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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
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XXIV. Der Satyr und die Bacchantin.

In jener ereignisreichen Nacht, in welcher Simaitha gekrönt wurde als Königin der Freude beim fröhlichen Gelage im Hause des Perikles, und der Fackelschein schwärmender Bacchanten aufglänzte in allen Straßen von Athen, in eben jener Nacht saß oben auf der einsamen, stillen Akropolis, auf dem umdunkelten Giebel des Parthenon, ein Unglücksvogel, eine düsterblickende Eule und ließ wiederholt ihren nächtlichen, schauerlichen, unheilverkündenden Klageruf ertönen.

Aus den Gassen der Stadt herauf klang gedämpft der Freudenlärm, und in diesen mischte sich seltsam der nächtliche Ruf der Eule vom Giebel des Parthenon.

Weit hinaus klang er in die dunkle Ferne von den Zinnen der Akropolis wie eine Todesbotschaft.

Und er war in der Tat eine solche.

Denn eben in diesem Augenblicke, als der junge Alkibiades und seine Genossen auf dem Gipfel fröhlichen Uebermutes ihre Becher erhoben bei dem Gelage im Hause des Perikles und der reizstrahlenden Königin der Freude zutranken – in demselben Augenblicke starb Pheidias im Kerker; – in demselben Augenblicke hauchte der unsterbliche Meister des Parthenon, seit geraumer Zeit von verzehrender Krankheit ergriffen, einsam seine große Seele aus.

In jener Stunde aber, in welcher die erhabenste Griechenseele, des ruhmreichsten athenischen Schaffens Mittelpunkt, in dunkler Kerkernacht erlosch, und Aspasia dem Perikles die Worte zurief: »Du bist kein Grieche mehr!« – in jener Stunde war es, als ginge ein Riß nicht bloß durch des Perikles und der Aspasia Freudenbund, sondern durchs Herz der Hellenenwelt – als verdunkele sich ihr Stern; und neben dem siegreichen Ruf der Eule auf dem Parthenon klang es wie ein schadenfrohes Gekicher böser Dämonen aus den Lüften über der Höhe der Akropolis.

Der Erechtheuspriester erwachte bei jenem Eulenrufe auf seinem nächtlichen Lager. Es war ihm, als laute der Eulenruf: »Wohlauf, deine Zeit ist gekommen!«

Und die Dämonen flüsterten einander zu: »Nun endlich ist uns die Gewalt gegeben, hervorzubrechen! – Wohlauf, lassen wir uns nieder auf Athen, nieder auf Hellas! –

An der Spitze dieses Reigens von Unglücksdämonen flogen die Zwietracht und die Pest.

Diese letztere breitete ihre schwarzen Fittiche aus und flog allen übrigen voran, hin über die nachtumdunkelte, aber vom bacchischen Lärm durchhallte Stadt der Athener.

Sie spähte nach der Stelle, wo die Festlust am hellsten aufschäumte – sie fand diese Stelle und stürzte wie ein Geier sich hinab auf die reizstrahlende junge Königin der Freude im Hause des Perikles ...

Das am schönsten aufblühende, jugendliche Hellenenweib, welchem, wie Alkibiades meinte, die Zukunft gehörte, war die erste Beute des Dämons.

Zeiten gibt es, wo mit innerem Verderb, mit den Umwälzungen der sittlichen Natur, mit Verwirrung und Entartung sich das Eintreten großer physischer Uebel vereinigt, wo die Harmonie und Ordnung der geistigen Welt und der leiblichen zugleich gestört erscheint.

Eine solche Zeit brach jetzt herein für Athen, brach herein für ganz Hellas.

Dem innerlich schleichenden Verderb des Bürgertums, wie es langsam und allmählich vorbereitet war durch wachsende Ueppigkeit und Genußsucht, durch das Überhandnehmen wüster Demagogie, zumeist aber durch den natürlichen Verlauf der menschlichen Dinge, welcher mit Notwendigkeit von der Blüte zum Verfall und zur Entartung führt – diesem inneren Verderb gesellte sich der Ausbruch blutiger Fehde unter den Stämmen von Hellas, aus welcher zuletzt niemand als Sieger hervorging, sondern das Wohl und die Freiheit aller gemeinsam unterging, gesellten sich die Greuel der Pest, der menschenvertilgenden Seuche.

Die hellenische »Kalokagathia« sollte erschüttert werden – nicht mehr sollte es »eine gesunde Seele in gesundem Leibe« sein, wessen das hellenische Leben sich rühmen durfte.

Rasch hatte die Kunde des ersten Pestfalles im Hause des Perikles die ganze Stadt der Athener durchlaufen, und Platz machte sofort die ausgelassene bacchische Lust der bleichen Angst, der lähmenden Sorge.

Andere tödliche Pfeile des Würgengels folgten, und in wenigen Tagen wütete schon die Seuche, alle ihre Schrecken entfaltend.

Wie es bei Simaitha geschehen, pflegte die Krankheit mit großer Erhitzung des Hauptes auszubrechen, zugleich mit entzündlicher Schwellung im Schlunde. Blutiger Eiter wurde ausgesondert aus dem Rachen, aus der Mundhöhle, sogar aus der Zunge. Dann wurde die Brust ergriffen, und ein heftiger Husten stieß wenigen und dünnen Speichel mühsam aus. Gewaltiges Ohrensausen trat hinzu, Krämpfe der Hand, Zittern des ganzen Leibes, Angstgefühl und Unruhe, bis zur Tollheit sich steigernd, verzehrender Durst, innere Hitze, so stark, daß sie manche in die Cisternen trieb. Zuweilen auch in die Eingeweide hinabsteigend, verursachte die Krankheit heftiges Erbrechen. Gerötet war die Haut, zuweilen dunkelblau, Geschwüre und Blasen traten darauf hervor. Doch fehlten, wie es scheint, bei dieser wie bei den übrigen Pestseuchen, von welchen aus dem Altertume berichtet wird, jene Beulen, welche bekannt sind als das vornehmste Kennzeichen der morgenländischen Pest, der in späteren Zeiten gefürchteten Geißel der Völker.

Bis gegen den achten Tag zog die Krankheit meist sich hin; dann erfolgte der Tod bei hohlen Augen, spitzer Nase, kalt und rauh anzufühlendem Körper. Nicht leichten Kaufes kamen selbst die Genesenden davon. Denn bis in die äußersten Gliedmaßen verbreitete sich manches Mal das Verderben: Füße, Hände und andere Glieder starben ab, gelähmt oder ergriffen von brandiger Zerstörung. Auch das Augenlicht ging nicht selten verloren. Das Gedächtnis litt und die Verstandeskraft, blödsinnig blieben manche Genesene, und es gab welche, die, wieder erstehend vom Krankenlager, sich selbst auf ihre Namen nicht mehr besannen.

Wirkungslos blieben alle Heilmittel. Auf des Hippokrates Rat wurden große Feuer angezündet, da man bemerkt haben wollte, daß Schmiede, beständig in der Nähe des Feuers arbeitend, seltener erkrankten.

Aber die Gewalt des Uebels nahm nur immer zu. Da die Wissenschaft sich ohnmächtig erwies, suchte man Hilfe bei dem Aberglauben. Niemals wurden die unzähligen Gebräuche der Sühnungen, Reinigungen, Beschwörungen, welche den Hellenen zu Gebote standen, eifriger geübt.

In den ersten Wochen war die Stadt durchhallt von Totenklagen, erfüllt von Leichenzügen, welche die von der Seuche Dahingerafften zur Bestattung in Gräbern oder zu den Scheiterhaufen hinausgeleiteten.

Als aber das Sterben überhand nahm, und die Ansteckung, welche von Kranken oder Leichnamen ausging, Angst und Entsetzen verbreitete, auch viele verlassen und einsam in verödeten Häusern oder selbst in den Straßen dahinstarben, so wurden die geheiligten Gebräuche vernachlässigt. Nicht mehr wurde dem Toten sein Obolus für den unterweltlichen Fährmann in den Mund gesteckt, nicht mehr wurde ihm der Kuchen zur Beschwichtigung des Höllenhundes in die Hand gedrückt, nicht mehr wurde er sorgfältig gebadet und mit wohlriechender Salbe eingerieben, nicht mehr schön bekleidet und bekränzt mit Eppich auf einem Lager im Peristyl des Hauses ausgestellt, nicht mehr gingen laut Weheklagende dem Leichenzug voran, nicht mehr wurde er geehrt durch ein langes Geleit von Trauernden, durch Totenmahle und Totenopfer, durch die sonst von Ueberlebenden getragenen dunkeln Trauergewande: eilig und klanglos und fast ohne Geleite trug man sie hinaus, die zahllosen Leichname, und verscharrte sie in die Gruben oder legte sie auf die Scheiterhaufen. Zuletzt aber geschah es, daß selbst diese Pflicht und Ehre der Toten, welche dem Hellenen immer als die heiligste von allen gegolten, versäumt wurde. In ausgestorbenen Behausungen blieben die letzten Leichen verwesend liegen. Man fand auch Tote in leeren Tempeln, wohin sie vielleicht sich geschleppt, um die Hilfe der Götter anzurufen; man fand auch viele bei den Brunnen, zu welchen sie, von innerer Glut verzehrt, sich gewälzt, um die vertrockneten Lippen zu laben; und damit auch das äußerste des Grausens sich erfülle, fand man Leichen sogar in dem Gewässer der Cisternen selbst, in welches die Tobenden und von innerem Brande Gehetzten sich gestürzt. Bald wurde das erquickende Naß aus den Brunnen nur mehr mit Argwohn und Schauder betrachtet – konnte es doch verunreinigt sein vom Greuel der Verwesung...

Leichname häuften sich in den Straßen von solchen, welche sich entweder selbst dorthin geschleppt, oder welche entseelt aus den Häusern herausgetragen und in verstohlener Hast hingeworfen, oder gar von den Dächern der Häuser, um sich ihrer nur rasch in verzweifelter Angst zu entledigen, hinabgeschleudert wurden.

Und wenn man dann diese Leichen zusammenraffte, dann verwirrte die Scheu des Hellenen vor der Berührung toter Leiber im Vereine mit der Angst vor der Ansteckung die Gemüter, und in blinder Hast wurden Sterbende unter die Toten, Besinnungslose unter verwesende geworfen.

Und wo von Angehörigen ein Scheiterhaufen zur Verbrennung eines Verstorbenen errichtet war, da drängten andere mit anderen Toten sich herbei und wollten auch diese in dieselben Flammen werfen, bis der Brand erstickt wurde durch die Zahl der Leichen, und ein wilder Kampf sich entspann um die brennenden Scheiter.

Zu bemerken glaubte man, daß nicht einmal Raubvögel und wilde Tiere, welche Aeser suchen, die unbestatteten Pestleichen berührten. Taten sie es aber, so fielen sie selbst der Krankheit rasch zum Opfer und verendeten. Dies geschah auch häufig den Hunden.

Die Furcht vor Ansteckung entfremdete die Menschen einander. Die Agora verödete, die Ringschulen standen leer, das Volk wagte nicht mehr, sich auf der Pnyx zu versammeln. Die Pforten der Häuser waren entweder fest verschlossen, weil man alle Annäherung abwehrte, oder sie standen völlig offen, weil das Innere verödet war und ausgestorben. Selbst die Bande des Blutes löste der Schauder. Auch der Willkür der Sklaven sahen viele sich preisgegeben, indem dieselben jetzt für frühere Unterdrückung sich rächten durch Ungehorsam, Trotz, verweigerte Hilfe, Diebstahl, freche Plünderung.

Erbitterung wechselte in den Gemütern mit stumpfsinniger Ergebung. Nicht wenige aber trieb das Verlangen, sich zu betäuben, zu wilder Ausgelassenheit und dem Genuß ungezügelter Lüste. Man suchte Mut oder Vergessenheit in der Berauschung. Als ein unerschrockener und als lachender Verächter der Gefahr trat der tolle Menon hervor. Dieser war überall zu finden, wo das äußerste Grausen der Seuche heimisch war. Am liebsten schien er unter Leichen zu weilen. Man sah ihn manches Mal auf einem Hügel von toten Leibern sitzen, sich gleichsam freuend des Unheils und das feige Volk verspottend, das vor den Leichen und vor ihm selbst, dem Verpesteten, entfloh. Und da man merkte, daß eben er, welcher die Gefahr in trunkenem Uebermut herausforderte, verschont blieb, so mehrte sich die Zahl derjenigen, welche ein Gleiches taten. Bald waren die Gassen und Plätze betrunkenen Strolchen überlassen, welche gleichsam der Königin Pest zutranken und lachend ihren Schrecknissen trotzten. Eben diese waren es dann auch, welche für Gold sich herbeiließen, die Toten aus den Häusern wegzutragen oder in den Straßen aufzulesen und sie der Bestattung oder Verbrennung zuzuführen. Sie übten ihr Handwerk mit der rohen Vermessenheit von Menschen, welche ihr Leben nicht umsonst aufs Spiel setzen wollen. Sie forderten und nahmen, was ihnen gefiel, plünderten und verübten in den Behausungen, in welche ihr Beruf sie führte, jede Art von Gewaltsamkeit. Scheu vor dem Gesetze gab es nicht, denn die Tätigkeit der Gerichte war längst ins Stocken geraten, und der Verbrecher dachte, daß die Seuche entweder diejenigen, die ihn anklagen könnten, dahinraffen, oder ihn selbst der Notwendigkeit, sich zu verantworten, überheben werde.

Aber nicht bloß Männer der ärmeren und der untersten Klassen überließen sich roher Ausschweifung, auch Begüterte taten so, vornehmlich war es die Jugend, welche in solcher Art sich gegen den Eindruck des sie umgebenden Grausens zu waffnen suchte. Viele sahen sich plötzlich reich geworden, indem das Erbe ihrer Eltern, ihrer Geschwister, ihrer Verwandten ihnen auf einmal zufiel. Da sie aber fürchten mußten, bald ein gleiches Schicksal zu erleiden wie diejenigen, welche sie beerbt hatten, so suchten sie der ihnen zu teil gewordenen Glücksgüter so viel als möglich froh zu werden und vergeudeten dieselben in betäubenden, wilden Genüssen. Beim Anblicke dieser schnell Bereicherten schlug in anderen die Erwartung Wurzel, eines gleichen Loses froh zu werden; aus der Erwartung aber keimte Hoffnung und frevelhafter Wunsch.

So lösten auch in diesem Betracht sich mehr und mehr die sittlichen Bande, und es freuten die Ueberlebenden sich der Vorteile, welche aus dem Unmaße des allgemeinen Sterbens für sie erwuchsen.

Wenn aber die Seuche mit ihren Wirkungen den Genußtrieb in vielen krankhaft zu steigern schien, so machte auch hier wie überall die Regel sich geltend, daß die Gegensätze neben einander walten, oder daß einer in den anderen umschlägt. Mit dem zügellosen Treiben und mit der Auflösung aller Bande breitete mehr und mehr auch düsterer Aberglaube seine Herrschaft aus. Bald suchten diejenigen, welche noch eben zu wilder Trunkenheit und Ausgelassenheit sich geflüchtet, ein neues Schutzmittel und einen neuen Trost in übertriebener Frömmigkeit, in abergläubischer Verehrung der Götter.

Männer traten hervor wie Diopeithes, welche das über Athen verhängte Mißgeschick als eine Strafe darstellten für die vorher verübte Götterverachtung, und der Grimm des Volkes wendete sich gegen diejenigen, welche ihm von Diopeithes und seinesgleichen als die hauptsächlichsten Urheber des Götterzornes bezeichnet wurden.

Nun gedachte man auch jenes mystischen Sabazioskultes wieder, und von jenem Metragyrten wurde gesprochen, welcher in den Erdschlund des Barathron gestürzt worden war durch die übermutigen, trunkenen Ithyphaller. Und viele gab es jetzt, welche der Meinung waren, man habe vielleicht mit Unrecht jenen Heiland Sabazios verschmäht, jenen Erlöser von allen Uebeln, und in der Freveltat, welche an dem schuldlosen Metragyrten begangen worden, sei der eigentliche Anlaß des Götterzornes und insbesondere die Rache des beleidigten Sabazios zu erblicken. Ihn zu versöhnen, meinten sie, sei nun ihre erste Pflicht und das einzige Heilmittel der menschenvertilgenden Seuche. Eine gewisse, zu Athen lebende Fremde, Ninos geheißen, ein Weib, welches auf allerlei Zauber und geheimnisvolle Dinge sich verstand, warf zu einer Priesterin und Verkünderin des Sabazios sich auf. In die Weihen dieses Gottes sich aufnehmen zu lassen, galt bald als Heiligung und Errettung. Mit wunderlichen Gebräuchen wurde der Aberglaube vollzogen: ein Rehfell wurde den Einzuweihenden umgehangen, ein Weihetrank wurde ihnen zu trinken gereicht, sie wurden mit Lehm und Kleien eingerieben, und eine Schlange wurde durch ihren Busen gezogen. Sie saßen dabei auf der Erde, und mit dem Ausrufe: »Dem Uebel entrann ich, das Bess're gewann ich« erhoben sie sich nach vollbrachter Weihe. Eine nächtliche Feier vereinigte düstere Bräuche mit Orgien der Sinne. So fand das, wozu die Not der furchtbaren Landesplage verirrte Gemüter trieb, Ausschweifung und Aberglaube, in dem Sabaziosdienste sich vereinigt. Man sah nun häufige Umzüge zu Ehren der Kybele und des Sabazios. Viele gab es, welche es den Metragyrten gleich taten, die Sikinnis tanzten und dabei sich geißelten und verwundeten. Aber auch die Pest zu heilen rühmten sich die Anhänger des phrygischen Gottes. Sie setzten den Erkrankten auf einen Stuhl und umtanzten ihn mit wildem Getöse. Sich in diesen Reigen zu mischen, galt als ein Schutzmittel gegen die Krankheit für die Gesunden.

So weit war es gekommen mit dem Volke der Athener.

Was Aspasia gefürchtet hatte und verhindern zu können glaubte, geschah: Fremdes und Düsteres drang ein in die heitere und schöne Griechenwelt, um, wenn auch nicht sofort zu völligem Siege zu gelangen, doch dasjenige vorzubereiten und anzudeuten, worin das Hellenentum wie ein heller Stern in trübem Gewölk erlöschen sollte.

Während zu Athen die furchtbare Seuche dumpfe Verzweiflung und geisttrübenden Wahn ausbrütete und einem fremden Aberglauben die Bahn brach, der nicht mehr harmlos war wie der heimische und eingeborne, sondern die Wurzel gesunden Lebens benagte, umlauerten Schrecken anderer Art das attische Land.

Der Krieg war neuerdings entbrannt. Neuerdings überfiel peloponnesisches Volk die ländlichen Gaue Attikas und drängte die Bevölkerung derselben in die Stadt, neuerdings war eine starke Flotte, diesmal geführt von Perikles selbst, ausgelaufen, und wieder zwangen die Erfolge, welche dieselbe an den Küsten des Peloponnesos erkämpfte, den Sparterkönig zu eiliger Heimkehr. Aber Potidaia widerstand noch immer, Korinth mußte belagert werden, und bald hier, bald dort loderte in Kolonien und verbündeten Städten die Flamme des Aufruhrs neu empor.

Um Aspasia und seine beiden Söhne, Paralos und Xanthippos dem Bereiche der größten Gefahr zu entrücken, hatte Perikles ihnen für die Zeit seiner Abwesenheit das ländliche Gut zum Aufenthalte angewiesen. Dorthin begab sich Aspasia mit ihrer ganzen Hausgenossenschaft. Aber das Unheil folgte ihr, und aus der Pflanzschule der geistbeseelten Anmut wurden nach Simaitha auch Drosis und Prasina hinweggerafft. Sie waren aus der Gefangenschaft zu Megara durch den siegreichen Perikles nur befreit worden, um zu Athen in ihrer Jugendblüte dem Würgengel der Pest Zu verfallen.

Wer es vermochte, der entfloh gleich Aspasia aus der verpesteten Stadt in die ländlichen Gaue oder auf nahe gelegene Inseln, wo die Gefahr geringer schien.

Zerrissen war der Freundeskreis Aspasias. Euripides hatte nicht erst jetzt Athen verlassen. Zum Menschenfeinde geworden, lebte er auf Salamis in stiller Verborgenheit und brachte am liebsten seine Zeit in jener Ufergrotte hin, in welcher er unter wildem Schlachtgewitter das Licht der Welt zuerst erblickt hatte. Hier saß er einsam und hing seinen Betrachtungen nach, die Augen auf das Meer gerichtet und nichts von Athen zu hören verlangend, als was ihm etwa die Wellen zuflüsterten, die von dort herüberkommend zu seinen Füßen verschäumten.

Sophokles lebte nach wie vor in seiner ländlichen Zurückgezogenheit am Kephissosufer, und das Haupt des Götterlieblings blieb dort unberührt von der Geißel, welche das Schicksal über den Athenern schwang. Heitere Weisheit war ihm treu geblieben und hatte ihn gelehrt, dem Lose des Perikles zu entgehen, nichts seinem Herzen allzu teuer werden zu lassen, und dem Ernste des Gebens nicht allzu große Gewalt über sein Gemüt zu verstatten.

Auch das Haupt des Sokrates verschonte die Geißel, obgleich er die Brutstätte der wütenden Seuche nicht verließ, furchtlos die Gassen Athens durchwanderte, auch die Nähe der Menschen nicht vermied und überall, wo er konnte, hilfreich sich erwies.

Der junge Alkibiades hatte inzwischen des Hipponikos Tochter, die rosige Hipparete, als Gattin in sein Haus geführt.

Auch er trotzte mit dem alten Uebermut den Schrecken der Seuche, obgleich er sah, daß der Götterzorn die Ithyphaller nicht schonte, und die Pest einen seiner liebsten Genossen, den jungen Demos, den Sohn des Pyrilampes, von seiner Seite dahinraffte. Als Perikles mit den Schiffen auszog, war Alkibiades in seinem Geleite. So konnten die Sabaziosdiener ihr Wesen treiben, ohne die wilden Ithyphaller und den Erdschlund des Barathron fürchten zu müssen.

Die Seuche ließ ein wenig nach, eben nur soviel, daß der einzelne auch des Gemeinwesens wieder gedenken und die Stadt der Athener von dem, was sie unmittelbar bedrängte, den Blick wieder auf das zu richten vermochte, was im weiteren Kreise sie umdrohte. Die sich erneuernde Kriegsnot fand verzagte Gemüter; die waffenfähige Mannschaft war verringert durch die Pest, auch auf der Flotte und vor Potidaia herrschte die Seuche. Erfolgreich kämpfte Perikles mit seiner Flotte auch jetzt an der peloponnesischen Küste. Aber was half es, da allmählich ganz Hellas, in Parteien gespalten, in die Wirrsal mit hineingezogen wurde, an diesem Punkte der Kampf erlosch, an jenem wieder entbrannte, überall nicht bloß die beiden Gegner, sondern auch die Verbündeten derselben aneinander gerieten, die Bundesgenossenschaften selbst aber beständig schwankten und wechselten. Nicht mehr war die Führung einem einzelnen möglich; was hier errungen wurde, ging an einem anderen, entfernteren Punkte wieder verloren, nirgends stellte der Feind sich zu letzter Entscheidung, in unzählige Einzelkämpfe zersplitterte sich der große Hellenenkrieg.

Auf die Kunde, daß das zage Volk zu Athen in Unterhandlungen mit Sparta sich einließ, beschleunigte Perikles seine Heimkehr. Die Athener neu zu ermutigen, schmachvolles Verzagen zu hindern dachte er; aber diese, mürbe gemacht durch die schwere Heimsuchung des Schicksals, kamen günstiger als je den geheimen Plänen der Demagogen und des Diopeithes entgegen.

Der Erechtheuspriester war von der Pest befallen worden und wieder genesen. Seit jener Zeit war sein wilder, fanatischer Eifer noch gewachsen. Einen Götterwink erblickte er in seiner Errettung aus der tödlichen Gefahr.

Eines Tages ereignete es sich, daß auf der Agora ein Häuflein von Bürgern um einen Mann versammelt stand und seinen Reden lauschte. Denn allmählich wagten die Athener es wieder, sich einander zu nähern, während noch kurz vorher einer den andern wie die Pest selber geflohen hatte.

Der Mann, der inmitten des Häufleins von Zuhörern stand, war einer von den mutig und frei Gesinnten, welchen nun doch zuweilen wieder die Zunge gelöst schien. Er vermaß sich nicht bloß, unverhohlen gegen die Demagogen zu eifern und aufs lebhafteste für den Perikles einzutreten, sondern auch den Aberglauben zu verurteilen, welchem das athenische Volk zur Beute geworden. Da nun unter den Zuhörern viele Anhänger des Diopeithes und des Kleon waren, so entspann sich ein heftiges Gezänk, und jener Freigesinnte wurde zuletzt von den auf ihn eindringenden Gegnern ergriffen und mißhandelt.

In diesem Augenblick kam der Erechtheuspriester des Weges, begleitet von einer Anzahl seiner Anhänger und Freunde.

Als er vernahm, daß jener den Perikles verteidigt und das Vertrauen der Athener auf die Götter kleinmütigen Aberglauben gescholten, nahmen die Züge des Priesters den Ausdruck einer unheilvollen, düsteren Erregung an.

Er drehte eine Zeitlang seine Augen starr aufwärts, wie unmittelbar im Geiste mit dem Himmlischen verkehrend, und dann begann er, zum Volke gewendet:

»Wisset, ihr Athener«, sagte er, »daß in dieser Nacht die Götter mir einen Traum gesendet und jetzt zur rechten Zeit mich an diese Stelle geführt haben. Schuld auf Schuld ist gehäuft worden in einer langen Reihe von Jahren zu Athen: Sophisten und Götterleugner haben euch betört, Hetären haben euch beherrscht, Tempel und Götterbilder sind errichtet worden, nicht zur Ehre der Götter, sondern zu leerem Prunk und zum Verderb der schlichten Denkart und der frommen Weise der Väter. Zur Strafe für Entartung, Götterleugnung, Ueppigkeit leidet ihr nun, was ihr leidet. Nicht zum erstenmal entladet sich Götterzorn über die Hellenen. Und ihr wißt, in welcher weise Götterzorn in Urväter-Zeiten beschwichtigt zu werden pflegte. Ihr wißt, daß die Götter zuweilen nur durch das höchste aller Sühnopfer, durch ein Menschenopfer versöhnt werden konnten. Ergreift diesen Götterleugner: sein Leben ist durch die frevelhafte Leugnung der Götter nach dem Gesetze ohnedies verwirkt. Er ist ein Verbrecher, unrettbar dem Tode verfallen. Aber statt durch die Hand des Scharfrichters seine Strafe zu erleiden, soll er in der Weise des uralten, halbvergessenen Brauchs den Göttern dargebracht werden als Sühnopfer, soll mit Sang und Klang durch die Straßen geleitet, verbrannt und, zu Asche verwandelt, in die Winde gestreut werden!«

Während der Priester sprach, hatte immer mehr des Volks sich versammelt. Darunter war auch Pamphilos. Als dieser hörte, daß man jenem Freunde und Verteidiger des Perikles ans Leben gehen wolle, zeigte er sogleich sich einverstanden.

»Drüben am Ufer des Ilissos«, sagte er, »brennen Tag und Nacht die Scheiterhaufen, auf welchen die von der Seuche Dahingerafften verbrannt werden. Auf einem jener lustig flackernden Holzstöße wird auch Platz sein für diesen! ...«

Damit faßte er selbst, der erste, jenen Schuldigen, und eine Zahl der wildesten unter seinen Gesellen schickte mit ihm sich an, den Unglücklichen hinwegzuschleppen.

Jetzt kam Perikles auf die Agora, im Begriffe, sich in das Buleuterion zu begeben. Er sah den Tumult und erforschte die Ursache desselben.

Laut hallte es aus der wilderregten Menge zurück, daß die Götter ein Sühnopfer verlangen, und daß man eben sich anschicke, denselben ein solches in der Person des Frevlers und Götterleugners Megillos darzubringen.

Perikles drängte sich mit abwehrender Gebärde dazwischen. Ihm aber trat Diopeithes entgegen.

Und nun standen die beiden Männer, auf welchen die Führerschaft des großen Kampfes beruhte, der seit Jahren zu Athen gekämpft wurde und der Entscheidung immer näher rückte, zum erstenmal persönlich wie im Zweikampfe sich gegenüber.

»Zurück, Alkmäonide!« rief der Erechtheuspriester. »Willst du auch jetzt noch den Göttern entziehen, was ihnen gebührt und was sie gebietend verlangen? Willst du dem Volke der Athener es wehren, die schuldige Sühne zu suchen und die endliche Errettung aus der Not, in welche kein anderer als du selbst es gestürzt hat? Siehst du nicht, wohin deine Verblendung dies früher von den Göttern gesegnete Volk geführt hat? Dein Werk ist es, wenn sie von der alten frommen Weise sich abgewendet, wenn sie nach Reichtum, Wohlleben und eitlem Glanz getrachtet, wenn sie falschem Lichte gefolgt sind und gehört haben auf die Worte der Götterverächter!«

»Und du, Diopeithes?« entgegnete Perikles mit ernster, aber ruhiger Entschiedenheit; »wohin gedenkst du das Volk der Athener zu führen? Zum fanatischen Morde der Bürger – zur Erneuerung rohen, unmenschlichen Greuels, vor welchem, einer helleren Gesittung zureifend, der Hellenengeist schon seit Jahrhunderten mit Schauder sich abgewendet!«

»Danke den Göttern, o Perikles!« rief Diopeithes, »daß sie diesen da in unsere Hand gegeben – danke den Göttern, wenn sie mit dem Blute dieses Mannes sich für jetzt begnügen wollen! Denn wenn sie den eigentlichen Schuldigen von uns forderten, den Schuldigsten im Volke der Athener, weißt du, wen wir ergreifen und den Flammen überliefern müßten? Wie einst der Seher Teiresias den übermütig prahlenden Oedipus, so müßten wir dir zurufen, Alkmäonide, du bist der Schuldige, du bist der Urheber des Götterzornes! Alter Fluch ruht auf deinem Geschlechte! Durch dich, durch deine Genossen und Freunde ist Athen gottlos geworden, durch dich ist die Kriegsnot über uns hereingebrochen, und die schlimmste Geißel in Götterhänden, die Pest, sollte zu voller Sühne mit keinem andern, als mit deinem Blute abgewendet werden!« ...

»Wenn es sich so verhält, wie du sagst«, entgegnete ruhig Perikles, »so laßt den Mann da los und opfert denjenigen, welcher euch der Schuldigste dünkt!«

Damit befreite Perikles den zum Tode Verurteilten aus der Hand des Pamphilos. Mit einem Grinsen der Genugtuung ließ dieser sein früheres Opfer los und säumte nicht, froh des Tausches, Hand an den ihm verhaßten, nun selbst sich darbietenden Strategen zu legen.

»Was zögert ihr?« sagte Perikles zu den betroffenen, stummen und regungslosen Athenern. »Meint ihr, daß ich nur in der Erwartung mich darbiete, von euch verschont zu werden? Glaubet, Männer von Athen, daß es mir fast gleichgültig erscheint, ob ihr mich verschont oder mich hinweg zum Tode schleppt! Dem schönsten Glücke, dem ruhmvollsten Glänze, dem vollen Lichte der Wahrheit und der Freiheit meinte ich Athen entgegenzufahren, und nun sehe ich, daß ein götterverhängter Umschwung – oder ist es ein Fluch von Anbeginn, der allem Naturlaufe anhängt? – uns wieder ergreift und zurückführt in Nacht und Wirrsal; daß nicht bloß äußeres Ungemach hereinbricht über Hellas, sondern auch in unserem Innern allmählich dunkle Gewalten über die lichten siegen! Ich danke den Göttern, wenn ich meines Vaterlandes Glanz und Blüte nicht überlebe! – Tötet mich!« –

Stumm und regungslos standen noch immer die Athener. Pamphilos wurde ungeduldig.

Jetzt trat ein Mann aus der Menge hervor und sagte, indem er Miene machte, hinweg zu gehen: »wenn ihr den Perikles töten wollt, so tut es ohne mich. Ich will nichts davon sehen. Mich hat er einmal in Thrazien als Schwerverwundeten mit eigenen Händen fortgeschleppt, als alle andern vor der großen Ueberzahl der Angreifer entflohen und mich in Feindeshand zurücklassen wollten!«

»Auch ich gehe!« rief ein Zweiter. »Ich wurde von ihm im samischen Kriege begnadigt, als die andern mir feindlichen Strategen ob eines geringen Vergehens mich zum Tode verurteilen wollten.«

»Auch ich will mit der Sache da nichts zu tun haben«, sagte ein dritter; »auch mir hat Perikles Gutes erwiesen durch seine Fürsprache, als ich bei allen Obrigkeiten Athens das mir gebührende Recht nicht fand.«

»Auch mir! auch mir!« scholl es aus der Menge, und immer größer wurde die Zahl der Männer, welche von dem Haufen sich absonderten.

»Durch die wissentliche Schuld des Perikles hat kein Athener jemals Trauer angelegt!« ertönte es. Pamphilos hielt sein Opfer, das ihm zu entgehen drohte, krampfhaft fest.

»Laß den Perikles los, Pamphilos!« riefen einige. Dann riefen es noch mehrere, und endlich scholl der Ruf im lauten Thore:

»Laß den Perikles los, Pamphilos!« ...

An diesem Manne konnten die Athener selbst in ihren schlimmsten Augenblicken sich nicht vergreifen.

»Noch einmal hast du gesiegt!« rief höhnend Diopeithes dem Befreiten Zu. »Aber es war vielleicht der letzte deiner Triumphe. Auf dein Haupt wälze ich die Schuld, wenn die Götter unversöhnt bleiben und ihre Geißel fortwütet über uns!« –

Kurze Zeit nach diesem Begebnis wurden die beiden Söhne des Perikles, Paralos und Xanthippos, von der Seuche ergriffen und fielen derselben zum Opfer.

Als Genugtuung wies der Erechtheuspriester auf den offenbar gewordenen Götterfluch, welcher nun endlich das Geschlecht der Alkmäoniden austilge.

Die Gewalt der Seuche nahm wieder zu. An das unterlassene Sühnopfer und an Perikles, der es hintertrieben hatte, erinnerten jetzt unablässig Diopeithes und seine Anhänger. Glaubwürdig erschien die Verschuldung und der Götterzorn nach dem Unglück, welches von den Himmlischen über den Mann verhängt erschien.

Mehr als je wurden die Gemüter der Athener verdüstert.

Das Feld war den Gegnern des Perikles überlassen. In einer Art von dumpfer Gleichgültigkeit ließ Perikles, nach so vielem Ungemach nun auch noch durch den plötzlichen Tod seiner Sprößlinge, durch den Untergang seines Hauses erschüttert, den Dingen ihren Lauf. Der Augenblick, den lange vorbereiteten Streich zu führen, war für seine Feinde gekommen.

Ihn seines Strategenamtes und aller andern von ihm bekleideten Würden zu entheben, wurde in spärlich besuchter Volksversammlung von frecher Bosheit beantragt und von stumpfsinniger Verwirrung gutgeheißen.

Nach Jahrzehnten ruhmvoller Staatslenkung sollte Perikles, der Olympier, wieder einfacher athenischer Bürger sein? Diopeithes sollte endgültig gesiegt haben? –

Wohlauf denn, ihr Männer, hieß es jetzt, die ihr das große Wort im Volke führt, Kleon, Lysikles, Pamphilos, zungenfertige Redner und Ratgeber auf der Pnyx – stellt euch an die Spitze der Flotten und Heere! ergreift die Zügel, die man den Händen des herrschsüchtigen Perikles entwunden! –

Auf der Agora ereifert in der Tat sich eben wieder der unermüdliche Pamphilos, einen Schwarm des Volkes um sich versammelnd, den Beruf seines Freundes Kleon zur Führerschaft darzutun, den Mut desselben, seine Gesinnungen, seine Fähigkeiten zu rühmen.

Nach langem und lebhaftem Gespräche der Versammelten tritt plötzlich ein ärmlicher Mann von sonderbarem, halbverwildertem Ansehen hervor und beginnt vor dem Volke mit Eifer: »Mitbürger!« ruft er, »wir haben den Perikles abgesetzt, wir, das athenische Volk. Und dies war gut, insofern Perikles daraus ersehen konnte, daß wir noch die Volksherrschaft haben hier zu Athen. Insoweit, sage ich, war es gut. Im übrigen aber bleibt es doch eine verwünschte, wunderliche Sache, sich ein Bein abzusägen in dem Augenblicke, wo man zu Olympia wettlaufen soll – und nachdem wir aus dem Rauch ins Feuer gekommen und vom Pferde auf den Köter ...«

»Der dir in die Waden fahren soll, du Wicht!« unterbrach ihn ergrimmt der Mann aus der rohen Hefe des Volkes. »Wirst du nicht schweigen?«

»Ich schweige nicht!« entgegnete jener halb Verwilderte. »Ich bin athenischer Bürger so gut als einer und scheue niemand. Ich bin ein Mann aus Halimos: Bandkrämer war ich und habe bessere Tage gesehen; aber nachdem mir Weib und Kinder hingestorben an der Pest, und ich selber nur mit genauer Not unter Leichen vom Krankenlager wieder aufstand, habe ich alles liegen lassen, wie es lag, und mich hier in der Stadt als Leichenträger verdungen, das heißt, ich helfe die Pestleichen aus den Häusern zu den Scheiterhaufen schleppen.«

Bei dieser Aeußerung des Mannes wichen alle scheu von ihm zurück und hielten sich in ängstlicher Entfernung von seinem Leibe.

Der einstige Bandkrämer aus Malimos aber ließ sich dadurch nicht stören und fuhr fort:

»Ich rühme mich, wie ihr mich da seht, ein Mann von Erfahrung zu sein in politischen Dingen. Ich war vor fünfzehn fahren unter denjenigen auf der Pnyx, welche die Erbauung des Parthenon beschlossen, und welche den Richtersold und die Schauspielgelder bewilligten. Ich habe immer meine Bürgerpflicht getan und das Wohl des Gemeinwesens im Auge gehabt, und ich sage euch, die Peloponnesier sind keine Rinder und Schafe, daß sie sich von dem Gerber Kleon so ohne weiteres das Fell möchten gerben lassen. Und wenn die beiden Söhne des Perikles an der Pest hinwegstarben, so hätte man, genau genommen, den unglücklichen Mann, den kinderlos gewordenen Vater, bedauern, nicht aber deshalb ihn als einen vom Götterzorn Bezeichneten schmähen und verfolgen sollen.« –

»Genug von Perikles«, unterbrach den Bandkrämer wieder der schreiende Pamphilos. »wir wollen nichts mehr hören von Perikles. Er taugt nichts mehr. Er kränkelt, wie man hört, was soll uns ein kranker Mann?«

»Gib acht, Pamphilos!« rief der andere; »das Heilmittel des kranken Löwen ist, wie das Sprichwort sagt, daß er einen Pavian verzehrt!«

»Du willst mich lästern?« schrie der Wurstmacher und hob seine Ferse schon empor, um der Hüfte des Gegners damit einen Stoß zu versetzen.

»Komm heran!« rief der Mann aus Halimos, »ich gerbe dich durch, bis dein Fell ein Purpurkleid! – Ich reiße dir die Lunge aus dem Leibe und hasple dein Gekröse!« – Pamphilos entwich scheu vor der Berührung des Pestleichenträgers.

»Zurück!« rief er, »zurück! Wage es nicht, deine verpestete Hand an den Leib eines athenischen Bürgers zu legen! Zurück, Elender! Elendester, Allerelendester der Menschen!« – »Warum?« rief der Pestleichenträger grinsend. »Du wirst es vielleicht noch leiden müssen, wenn ich dich anrühre! Solche Bursche wie dich, hoffe ich noch einige Dutzend auf meinen Karren zu bekommen! Im übrigen aber wiederhole ich: es war gut, daß wir den Perikles absetzten, damit er sehe, daß wir ihn absetzen können, wenn wir wollen; nachdem er dies aber gesehen, ist das beste, daß wir hingehen und ihn wieder einsetzen und ihm die Flotte wieder anvertrauen, denn wir können ihn nicht entbehren, sag' ich – wir haben keinen zweiten seinesgleichen, und nicht jeder, der eine Keule trägt, ist auch ein Herakles« ...

In der Tat, wer zu Athen wieder den Krieg wollte, der mußte auch den Perikles wollen. Potidaia war endlich gefallen – neu regte sich, wenn auch nur mit mattem Flügelschwunge, die Hoffnung, Rasch schlug die Stimmung im beweglichen Athenervolke wieder um.

Am nächsten Tage strömten die Athener zur Pnyx und meinten, es sei noch der alte Perikles, welchem sie neuerdings sich anvertrauten. Sie irrten ...

Sophokles war der erste, der seinem Freunde die Runde von dem neuen Entschlusse des Volkes brachte.

»Die Athener haben dir alles zurückgegeben!« sagte glückwünschend der Dichter.

»Alles«, entgegnete Perikles bitter lächelnd, »nur nicht das Vertrauen auf sie, das Vertrauen auf das Glück Athens und das Vertrauen auf mich selbst!« ...

»Diopeithes triumphiert dennoch!« fuhr er fort. »Scheinbar ist er zuletzt nun wieder unterlegen, in Wahrheit aber sind wir die Besiegten zu Athen. Das nächste seiner Ziele zwar erreichte Diopeithes nicht, aber was er und die Seinen getan und vorbereitet seit lange, das war nicht verloren im Volke der Athener!«

»Verbanne die trüben Ahnungen aus deinem Herzen!« mahnte Sophokles. »Athen und Hellas stehen noch auf ihrer Höhe: noch manches Herrliche werden sie zeitigen, noch manchen Ruhmeskranz erringen. Nicht uns geziemt es, zu klagen, welchen es vergönnt war, die edelste Blüte entfaltet zu schauen« ...

»Aber auch den Wurm, der sich festsetzt in dieser edelsten Blüte!« erwiderte Perikles. »Noch ist sie nicht da, die Zeit, die sich ankündigt, aber eine dunkle Zukunft wirft ihre Schatten weit voraus. Nach einem Gipfel heiterer Freiheit, Schönheit und Erkenntnis strebten wir. Verwirklicht hat von unseren Träumen der Traum der Schönheit sich – die anderen aber zerrinnen in Nacht und Wirrsal. Kurz sind, wie es scheint, die Lebensfrühlinge der Völker, und ihre Blüten welken, bevor sie sich noch völlig entfaltet!«

So sprach an jenem Tage Perikles zu dem edelsten seiner Freunde. – Noch einmal wuchs die Gewalt der verheerenden Seuche. Es kam im Wandel der Monde eine finstere Nacht, eine sturmdurchsauste Nacht. Kühl wehte der Wind her über das attische Land von den Klüften und Zacken des Pindus. Finster schlugen im Piräus die Wogen an die Steindämme. Die Schiffe im Hafen schwankten, ihre Balken krachten, ihre Ruderstangen knarrten. In den menschenleeren Straßen von Athen spukten die Winde wie Gespenster, mit den offenen Türflügeln verödeter Behausungen spielend, einsame Peristyle durchwimmernd. Man wußte zuweilen nicht, ob es das Heulen und Gewimmer des Windes war oder die Klagen und Seufzer jammernder Mütter, was man vernahm. Ueber Zinnen, Giebel und Marmorbilder des Parthenon flog schwarzes Gewölk. Die als Weihegeschenke aufgehangenen Schilde schlugen klappernd an die Architrave, an welchen sie hingen. Nächtliche Vögel krächzten. Das Riesenbild der mit Lanze und Helm bewehrten Athene Promachos erbebte auf seinem granitenen Sockel.

In dieser dunkeln, winddurchsausten Nacht, wo jeder sich im Innern seines Hauses hielt, und die Straßen wieder leergefegt sich zeigten, irrte ein Mann umher, von einer seltsamen Unruhe getrieben. Dieser Mann war Sokrates. Nicht fremd geworden war ihm die alte Gewöhnung, nächtlich umherzuwandeln in wilder Gedankenjagd: mehr selbst gejagt von den Gedanken, als nach ihnen jagend. So schweifte er auch in jener Nacht umher, blindlings, wie nach einem unbewußten Ziele getrieben.

Er geriet ans öde Ufer des Ilissos, wo niedergebrannte Scheiterhaufen lagen, und wo bei Hügeln von Asche und glimmenden Kohlen der tolle Menon saß. Der Tolle grinste, fachte mit seinem Odem die Kohlen an und wärmte sich dabei und schlürfte zuweilen einen Schluck aus einer Flasche edlen Chiers, weggetragen aus einem durch die Pest entvölkerten Hause, dessen Vorräte den Strolchen zur leichten Beute geworden.

Hier und da stieß der Fuß des eilenden Sokrates im Dunkel auf nur halb verbrannte, schwarzverkohlte Glieder. Und weiter verfolgte er, ziellos, seinen Weg. Da fühlte er von Veilchenduft sich angelockt. Er nähert sich und stößt auf einen Brunnen, mit Veilchen umpflanzt nach Athenersitte. Die Veilchen dufteten so seltsam. Die heiße Stirn zu kühlen, beugt Sokrates sich nieder, und seine trockenen Lippen suchen die labende Feuchte. Aber auch hier grinst ihm der Tod entgegen, und bald wird ihm des Veilchenduftes seltsame Mischung erklärlich. Einen Leichnam trug die besudelte Welle, einen der Unglücklichen, welche die verzweifelte Gier nach Kühlung noch in den Stunden der Agonie zu dem Brunnen trieb. Schaudernd fuhr Sokrates zurück. Dann aber, sich fassend, pflückte er eines von den Veilchen, betrachtete es lange sinnend und sagte: »O ihr attischen Veilchen, wer wird künftig euch noch preisen und die veilchenbekränzten Athener, wenn euer gefeierter Würzeduft so arg gemischt ist mit Moderdüften?« –

Er stürzte zurück, tiefer in die Gassen, wo die Türen verödeter Häuser im Winde klapperten. Er blickte zur Akropolis empor und sah das schwarze, tiefgesenkte, zerrissene Gewölk, das mit den kreischenden Nachtvögeln zugleich, Geistern des Unheils ähnlich, das Riesenbild der Athene Promachos umflog ...

Als ob die Unglücksgeister, die er dort zu erblicken glaubte, sich zu ihm niederließen und ihn verfolgend hetzten, irrte Sokrates umher. Plötzlich fand er sich vor dem Hause des Perikles. Er blieb stehen. Wie oft hatte er diese Schwelle überschritten! Und welch lange Zeit war nun verstrichen, seit er sie nicht wieder betreten! Er näherte sich wie unbewußt und unwillkürlich der Pforte. Er merkte, daß sie nicht verschlossen war, wie vergessen, vernachlässigt, ohne Hüter. Er trat ein, öde war die Halle des Eingangs. Kein Laut drang ihm aus dem Innern entgegen. Schauerlich war die Stille, die ihn umgab. Da begegnete ihm vom Peristyl her der Schein einiger trübe flackernder Lichter. Es überlief ihn kalt, er wußte nicht weshalb. Aber zugleich drängte eine unbekannte Gewalt ihn vorwärts. Da sah er in der Mitte des Peristyls ein Lager mit Purpurkissen aufgerichtet. Auf den Purpurkissen lag ein Verblichener, den Leib umhüllt von glänzenden, weißen Gewanden – die Stirn umkränzt von grünenden Ranken des Eppichs. Neben dem ausgestellten Totenlager saß ein Weib, das Haupt gesenkt, blaß und stumm wie ein Steinbild. Sokrates blieb im Hintergrunde. Wie festgebannt stand er stille. Seine Augen hafteten starr und wie die eines Besinnungslosen auf dem Leichnam und auf dem bei dem Leichname sitzenden Weibe.

Das marmorbleiche, regungslose Weib war Aspasia. Der mit Eppich bekränzte Verblichene auf dem Purpurlager war Perikles, der Olympier. Entseelt lag der Alkmäonide, der Reigenführer jener unsterblichen Schar von erhabenen Geistern, welche Griechenland für immer verherrlichten – der Held eines goldenen Blütenalters der Menschheit, das noch immer seinen Namen trägt, das er heraufgeführt hatte über Hellas, und mit dessen Schwinden er nun auch selber dahinging.

Größer und stattlicher noch erschien jetzt der Leib des vom Pfeile des Würgengels gefällten, heldenhaften Mannes. Aber Milde war, wie im Leben, so auch jetzt ausgegossen über sein männliches Antlitz. Selbst die Pest hatte diese edlen Züge nicht entstellt. Und es war, als hätte der Tod den Olympier nicht hingeworfen und vernichtet, sondern den innerlich Gebrochenen zu seiner vollen Größe wieder aufgerichtet. Erneuert leuchtete nun wieder in den Zügen des Toten jene heitere Ruhe, die dem Lebenden zuletzt verloren gegangen, ausgeglichen schien der Zwiespalt, der in das innere Wesen des Gatten Aspasias zuletzt sich eingeschlichen ...

Was sann die bleiche Aspasia am Totenlager des Perikles?

An ihrem Geiste ging ein glänzender Reigen schöner, großer, herrlicher Erinnerungen vorüber.

Sie gedachte des Augenblicks in der Werkstätte des Pheidias, wo dieses Mannes Feuerauge dem ihrigen zum erstenmal begegnete, wo nach männlich ernstem Ringen für die Größe und Macht Athens die Schönheit ihn in Bande schlug.

Vor schwebte ihr sein Bild jetzt, wie er auf der Rednerbühne der Pnyx stand und das Volk mit sich fortriß – jetzt, wie er gehobenen Sinnes, begeisterungsvoll mit ihr dahinwandelte über die Höhen der Akropolis, des Herrlichen sich freuend, das unter seinen Augen dort entstand – jetzt, wie er, wiederum von Tatendrang erfaßt, vor Samos neuen Lorbeer sich erstritt – jetzt, wie er warm beseelt zu Milet, das schönste Menschenlos erfüllend, auf blühender Höhe des Gebens den berauschenden Becher der Freude mit ihr leerte – jetzt, wie er auf der Akropolis im Angesichte neu vollendeter, unsterblicher Schöpfungen einen Bund mit ihr schloß, die Seele voll von großen Gedanken und Hoffnungen ... In seiner edlen Größe schwebte er ihr vor, in seiner bestrickenden Gewalt über die Menschen, in seiner Empfänglichkeit und Wärme, in seiner würdevollen Männlichkeit – mild und klug und heldenhaft zugleich – des echten Hellenen Urbild, zu geist- und seelenvoll, um aufzugehen in einem rauhen Heldentum, und wieder zu vollbeseelt, zu tatkräftig, um sein volles Genüge zu finden in weichlichem Genuß, im Zauberbanne der Schönheit und Liebe.

Dann aber schwebte ihr sein Bild auch vor, wie er an ihrer Seite wandelte auf den Fluren des Peloponnesos, wie mehr und mehr der Ernst mit leisen Schatten über seine Stirne flog, wie er, durchpulst vom geheimsten Leben und Weben der fortschreitenden Zeit, durchwittert vom Ahnungshauch einer neuen, ernsteren, trüben Zukunft, schweigsam sein tiefstes Empfinden barg, bis er aufhörte, ein Hellene zu sein im Geiste und Sinne des schönen Weibes, mit welchem er den heiteren Freudenbund der Liebe geschlossen, und bis er, nachdem er des Hellenentums Entwicklungslauf in seiner eigenen Seele durcherlebt, von unheilbar trüben Ahnungen erfaßt, mit der Macht und Größe seines Vaterlandes selbst zusammenbrach.

Wie Aspasias Auge an dem Antlitz des entseelten Perikles, so haftete das Auge des Sokrates regungslos an dem bleichen Angesichte des Weibes.

Wie das verkörperte Hellas schien sie ihm, welches trauernd saß an der Bahre des edelsten seiner Söhne.

Wie bleich und ernst blickte es aus den Zügen des schönen Weibes, dies einst so heitere Hellas! –

Jetzt erhob Aspasia ihr Auge, und ihr Blick begegnete dem des Sokrates. Es war ein langer, langer Blick, mit welchem Aspasia und Sokrates sich begegneten.

Es war ein langer, tiefernster Blick, und kein Wort würde die Empfindungen erschöpfen, welche in diesem langen Blicke sich begegneten.

Nicht ein Laut des Mundes, nur dieser eine Blick wurde zwischen den beiden gewechselt.

Dann verschwand Sokrates. wie ein gespenstischer Schatten war er aufgetaucht vor dem Weibe – lautlos schwand er hin. Einsam saß wieder beim Totenlager des großen Hellenen, regungslos und marmorbleich, Aspasia. – –

Fort setzte Sokrates seine nächtliche Wanderung, planlos, ziellos eilte er dahin durch die Gassen, eine ungemessene Zeitlang, mit tief erregtem Gemüte.

Die Gewalt der wimmernden und heulenden Windsbraut hatte nachgelassen. Stiller und noch einsamer als zuvor war es geworden um den nächtlichen Waller. Mitternacht war lange vorüber. Der Morgen kündigte von fern sich an mit einem fast noch unmerklichen, grauen Streifen im Osten. Aber noch war es Nacht, dunkle Nacht über den Gassen Athens. Durch das zerrissene Gewölk des Himmels blinkten nur einzelne sinkende Sterne.

Plötzlich tauchte vor Sokrates ein Mann auf, reisefertig, wie es schien, begleitet von einem Sklaven. Es war ein Mann von strengen, ernsten, beinahe finsteren Zügen. Er musterte den Sokrates bei der Begegnung.

Sokrates blickte auf, als jener ihm den Weg vertrat, und erkannte den Agorakritos.

»Wohin in dunkler Nacht?« fragte den Grübler der einstige Genosse in der Werkstätte des Pheidias.

»Mich rief ein dringendes Geschäft nach Athen«, fuhr Agorakritos fort, als Sokrates mit der Antwort zögerte; »aber ich beeile mich, wieder hinwegzugelangen aus der verpesteten Stadt. Ich gehe nach Rhamnos, um endlich zu tun, was man seit so vielen Jahren von mir verlangt, um meine dort aufgestellte Göttin mit jenen äußerlichen Kennzeichen zu versehen, welche sie unzweifelhaft aus einer Aphrodite zu einer Nemesis machen. Ich habe lange gezögert – aber nun treibt es mich, den Leuten zu willfahren. Sie sollen nicht länger zweifeln, die Männer im Lande Attika, daß wirklich die Nemesis anstatt der lachenden Aphrodite mitten unter ihnen steht. Bin ich ihr doch Dank schuldig, jener mit langsamen, aber sicheren Schritten wandelnden Göttin! Hat sie mich nicht gerächt an dem Weibe, das ich hasse? Eingekehrt ist sie, die Göttin der Wiedervergeltung, im Hause des Perikles und der Aspasia. Und nun vernahm ich noch zuletzt, daß gar die Seuche selbst vor wenigen Tagen den Perikles ergriff und aufs Krankenlager warf!«

Sokrates blickte auf, sah dem Agorakritos ins Angesicht und sagte leise:

»Er ist tot!«

Agorakritos schwieg betroffen.

Beide gingen eine Strecke stumm neben einander hin. »Tot?« fragte dann Agorakriws.

»Ich sah ihn selbst!« erwiderte Sokrates dumpf.

Wieder schwiegen die beiden eine Zeitlang.

Endlich begann Agorakritos:

»Du hast den Perikles entseelt gesehen, mir ist es zu teil geworden, den Pheidias vor meinen Augen im Kerker sterben zu sehen. Ich war bei ihm in seiner letzten Stunde. Als ich hörte, daß er schwer erkrankt sei, eilte ich zu ihm. Die Leute sagten mir, daß er alle Arznei und jede Art von Hilfe verschmähte, Perikles hat den Hippokrates zu ihm geschickt: er aber begann mit dem naturkundigen Manne sich über die Verhältnisse der Formen und Linien des menschlichen Körpers zu unterreden. Denn ihn beschäftigte auch jetzt auf seinem Krankenlager nur das, was ihn früher einzig gekümmert hatte.

Als ich kam, erzählten mir diejenigen, welche im Kerker um ihn waren, daß er häufig in Fieberphantasien rede und selten jemand mehr erkenne. Ich ging zu ihm hinein und traf ihn sterbend. Er erkannte mich anfangs noch ein wenig, allmählich aber verwirrten sich im Fieber seine Gedanken. Er sprach immer von großen Tempeln und Bildwerken, von Gold- und Elfenbeinbildern und Marmorfriesen – er erteilte seinen Schülern Weisungen, ganz als ob er noch in seiner Werkstätte wäre, spornte sie zur Arbeit an und schalt die Trägen, gab auch genau an, wie sie dieses oder jenes vollenden sollten, und war ungehalten, wenn sie es nicht ganz nach seinem willen machten. Manches Mal rief er ausdrücklich mich oder den Alkamenes. Zuletzt aber schien er ganz allein zu sein mit seinen leuchtenden Gebilden, und es erschienen ihm seine Götter und seine Göttinnen, seine Pallas Athene, sein olympischer Zeus. Und es schien, daß die Götter des Olymps alle zu ihm herunterkamen und um sein Lager standen, ihm allein sichtbar während er starb, denn er blickte mit verklärtem Angesicht um sich und grüßte sie und sprach sie bei ihren Namen an. Zuletzt aber schien es, als ob Pallas Athene ganz allein bei ihm zurückgeblieben wäre und ihm winkte, denn er sagte auf einmal: »Wohin willst du mich führen? Ich komme!« Dann richtete er sich ein wenig empor, als ob er sich aufmachen wollte, um mit derjenigen, welche ihm winkte, hinweg zu gehen, sank aber zurück, und sein Auge brach.

Er starb mitten in seinem Fiebertraumgesicht. Er starb schön, wie nur irgend ein Hellene, indem das schönste Licht von Hellas noch einmal ihn umleuchtete, und die Götter ihn gleichsam von der Erde hinweg zu sich in den Olymp entrückten, in dem Augenblicke, wo die Nacht des Unheils über Athen hereinbrach, so daß er von diesem gar nichts mehr gewahr wurde, sondern mit ungetrübtem Geist hinüberging.

Anfangs hatte es mir einen großen Schmerz verursacht, zu sehen, wie dieser Mann im Kerker auf seinem Lager sterbend lag, denn nachdem er die Athene Promachos errichtet auf der Burg und die Athene Parthenos, und den Parthenon selbst, und den olympischen Zeus zu Olympia, und so vieles Große, das keiner übertraf, noch jemals einer übertreffen wird, und wodurch Hellas zumeist verherrlicht ist, war von den Menschen dies sein Lohn, daß er entehrt und einsam starb im Dunkel des Kerkers.

Aber als ich ihn sterben gesehen, fühlte ich eine Rührung in der Brust, welche nicht ohne Trost war, und ging still hinweg, nachdem ich dem Meister die Augen zugedrückt und seine Stirne geküßt, und beklagte nur mehr Hellas und uns alle, die wir zurückbleiben, nachdem die Größten und Besten dahingegangen!« –

Nach dieser Erzählung des Agorakritos schritten die beiden Männer noch eine Weile sinnend neben einander hin. Dann trennten sie sich.

Jener ging nordwärts gegen Rhamnos, aber auch Sokrates setzte, von der inneren Bewegung getrieben, seinen Weg noch weiter fort, und als er kaum ein paar Schritte gegangen, stieß er auf einen angezündeten Scheiterhaufen. Auf diesen waren viele Pestleichen geworfen. Unter diesen Leichen aber sah Sokrates auch den tollen Menon liegen.

Den bis zur Betäubung Berauschten hatten die Pestleichenträger unter Leichnamen tiefschlafend gefunden und den scheinbar Leblosen auf den Holzstoß geworfen, wo die Flamme ihn schon umzüngelte.

Ein Hund umkreiste winselnd den Scheiterhaufen.

Jetzt ergriff den Tollen die Flamme. In diesem Augenblicke sprang auch der Hund auf den Holzstoß und verbrannte mit seinem Herrn.

Ein wundersames Gefühl überlief den Sokrates. »Nun bist du frei, Menon!« sagte er. »Nun bist du frei!« wiederholte er noch mehrmals, während er mit glutender Stirne seinen Weg fortsetzte. »Kommt vielleicht einst eine Zeit, wo alle Sklaven frei sein werden?« dachte er im Weiterschreiten. – »Oder alle Freien Sklaven?« fügte er sinnend bei sich selbst hinzu. – –

Er durchwanderte nun schon entlegene Gassen, nicht mehr im Bereiche der Stadt selbst, sondern in ihrer Umgebung, wo Landsitze der Athener und Gärten wechselten mit freiem Gefilde.

Eine Schwalbe verkündete auffliegend den Tag mit rudernden Schwingen.

Der wie von seinem Dämon geführte Sokrates gelangte zu einem Hause, in welchem eine gewisse Bewegung herrschte. Viele Personen kamen und gingen.

Es war das Haus des Ariston, eines edlen Atheners.

Sokrates stand still und vernahm von denjenigen, welche da aus- und eingingen, daß dem Ariston in dieser Nacht ein Söhnlein geboren worden. Nach so vielen Todesbildern eine Geburt, ein erwachendes Leben ...

Wieder regte sich ein rätselhafter Drang in der Brust des Sokrates. Er betrat das Haus des ihm befreundeten Mannes.

Das Kind lag im Peristyl, in den Armen der Amme. Ein hochbetagter Greis, der einem Seher oder Priester ähnlich war, beugte sein schneeweißes Haupt soeben darüber und betrachtete es aufmerksam. Auch Sokrates betrachtete das Kind, welches eine breite, schöne Stirn hatte, eine Denkerstirn, und dessen Antlitz schon umflossen schien von einem milden, hohen, mehr als kindlichen Ernste.

Plötzlich kommt eine Biene geflogen – eine Biene vom nahen Hymettos – eine der gepriesenen attischen Bienen – sie kommt geflogen und umschwirrt das Kind und streift einen Augenblick die Lippen desselben, nur leicht und arglos und gleichsam küssend. Dann fliegt sie wieder hinweg.

Bei diesem Anblick spricht der Sehergreis: »Ein Götterzeichen ist der Kuß der Hymettosbiene. Von den Lippen dieses Kindes wird dereinst die Rede verlockend träufen wie Honigseim!«

Den Sokrates erfaßt des Kindes Anblick wunderbar. Er vermag das Gefühl seiner Brust sich nicht zu deuten. Aber die Zukunft wird die Deutung bringen. Der Knabe, der da vor den Augen des Ruhelosen, des Wahrheitsuchers liegt, er wird, zum Jünglinge gereift, eine neue Botschaft verkündigen.

Seine Lippe wird träufen von attischem Honigseim. Aber mit der süßesten Beredsamkeit wird er die bitterste der Lehren predigen!

Er wird lehren, daß der Leib ein Kerker der Seele, und daß die Seele, von ihm sich losmachend, sich emporringen müsse ins Ueberirdische. Er wird lehren, daß Eros die Erdenwelt verachten und emporsteigen müsse ins helle Reich der ewigen, in unwandelbarer Schöne leuchtenden Ideen ...

Und diese Lehre wird ein Echo finden auf nahen und fernen Gestaden und die Losung werden einer neuen Zeit und im Nachhall auf eines Galiläers Lippen die Welt erobern.

Mit ihr aber wird auch triumphieren in neuem Sinne das Wort der Sabaziosdiener und Metragyrten, das düstere Wort der Selbstpeinigung und Selbstverstümmlung ...

Sokrates ging sinnend aus dem Hause des Ariston. Er hatte eine Höhe nun erreicht, von welcher aus er das attische Land und das Meer im Morgenschein erblickte.

Auf dem Meere, gen Sunion hin, sah er ein Fahrzeug schweben. Er blickte, in Gedanken versunken, immer nach diesem Fahrzeug, ohne es zu wissen.

Dies Fahrzeug trug den »Satyr« und die »Bacchantin« – trug Manes und Kora nordwärts, einer neuen Heimat zu.

Sie zogen dahin, in der Brust den Keim einer Zukunft, welche berufen war zu dem Bemühen, das Reich des Guten aufzurichten über den Trümmern der Schönheit.

Sie zogen dahin, still beseligt von ihrer ernsten Liebe.

Von der Höhe der Meeresbucht blickten sie zurück und betrachteten, scheidend für immer, zum letztenmal die Stadt der Athener.

Ein leichtes, weißes Wölkchen stieg, unfern der Akropolis, aus der Stadt in die reine, klare Morgenluft empor. Es kam von dem Scheiterhaufen, welcher den entseelten Leib des Perikles in heiliger Lohe verzehrte.

Dies Wölkchen stieg empor und schwebte um die Zinnen der Akropolis.

Manes und Kora verfolgten es mit den Blicken, wie es die weiße Marmorstirn der heiligen Pallasburg umwob. Aber das Wölkchen zerrann, und rein und wunderbar standen im klaren Lichte die Zinnen und Giebel des Parthenon und der neu vollendeten Propyläen.

Hoch hinauf ragte über den Wust und die Wirrsal der Athenerstadt und der sterblichen Menschenkinder die unsterbliche Krone des Berges.

Aus den Trümmern des Vergänglichen erhob sich im Hellenenland ein Unvergängliches, siegreich in ewiger Heitre.

Und es schien zu sagen: »Erhaben bin ich über das wechselnde Los der Menschen und ihr kleinliches Elend. Ich leuchte durch die Jahrhunderte. Ich bin immer wieder da. Ich bin wie das zaubervolle Licht über den Bergen von Hellas und wie der ewige Glanz der Gewässer in seinen Golfen!«

Nach dem Guten und nach dem Schönen trachten die Völker.

Menschlich und edel ist das Gute – göttlich und unsterblich aber das Schöne.

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