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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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XXI. Der Maulesel des Kallikrates.

Ein Leichtes war es dem Perikles, sich seiner Gemahlin anzunehmen und die beiden geraubten Mädchen von den Megarern zurückzufordern. Denn die Megarer zu züchtigen, war damals zu Athen aus mancherlei Gründen das Losungswort des Tages.

Die Megarer aber erwiderten, daß sie Drosis und Prasina, welche vorläufig als Geißeln dem Gewahrsam eines angesehenen Mitbürgers übergeben worden, auszuliefern nicht säumen würden, sobald die von den athenischen Jünglingen geraubte Simaitha zurückgegeben würde. Gegen diese Zurückgabe aber verwahrte sich mit flehentlichen Bitten Simaitha selbst und fand eine mächtige Stütze an Aspasia. Das Mädchen aus Megara war der Liebling Aspasias geworden.

Die Megarer waren zu Athen so verhaßt, wie die Athener zu Megara. Perikles hatte mehr als einen Anlaß, einen Volksbeschluß durchzusetzen, welcher den Megarern den Besuch der athenischen Häfen und des Marktes von Athen so lange verbot, bis sie nicht bloß jene Mädchen ausgeliefert, sondern den Athenern auch in einigen anderen Angelegenheiten die verlangte Genugtuung gegeben haben würden.

Empfindlich traf diese Ausschließung vom athenischen Markte die Megarer, und nicht lange, meinte man, würden sie trotzen.

Da aber zu fürchten stand, daß die Megarer sich insgeheim an die Sparter wenden würden, um die tätige Vermittlung derselben zu suchen, und da überdies durch ziemlich ernste Händel mit Korinth und durch den Abfall der attischen Kolonie Potidaia eine gewisse Unruhe sich der Athener bemächtigte, so benutzten die Feinde des Perikles und der Aspasia den Anlaß, das Volk gegen sie aufzuregen. Durch den Uebermut des ausländischen Weibes, sagten sie, und durch die Zügellosigkeit ihrer Freunde werde nun gar der öffentliche Friede von Hellas bedroht, und um zweier geraubter Hetärlein willen schleudre Perikles den Volksbeschluß gegen die Megarer wie eine Brandfackel unter die Griechen.

Große und beliebte Staatsmänner pflegen volkstümlichen Satzungen nicht immer zu widerstreben, weil sie wissen, daß das Volk ja doch zuletzt in einer Art blinden Vertrauens ihrer Leitung folgt, und das Gefährliche jener Satzungen durch die Macht ihres persönlichen Einflusses wenigstens für so lange, als sie selbst am Ruder stehen, ausgeglichen wird. Aber die Aengstlichen fragen, was geschehen solle, sobald die Männer solcher Art, etwa durch den Tod abgerufen, die Zügel des Gemeinwesens nicht mehr in ihrer festen Hand halten. Andrerseits erblicken die Volksfreunde, welche um die Aufrechthaltung der Volksherrschaft besorgt sind, gerade in jener schmiegsamen Uebereinstimmung des allgemeinen Willens mit dem Willen und den Ansichten eines einzelnen ausgezeichneten Mannes die größte Gefahr für die Freiheit. So kam es, daß der allvermögende Perikles doch insgeheim die Kämpen der unbedingten Volksherrschaft ebensowohl, als die Partei der Oligarchen gegen sich hatte.

Der Gerber Kleon, der Schafhändler Lysikles und der Wurstmacher Pamphilos waren der Meinung, daß die Weisheit eines einzelnen im Staate gefährlicher sei, als die Torheit der Menge, und erneuerten ihren Mitbürgern gegenüber, so oft sie konnten, die Warnungen vor dem »neuen Peisistratos«.

Die Leute von der Art jenes Gerbers Kleon, jenes Schafhändlers Lysikles und jenes Wurstmachers Pamphilos wagten es schon bisweilen in der Volksversammlung, mit ungebärdigem Geschrei der Würde des Perikles entgegen zu eifern.

Nicht gleichgültig sah Perikles auf die Verlegenheiten, welche ihm manches im Tun Aspasias, und welche ihm die Ausgelassenheit des Alkibiades bereitete. Aspasia war unangreifbar in ihrem Wesen. Der Sturm vermag Eichen zu entwurzeln, aber nicht eine Blume zu knicken. Dem jungen Alkibiades aber verwies Perikles mit ernsten Worten seine Zügellosigkeit, durch welche nun zum Teil jener unliebsame megarische Handel veranlaßt war. Er ermahnte ihn, seinen Vätern nachzueifern, sich verdient zu machen um das Vaterland und nach der Auszeichnung rühmlicher Taten zu streben.

»Das will ich!« versetzte der junge Alkibiades in halb ernstem, halb scherzhaftem Tone, »wer aber ist schuld als du, Perikles, daß ich keine Gelegenheit finde, durch rühmliche Taten mich auszuzeichnen? Wie lange noch sollen wir uns hinschleppen in diesem langweiligen Frieden? Gib mir eine Flotte, so will ich dir Karthago und Sicilien erobern! Aber selbst die wenigen, armseligen Dreiruderer versagst du mir, die nötig wären, um die beiden heiterblickenden Mägdlein, Drosis und Prasina, aus der Gefangenschaft des elenden Megara heimzuholen. Mir bleibt nichts übrig, wenn ich mich für das Vaterland verdient machen will, als etwa nach Sparta zu gehen und das Weib des Sparterkönigs zu verführen, damit ich das dorische Blut fälsche mit ionischem zu Gunsten der Athener! Gewiß, o Perikles, es fehlt mir nicht an Tatendrang« ...

»Sprudelnder Tatendrang ohne Würde und Ernst der Gesinnung«, sagte Perikles, »wird niemals Nutzen stiften, sondern immer sich nur verderblich erweisen. Deine Vorzüge, mein Alkibiades, sind keine Hoffnung, sondern eine Gefahr für das Vaterland, solange sie mit Untugenden, wie die deinigen, vereinigt sind.«

»Ist es eine Untugend«, rief Alkibiades, »das Vergnügen zu lieben, und ist nicht die Jugend des Genießens beste Zeit?«

»Du irrst!« versetzte Perikles ernst; »die Jugend ist nicht die Zeit des Genusses selbst, sie ist die Zeit, an Leib und Seele sich auf den wirklichen Genuß des Lebens vorzubereiten. Sie ist die Zeit, die Fähigkeit des Genießens auszubilden, nicht sie abzustumpfen. Du meinst zu genießen, jugendlicher Sohn des Kleinias! Aber dein Umhernaschen in allen Freudenkelchen ist nicht viel mehr als knabenhafter Mutwille, gedankenloses Spiel!«

»Nur ein Leben geben die Götter zu genießen!« sagte Alkibiades.

»Eben deshalb«, erwiderte Perikles, »sollen wir es nicht zu vergeuden, sondern zu erhalten bedacht sein!« –

So unterredete Perikles mahnend sich mit dem Jüngling.

Dieser aber ging von Perikles zu seiner Freundin Theodota, wiederholte ihr mit lächelndem Munde die Worte des Perikles und fügte hinzu: »Nun sehe ich, daß mein alter Freund, mein vielgeliebter Sokrates, in der Tat weiser ist als Perikles und als all' die anderen weisen Männer zu Athen. Denn dieser Sokrates allein unter allen hat es längst völlig begriffen, daß bei dem Sohne des Kleinias Ermahnungen von jener Art töricht und vergeblich sind!« ...

Eine geraume Zeit war verstrichen, seit Perikles und Aspasia von der elischen Reise nach Athen zurückgekehrt waren und der Erechtheuspriester Diopeithes geheim zu Eleusis mit den Feinden des edlen Paares sich verschworen hatte.

Aber nicht unbenutzt war diese Frist dem Diopeithes verstrichen. Schon vorher war die Waffe für den ersten Angriff geschmiedet worden. Diopeithes hatte die Abwesenheit des Perikles von Athen benutzt, um in der Versammlung des Volkes mit dem Vorschlage eines Gesetzes gegen diejenigen hervorzutreten, welche die Religion des attischen Landes verleugneten, und gegen die Philosophen, deren Lehren im Widerspruch wären mit dem väterererbten Götterglauben. Mit dem Ansehen eines Gottbegeisterten war der Erechtheuspriester vor die Menge getreten, und so leidenschaftlich entflammt war seine Rede gewesen, so gewürzt zugleich mit Drohungen und unheilkündenden Orakelsprüchen, daß es ihm in der Tat gelang, die entscheidende Mehrzahl der Stimmen auf der Pnyx für sein Gesetz zu gewinnen.

Seit jenem Tage hing das Schwert des Damokles über dem Haupte des greisen Anaxagoras. Auf ihn war zunächst der Pfeil des Diopeithes berechnet; aber seine Absichten gingen noch weiter. Im geheimen erwarb er Bundesgenossen und Helfer, verbündete sich mit des Perikles Feinden jeder Art.

Der Groll in seiner Seele fand neue Nahrung mit jedem Tage. Denn ihm vor Augen schritt noch immer jener verhaßte Kallikrates unter wimmelnden Arbeiterscharen auf der Höhe der Akropolis umher, das Prachtwerk der Propyläen unter des trefflichen Mnesikles Leitung mit gleichem Eifer fördernd, wie vordem das des Festhauses der Pallas. Ein Greuel war Kallikrates dem Priester, ein Greuel waren ihm die Helfer desselben, welche bei Tage das verhaßte Werk betrieben, des Nachts aber in Scharen auf Gestein oder Haufen Sandes zum Schlummer sich hinstreckten, ein Greuel war ihm auch jenes Tier, jener betagte Maulesel, welcher, wie schon erzählt, die unfreiwilligen Muße seines Alters nicht ertragen konnte, sondern nach alter Gewohnheit auf der Akropolis umherging, und welchem die Vergünstigung zu teil geworden, daß der Schaden, den er etwa grasend und naschend irgendwo an fremdem Eigentume verursachte, von Staats wegen ersetzt werden sollte.

An kleine Ursachen knüpfen, wie das Sprichwort sagt, sich große Wirkungen.

Uebermütig geworden durch die offenbare Gunst, welche das Volk der Athener ihm zuwandte, setzte der Maulesel des Kallikrates, auf der Akropolis umherschweifend, das ungezügelte Verhalten fort, durch welches er schon längst die Erbitterung des Diopeithes aufs äußerste gebracht. Er wagte sich ohne Scheu an die Heiligtümer des Erechtheion heran. Er schien nichts so schmackhaft zu finden, als die Kräuter, welche im Tempelbezirke des Erechtheion wuchsen. Er fürchtete nicht die giftigen Blicke, welche Diopeithes auf ihn warf, ja kaum die feindseligen Püffe, mit welchen die Tempeldiener ihn zu vertreiben suchten. Er beschnüffelte nach wie vor bisweilen die Opferkuchen, welche auf den vor dem Erechtheion im Freien stehenden Altar des Zeus von Frommgesinnten niedergelegt wurden. Beklagte Diopeithes sich über den Frevel bei Kallikrates, so berief dieser sich achselzuckend auf die gesetzlichen Vorrechte des Tieres und auf die Bereitwilligkeit der öffentlichen Schatzmeister, den von ihm etwa angerichteten Schaden zu vergüten. So mit seinen Klagen wenig erwirkend, hatte der Priester längst dem frechen Tiere Rache geschworen.

Dieses aber, blindlings in sein Verderben rennend und das Maß seiner Frevel unbewußt erfüllend, vermaß sich eines Tages, durch die zufällig offene und unbewachte Tür ins innerste Heiligtum des Erechtheus und der Athene Polias sich einzuschleichen, und die entsetzten Tempeldiener trafen es mit verwegener Schnauze an einem frischen Kranze naschend, mit welchem man das uralte Holzbild der Göttin am Morgen jenes Tages umwunden hatte.

Am nächsten Tage lockte Diopeithes den Maulesel des Kallikrates heimlich an sich und warf ihm einen Kuchen vor.

Am Abende desselben Tages fand man das Tier verendet liegen an den Stufen des Parthenon.

Einer von den Arbeitern des Kallikrates hatte es aus der Ferne bemerkt, daß der Erechtheuspriester dem Maultiere eine Speise vorgeworfen, und nun waren alle überzeugt, das Tier sei der Rache des Diopeithes zum Opfer gefallen.

Einige schwuren, ihn dafür zu züchtigen, sammelten sich vor dem Erechtheion und überhäuften den Priester mit lauten Schmähungen. wäre nicht der zur rechten Zeit erscheinende Mnesikles eingeschritten, so wäre es dem Diopeithes unter den Händen der Werkleute des Kallikrates übel ergangen.

Voll war jetzt die Schale des Zorns im Busen des Erechtheuspriesters. Er konnte nicht länger säumen, sich Lust zu machen, Hand ans große, langbedachte Werk der Rache zu legen.

Eine Sturmnacht war es, eine Nacht, in welcher der Himmel sich verdüstert hatte und zerrissene Wolken den Mond umflogen. Da kamen in der öden Eumenidengrotte auf dem Hügel des Areopag drei Männer zu heimlicher Unterredung zusammen.

Diopeithes war einer von diesen Männern, und er war es auch, der die beiden anderen zur Unterredung dorthin eingeladen. Denn allzu sehr den Späheraugen des Kallikrates ausgesetzt war auf der Akropolis sein Verkehr mit den heimlichen Verbündeten.

Der zweite jener Männer, welche in der Eumenidengrotte auf dem Areshügel zusammenkamen, war der von Perikles gestürzte Oligarch Thukidydes. Er und Diopeithes betraten zuerst die Grotte. Nun kam der dritte der Männer, halb vermummt, einem nächtlichen Diebe nicht unähnlich, auf leisen Sohlen geschlichen.

Mit einer gewissen Neugier blickte der Oligarch diesem dritten entgegen. Diopeithes hatte ihm den Namen desselben nicht genannt. Als aber nun der neue Ankömmling den beiden anderen Männern in der verborgenen Grotte gegenüber stand und das Antlitz desselben beim einfallenden Lichte des in demselben Augenblicke sich zufällig entschleiernden Mondes sichtbar wurde, da fuhr der Oligarch mit einer unwilligen Gebärde zurück. Seine Lippen umspielte ein Lächeln des Unmuts und der Verachtung.

Er hatte die plumpen Züge des Gerbers Kleon erkannt, des ihm und der gesamten Oligarchenpartei tödlich verhaßten Volksredners, dessen roher Ungestüm mit polternden Reden auf der Pnyx die von Perikles begründete, aber auch durch seine weise Einsicht gezügelte und gelenkte Volksherrschaft über jede Schranke hinauszutreiben bestrebt war.

Mit Staunen und Unmut wendete sich der Oligarch zu Diopeithes:

»Mit welchem Manne«, sagte er, »führst du mich da zusammen?«

Aber auch Kleon warf mit dem Ausdrucke der Verwunderung in den Mienen und mit einem spöttischen Lächeln dem Erechtheuspriester die Aeußerung entgegen: »Einen wunderlichen Bundesgenossen bietest du, o Diopeithes, dem Volksmann Kleon!«

»Ich habe euch nicht hierher geladen«, sagte der Erechtheuspriester, »um den Kampf der Oligarchie und der Volksherrschaft mit einander auszufechten. Ich habe euch gerufen zum gemeinsamen Kampfe gegen gemeinsame Feinde.«

»Soll ich Feinde bekämpfen«, sagte der Oligarch, »zum Vorteil eines Mannes, der ärger ist als sie?«

»Soll ich die Gegner verderben«, sagte Kleon, »mit Hilfe desjenigen unter diesen Gegnern, der mir vor allen am meisten verhaßt ist?«

Von solcher Art waren die Ausrufe der beiden Männer im Augenblicke der ersten Begegnung.

Aber nach einer Stunde heimlichen Gesprächs, im welchem das Wort meist der schlaue und tückische Erechtheuspriester führte, hätte ein Späherauge, wenn ein solches gewacht hätte in jener öden Nacht auf dem Felshügel des Ares, dieselben beiden Männer, beim Heraustreten aus der Grotte sich, wiewohl nur flüchtig und ohne Herzlichkeit, die Hände reichen sehen.

Diopeithes befaßte sich scheinbar gar nicht mit politischen Dingen. Er stand mit dem wüsten Volksführer Kleon auf so gutem Fuße, wie mit dem Oligarchen Thukidydes. Er kämpfte, so behauptete er, nur für das Ansehen der Götter des Landes und ihrer Heiligtümer. In diesem Kampfe ihn zu unterstützen, trug weder der Volksmann, noch der Oligarch Bedenken, wenn sie dafür, wie sie beide glaubten, eines nicht zu verachtenden Bundesgenossen in der Verfolgung ihrer eigenen Pläne sich versicherten. In der Tat aber waren beide nur Werkzeuge in der Hand des weit schlaueren Priesters, dessen einziges Ziel war, seine persönlichen Feinde, zunächst Anaxagoras, Pheidias und Aspasia, zu verderben.

Um diese zu verderben, mußte er sie in gefährliche Anklagen verwickeln. Um sie anklagen zu können, hatte er ein auf sie berechnetes Gesetz persönlich veranlaßt. Damit sie aber verurteilt würden, mußte er des Volkes sicher sein.

Er mußte Einfluß zu gewinnen suchen auf die Stimmen der Menge. Dazu aber bedurfte er der Helfer und Bundesgenossen.

Daher seine Befreundungen, sein heimlicher Verkehr mit Personen der verschiedensten Art. Sein erster, gleichsam vorbereitender Angriff sollte dem Anaxagoras gelten, dann sollte ein Hauptschlag, der auch den Perikles mit treffen mußte, gegen Aspasia geführt werden. Zuletzt sollte das Schwerste, das anscheinend Unmögliche versucht und alle Kräfte vereinigt werden zum Sturze des von der großen Mehrzahl des Athenervolkes geliebten Perikles.

Er spürte alles auf, was in Athen von Gegnern Aspasias zu finden war, und scharte es insgeheim um sich. Er lenkte und führte es wie ein wohlgeordnetes Heer und verwendete jeden einzelnen als Kämpfer und Sendboten in einem bestimmten Kreise.

Er stand durch die ihm nahe Poliaspriesterin in Beziehung zur Frauenwelt Athens, zu Telesippe und der Schwester des Kimon. Er knüpfte Verbindungen an mit dem finsteren Agorakritos. Er machte sich zum Bundesgenossen eines Kratinos, eines Hermippos und der anderen Komödiendichter, welche gegen Aspasia doppelt aufgebracht waren, seit auf ihre Klagen hin Perikles sich endlich entschlossen hatte, die Zügellosigkeit der Komödie zu beschränken. Seine Verbindungen erstreckten sich bis auf den tollen Menon, den gewesenen Sklaven, den stadtbekannten und bei der Hefe des Volkes beliebten Sonderling, welcher willig die Hände zu allen Ränken bot, und welcher es gerne auf sich nahm, mit boshaften und sarkastischen Einfällen, rohen Scherzen und plumpen Erfindungen den Pöbel in den Straßen aufzuhetzen gegen die Philosophen und gegen das Weib des Perikles.

Kaum war ein Mond verstrichen seit der Zusammenkunft jener drei Männer auf dem Areshügel, als die größere Hälfte des Athenervolkes durchdrungen war von feindseliger Gärung wider Aspasia und wider die besten Freunde des Perikles.

Was den Anaxagoras betraf, so war man darüber einig, daß er ein Gottesleugner sei.

Es gab kaum einen, der nicht irgend eines kühnen Ausspruchs sich erinnert hätte, welchen er auf der Agora, im Lykeion oder an einem anderen öffentlichen Orte aus dem Munde des Philosophen vernommen. Was man früher kaum beachtet, ja zum Teil mit Beifall aufgenommen, das fand der Wankelmut des Volks nun auf einmal bedenklich, nachdem die Stimmung umgeschlagen und durch den mit Diopeithes heimlich verbündeten Kleon Haß gegen die Philosophen in der Hefe des Volkes gesät worden war.

Eines späten Abends, als die Straßen von Athen schon menschenleer geworden, ging ein Mann mit eiligen und verstohlenen Schritten, nicht ohne eine gewisse Besorgnis, gesehen zu werden, um sich blickend und offenbar im schütze des Dunkels, das bei wolkenverhangenem Himmel ihn umgab, von der Tripodenstraße herkommend, in der Richtung gegen den Ilissos hin.

Er war ohne das Geleit eines Sklaven, welcher doch sonst hinter einem nächtlichen Wanderer mit einem Fackellichte herzugehen pflegte. Als jener Mann den Ilissos erreicht hatte, überschritt er denselben und setzte seinen Weg fort bis zum itonischen Tore, wo nur mehr wenige und unansehnliche Behausungen standen.

An eines dieser unansehnlichen Häuser klopfte der Mann. Es wurde ihm geöffnet, und er sprach leise ein paar Worte mit dem öffnenden Sklaven.

Darauf führte ihn dieser in das Schlafgemach eines Greises. Das Gemach war ärmlich, und auf einem ärmlichen Lager ruhte der Greis.

Dieser Greis war Anaxagoras, und sein später, nächtlicher Besucher war Perikles.

Ein wenig verwundert blickte der Alte auf den Freund, den er nun schon geraume Zeit nicht gesehen, und von welchem er sich beinahe vergessen glaubte.

»Nicht mit einer erfreulichen Botschaft«, sagte Perikles, »bin ich veranlaßt, deinen nächtlichen Schlummer zu stören; aber daß ich es bin, der sie dir bringt, mag dir als eine tröstliche Vorbedeutung erscheinen. Und nicht als Bote bloß, sondern auch als Berater und Helfer möchte ich gekommen sein.«

»Wenn es nur mehr die schlimmen Nachrichten sind«, versetzte der Greis, »welche den Perikles zu seinem alten Freunde Anaxagoras führen, so mögen auch diese willkommen sein. Sprich es einfach und ohne Rückhalt aus, was du zu sagen hast!«

»Der ehrgeizige und, wie ich weiß, von dem Erechtheuspriester heimlich geköderte Kleon hat am heutigen Tage eine Klage wider dich auf Leugnung der Götter beim Archon Basileus übergeben.«

»Auf Götterleugnung«, sagte ruhig Anaxagoras, »steht, so viel ich mich erinnere, der Tod nach dem Gesetze des Diopeithes. Eine gelinde Strafe für einen alten Mann!«

»Ein bedrohtes ehrwürdiges Greisenhaupt«, versetzte Perikles, »erweckt größeres Mitleid als ein jugendliches. Indessen für deines Hauptes Sicherheit würde ich mit dem meinigen einstehen. Ich selbst würde vor deine Richter hintreten als dein Fürsprecher und für dein Haupt, wenn es nötig sein sollte, das meinige bieten. Was ich aber zu hindern nicht im stände bin, ist dies, daß man bis zur Entscheidung deiner Sache dich in den Kerker führen wird – und lange währen kann die schnöde, mitleidlose Haft.«

»Laß sie mich gefangen setzen«, erwiderte Anaxagoras. »was hilft es mir, den Fuß frei zu haben, wenn mein Wort es nicht mehr ist?«

»Das wird vorübergehen!« versetzte Perikles. »Auch deinem Worte wird die Freiheit wieder gegeben werden und eine Beute der nagenden Mäuse wird das Gesetz werden, welches der Erechtheuspriester tückisch bei dem eingeschüchterten Volke durchgesetzt, als ich fern von Athen weilte und mein Wort nicht zur Entscheidung in die Wagschale werfen konnte. Für jetzt aber weiche der Nötigung des Augenblicks. Erhebe dich und binde die Sohlen unter deine Füße. Verlaß unverweilt und heimlich Athen für einige Zeit! Alles ist vorbereitet zu deiner Flucht. Drunten an der einsamen Bucht von Phaleron steht ein Fahrzeug bereit, dich dorthin zu tragen, wohin du selbst es willst. Mit meinem Freunde Kephalos habe ich alles für dich beraten und vorgesehen, und er selbst wird dich geleiten auf deiner Flucht, bis dein erkorenes Asyl erreicht ist. Schwer fällt mir's, in der Nacht ans Lager des schwachen Greises zu treten und ihm zu sagen: Mache dich auf und gehe! Aber ich muß es. Im verschwiegenen Dunkel dieser Nacht noch führe ich dich selbst hinab zur Bucht von Phaleron, wo Kephalos dich erwartet.«

»Ich habe keinen triftigen Grund zu gehen«, sagte Anaxagoras, »aber noch weniger einen, zu bleiben, denn ich bin alt, und alle Wege der Welt führen zur letzten Ruhe des Hades. Und wenn der Mann in Phaleron mit dem Fahrzeug auf mich wartet, warum sollte ich ihn vergebens warten lassen? Bringt mich an die mysische Küste, nach Campsakos! Dort wohnen mir befreundete Männer. Dort mögen sie mich bestatten und das Wort Wahrheit auf mein Grab setzen, und die Enkel der Athener mögen es lesen, wenn sie Lampsakos besuchen und sehen, daß man am Gestade des Hellespont, nahe dem Gebiete der Barbaren, der Wahrheit und einem sterbenden Greise, der sie predigte, eine Stätte vergönnt hat. Rufe meinen alten Sklaven, Perikles, damit er mir die Sandalen an die Füße bindet und jenen zweiten Chiton dort und die wenigen Bücherrollen in ein Bündel schnüre und mich damit ans Meer hinunter und weiter, wenn er will, begleite. Der Greis erhob sich mit Hilfe des Perikles von seinem Lager, ließ sich von dem Sklaven die Sandalen unter die Füße binden, bekleidete sich mit dem Chiton, und in einigen Augenblicken war er bereit zur Wanderung.

Dann gingen die beiden Männer, hinter ihnen der Sklave, unter dem Schutze der tiefen, dunklen Nacht still durch das itonische Tor und hinunter neben der langen Mauer auf dem öden Wege gegen die Bucht von Phaleron.

Nun hatten sie die Bucht erreicht und fanden den Kephalos an einer felsumhegten Stelle, wo das Meer nur leise wie im Traume, an das Ufer schlug. Mit schweigendem Händedruck begrüßten sich die Männer.

Anaxagoras stand bereit, sich von Perikles zu verabschieden und vom Strande hinab in das Fahrzeug zu steigen.

Und indem sich beide zum Abschiede die Hände reichten, sah Perikles mit einem Blicke tiefer Rührung auf den Greis, der nächtlicherweile hinausgestoßen ward in die Fremde und auf das wogende Meer.

»Warum bedauerst du mich?« sagte der Greis. »Mich trifft in der Welt nichts unvorbereitet. Ich habe in meinem langen Lebenslaufe Stück für Stück von dem, was in uns fähig ist zu leiden, ertötet. Als feuriger Jüngling litt ich viel, ich sah, wie verlockend das Leben, aber auch wie flüchtig und eitel. Da warf ich alles nach und nach von mir und tauchte immer tiefer hinab in die ruhigen Abgründe wunschloser Verachtung. So bin ich alt geworden und morsch mein Leib, aber die feste Säule des unzerstörbaren Friedens steht unverrückbar fest in meiner Seele. Auf das schwanke Meer vermeint ihr Athener mich hinauszusenden und auf sicherem Festlande zurückzubleiben. In der Tat aber bin ich es, der vom ruhigen Strande aus euch schwanken sieht auf wüstbewegter Schaukelwelle des Lebens! – Dir, mein Freund, ist anders als mir das Los gefallen. Du hast dem Schönen, dem Glücke, dem Leben, dem Genusse, der Herrschaft, dem Ruhme nachgetrachtet. An einem schönen Weibe hängst du, das deine Sinne gefangen nahm, an einem Weibe, schön genug, dich zu beseligen. Selig preis' ich dich darum, aber soll ich dich auch glücklich preisen? Selig ist der Genießende, aber glücklich nur, wer nichts verlieren kann, und welchen das Leben zu täuschen nicht vermag, weil er nichts von ihm fordert.« »Verschiedene Wege zu gehen«, erwiderte Perikles, »ist dem Sterblichen vom Schicksal zugeteilt. Ich habe vielem nachgetrachtet, manches erreicht, aber erst der letzte Augenblick schließt die Rechnung ab, und nur der Tod zieht die Summe des Lebens. Ich hänge, wie du sagst, an einem Weibe. Einen Bund neuer Art bin ich mit ihr eingegangen, zu schönem, freiem und edlem Genusse des Daseins. Neues zu erproben vereinigten wir uns, und wie es in der Probe sich bewähren wird, noch ist es meinem Geiste verborgen. Manches Verwirrende tritt dazwischen, ein bitterer Tropfen fällt zuweilen in den Freudenkelch, und etwas wie Unruhe überschleicht nicht selten mein Gemüt. Habe ich vielleicht allzu viel der Schönheit und dem Leben und dem Glücke und ihren leuchtenden Verheißungen vertraut? Wie immer es kommen mag, die Würfel des Lebens sind gefallen, und das Geschick will männlich erfüllt sein!« –

So tauschten Perikles und Anaxagoras in stiller Nacht, am Wogenschlage des Meeres von einander Abschied nehmend, das Tiefste und Innerste ihrer Seelen aus.

Dann gedachten sie ihrer vierundzwanzigjährigen, herzlichen Freundschaft und umarmten und küßten einander.

Anaxagoras blickte noch einmal nach der dämmernden Stadt zurück und sprach:

»Lebewohl, du Stadt der Pallas Athene! Lebewohl, attische Erde, die du mir lange gastlich gewesen! Du hast meinen Samenkörnern eine Stätte geboten. Aus dem, was sterbliche Hände säen, keimt Gutes und Schlimmes allzugleich; aber nur das Gute hat unsterbliche Dauer. Ruhig und mit Segenswünschen trete ich, von dir scheidend, hinab in das schwankende Fahrzeug und vertraue als Greis derselben Woge mich wieder, die mich als jugendkräftigen Mann an dein Gestade getragen!«

Nach diesen Worten stieg der Weise von Klazomenä in das Fahrzeug hinab.

Noch einmal winkte er mit erhobenem Arme dem Perikles, dann erklangen einige Ruderschläge – ein leises Wellengeplätscher – und das Schiff glitt still und rasch über den grauen Wellenspiegel ins umdunkelte offene Meer hinaus.

Einige Meervögel in den Klüften des Felsufers fuhren aus ihrem Schlummer empor, sträubten ein wenig die Schwingen und entschlummerten wieder.

Perikles stand am einsamen Ufer und sah dem enteilenden Fahrzeug lange nach.

Dann ging er in tiefen Gedanken zurück gegen die Stadt, umweht von den kühlen Schauern des ersten Morgengrauens.

Als er auf die Agora kam, sah er, daß trotz des frühen Morgens schon eine große Menge Volkes um die sogenannte königliche Halle sich drängte.

Die Menge staute sich vor einer Schrift, welche eine Veröffentlichung des Archonten enthielt. Es war die Abschrift einer öffentlichen Anklage.

Da nun das Gedränge groß war und die Untenstehenden ungeduldig wurden, so las ein hochgewachsener Mann mit Stentorstimme diese Anklageschrift vor, welche ausgehängt war vor dem Amtssitze des Archon Basileus in der königlichen Halle.

Sie lautete wie folgt:

»Anklage, unterzeichnet und vertreten unter eidlicher Bürgschaft von Hermippos, Sohn des Lysides, gegen Aspasia, Tochter des Axiochos von Milet: Aspasia ist schuldig des Verbrechens, die Götter des Landes nicht anzuerkennen, unehrerbietig gesprochen zu haben von den heiligen Gebräuchen der Athener, sich den Erörterungen und Meinungen der götterleugnenden Philosophen anzuschließen. Sie ist ferner schuldig des Verbrechens, durch gefährliche Reden die Jugend zu verführen und zu verderben, und sowohl junge Mädchen, welche sie bei sich im Hause hält, als auch freigeborene Frauen, welche sie bei sich empfängt, zur Zuchtlosigkeit und zur Preisgebung ihrer selbst zu verleiten. Strafantrag: der Tod.«

Laut erklangen diese Worte über den Markt hin, als eben Perikles, unbemerkt von dem der königlichen Halle zugewandten Volke, vorüberging. Er erbleichte ...

»Heissa!« rief einer in der Menge. »Das fällt ins Eheglück des Perikles, wie der Blitzstrahl in ein Taubennest!«

»Und Hermippos der Ankläger!« rief ein zweiter. »Hermippos, der Komödiendichter!«

»Das war zu erwarten!« versetzte ein dritter. »Hab' es selber aus des Hermippos Munde gehört, nachdem Perikles auf Aspasias Antrieb der Komödie die Flügel beschnitten. Nur zu! sagte er; wenn man uns auf der Bühne den Mund schließt, so werden wir auf der Agora ihn öffnen!« – Selten waren durch eine Anklage die Gemüter der Athener in gleichem Maße erregt, selten der Widerstreit der Parteien in solchem Maße entstammt worden, als durch die Anklage der Gattin des Perikles, und mit nicht geringer Ungeduld sah man dem Tage entgegen, an welchem die Klage vor den Heliasten öffentlich verhandelt werden sollte.

Zur selben Zeit kam Pheidias von Olympia nach Athen zurück, und Diopeithes war nicht wenig erbittert, als er den ihm verhaßten Mann nun wieder häufig auf der Akropolis hin und her wandeln, mit Mnesikles und Kallikrates sich unterreden und durch seinen Rat die Arbeiten der Propyläen fördern sah.

Eines Tages erblickte Diopeithes, hinter den Säulen des Erechtheion stehend, den Pheidias in Gesellschaft seines einstigen Lieblings Agorakritos. Die beiden Männer schritten eine Zeitlang in Gesprächen zwischen dem Parthenon und dem Erechtheion auf und nieder, dann näherten sie sich einem Marmorblock, welcher ganz in der Nähe des von ihnen nicht bemerkten Diopeithes lag, ließen auf diesen sich nieder und setzten, hier ruhend, ihre Unterredung fort. Dem Erechtheuspriester war es leicht, das ganze Gespräch der beiden mitanzuhören.

»Wunderbare Wege«, sagte Agorakritos, »beginnt die Bildkunst der Athener einzuschlagen. Dinge von eigentümlicher Art finde ich, nach mancher Irrfahrt Athen wieder besuchend, zur Schau gestellt in den Werkstätten der jüngeren Kunstgenossen. wo ist die alte Erhabenheit und Würde hingeschwunden? Hast du den Eingeweideröster des Styppax gesehen? Wir wendeten unser Bestes an die Bilder der Götter und Heroen; und nun wird mit allen Feinheiten der Kunst ein armseliger Sklave hingestellt, welcher, Eingeweide röstend, aus vollen Backen das Feuer anbläst. Des jungen Strongylion Kunst versucht sich an der wüsten Aufgabe, das trojanische Pferd in Erz zu gießen, von Demetrios sah ich einen alten Mann mit Schmerbauch und kahler Platte des Hauptes, strotzenden Adern und einem Barte, von welchem einzelne Haarbüschel wie vom Winde bewegt aus der Masse herausflattern.«

»Die Bildner würden nicht solches schaffen«, sagte Pheidias, »wenn es nicht anfinge, den Athenern zu gefallen, wer möchte verkennen, daß Entartung leider sich einschleicht in Herz und Adern des Athenervolks, wie in der Bildkunst das Häßliche anfängt, sich neben das Schöne zu stellen, so wird ja auch auf der Pnyx neben dem olympischen Rededonner des edlen Perikles mehr und mehr das wüste Geschrei eines Kleon vernehmlich, Und vordem hatten wir einen Hipponikos und einen Pyrilampes, jetzt haben wir ihrer hundert.«

»Ueppigkeit und Genußsucht überwuchert«, sagte Agorakritos. »Und wer hat sie zuerst offen gepredigt, die Botschaft der Ueppigkeit und der Genußsucht? Seit die Freundin des Perikles meinem, und fast darf ich sagen, auch deinem Werke einst den Preis entriß, zu Gunsten des übermütigen Alkamenes, seit jenem Tage ist der Groll gegen das betörende Weib mir nicht aus der Seele geschwunden. Als sie schnöde meine Aphrodite zur Nemesis umdeutete, da zuckte mir durchs Gehirn der Gedanke: Ja, zur Nemesis soll sie dir werden, meine Aphrodite! Du sollst sie empfinden die Macht der rächenden Göttin! Und in der. Tat, mit langsamen, aber sicheren und unabwendbaren Schritten naht sie, die Rache!«

»Gleichmäßig und billig werden die Götter richten!« versetzte Pheidias ernst. »Und wenn sie den lächelnden Uebermut der Milesierin dämpfen, so werden sie auch die geheime Tücke jenes Diopeithes strafen. Zu dessen Bundesgenossen dein Rachedurst dich gemacht hat. Was wir auch immer an dem Weibe des Perikles zu tadeln und zu rächen haben mögen, vergiß nicht, daß ohne ihr mutiges und herzeinschmeichelndes Wort die Zinnen unseres Parthenon nicht hier vollendet emporragten, und daß wir keinen grimmigeren Widersacher bei eben diesem Werke gehabt haben, als den tückischen Erechtheuspriester!«

»Du wirfst dich also zum Freunde und Beschützer der Milesierin auf?« sagte Agorakritos.

»Nicht das!« versetzte Pheidias. »Ich liebe Aspasia so wenig als den Erechtheuspriester, und ich weiche beiden aus, indem ich von Athen sogleich wieder zurückgehe nach dem mir lieb gewordenen Olympia. Ich habe die Elier dankbarer gefunden als die Athener. Ich habe, dünkt mich, genug getan für Athen. Den Rest meiner Tage will ich dem großen Hellas weihen. Ich überlasse Athen seinen Aspasien, seinen Demagogen, seinen Schlemmern und seinen tückischen, nichtswürdigen, rachesüchtigen Erechtheuspriestern!«

»Du tatest recht«, sagte Agorakritos, »daß du Athen den Rücken kehrtest; die Athener hätten vielleicht selbst deine Kunst verweichlicht und verderbt: nach ihrem neuesten Geschmacke müßtest du vielleicht Priape meißeln statt der olympischen Götter« ...

»Oder dieses Bettlers ekle Mißgestalt, die auf der reinen Höhe wie ein sumpfentschlüpfter Molch sich sonnt!« sprach Pheidias und wies auf den wohlbekannten Krüppel Menon hin, der eben zwischen den Säulen in der Sonne lag.

Der Bettler hatte die Worte des Pheidias vernommen, grinste, ballte hinter ihm die Faust und sandte ihm eine Verwünschung nach.

Pheidias erhob sich mit Agorakritos, und einen Schritt weiter in der Richtung des Erechtheion machend, sah er Diopeithes hinter den Säulen stehen.

»Ei siehe, wie wachsam sind die Eulen des Erechtheion!« sagte Pheidias.

»Einen düsteren Blick des Hasses warf der beschämte Lauscher auf den Bildner herüber.

»Scharfe Schnäbel und scharfe Klauen haben sie, die Eulen des Erechtheion!« rief er. »Gib acht, daß sie nicht zur Unzeit deinem Auge begegnen!«

So Diopeithes. Der Bildner aber wiederholte auch jetzt wieder jenes homerische Wort:

»Nie läßt mich zittern Pallas Athene!«

»Wohlan!« murmelte vor sich hin Diopeithes, als die beiden Männer sich schon abgewendet hatten. »Baue auf den Schutz deiner Pallas, ich baue auf die Macht der meinigen! Lange genug vorbereitet ist er, der Entscheidungskampf zwischen deinem goldelfenbeinernen Machwerk und dem echten alten Götterbilde da drinnen im heiligen Räume des Erechtheion!«

Er wollte sich eben entfernen, als der tolle Menon mit seiner Krücke, noch immer den Pheidias im Selbstgespräche schmähend, gegen eine der glatten, schimmernden Säulenschäfte schlug, so daß ein Splitter davon lossprang.

Dies gewahrend, trat Diopeithes näher zu Menon heran; die Blicke des tollen Bettlers und des Erechtheuspriesters begegneten sich.

Sie kannten einander.

Menon war einst, wie schon erwähnt, mit den übrigen Sklaven seines angeklagten Herrn gefoltert worden. Nicht anders als mit der Folter wurden hellenische Sklaven vor Gericht befragt. Unter der Folter also hatte Menon seine Aussage gemacht, und auf Grund derselben Aussage war der Athener freigesprochen worden. Aber dem Sklaven Menon war von der Zeit jener peinlichen Befragung vor Gericht eine Verkrümmung der Glieder zurückgeblieben. Er war zum Krüppel geworden. Aus Mitleid hatte sein Herr ihn freigegeben und ihm, als er starb, eine beträchtliche Summe vererbt. Der halbverrückte Menon aber warf das empfangene Geld in den Erdschlund des Barathron und zog es vor, als müßiger Bettler unter den Athenern sich umherzutreiben. Er lebte zum Teil von den Speisen, welche man den Toten auf die Gräber legte, wenn er im Winter fror, so wärmte er seine gichtbrüchigen Glieder an den Essen der Schmiede oder an den Öfen der öffentlichen Bäder. Sein Lieblingsaufenthalt war ein unheimlicher Ort in Melite, wo man die Körper der Hingerichteten und die Stricke und Kleider der Selbstmörder hinwarf. Er sammelte die Stricke sorgfältig und zählte sie täglich. Ein Hund, welcher räudig geworden und deshalb von seinem Herrn fortgejagt worden, war ihm zugelaufen und seither unzertrennlich von ihm. Menon war von boshafter, tückischer Natur, und sein höchstes Vergnügen schien es, wenn er Unfrieden stiften konnte oder anderes Unheil unter dem Volke, von einem heimlichen Rachegefühl schien er durchdrungen, und alles was er tat, schien darauf berechnet, das Sklaventum an den freien Unterdrückern zu rächen. Absichtlich gab der zum Krüppel Gefolterte sich verrückter als er war, um den Athenern ungescheut die derbsten Wahrheiten ins Angesicht zu schleudern und überhaupt alles wagen zu dürfen, was man einem Menschen von gesunden Sinnen nicht verziehen hätte. Er war immer auf der Agora oder sonst an öffentlichen Orten zu sehen, und auch auf der Akropolis war er heimisch geworden, wo er im Schwarme der Werkleute sich umhertrieb. Denn überall befand er sich wohl, wo es von Menschen wimmelte und wo er seine tückische Rolle zu spielen vermochte.

Insbesondere aber hatte es ihm auf der Akropolis von dem Augenblicke an gefallen, als er gemerkt hatte, daß der Erechtheuspriester Diopeithes und der Baumeister Kallikrates mit Erbitterung sich befehdeten. Er schien seine Aufgabe darin zu finden, die Tempeldiener des Erechtheuspriesters und die Leute des Kallikrates gegen einander zu hetzen. Er ließ sich auch willig als Zwischenträger oder als Späher verwenden. Beiden Parteien diente er und beide haßte er gleichmäßig, wie er alle haßte, welche freigeboren und Athener waren. Diopeithes selbst unterredete sich zuweilen mit ihm und erkannte bald die Brauchbarkeit dieses Werkzeuges, war der Mann doch immer unter dem Volke, erspähte und belauschte alles. Niemand glaubte vor dem Blödsinnigen etwas verbergen zu müssen, und der beißende Witz seiner bösen Zunge machte ihn ebensowohl beliebt als gefürchtet auf dem Markte und in den Straßen.

Menon also und Diopeithes kannten einander und sie verstanden sich sehr gut. Der Instinkt des heimlichen Grolls und der Rachsucht machte den lahmen Bettler und den Priester zu Verbündeten.

»Du zürnst dem Pheidias?« begann Diopeithes.

»Schnappe der Höllenhund nach ihm mit seinen hundert Rachen zugleich! – Hochmütiger Wicht! Stieß mich immer zur Türe hinaus, wenn er es merkte, daß ich mich wärmte am Feuer der Schmelzöfen in seiner Werkstätte – faselte von meiner Ungestalt. – Du bist ein Unhold, Menon, sagte er, ein Scheusal! – wollte nur olympische Götter und Göttinnen um sich sehen – ha, ha, ha. – Daß der Blitz ihn erschlage, ihn und die sämtlichen Athener!«

»Du verweiltest also öfter in seiner Werkstätte?« –

»Sah mich nicht immer – ich aber ihn – Menon weiß zu kauern in Winkeln – sah ihn betreiben sein eitel gleißend Tagewerk – sah ihn hantieren, ihn und die Seinigen mit dem weißen Gestein und dem Erz und dem Elfenbein und dem gleißenden Golde« ...

»Sahst ihn hantieren mit dem Golde?«

Seltsame Lichter begannen bei diesem Worte um die Augen, die Lippen des Erechtheuspriesters zu spielen.

»Sahst ihn mit dem Golde hantieren, Menon?« wiederholte er mit unheimlich zwinkernden Augen; »mit dem gleißenden Golde, welches die Stadt der Athener ihm in seine Werkstätte geliefert, damit er daraus und aus dem Elfenbein die Götterbilder der Akropolis fertige?«

»Freilich, freilich – mit dem gleißenden Golde der Athener – sah ihn wühlen in ganzen Schatzkammern von Gold und Elfenbein – das flimmerte, das glitzerte« –

»Ob wohl das gleißende Gold der Athener immer alles in den Schmelzofen wanderte, Menon? Ob nicht vielleicht zufällig etwas davon hängen blieb unter den Fingern derjenigen, welche damit hantierten?«

Bei dieser lauernden Frage sah der Bettler den Priester grinsend an. Dämonisch zuckte es auf in seinem Angesicht.

»Ha, ha, ha«, lachte er – »Menon weiß zu kauern, zu lauern – sah ihn hantieren, auch wenn er sich allein und unbemerkt glaubte – sah ihn Schreine heimlich öffnen, wo das verborgene funkelte – ha, ha, ha – das helle Gold – das Gold der Athener – Augen machte er da wie ein schatzhütender Greif – griff darein wie mit Krallen – so – trat ihm der Schaum vor die Lippe, als er mich entdeckte – stieß mich zur Türe hinaus – wollte nicht, daß ich mich wärmte. – warte, du Wicht – blitze nur mit den Augen, alter, grauer Greif« ...

Und wieder erhob der Bettler den Krückenstock wie drohend gegen den Parthenon, als wollte er diesen dem Meister zum Trotz in Trümmer schlagen.

Nach einer kleinen Pause trat der Priester noch näher heran und flüsterte:

»Höre, Menon, was du da gesagt, würdest du das auch auf der Agora sagen – vor den sämtlichen Athenern?«

»Vor den sämtlichen Athenern – von den sämtlichen zwanzigtausend Lumpenhunden von Athenern! – Daß die Pest sie verderbe!«

Von der Stunde dieser Unterredung an verbreitete sich durch ganz Athen die Kunde von harten, stolzen, kränkenden Reden, welche Pheidias geführt habe gegen seine Kunstgenossen und gegen das gesamte Athenervolk. Erzählt wurde, wie er die Volksherrschaft geschmäht, und wie er, sein Vaterland verachtend, die Elier gepriesen, und wie er Athen den Rücken zu kehren und fortan nur anderen Hellenen seine Dienste zu weihen geschworen. Zugleich wurde geflüstert von dem Golde, das man ihm von Staats wegen geliefert, und das nicht rein und voll aufgegangen in den Schmelzöfen seiner Werkstätte ...

Wie ein böser Same ausgestreut, schossen diese Reden empor im Volke zu einer Giftsaat der Erbitterung und der Feindseligkeit auch gegen den edlen, still wirkenden Meister des Parthenon. –

Der Tag war gekommen, an welchem die Sache Aspasias vor den Heliasten unter dem Vorsitze des Archon Basileus in einem der Gerichtshöfe der Agora verhandelt werden sollte.

Vom frühen Morgen an umwogte das Volk den Gerichtshof.

Ruhig und gefaßt war an jenem Tage unter allen Athenern nur Aspasia selbst. Sie stand im oberen Gelasse des Hauses und blickte durch eine fensterartige, auf die Straße hinausgehende Öffnung auf den Schwarm hinab, welcher gegen die Agora zog.

Sie war etwas bleich, doch nicht vor Angst, denn um ihre Lippen schwebte ein verachtendes Lächeln.

Perikles trat zu ihr.

Er war bleicher als Aspasia, und ein tiefer Ernst lag auf seinen Zügen. Er warf schweigend einen Blick nach dem trüben Himmel hinauf. Es war ein grauer Tag. Schwärme von Kranichen zogen vom nordischen Strymon her über Attika, und ihr Gekrächze schien den Regen herbeizurufen.

Nun kam ein langer Zug von meist betagten Männern die Straße herauf. Es war die Abteilung der Heliasten, welchen die Sache Aspasias zugewiesen war. Es waren die Richter, vor welchen das Weib des Perikles sich stellen, von welchen ihr Urteil gesprochen werden sollte.

»Da, sieh die alten Bursche!« sagte Aspasia lächelnd und auf die Heliasten hinunterdeutend. »Die Hälfte von ihnen trägt schäbige Mäntel und hat ein hungriges Aussehen und stützt sich im Gehen auf die langen, mir unleidlichen Athenerstöcke, welche nicht einmal Pheidias in seinem Friese auf der Akropolis den Augen der Schönheitsfreunde erspart hat. Es sind auch welche darunter, die Knoblauch kauen und die schmutzigen Obolen, welche sie als Richtersold für diesen Tag soeben bekommen, zwischen die Lippen gesteckt tragen.«

»Es sind Männer aus dem Volke«, sagte Perikles achselzuckend, »Es sind Männer jenes Volkes der Athener, welches dir einst wohlgefiel, und welchem zuliebe du, wie du mir erzähltest, den Perserhof und dein schönes Milet verließest und von Sehnsucht getrieben übers Meer herüber kamst, um es aufzusuchen und unter ihm zu leben« ...

Aspasia antwortete nichts.

»Dieses Knoblauch kauende, lange Stöcke tragende, Obolen in den Mund steckende Athenervolk«, fuhr Perikles fort, »ist eben dasselbe, dessen Wohlgestalt und ungezwungener Anstand dir bewundernswert erschien, dessen Vaterlandsliebe dich rührte, dessen kunstsinniger Geist dir nicht bloß in den Werken der schaffenden Bildner und Poeten unvergleichlich schien, sondern auch in der Begeisterung, in dem feinen Verständnis der Schauenden, Hörenden und Genießenden« ...

»Nun aber weiß ich«, erwiderte Aspasia, »dem vielgerühmten, feinen attischen Volke ist ein Rest von Roheit, ich möchte sagen von Barbarei, noch immer beigemischt« ...

»Nichts vollkommenes wandelt unter der Sonne!« sagte Perikles, »und großen Richtern gesellen sich um so größere Schatten. Ich erinnere mich, kürzlich in der Werkstätte eines unserer Bildner ein sonderbares Bildwerk gesehen zu haben: es war eine Gestalt mit Flügeln an den Schultern und mit Bocksfüßen. Dieser Mischgestalt ähnlich erscheint mir das athenische Volk. Es ist beschwingt zum höchsten Fluge, aber es wandelt auch auf Bocksfüßen. Im übrigen bedenke, daß das athenische Volk seine größten Vorzüge für sich allein hat, seine Schwächen aber mit andern teilt. Und wie das schönste Weib noch immer Weib, so bleibt das begabteste Volk noch immer Volk, behaftet mit den Schwächen und Leidenschaften dessen, was man eben das Volk, die Massen, die große Menge nennt.«

»Mehr als andere«, rief Aspasia aufwallend, »ist das athenische Volk undankbar, wankelmütig, von jedem Hauche erregbar, leichtgesinnt« ...

»Aber es ist liebenswürdig!« sagte Perikles mit leichter Ironie, »und genußliebend und heiter und ein begeisterter Freund und Pfleger des Schönen ... was willst du noch mehr, Aspasia? – Hast du nicht selber oft genug den armen Grübler Sokrates belächelt und bespöttelt, weil er vom Volke der Athener noch andere Tugenden zu verlangen schien, als diejenigen, die ich eben dir nannte?«

Aspasia wandte stolz und wie verletzt sich ab.

»Es ist Zeit«, sagte nach einer Pause Perikles, »zu gehen und uns in den Gerichtshof auf die Agora zu begeben, wo die Richter dich erwarten. – Hast du keine Furcht, Aspasia? Deine Züge verraten nichts davon, willst du die bange Besorgnis mir allein zu tragen überlassen?«

»Ich fürchte«, versetzte Aspasia, »weit mehr des Knoblauchs Mißduft in jenen Räumen, als das Urteil, das aus dem Munde jener Männer mich treffen kann. Noch fühle ich von demselben Mute mich beseelt, der unter dem Pöbel von Megara und im Volksgedränge der Straßen von Eleusis in mir aufflammte.«

Während dieses Gesprächs der beiden waren die Heliasten im Gerichtshofe auf der Agora angelangt, auch der Archon Basileus mit einigen untergeordneten Amtspersonen, öffentlichen Schreibern, hatte sich eingefunden, ferner die aufgerufenen Zeugen des Klägers und der Angeklagten.

Vor dem Gerichtshofe aber tummelte sich der Schwarm des Volkes in lebhafter Bewegung. Bunt durcheinander schwirrten da die Reden, Urteile, Wünsche, Vorhersagungen. Man konnte Gegner, man konnte Anhänger der Angeklagten, man konnte Unparteiische vernehmen.

»Wißt ihr, warum sie den Anaxagoras angeklagt haben und die Aspasia?« rief einer, »weil sie den Perikles empfindlich treffen möchten und sich an ihn selber nicht wagen. Denn es gibt keinen Menschen in ganz Athen, der es wagen möchte, den Perikles selber offen anzugreifen« ...

»Aber könnte man's nicht?« rief ein verschmitztes Männchen mit lauernden Augen, herantretend. »Könnte man's nicht? Könnte man von Perikles nach langjähriger Verwaltung nicht bessere und genauere Rechnungslegung verlangen, als er bisher geleistet hat? Kommen in seinen Rechnungen nicht Kosten vor mit der bloßen Bezeichnung: »Zweckmäßig verwendet«? was soll das heißen, ich bitt' euch, zweckmäßig verwendet? He? Kann man dem Volke frecher Sand in die Augen streuen? Hört doch einmal, zweckmäßig verwendet« ...

So rief der Mann und setzte seinen Weg durch die Menge fort und fragte überall, was das heißen solle: »zweckmäßig verwendet!«

»Das sind Summen«, bemerkte ihm einer geheimnisvoll, »welche Perikles aufgewendet, um einflußreiche Männer im Peloponnesos mundtot zu machen, damit sie nichts Böses anstiften gegen Athen« ...

»Damit sie ihn nicht hindern an der Aufrichtung der Tyrannis zu Athen!« fiel der Verschmitzte mit den lauernden Augen höhnisch lachend ein. »Denn wenn ihr euch einbildet, daß der gelehrte Perikles, so oft er mit seinen Freunden flüstert, mit ihnen nur Flohfußlängen und Mückensteißweiten berechnet, so irrt ihr! Er faselt schon lange von der Einheit des Gesamthellenenlands – er möchte, um es kurz herauszusagen, Tyrann von ganz Hellas werden. Sein Weib, die Milesierin, hat ihm diesen Wurm ins Ohr gepflanzt, der sich jetzt in sein Gehirn einbohrt und ihn in Raserei versetzt. Nach nichts Geringerem als nach einer Krone gelüstet's dieser Hetäre: sie möchte gerne Königin heißen – Königin von Hellas; die Lorbeern ihrer Landsmännin lassen sie nicht schlafen.«

So der scharfzüngige Tyrannisriecher. Im Gerichtshofe auf der Agora aber saßen bereits, des Beginns der Verhandlung gewärtig, auf ihren hölzernen Bänken die Richter. Den Vorsitz führte der Archon Basileus, umgeben von Schreibern und Dienern.

Von Schranken umschlossen war die Gerichtsstätte, eine Gittertür gewährte nur denjenigen Einlaß, welche der Archon Basileus aufrief.

Jenseits dieser Schranken drängte sich das Volk, soviel dessen Platz fand, um die Verhandlung mit anzuhören.

Den Bänken der Richter gegenüber war dem Angeklagten sowohl als dem Kläger eine etwas erhöhte Bühne eingeräumt, welche die Gestalten derselben weithin sichtbar, die Stimmen derselben weithin vernehmlich machten.

Auf dem einen dieser erhöhten Plätze saß Hermippos, ein Mann von unheimlichem Wesen, dessen stechendes Auge unruhig umherschweifte.

Auf dem andern saß Aspasia, neben ihr Perikles. Denn als Weib, mehr noch als Ausländerin, mußte sie vor Gericht sich vertreten lassen von einem Manne, einem einheimischen Bürger.

Ein das Herz vieler bewegendes Schauspiel war es, das schönste und gefeiertste Weib ihrer Zeit, das Weib des großen Perikles, auf der Bühne der Angeklagten zu sehen.

Daß Perikles neben ihr saß, ihr Mitangeklagter gleichsam, vermehrte noch das Ernste und Ergreifende des Anblicks.

Mit einem gewissen Stolze warfen die Richter und die Mehrzahl des Volkes selbst sich in die Brust, da sie sahen, wie auch die Mächtigsten vor ihrem Richterstuhl sich stellen, dem allwaltenden Bürgergesetze sich unterwerfen mußten.

Mit boshaften Augen blickte Hermippos auf das schöne Weib herüber, über dessen Antlitz eine sanfte Blässe lag, die den Eindruck des ungebeugten Sinnes, welcher aus ihren Zügen leuchtete, kaum zu mildern vermochte.

Jetzt eröffnete der Archon Basileus die Verhandlung. Er nahm dem Kläger einen Eid ab, daß er nur um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen die Anklage eingebracht. Die Richter selbst hatten schon beim Antritt ihres Amtes den Eid der Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit verlesen.

Nun ließ der Archont durch einen öffentlichen Schreiber zuerst die Klageschrift, dann die auf die Klageschrift eingereichte Gegenschrift verlesen.

Dann forderte er den Kläger auf, seine Klage mündlich und ausführlich zu begründen.

Hermippos erhob sich. Seine Rede troff von Sarkasmen. Man fühlte sich auf die komische Bühne versetzt. Er besprach mit scharfen, einschneidenden Worten die Tatsachen, auf welche, seinem Vorgeben nach, die Anklage gegen Aspasia sich stützte: wie sie zu Eleusis vor allem Volke unehrerbietig gesprochen von den eleusinischen Göttinnen und von den heiligen Gebräuchen des Landes; wie sie Verkehr gepflogen mit Sophisten, mit Anaxagoras, mit Sokrates, vor allem aber mit jenem beredtesten Götterleugner Protagoras, welcher eine geraume Zeit zu Athen gelebt, gegenwärtig sich aber wieder, Irrlehren predigend und die Jugend verderbend, umhertreibe in anderen hellenischen Städten; wie sie ferner ihr ganzes Trachten darauf gerichtet, die athenischen Frauen zur Widerspenstigkeit gegen die Satzungen des Landes aufzustacheln, und wie sie einmal bei Gelegenheit des Thesmophorienfestes vor alle Athenerinnen hingetreten, um sich mit ihnen zu verschwören zum Umsturz jener ehrwürdigen Gesetze, durch welche die Ehe und das Familienleben der Athener geheiligt sind; wie sie ferner freigeborene Frauen in ihr Haus gelockt, um sie zur Buhlschaft und zu den Gesinnungen der Hetären zu verführen, endlich gar so weit gegangen, eine Anzahl von Mädchen im Hause zu halten, offenbar zu keinem anderen Zwecke, als um sie zur Selbstpreisgebung heranzubilden und sie angesehenen Männern Athens zu verkuppeln.

Als Zeugen führte Hermippos viele von denjenigen vor, welche zu Eleusis die öffentlichen Aeußerungen Aspasias mit angehört; von einigen aber ließ er die schriftlichen Aussagen durch den öffentlichen Schreiber vorlesen. Die Aufreizung der Frauen zur Verschwörung gegen die Staatsgesetze ließ er von Weibern bezeugen, welche an jenem Thesmophorienfeste teilgenommen. Den Versuch der Verführung freigeborener Frauen zur Zuchtlosigkeit ließ er durch die vorgelesene Aussage der Gattin des Xenophon bekräftigen, welcher diese Zeugenschaft erpreßt worden war von Telesippe und der Schwester des Kimon. Was die jungen Mädchen im Hause Aspasias anlangte, berief er sich auf die allgemeine Kenntnis der Athener von dieser Sache und versäumte nicht, hervorzuheben, wie eben um jener Mädchen willen in letzter Zeit der athenische Staat selbst in nicht ungefährliche Verwickelungen geraten sei mit Megara und mit den Verbündeten dieser feindselig gesinnten dorischen Nachbarstadt.

Er schloß mit der Darlegung, daß Aspasia sich dreifach vergangen: gegen den Götterglauben und die Religion des Landes, gegen den Staat und das Ansehen seiner Gesetze, gegen die gute Zucht und die Sittlichkeit. Er ließ von dem Schreiber eine Anzahl von Gesetzen vorlesen und wies nach, daß nach athenischem Recht alle jene Handlungen straffällig, und daß auf die meisten derselben der Tod als Strafe gesetzt, Aspasias Haupt und Leben also, nachdem sie jener Verbrechen überführt worden, dem Gesetze verfallen sei. Er bat schließlich die Richter in leidenschaftlich gesteigerter Erregung und mit gehobener Stimme, sich des Heiligsten, was ein Gemeinwesen besitze, anzunehmen, den auf den Umsturz väterererbter Satzungen abzielenden Uebermut jener Fremden zu züchtigen und den bisher göttergeliebten, göttergesegneten Staat der Athener nicht untergehen zu lassen in der Schule der Zuchtlosigkeit, der Gesetzesverachtung und der Götterverleugnung.

Die feurige Rede des Hermippos machte einen tiefen Eindruck auf die Richter, deren Mehrzahl betagt und aus den untersten Klassen des Volkes hervorgegangen war. Auch in dem Schwarme, welcher jenseits der Schranken mit lautloser Stille der Auseinandersetzung des Hermippos gefolgt war, erhob sich ein Gemurmel:

»Hermippos hat glänzend gesprochen – seine Beweisführung war scharf und schlagend – er hat die Gesetze auf seiner Seite – das Haupt der Milesierin ist dem Tode verfallen.« –

Nachdem Hermippos geendet und auf seinen Sitz sich niedergelassen, erhob sich Perikles.

Augenblicklich herrschte wieder die tiefste Stille, und jedes Ohr horchte gespannt nach dem ersten Laut aus dem Munde des Gatten Aspasias.

Perikles schien verändert in seinem Wesen. Nicht so erschien er, wie vor dem Volke auf der Pnyx, wenn er die Rednerbühne bestieg und in würdevoller Ruhe, sicher des Erfolges, seine Meinungen kund gab. Zum erstenmal schien die Ruhe erkünstelt, die er äußerlich auch heute zur Schau trug, und ein leises Erzittern der Stimme machte sich bemerklich, als er anhub zu reden.

Er leugnete die Schuld Aspasias. Er suchte, einen Klagepunkt um den andern vornehmend, darzutun, daß es nur der gehässigen Uebertreibung gelungen, Aspasias Verhalten bis auf das Gebiet todeswürdigen Verbrechens hinüberzuziehen. Und wo er nicht leugnen konnte, daß des athenischen Gesetzes Buchstabe wider Aspasia spreche, da berief er sich von den Handlungen auf die edlen Absichten und suchte klar zu machen, daß edles Bestreben niemals verbrecherisch sein könne.

Aber es war diesmal etwas Unsicheres in der Beweisführung des gepriesenen Redners, welcher den Beinamen des Olympiers führte. Und man mußte bemerken, daß seine Worte nur einen geringen Eindruck auf die Hörer hervorbrachten. War die innere Bewegung zu groß, die seinen Sinn befing? –

Zuletzt aber tat Perikles, wie Hermippos getan. Er ließ seiner Auseinandersetzung eine Ansprache an die Richter folgen, welche, aus dem Gemüte kommend, sich an die Gemüter wendete.

Er sagte: »Dies Weib hier ist meine Gattin. Und wenn sie schuldig ist der Verbrechen, deren jener sie anklagt, so bin ich ihr Mitschuldiger. Hermippos klagt uns an, daß wir das Ansehen der Götter geschmälert, das des Staates beeinträchtigt, die Zucht und die Gesittung geschädigt. Männer von Athen! Wenn ich mir etwas vom Ruhme dessen anmaßen darf, was ihr getan auf mein feuriges Betreiben, so habe ich das Ansehen der Gottheiten des Landes nicht geschmälert, sondern sie verherrlicht wie keiner vor mir durch prächtige Tempel und ragende Bildwerke auf der Akropolis und zu Eleusis. Ich habe den Staat nicht beeinträchtigt, sondern für ihn gekämpft in Schlachten, ich habe die Macht der Oligarchen gebrochen und dem Volke die Freiheit gegeben. Ich habe die Zucht und die Gesittung nicht geschädigt, sondern gefördert, indem ich unter euch die Pflege des Edlen und des Schönen zu verbreiten suchte, dieser ewigen Ueberwinder alles Gemeinen und Rohen. Und in solchem Bemühen, Männer von Athen, hat mich dieses Weib, Aspasia von Milet, nicht gehindert, sondern unterstützt und angespornt. Ihr Verdienst ist zum nicht geringen Teil, was das Volk und die Stadt der Athener vielleicht für alle Zeiten verherrlicht! Nicht mit dem Verfall dieses Gemeinwesens, sondern mit der edelsten Blüte, Macht und Herrlichkeit wird ihres Namens Andenken für immer verknüpft sein. – Dies sind die Tatsachen, ihr Männer von Athen, und wir beide glauben uns verdient gemacht zu haben um Volk und Stadt der Athener. Jener Hermippos aber kommt und ruft euch zu: »Reißt das erkorene, das angetraute Weib vom Busen des Perikles und schleppt sie vor seinen Augen zum Tode!« –

Bei diesen Worten trat eine Träne in das Auge des Perikles.

Eine Träne im Auge des ruhigen, würdevollen Perikles. Eine Träne im Auge des Olympiers! Sie wirkte wie etwas, das nicht denkbar ist nach gewöhnlichem Naturgesetz. Sie wirkte verblüffend, wie eine Wundererscheinung, wie ein Meteor, wie ein göttergesandtes Zeichen vom Himmel ...

Diejenigen, welche mit eigenen Augen gesehen hatten, wie die Träne einen Moment erglänzte in dem männlichen Auge des Perikles, um rasch zerdrückt wieder zu verschwinden, sahen sich mit ernster Miene an.

Sie flüsterten einander zu:

Perikles hat geweint!

Vom Saale des Gerichts verbreiteten sich hinaus auf die Agora die Worte:

Perikles hat geweint!

Von der Agora lief es in kurzer Zeit durch die ganze Stadt Athen:

Perikles hat geweint!

Zu gleicher Zeit kam nach Athen die Nachricht von einem Seetreffen bei Sybota, in welchem athenische Schiffe den Kerkyräern gegen die Korinther siegreich zu Hilfe gekommen. Aber man hörte nur halb auf die Kunde – man sprach von der Träne des Perikles.

Der Rede des Hermippos vor den Heliasten war eine Schranke gesetzt worden durch die ablaufende Sanduhr, der Rede des Perikles machte die hervorquellende Träne eine Ende.

Ein Diener trat auf den Wink des Archonten hervor und verteilte die Stimmsteine unter die Richter. Jedem von ihnen gab er vor aller Augen einen weißen und einen schwarzen Stein, einen lossprechenden und einen verdammenden.

Dann verließen die Heliasten ihre Sitze, näherten sich einer nach dem andern einer ehernen Urne und warf einen Stimmstein in dieselbe, den von weißer oder den von schwarzer Farbe. Den zweiten übrig gebliebenen Stein warfen sie in ein anderes hölzernes Gefäß.

Die erste Abstimmung der Heliasten galt der Schuld oder Unschuld. Die zweite galt im Schuldfalle der beantragten Strafe des Angeklagten.

Nun waren die Stimmsteine sämtlicher Heliasten abgegeben. Sorgsam wurden die weißen und die schwarzen sofort gezählt unter den Augen des Archonten.

Mit unendlicher Spannung waren die Augen aller auf die aus der Urne hervorrollenden weißen und schwarzen Steine gerichtet.

Und siehe da! Die hellen Lebenslose mehrten sich, und siegreich überglänzten sie die dunklen Todeslose.

Das Weib des Perikles war freigesprochen. In die Wagschale der Themis war entscheidend die schwerwiegende Heldenträne gefallen.

Aus dem Munde des Archonten erklang die Entscheidung und verbreitete sich wie auf Schwingen getragen über die ganze Agora.

Aspasia erhob sich. Ein leichtes Erröten färbte ihr Antlitz. Ihr Blick streifte einen Moment mit hellerem Glanze die ehrwürdigen Häupter der Heliasten. Dann reichte sie stumm ihre Hand dem Perikles. Und dieser führte sie hinweg. Ein Schleier deckte ihr Gesicht, während sie die Menge durchschritten.

Auf der Agora empfing und begleitete den Perikles ein hellstimmiger Gruß der Athener.

In allen Gassen, welche Perikles heimkehrend durchschritt mit seiner verschleierten Gattin, staute sich das Volk und das Verschiedenste wurde nach der Gesinnung des einzelnen bei Aspasias Anblick ausgerufen oder geflüstert. Ein Ausruf aber war es, der immer und überall wiederkehrte, und dieser Ausruf lautete:

»Welch ein herrliches Weib ist noch immer Aspasia!«

Dieser Ausruf erhielt zuletzt die Oberhand über alle andern, und nur noch der verrückte Menon rief der schönen Milesierin, als sie an ihm vorüber kam, ein freches Schmähwort nach.

Plötzlich stand, aus der Menge auftauchend, Sokrates neben Perikles und Aspasia.

»Ich wünsche dir Glück, Aspasia!« sagte er, sich den Wandelnden anschließend. »Welche Stunden der Qual waren diese letzten für deine Freunde!«

»Wo warst du«, fragte Aspasia, »während das Entscheidungsurteil gefällt wurde?«

»Immer mitten unter dem Volke!« erwiderte Sokrates. »Und welche Reden vernahmst du im Volke, während dieser langen Zeit?« fragte Aspasia wieder.

»Viele und mannigfache«, versetzte Sokrates; »zuletzt blieben aber nur zwei davon übrig und gingen von Munde zu Munde.«

»Und wie lauteten diese?«

»Perikles hat geweint!« und »Welch ein schönes Weib ist noch immer Aspasia!«

»Sonderbares Zusammentreffen!« fuhr Sokrates in seiner klügelnden und wunderlichen Weise fort. »Das schönste Weib ist Aspasia, und des schönsten Weibes glücklicher Gatte hat geweint! – Gib acht, Aspasia, daß diese Träne des Perikles die letzte bleibe! Denn nur die erste Träne des Mannes ist erhaben, die zweite wäre lächerlich. Nur die erste ergreift, erschüttert – eine zweite bliebe wirkungslos. Perikles darf niemals wieder weinen! Hörst du, Aspasia? Perikles darf niemals wieder weinen!«

»Bin ich es etwa, welche darauf ausgeht, Tränen dem Auge des Perikles zu entpressen?« fragte geheim verletzt Aspasia.

»Ich behaupte nichts als dies, daß Perikles niemals wieder weinen darf!« erwiderte Sokrates und verlor sich unter der Menge.

Aspasia war erregt. Wie? das feindlich gesinnte Volk der Athener hatte sie heute freigesprochen, und aus der Schar versöhnter Feinde trat ein Freund hervor, mit nörgelndem, unheilkündendem Wort sie anzuklagen? –

»Du kennst den Wunderlichen!« sagte Perikles. »Habe Geduld mit ihm! Du weißt, er meint es gut mit uns!« –

Aspasia aber zürnte. Und ein Gedanke, längst gehegt in ihrer Brust, den Sonderling zu strafen für den immer bereiten, immer verwegenen Freimut seiner Zunge, erwachte mit verstärkter Gewalt aufs neue in dem hochgesinnten Weibe, während es siegesstolz an der Seite des Gatten dahinschritt. –

Zwei Männer folgten in einiger Entfernung dem Paare mit lauernden Blicken; ein höhnisches Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie miteinander flüsterten.

Es war Diopeithes und der Oligarch Thukidydes.

»Das Weib ist uns entwischt!« sagte finster blickend der Oligarch.

»Desto schlimmer für sie!« versetzte der Priester. »Du kennst das Volk, wäre sie verurteilt worden, so würde man sie bedauern und den Perikles bemitleiden; nachdem sie frei ausgegangen, wird man alsbald sagen, daß die Richter doch zu milde geurteilt haben, und daß die Macht des Perikles immer gefährlicher wird, wenn man ihm zu Liebe die Schuldigen freispricht!«

»Triumphiere nur für heute!« fuhr Diopeithes fort, aus der Ferne die Faust hinter dem Gatten Aspasias ballend: »Die Pfeile, die du vom Haupte deines Weibes abgelenkt, sie werden um so sicherer dein eigenes treffen!«

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