira war's, die im Schneesturm hergerast war – sie hatte sich in Weras starren Leib ergossen – sie hatte ihr Herz mit dem ihren gemischt und zum ersten, zum einzigen Male hatten sich die Seelen ganz durchdrungen – Aspira gab Wera das Leben wieder, und für diesen einen Augenblick gewann sie das volle, innige Menschendasein – in Wonne bebend hielt sie den geliebten Mann umschlungen und in ihrem Innern jubelte Menschenglück – einen Augenblick –

Jetzt konnte sie Mensch bleiben, jetzt konnte sie ihm gehören – wem? Martin? Nein! Nein! Das durfte nicht sein! Bald würden die Retter kommen und sie mußten Wera finden – ohne Aspira – – die treue, ursprüngliche Wera –

Noch einen glühenden Kuß – und nun rangen sich die ersten Worte über ihre Lippen:

»Fliehe! Fliehe, Geliebter! Mein Atem bringt den Tod. In mir muß sich Seele von Seele trennen und die entweichende würde dich vernichten. Fliehe!«

»Von dir fliehen? Jetzt , wo ich dich gefunden?« Er versuchte sich aufzurichten, aber mit einem unterdrückten Schmerzensrufe brach er zusammen.

»Ich weiß nicht, was mir ist«, sagte er. »Doch es wird gleich Hilfe dasein –«

Und er schlang wieder den Arm um ihren Hals und suchte ihre Lippen. Noch einmal – dann schlossen sich seine Augen, der Atem stockte – er hatte das Bewußtsein verloren.

Auch der Körper des Mädchens sank zurück. Eisiger Atem entströmte ihrem Munde. Aspiras Wolkenherz trennte sich von dem warmen Menschenleibe und floh hinaus in die Luft. Der Schneesturm wirbelte, kalte Flocken legten sich auf Martins Gestalt – dichter und dichter häufte sich der Schnee und verbarg den erstarrten Körper des Mannes – –

Aber kräftiger und wärmer atmete das Mädchen – – Alles, was Aspira gehörte, war entflohen, stäubte im wilden Treiben des Schneesturms – Wera richtete sich auf und blickte verwundert um sich.

»Wo bin ich? Warum bettete ich mich in die Gletschergruft? O – welch ein Traum! Glaubt' ich doch eine Wolke zu sein – ich kann mich nicht erinnern – wie lange lag ich hier? Hinaus, hinaus!«

Sie erhob sich. Wo geht's hinaus? Sie bemerkte nichts von dem Toten, der hinter ihr unter dem Schnee lag – sie sah, daß der Weg nicht schwierig war, als ob der Sturm ihn gefegt hätte. Und während die Wolken sich dichter um die Eiswände drängten, tastete Wera sich hinaus. denn körperlich fühlte sie sich stark und kräftig – und es war, als ob Wind und Wolken sie trügen, so schritt sie über das Eis, den nahen Steintrümmern zu und noch ein Stück weiter auf dem Wege – –

Da donnerte es vom Firnfeld des Blankhorns – eine Lawine stäubte herab und bedeckte die Spalte –

Und nun wurden die Wolken lichter – Stimmen erklangen und Rufen – und Männer nahten mit Stricken und Beilen – sie aber rief wieder und lief ihnen entgegen, und einer stürmte voran allen andern.

»Wera! Wera!«

»Ich bin's, Paul! Mein Paul!«

Und sie lag schluchzend an seinem Halse.

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