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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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II. Frau Telesippe.

In wachen Gedanken hatte Perikles seit der Zusammenkunft der Männer im Hause des Pheidias die Nächte hingebracht. Ihn beschäftigte der Schatz von Delos, mit welchem eine neue Zeit für die Macht und Herrlichkeit der Athener gekommen; der Nachklang jener Gespräche, welche im Hause des Pheidias geführt worden waren, hallte beständig in seiner Seele wider, und schloß er, dem Wirbel dieser Gedanken sich zu entziehen, die Augen, so führte ein halbwacher, flüchtiger Traum ihm das anmutreiche Bild der Milesierin zurück, und der feuchte, aphrodisische Glanz ihrer bezaubernden Augen durchstrahlte ihm die Tiefen der Seele.

Mancherlei Pläne, seit langer Zeit erwogen, gärten in Perikles. Schwankende Gedanken befestigten sich allmählich in ihm, und Entschlüsse sprengten über Nacht, wie Rosen, die Knospe.

Sinnend saß er eines Morgens in seinem Gemache. Da kam, ihn zu besuchen, sein Freund Anaxagoras. Seit den ersten Jugendtagen mit dem weisen Klazomenier vertraut, war Perikles so manche Morgenstunde noch immer beschäftigt, mit der offenen, feurigen Seele des Griechen die neuen Offenbarungen in sich aufzunehmen, wie sie kühne Denker jetzt, vor allen Anaxagoras selbst, über kindliche Anschauungen der Väter sich erhebend, aus der Tiefe des sich auf sich selbst besinnenden Geistes zu schöpfen begannen.

Heut aber merkte der weltweise Mann eintretend sogleich, daß Gedanken andrer Art seinen Freund gefangen hielten; er fand den sonst würdevoll Gefaßten erregt und sein Auge von jenem matten Feuer leuchtend, das eine in Gedanken durchwachte Nacht verrät.

»Ist das Volk heute zu einer Versammlung von Wichtigkeit auf den Hügel der Pnyx berufen?« fragte der Greis, dem Olympier ins Antlitz blickend; »ich erinnere mich, nur bei solcher Gelegenheit dich so nachdenklich getroffen zu haben.«

»In der Tat versammelt sich heute das Volk«, sagte Perikles, »und wichtige Dinge sind es, die ich da zu betreiben mir vorgesetzt habe. Mir bangt, ob ich durchdringen werde ...«

»Du bist Stratege«, erwiderte Anaxagoras, »du bist Verwalter der öffentlichen Einkünfte, du bist Leiter der öffentlichen Bauten, du bist Ordner der öffentlichen Feste, du bist – die Götter wissen, wie sie alle heißen, die Aemter und Würden, welche die Athenäer dir mit ordentlichen und außerordentlichen Vollmachten immer wieder von neuem übertragen; gleichviel: du bist, was das allein Wichtige ist und in einem Freistaate die Hauptsache – du bist der große Redner, welchen sie den »Olympier« nennen, weil mit dem Donner deiner Rede eine Art Herrschergewalt verknüpft ist, wie mit dem Donner des Zeus. Und du bist ängstlich?«

»Ich bin es!« versetzte Perikles, »und ich versichere dich, daß ich niemals den Rednerstein der Pnyx besteige, ohne insgeheim die Götter anzurufen, damit meinen Lippen kein unbedachtes Wort entfahre, und damit ich nie einen Augenblick vergesse, daß es Athener sind, zu welchen ich spreche. Du weißt, wie ungeduldig das Volk zuletzt schon geworden, als ich es immer wieder veranlaßte, neue Geldmittel zur Errichtung der mittleren langen Mauer und zur Erneuerung des Piräus zu bewilligen. Und nun hat mich Pheidias beschwatzt, mich mit neuen großen Plänen angesteckt. Sein und der Seinigen gärender Drang soll nicht länger gezügelt, unser Athen soll mit den lang bedachten Werken dieser Männer geschmückt und vor dem ganzen übrigen Hellas verherrlicht werden. Du weißt, ich gehöre zu denjenigen, welche Neues nur mit Bedacht ergreifen, das Ergriffene aber festhalten und mit feurigem Mute betreiben. Und so habe ich auch in dieser Sache mich anfangs viel bedacht; jetzt aber bin ich im stillen vielleicht schon heißer entbrannt als Pheidias selbst und die Seinigen.«

»Ist das Volk der Athener nicht warm beseelt, nicht kunstliebend?« sagte Anaxagoras. »Und ist nicht der reiche Schatz von Delos angekommen?«

»Ich fürchte das Mißtrauen«, erwiderte Perikles, »welches geheime und offene Gegner säen. Die Partei der Oligarchen ist nicht ganz überwältigt. Auch weißt du, daß es Lakonerfreunde gibt und solche, die dem Lichte und allem Heiter-Schönen abhold sind. Hast du es doch selbst erfahren, seit du zwischen den Säulen der Agora zuerst hervorgetreten, um uns Athenäern die Botschaft der reinen, freien, geistgebornen Wahrheit zu verkündigen. Indessen ich werde heute einen Trumpf ausspielen, der vorerst mir die Menge völlig verpflichtet. Es gibt arme Bürger, die von der Hand in den Mund leben, und die morgen hungern müssen, wenn sie heute ihre Arbeit ruhen lassen, um ihre Bürgerpflicht nicht zu versäumen, in die Volksversammlung gehen. Warum sollten sie nicht mit ein paar Obolen aus der Staatskasse entschädigt werden? Auch die armen Bursche dauern mich, die gern den öffentlichen Schauspielen beiwohnen möchten, aber das Eintrittsgeld nicht aufbringen können. Sie sollen von Staats wegen hingehen dürfen, um sich an den Werken der Poeten unvermerkt zu bilden und zu veredeln, während sie bloß ihrem Vergnügen nachzugehen glauben. Und jene guten alten Käuze, welche zu Tausenden aus dem Volke ausgelost und den vielen Gerichtshöfen als Beisitzer zugeteilt werden, sie sollen künftig nicht mehr ohne Entgelt den langen Tag verlieren, um die zahllosen Streithändel ihrer Mitbürger im Schweiße ihres Angesichts zu schlichten. Athen ist reich, neue goldene Quellen rauschen um uns und ergießen sich von den Ländern der Bundesgenossen her in unseren Staatsschatz. Ein großer Ueberschuß ist in den Kassen. Ich habe mich gefragt: soll er als Hort der Zukunft zurückgelegt werden, oder soll er der Gegenwart zu gute kommen? Ich glaube, daß die Gegenwart auf ihn ein größeres Recht hat. Das Volk soll die Frucht seiner Siege und seines Aufschwunges genießen, es soll frei und glücklich sein; ein schönes, beneidenswertes, menschenwürdiges Dasein soll in unserm göttergeliebten Athen begründet werden.«

»Ich habe den würdevollen Perikles öfter schon aufwallen sehen in solch edler Glut«, bemerkte Anaxagoras, »aber diese heutige Aufwallung scheint mir stärker zu sein als alle früheren.«

»Ich danke den Göttern«, erwiderte Perikles, »daß sie mir zur Besonnenheit der Erwägung das rasche Feuer des Entschlusses und den zähen Mut der Ausführung gegeben. Bist du etwa unzufrieden mit mir? Scheine ich dir allzuweit zu gehen in meinen Entwürfen oder in meinen Rücksichten auf das freilich immer unberechenbare und zuweilen undankbare Volk?«

»Laß es mich offen gestehen«, erwiderte der Greis, »ich befasse mich nicht mit Politik. Ich bin kein Athener, ich bin vielleicht nicht einmal ein Hellene, sondern Weltbürger, Philosoph. Mein Vaterland ist der unendliche Weltraum.«

»Aber du bist weise«, sagte Perikles, »und kannst das Tun der Staatsmänner beurteilen, ob es zum guten oder zum bösen ausschlagen wird.«

»Davor werde ich mich hüten!« rief Anaxagoras. »Nicht bloß die Poeten, auch die Staatsmänner folgen unwissend einem Götterwink, sind von einem Dämon besessen, der sie begeistert und schier unbewußt sie treibt zu dem, was für den Augenblick wahrhaft nötig und nützlich. Vorschnell urteilen und irren wird oft der gemeine Menschenverstand, wenn es sich um das Tun gottbegeisterter Staatsmänner handelt. Ich habe mich in die Tiefen der Natur versenkt und überall den Geist in ihr waltend gefunden! Der Geist aber, er ist unfehlbarer und mächtiger im Schaffen und Wirken als im Urteilen ...«

So besprachen sich vertraulich die beiden Männer im Gemache des Perikles. In diesem Augenblicke aber trat ein Sklave herein, von des Perikles Gattin Telesippe gesendet.

Eine wunderliche Botschaft war es, mit welcher dieser Sendling kam von der waltenden Herrin des Hauses. Vom Landgute des Perikles war der Schaffner diesen Morgen hereingekommen und hatte einen jungen Widder mitgebracht, der auf besagtem Gute zur Welt gekommen, und dem statt zweier Hörner nur eines sproßte mitten auf der Stirn. Dies Tier nun hatte der Schaffner soeben, nicht ohne ängstliche Bedenken, seiner Herrin vorgewiesen. Telesippe, eine Frau von frommen Gesinnungen, hatte rasch nach dem Seher Lampon gesendet, damit er sofort das Wunderzeichen deute. Nun rief sie den Gemahl, daß er komme, um das seltsame Gebilde mitanzusehen und den Ausspruch des Sehers mit ihr zu vernehmen.

Perikles hörte die Erzählung des Sklaven an und sagte dann gutmütig zu dem Freunde: »Laß uns der Frau den Willen tun und hinausgehen, um den einhörnigen Widder anzustaunen.«

Anaxagoras erhob sich und folgte willig dem Perikles.

Sie traten hinaus ins Peristyl des Hauses.

Das Haus des Perikles war einfach. Es war nicht größer, nicht reicher ausgeschmückt als das eines andern athenischen Bürgers von bescheidenen Mitteln. Es war einfach wie die Lebensweise des Eigentümers. In einem Freistaate muß der einflußreichste Mann einfach leben, wenn er sich gegen das Mißtrauen seiner Mitbürger behaupten will. Aber auch ohne Berechnung und Absicht wird ein Mann, der rastlos sich dem Gemeinwesen widmet, sein eigenes Hauswesen immer ein wenig vernachlässigen. Einfach und schmucklos war auch das Peristyl im Hause des Perikles. Aber es mangelte nicht des traulichen Reizes, der mit diesem eigentümlichsten, anmutendsten Teile des Hauses, diesem saalartigen, von Säulen umgebenen kleinen Hofe überall verbunden war. Fand man sich hier doch im Innersten und unter freiem Himmel zugleich. Abgeschlossen war man da von allem Lärm der Außenwelt und doch im Verkehr mit den frischen Lüften des Himmels, die von oben hereinwehten, mit Sonne, Mond und Sternen, die ungehindert aus der Höhe ihr Strahlengold in die Marmorhalle warfen. Die Schwalben flogen vertraulich zwitschernd aus und ein und bauten ihre Nester an Säulenkapitälern und Simsen. Nicht einladend nach außen, wie der Tempel, sondern nach innen wendete, gleichsam abwehrend, das Wohnhaus seinen Säulenschmuck, um den freien und doch traulich-geborgenen, anmutigen Familienraum zu schaffen. Hier saß man, hier erging man sich, hier empfing man auch wohl die Besucher. Hier nahm man auch zuweilen das Mahl ein. Hier brachte man auch die häuslichen Götteropfer; hier stand des Hauses eigentlicher Herd, der Altar des herdbeschützenden Zeus.

Hinter dem Säulengange, der alle vier Seiten des Peristyls umsäumte, reihten sich die Wohngemächer im Hause des Perikles. Die Türen der Gemächer mündeten in denselben. Geschmackvoller Zierat schmückte die Pfosten und Gesimse der Türen; die Oeffnungen derselben waren zum Teil nur durch farbige Teppiche malerisch verhängt. Nach hinten schloß ans Peristyl sich die Frauenwohnung, und hinter dieser lag der kleine wohlumfriedete Garten.

Betrat man von der Straße her das Haus, so führte ein Gang, der durch das vordere Gelaß des Hauses lief, geradeswegs ins Peristyl. Auf der Seite des Einganges selbst nun, sowie zur Linken und Rechten des im Viereck sich öffnenden Raumes, liefen die Säulenhallen; auf der Seite jedoch, welche dem Eingange gegenüberlag, grenzte durch ein Pfeilerpaar ein Mittelraum sich ab, der, nach einwärts sich vertiefend, einen nach dem Peristyl hin offenen, auf den drei übrigen Seiten aber von Wänden eingeschlossenen Vorsaal bildete.

In diesem Vorsaal stand Telesippe, die Gattin des Perikles, von einigen Sklaven und Sklavinnen umgeben, und neben ihr der Schaffner, der vom Landgute hereingekommen war, mit dem einhörnigen jungen Widder auf den Armen.

Telesippe war ein hochgewachsenes Weib, von strengen, nicht unschönen, aber etwas plumpen Zügen. Sie war stattlich und wohlbeleibt, aber ihr Fleisch war nicht mehr blühend. Schlaff hingen die Wangen, schlaff der Busen, schlaff, nachlässig und anmutslos hingen auch die Gewande über ihre Glieder hinab. Ihr Haar war noch ungeordnet, nach hinten zu in einen großen Wulst gebunden. Sie war bleich, denn sie hatte diesen Morgen sich noch nicht geschminkt. Dies Weib, des großen Perikles Gemahlin, war früher dem reichen Hipponikos angetraut gewesen. Dieser trennte sich von ihr, und sie gewann als neuen Gatten den Perikles. Damals war sie noch von jugendlichem Ansehen; mit ihren kühlen, strengen Augen versöhnte die blühende Wange.

Als Telesippe, in jenem, nach dem Peristyl hin offenen Vorsaal stehend, ihren Gatten nicht allein, sondern im Geleit des Anaxagoras sich nähern sah, machte sie Miene, vor dem Fremden, wie es die Sitte gebot, sich ins Frauengemach zurückzuziehen. Perikles winkte ihr, zu bleiben. Sie blieb, ober ohne das graue Haupt des Weisen ferner eines Blickes zu würdigen. Sie glaubte Grund zu haben, diesen greisen Freund und Ratgeber ihres Gatten nicht zu lieben.

Mit einer Art von Angst blickte sie auf den Widder. »Ich habe den Seher Lampon rufen lassen«, sagte sie; »ich fürchte eine schlimme Vorbedeutung.«

In diesem Augenblicke öffnete der Türsteher die äußere Pforte und ließ den Seher ein, der sofort vom Eingang her durch den langen Gang sich näherte.

Der Seher Lampon war Priester eines kleinen Dionysos-Heiligtums, das nicht viel abwarf. Er verlegte sich daher auf die Mantik, und zwar mit Glück. Er erfreute sich eines beträchtlichen Rufes bei den Frommgesinnten. Er trug, um seinen Beruf äußerlich anzukündigen, die Priesterbinde um die Stirne und überdies den apollinischen Lorbeer auf dem Haupte. Im übrigen suchte er, nach der Gewohnheit der Männer seines Schlages, durch nachlässiges Gewand, struppigen Bart, wirr flatterndes Haar und einen scheuen, wie verloren schweifenden Blick das Erdentrückte des Sehergemütes anzudeuten.

»Dies Wundertier«, sagte Telesippe zu Lampon, »ist auf unserem Landgute geboren und diesen Morgen in die Stadt gebracht worden. Du bist der kundigsten einer unter den Zeichendeutern; deute uns dies Wunder, ob wir es als günstig betrachten sollen oder als verhängnisvoll?«

Lampon befahl, den Widder auf den Altar des herdbeschirmenden Zeus zu legen.

Eine Kohle glimmte zufällig eben noch auf dem Altare. Lampon riß ein Haar aus der Stirn des Widders und warf es auf die glimmende Kohle.

»Das Zeichen ist günstig«, sagte er; »denn das Haar ist verbrannt ohne heftiges Knistern.«

Dann wandte er den Blick auf Perikles und beobachtete die Stellung desselben zu dem Widder. Perikles stand zufällig rechts vom Widder. »Das Zeichen ist günstig für Perikles!« sagte der Seher mit gewichtiger Miene, steckte, den Bräuchen der Mantik folgend, ein Lorbeerblatt in den Mund und kaute es, um durch den Genuß des dem Sehergotte geweihten Krautes in den Zustand des heiligen Taumels sich zu versetzen, das rechte Seherwort in hellem, gottbegeistertem Schauen zu finden.

Die Augensterne des Sehers begannen sich wie in krampfhaften Zuckungen zu drehen. Plötzlich bog der Widder sein Haupt zur Seite, das Horn in der Mitte seiner Stirn wies geradehin auf Perikles, und er ließ einen eigentümlichen Laut dabei vernehmen.

»Heil dir, Alkmäonide!« rief Lampon; »Heil dir, Sohn des Xantippos, des Perserbesiegers bei Mykale, des edlen Sprossen aus dem Geschlechte der Buzygen, der heiligen Palladiumshüter. Heil dir, Sieger von Thrakia, von Phokis, von Euboia! Vordem besaß der Widder Athen zwei Hörner: den Oligarchenführer Thukydides, und Perikles, den Führer der Partei der Volksherrschaft. Fortan aber wird der Widder Athen nur ein einzig Horn auf seiner Stirn haben: beseitigt ist für immer die Partei der Oligarchen, und Perikles allein lenkt mit Weisheit und Hochsinn die Geschicke der Athenäer!«

Anaxagoras lächelte. Perikles nahm den Freund beiseite und sagte leise zu ihm: »Der Mann ist schlau; er rechnet darauf, unter die Zeichendeuter mitaufgenommen zu werden, welche mich von Staats wegen in den nächsten Feldzug begleiten.«

»Was aber soll mit dem Widder geschehen?« fragte Telesippe.

»Dieser«, erwiderte Lampon, »muß so fett als möglich gefüttert und hernach dem Dionysos dargebracht werden. Denn für diesen Gott eignen sich die Böcke als Opfer, wegen des Schadens, den sie den Weinstöcken zufügen; eigentlich die Ziegenböcke – aber Bock ist Bock, und in Ermangelung eines Ziegenbocks ist auch ein Schafbock, wie dieser, dem Gotte nicht mißfällig.«

So lautete der Bescheid des Sehers. Er nahm drei Obolen in Empfang als Lohn für seine mantische Bemühung, neigte das Haupt, um welches die Locken wallend hingen, und ging von dannen.

»Herrin Telesippe«, sagte Anaxagoras, »wie teuer bezahlt man doch heutzutage die Weisheit! Drei Obolen gibt man für das Orakel eines Bocks, der mit einem einzigen Horne hervortritt, um uns das zu sagen, was ohne Entgelt schon die Eulen Athens in ihren Löchern krächzen!«

Telesippe warf dem Sprecher einen zornentflammten Blick zu, den dieser mit der heiteren Miene des Weisen aufnahm.

Telesippe machte auch Miene, dem grollenden Blicke eine spitze Bemerkung folgen zu lassen. Da scholl ein Klopfen von der äußeren Türe her. Der Türhüter öffnete, und herein huschte eine Frau, begleitet von einer Sklavin, welche an der Türe zurückblieb. Das Antlitz dieser Frau hatte die Röte, aber auch die Runzeln eines alten Apfels, welcher im langen Liegen eingeschrumpft. Ein leichter Anflug kurzer, dunkler Härchen überschattete die obere Lippe.

»Elpinike, die Schwester des Kimon!« sagte Perikles dem Anaxagoras ins Ohr. »Gehen wir auf die Agora; denn gegen diese beiden Frauen zusammen können wir hier im Hause nicht stand halten.«

So sprechend zog Perikles den Freund seitwärts in die Säulenhalle und trat mit ihm, nachdem er Elpinike vorbeigelassen, hastig über die Schwelle des Hauses auf die Straße hinaus.

Elpinike, die Schwester des Kimon, war ein Frauenwesen sonderlicher Art. Sie war die Tochter des gefeierten Helden Miltiades, die Schwester des nicht weniger berühmten Feldherrn Kimon, und die Freundin des trefflichsten unter den hellenischen Malern jener Tage, des Polygnotos. Sie war einmal schön und rosig gewesen, schön genug sogar, um einen feinsinnigen Bildner zu entzücken. Aber sie mußte Aphroditen gereizt haben, denn durch eine boshafte Laune der Göttin war in ihre Seele kein anderes zartes Gefühl gepflanzt, als die Liebe für ihren Bruder. In ihrer mannweiblichen Brust war kein Verlangen nach Eheglück; sie wünschte nur, ihr Leben lang in der Nähe des Bruders weilen zu dürfen. Da begab es sich aber, daß Kimon durch den Tod seines Vaters Miltiades in eine schlimme Bedrängnis geriet. Miltiades war von den undankbaren Athenern angeklagt und zu einer Geldstrafe von fünfzig Talenten verurteilt worden, und da er bald darauf starb, ohne diese Summe bezahlt zu haben, so ging die Schuld von fünfzig Talenten, den harten Bestimmungen des Gesetzes gemäß, auf seinen Sohn Kimon über. So lange Kimon diese fünfzig Talente nicht entrichtete, war er bürgerlich ehrlos. Aus Liebe zu ihrem Bruder hatte Elpinike unvermählt bleiben wollen; aus Liebe zu ihrem Bruder vermählte sie sich jetzt. Um den Preis ihrer Hand tilgte ein gewisser Kallias die Schuld des Kimon. Dieser Kallias starb nach einiger Zeit, und Elpinike suchte ungesäumt das Haus des Bruders wieder auf.

Von der Belagerung und Unterwerfung der Insel Thasos brachte Kimon den Maler Polygnotos, einen geborenen Thasier, mit nach Athen zurück. Kimon hatte des Jünglings Begabung erkannt, gewann ihn lieb und wünschte seiner Kunst ein weiteres und würdiges Feld zu eröffnen. Durch seine Vermittlung erhielt Polygnotos von den Athenern den Auftrag, den Tempel des Theseus mit Gemälden zu schmücken; auch malte er auf der Agora in der großen Halle, welche nach eben diesem Farbenschmuck die »bunte« oder die »gemalte« genannt wurde, Scenen aus der Eroberung Trojas. Beständig ein- und ausgehend im Hause seines Freundes und Gönners Kimon, entbrannte der Jüngling in Liebe für Elpinike, und als das Gericht der griechischen Helden über die Gewalttat des Ajas an der Kassandra in jener Halle fertig gemalt war, da trug unter den gefangenen troischen Frauen die schönste von Priamos' Töchtern, Laodike, die Züge der Schwester Kimons. Elpinike war nicht undankbar für diese Huldigung. Sie versagte zwar dem Künstler Herz und Hand, aber sie schenkte ihm ihre Freundschaft. Seitdem waren viele, viele Jahre verflossen, aber das Freundschaftsbündnis dieser beiden währte noch immer, nachdem Kimon gestorben und Elpinike, wie Polygnotos, alt geworden.

Ja, Elpinike war alt geworden, und zwar, ohne es zu wissen.

Nur eine ganz kurze Zeit ihres Lebens, und wider ihren Willen, vermählt, den ganzen Rest ihrer Tage hindurch der unfruchtbaren Schwärmerei einer schwesterlichen Liebe hingegeben, hatte sie, obgleich Witwe, doch in ihrem Wesen jenes Wunderliche ausgebildet, welches gattenlos gealterte Jungfrauen kennzeichnet. Altjüngferlichen Frauen aber ist eben dieses eigen, daß ihnen nicht aufwachsende Sprößlinge als Marksteine der vorrückenden Zeit, als Meilenzeiger ihrer Lebenswanderung dienen, daß also das Alter sich ihnen unvermerkt nähert. Sie fühlen sich von innen ewig jung. Diese Mischung von innerer Jugend und äußerem Alter drückt ihnen vor der Welt erst leise, allmählich aber immer stärker den Stempel des Lächerlichen auf.

So war auch Epinike alt und lächerlich geworden, ohne es zu merken. Der hohe Preis, mit welchem Kallias ihre Hand bezahlte, die Huldigung, welche ihr der Farbenkünstler darbrachte, und anderes dieser Art hatte sie eitel gemacht auf ihre Schönheit. Sie blieb noch eitel, als das, worauf sie eitel war, schon längst dahingeschwunden. Sie glaubte, sie sei noch immer wie Polygnotos sie gemalt als die schönste von Priamos' Töchtern. Denn sie war unverheiratet, sie hatte keinen Gatten, der ihr sagte: »Du bist alt!« – Der sanfte, ruhige, ehrenfeste Polvgnotos wollte und konnte ihr dies auch nicht sagen. Er war Hagestolz geblieben und brachte die etwas steife, aber wohlgemeinte Huldigung eines alten Junggesellen der einstigen Erkorenen seines Herzens unverändert dar.

Ihr Bruder Kimon war einige Zeit vor seinem Tode von den Athenern verbannt worden. Seine Anhänger bemühten sich, ihm die Erlaubnis zur Heimkehr beim Volke zu erwirken. Sie fürchteten aber den Einfluß des jungen Perikles, dessen Stern im Aufgehen war, und dem die Fernhaltung seines älteren Nebenbuhlers gewiß nur Vorteil bringen konnte.

Da faßte Elpinike, abenteuerlichen Geistes, wie sie immer gewesen, einen kühnen Plan, um auch diesmal für das Heil ihres Bruders entscheidend einzuschreiten. Sie schminkte sich und salbte sich, warf sich in ein Prunkgewand und ging zu Perikles. Sie wußte, daß der große Staatsmann nicht unempfindlich sei für weibliche Reize. Sie wollte vor ihn treten mit dem durch Kunst erhöhten Zauber einer Gestalt, die den Kallias entzückte, den Polygnotos begeisterte. Sie ging zu Perikles, um ihn zu veranlassen, daß er den olympischen Donner seiner Rede in der Volksversammlung zurückhalte, wenn der Antrag auf Zurückberufung des Kimon vorgebracht würde.

Als Perikles das wunderliche, grell geputzte, salbenduftige Weib vor sich stehen sah, mit einer Art von Siegeszuversicht im Angesicht, merkte er, daß es mit diesem Schritt auf die Empfänglichkeit seines Herzens abgesehen sei. Er wußte, daß er im Ruf einer solchen Empfänglichkeit stehe, und dies erregte seinen Aerger. Es wurmte ihn, daß ein solcher Ruf sich befestigte, trotz seines ernsten, würdevollen Wesens. Und nun kam noch die gealterte Elpinike und vermaß sich, ihn mit den kahlen Resten ihrer Schönheit fangen zu wollen!

Perikles war sanftmütig von Natur. Aber daß das grellgeputzte Weib mit dem Bartflaum über der Lippe es für eine so leichte Sache nahm, den Schönheitsfreund zu bezaubern, das machte nach Kronions verborgenem Ratschluß diesen mildgesinnten Mann für einen Augenblick zum Tyrannen.

Er sah die Fürsprecherin eine Zeitlang schweigend an, musterte ihren Putz, dann ihr Gesicht und sagte zuletzt sehr ruhig:

»Elpinike, du bist alt geworden!«

Er sprach diese Worte im sanftesten Tone. Und doch waren sie boshaft. Sie sind die einzige Bosheit, welche die Ueberlieferung von Perikles, dem Olympier, berichtet.

Ein heimlicher Schauer überlief ihn selbst, als er das verhängnisvolle Wort gesprochen. Er ahnte, daß es eines von denjenigen sei, deren Folgen Klios Griffel zu verzeichnen hat. Von dem Worte: »Epinike, du bist alt geworden!« konnte eine Schicksalswendung des Perikles, Athens, des ganzen Hellas ihren Anfang nehmen... Bürgerkrieg, Persereinfall, Blut, Jammer, Tränen, Unheil jeder Art, des Hellenenvolkes Untergang konnte aus diesem Worte hervorwachsen. Denn was vermag nicht ein Weib, zu dem man gesagt hat: Du bist alt? –

Und der Gutmütigste aller Hellenen hatte dies herbste aller Worte gesprochen!

Elpinike zuckte zusammen, warf einen grollenden Blick auf Perikles und ging.

Aber was half es dem guten Rufe des Perikles, daß er die gefallsüchtige Elpinike so wenig höflich behandelt hatte? Verdarb der Gutmütige nicht alles wieder dadurch, daß er geschaudert hatte vor dem ihm entschlüpften herben Worte, daß er es bereute, und daß er auf der Pnyx es gut zu machen suchte? Denn als das Volk versammelt war und der Antrag auf die Zurückberufung des Kimon gestellt wurde, und alles auf Perikles blickte, in der Erwartung, daß er heftig dagegen sprechen werde, er aber schwieg und ins Blaue sah, als ob ihn die Sache nichts kümmerte, so daß die Anhänger Kimons gewonnenes Spiel hatten, da lachten die Athener, und einer flüsterte dem anderen mit schlauem Blinzeln zu: »Da sehe doch einmal einer die alternde Elpinike! Aufgedonnert ist sie zu Perikles gegangen, und der Weiberfreund hat richtig angebissen – angebissen auf den ranzigen Köder!« –

Armer Perikles! –

Nach des Kimon Tode zürnte Elpinike der Welt, daß sie ohne Kimon ihren Gang so weiter gehe. Nun haßte sie den Perikles und die neue Zeit noch mehr.

Ihre Rede war immer gewürzt mit Ausdrücken, wie: »Mein Bruder Kimon pflegte zu sagen«, oder: »Mein Bruder Kimon pflegte dies oder jenes zu tun«, oder: »Mein Bruder Kimon hätte in diesem Falle so und so gehandelt.«

War schon Kimon ein Lakonerfreund gewesen, ein Mann, der seine Sympathien für Sparta so wenig verheimlichte, daß er einem seiner Söhne den Namen Lakedaimonios gab, und der in seinem ganzen Wesen mehr von einem spartanischen Haudegen an sich hatte, als von einem musisch gebildeten, feinen und beweglichen Athener, so konnte es niemand wundern, daß seine mannweibliche Schwester die Lakonerfreundschaft bis zum Zerrbild übertrieb. Sie diente der Partei, welche jedem freien und heiteren Aufschwunge des attischen Wesens abhold war, durch den Eifer, mit welchem sie das Familienleben der Gegner überwachte. Sie war gerade mit jenen Frauen am vertraulichsten befreundet, deren Männer sie haßte. So mit Telesippe, der Gattin des Perikles.

Immerhin aber erschien dies wandelnde Denkmal der guten alten Zeit, diese altjüngferliche Freundin des im stillen gleichfalls mißvergnügten Hagestolzen Polygnotos, nicht durchaus unholden und widerwärtigen Wesens. Sie war boshaft und wohlmeinend, tückisch und ehrlich, gravitätisch und beweglich, lächerlich und ehrwürdig zugleich.

So geartet also war das Frauenwesen, vor welchem Perikles und sein Freund, der weise Anaxagoras, in solcher Eile die Flucht ergriffen, als sie kam, ihre Freundin Telesippe zu besuchen.

Telesippe half den mageren Leib der Schwester des Kimon aus dem mantelartigen Himation loswickeln, mit welchem Elpinike, als eine züchtige Athenerfrau, wenn sie über die Straße ging, nicht bloß ihren Oberleib, sondern auch ihr Haupt bis auf Mund und Augen zu umhüllen pflegte. Dann rückte Telesippe einen Stuhl zurecht, legte ein Kissen darauf und hieß ihre Freundin niedersitzen. Elpinike war sehr reinlich und mit einer gewissen altväterischen Sorgfalt gekleidet. Nicht weniger sorgfältig war ihr Haar geordnet. Auch paßte der Haarputz vortrefflich zum Wesen der Trägerin. Der Haarschopf war am Hinterhaupte durch ein unten herumgeschlungenes und oben in gefälliger Form geknotetes Tuch, den sogenannten Sakkos, zusammengehalten und in die Höhe gehoben, während das Vorderhaupt durch die Stephane geziert war, jene schon erwähnte Metallplatte, die, einigermaßen einem Diademe vergleichbar, über der Stirne spitz zusammenlief. Große runde Ohrgehänge von altmodischer Form baumelten zu beiden Seiten des Angesichts der ehrwürdigen Elpinike.

»Telesippe«, rief die Besucherin, »du bist heute bleicher als gewöhnlich. Was hat dies zu bedeuten?«

»Es mag eine Nachwirkung der Angst sein«, erwiderte Telesippe; »hatten wir doch heute schon ein Wunderzeichen im Hause.«

»Was sagst du?« rief Elpinike. »Ist Oel oder Wein bei der Spende verschüttet worden? Oder haben die Balken ohne Ursache gekracht? Oder ist euch ein fremder schwarzer Hund ins Haus gelaufen?«

»Ein auf unserem Landgute geborner Widder«, versetzte Telesippe, »dem ein einziges Horn, und zwar mitten auf der Stirne, wuchs, ist diesen Morgen vom Schaffner in die Stadt hereingebracht worden.«

»Ein Widder mit einem einzigen Horne?« rief Elpinike. »Bei der Artemis! Es wundert mich nicht, wenn Zeichen und Wunder sich ereignen. Am Brilessos soll in der vorletzten Nacht ein großer Meteorstein vom Himmel gefallen sein, einige wollen auch einen Schwanzstern in Gestalt eines brennenden Balkens gesehen haben. Etliche Götterbilder sollen in letzter Zeit zu schwitzen oder zu bluten angefangen haben. Kürzlich hat sich gar ein Rabe auf das vergoldete Pallasbild zu Delphi gesetzt und hat die Früchte der ehernen Palme, auf welcher es steht, mit seinem Schnabel losgehackt. Aber was das Schönste von allem – stelle dir vor: Der Eumenidenpriesterin zu Orchomenos soll ein langer, starker Bart gewachsen sein! – Ihr habt doch einen Zeichendeuter rufen lassen?«

»Den Lampon!« erwiderte Telesippe.

»Lampon ist gut!« versetzte Elpinike mit beifälligem Nicken. »Er ist der Beste von allen. Ein Tier schlachten und aus den Eingeweiden weissagen kann jeder. Aber man muß den Lampon sehen und hören, wenn er ein Ei übers Feuer hält und aus dem Schwitzen oder Bersten desselben seine Wahrzeichen schöpft, oder wenn er mit Getreidekörnern, die er auf den Boden legt, ganze Buchstaben und Worte zusammensetzt, dann Hühner dazuläßt und darauf achtet, was sie hinwegpicken und was nicht. Auch aus der Hand und selbst aus dem klaren Wasser und aus allem, was man will, wahrzusagen versteht er wie keiner. Lampon ist tüchtig und verläßlich, was Lampon sagt, daran kannst du glauben, als hätte es die Priesterin auf dem Dreifuß zu Delphi gesagt. – Aber du erzählst ja nicht, wie er euch das Wahrzeichen gedeutet hat?« –

»Er hat das Einhorn auf die Herrschaft des Perikles über Athen gedeutet«, erwiderte Telesippe. Elpinike rümpfte die Nase. Sie sagte nichts mehr zum Preise des Lampon.

»Mein Bruder Kimon«, sagte sie, »achtete so gut wie einer auf die Götterzeichen und ließ einmal zwölf Tage hinter einander täglich einen Widder schlachten, bis die Eingeweide günstig waren. Dann erst griff er den Feind an. Aber er pflegte stets, wenn er ins Feld zog, dem Zeichendeuter, der ihm von Staats wegen mitgegeben wurde, zu sagen: »Zeichendeuter, tu', was deines Amtes ist, aber schmeichle mir nicht! Fälsche nicht den Götterwink, um mir zu gefallen!« Die heutigen Staatsmänner dagegen, die wollen es freilich anders. Die Seher wissen wohl, wer die Wahrheit hören will und wer nicht. Und mögen Leute, die sich schmeicheln lassen, auch eines flüchtigen Erfolges sich rühmen: wahrer Göttersegen ist doch nimmer bei solchen, welche die Götter nicht achten!«

»Meinst du«, erwiderte Telesippe, »daß Perikles dem Lampon sich sonderlich dankbar erwies für seine Weissagung? Er lächelte bloß. Und sein Freund, der alte, verkommene, von den Göttern verlassene Anaxagoras, erlaubte sich gar noch spöttische Bemerkungen.«

»Seit meines Bruders Kimon Tod«, rief Elpinike, »haben wir die Sophisten ins Land bekommen, die Götterverächter!« –

»Und diese Leute«, sagte Telesippe, »untergraben nicht bloß die Götterfurcht und die guten Sitten im Staate, sie stören auch das Glück und das Gedeihen des Hauses. Ich bin des reichen Hipponikos Frau gewesen, und ich hätte vor diesem gar den Archon Basileus heiraten können, den Archon Basileus, dessen Gemahlin doch eigentlich die höchste weibliche Würde im Staate bekleidet, weil sie nach altem Brauch an den heiligsten oberpriesterlichen Verrichtungen ihres Mannes Anteil nimmt. Aber ich ließ mich erst durch den reichen Hipponikos, dann durch des Perikles würdevolles und dabei sanftes, einschmeichelndes Wesen gewinnen. Und was muß ich hier nun erleben, die an Besseres gewöhnte Frau! In welches Hauswesen bin ich aus dem des Hipponikos herübergekommen! Und wie haben sich die Dinge nur immer verschlimmert! Perikles vernachlässigt sich und sein Haus, wenn ich zu ihm gehe, um über die wichtigsten häuslichen Angelegenheiten mit ihm zu beraten, so hat er keine Zeit dafür. Ich darf es kaum mehr wagen, des Morgens sein Gemach zu betreten. Er weist mir ja förmlich die Tür! »Liebe Telesippe«, sagt er, »behellige mich am Morgen nicht mit solchen Dingen, oder komm wenigstens nicht ungebadet und ungekämmt, damit du mir nicht die Ohren und die Augen zugleich beleidigst!« – Ich bin des reichen Hipponikos Frau gewesen, und er hat mir vergönnt, in Prunk zu leben; dennoch hat er zu keiner Zeit mit solchen Worten zu mir gesprochen. Hier dagegen, im Hause des Perikles, wo mich statt jenes Prunks und jener Fülle nur Knauserei und Armseligkeit umgibt, hier soll ich dem gestrengen Eheherrn immer nur gebadet und gesalbt und bekränzt entgegentreten! Wie habe ich mich dagegen gesträubt, als er auf den Einfall kam, seine Besitzungen kurzweg zu verpachten und alles Geld seinem vertrauten Sklaven Evangelos zu übergeben. Der ist nun Säckelmeister und Schaffner im Hause, und ich, die Hausfrau, bin verurteilt, das Geld aus der Hand des Sklaven zu nehmen. Weißt du, von wem Perikles diese schöne Art hauszuhalten gelernt, und wer ihm dabei mit seinem Beispiel vorangeleuchtet? Kein anderer als sein teurer Anaxagoras. Bevor dieser heimtückische Grübler und Müßiggänger von seiner Heimat Klazomenä aufbrach, um hierher nach Athen zu wandern, machten seine Verwandten ihm Vorwürfe und fragten ihn, warum er seine vom Vater ererbten Grundstücke nicht bewirtschafte. Er erwiderte: »Tut es selbst, wenn es euch Vergnügen macht!« Und zuletzt ging er von dannen und ließ all' das Seinige, wie es lag und stand, und sagte den Klazomeniern, sie sollten die Ziegen der Gemeinde auf seine Aecker und Wiesen treiben. – Von solcher Art sind die Freunde und Ratgeber des Perikles!«

Telesippes Klage wurde unterbrochen durch einen Sklaven, der sich näherte, um sich in einer häuslichen Angelegenheit Bescheid zu holen. Andere Sklaven und Sklavinnen kamen vom Markte zurück mit eingekauften Lebensmitteln für das häusliche Mahl. Telesippe prüfte den Geruch oder Geschmack des einen oder des anderen Stückes, ließ über die Frische des Meerhechts auch Elpinike ihr Urteil abgeben und erteilte dem Koche bestimmte Weisungen. Auch übergab sie einzelnen Sklavinnen Flachs, Gespinst, Linnen und anderes Gewebe für die Tagesarbeit des Spinnens, Webens und Nähens im Hause.

Dann kehrte sie zu ihrer Freundin zurück, um das abgebrochene Gespräch fortzusetzen.

»Ich habe das Schlimmste noch nicht erwähnt!« sagte sie. »Vordem war dies hier ein ärmlicher, aber doch friedlicher Hausstand. Das ist anders geworden seit der Zeit, als Perikles seinen Mündel, den Knaben Alkibiades, den verwaisten Sohn des Kleinias, aus unbedachter Gutmütigkeit ins Haus genommen, um ihn da mit seinen eigenen Sprossen gemeinsam erziehen zu lassen. Ich sage aus Gutmütigkeit: aber gutmütig erwies er sich dabei nur gegen seine Verwandten, rücksichtslos gegen mich und sein eigen Fleisch und Blut. Du weißt, wie gutgeartet meine beiden Knaben, Xanthippos und Paralos, immer gewesen, und in welcher Zucht sie von mir gehalten wurden. Den ganzen Tag über saßen sie ruhig in einem Winkel, und der Pädagog schlief bei ihnen ein, so wenig machten sie ihm zu schaffen. Perikles nannte sie nur immer »Duckmäuser« und schalt sie ob ihres Mangels an Regsamkeit. In der Tat aber waren es eben wohlerzogene Kinder, wie sie sich alle Väter nur wünschen können. Sie hatten gelernt auf den Wink zu gehorchen. Sie taten nichts, was ihnen nicht befohlen war. Sie saßen oder gingen, aßen und schliefen, wenn man es haben wollte, wenn man sagte: »Paralos, stecke nicht die Faust in den Mund!« oder: »Xanthippos, bohre nicht in der Nase!« so zog Paralos die Faust aus dem Munde und Xanthippos den Finger aus der Nase. Und machte doch einmal einer Miene ungeduldig zu werden, so brauchte man nur zu sagen: »Die Mormo kommt«, oder: »Die Empusa, oder die Akko, oder der Wolf ist da«, oder: »Das Pferd beißt«, so erbleichten sie und benahmen sich zahm wie die Lämmer. Und jetzt? Du erkennst die Knaben nicht wieder, seit jener Range Alkibiades ins Haus gekommen. Mit ihm ist Gezeter und Gepolter und jede Art von ungefügem Wesen in die Kinderstube eingezogen. Das erste war, daß er die Kinderklappern und Kreisel, welche für Xanthippos und Paralos schon als das Aeußerste des Vergnügens galten, in den Winkel warf und nach hölzernen Pferden und Wägelchen rief. Perikles gab ihm, was er verlangte, und damit polterte er lärmend im Peristyl umher, als wäre er in der Rennbahn zu Olympia. Bald aber genügten ihm die hölzernen Pferde nicht mehr, und er spannte den Paralos und den Xanthippos, ja zuletzt sogar auch den Pädagogen vor seinen ›olympischen Siegeswagen‹, wie er ihn nannte. Zur Abwechslung fing er Schwalben im Peristyl, stutzte ihnen die Flügel oder ließ sie an langen Schnüren flattern.

Anfangs sahen die beiden Knaben dem Treiben ihres neuen Gefährten mit einer Art von ängstlichem Erstaunen zu. Allmählich gewöhnten sie sich an die Sache, traten zu ihm heran, wenn er einen bösen Streich machte, und sahen ihm mit Ernst und Eifer zu. Später halfen sie ihm dabei, und endlich begannen sie gar, was der Wildfang tat, gleich Aeffchen täppischerweise nachzuahmen. Aber die eingeborne bessere Art zeigte sich in ihnen doch, indem sie gar niemals von selbst auf einen schlimmen Einfall kamen. Sie taten nur alles getreulich, was ihnen Alkibiades befahl. Wenn ich nun von der Mormo, der Empusa, der Akko, dem Wolfe oder dem beißenden Pferde zu sprechen anhub, so lachte Alkibiades. Als Xanthippos und Paralos sahen, daß Alkibiades lachte, und daß Mormo und Empusa und Wolf und Pferd sich dies gefallen ließen, so lachten sie ebenfalls. So verlor ich die Macht über die Knaben. Sie gehorchen mir nicht mehr. Der Pädagog ist ein alter Mann, ein im Dienst des Hauses ergrauter Sklave, der von einem Oelbaum fiel und ein Bein brach, und den deshalb Perikles, wieder aus Gutmütigkeit, damit er nichts Anstrengendes mehr zu arbeiten brauche, zum Knabenaufseher gemacht hat. Nun ist der Feuerbrand auf dem Herde vor den Wichten nicht sicher; sie verwüsten und zerbrechen, was verwüstet und zerbrochen werden kann, sie klettern hinan, wo hinanzuklettern, sie fallen herab, wo herabzufallen nur immer möglich ist. Die Sklavinnen im Hause werden geneckt und gekneipt, die Sklaven verspottet und geschlagen. Denke ich nun einmal ernstlich einzuschreiten und gehe mit der Sandale in der Hand auf die Knaben drohend los, so verkriechen sich Xanthippos und Paralos blitzschnell unter Tische und Lagerstätten, und Alkibiades schwingt sich wie ein Eichhörnchen an den Säulen des Peristyls bis zum Gesims empor. Und Perikles? Klage ich ihm die Not, so lächelt er und nimmt den Rädelsführer Alkibiades in Schutz gegen die »Duckmäuser«...

In diesem Augenblicke wurde Telesippe durch den kleinen Paralos unterbrochen, der weinend gelaufen kam.

Die beiden anderen Knaben folgten ihm auf dem Fuße.

»Wir spielten den rasenden Ajas«, sagte Alkibiades, »den rasenden Ajas, welcher die vielen Rinder erschlug, als er wahnsinnig wurde, weil er sie für Achäer hielt, und welcher der Ahnherr unseres Hauses ist, wie mir mein Vater Kleinias sagte. Ich machte den Ajas, Paralos und Xanthippos stellten die Rinder vor. Ich habe sie aber nur mäßig geschlagen.«

»Unmenschlicher Junge!« rief Telesippe zornig, winkte den Paralos und den Xanthippos zu sich und liebkoste sie, um sie zu trösten.

Indessen blickte Elpinike unverwandt auf den kleinen Alkibiades.

»Ein reizender Knabe ist es doch!« sagte sie. »Diese schwarzfunkelnden Augen – diese blendend weiße Stirn – diese prächtigen, wallenden Locken« –

»Ein unzähmbarer Range ist's!« rief Telesippe, gereizt durch die Worte der Bewunderung, die ihr die Freundin an den Knaben zu verschwenden schien. Dann rief sie den Pädagogen. Hinkend kam der Alte heran. »Warum hast du geduldet, daß Alkibiades die beiden Knaben mißhandelte?« rief Telesippe.

»Dieser war ja selbst bei dem Spiele beschäftigt«, fiel der Knabe Alkibiades ein; »er stand schon bereit als trojanisches Pferd, mit welchem ich nachher in Ilion einziehen wollte.«

Erstaunt blickte Telesippe auf den Pädagogen.

»Herrin Telesippe«, erwiderte dieser, »es ist das erste Mal nicht, daß ich mich gezwungen fand, der Laune des tollen Bürschchens meinen Rücken zu leihen. – Gestern hat er mich in die Hand gebissen, wie ein junger Hund.« –

»Pfui! Sag', wie ein junger Löwe!« rief unwillig Alkibiades.

»O Zeus und Apollon!« rief Elpinike mit lebhafter Gebärde. Dann aber, den Knaben zu sich heranziehend, fuhr sie schmeichelnd fort: »Du bist ein mutiger Knabe, und hättest du unter dem großen Kimon, meinem Bruder, gelebt, du hättest gewiß die Perser schlagen geholfen. Zu jener Zeit aber, mein Kind, da waren die Knaben anders geartet als heutigestags. Sie waren nicht zungengewandt und naseweise und vorlaut. Und sie verschmähten die Salben und die warmen Bäder. Bei Tische saßen sie fein artig, ohne die Schenkel zu kreuzen und ohne sich auch nur ein Stengelchen Gemüse mit eigenen Händen herauszulangen. In der Ringschule streckten sie, wenn sie im Sande saßen, die Beine so aus, daß die Schamhaftigkeit nicht zu Schaden kam, und standen sie auf, so verwischten sie gleich die Spur ihrer jugendlichen Leibesformen im Sande. Des Morgens sah man sie in luftigem Gewand, auch wenn es stürmte und stöberte, zum Musikmeister wandern, und sie lernten da alte, kernige Sachen, wie »Pallas, du Stadtbewältigerin«, oder »Geschoren, gute Widder« von Simonides, nicht so weichliche Liederchen der heutigen Mode mit Ausweichungen und Schnörkeln, für welche man solch' einem beifallslustigen Rangen die Rute geben sollte. Bedenke, Söhnlein des Kleinias, bald wirst auch du mit deinen Gespielen in die Häuser der Lehrer geschickt werden, du wirst Grammatik lernen und Gymnastik und die Laute spielen und die Flöte blasen« –

»Nein!« rief der kleine Alkibiades; »die Flöte blasen mag ich nicht – das macht häßlich – es bläht die Backen auf – so« – dabei blähte er seine Backen, so weit er konnte. »O, wie eitel!« rief Elpinike und wollte den Knaben küssen.

Aber altjüngferliche Frauen haben bei Kindern wenig Glück. Der Knabe Alkibiades entlud, um sich dem Kusse der Schwester des Kimon zu entziehen, ihr ins Antlitz mit knabenhaftem Uebermut die Luft seiner geblähten Backen und sprang mit spöttischem Lachen davon.

Elpinike war empört. Sie schoß von ihrem Sitz empor, um sich augenblicks zu entfernen. Sie nahm ihr Himation wieder auf, warf den einen Zipfel der Breitseite des langen Tuches zuerst über die linke Schulter nach vorn und hielt ihn mit dem linken Arm am Körper fest. Dann zog sie das Gewebe über den Rücken nach der rechten Seite dergestalt, daß es diese Seite des Körpers nicht bloß, sondern auch das Haupt, mit Ausnahme des Gesichts, verhüllte. Zuletzt schob sie es unter dem Kinne wieder über die linke Schulter zurück, so daß der Zipfel desselben über den Rücken herabhing.

»Du siehst«, sagte Telesippe, die Freundin an der Hand noch zurückhaltend, »du siehst, welches Geschick ich trage. So leb' ich hin, die böse Kinderplage auf dem Halse, an der Seite des sorglosen Gatten, freudlos, geplagt, mißachtet, ich, die der Archon Basileus zur Gattin haben wollte – zur Mitteilnehmerin an den heiligsten Verrichtungen des athenäischen Götterdienstes!«

»Mein Bruder Kimon pflegte zu sagen«, gab Elpinike zurück, ›»Neue Zeiten, böse Zeiten!‹ – Die Welt geht ihren Gang, und vorwärts schiebt sie der Männer ehrgeiziges Trachten. Aber auch wir Frauen sind da. Gib acht, Telesippe, und laß dir, was ich sage, für heute genug sein: wenn wir zusammenhalten, wir Frauen, und an die Räder uns hängen, so wird man sie nicht so bald völlig hinauswälzen, die Welt, aus den alten Geleisen!« –

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