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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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V. Die Pfaue des Pyrilampes.

Zur Zeit, als die hier erzählten Dinge sich ereigneten, gab es unter den reichen und angesehenen Bürgern zu Athen zwei Männer, welche zuerst den Versuch machten, nicht bloß, wie es Brauch war, durch glänzende Leistungen für den Staat, sondern auch durch einen bis dahin ungewohnten häuslichen Aufwand sich in einen Wettstreit mit einander einzulassen.

Der eine dieser beiden Männer war Hipponikos, in dessen gastlichem Hause Aspasia lebte, ein Mann von edlem Geschlechte.

Der andere war Pyrilampes, ein Emporkömmling, ein reich gewordener Wechsler aus dem Piräus.

Hipponikos leitete den Ursprung seines Geschlechts auf keinen Geringeren als den Triptolemos zurück, den Liebling der Demeter, Stifter der eleusinischen Mysterien, Erfinder des Pfluges, Verbreiter des Ackerbaus und jeglicher Art von Gesittung. Ohne Zweifel hatte das Geschlecht des Hipponikos es der Abkunft von diesem eleusinischen Heros zu danken, daß das Amt eines Daduchen, eines priesterlichen Würdenträgers bei den Mysterien von Eleusis, in ihm erblich war.

Auch unser Hipponikos bekleidete diese Würde. Aber sie belästigte den Lebemann wenig. Nur einmal im Laufe des Jahres, zur Zeit der großen Mysterien, war er auf kurze Zeit nach Eleusis sich zu begeben genötigt.

Eine wunderliche Eigentümlichkeit eben dieses Geschlechtes des Hipponikos war es, daß die Stammhalter desselben immer abwechselnd Kallias und Hipponikos hießen. Jeder Kallias nannte seinen Erstgeborenen Hipponikos, und jeder Hipponikos den seinigen Kallias.

Die Lebensschicksale aller dieser verschiedenen Kalliasse und Hipponikosse waren fast durchgehends sehr denkwürdig. Insbesondere war die Art, in welcher sie zu ihren Reichtümern gelangten, eine meist absonderliche.

Dem Hipponikos, welcher zur Zeit des Solon lebte und ein persönlicher Freund dieses Gesetzgebers war, wurde vorgeworfen, daß er den Grund zur Wohlhabenheit seines Geschlechts durch den Mißbrauch einer vertraulichen Mitteilung jenes berühmten Mannes legte. Zur Zeit des Peisistratos hatte ein Hipponikos ganz allein den Mut, die Güter des vertriebenen Tyrannen käuflich an sich zu bringen. In den Perserkriegen verarmten viele, die Familie der Kaliasse und Hipponikosse wurde nur immer reicher. Ein Hipponikos war es nämlich, dem ein gewisser Eretrier, Diomnestos mit Namen, die Schätze in Verwahrung gab, welche er beim ersten Einfall der Asiaten einem feindlichen Feldherrn abgenommen. Beim zweiten Einfall führten die Perser bekanntlich sämtliche Eretrier, und unter ihnen auch jenen Diomnestos, in die Gefangenschaft hinweg, und seine Schätze blieben in den Händen des Hipponikos. Dann war es wieder ein Kallias, welchen bei Marathon ein Perser, um sein Leben von ihm zu erkaufen, heimlich an einen Ort führte, wo seine Landsleute viel Gold vergraben hatten, Kallias gebrauchte die Vorsicht, den Perser, nachdem ihm derselbe die Grube gezeigt, zu töten, damit er nicht etwa das Geheimnis auch einem anderen verrate, bevor Kallias Zeit gefunden, den Schatz völlig zu heben und beiseite zu schaffen.

Von solcher Art waren die Überlieferungen, welche für das in diesem Geschlechte forterbende Talent, Reichtümer an sich zu bringen, Zeugnis ablegten. Selbstverständlich gelangten die Sprossen desselben auch zu bedeutendem Ansehen im Gemeinwesen.

Mancher Kallias und Hipponikos diente seinen Mitbürgern als Gesandter an den Perserkönig, oder sonst in Sendungen zur Friedensvermittlung; dem einen und dem andern von ihnen wurde auch von Staats wegen eine öffentliche Bildsäule gesetzt.

Unser Hipponikos nun, der Gastfreund Aspasias, machte seinen Vätern Ehre. Er war gutmütiger Natur und sehr beliebt beim Volke. Er opferte der Göttin Pallas Athene zuweilen eine wohlgezählte Hekatombe, bewirtete das Volk bei festlichen Gelegenheiten nach Stämmen und Geschlechtern, und beim großen Dionysosfeste veranstaltete er für alle, die da kommen wollten, im Kerameikos ein Zechgelag im Freien und gab ihnen mit Efeu gefüllte Polster dazu, auf welche die Zecher sich niederlassen konnten. Als er einmal nach Korinth reiste, um einen seiner Freunde dort zu besuchen, unterwegs aber hörte, daß der Mann auf dem Punkte stehe, von seinen Gläubigern gepfändet zu werden, schickte er einen Boten mit dem zur Befriedigung der Gläubiger nötigen Gelde voraus, weil es ihm unangenehm gewesen wäre, bei seiner Ankunft den Freund in übler Laune anzutreffen. Sein Haus zu Athen unterschied sich, wie schon gesagt, gar sehr von den damaligen Behausungen der übrigen Athener.

Nur der reich gewordene Geldwechsler Pyrilampes versuchte es ihm gleichzutun. Dieser besaß ein Haus im Piräus, das er so einrichtete, wie das Haus des Hipponikos eingerichtet war. Er suchte überhaupt dem Hipponikos in allen Dingen so viel als möglich nachzueifern. Wenn Hipponikos sich ein kleines Hündchen von der durch ihre Zierlichkeit berühmten melitäischen Rasse anschaffte, so schaffte sich Pyrilampes ein noch kleineres von derselben Rasse an. Vermehrte dagegen Hipponikos die Zahl seiner Hunde mit einem neuen Lakoner-, Molosser- oder Kreterhunde, dessen Größe die Leute bewunderten, so ruhte Pyrilampes nicht, bis er einen noch größeren besaß. Hipponikos hatte einen Riesen als Türhüter, und da Pyrilampes keinen noch höher gewachsenen Mann für sich auftreiben konnte, so schmückte er die Pforte seines Hauses mit einem drolligen Zwerge, welcher Aufsehen erregte. Des Hipponikos erstgebornes Söhnlein, welches, wie sich von selbst versteht, Kallias hieß, machte Schwierigkeiten, sich die Namen der vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets zu merken. Da ließ Hipponikos die Spielgenossen des kleinen Kallias, seine Haussklaven und andere Personen in des Knaben Umgebung mit den Namen der Buchstaben des Alphabets benennen. Pyrilampes hatte ebenfalls ein Söhnlein, Demos geheißen, und da der kleine Demos am liebsten mit jungen Hunden spielte, so schaffte er vierundzwanzig Hündlein ins Haus, von welchen jedes den Namen eines Buchstaben auf einem Täfelchen um den Hals trug. Hipponikos war berühmt durch die Zucht ausgezeichneter Rosse; da Pyrilampes ihn in dieser Richtung nicht überbieten konnte, so suchte er die Rosse des Hipponikos durch eine Anzahl seltener und merkwürdiger Affen, die er hielt, in Schatten zu stellen. Hipponikos nährte immer viele Hähne und Wachteln, um sie mit einander kämpfen zu lassen, ein Schauspiel, woran die Athener mit Vorliebe sich ergötzten. Ganz besonders aber hatte er sich in letzter Zeit auf die Zucht sikelischer Tauben geworfen, welche zu Athen sehr beliebt waren und welche bald nirgends so schön und so trefflich zu finden waren, als bei Hipponikos. Den Pyrilampes ließ dieser Triumph seines Nebenbuhlers nicht schlafen. Er sann lange, womit er die Tauben des Hipponikos ausstechen könnte. Da erhielt er aus Samos ein Paar jener prachtvollen, durch einen mit hundert Augen geschmückten Schweif ausgezeichneten, der Hera geweihten Vögel, welche damals in Athen fast nur erst dem Namen nach bekannt waren. Pyrilampes ließ die gefiederten Fremdlinge sich vermehren, wartete ihrer sorgsam, und bald schritt eine gute Anzahl der erstaunlich schönen Tiere prunkend-stolz in seinem weiten Geflügelhof, ja selbst auf seines Hauses flachem Dache zum Entzücken der Vorübergehenden umher.

Mit diesen samischen Vögeln schlug Pyrilampes den Hipponikos und seine Tauben aus dem Felde. Zahlreich strömten die neugierigen Athener herbei, um die Pfaue des Pyrilampes anzusehen. Man sprach eine Zeitlang fast nur von den Pfauen des Pyrilampes.

Der glückliche Nebenbuhler des Hipponikos ruhte nicht, bis ihm auch von Perikles das Versprechen geworden, daß er kommen wolle, um seine Pfaue anzusehen. Perikles ging zu ihm in Begleitung Aspasias, welche sich auch hier wieder in der Verkleidung des milesischen Zitherspielers barg.

Wer zu jenem Zeitpunkte in Athen seiner schönen Freundin ein besonders wertes Geschenk machen wollte, der kaufte und verehrte ihr einen der jungen Pfaue des Pyrilampes. Aspasia sprach sich über die prächtigen Vögel mit so unverkennbarem Wohlgefallen aus, und Perikles glaubte den Gedanken, welchen Schmuck ein solcher Vogel dem PeristyI ihrer Behausung verleihen würde, so deutlich in ihren Augen zu lesen, daß er nicht umhin konnte, den Pyrilampes beiseite zu ziehen und ihm insgeheim den Auftrag zu geben, einen der jungen Pfaue zur Milesierin Aspasia, welche im Nebenhause des Hipponikos wohne, zu senden. Der Freundin selbst verschwieg Perikles die Sache, um sie durch das Geschenk zu überraschen.

Am Morgen, der auf diesen Besuch des Perikles und der verkleideten Milesierin folgte, trat Hipponikos unerwartet ins Gemach der seine Gastfreundschaft genießenden Schönen. Hipponikos war ein Mann von ziemlich starker Leibesfülle. Sein Gesicht war rot und etwas aufgedunsen. Seine Augen leuchteten gutmütig, und auf seinen ziemlich dicken Lippen schwebte immer ein Lächeln. Mit diesem Lächeln auf den Lippen, das aber doch für diesmal, so weit solches bei Hipponikos möglich war, einen leisen spöttischen Anflug hatte, sagte er zu Aspasia:

»Schöne Gastfreundin, ich höre, daß es dir sehr wohl gefällt in der Stadt der Athener« –

»Das Verdienst ist dein!« erwiderte Aspasia.

»Nicht ganz!« gab Hipponikos zurück; »du hast von Anfang an ergötzlichen Verkehr gehabt mit den Kunstgenossen des Pheidias, und in neuerer Zeit auch mit meinem Freunde, dem großen Perikles. Ich höre, daß du ihn bisweilen, der größeren Bequemlichkeit wegen, in der Verkleidung eines Zitherspielers begleitest. Und wenn ich recht unterrichtet bin, so gefallen dir die sikelischen Tauben des Hipponikos gar nicht mehr, sondern du ziehst es vor, in Gesellschaft des Perikles hinüberzugehen nach dem Piräus und die Pfaue des Pyrilampes zu bewundern« –

»Diese Pfaue sind schön«, sagte Aspasia unbefangen, »und du solltest selber gehen, sie anzusehen.«

»Ich bin kürzlich am Hause des Pyrilampes vorbeigekommen«, erwiderte Hipponikos, »und ich habe diese Tiere schreien gehört. Das war mir genug. Nun, es ist eines jeden Sache, sein Vergnügen dort zu suchen, wo er es findet. Ein Vergnügen, das man im Hause hat, langweilt. Und es lohnt sich, wie ich merke, besser, Jemand zu unterhalten, als ihn zu bewirten« ...

Hipponikos blickte bei diesen Worten Aspasia scharf an und hoffte, daß sie etwas sagen werde.

Da sie aber schwieg, so fuhr er fort: »Du weißt, Aspasia, ich habe dich zu Megara aus unangenehmen Verwicklungen befreit; ich habe dich hieher geführt nach Athen; ich habe dich gastfreundlich bewirtet. Ich habe viel für dich getan. Und nun sage, welchen Dank Hab' ich dafür? Hörst du, Aspasia? welchen Dank hab' ich dafür?« »Wer nach dem Dank in solcher Weise fragt«, entgegnete Aspasia, »der will Bezahlung, keinen Dank. Auch du willst bezahlt sein, wie ich sehe, für das, was du für mich getan. Deine Wohltaten haben, wie es scheint, einen bestimmten Preis. Aber du hast versäumt, Hipponikos, diesen Preis deines Wohltuns vorher auszubedingen. Und nun ärgerst du dich gleich einem Hökerweibe auf dem Markte, daß dieser Preis dem Käufer zu hoch ist!«

»Verdrehe nicht die Dinge, Aspasia«, sagte schmunzelnd Hipponikos; »du weißt, ich war der Käufer, und deine Gunst war es, die ich mit allem, was dir genehm, zu erkaufen bereit war« –

»So bin ich die Ware?« rief Aspasia; »es sei! Ich bin Ware, wenn du willst, und habe einen Preis« –

»Und diesen Preis –?« fragte Hipponikos.

»Wirst du mit allen deinen Reichtümern niemals bezahlen!« entgegnete rasch Aspasia.

Hipponikos machte eine Bewegung auf seinem Sitze.

»Keine Redensarten!« sagte er dann, und seine Züge gewannen den gutmütigen Ausdruck wieder. »Du bist nicht mehr zu haben! Das ist alles. – Ein anderer hat dich gekauft. Um welchen Preis – das ist seine Sache. Da es der große Perikles ist, so grolle ich weder ihm noch dir. Ich liebe den Perikles und gönne ihm alles Gute; er hat mir einmal einen großen Gefallen erzeigt, den ich ihm nie vergessen werde. Er hat mir eine lästige Ehefrau, die damals noch schöne, aber zänkische Telesippe, abgenommen. Mögen es die Götter ihm lohnen!« –

Mit diesem Ausspruche, den er stets, wenn auf Perikles die Rede kam, von sich zu geben pflegte, erhob sich Hipponikos und ging.

Aspasias erster Gedanke, nachdem er sich entfernt hatte, war, daß es ihr nicht länger gezieme, die Gastfreundschaft des Hipponikos in Anspruch zu nehmen.

Sie rief ihre Sklavin, ließ ein paar Maultiere mit ihren Habseligkeiten beladen und dieselben zu einer ihr befreundeten Milesierin bringen, einer Matrone, welche seit Jahren in Athen lebte. Mit Aspasias Mutter war sie von Jugend auf vertraut gewesen und liebte nun selbst fast mütterlich ihre jugendlich blühende Landsmännin.

Nachdem Aspasia noch dem Hipponikos ihre Danksagung für die erzeigte Gastfreundschaft, und ihren Entschluß, sein Haus zu verlassen, hatte melden lassen, warf sie sich in die gewohnte Verkleidung des Zitherspielers, und machte sich in Begleitung eines Sklaven auf den weg, um den Perikles in seinem Hause aufzusuchen.

Sie hatte bis auf diesen Tag einen solchen Schritt noch nicht gewagt, auch nicht in der Verkleidung. Heute aber spornte sie die Ungeduld, die Gelegenheit einer Unterredung mit dem Freunde unverweilt Zu suchen, und mit ihm zu beraten, was sie nach ihrer Entfernung aus dem Hause des Hipponikos nun weiter beginnen solle.

Kurze Zeit, nachdem Aspasia hinweggegangen, wurde dem Hipponikos von seinen Leuten gemeldet, es sei ein Sklave von Pyrilampes da gewesen und habe einen jungen Pfau gebracht, bestimmt für die Milesierin, welche in seinem Nebenhause wohne.

Hipponikos haßte nichts so sehr in der Welt, als die Pfaue des Pyrilampes, und wäre er der ersten Erregung seines Herzens gefolgt, so hätte er jenem Vogel sofort den Hals umdrehen lassen.

Aber er begnügte sich, mit gerunzelten Brauen zu sagen:

»Die Milesierin ist fort, und ich weiß nicht, wohin sie gezogen. Tragt den Pfau in das Haus des Perikles! Dieser ist's ohne Zweifel, der ihn gekauft hat.« –

Mittlerweile war Aspasia auf ihrem Wege zu Perikles auf der Agora angelangt.

Während sie mit einer gewissen Hast durch das Gedränge unbekannter Menschen sich wand, begegnete ihr plötzlich Alkamenes.

Der Bildner blieb vor ihr stehen, sah ihr mit seinen hellen Augen ins Gesicht und sagte, überlegen lächelnd: »wohin, schöner Zitherspieler? ohne Zweifel zu Perikles? – Mögen die neuen Freunde mit ihren Ansprüchen auf dich und deine Gunst glücklicher sein als die alten!«

»Wem gab ich je ein Recht auf mich?« fragte Aspasia.

»Unter anderen auch mir!« erwiderte Alkamenes.

»Dir?« sagte Aspasia. »Ich gab dir, was du bedurftest, was dem Bildner nötig war. Nicht mehr, noch weniger!«

»Ein Weib muß nichts oder alles geben!« versetzte Alkamenes.

»Dann vergiß, daß ich etwas gegeben!« rief Aspasia und verschwand im Gedränge.

Rasch waren diese wenigen Worte gewechselt worden. Alkamenes lächelte bitter und spöttisch. Aspasia setzte ihren Weg in Eile fort. – – Im Hause des Perikles war an diesem Morgen Frau Telesippe mit einer frommen Verrichtung beschäftigt.

Sie hoffte Ersatz für das, was ihrer Vorstellung nach Perikles in der Führung des Haushalts versäumte, von der Gunst des Zeus Ktesios, des Schützers und Mehrers der Habe, welcher von allen frommgesinnten Athenern mit häuslichem Dienst geehrt zu werden pflegte, Niemand verstand sich auf heilige Urväterbräuche so gut wie Frau Telesippe. Sie umwand ihre Stirn und ihre rechte Schulter mit wollenen Fäden, nahm dann ein noch ungebrauchtes, mit einem Deckel versehenes tönernes Gefäß, umwickelte den Henkel desselben mit weißer Wolle, tat in das Gefäß selbst ein Gemisch von allerlei Früchten, mit reinem Wasser und Oel, und stellte diese Spende zu Ehren des besagten Gottes in die Vorratskammer.

Sie war eben mit ihrem frommen Werke zu Ende, als sie bemerkte, daß der Türhüter einen Sklaven einließ, der einen großen fremden Vogel mit langem Schwanzgefieder, die Füße zusammengebunden, auf den Armen dahergetragen brachte.

Der Sklave sagte, dieser Vogel gehöre dem Perikles, setzte denselben ab, und ging seines Weges.

Telesippe verwunderte sich, und wußte nicht recht, was sie von der Sache halten sollte.

Hatte Perikles den Vogel auf dem Markte eingekauft, und sollte derselbe für die Mahlzeit gerupft und gebraten werden?

Aber Perikles pflegte sich ja sonst sehr wenig um häusliche Dinge zu kümmern.

Sie beschloß die Rückkehr des abwesenden Gatten zu erwarten, vorläufig ließ sie den Vogel in den kleinen Hühnerhof des Hauses bringen.

Jetzt huschte eine Frauengestalt, begleitet von einer Sklavin, zur äußeren Tür herein, und als Telesippe derselben entgegentrat, wickelte sich aus dem dichten Himation das wohlbekannte Haupt und Angesicht ihrer Freundin Elpinike los.

Die Mienen Elpinikes zeigten diesmal einen ungewöhnlichen Ernst. Ihr Wesen war erregt, ihre Bewegungen hastig, ihre Augen rollten unstät und ihre Lippen zitterten, wie vor Ungeduld etwas zu sagen, sich auszuschütten, sich eines wichtigen Geheimnisses zu entlasten.

»Telesippe«, sagte sie, »entferne alle Zeugen, oder ziehe dich mit mir zurück in das innerste deiner Gemächer!« Die Gattin des Perikles war es nicht ganz ungewohnt, ihre Freundin in solch' aufgeregter Art bei ihr sich einführen zu sehen. Hatte diese doch vielen Verkehr und bildete gleichsam den Mittelpunkt, von welchem der Frauenklatsch Athens nach allen Richtungen auslief, sie wußte viel und warf den Zunder aufregender Neuigkeiten in die Stille so mancher Frauengemächer. Als die beiden im innersten Gelasse des Hauses allein und ungestört waren, begann die Schwester Kimons mit einer Art von Feierlichkeit:

»Telesippe, was hältst du von der Treue deines Gemahls?«

Telesippe wußte nicht sogleich, was sie sagen sollte.

»Was hältst du von der Neigung deines Mannes für unser Geschlecht im allgemeinen?« fuhr Elpinike fort.

»Ach«, erwiderte jene, »der Kopf dieses Mannes steckt so gänzlich voll von Staatsgeschäften« ...

»Daß er an die Weiber nicht mehr denkt, meinst du?« fiel die Schwester des Kimon ein und verzog den Mund zu einem mitleidig-spöttischen Lächeln. »Natürlich!« fuhr sie lauernd fort, »du vor allen mußt es wissen, als seine angetraute Ehefrau, als seine rechtmäßige Lagergenossin!«

»Freilich!« erwiderte harmlos das Weib des Perikles.

»Elpinike ergriff ihre Hand, lächelte noch einmal mitleidig und sagte:

»Telesippe, ist deines Mannes Art und Wesen dir unbekannt? Denke doch ein wenig nach! Erinnere dich an die schöne Thrysilla – die Geliebte des tragischen Dichters Ion, welcher dein Gatte, wie alle Welt weiß, eine geraume Zeit hindurch den Hof machte« –

»Aber das ist nun wohl lange vorbei!« entgegnete Telesippe.

»Möglich!« sagte die Schwester des Kimon. »Aber ist in der letzten Zeit niemals ein Verdacht in dir aufgestiegen? Hat nichts in deines Mannes Betragen dich mehr als sonst befremdet? Nichts deine Seele mit Ahnungen böser Art erfüllt?«

Jene besann sich und schüttelte das Haupt.

»Arme Freundin!« rief Elpinike. »So trifft es dich denn unvorbereitet und du vernimmst alles auf einmal!«

»Sprich!« sagte die Gattin des Perikles.

»Ist der Name Aspasia noch nicht zu deinen Ohren gedrungen?« fragte Elpinike.

»Der Name ist mir fremd!« erwiderte jene. »So höre!« sprach die Schwester des Kimon. »Aspasia ist der Name einer jungen Milesierin, welche, die Götter wissen durch welche Irrfahrten und Abenteuer, nach Megara verschlagen und von dort durch deinen ehemaligen Gatten Hipponikos nach Athen herübergebracht wurde. Ich denke, dir ist nicht unbekannt, von welcher Art und was sie wert sind, diese Milesierinnen, diese Ionierinnen überhaupt, diese Weiber von den jenseitigen Küsten? Es sind Bacchantinnen, welche sich über Griechenland verbreiten und mit brennenden Fackeln die Herzen der Männer in Brand stecken. Aspasia ist von allen diesen Bacchantinnen die gefährlichste, die durchtriebenste, die schlaueste, die verwegenste! ... In die Schlingen dieses Weibes ist dein Gatte gefallen!« –

»Was sagst du?« rief betroffen das Weib des Perikles. »Wo findet er sich mit dieser Fremden zusammen?«

»Im Hause des Hipponikos!« versetzte Elpinike. »Denn sie wohnt im Hause des Hipponikos. – Dort haben diese Hetären ihre Zusammenkünfte. Dort werden Orgien gefeiert, Orgien, Telesippe – schauerlich ist's, was man sich zuflüstert von den Orgien im Hause des Hipponikos! Und dein Gatte mitten darin! – Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Gib acht, er verschwendet seine Habe mit der milesischen Buhlerin! Er macht ihr Sklaven, Hausrat, Teppiche, Tauben, sprechende Stare, alles mögliche zum Geschenke! Seit gestern ist das alles stadtbekannt! Bisher trieb man's so geheim als möglich. Es verbreitete sich so schnell wie ein Lauffeuer. Denn gestern hat Perikles seinem schamlosen Treiben die Krone aufgesetzt. Gestern hat er von Pyrilampes einen fremdländischen Vogel, einen Pfau, gekauft für die Milesierin Aspasia! Alle Welt spricht heute von diesem Pfau. Und diesen Morgen ist der Vogel von einem Sklaven des Pyrilampes in das Haus des Hipponikos getragen worden. Ich selbst habe auf dem Wege hierher mit Leuten gesprochen, welche jenen Sklaven den Pfau auf den Armen tragen sahen. Aber nun denke dir! Dieselben Leute erzählten mir, der Pfau sei im Hause des Hipponikos nicht angenommen worden; die Milesierin wohne nicht mehr bei Hipponikos! Merkst du wie das zusammenhängt? Sie ist von Hipponikos weggezogen in ein anderes Haus. Und wer hat ihr dies andere Haus gekauft oder gemietet? Dein Gatte Perikles! – was starrst du mir so nachdenklich ins Gesicht?«

»Ich denke nach«, sagte Telesippe, »über den ausländischen Vogel, von dem du mir erzählst. Wenige Augenblicke bevor du kamst, ist ein fremder Vogel von einem Sklaven hieher ins Haus gebracht worden, mit dem Bedeuten, Perikles habe ihn gekauft.«

»Wo ist der Vogel?« rief Elpinike. Telesippe führte ihre Freundin in den Hühnerhof, wo der junge Pfau kläglich zappelnd auf dem Boden lag, denn man hatte ihm noch gar nicht die Bande von den Füßen genommen.

»Es ist der Pfau!« sagte Elpinike; »gerade so habe ich die Pfaue des Pyrilampes beschreiben hören. Die Sache ist klar. Der Pfau ist im Hause des Hipponikos nicht angenommen worden; der Sklave wollte oder konnte die Milesierin selbst nicht weiter suchen, und brachte den Vogel kurzweg hieher zu dem Käufer. Das ist Götterfügung, Telesippe! Bringe doch der Hera ein Opfer, der Schützerin und Rächerin heiliger Bande!«

»Unseliger Vogel!« rief Telesippe und warf einen Blick des Zornes auf das Tier, »du sollst nicht umsonst in meine Hände gefallen sein!«

»Schlachte ihn!« rief die Schwester des Kimon; »schlachte ihn und schmore ihn am Feuer und bereite deinem treulosen Gatten ein Thyestesmahl damit!«

»Das will ich!« erwiderte Telesippe, »und Perikles darf mir nicht einmal einen Vorwurf machen. Um einen Vogel wie diesen frei umher gehen zu lassen, hat unser Hühnerhof zu geringen Umfang, wenn er ihn also kaufte, so konnte ich nur voraussetzen, daß derselbe gerupft und geschmort und gegessen werden solle. Perikles muß schweigen. Er kann gegen diese Entschuldigung nichts einwenden. Er soll schweigen und heimlich bersten vor Aerger, wenn ich ihm den Vogel gebraten vorsetze. Und erst wenn er die verwünschte Speise grollend hinabgewürgt, will ich meinen Mund öffnen, um das Bild seiner offenbar gewordenen Schändlichkeit ihm rückhaltlos vor Augen zu stellen!«

»Du tust wohl!« sagte Elpinike und rieb sich lächelnd die Hände.

»Siehst du nun«, fuhr sie fort, »von welcher Art die Staatsgeschäfte sind, die deinen Gemahl seiner rechtmäßigen ehelichen Lagergenossin entfremden?«

»Seine Freunde sind es, die ihn verderbt haben!« sagte Telesippe. »Sein Herz ist allenthalben leicht zu entflammen, immer offen ist es für jeglichen Eindruck. Der Umgang mit Götterleugnern hat ihn unfromm gemacht. Ja, er ist unfromm geworden, er betreibt den häuslichen Dienst der Götter mit lauem Gemüte, und tut oder duldet manches dieser Art im Hause nur um meinetwillen. Du erinnerst dich, wie er kürzlich einige Tage am Fieber krank lag. Du rietest mir, ein Amulett um seinen Hals zu hängen, einen Ring mit eingeritzten magischen Zeichen, oder ein mit wirksamen Sprüchen beschriebenes Stück Pergament, in Leder genäht. Ich verschaffte mir ein solches Amulett und hing es dem Kranken um den Hals. Er lag in halbem Schlummer und achtete nicht darauf. Bald danach kam einer seiner Freunde, um ihn zu besuchen. Als dieser das Amulett auf der Brust des Perikles erblickte, nahm er es weg, und warf es beiseite, Perikles erwachte aus seinem Halbschlummer; da sagte der Freund zu ihm, wie mir ein Sklave erzählt, der eben im Gemache war: »Die Weiber haben dir ein Amulett um den Hals gehängt: ich bin ein aufgeklärter Mann, und habe das Ding hinweggenommen!« – »Es ist gut«, sagte Perikles, »aber ich würde dich für noch aufgeklärter gehalten haben, wenn du es hättest hängen lassen.«

»Das war gewiß einer von den neumodischen Bildnern«, sagte Elpinike. »Ich habe den Perikles nie geliebt – wie hätte ich den Nebenbuhler meines herrlichen und unvergleichlichen Bruders lieben können? Aber er ist mir sogar verhaßt geworden, seit er sich ganz und gar zum Spiel- und Werkzeug in den Händen des Pheidias, des Iktinos, des Kallikrates, und all' jener Leute gemacht hat, welche jetzt mit ihrem ehrsüchtigen Treiben so viel Lärm machen und welche jedes echte Verdienst in den Hintergrund drängen. Weißt du, daß, während alle diese mit Meißel und Kelle sich auf der Akropolis wichtig machen, der edle Polygnotos, der treffliche Meister, welchen mein Bruder Kimon so hoch schätzte, müßig gehen muß?«

Elpinike ergoß sich noch einige Zeit in Klagen solcher Art, erhob sich aber doch zuletzt, um zu gehen. Telesippe begleitete sie bis ins Peristyl. Dort unterredeten die beiden, nach Art der Frauen, welche beim Abschiede schwer das letzte Wort finden, noch eine Weile zwischen Tür und Angel sich lebhaft über die große Angelegenheit des Tages.

Da wurde plötzlich die äußere Pforte geöffnet und ein Jüngling trat ins Haus. Der Jüngling war von auffallender Schönheit.

Die beiden Frauen hätten beim Anblick eines fremden männlichen Ankömmlings, der strengen athenischen Sitte gemäß, sich zurückziehen sollen. Aber sie waren wie festgebannt.

Und war es denn ein Mann, war es nicht ein bartloser Jüngling, was sie erblickten?

Auch hatte, bevor Telesippe sich recht besinnen konnte, dieser schon ebenso bescheiden als anmutig sich an sie mit der Frage gewendet, ob Perikles im Hause und geneigt sei, den Besuch eines Fremden zu empfangen.

»Mein Gemahl ist ausgegangen!« erwiderte Telesippe.

»Ich freue mich, seine Gemahlin, die Herrin des Hauses, begrüßen zu dürfen!« sagte der Jüngling. »Ich bin«, fuhr er fort, die rauhklingenden Namen wie mit Absicht schärfer betonend, »Pasikompsos, der Sohn des Exekestides aus –«, er durfte nicht sagen aus Milet, denn ein Blick auf die beiden Frauen, in deren Hände er gefallen war, hatte ihn belehrt, daß er mit der Nennung des fröhlichen Milet hier keinen besonders günstigen Eindruck machen würde. Den geringsten Verdacht erregte er jedenfalls, wenn er aus dem sittenstrengen Sparta kam –

»Ich bin«, sagte er also, »Pasikompsos, der Sohn des Exekestides aus Sparta. Meines Vaters Exekestides Vater Astrampsychos war mit dem Vater des Vaters des Perikles verbunden durch Bande der Gastfreundschaft!«

Als Elpinike, die Lakonerfreundin, hörte, der Jüngling komme aus Sparta, war sie entzückt.

»Willkommen, Fremdling!« sagte sie, »wenn du aus dem Lande der guten alten Sitte kommst! Aber welcher Mutter Sohn bist du, daß du, ein Sproß des rauhen Sparta, so reichumlockt und so schlanken, geschmeidigen Wesens erscheinst?«

»Ich schlug aus der Art!« erwiderte der Jüngling. »Man hat mich daheim in Sparta immer für ein Weib gehalten. Und doch habe ich vor keinem gezittert, der sich mit mir messen wollte. Ich habe manchen vor mir im Staube gesehen. Aber das half nichts. Sie nahmen mich doch immer für ein Weib. Das bekam ich satt, und um den Spöttern auszuweichen, beschloß ich, in die Fremde zu gehen und nicht früher ins rauhe Sparta zurückzukehren, als bis mir ein Bart um das Kinn und die Lippen gesproßt sein würde. Einstweilen denke ich mich hier zu Athen den schönen Künsten, welche da blühen, zu widmen.«

»Ich werde dich dem edlen Meister Polygnotos empfehlen«, sagte Elpinike; »ich hoffe, du bist ein Maler, nicht einer von den hier zulande schon so zahlreichen und übermütigen Steinklopfern!«

»Allerdings habe ich Steine zu klopfen nicht gelernt«, versetzte der Jüngling; »aber von Farbenauftrag glaube ich etwas zu verstehen, so gut als irgend einer meines Geschlechts, obgleich ich solche Kunstausübung vor der Hand nicht nötig habe, denn ich zehre, den Göttern sei Dank, von den eigenen Mitteln« –

»Wie gefällt dir Athen?« fuhr Elpinike zu fragen fort, »und wie gefallen dir seine Bewohner?«

»Sie würden mir wohlgefallen«, sagte der Jüngling, »wenn sie alle so ehrwürdig und so liebenswürdig zugleich wären, wie die, welche die Götter so bald nach meiner Ankunft mich in diesem Hause begegnen ließen« –

»Jüngling!« rief Elpinike begeistert, »du machst deiner Heimat Ehre. Ach, wenn unsere athenische Jugend doch auch so artig und so bescheiden wäre! O glückliches Sparta! Glückliche spartanische Mütter und Frauen und Jungfrauen!« –

»Ist es wahr«, nahm Telesippe das Wort, »daß die spartanischen Frauen die schönsten in ganz Hellas sind? Ich habe das oft versichern hören.«

Der Jüngling schien nicht angenehm berührt von dieser Frage. Seine Nasenflügel gerieten in leise Bewegung, und seine Lippen zuckten ein wenig, als er geringschätzend sagte:

»Wenn derbe Gestalt eins ist mit weiblicher Schönheit, dann sind die spartanischen Frauen die schönsten!« – »Wenn aber Feinheit und Adel der Formen entscheidet«, fügte der lockige Fremdling nach einer kleinen Pause mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt hinzu, und ließ dabei seinen Blick über Gestalt und Antlitz Elpinikes gleiten, »so ist es billig, den Preis der Schönheit den Athenerinnen zuzuerkennen!«

»Spartanischer Jüngling«, sagte Elpinike, »du sprichst, wie der Meister Polygnotos sprach, als er mit meinem Bruder Kimon von Thasos nach Athen herüberkam und mich bat, für die schönste der Töchter des Priamos auf dem Bilde, mit welchem er die bunte Halle schmückte, meine Züge entlehnen zu dürfen. Ich saß ihm fünfzehn Tage lang in der bunten Halle, und er malte mich Zug für Zug.«

»Du bist Elpinike, die Schwester des Kimon?« rief der Jüngling mit lebhafter Gebärde des Erstaunens. »Sei mir gegrüßt! Von dir und deinem Bruder Kimon, dem Lakonerfreund, sprach mir mein Großvater Astrampsychos zu Sparta, wenn er mich als Knabe auf den Knien schaukelte! Und genau wie er dich mir schilderte, so stehst du vor mir! Und nun erinnere ich mich auch an die schönste von Priamos Töchtern auf dem Bilde des Polygnotos. Ich sah sie gestern, als ich durch die bunte Halle ging, und ich weiß nicht, soll ich mehr dem Bilde des Polygnotos Glück wünschen, daß es dir so ähnlich ausgefallen, oder dir, daß du jenem Bilde so ähnlich bist!« –

Die Schwester des Kimon stand da, Hoheit in den Mienen. Aber eine Träne drang ihr ins Auge, und sie mußte dieselbe hinwegwischen. Ihr Herz war berauscht. Wie dieser junge Sparter zu ihr sprach, so hatte seit dreißig Jahren kein heimischer Jüngling mehr zu ihr gesprochen. Sie hätte ganz Sparta, sie hätte alle Sparter umarmen mögen, und sie durfte nicht einmal diesen einen, der vor ihr stand, dem Drange ihres Busens folgend, umarmen! Aber sie lohnte ihn mit einem zärtlichen Blicke.

»Amykle«, sagte jetzt die Gattin des Perikles, sich zu einem Weibe wendend, das, mit irgend einer häuslichen Verrichtung beschäftigt, im Peristyl erschien, »hier magst du einen Landsmann begrüßen: der Jüngling kommt aus Sparta!« – Und zu dem Jüngling wandte sie sich mit den Worten: »Dies Weib war die Amme des kleinen Alkibiades, welchen mein Gemahl, als den ihm blutsverwandten verwaisten Sproß des Kleinias, ins Haus genommen. Die gesunden und kräftigen Lakonerinnen sind ja als Ammen überall gesucht. Wir haben Amykle lieb gewonnen, und gegenwärtig dient sie uns als Schaffnerin im Hause.«

Der Jüngling erwiderte die kurze Begrüßung, welche das derbe, rotwangige, vollbusige Lakonerweib in ihrer breiten, heimischen Mundart an ihn richtete, mit einem spöttischen Lächeln, und die Amme ihrerseits musterte mit Blicken, in welchen sich einiger Zweifel spiegelte, die feinen und dabei weichlichen, fast üppigen Glieder des angeblichen Stammesverwandten.

»Zu solchen derben, wuchtigen Formen«, sagte Telesippe, der sich entfernenden Schaffnerin nachblickend, »wachsen diese Lakonerfrauen heran.«

»Hätten sie nicht den großen Ammenbusen«, sagte der Jüngling, »so würde man sie für Lastträger halten. Nun mögt ihr, in so weit von den Ammen auf die Jungfrauen zurückzuschließen erlaubt ist, euch die Spartanermädchen vorstellen, welche laufen, ringen, springen, sich im Diskos- und Speerwurf üben, und mit den Jünglingen sich in Wettkämpfe einlassen. Sie sind derb und keck und tragen das Röckchen kurz, kaum bis ans Knie und obendrein noch an der Seite aufgeschlitzt« –

Unbemerkt von den Frauen hatte inzwischen der Knabe Alkibiades sich ins Peristyl geschlichen, hatte den fremden, schönen Jüngling betrachtet und die letzten Worte desselben mitangehört.

»Wie aber werden die spartanischen Knaben erzogen?« fragte er, plötzlich hinter einer Säule hervortretend und mit seinem tiefdunklen prächtigen Augenpaare dem Fremden gerade ins Gesicht blickend.

Dieser war überrascht durch die plötzliche Erscheinung des anmutvollen Knaben.

»Das eben ist der kleine Alkibiades, der Sohn des Kleinias!« sagte Telesippe.

»Alkibiades«, fuhr sie fort, zu dem Knaben selbst gewendet, »mache deinen Erziehern nicht Unehre durch Unbescheidenheit! Ein Sparterjüngling ist's, vor dem du stehst!«

Der Fremde neigte sich zu dem Knaben herab, um ihn auf die Stirne zu küssen.

»Unbeschuht«, sagte er hierauf zu ihm, »gehen in Sparta die Knaben, schlafen auf Stroh, Schilf oder Rohr, dürfen sich niemals völlig satt essen, werden jährlich einmal am Altare der Artemis, zur Abhärtung gegen Schmerzen, bis aufs Blut gegeißelt, erhalten Unterricht in jeder Art von Turnübung, im Gebrauch der Waffen, in Waffentänzen und in der Kunst zu stehlen, ohne sich ertappen zu lassen; dagegen brauchen sie die Buchstaben nicht zu lernen, und es ist ihnen ausdrücklich verboten, sich öfter als ein- oder zweimal im Jahre zu baden und zu salben« –

»Pfui!« rief der kleine Alkibiades.

»Im übrigen«, fuhr der Fremde fort, »sind sie immer in Rotten zusammengeordnet und die jüngeren haben ältere zu Freunden, von welchen sie allerlei Tüchtiges zu lernen suchen, um deren Beifall sie buhlen, und welchen sie mit Leib und Seele überall ergeben sind.«

»Wenn ich ein Sparterknabe sein und einen solchen Freund wählen müßte«, sagte der Kleine mit funkelnden Augen, »so würde ich dich wählen!«

Der Jüngling lachte und beugte sich noch einmal zu dem Knaben hinab, um ihn zu küssen.

In diesem Augenblick zeigte sich in den Zügen Elpinikes, welche bisher ruhig neben dem Jüngling, in seiner unmittelbaren Nähe, gestanden, urplötzlich eine Aufregung sondergleichen.

Es war als ob ein Schauer ihre Glieder durchzuckte.

Hastig zog sie Telesippe beiseite und flüsterte ihr leise zu: »Telesippe, dieser Jüngling« –

»Nun?« fragte jene ebenso leise.

»O Zeus und Apollon!« seufzte die Schwester des Kimon mit unterdrückter Stimme.

»Was ist's?« fragte Telesippe gespannt.

Wieder näherte sich Elpinike dem Ohr der Freundin.

»Telesippe«, flüsterte sie, »ich sah vorhin« –

»Was sahst du?« fragte das Weib des Perikles ängstlich.

»Als der Fremde sich mit halbem Leib zu dem Knaben hinunterneigte und der Rand des Chitons an seiner Brust sich ein wenig lüftete, da sah ich« – Neuerdings erstickte die Aufregung den Laut in der Kehle der Schwester des Kimon.

»Was sahst du?« fragte nochmals Telesippe.

»Ein Weib!« stieß Elpinike heraus.

»Ein Weib?«

»Ein Weib! – Es ist die Milesierin. Schicke den Knaben hinweg und überlaß mir das übrige!«

Telesippe befahl dem Knaben, Zu seinen Gespielen zurückzukehren. Er wollte nicht; er wünschte bei seinem »Freunde« zu bleiben. Telesippe mußte Amykle rufen, den widerspenstigen hinwegzuführen.

Nachdem dies geschehen, warf Elpinike ihrer Freundin einen bedeutungsvollen Blick zu, richtete sich sodann stolz und streng empor, trat auf den Fremden zu und sah ihm eine Zeitlang mit durchdringendem Auge ins Gesicht. Der Fremde versuchte anfangs den Blick der Schwester des Kimon auszuhalten.

Aber ihr Blick schien den seinigen zu packen und festzuhalten, wie der Häscher den ertappten Verbrecher. Unwillkürlich machte der Blick des Schuldbewußten einen leisen Versuch, sich dem Banne des Häscherblicks zu. entziehen – und jetzt erst, nachdem sie aus diesem Zweikampf der Augen als Siegerin hervorgegangen, brach Elpinike das gewitterschwüle Schweigen und begann in schneidigem Tone:

»Spartanischer Jüngling! Issest du gerne gebratene Pfaue? Perikles wird heute einen solchen auf seiner Tafel haben. Möchtest du nicht sein Gast sein?«

Jetzt nahm Telesippe das Wort, und der Ausdruck ihres Angesichts überbot beinahe noch den vernichtenden Hohn Elpinikes: »Ein Pfau von Pyrilampes ist's! Ein Pfau, den gestern Perikles gekauft. Er wollte ihn einer ionischen Buhlerin zum Geschenk machen, aber nun zieht er vor, ihn gebraten zu essen!«

»Bürschchen«, rief Elpinike von der andern Seite, »ist es wahr, daß deine Altersgenossen am Eurotas behauptet haben, du seiest ein Weib? Denke! auch hier zu Athen gibt es Leute, welche behaupten, daß du kein Mann bist, sondern – eine Hetäre von Milet!« –

»Elende!« rief nun wieder Telesippe mit rückhaltlosem Zorn; »genügte dir's nicht, daß du die Männer außerhalb des Hauses buhlerisch betörst? Mußt du dich einschleichen sogar ins Heiligtum des häuslichen Herdes? Scheu'st du nicht die Götterbilder dieses Hauses, welche mit Blicken des Unmuts auf die Störerin und Entweiherin der geheiligten Familienstätte herunterblicken? – Stelle dich gesalbt und geschmückt vor deines eigenen Hauses Tür und ziehe die vorübergehenden am Gewande hinein! – wie? du wagst es noch immer, mir ins Angesicht zu blicken? Du gehst noch nicht?« –

»Rufe Amykle herbei«, sagte die Schwester des Kimon zur empört aufwallenden Freundin, »damit sie mit ihren echten Lakonerfäusten diesen unechten »Landsmann«, diese üppige Zierpuppe zur Türe hinausstoße!« –

»Vorher«, rief Telesippe, welche, nachdem ihr schwer bewegliches Wesen einmal erregt war, nun immer heftiger aufbrauste: »vorher will ich ihr noch das Auge mit diesen Fingern aus dem Gesichte kratzen – ihr das erborgte Truggewand von den Gliedern reißen!«

In dieser Weise tobten die beiden Frauen, jene zur Linken, diese zur Rechten der verkleideten und entlarvten Milesierin gestellt, schrankenlos sich ereifernd auf sie ein.

Diese selbst ließ die erste und heftigste Flut der Beschimpfung über sich ergehen, bis die Zornentfesselten, wie verblüfft über die ruhige Fassung der Geschmähten, beide zugleich einen Augenblick verstummten.

Dann aber begann sie.

»Habt ihr nun eure schärfsten, eure giftgetränktesten Pfeile versendet? Ich habe diesen Hagel eurer Zorngeschosse ruhig über mein Haupt ergehen lassen, denn ich begab mich nun einmal in die Gefahr, ich wagte mich in den Bereich dieser zornigen Hausgötter und ich habe, obgleich ihr mein Kleid Lügen straft, doch so viel männliches in mir, um mich in das, was begreiflich und unausbleiblich ist, zu finden. Aber auch du, o Herrin des Hauses, Telesippe, und du, ehrwürdige Elpinike, werdet es begreifen und ertragen, daß ich auf so viele Anreden einiges, wenn auch in einem Tone, der mit dem eurigen nichts gemein haben will, erwidere. – Was ist es denn, Herrin Telesippe, angetraute Gemahlin des großen Perikles, um dessentwillen du mich in so harten Worten schmähst und beschuldigst? Sage, was hab' ich dir geraubt? deinen Herd? deine Kinder? deinen guten Ruf? deinen Tugendstolz? deine Habe? dein Geschmeide? deine Salben- und Schminktöpfe? Nichts von all' dem! Nur ein kleines kann ich dir entrissen zu haben scheinen: Das, was dir das letzte war von allem, was du selber preisgegeben, was du im Grunde nie wahrhaft besessen, was du zu erwerben und zu erhalten niemals ernstlich bedacht gewesen: die Liebe deines Gatten! Und wenn es in der Tat sich so verhielte, wenn dein Gatte mich liebte, dich aber nicht, wäre es meine Schuld? Nein! es wäre die deine! Bin ich nach Athen gekommen, um die Athener zu zwingen, ihre Frauen zu lieben? Besser geziemt es und leichter fällt es mir, die athenischen Frauen zu lehren, wie sie es anfangen sollen, um von ihren Männern geliebt zu werden. Ihr athenischen Hausfrauen, kindergebärende Sklavinnen, verkümmernd in der Verborgenheit eurer Frauengemächer, ihr versteht sie nicht, diese Kunst, des Mannes Herz zu unterjochen, und ihr zürnt uns Ionierinnen, weil wir sie verstehen? Ist es ein Verbrechen, sie zu verstehen? Nein! Es ist ein Verbrechen, sie nicht zu verstehen! Was heißt geliebt zu werden? Es heißt gefallen! Willst du geliebt werden, so gefalle! Da hilft nicht Band, nicht Eidschwur, nicht Berufung auf göttliches oder menschliches Gesetz; da gilt nur der Wahrspruch: Wisse zu gefallen! – Und wann gefällt das Weib? Vor allem wenn es will! Und womit muß es zu gefallen suchen? Mit allem was gefällt. Nicht lange wird es fesseln, wenn es bloß die Sinne besticht, nicht lange, wenn es bloß die Einbildungskraft bezaubert, oder den Geist anspricht, oder das Herz rührt – es muß das alles in sich zu vereinigen wissen, es muß, um es mit einem Worte zu sagen, liebenswürdig sein! – Aber um den Sieg der Liebenswürdigkeit zu vollenden und fremde Leidenschaft desto sicherer zu erwecken, wird es die eig'ne sorgfältiger zu verbergen als zu verraten suchen. Ernüchternd wirkt des Weibes zuvorkommende Glut auf den Entflammten, anwidernd auf den Erkalteten. Sie beginnt damit, den Mann stolz zu machen, und endet damit, ihn zu langweilen. Des Mannes Langeweile aber ist des Eheglücks, der Frauenherrschaft sich'res Grab. Kosen oder grollen, girren oder fluchen mag der Mann, gleichviel; nur gähnen, gähnen darf er nicht! – Du, o Telesippe, tatest zu wenig und zu viel: zu wenig, denn du botest dem Gatten nur deinen Leib und deine Treue; zu viel, denn du brachtest ihm das, was du botest, dar, wie den Trank im Becher! Das Weib soll aber nicht Trank im Becher sein, noch Gerät im Hause, noch Sklavin, selbst nicht »Ehefrau«, wie man es nennt, denn Hymen ist des Eros räuberischer Feind. Täglich neu muß es um sich werben lassen, und die wunderliche Kunst muß es verstehen, abends als Braut sein Lager zu besteigen, und des Morgens als Mädchen wieder aufzustehen! – Das sind die Regeln jener Kunst; befolge sie, wenn du willst und wenn du kannst. Wo nicht, so verzichte auf das, was durch diese Kunst gewonnen wird, und gönne neidlos anderen, die Früchte derselben zu ernten!« –

So sprach Aspasia.

Hochmütig aber blickte das Weib des Perikles auf sie herab und verzog die Winkel des Mundes zu einem verachtenden Lächeln.

»Behalte sie für dich, die Weisheit deiner Buhlerkünste«, sagte sie, »du magst ihrer bedürfen. Unterlaß' es, mich belehren zu wollen, wie man eines Mannes Wohlgefallen und Hochschätzung gewinnt, mich, die der Archon Basileus zur Gattin haben wollte! Was glaubst du denn zu erreichen mit all' deinen Künsten, du, die Fremde, die Buhlerin? Du kannst mir den Gatten verlocken zu heimlicher Buhlschaft, aber fremd bleibst du seinem Hause, seinem Herd; und selbst, wenn er mich verstieße, du kannst sein vollberechtigtes Weib nicht werden, du kannst ihm keinen rechtmäßigen Erben gebären, denn du bist eine Hergelaufene, du bist keine Athenerin! Ob mein Gemahl nach mir mit Liebesseufzern girrt, oder nicht, gleichviel: ich stehe waltend hier am Herd seines Hauses; ich bin des Hauses Herrin, du aber bist ein Eindringling. Ich sage dir: »Geh!« und du mußt gehorchen!«

»Ich gehorche und gehe!« erwiderte Aspasia. – »Wir haben ehrlich geteilt!« fügte sie scharf betonend hinzu. »Dir sein Haus und Herd, mir sein Herz! – Behaupte nun jede das ihrige! – Lebe wohl, Telesippe!« –

Mit diesen Worten entfernte sich Aspasia.

Telesippe war mit Elpinike wieder allein. Diese billigte den Stolz ihrer Freundin, lobte die Antwort, welche sie der Fremden gegeben.

Nach erneutem langen Zwiegespräch entfernte auch sie sich; das Weib des Perikles ging an die Besorgung häuslicher Angelegenheiten.

Der kleine Alkibiades sprach den Tag über viel von seinem »spartanischen Freunde«, zum Aerger der ehrlichen Amykle, welche den Kopf schüttelte und sagte:

»Jenes Bürschchen ist niemals durch den Eurotas geschwommen!«

Telesippe verbot beiden, des Fremden in Gegenwart des Perikles zu gedenken.

Der Tag verstrich, die Stunde des Mahls war herangekommen.

Perikles war heimgekehrt und ging mit den Seinen zu Tische.

Er aß von den Speisen, welche aufgetragen wurden, beantwortete die Fragen des kleinen Alkibiades und der beiden anderen Knaben und richtete auch zuweilen ein Wort an Telesippe, welche jedoch in ein halb finsteres, halb höhnisches Stillschweigen versunken blieb.

Perikles sah die Menschen um sich gern heiter. Das herbe, schweigsame Wesen seiner Gattin machte ihn unruhig. Nun wurde noch ein Gericht aufgetragen. Es war der gebratene Pfau.

Perikles warf einen sonderbaren Blick auf den Vogel.

»Was ist das?« fragte er.

»Das ist der Pfau«, erwiderte Telesippe, »der auf dein Geheiß diesen Morgen ins Haus gebracht wurde.«

Perikles verstummte. Nach einer Pause, während welcher er sich den Zusammenhang der Dinge klar zu machen suchte, fragte er in einem Tone, der aus der Brust des heldenhaften Mannes etwas gepreßt klang:

»Wer sagte dir, daß ich den Vogel gebraten haben wolle?«

»Was sonst?« erwiderte Telesippe. »Um ein so großes Tier zu füttern und frei umhergehen zu lassen, ist unser Geflügelhof nicht groß genug. Ich konnte also nur denken, daß du den Vogel auf dem Markte eingekauft, damit er für das heutige Mahl bereitet werde. Warum auch nicht? Er ist schmackhaft und trefflich gebraten. Versuche nur ein Stück!«

Damit legte sie ein schöngebräuntes Stück auf den Teller des Gatten.

Perikles, den sie den Olympier nannten, Perikles, der siegreiche Feldherr, der gewaltige Redner, der Lenker der Geschicke Athens, der mit würdevollem Gleichmut auf die wildbewegte Masse der Athener wie auf die Heerhaufen anrückender Feinde im Schlachtgefild zu schauen pflegte, – er schlug die Augen nieder vor dem Stückchen Pfau, das ihm seine angetraute Gemahlin Telesippe auf den Teller legte.

Aber er faßte sich bald. Er erhob sich mit der Entschuldigung, daß er sich gesättigt fühle, und wollte sich in seine Gemächer zurückziehen.

In diesem Augenblick tat der kleine Alkibiades die Frage:

»Haben die Schwäne im Eurotas ebenfalls ein so prächtiges Gefieder wie dieser Pfau?« –

Und ohne die zögernde Antwort abzuwarten, fuhr er fort:

»Amykle ist eine alte Törin, wenn sie behauptet, daß mein spartanischer Freund niemals durch den Eurotas geschwommen!«

Bei dieser Erwähnung eines spartanischen Freundes sah Perikles erst den Knaben und dann Telesippe fragend an.

»Von welchem spartanischen Freunde sprichst du?« fragte er zuletzt. Weder der Knabe, noch Telesippe gab ihm Bescheid.

Perikles verließ den Speisesaal. Telesippe folgte ihm.

An der Schwelle der inneren Gemächer sagte sie leise, aber in scharfem Tone zu dem Gatten:

»Verbiete den milesischen Buhlerinnen, dich hier in deiner Behausung aufzusuchen, damit sie nicht auch schon die Knaben verführen. Gib ihnen dein Herz, diesen Buhlerinnen, o Perikles, wenn du willst; aber dein Haus, deinen Herd sollen sie nicht entweihen. Folge du jenen, wohin du willst, hier aber, in diesem Hause, an diesem Herde, behaupte ich mein Recht. Hier bin ich Herrin, ich allein!«

Seltsam ward Perikles berührt von dem Ton dieser Worte. Das war nicht eines gekränkten Weiberherzens Laut, es war der verletzte, kalte Stolz der Herrin des Hauses.

Kühl erwiderte er den kühlen Blick der Sprecherin, und sagte ruhig:

»Es sei wie du sagst, Telesippe!« –

Denselben Tag kam noch ein fremder Sklave zu Perikles mit schriftlicher Botschaft.

Perikles öffnete sie und las folgende Zeilen von der Hand Aspasias: »Ich habe das Haus des Hipponikos verlassen. Viel habe ich dir zu berichten. Besuche mich, wenn du kannst, im Hause der Milesierin Agariste.«

Perikles antwortete wie folgt:

»Komm morgen in das Landhaus des Dichters Sophokles am Kephissosufer. Du wirst mich dort finden. Komm verkleidet, oder laß dich ohne Verkleidung in einer Sänfte dahin tragen.«

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