Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Kurd Laßwitz: Aspira - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleAspira, der Roman einer Wolke
authorKurd Laßwitz
yearca. 1925
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleAspira
pages1-265
created20011005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
Schließen

Navigation:

Abgeschnitten

Durch den Raum flog Aspira auf Schwingen der Weltenstrahlung, und als sie in den Schatten der Erde gelangte, fing sie der Vater auf in seinem Arm und zog sie zurück in das Blau seines Erdenhimmels.

Auf der langen, langen Fahrt aber, allein ihren Gedanken überlassen, kämpfte sie in ihrer Seele den harten Streit des Zweifels.

Darfst du es wollen, ein Mensch zu bleiben?

Die Elemente kann man nicht bereden, die Menschen kannst du nicht überzeugen, und deiner Hilfe bedürfen sie nicht in ihrer Klugheit. Aber mußt du denn gerade dieses wollen? Blüht dir nicht anderes an fruchtender Arbeit? Unendlich sind die Aufgaben der strebenden Menschen.

Köstlich ist das Bewußtsein der Freiheit, herrlich ist die Macht der Erkenntnis. Wohlbekannt ist dir des Menschenwissens reiches Gebiet und gegeben sind die dir Mittel, es zu erweitern in ernster Arbeit. Und wenn du die Elemente nicht bestimmen darfst als dienende Geister, so kennst du doch der Tiefen Geheimnis und manche Lagerstätte unerschöpflicher Schätze, um den Reichtum zu gewinnen, den sonst kein Sterblicher besitzt. Und du stillst die Träne des Elends und du schaffst gewaltiges Werk, wie es noch keiner vermochte – – Lockt dich nicht die Fülle der Macht?

Aber darf ich das? Für Menschenwerk die Mittel entnehmen aus dem Reiche der Natur, die nicht gewonnen sind durch die sinnvolle Arbeit, die ich nur kenne aus meiner Wolkenseele? Bringe ich nicht auch so in das Menschenwerk eine unlautere Gabe, die der Geisterwelt entstammt? Wird nicht auch sie zerrinnen wie Spielgewinst, da sie vom Reiche des Spiels entwendet ist? Wer sagt mir, ob nicht gerade solches Tun den Weg stört, der den Menschen doch nur durch ihres Denkens Macht auf ihre Weise gestattet ist? Würde ich solchen Erfolges mich rühmen können, würde ich ein Mensch sein, der auf seiner Arbeit steht? Und wieder nur ein Mensch sein, wie die ehrlichen Forscher alle, könnte mich das befriedigen? Wozu noch der eine zu den vielen? Soll ich darum das Wort der Freiheit erlernen, das quälend erlösende: Lerne entsagen?

Warum nicht lieber zurückfliehen in das ungetrübte Reich der Wolken, wo keine Verantwortung mich ruhelos umhertreibt? Wo das sorglose Spiel des Elements mich in ewigem Wandel durch Höhen und Tiefen holde Freuden genießen läßt? Leuchtet mir nicht auch dort im Herzen die wärmende Sonne der Ehrfurcht vor den hohen Gewalten der lebendigen Natur? Süßes Vergessen aller erlebten Not, ich grüße dich, meine befreiende Hoffnung!

Und wenn ich trotzdem das Leid auf mich nähme? Wäre das nicht größer? Wäre das nicht stolzer, Aspira? Ein Mensch sein in seiner freien Würde, unbekümmert um des Glückes Blütenkranz, der meine Denkerstirne flieht? Lerne entsagen!

Doch nein, nein! Ich darf es nicht! Meinem Glücke entsagen, ja! Mein Leid wollt' ich ertragen! Aber ich bin ja nicht allein! Es ist nicht nur mein Leid. Das Glück rauben, das dem andern gehört – ein andres Menschenleben zerstören, um das meine dafür zu setzen – darf ich das? Da liegt mein Verhängnis! Liebe zu nehmen und Liebe zu geben nach Menschenart, das ist mir versagt! Das kündete mir der Hohe. Und damit vernichte ich ihn, den ich lieben soll! Darf ich das wollen? Ist das die Aufnahme des Gesetzes in meinen Willen? Mich gegen ihn! O, das wäre nicht das Vollkommene, das einzige, was es gibt, der reine Wille. Das wäre nicht gut, das kann ich nicht wollen – nein! Nein!

So strömte sie zurück zum Vater und ruhte aufgelöst am klaren Azur des Erdenhimmels.

»Nimm mich zurück, Vater, nimm mich zurück in das weite Reich deines leuchtenden Gewölbes! Ich will bei dir bleiben, Aspira, die Wolke!«

»O meine Tochter, so konnte der Hohe dein Leid nicht stillen? Zu schwer ist es, was das Menschenherz dir kränkt!«

»Nicht so, mein Vater. Nicht was ich leiden würde, ist mir zu schwer, aber was andre leiden würden durch mich, das kann ich nicht wollen. Der Hohe belehrte mich, daß jene Hoffnung vergeblich ist, die ich hegte, einem Menschen das wieder zu geben, was ich ihm raubte, als Weras Menschenleib mein eigen wurde. Darum will ich den Menschenleib zurückgeben. Behalte mich bei dir!«

»Besinne dich!«

»Frei will ich sein im Spiele des Traumes, nicht im Ernste der Würde. Als Mensch bin ich zu schwach zur Vollkommenheit des Guten, aber als Wolke gut zu sein, genügt, daß ich bin. Behalte mich bei dir!«

»Du bist willkommen, die Rückkehr steht dir offen. Aber in deinem Wolkenherzen, das sich als verbindende Einheit durch deinen Nebelkörper verbreitet, ist ja der Menschenseele Grundkraft mit verhaftet. Die mußt du zurückgeben, willst du frei werden im Wolkenreich. Fließe hinab in die Gletscherspalte, ziehe ein in den Menschenleib, damit alles sich binde und löse nach den Gesetzen der Natur. Dann ströme wieder heraus mit dem Wolkenherzen allein. So wird der Mensch aus der Erstarrung aufstehen und wandeln wie zuvor, ehe du in ihn einzogst. Du aber wirst rein sein von allem, was Menschensinn umnachtet.«

»Ich will es tun.«

»Aber hüte dich, Aspira. Ganz und ungeteilt mußt du in den Menschenleib zurückführen, was du ihm einst entzogen hast. Nichts darf draußen bleiben von dem Wolkenorgan, das jetzt deines Menschenbewußtseins Träger ist. Noch bist du Mensch durch diese Seelenmischung, wie du des Denkens und Redens der Menschen kundig bist, so bist du auch menschlichen Neigungen und Lockungen unterworfen. Sorge, daß du alles zurückzugeben vermagst, sonst bleibt der Mensch erstarrt liegen für immer in der Eisgruft, dir aber, der Wolke, bleibt Kummer und Leid trotz deines Nebelleibes, und unselig bist du im sonnigen Reich der Lüfte.«

»Ich höre, Vater, und schwebe hinab.«

»Und weißt du wohl, wie lange du fern warst droben beim Hohen im weiten Äther?«

»Ich weiß es nicht, mir war keine Zeit bestellt.«

»Zum zweiten Tage, seit die Schiefklippe stürzte, stieg die Sonne empor. – So schwebe hinab, gedenke der Warnung, und sei dann wieder willkommen im Reiche der Luft!«

Aspira senkte sich hinab zu den Bergen. Unruhiger ward die Luft. Im Wirbel vorüber stürmte die Bö, und die Geschwister warfen Schneekristalle hinab aufs verdeckte Land. Dann wieder kam auf kurze Zeit leuchtend die Sonne hervor und glänzte auf den blitzenden Schneehäuptern und grünenden Matten. Dem weißen Blankhorn winkte Aspira einen freudigen Gruß:

»Bald komme und zu dir, bald schmieg' ich mich um deine treuen Schultern. Warte nur, warte!«

Und sie freute sich des freien Schwebens und fühlte sich erlöst in ihrem Entschluß. Übermütig stürzte sie sich in das Treiben der Wolken und blickte flüchtig hinab auf Wald und Flur. Doch da leuchteten die Häuser von Schmalbrück herüber, da streckte sich die Spur der gestürzten Schiefklippe, da dampfte drüben von St. Florentin ein Zug heran – da waren Menschen – – Und sie? Zwei Tage war sie fort vom Menschenreiche, was mochte inzwischen geschehen sein? Da lag der Dekan Strümpler – nein, der Langberg, der den Tunnel zerdrücken wollte – doch Martin war stärker gewesen – und sie konnte sich noch freuen? Sie möchte ihn noch einmal wiedersehen. Und Sohm, wo war Paul? Seit vier Tagen hatte er keine Nachricht von ihr, wie mochte er sich um sie Sorge machen!

Drum schnell, schnell! Fort mit Menschenwerk und Menschenhoffnung! Sie wollte scheiden von ihnen. Statt Aspira wollte sie Wera schicken zu Paul. Emporsteigen sollst du, Wera Lentius, mit dem warmen Menschenherzen aus deiner Eiskluft, sollst den Geliebten umarmen, der sich nach dir sehnt und um dich ängstigt. O wie selig wird er sein, daß er dich wiederfindet, wie du vordem warst, wie anders werden deine Küsse glühen als der Wolkenlippen kühle Berührung, und wie ein unverständlicher Traum wird dir's manchmal in der Seele klingen, daß du glaubtest, eine Wolke zu sein – –

Da durchschauerte sie ein Schreck. Wenn Weras Leib entdeckt wäre in der Gletscherspalte, wenn ein umherschweifender Hirtenbub, ein verirrter Tourist zufällig – o Gott! Wenn Paul hörte, glaubte, daß sie tot läge in der Spalte – gewiß hat er nach ihr suchen lassen – Was die Menschen für Rettung hielten, wäre das Verderben!

Schneller, schneller hinab! Da ist der Gletscher. Und dort, nahe am Firnfeld, am obern Rande des Gletschers, wo der schwarze Firnblock hervorragt, dort sind zwei Männer. Ein bißchen Platz, ihr Nebel, hellt euch auf, daß ich sie sehen kann! Näher heran! Der eine ist ein Träger, er hat einen Apparat ausgepackt und stellt ihn auf, der andre hilft ihm – jetzt richtet er sich auf – es ist Sohm!

»Paul!« möchte sie rufen. Ach, es ist noch soviel Menschliches in ihr.

Was tut er da? Nun umhüllt sie ihn ganz in leichtem, fast durchsichtigem Nebel. Diese Glasflaschen mit den Hähnen und Schläuchen, diese Form der Pumpe hat sie ja noch gar nicht bei ihm gesehen. Was hat das mit dem geologischen Gutachten zu tun? Sie kann es sich nicht erklären – aber das muß sie doch beobachten. Jetzt ist die Eile wohl nicht so dringend, er lebt ja, er arbeitet ruhig, wie immer, vorsichtig, sorgfältig. Ihr ganzes Wolkenherz, jetzt das Organ ihrer menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit, zieht sich um den Beobachtenden und seinen Apparat zusammen. Sollte das die neue Saugpumpe sein, von der er sprach? Jetzt entfernt sich Sohm vom Apparat –

Was ist das? Woher diese plötzliche Strömung, die ihr fremd ist? Wohin wird sie gerissen – – hier ist kein Ausgang – – was soll's?

»Aspira ist wieder da,« sauste ein Windstoß am Blankhorn. »Habt ihr's schon gehört? Aspira kommt zurück von den Menschen und will bei uns bleiben.«

»Aspira ist wieder da?« rief das Rinnsal, das am Felsen munter hinabschoß. Der Neuschnee hatte es frisch gekräftigt. »O, nun werde ich sie auch kennen lernen.«

»Das ist doch eine alte Geschichte,« brummte der herabgleitende Nebel. »Habe sie schon vorhin am Firnfeld gesehen.«

»Was gibt's schon wieder?« murrte der Felsen, der ein wenig geschlummert hatte. »Was ist los?«

»Aspira ist wieder da!«

»Wo, wo? Ich sehe sie nicht. Es ist zuviel Wolkenzeug hier herum.«

»Sie will bald zum Blankhorn kommen,« sprach der Nebel. »Im Vorbeiwehen hat sie's schon gegrüßt. Sie bleibt jetzt hier und will nicht wieder Mensch werden.«

»Aha!« sagten die Flechten befriedigt. »Aspira ist wieder da! Wir haben es ja gleich gesagt, daß es Unsinn war, was sie wollte. Sie paßt nicht zu den Menschen. Das sind Zellenwesen. So was werden sie hier oben nicht richtig verstehen lernen.«

»Ruhe bei Ihnen!« knurrte der Fels. »Was wissen Sie von ihren Angelegenheiten? Die Menschen sollten ihr auch gar nicht gefallen. Das ist uns gerade recht. Nun werden wir bald mit den Zweibeinern aufräumen.«

»Wie werden wir denn das machen?« fragte das Rinnsal.

»Nun,« sauste der Wind, »das könnt ihr ja so machen, wie drüben der Langberg, der ihnen einfach die Schiefklippe auf die Köpfe gestürzt hat.«

»Wer hat dir das vorgeredet?« rief der Nebel. »Ich hab's selbst gesehen, daß nicht einmal ein Eichhörnchen dabei verunglückt ist.«

»Na ja, der Langberg!« rief der Fels. »Der ist auch dumm genug. Würde mir gar nicht einfallen, mich hier hinabrollen zu lassen. Aspira wird uns schon was Besseres sagen.«

»Glaubt's ja nicht, was sie euch sagt. Tut's ja nicht, was sie euch rät!« klang es von unten her.

»Was ist denn das? Wer mischt sich hier in unser Gespräch? Das paßt uns nicht!« riefen die Flechten.

»Pfui!«brummte der Fels. »Diesmal haben die Flechten recht. Das paßt uns nicht. Das kommt drüben vom Langberg. Das ist die Luft, die so fatal riecht.«

»Pfui!« sagte das Rinnsal. »Blast sie doch weg!«

»Haha, sie ist schon fort!« dröhnte der Fels. »Wie sie Angst hat, die freche Langbergluft!«

»Seht, seht, wer da kommt! Mach besser Platz, Nebel!«

»Aspira! Aspira! Willkommen Aspira!« hallte es von den Felswänden und den Wasserstürzen und dem Neuschnee rings umher.

Und von den Eishöhen des Blankhorn rief es vernehmlich herab:

»Willkommen, Aspira! Nun, nun! Glimmer und Schwefelkies! Was haben die dir Zweibeiner getan, daß du schon wieder hier bist? Komm herauf und erzähle mir. Du siehst, wie wir alle uns freuen!«

Vom Firnfeld her hatte sich's zusammengeballt und wuchs herauf, eine wallende Wolke. Es legte sich um die Abstürze des Blankhorns und zog höher und höher am Berge hinauf. Es war Aspira.

Und sie schmiegte sich an den alten Freund, den gewaltigen Riesen der Berge.

All die kleinen Geister aber lauschten aufmerksam, ob sie nichts vernehmen könnten; denn sie meinten, Aspira werde nun dem Blankhorn von den Menschen erzählen.

»Nun, nun?« sagte das Blankhorn. »Was ist denn das, Aspira? Siehst ja auf einmal so bestürzt aus? Und warst doch vorhin so fröhlich, daß du wieder bei uns bist? Denke dir, den ganzen Sommer haben sie wieder auf mir herumgehackt. Nun werden wir aber von dir hören, wie wir die Nagelfüßler herunterbringen. Werdens gescheiter machen als der Langberg. Nicht wahr? Das ist recht, daß du wieder bei uns bleiben willst.«

»Ja,« seufzte Aspira. »Vorhin glaubte ich, daß ich sogleich zu dir zurückkommen würde als freie Wolke. O, ich war glücklich! Alles Leides hatt' ich vergessen, das drunten bei den Menschen wohnt, wiedergeben wollt' ich ihnen ihre Herrscherseele und all ihre Macht und ihr Wissen, und wiedergewinnen wollt' ich mir der Höhen ungetrübtes Spiel. O dieses wonnige Dehnen und Schweben, das unbegrenzte Gestalten und Überallsein – – Und nun? Mein hoher Freund! Es ist verloren! Es ist nicht möglich, jetzt nicht möglich!«

»Nun, nun! Bei allen Steinrutschen! Du erschreckst mich. Was ist denn geschehen?«

»Sie haben ein Stück von mir gefangen, ein Stück von dem Menschenherzen, das noch in mir war!«

»Wer? Was? das versteh' ich nicht.«

»Du weißt doch, daß ich mein Wolkenherz mit einem Menschenherzen mischte. Als ich nun wieder Wolke ward, hatte ich die Absicht, später nochmals in den Menschenleib zurückzukehren, der inzwischen drunten erstarrt in der Gletscherspalte ruht. Darum mußte ich einen Teil seines Menschenwesens in meinem Wolkenherzen mitnehmen. Ich sprach mit dem Vater und mit dem Hohen, ich sann nach und entschloß mich, dem Menschen wiederzugeben, was sein ist, und frei vom Menschenwesen dauernd eine Wolke zu werden. Und nun –«

»Nun was?«

»Du sahst vorhin drunten die Männer über dem Gletscher. Als ich hinabschwebte, dem Menschen in der Spalte seine Seele zurückzugeben, bemerkte ich sie. Ich kenne den einen. Ich wollte sehen, was er treibe. Er sammelte Luft in Gefäße, die er fest verschloß. Ich kam zu nahe. Unvermutet schloß sich das Gefäß, als ich dort mein Herz in der Nähe verdichtet hatte, und ein Teil meines Herzens wurde gefangen – ich habe es nicht mehr.«

»Haha, Aspira, das tut doch einer Wolke nichts. Laß es ruhig dort, bist auch so noch mächtig genug.«

»Wenn es nur mein Herz wäre! Wir können uns teilen und erneuern. Des Wolkenherzens verlorenen Teil kann ich freilich entbehren, ja durch ihn bin ich sogar noch mit dem geraubten Teile verbunden. Aber es ist ja vom Menschenwesen ein Teil dabei. Und der Mensch, der festgefügte Mensch mit seinem ins Feinste gegliederten Nervenleib – o, du weißt nicht, wie wunderbar die Menschen gebaut sind – er muß alles, alles wieder haben, was ich von ihm empfing, nichts darf fehlen, nichts! Jetzt darf ich auch jenen kleinen Teil des Herzens nicht missen, sonst bleibt der Mensch starr und tot liegen in der Eisgruft.«

»Laß ihn liegen! Es liegen noch mehr Menschen in unsern Schluchten.«

»Das darf ich nicht. Der Vater verbietet's und der Hohe, und – –«

»Und?«

»Etwas, das du nicht verstehen wirst.«

»Nun, nun! das ist wohl gar so was Menschliches?«

»Ja, das Beste am Menschen – das Gewissen.«

»Gewissen? Wo sitzt das? Aber als Wolke braucht dich doch nicht zu kümmern, was die Menschen haben. Du bist ja hier, du ballst dich und schwebst und verdunstest, wie dir's paßt, was geht dich als der Menschen Werkzeug an?«

»Du vergißt, daß mein Wolkenherz noch ganz mit dem Menschenwesen gemischt ist. Ich bin eine Menschenwolke. Hätte ich vorhin, wie ich es wollte, dem Menschen drunten all sein Eigentum wieder zustellen können nach den Vorschriften des Vaters, so wäre ich jetzt bei dir als freie Königswolke. Solange ich aber den Menschen nicht wieder zum vollen Menschen machen kann, behalte ich auch seine Seele in mir mit allen Menschensorgen und Menschengeboten – und ich bin eine denkende Wolke! O ich arme!«

Und Aspira schmiegte sich enger an das Blankhorn und weinte, weinte.

»Nun, nun,« brummte der Alte. »Nur keine Aufregung! Was ist denn da so Schlimmes dabei? Du wolltest ja doch Mensch werden.«

»Ich will es aber nicht bleiben, denn ich weiß jetzt, daß ich es nie in voller Echtheit sein kann. Ein Mensch mit einem Stück Wolkenherzen, das wollte ich nicht. Aber nun – eine Wolke mit einem Stück Menschenherzen, – das ist schrecklich!«

»Na ja, armes Ding, das mag ja wohl schäbig sein.«

»O du weißt nicht, was es bedeutet. Der Leib des Riesen mit der Kraft des Zwerges! Frei sich bewegen, und erkennen, daß alles Zwang ist. Wissen um die Macht und ohnmächtig sein im Handeln! Schweben in den Höhen der schönen Welt mit dem Leide um das Unerreichliche! Willenlos wollen, befohlen spielen, namenlos-elend unsterblich sein!«

Das Blankhorn erzitterte von einem geheimnisvollen Schauer ergriffen. Lawinen donnerten von seinen Wänden. Bäche stauten sich und stürzten mit neuer Gewalt zu Tale. Wirbelwinde brachen aus den Schluchten. Erschrocken lauschten die Geister des Bezirks. Von allen Seiten stürmten Winde und Wolken heran, dichter Schnee raste über die Täler.

»Was willst du?« rief Aspira. Sie bebte um Sohms Schicksal, den sie noch auf dem Gletscher wußte. »Schnell stille die Geister! Jetzt können wir den Aufruhr nicht brauchen. Bitte, bitte, errege dich nicht!«

»Zerschmettern will ich den Menschenwurm mit seinem Gefäße und befreien dein gefangenes Herz.«

»Nein, nein, – nicht so! Er darf nicht zugrunde gehen, das will ich nicht! Zerstreut euch Wolken! Ruhe, Ruhe ihr Wetter. Aspira gebietet – hellt euch auf!«

Und schnell, wie sie gekommen waren, verzogen sich die Wetter. Es ward heller über dem Tale.

»Nun, nun!« brummte das Blankhorn. »Man kann dir doch nichts recht machen. Muß schon Nachsicht haben mit meiner kranken Aspira. Ha! Kranke Wolke! Gar nicht zum Lachen! Aber was willst du denn nun?«

»Ich sann schon lange nach. Dem Menschen darfst du nichts tun. Aber wenn er seine Flaschen im Hause geborgen hat, dann will ich es versuchen mit Menschenlist, ob ich ihn nicht bewege, sie zu öffnen, daß ich frei werde.«

»Kannst du denn zu den Menschen reden?«

»Verstehen kann ich alles, was sie sagen und tun, aber zu ihnen reden, das kann ich nur in der Stille der Nacht, wenn sie schlummern. Ach, wenn ich im Tunnel hätte zu ihnen sprechen können! Doch das vermochte ich nicht. Wenn aber ihr Gehirn ruht, so vermag ich mit dem Wolkenherzen, das mit dem Menschenherzen gemischt ist, auf sie zu wirken, daß sie mich hören und verstehen. Und das will ich versuchen.«

»Und wenn es dir nicht gelingt?«

»Wehe mir! Dann bin ich verloren! Laß mich jetzt ziehen, Blankhorn, den Abend will ich erwarten drunten in einsamer Schlucht, bis die Menschen schlummern – –«

»Geh, mein Liebling. Aber wenn – nun, nun! das Blankhorn ist auch noch da!«

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.