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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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VI. Am Kephissosufer.

Wenn man in mitternächtiger Richtung die alte Stadt Athen verließ, etwas zur Linken gewandt den äußeren Kerameikos durchschritt, über die Gärten und Platanengänge der »Akademie« hinaus seinen Weg fortsetzte, dann noch eine Strecke mitternachtwärts im Freien auf besonnter Straße zurücklegte, so erreichte man das anmutige, hold umschattete Kephissostal.

Man hatte beim Eintritt in dieses Tal sofort einen flüsternden, üppig grünenden Olivenwald zur Linken. Er erstreckte wie ein grüner Wall sich weithin immer zur Seite des Weges. Baumhoch sproßte dazwischen der Keuschlammstrauch, dessen blaue Blüte gegen das sanfte Grün der schmalen Blätter angenehm abstach. Efeuranken hingen von den Aesten überall herab; auch Taxusbäume wuchsen den Abhang empor und bedeckten ihn dergestalt, daß man nichts als Grünes sah.

Zur andern Seite des Wegs aber, zur Rechten, kamen die kristallklaren Murmelwellen des Kephissos aus dem Innern des Tales über blitzend weiße Kiesel dem Wanderer entgegen gerieselt, hie und da in den Rosenlorbeer- und Keuschlammbüschen sich bergend.

Jenseits des Kephissos sah man aus einiger Entfernung den nicht minder lieblich umlaubten, sagenreichen Hügel Kolonos herüberwinken.

Ging man, nachdem man das Tal betreten, eine kurze Strecke zwischen dem Olivenhain und dem fließenden Gewässer hin, so sah man am jenseitigen Ufer des Kephissos, auf wiesigem, sanft ansteigendem Boden einen anmutigen Weiler im Schein der Sonne glänzen, umgrünt von einzelnen uralten, hochgewipfelten Cypressen, Platanen und Pinien, und von einem Garten, der fast bis an den Kephissos herüberreichte. Aber nicht bloß von dieser Seite erstreckte sich jenes Gartengelände bis ans Ufer des Flüßchens, sondern dieses, seinen Weg aus dem Innern des Tals gegen den Eingang desselben fortsetzend, machte eine Krümmung nach der rechten Seite hin und bespülte sonach auch dort die Gründe, in welche der Frucht- und Blumengarten, der das Landhaus umgab, nach jener Seite hin auslief. Nur daß dort der Boden des Gartens einigermaßen sich abdachte, und der Bach in seiner Vertiefung zwischen höherem, von den Strahlen der Sonne durchblitztem und von Nachtigallen durchtöntem Gebüsch um so traulicher plätschernd dahinfloß.

In der Mitte des weiten Raumes zwischen diesem sich abdachenden Kephissosufer und dem Wohnhause stand ein von Rosen umbüschtes Gartenhäuschen. An den Ecken des Gartens trat Lorbeer-, Myrten- und Rosengebüsch zu dichten, traulich-verschwiegenen Lauben zusammen. Auch die Scharlachblüte des Granatbaums fehlte nicht. Doppelreihen von Oliven-, Feigen- und anderen Fruchtbäumen umsäumten, von einer dieser Lauben zur andern führend, den Garten.

Wo der Boden gegen den Kolonoshügel sanft anstieg, da bräunten sich an sonnigen Hängen die Trauben. Das ländliche Wohnhaus selbst umschlangen Rebengewinde, ja selbst an den Bäumen wanden sie in üppiger Fülle sprossend sich empor. Mit ihnen wetteiferte wuchernd der Efeu, dessen große schwarze Dolden von Wänden und Baumstämmen, nicht minder Trauben ähnlich, herunterhingen, und dessen üppiges Geblätter, sich fortschlängelnd, selbst das Gefild der tauigen Wiese besäumte.

Zwischen den blühenden Hecken und freien Rasenplätzen waren kleine Beete von Blumen angelegt. Wenig hatte von den schöntraubigen Narzissen, vom goldenen Schmelz des Krokus, von den Lilien, Irisblumen und Veilchen die vorgerückte Jahreszeit und die kranzwindende Lust des Atheners übrig gelassen, aber unzählig flammten die Rosen überall, von Violen umsäumt, in purpurn lachenden Fluren auf dem Boden sich hinverbreitend, oder auf hohen Sträuchern prunkend, niemals angeweht von rauhen Winden und allmorgendlich erfrischt vom reinsten Taue des Himmels.

Leicht erscheint es, so der Dinge, die hier zu schauen waren, Namen und äußere Gestalt mit Worten anzugeben; unmöglich aber ist es, den heitern und glücklichen Frieden zu schildern, welcher über diesen üppig grünen, waldumsäumten, von den Wässern des Kephissos betauten, von Nachtigallen durchschwärmten Talgrund verbreitet lag. Man war der lauten Stadt so nahe und fühlte sich ihr doch weltenweit entrückt. Es war, als müsse der ländliche Gott Pan hier aus schattendunkler Waldstille treten, eine Najade dort unter helllaubigem Schattendach aus dem Bade der Kephissoswellen steigen. Weiter innen in der lauschigen Tiefe des Hains tummelten sich gewiß bocksfüßige Satyrn, und man konnte das Gekicher vollbusiger, reigenschlingender, oder auf grünem Laub zur Ruhe hingelagerter Hamadryaden vernehmen. Zuweilen ging ein Schauer durch die Kronen der Bäume, die in der reinsten Bläue des hellenischen Himmels zitterten, wie ein Wonneahnungsschauer, einherwehend vor dem Schritt des Freudengottes Dionysos, will er etwa vom Talgewässer des Kephissos erobernd hinaufstürmen gegen den von ernsten Kunden der Vorwelt umflüsterten Eumenidenhain auf dem Hügel Kolonos?

Aber auch der Reigen apollinischer Gefährtinnen war diesem Orte nicht fern. Hier hauste ja der Musenliebling Sophokles. Dies hier war seine heimische Stätte, wie er sie von der Höhe der Akropolis dem Perikles und der Aspasia lobpreisend aus der Ferne gewiesen. Hier war er geboren, und hier lebte er. Unter den weißen, von Efeu und Blumen überwucherten Denksteinen, welche hie und da aus dem Grün des Gartens und der Büsche hervorblinkten, schliefen seine Väter.

Eben saß er, umsäuselt von den Lüften des Morgens, in einer Rosenlaube, und hatte vor sich Wachstäfelchen auf den Knien liegen, auf deren Fläche er zuweilen einige Verse mit einem spitzen Griffel einritzte, mehrmals mit des Griffels stumpfem Ende das Wachs wieder glättend und das Geschriebene austilgend, wenn die erste Eingebung der Muse ihn nicht völlig befriedigte.

Dazwischen einen Blick nach dem Talwege hinüberwerfend, sah er einen stattlichen Mann leichten, behenden Fußes das Tal durchschreiten. »Wer ist der Frühwache«, dachte er bei sich, »der da schier beflügelt wie Hermes, der Götterbote, heranschreitet?«

Bald war der Wanderer näher gekommen, und der Dichter erkannte den liebsten seiner Freunde. Er ging ihm freudig erregt bis zum Eingang des Gartens entgegen.

Perikles schüttelte ihm die Hand. »Ich folge deiner Einladung«, sagte er; »ich bin für heute dein Gast, dem Lärm und Getriebe der Stadt und allen Staatsgeschäften entflohen. Auch der Zitherspieler aus Milet – du erinnerst dich seiner ohne Zweifel – wird kommen und den Tag mit uns zubringen, wenn du es gestattest. Ich habe vieles mit ihm zu besprechen und weiß keinen Ort, wo ich es ungestört tun könnte.«

»Der schöne Zitherspieler aus Milet also wird kommen?« rief Sophokles freudig. »Dacht' ich's doch, daß es etwas sehr Begeisterndes sein müsse, was dich herführte, als ich dich so feurig und erregt des Weges kommen sah. Da war nicht viel zu sehen von der ruhigen Würde des Redners auf der Pnyx: ich erkannte dich kaum, so warfst du das Haupt und die Hüften hin und her, mich schier an den bekannten edlen Renner beim Homeros gemahnend, von welchem es heißt, daß er die Halfter in seinem Stalle zerreißt und hochgehobenen Hauptes mit fliegenden Mähnen dahineilt zur Weide der...«

»Schweig!« fiel Perikles ein und schloß dem Freunde mit der Hand den Mund. »Es waren die würzigen Lüfte des Kephissostals, die so voll beseelend in der Morgenfrische auf mich wirkten!«

»Warum nicht auch das Verlangen, die schöne Milesierin zu sehen?« sagte Sophokles; »ist sie nicht das reizendste aller Weiber?«

»Sie ist zart wie eine Lyderin, würdevoll wie eine Athenerin, stark wie eine Lakonerin!« sagte Perikles.

»Du brauchst den Ion um die blonde, lilienwangige Chrysilla nicht mehr zu beneiden!« bemerkte Sophokles mit schalkhaftem Lächeln.

»Laß die Chrysilla!« rief Perikles. »Aspasia ist unvergleichlich! Man weiß nicht, ob sie mehr von einer Muse oder von einer Charis an sich hat.«

»Auch Parze ist sie dir vielleicht«, sagte Sophokles; »sie kann dir Gutes und Böses in den Lebensfaden spinnen!«

»Warum nicht gar auch Lamia und Empusa?« rief Perikles. »Und wäre sie's – wir haben reichliches Blut in den Adern und ein Schwert an der Seite, um es, wie Held Odysseus, jeder Kirke gegenüber im rechten Augenblicke aus der Scheide reißen zu können...«

»Ich komme zu dir als ein müde Gehetzter«, fuhr Perikles fort, sich den Schweiß des sommerlichen Weges von der Stirne trocknend; »ich habe mich den unzähligen Sorgen und Mühen meiner unzähligen Aemter und Würden einmal entrissen, um einen Tag der schönen Muse und ihrem liebsten Pflegekind, der Liebe, zu leben.«

»Du tust wohl«, sagte Sophokles, »wenn du die Muse suchst, um zu lieben. Zur heißen Sommerzeit soll man entweder nicht lieben, oder nichts anderes tun, als lieben.«

»Ich glaube, du selber sündigst gegen diesen Ausspruch«, bemerkte Perikles; »die Wachstäfelchen da in deiner Hand beweisen, daß du fleißig Vers an Verse reihst. Das hindert dich aber nicht, wie man erzählt, die schöne Ephesierin Philainion in jenen verschwiegenen Myrten- und Rosengehegen zu bewirten...«

»Ist Poesie Arbeit?« fragte Sophokles; »ich wußte das nicht. Wenn die heiße Stirn den Dichter macht, so ist wohl die Poesie ein klingendes Ausatmen all' des schönen Nichts und all' des göttlichen Feuers, das man so mit seinen sterblichen Sinnen aus dem himmlischen Aether in sich trinkt. Licht verwandelt sich in Klang. Und so möchte ich auch die Liebe am Sommertag nicht missen, denn da ist sie am feurigsten und am süßesten und am meisten des Gottes voll. Und am wenigsten möchte ich sie missen, während ich dichte. Da fließt so schön eine Glut in die andere: von apollinischen Flammen erhitzt, suchst du Erfrischung im Wonnehauch der Liebe und kehrst mit wunschloser, schön befriedigter, harmonisch gestimmter Seele zur Muse zurück. Zuletzt vertauschen Eros und die Muse gar die Rollen: die Muse wird zur Kupplerin der Liebesglut, und der Geliebten Auge oder Busen beschenkt dich mit den schönsten Dichtergedanken.«

»Ich glaube, man ist niemals so müde«, sagte Perikles, »daß die Liebe nicht Erholung wäre. Wir alle von einem Taten- oder Schaffensdrange mächtig Befeuerten wissen das!« –

So unterredeten sich die beiden warmbeseelten, in des Lebens reifer Vollblüte stehenden Männer.

Jetzt hielt eine Sänfte vor dem Hause des Sophokles. Aus derselben stieg Aspasia. Sie war in Frauengewändern. Sophokles begrüßte sie und führte sie zu Perikles ins reichbebüschte Gehege des duftigen Gartens.

Geborgen vor unberufenen Späheraugen, schlug sie den Schleier zurück, ließ das Himation, das über das Hinterhaupt heraufgezogen war, vom Haupte und von den Schultern gleiten, und stand da im farbenhellen, schmuckreich geränderten Frauen-Chiton, das krause, goldbraune Haar in Wellenlinien an den Schläfen geordnet und auf dem Haupte als einzige Zier eine breite purpurne Haarbinde tragend, die von der oberen Fläche des Scheitels nach hinten ringartig um das reiche Gelock zusammenlief. In der Hand trug sie einen kleinen, überaus zierlich gestalteten Schirm gegen die Strahlen der Sonne, und im Gürtel, der ihr Gewand in der Mitte des Leibes zusammenhielt, stak ein nicht weniger anmutiger, blattförmig gestalteter, buntbemalter Fächer.

Sophokles sah Aspasia jetzt zum erstenmal in Frauengewändern. Ein Ausruf der Bewunderung entfuhr ihm. Die Milesierin fiel in die Idylle des Kephissostales als ein fast allzu blendendes, bestechendes Wunder hinein. Sie erschien fremdartig in dieser ländlichen Stille. Sie brachte ein Arom mit sich, ein berauschendes Arom von Schönheit und Jugend, das alle Duftwürze des Hains und den Odem aller Blüten des Gartens in den Hintergrund zu drängen schien.

»Laß dir genügen, Aspasia«, sagte Sophokles, indem er die Schöne mit ihrem Freunde einen durch reich belaubten Ranken versehenen Gang entlang führte, »laß dir genügen an dem, was die Natur für diesen Ort getan. Die Gartenkunst der Athener zu bewundern, wirst du keinen Anlaß haben. Ich weiß sehr wohl, daß ihr asiatischen Hellenen es besser versteht, als wir diesseits des Meeres, anmutige Lustgärten kunstreich anzulegen, mit Labyrinthen, Siedeleien und Grotten. Ihr habt ja dort des Persers weitgedehnte, großartig angelegte Paradeise als Muster vor Augen. Wir Athener glauben, daß die schöne Natur, wie eine schöne Frau, auch ungeschmückt schön ist.«

»Laß nur Aspasia eine kurze Zeit in diesem Gehege sich ergehen«, sagte Perikles, »und du wirst bald mit der ungeschminkten Natur nicht mehr zufrieden sein. Sie wird dich bald samt deinem Garten verzaubern und verwandeln. Das ist so ihre Art. Wo sie hintritt, da sproßt es unter ihren Füßen. Den Menschen weiß sie unvermerkt einen Stachel ins Herz zu pflanzen, und wenn sie ein paar Worte über deinen Garten, fallen läßt, so wirst du nicht früher zur Ruhe kommen, als bis du etwas hergestellt, was mit dem Fruchthain der Hesperiden, oder dem Garten des Phoibos an der äußersten Meeresgrenze, oder den kyrenäischen Gärten des Zeus und der Aphrodite, oder den Gärten des Midas mit ihren hundertblättrigen Rosen zu vergleichen, oder wenigstens mit der Gartenkunst des homerischen Phäakenfürsten Alkinos auf Scheria sich messen kann.«

»Wohl weiß ich«, entgegnete Sophokles, »daß dieses Frauenwesen Unruhe zaubert in der Menschen Gemüter. Habe Mitleid, schöne Zauberin, und laß mich und meinen Garten hier unverwandelt! Ich war bisher so zufrieden und so glücklich hier. Glänzte Phoibos am Himmelszelte, so freute ich mich, daß meine Oliven, meine Feigen, meine Granatäpfel reiften; regnete Zeus, so dankte ich ihm, denn meine Wiesen grünten. Ich begnügte mich mit dem, was da zu finden war: Blumen im Frühling, Schatten im Sommer, Fruchtfülle im Herbst, erfrischender Lufthauch und musengesegnete Stille im Winter. Vor allem aber, mächtige Aspasia, besprich und verwandle mir nicht durch eine Zauberformel das, was mir durch Gewöhnung das Liebste geworden, und was dem Liebenden und dem Dichter immer das Erwünschteste: die trauliche Heimlichkeit dieser Lorbeerbüsche, dieser Myrten und Rosenlauben.«

»Sollte in der Tat«, warf Aspasia ein, »die lorbeerumschattete Einsamkeit das Zuträglichste für den Dichter sein? Sollte er nicht lieber, um völlig zu reifen, aus dem stillen Schatten hinaustreten ins volle Licht der Welt und des Gebens?«

»Man glaubt so lange«, erwiderte Sophokles, »daß es die Sonne ist, und nur die Sonne, welche die Beeren des Weinstocks reift, bis man entdeckt, daß gerade die größten, die üppigsten, die farbigsten Trauben verborgen unter dem Schatten der dichtesten Blätter hängen. Und wenn du bezweifelst, daß diese Einsamkeit dem Dichter nützt, so wirst du doch gestehen, daß sie dem Liebenden willkommen ist? Hier könnt ihr, so ihr wollt, euch tagelang derselben erfreuen, nur gestört von zwitschernden Vögeln oder rieselnden Wellen. Kein Sklave betritt diesen Garten jemals ungerufen. Wollt ihr aber die traulichste, von den Musen und den Charitinnen am meisten gesegnete Stelle kennen lernen, so kommt!« Perikles und Aspasia folgten dem Dichter. Er führte sie hinab bis dorthin, wo, wie schon erwähnt, der Kephissos, eine Krümmung machend, das Gartengelände auch von der anderen Seite begrenzte. Hier senkte sich der Boden gegen den Bach hin, der in etwas vertiefterem Grunde dahinfloß. Aber nicht steil fiel das Ufer unmittelbar in das Gewässer ab, sondern es war zwischen dem Bache und der ansteigenden Fläche ein überaus lieblicher Raum gelassen, der eben breit genug war, daß zwei Menschen, traulich gesellt, unter grünem, von spielenden Sonnenstrahlen durchblitztem Laubdache den Bach entlang zu wandeln vermochten.

Der Dichter führte seine Gäste diesen reizenden Pfad. Hier erklang das Geplätscher und Geriesel der Wellen am lieblichsten, hier trillerten und flöteten die Vogel am süßesten, hier spielten wie neckische Geister die Schatten und Lichter auf den Wellen und zwischen den Aesten. Hier und da fand sich ein üppiger Rasenplatz, wo man zur Rast sich hinstrecken und die erfrischende Kühle des Schattens ruhend und träumend genießen konnte. Auch eine Felsgrotte war hier zu finden, von außen halb verhangen durch blumiges Gerank, das Innere mit Sitzen und Kissen zur Einkehr in den heißesten Tagesstunden einladend ausgestattet.

Aspasia war beim Anblicke dieses holden Ruheplatzes entzückt und folgte gern der Aufforderung des Freundes, sich niederzulassen. Perikles und der Dichter selbst folgten ihrem Beispiel. Man sah auf die klaren Wellen des Baches, der hier in einem natürlichen Felsbecken sich ein wenig staute, hinunter. Farbig schimmernde Libellen schwebten und tanzten wie sonnetrunken über den Uferblumen, und ein prächtiges Paar unschädlicher Wassernattern beschrieb, sich ungesehen wähnend, in der Kristallflut sich schlängelnd, seine behenden, reizvollen Windungen. Rasch aber huschten sie, als ihre Betrachter durch ein leises Geräusch sich verrieten, unter das buschige Kräuticht, das üppig wuchernd vom Ufer in das Gewässer des Baches hinunterhing.

»Ein bräutlich Paar«, sagte Sophokles; »ich belausche sie hier oft. Sie sind unzertrennlich.«

»Schwer ist's«, begann Perikles nach einer kleinen Pause, während welcher alle sich dem Anhauch der sie umatmenden Natur unbewußt hingaben – »schwer ist's, aus dieser friedlichen Welt sich wieder im Geiste zurückzuversetzen zu den Menschen und Dingen, welchen man eben entflohen, welche man weit hinter sich zurückgelassen. Und doch würde der Zweck unserer heutigen Wanderung, Aspasia, nur halb erreicht werden, wenn wir jener Menschen und Dinge, vor welchen wir hierher geflüchtet, gar nicht gedächten. Wir müssen im Gegenteil uns mit ihnen zuerst und vor allem andern beschäftigen, denn nicht bloß du hast von den Ereignissen der letzten Tage mir vieles mitzuteilen, sondern ich selbst habe dich über manches, was dir rätselhaft geblieben, aufzuklären. Hier schweben über den Wassern anmutig die Libellen und aalglatte, behende Schlänglein ziehen in der Flut ihre reizenden Kreise; aber nicht dieser dürfen wir zunächst achten, sondern von Tieren ganz verschiedener Art habe ich zu sprechen, von unseligen Vögeln, die mir und dir gestern verhängnisvoll geworden: von den verwünschten Pfauen des Pyrilampes. Durch des Hipponikos Verrat ward einer jener Vögel, der zum Geschenk für dich bestimmt war, in mein Haus gebracht, und fiel in die Hände der Herrin Telesippe.«

»Und was war dort des Fremdlings Los?« fragte Aspasia.

»O frage mich nicht nach meinem und seinem Schicksal an jenem Tage!« rief lächelnd Perikles. »Stelle dir den Mann vor, dem man, wie die Sage berichtet, seine Kinder, lecker zubereitet, zum Mahle vorsetzte; seines Gemütes Staunen und Entsetzen weiß ich erst zu ermessen, seit mir das zwar nicht ganz so Grausenhafte, aber kaum minder verblüffende widerfuhr, den prächtigen Vogel, von dem ich glaubte, daß er soeben sein herrliches Gefieder vor der entzückten Aspasia entfalte, und daß sie einen Argus in ihm erblicke, von dem Geliebten ihr zugesendet, um sie an seiner Statt mit hundert Augen der Liebe zu bewachen – daß ich diesen Vogel tot, entfiedert, zu formloser, schnöde gebräunter Masse entstellt auf meinem Teller erblickte!«

Heiter lachte bei dieser Erzählung Sophokles. »Du hast dich versündigt«, sagte er, »indem du diesen der Ehegattin Hera geweihten Vogel verwendetest im Dienste ihrer Widersacherin, der goldenen Aphrodite«...

»Weit ärger als über dich und deinen Pfau, o Perikles«, sagte Aspasia, »hat der Zorn der Götter am selben Tage über mein Haupt sich entladen. Wisse, daß ich am selben Morgen verkleidet in deinem Hause dich aufsuchte, daß auch ich, wie jener Pfau, in die Hände Telesippes fiel, und daß ich, wenn auch nicht geschlachtet, wie der Vogel, doch einen kaum weniger tückischen und grausamen Empfang als er gefunden. Bei den Göttern, Telesippe wünschte bloß, ich hätte hundert Augen, wie der Pfau, um sie mir alle auskratzen zu können! In der Gesellschaft deiner tobenden Gattin war ein betagtes, lächerliches Frauenwesen, Elpinike geheißen. Diese Matrone entbrannte in Heller Liebesbrunst für den jungen Zitherspieler und verfiel in einen unbeschreiblichen Aerger, als sie entdeckte, daß er ein Weib war. Ich wurde besudelt von diesen beiden Harpyen, mit Schmähungen überhäuft, aus dem Hause gestoßen! »Ich stehe als Herrin an dieses Hauses Herd!« rief Telesippe; »du aber bist eine Hergelaufene, eine Buhlerin! Ich befehle dir von hinnen zu weichen!« Sie fügte hinzu, auf dein Herz wolle sie verzichten, aber deinen Herd sei sie nicht gesonnen preiszugeben. Willig gönn' ich ihr deinen Herd, o Perikles; aber gedenkst du dem Weibe, welches an deinem Herde waltet, das Recht zuzuerkennen, über das Weib, welches dein Herz besitzt, mit Schmähungen und wilden Drohungen herzufallen?«

»Was vermag ich zu tun?« versetzte Perikles. »Der athenischen Frauen Rechte sind gering. Aber diejenigen, die sie nun einmal haben, müssen wir achten. Reichen sie doch nur bis an die Schwelle des Hauses«...

»Es scheint also«, erwiderte Aspasia, »daß ihr Männer von Athen nicht Herren im Hause, sondern bloß außer dem Hause seid... Wie sonderbar! Ihr macht das Weib zur Sklavin, und dann erklärt ihr euch selbst wieder zu Sklaven dieser Sklavinnen!«

»Das ist die Ehe!« sagte Perikles achselzuckend.

»Wenn dies die Ehe ist«, erwiderte Aspasia, »so wäre es vielleicht besser, es gäbe keine Ehe in der Welt.«

»Den Freudenbund der Herzen schließt die Liebe«, sagte Perikles; »zur Gattin aber und zur Herrin des Hauses wird das Weib durch das Gesetz!«

»Durch das Gesetz?« entgegnete Aspasia; »ich meinte immer, es sei eigentlich nur die Mutterschaft, durch welche ein geliebtes Weib zur Gattin würde, und die Ehe beginne sozusagen erst mit dem Kinde«...

»Nicht nach athenischem Bürgergesetz!« wendete Perikles ein.

»So ändert euer Bürgergesetz«, rief Aspasia, »denn es taugt nichts!« »Frommer Götterliebling Sophokles«, rief Perikles, zu dem Freunde sich wendend, »hilf mir doch diese zürnende Schöne zur Besonnenheit zurückführen, damit sie uns nicht mit ihrer kleinen weißen Hand das gesamte Staatswesen der Athener über den Haufen werfe!«

»Wie könnte ich glauben«, sagte der Dichter, »daß unserer hochgesinnten Aspasia des Menschen und seines Glückes bester Teil, die Besonnenheit, verloren gehen könne? – Sie weiß es so gut, daß sie es uns wieder lehren könnte, wenn wir es je vergäßen, daß ein Leben ohne Lust kein Leben ist, daß aber, um des Lebens Lust in schöner Heiterkeit zu genießen, wir uns vor allem hüten müssen, die finstere Göttin Ate, die Göttin der Verblendung und des blindhaftigen, leidenschaftlichen Vorwärtsstürmens, wider uns zu erregen; daß wir niemals gegen etwas ankämpfen sollen, ohne das Maß unserer Kraft vorher weise zu prüfen; daß frohes Behagen unmöglich ist ohne Selbstbeherrschung; daß wir die Menschen lieben sollen, denn sie sind die Gespielen unserer Lust, und die Götter ehren, denn sie sind nicht leere Namen, sondern bezeichnen die Schranken unserer Kraft und stehen mächtig waltend auf der Grenze zwischen unserem Eigenwillen und dem Verhängnis, zwischen der Freiheit und der ewigen Notwendigkeit; daß wir« –

»Genug!« fiel lächelnd Aspasia dem Dichter hier ins Wort; »ich fürchte sonst, daß wir aus dem heiteren Aether des reinen Gedankens, in welchen uns deine weisen und schönen Worte emporgetragen, den Weg nicht wieder zurück finden zu den kleinlichen, aber greifbaren Dingen, von welchen wir in unserer Unterhaltung ausgegangen. Wenn es aber erlaubt ist, allgemein Gesagtes auf Besonderes anzuwenden, so scheint es mir, o Sophokles, du habest sagen wollen, daß die ausländischen Vögel und die ausländischen Frauen zu Athen sich darein ergeben sollen, gerupft und gezaust zu werden, und daß sie, in frommer Scheu sich fügend, nicht ankämpfen sollen gegen Landesgesetze, welche sie rechtlos machen« ...

»Unserem Freunde hier«, fügte Perikles zu dem was Aspasia gesprochen, hinzu, auf Sophokles weisend, »fällt es freilich leicht, für menschliches Tun und Lassen, insonderheit der Ehemänner, weise Regeln aufzustellen, und ebenso leicht, sie zu befolgen. Sein Leben fließt ohne Widerstreit dahin; denn er lebt unvermählt, und keine Telesippe tritt seinen Aspasien mit einem vom Herde des Hauses gerissenen Feuerbrande drohend entgegen.«

»So ergeht es stets den Vermittlern«, erwiderte Sophokles lächelnd, »und allen, welche sich, wenn auch aufgefordert, in die Angelegenheiten der Liebenden mischen. Ich werde nun verspottet und fast gescholten, weil ich, Besinnung predigend, selbst so unbesonnen war, Liebenden Rat erteilen zu wollen. Dafür will ich mich selbst nun strafen, indem ich euch sofort ganz eurer eigenen Weisheit überlasse, und von euch für eine kurze Zeit Abschied nehme, damit ihr eure Angelegenheit unter euch ins reine bringt. Ich gehe, um dafür zu sorgen, daß ihr den Tag über hier nicht ohne Labung durch Trank und Speise bleibt. Und wenn ich nebenbei, während ihr den Gegenstand eurer Erörterung erledigt, ein wenig in jenen Lorbeerbüschen säume, so wisset, daß dort keine Aspasia mich erwartet, sondern daß ich in jener Schattendämmerung, die Täfelchen auf den Knien und den Griffel in der Hand, die Klageseufzer der edlen Oedipustochter belausche« –

»Du bist also«, sagte Aspasia, »jenes dichterischen Planes, dessen du auf der Akropolis Erwähnung tatest, eingedenk geblieben?«

»Schon ist des Werkes Hälfte vollendet«, erwiderte Sophokles, »und ein Sklave sitzt Tag für Tag mit dem schwarzbefeuchteten Schilfrohrkiel in Händen, um das Vollendete und Gefeilte von den Wachstäfelchen auf den Papyros zu übertragen.«

»Wirst du uns nichts davon zum Vorgenusse bescheren?« fragte Perikles.

»Eure Zeit ist zu kostbar!« erwiderte der Dichter und entfernte sich.

Nachdem in solcher Weise Perikles und Aspasia allein geblieben, kamen sie auf die Gegenstände der Unterredung zurück, welche sich in Gegenwart des vertrauten Freundes entsponnen hatte.

Aber es geschah, was bei den Gesprächen der Liebenden gewöhnlich ist, sie irrten von ihrem Gegenstande ab, sie strebten nicht nach strenger Folgerichtigkeit der Erörterung, weil in ihr Denken sich zu vieles Empfinden mischte, und sie erlaubten sich viele Unterbrechungen. Sie horchten dazwischen auf den Gesang eines Vogels in den Zweigen, atmeten den würzigen Duft der Wiesen mit besonderem Wohlbehagen in sich, nahmen hie und da eine lockende Beere aus einer fruchtschwer niederhängenden Traube, oder eine rotwangige, saftige Frucht vom Baume, Aspasia biß einen Apfel an und reichte ihn dem Perikles, und dieser dankte mit dem Lächeln des Glücklichen, denn es war ihm nicht unbekannt, was das Geschenk eines angebissenen Apfels in der Zeichensprache der Liebe bedeute. Auch blieben Gelegenheiten, Liebesorakel zu befragen, nicht ungenützt. Aspasia flocht während des Gesprächs einen Kranz, gab ihn dann dem Perikles zu tragen und lachte, wenn demselben Blätter entfielen, denn dies deutet für die Kundigen auf große Liebesglut im Herzen des Kranzträgers. Perikles dagegen pflückte solche Blüten, deren Kelche die Eigenschaft hatten, wenn man sie zwischen den Fingern zusammendrückte, mit einem kleinen Knall zu zerplatzen, und er verschmähte nicht, aus der Stärke dieses Knalles ein Orakel in betreff des von Liebesfülle geschwellten Herzens der Geliebten zu schöpfen.

Aber wie sehr auch die Liebesglut des Perikles ausströmend den Kranz, den er in der Hand trug, zum Welken und zum Entfallen der Blätter bringen, und die Liebesfülle im Herzen Aspasias dem klatschenden Blumenorakel Ehre machen mochte, beide versuchten doch immer wieder auf ein besonnenes Gespräch zurückzukommen. Viele Fragen wurden aufgeworfen; aber freilich nur wenige erledigt. Es wurde erwogen, wie Aspasia mit Hilfe des Perikles ihr neues Hauswesen am besten einrichten könne, ferner, wie sie ihren Verkehr so ungestört als möglich fortsetzen könnten; und da Liebende von nichts lieber plaudern, als von der Geschichte ihrer ersten Begegnung, so kamen auch Perikles und Aspasia auf die ihrige im Hause des Pheidias zurück, und Perikles erwähnte, was infolge jener ersten Begegnung seither sich ereignet, wie seit jenem Tage so Großes begonnen worden, wie er damals gegen die Vorwürfe der Freunde sich verteidigen mußte, zuletzt aber alle befriedigt hinweggingen, bis auf des Sophroniskos Sohn, den Wahrheitsucher, welcher durchaus noch die Frage erörtert sehen wollte, ob die Pflege des Schönen die Pflege des Sittlichen entbehrlich mache?

Die Frage war damals fallen gelassen und seither geradezu vergessen worden. Da aber Aspasia bei der Wiedererinnerung an dieselbe sogleich wieder sehr entschieden ihre Lieblingsbehauptung hinwarf, die Forderung des Schönen sei in der Welt ebenso berechtigt, oder noch berechtigter als die Forderung des Sittlichen, und ein Pfau so viel wert, wie eine Ente, obgleich letztere sich besser mästen lasse – und Perikles nicht gleich wußte, ob er ihr so viel zugestehen dürfe, so wurde das lustwandelnde Liebespaar im Garten des Sophokles durch das Wiedererscheinen des Dichters gerade zur rechten Zeit unterbrochen.

Dieser kam, um sie zu einem kleinen Morgenimbisse einzuladen. Er führte sie in das Gartenhäuschen, welches in des Gartenraumes Mitte gelegen war. Sie fanden das Innere desselben anmutig ausgeschmückt, beinahe weichlich eingerichtet für bequeme Rast, und in diesem Augenblicke in ein zierliches Speisegemach verwandelt. Bereit standen Pfühle jener Art, auf welche zu Zweien gelagert die Tischgenossen, den emporgerichteten Oberleib auf den linken Arm gestützt, ihr Mahl einzunehmen pflegten. Vor den Pfühlen aber standen die Tischchen mit den Speisen, für jeden Pfühl ein besonderes.

Perikles und Aspasia lagerten sich, der Einladung des Sophokles folgend, und streckten die Hände nach den dargebotenen Erfrischungen aus. Es gab da Geflügel, Kuchen, sikelischen Käse, Feigen, Nüsse, Mandeln, Trauben und dazu köstlichen Feuerwein von den Inseln.

»Ich hoffe, frommer Sophokles«, scherzte Aspasia, »daß du uns keine gebratenen heimischen Nachtigallen vorsetzest, obgleich in einer Stadt, wo man Pfaue zu braten sich nicht scheut, wohl auch Nachtigallen der Bratpfanne verfallen könnten.«

»Schmähe nicht um der einen Frevlerin willen das gesamte Athenervolk!« bat Sophokles.

»Ein Weib«, rief Aspasia, neuerdings aufwallend, »das fähig war, einen Pfau zu schlachten, ihm sein schönes Gefieder auszurupfen und ihn selbst in eine Pfanne zu werfen, verdiente mit Ruten aus Hellas hinausgepeitscht zu werden. Wenn über irgend jemand, muß über sie der Zorn der Griechengötter kommen, denn sie hat sich versündigt am heiligsten was es gibt, am Schönen!« –

»Wenn wir unserer schönen und weisen Aspasia glauben dürfen«, fiel Perikles ein, zu Sophokles gewendet, »so ist Schönheit das oberste Gesetz des Lebens, und, die Seele wie den Leib durchdringend, aller Tugenden erste und letzte.«

»Der Gedanke spricht mich lieblich an«, sagte der Dichter, »ob ich gleich nicht weiß, was Anaxagoras und jener bekannte Steinmetz des Pheidias und die anderen weisen Männer davon urteilen würden. Aber auch von diesen wird keiner die hohe Macht der Schönheit und dessen, was durch sie in den Herzen der Menschen bewirkt wird, der Liebe, bestreiten. Ich habe an eben diesem Morgen, ganz deinem Wunsche gemäß, Aspasia, um die unüberwindliche Gewalt der Liebe zu zeigen, meinem Werke eine Scene eingefügt, in welcher ich den Haimon, des Königs Kreon Sohn, freiwillig in den Hades hinabsteigen lasse, um seiner geliebten Braut Antigone dahin zu folgen« ...

»Das ist zu viel, o Sophokles!« erwiderte Aspasia dem einigermaßen betroffenen Dichter, der es ihr doch zu Danke gemacht zu haben glaubte, »von so düsterer Seite soll der Griffel der Poeten die Liebe nicht zeigen. Die Liebe ist heiter in ihrem Wesen und soll eher sich selbst als ihre Heiterkeit aufgeben. Sie soll es nicht sein, die eine menschliche Seele in den Hades hinabführt. Sie soll die Menschen nur mit dem Leben, nicht mit dem Tode befreunden. Düstre, schwärmerische Leidenschaft sollte unter Hellenen nicht mit dem Namen der Liebe bezeichnet werden. Sie ist Krankheit, sie ist Sklaverei!«

»Du hast recht, Aspasia!« gab Sophokles zurück. »Die Regel, die du da aussprichst, ist einleuchtend; und du, und Perikles, und ich, wir werden gewiß immer nur der schönen, freien, heitern Liebe huldigen; und wir wollen, wenn es dir angenehm, noch heut' den Göttern ein Opfer bringen, damit sie uns das holde Feuer im Busen niemals zu tod- und verderbenschwangerer Glut entfachen. Aber in der Dicht- und Bildkunst drängt der Geist die Poeten und die Bildner, daß sie das, was sie ausdrücken wollen, auf eine scharfe, eindringliche Spitze hinaustreiben. Mir galt es zu zeigen, daß Eros ein mächtiger Gott sei; aber ich wünsche von Herzen, daß er die ganze Schärfe seiner Macht niemals wieder in solcher Art gegen einen Hellenen kehre. Möge er nur vor allem die Herzen der Schönen mild und willfährig stimmen, denn wer anders als die Schönheit verschuldet die Uebel und das Ungemach der Liebe in der Welt? In der Tat, die Schönheit ist eine verhängnisvolle, vielfach entscheidende, bestimmende Macht im Leben der Sterblichen. Sie sitzt, wenn es so mich auszudrücken erlaubt ist, mitratend im Rate höchster Gewalten.«

»Schönheit sitzt mitratend im Rat höchster Gewalten!« wiederholte Aspasia. »Dieser Ausspruch verdiente meines Erachtens, den Sprüchen der Weisen von Hellas angereiht zu werden.« »Wenn du Wohlgefallen an demselben hast«, versetzte der Dichter, »so will ich ihn vor ganz Hellas laut wiederholen und ihn einem Chorgesange auf den Eros in meiner Tragödie einflechten. Wann könnte ich dieses Chorlied auf den Eros unter besserer Vorbedeutung vollenden, als während dein Fuß noch auf diesem Gartenplane wandelt? Ihr dürfet von hier nicht scheiden, bevor ich den Hymnus niedergeschrieben, und ihr euer Urteil darüber abgegeben.«

»Kein schöneres Gastgeschenk könntest du uns bescheren!« erwiderte Perikles.

»Für jetzt verzeihet«, hub Sophokles wieder an, »wenn ich euch so gar nichts biete, womit man sonst einen Imbiß zu würzen pflegt. Ich führe auch keine Tänzerin und keine Flötenbläserin vor; denn heute sind, wie mich dünkt, meine Gäste sich selbst genug; und überdies, wer möchte vor dem schönen »Zitherspieler aus Milet« mit der Zither sich vernehmen lassen und es wagen, in einen Wettstreit mit einem solchen Kunstgenossen einzugehen?«

»Vor allem du selbst!« rief Perikles; »du bist uns den Wettkampf sogar schuldig, denn du hast uns ja auf der Akropolis etwas dergleichen versprochen. Hole nur dein Saitenspiel herbei, o Sophokles, und bringe auch ein zweites für Aspasia; und dann beginnt in der Art sikelischer Hirten mit Spiel und Gesang zu wetteifern, gewärtig meines unparteiischen Spruches – denn daß ihr mich als Kampfrichter gelten lasset, versteht sich wohl von selbst, da ihr außer mir keinen Zuhörer vor euch habt!« –

»Das Vergnügen, Aspasias Gesang und Saitenspiel zu vernehmen«, erwiderte Sophokles, »wird für mich um den Preis einer Niederlage nicht zu teuer erkauft sein.«

Er entfernte sich, brachte nach kurzer Zeit zwei schön verzierte Saitenspiele und bat Aspasia, sich eines davon auszuwählen.

Prüfend streifte die Schöne mit den Fingern die Saiten, und ein liebliches Geriesel entstob sogleich, wie Funken der Esse, dem beseelten Tonwerkzeug.

Und nun begannen der Dichter und die schöne Milesierin, erwärmt vom süßen Feuer des Inselweins, zum Klange der Saiten Liederchen von Anakreon und Sappho zu singen, und Skolien und geflügelte Distichen, darunter auch Neues und eigen Gedachtes in rascher Erfindung.

»Was heißt Leben und Lust, wenn die lächelnde Kypria mangelt?
Möcht' ich nur sterben, sobald wonniger Reize Genuß
Nimmer das Herz mir erfreut und ergötzliche Huld und Umarmung:
Blüten der Jugend, wie schnell mäht euch die Sense der Zeit!«

Feurig erwiderte Aspasia:

»Kurz wohl ist sie, die Zeit für den Sterblichen; aber es ladet
Bacchos, ladet der Tanz und der blühende Kranz und die Liebe!
Dies, nur dies heißt Leben; nur Lust ist Leben – Hinweg denn
Sorgen! genieße das Heut', denn das Morgende liegt im Verborg'nen! –

Mit leuchtendem Blick auf Aspasia sang der Dichter:

»Süß ist, süß, beim Pan, dem arkadischen, was du zur Laute
singst, o Aspasia! süß tönet der holde Gesang!
Könnt' ich entflieh'n? Es verbirgt sich die himmlische Macht der Eroten
In der Sirene Gestalt, welche das Ohr mir entzückt!«

Mit bezauberndem lächeln auf den rosigen Lippen sang jetzt Aspasia:

»Scherzend ergötzte sich jüngst mit Neära der Freund. Um die Hüften
schlang ihr Kypris ein Band, bunt und von Blumen gewebt.
Goldene Schrift umgab es. Sie lautete: Liebe mich immer,
Aber betrübe dich nicht, wenn mich ein andrer besitzt!« –

»Wie lange willst du noch säumen, o Perikles«, sagte der Dichter, »Aspasia den Kranz des Sieges zuzuerkennen?« –

»Reich' ihn dem Dichter, o Perikles«, sagte Aspasia; »aber stelle ihm vorher noch eine Bedingung: er soll uns noch ein Distichon auf die schöne Philainion singen!«

»Hörst du, was Aspasia verlangt?« sagte Perikles zu dem Dichter; »du sollst Philainion besingen, die schöne Epheserin, welche jetzt, wie man erzählt, die Genossin deiner schönsten Stunden ist, und welche wir beiden fremden Gäste vielleicht für diesen Tag zu deiner heimlichen Qual, aus diesem reizenden Orte verdrängt haben!«

»Die Bedingung ist nicht ohne geheime Tücke und Grausamkeit«, erwiderte Sophokles lächelnd, »aber ich will sie nicht unerfüllt lassen.«

Und er sang:

»Klein zwar ist und schwärzlich Philainion, aber der Eppich
Ist nicht krauser und nicht zarter die Blüte des Mohns.
Mehr als Kypriens Gürtel bestrickt ihr holdes Geschwätz mich;
Was sie gewährt, das gewährt lächelnd von Herzen sie stets.
Traun, Philainion lieb' ich, die reizende, bis mir die gold'ne
Kypris eine beschert, welche noch reizender ist!« –

»Bist du zufrieden, Aspasia?« fragte Perikles, und als diese lächelnd nickte, wandte er sich zu Sophokles und reichte ihm den Preis des Wettkampfs mit den Worten:

»Empfange den Kranz, gastfreundlicher Sänger!«

»Nicht wär' ich dies«, entgegnete Sophokles, »wollte ich nicht schließen mit dem Lobe der Schönsten:

»Kypriens Schönheit hast du, der Peitho Lippen, der Horen
      Frühlingsblüte dazu, und der Kalliope Ton,
Themis' sittliches Maß, und der Pallas Sinn, und der Charis
      Lächelnder Reiz mit dem Ernst sinnender Muse vereint!«

»Das heißt uns beschämen«, sagte Aspasia, »und uns zu größerem Danke verpflichten, als wir jemals entrichten können!« –

So endete der Wettsang. Der Dichter und die Milesierin erörterten dann noch manches über die Tonkunst, und Aspasia sprach dabei so gelehrt von dorischen, phrygischen, lydischen, hypodorischen, hypophrygischen Tonarten, von den feinen Unterschieden derselben und von den Vorzügen der einen vor der andern, daß Perikles erstaunte und zuletzt ausrief:

»Sage mir doch, Aspasia, wie hieß der Mann, der sich rühmen darf, dein erstes aufsprossendes Alter in diese schwierigen Künste eingeweiht und eingeübt zu haben?«

»Du wirst es erfahren«, entgegnete Aspasia, »wenn ich dir einmal die Geschichte meiner ersten Jugend erzähle.«

»Warum tatest du es noch nie?« gab Perikles zurück. »Wie lange willst du es verschieben? Tu' es heute noch! Die Gelegenheit ist günstig und Sophokles ist so sehr unser vertrauter Freund und so verschwiegen, daß du dich nicht zu scheuen brauchtest, ihn zum Zeugen und Mithörer deiner Erzählung zu machen.«

»Nein!« sagte Sophokles; »so anmutend ich mir auch Aspasias Jugendgeschichte vorstelle, so muß ich doch fürchten, daß, wenn du das Vergnügen, sie zu hören, mit einem andern teilen mußt, die Erzählung nicht halb so lang ausfallen wird, als wenn du sie allein vernimmst. Ueberdies erinnere dich, daß ich gelobt, euch nicht zu entlassen, bis ich Aspasia durch einen Chorgesang auf den Eros wieder völlig versöhnt habe, und so muß ich wohl neuerdings meine Einsamkeit aufsuchen, euch aber der eurigen, nicht minder erwünschten, überlassen. Indem ich an demselben Tage, an welchem ich für mein tragisches Werk einen Lobgesang auf den Eros dichte, ein liebend Paar, wie ihr seid, in meinem Asyl beherberge, glaube ich mir ein so großes Verdienst um den Liebesgott zu erwerben, daß es mich nicht wundern sollte, wenn mir das schönste Lied als Götterdank dafür gelänge.«

Mit diesen Worten entfernte sich der Dichter.

Scherzend rief dem Abgehenden Aspasia nach, er solle nicht zurückkehren, ohne die reizende, krausgelockte Philainion mitzubringen.

Perikles und Aspasia waren nun wieder in den traulichen, stillverschwiegenen, duftschwülen Gartenräumen sich selbst überlassen.

Noch angeregt von dem heiteren Gespräch bei Becherklang und Saitenspiel und doch in einer Art von sanfter Abspannung, brachten sie, jetzt lustwandelnd, jetzt ruhend, die nächste Zeit in jenem süßen, träumerischen Zustande hin, welcher das Gemüt, namentlich im Walde, auf der Flur, oder in duftigen, schattigen Gärten befängt in den Stunden des Mittags, wenn Pan schläft und seine Geister herrenlos in den einsamen Gründen ihr neckendes Spiel treiben.

Die fettglänzende Frucht der Olive funkelte in der Mittagssonne. Keine Lerche mit buschiger Krone schwärmte mehr umher, die Eidechslein lagen schlummernd in den Hecken. Nur die Baumgrille begann hie und da leise und melodisch auf den Aesten zu zirpen.

So erwärmt, so angeregt, so durchtränkt von Sonnenschein und Würzeduft ist in solchen Momenten des Lustwandelnden Natur, daß, wenn er zur Rast sich hinstreckt auf beschatteten Rasen unter säuselnden Bäumen, seine Lebensgeister nicht wissen, ob es ein süßes Ermatten ist, was sie durchzittert, oder das ungenützte Uebermaß ihrer Schwungkraft.

Die beiden Liebenden weilten zuletzt wieder an jenem efeuverhangenen Ruheorte, wo die Wellen des Kephissos unter durchsonnten Zweigen plätscherten und wo in schwüler Mittagsstille das arglose Paar von Wassernattern, von gaukelnden Libellen überschwebt, sacht hingleitend in der Kristallflut seine Kreise zu beschreiben pflegte.

Aus dem Halbschlummer einer träumerischen und wonnigen Siesta erwachend, wiederholte Perikles seine Bitte an Aspasia, das traute Beisammensein dieses Tages durch die lang' versprochene Erzählung der ersten Schicksale ihrer Jugend zu krönen.

Aber es ist ein eigen Ding um eine Erzählerin, deren Lippen fein, weichgeschwellt und würzig süß sind wie attischer Honigseim, Perikles gestand, daß er nicht wisse, ob er begieriger sei nach den Küssen seiner Freundin oder nach ihrer Erzählung. Endlich kam sie zu Worte.

»Du weißt«, sagte sie lächelnd, »ich bin nicht alt genug, um dich mit einer langen, abenteuerlichen und bunten Erzählung ergötzen zu können. Aber du hast ein Recht, nach meiner Herkunft zu fragen und zu erkunden, von welcher Art mein Geschick war, bevor es mit dem deinigen sich verknüpfte.«

»Philammon hieß der Mann, nach welchem du zuvor gefragt, welchem ich meine Kenntnisse in der Tonkunst und in den anderen Künsten und überhaupt alles verdanke, was ein Mensch dem anderen danken mag, und was freilich zuletzt, wie ich glaube, nicht allzuviel sein mag, denn das meiste entscheidet ja doch bei dem Menschenkinde, insonderheit bei dem Weibe, der Boden, auf welchem es emporgesproßt, und der Heimatäther, den es in sich geatmet, und der Dinge Gestalt, die es früh um sich gesehen, vor allem aber die Sendung, und das Verhängnis, und der Stern, unter dem es geboren worden.

Der gute Philammon! Ich glaube nicht, daß ich jemals wieder mit einem Manne in so glücklichem Frieden zusammenleben werde als mit ihm; denn er machte keine Ansprüche mehr an mein Geschlecht und ich noch keine an das seinige. Er zählte achtzig Jahre und ich zehn. Freilich erschien er um den vierten Teil seiner Jahre jünger und ich um den vierten Teil der meinigen älter.

Nach meines Vaters Axiochos und meiner Mutter Tode zu Milet war ich von ihm als väterlichem Freunde und Vormunde in sein Haus aufgenommen worden. Er war der gelehrteste, weiseste, beredteste und zugleich heiterste Greis im heiteren Milet, der liebenswürdigste Greis vielleicht, den seit Anakreon die Erde getragen. Ich weiß nicht, ob sich irgend etwas schöner befreundet, als ein jugendlicher Greis und ein frühreifes weibliches Kind. Die schönsten Gegensätze des Lebens suchen und berühren sich da aufs sinnigste. Ich war bis zur Leidenschaft entflammt in des Philammon schneeweißen, lang hinabwallenden Bart, in seine hellen Augen, aus welchen mir alles Wissenslicht der Welt zu leuchten schien, in seine Lyren und Zithern, in seine Bücherrollen, in die Erz- und Marmorbilder seines Hauses und in den herrlichen Blumenflor seines Gartens. Was ihn betrifft, schien er an mir nicht weniger Freude zu haben; von der Stunde an, wo ich in sein Haus gebracht worden, trug er ein Lächeln auf den Lippen, wie ich es nie wieder so schön bei einem Glücklichen gesehen, und das zuletzt nicht einmal der Tod auf demselben völlig auszulöschen vermochte. Fünf Jahre lang lebte ich im Dufte der Rosen, mit welchen dieser göttliche Greis seine Becher umkränzte, trank die Weisheit seiner wissenshellen Augen und seiner von Beredsamkeit überströmenden Lippen, spielte auf seinen Lyren und Zithern, entfaltete mit entflammten Wangen seine Bücherrollen, betrachtete seine Erz- und Marmorbilder und pflegte die Blumen seines Gartens. Die Welt der Poesie, der Töne und des Frühlings war für ihn selbst aufs neue lebendig geworden, indem er sie noch einmal mit dem Kinde durchgenoß. Er sagte, er sei achtzig Jahre alt geworden, und er verstehe manche seiner Bücherrollen erst, seit ich, das Kind, sie ihm vorgelesen.

Als er tot war, nannten mich die Milesier das schönste Mädchen der ionischen Gestade, und ich sah zum erstenmal in einen Spiegel. Das Leben der reichen Stadt, wo früh der Hellenengeist an Asias Sonne zu üppiger Milde gereift ist, begann mich mit rauschenden Wellen zu umdrängen.

Aber ich war unzufrieden.

Bei Philammons Bücherrollen und Marmorbildern war ich heiter gewesen; im rauschenden Reigen der Freude, von Huldigungen umgeben, wurde ich ernst, nachdenklich, eigenwillig, launenhaft, anspruchsvoll. Ich vermißte etwas.

Die Männer von Milet erschienen mir geckenhaft. Sie umwarben mich; ich verachtete sie.

Ich stand nach des Philammon Tode verwaist, jung, arm, unerfahren in der Welt.

Da sah mich ein persischer Satrap und faßte sofort den Plan, das vielgepriesene ionische Mädchen nach Persepolis zu bringen, es dem großen König zuzuführen. Meine törichte Mädchenseele ward entflammt. Ich dachte an Rhodopis, welche den Aegypterkönig, an meine Landsmännin Thargelia, welche den Thessalerkönig zum Gemahl gewann. Der Perserkönig selbst aber, der Mächtigste der Erde, schwebte meiner Seele vor als der Inbegriff alles männlich Schönen, Erhabenen, Liebenswerten und geistig Gewaltigen. Als Kind bei Philammon war ich altklug gewesen; jetzt, als heranreifende Jungfrau, ward ich töricht. Zu Persepolis angelangt, wurde ich aufs reichste geschmückt und sodann in die mit blendender Pracht ausgestattete Königsburg geführt. Inmitten dieser Pracht saß der Perserkönig, nicht minder prunkvoll behängt, aber mit dem Antlitz eines gewöhnlichen Menschen. Er glotzte mich mit matten Despotenaugen an. Zuletzt begann er schläfrig nach mir die Hand wie nach einer Ware prüfend auszustrecken. Das empörte mich; Tränen des Unmuts traten mir in die Augen. Dem Perser aber gefiel das und er lächelte mit schlaffen Zügen. Er schonte meiner sogar seit jenem Augenblicke und sagte, der Stolz der Griechinnen gefalle ihm besser als die sklavische Willenlosigkeit der anderen Weiber. Nach wenigen Wochen war des Despoten Herz für mich entflammt. Mich aber befiel eine Angst; ich versank in Schwermut. Fremd, einförmig, ernst erschien mir das Leben um mich her. Diese Menschen ließen nicht auf sich wirken. Dumpf lebten sie hin in ihren, von erschlaffenden Aromen durchwürzten Prunkgemächern. Fremdartig und beängstigend starrte des Morgenlandes Prunk mich an und rasch war der Zauber gewichen, mit welchem er anfangs meine Phantasie gefangen nahm. Ein kühler Schauer ergriff mich vor den Tempeln und Götzen der Fremde; ich sehnte mich zurück zu den Göttern von Hellas.

Ich floh nach kurzer Zeit. Hoch atmete ich auf, als ich den ionischen Boden wieder betrat, als ich das griechische Meer, neues und schöneres Glück verheißend, wieder ans Gestade branden sah. Im Geleit einer einzigen treuen Sklavin suchte ich im Hafen von Milet ein Schiff, das mich nach Hellas bringen konnte. Ich fand einen megarischen Kauffahrer, welcher bereit war, mich nach Megara zu bringen. Von dort konnte ich rasch das nahe, stolzaufblühende Athen, nach welchem meine Seele längst sich gesehnt, erreichen. Zu Megara mit meiner Sklavin angekommen, stand ich für den Augenblick allein und ratlos da. Der betagte Schiffsherr, der mich von Milet auf seinem Fahrzeug mit herübergebracht, lud mich in sein Haus und versprach, mich in den nächsten Tagen nach Athen zu entsenden. Ich folgte seiner Einladung. Er aber verzögerte von Tag zu Tag die Vorbereitungen meiner Entsendung, und zuletzt merkte ich, daß er die Absicht habe, in seinem Hause mich festzuhalten. Bald aber sah ich zugleich mit dem Vater den heranwachsenden Sohn in Leidenschaft entbrannt, und, im Hause wie eine Gefangene zurückgehalten, ward ich zu meiner Qual verfolgt von doppelter Liebeswerbung. Für sie, meinten jene Toren, hätte ich, dem Perserkönig unverletzt entflohen, mich aufgespart. Als ich nun spröde blieb und alles tat, um die Fesseln, die man tückisch mir angelegt, zu sprengen, da brach der Groll jener beiden in helle Flammen aus. Des Schiffsherrn Gattin aber hatte von Anfang an die jugendliche Fremde mit argwöhnischem Auge gesehen; und da nun diese, während die beiden Männer mir grollten und unter sich um meinetwillen grimmig haderten, von wilder Eifersucht ergriffen wurde, so sah ich mich wie von Furien umgeben und schwer bedroht von den Leidenschaften aller dieser Erregten. Dem Weibe kam der Gedanke, die Megarer gegen mich als fremde Betörerin, als Störerin des Friedens aufzuhetzen, und da die beiden Männer durch meine Sprödigkeit und die Unmöglichkeit, mich länger zu halten, aufs äußerste erbittert waren, so unterstützten sie aus Rachedurst das Beginnen des Weibes. Ihr Bemühen war nicht erfolglos. War ich doch in Megara, unter Leuten dorischen Stammes; unter Leuten, welche mitten unter umwohnenden Ioniern, losgetrennt von ihren Stammesgenossen im Peloponnesos, dem mächtig drohenden Athen so nahe, nur um so bewußter ihr dorisches Wesen hervorzukehren, nur um so sklavischer mit Spartersitte liebäugeln zu müssen vermeinen. Streng und männlich in ihrem Tun wollen sie erscheinen, aber sie sind doppelt zügellos, wenn die Leidenschaft sie ergreift, denn ihr Gemüt ist roh, gemein ihr Sinn. Ihr heftiges Empfinden ist fremd der Sänftigung, welche über die Gemüter anderer Menschen verbreitet wird vom Hauche der Anmut.

Auf mein dringendes Verlangen gab man sich endlich den Anschein, mich ruhig ziehen zu lassen. Ein Maultier stand bereit für meine Habe, eine Sänfte für mich und meine Sklavin. Als ich aber aus dem Hause des Megarers trat, fand ich das gegen mich entflammte Volk auf der Straße versammelt, sah mich mit spottenden und schmähenden Worten empfangen. Dem Megarervolke hatte es genügt zu hören, daß ich eine Milesierin sei, um mich zu hassen und mich in blinder Wut zu verfolgen. Ich weiß nicht, was mit solchem Mute, mit solchem Stolz mich beseelte, als ich diesen Dorer-Pöbel grinsend, schreiend, drohend um mich versammelt sah. Mit erhobenem Haupte durchschritt ich die Menge, hinter mir die zitternde Sklavin. Die vordersten, welche ein wenig vor mir zurückwichen, wurden von denjenigen, welche hinter ihnen standen, neuerdings gegen mich gedrängt; ich sah mich im Knäuel der Verwirrung festgehalten, gestoßen, und da ich, aufglühend, ein Wort des Zornes gegen die Menge schleuderte, so faßten einige mit frecher Bedrohung mich an den Armen und am Gewände. In diesem Augenblick kam ein von Rossen bespanntes Reisegefährt des Weges. In dem Gefährte saß ein Mann, ansehnlich und begütert, wie es schien, von Sklaven umgeben. Als dieser Mann mich erblickte, inmitten des bedrohlichen Getümmels, während einige der verwegensten schon Hand an mich legten, ließ er halten, befahl den Seinigen, mich und meine Sklavin in den geräumigen Reisewagen zu heben, und nachdem dies geschehen, sah ich in wenigen Augenblicken durch das Gespann des Fremden mich der unvergeßlichen Schmach, die mich bedrohte, und dem für immer verwünschten Megara entführt.«

»Ich begreife nun, o Aspasia«, fiel hier Perikles ein, »warum du, deinem sonst so maßvollen Wesen zuwider, dich so feindselig entflammt zeigst, sobald der Dorer und dorischen Wesens gedacht wird!«

»Ich leugne es nicht«, erwiderte Aspasia, »ich habe seit jenem Tage von Megara allen Dorern Feindschaft und Rache geschworen für immer!«

»Jener Mann, der dich rettend entführte«, sagte Perikles, »war ohne Zweifel kein anderer, als Hipponikos?«

»Er war es!« erwiderte Aspasia.

»Du hast«, fuhr Perikles fort, »des ionischen Wesens üppigste Blüte zu Milet und des dorischen plumpes Uebermaß zu Megara kennen gelernt. Auf dem Boden Athens angelangt, fühlst du dich, wie ich hoffe, in jener schönen und glücklichen Mitte, welche die Versöhnung und Harmonie der Gegensätze in sich schließt.«

»Es war mir sogleich ein gutes Zeichen«, gab Aspasia zur Antwort, »daß, nachdem ich den Boden Athens betreten, der Zufall mich mit jener Stätte in Berührung brachte, in welcher des neuen athenischen Geistes lebendigste Funken sprühen – der Werkstätte des Pheidias!«

»Und dort«, fiel Perikles ein, »dort fandest du die Männer, die du am Hofe des Persers vermißtest, die regsamen, empfänglichen, auf welche du wirken konntest – dort fandest du den feurigen, blühenden Alkamenes« ...

»Und den grübelnden, nicht feurigen, noch blühenden Sohn des Sophroniskos«, versetzte Aspasia; »und beiden strebte ich das zu bieten, wessen sie mir für ihr eigenstes Wesen zu bedürfen schienen. Dem Bildner zeigte ich, daß er nicht bloß von Meister Pheidias lernen könne, und die falsche Bescheidenheit des Wahrheitsuchers, der alle Welt mit seinen grübelnden Fragen quält, gelang es mir zum Teil in eine wirkliche umzuwandeln. Aber noch fehlte der Mann, dem ich nicht bloß dieses und jenes, dem ich alles, dem ich mein ganzes Selbst darzubringen nicht zurückschreckte. Endlich fand ich ihn. Seitdem bin ich der Esse, wo des neuen hellenischen Geistes und Lebens ureigenste Funken sprühen, noch näher gekommen, als in der Werkstätte des Pheidias« ...

»Und wo war dies?« fragte Perikles.

»Am Herzen des Gemahls der Pfauenschlächterin Telesippe!« erwiderte lächelnd Aspasia und lehnte ihr schönumlocktes Haupt mit bedeutungsvoller Gebärde an die Brust des herrlichen Mannes.

Dieser neigte sich mit einem Kusse zu ihr hinab und erwiderte:

»Mancher von jenen Lebensfunken des hellenischen Geistes schliefe vielleicht unerweckt in dieser Brust, o Aspasia, wenn du dein schönes Haupt niemals an dieselbe gelehnt hättest!« –

So verfloß dem glücklichen Paare der Tag in den Gärten des Sophokles.

Der Abend begann zu dämmern, die Büsche dufteten stärker, die Nachtigallen begannen ihr Lied in den Zweigen, und als wollten sie mit diesen wetteifern, erhoben ihre hellen Stimmen im Grase die Zikaden; Glühwürmer leuchteten aus dem tieferen Dunkel der Büsche, und Hesperos sprühte Funken am Abendhimmel. Jetzt erschien der Dichter wieder, um seine Gäste zum Mahle zu laden, wieder führte er sie in jenes trauliche, lieblich ausgeschmückte Gartenhaus.

»Du hast mir«, sagte Sophokles, zu Aspasia gewendet, »als ich von euch schied, einen Befehl mit auf den Weg gegeben. Und wer möchte säumen, dir zu gehorchen in allem, was du wünschen magst?«

Damit deutete er nach dem Hintergrunde des Gemaches, aus welchem lächelnd Philainion hervortrat.

Perikles und Aspasia waren angenehm überrascht. Philainion war klein, aber von bezauberndem Ebenmaß der Gestalt; dabei kräftig an Gliedern und doch voll Anmut in den Bewegungen. Sie hatte die schwärzesten Augen und über der etwas niedrigen Stirne das schwärzeste Kraushaar, das man sehen konnte.

Aspasia dankte dem Dichter in anmutigen Worten für seinen Gehorsam und küßte Philainion auf die Stirne. Fröhlich lagerte man sich dann zum Mahle. Viel der süßen Labe ward geboten, und wieder floß der feurige Chierwein unter heiterem, geistbeflügeltem Gespräch und Gelächter. Dann las Sophokles den Gästen seinen versprochenen Lobgesang auf den Eros, das unsterbliche Chorlied auf den »Allsieger im Kampfe«.

Berauscht von schöner Begeisterung, begannen Aspasia und der Dichter das Lied sogleich auch zum Klange der Saiten zu singen. Die Melodie dazu floß wie von selbst von ihren Lippen: sie erfanden dieselbe gemeinsam. Philainion, von der gleichen Trunkenheit ergriffen, stimmte ein, und, vom Liede so wie vom feurigen Chier begeistert, fing sie bald auch an, den Gesang mit den reizendsten, ausdruckvollsten Tanzbewegungen zu begleiten.

Wer vermöchte das Glück dieser begnadeten Menschen zu schildern?

Sie waren heiter-selig wie die olympischen Götter.

Als Perikles mit Aspasia den Gartenraum durchschritt in später Stunde der Heimkehr, dufteten die Rosen berauschend, die scharlachrote, geheimnisvoll flammende Blüte der Lichtnelke wetterleuchtete im Dunkeln. Und niemals schmetterten die Nachtigallen am Kephissosufer lauter als in jener Nacht.

»Weißt du, was sie singen«, sagte Perikles zur lächelnden, an seiner Seite wandelnden Aspasia. »Sie singen alle das Chorlied des Sophokles an den Eros; sie singen alle:

»Eros, du Allsieger im Kampf,
Du ruhst auf zarten Wangen
Des Mädchens und übernachtest« –

Sie singen alle:

»Siegenden Zauber spielt
Die göttliche Schaumgeborne!«

Sie singen alle:

»Strahlender Schönheit Reiz
Siegt mitratend im Rat
Höchster Gewalten! –

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