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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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XX. Die Schule der Aspasia.

Seit dem Tage, an welchem der Knabe Alkibiades durch einen Diskoswurf seinen Altersgenossen im Lykeion verwundet hatte, war eine Reihe von Jahren dahingegangen.

Zum Jüngling war der Knabe herangeblüht. Er war mündig geworden, denn er hatte das achtzehnte Lebensjahr erreicht. Er war nach athenischem Brauche mit den anderen Jünglingen, welche in demselben Jahre in das Alter der Mündigkeit eintraten, in der Volksversammlung vorgestellt worden, er war mit Speer und Schild bewaffnet zum Heiligtum der Agraulos am Fuße der Akropolis geführt worden, er hatte dort den feierlichen Eid geleistet, mit welchem der neue athenische Bürger dem Vaterlande sich weihte: er hatte geschworen, seine Waffen nicht mit Unehre zu tragen und seinen Nebenmann in der Schlacht nicht zu verlassen, zu kämpfen für die Heiligtümer und für das Gemeingut aller, das Gemeinwesen dereinst nicht gemindert, sondern womöglich vergrößert an Macht und Ehre den Nachkommen zu hinterlassen, den Gesetzen, welche das Volk gegeben, zu gehorchen und nicht zu dulden, daß ein anderer sie verletze oder aufzuheben versuche.

Aber das Vaterland, welchem der junge Alkibiades mit diesem Eide Treue schwur, machte für jetzt nur mäßigen Anspruch an seinen Eifer und seine Bemühungen. Der Peribolendienst, welchen die eben mündig gesprochenen athenischen Jünglinge zu leisten hatten, bestand in kleinen Streifungen zur inneren Sicherheit des attischen Landes, und diese waren mehr als ein Vergnügen denn als eine Last zu betrachten.

Das Gemeinwesen ließ dem jungen Sohne des Kleinias hinreichende Muße, sich des Genusses der goldenen Jugend zu freuen. Mit ihm war der junge Kallias herangewachsen, der seinen Vater Hipponikos einen Knauser nannte, und der junge Demos, der durch seine Schönheit bekannte Sohn des Pyrilampes, welcher gleichfalls der Meinung war, daß sein Vater Pyrilampes von seinen Reichtümern keinen rechten Gebrauch zu machen wisse. Alkibiades, Kallias und Demos waren unzertrennlich. Xanthippos und Paralos wurden bisweilen durch die Laune des Alkibiades, der ihnen den Ruhm der Tugend nicht gönnte, als Helfer bei einem übermütigen Streiche mit herangezogen, aber sie mußten sich mit einer untergeordneten Rolle begnügen. Denn erstlich fehlte es den Sprößlingen Telesippes an Geist und Witz, und dann strotzte ihr Säckel nicht so voll wie der Säckel jener beiden Söhne der reichsten Männer Athens, und wie der Säckel des Alkibiades selbst, welchem mit erreichter Mündigkeit der freie Besitz seines väterlichen Erbes zugefallen war.

Eine Neigung eigentümlicher Art hatte Alkibiades für den jungen Manes gefaßt, jenen Knaben von fremder Herkunft, welchen Perikles aus dem samischen Kriege mitgebracht, und welchen er gemeinsam mit seinen Söhnen und mit dem des Kleinias in seinem Hause hatte erziehen lassen. Aber die Bemühungen des letzteren, diesen träumerischen, schweigsamen, etwas schwerfälligen Jüngling in seinen munteren Kreis zu ziehen, mißlangen.

Derselbe Jüngling begann übrigens zu jener Zeit, durch eine sonderbare Art von Krankheit, die ihn befiel, der Gegenstand einer Aufmerksamkeit zu werden, welche mit dem Eindrucke des Unheimlichen verknüpft war. Es entwickelte in ihm sich jener rätselhafte Hang, welcher bekannt ist unter dem Namen des unbewußten Nachtwandelns oder der Mondsucht. In tiefer Nachtstille, wenn alles im Schlummer lag, erhob er sich von seinem Lager, mit geschlossenen Augen das monderhellte Peristyl zu durchschreiten, dann zum flachen Dache des Hauses emporzusteigen, auch dort eine Weile geschlossenen Auges umherzuwandeln, und zuletzt auf seine Lagerstätte wieder ebenso unbewußt, als er sie verlassen hatte, zurückzukehren. Die Kunde von dem traumwandelnden Jüngling im Hause des Perikles verbreitete sich in ganz Athen, und man begann von diesem Augenblicke ihn wie einen, der unter dem Einflusse dämonischer Gewalten stehe, mit einer gewissen Scheu zu betrachten.

Hatte schon der Knabe Alkibiades die allgemeine Aufmerksamkeit der Athener auf sich gezogen, so machte er begreiflicherweise noch mehr von sich reden, als das Kinn ihm rauh geworden vom »zarten Gekräusel der Mannheit«. Sein tolles Treiben bildete das Tagesgespräch, und nachdem er frühzeitig den Zauber und den Reiz kennen gelernt hatte, welcher mit dem Rufe eines liebenswürdigen Taugenichts verbunden ist, so legte er sich nicht nur keinen Zwang auf, sondern wenn er einen tollen Streich begangen, über welchen die Athener die Köpfe schüttelten, so brachte er denselben dadurch in Vergessenheit, daß er einen noch tolleren beging. Er wußte ja, daß selbst die Tadler ihn heimlich bewunderten. Es hatte manchmal den Anschein, als wolle er geradezu erproben, ob er nicht doch etwas tun könne, was die Athener ernstlich gegen ihn aufbrächte. Vergebens! Sein Tun mochte so mutwillig sein, als es wollte, er selbst blieb immer liebenswürdig.

Hipponikos verharrte bei dem Gedanken, daß die schönste Jungfrau Griechenlands, seine Tochter Hipparete, nur des schönsten hellenischen Jünglings Gattin werden dürfe. Er erzeigte sich daher so gut er konnte dem jungen Alkibiades gefällig, lud ihn häufig zu Gaste und behandelte ihn fast schon mit der Zärtlichkeit eines Schwiegervaters.

Alkibiades machte sich lustig über ihn wie über alle Welt und neckte ihn mit übermütigen Scherzen. Eines Tages sandte ihm Hipponikos köstlich zubereitete Fische auf einem goldenen Teller. Alkibiades behielt den Teller und bedankte sich bei Hipponikos mit den Worten: »Es ist allzu gütig von dir, daß du mir außer dem goldenen Teller auch noch so köstliche Fische auf demselben geschickt hast.« – Hipponikos lachte, daß ihm der Schlemmerbauch wackelte, und pries vor aller Welt den Witz seines künftigen Tochtermannes.

Die holde Jungfrau Hipparete selbst, durch ihren Vater hingewiesen auf den jungen Alkibiades als künftigen Gemahl, war heimlich entbrannt in den herrlichen Jüngling. Sie hatte ihn einige Male bei öffentlichen Festen gesehen. Er aber spottete des züchtigen Jungfräuleins. Er hielt für jetzt sich lieber zu den schönen und geistreichen Hetären, deren Anzahl in der Stadt der Athener sich mehrte.

Insonderheit war es Theodota, welche den Jüngling einweihte in die Mysterien des heitersten Lebensgenusses. Ungefähr ein Jahrzehnt war verflossen, seit Alkamenes diese Schöne von dem reichen Korinther als Lohn für sein treffliches Kunstgebild sich ausbedungen. Nun war Theodota zu Athen vielleicht nicht mehr die blühendste, aber doch die berühmteste unter ihren Genossinnen.

Sie war für Alkibiades der Mittelpunkt eines Kreises verschwenderisch schäumender Jugendlust und Lebensfreude. Aber sie war eben nur der Mittelpunkt, während der Kreis selbst sich immer weiter zog.

Diopeithes rieb sich vergnügt die Hände und sagte: »Den verheißungsvollen Mündel des Perikles richtet uns Theodota zu Grunde!«

Aber wirkliche Gesundheit, wirkliche Kraft und wirkliche Schönheit sind, wie es scheint, zuweilen unverwüstlich. Der zügellose Alkibiades blühte wie eine Rose im Taue des Morgens. Er besaß jene Wangenblüte, welche die Sittenprediger wohlmeinend den Tugendhaften zuschreiben zu müssen glauben, während eben die Tugendhaften nicht selten mit jenen fahlen Wangen und glanzlosen Augen umhergehen, welche der Sittenprediger hervorzuheben pflegt, wenn er mit Flammenworten das abschreckende Bild des Lüstlings malt.

Theodota erfüllte ihre Aufgabe bei dem lebensdurstigen Jüngling anfangs mit heiterer Hingebung, allmählich aber begannen in ihrem Herzen Regungen einer tieferen Leidenschaft zu erwachen. Die Ärmste! So gewiß es als das beneidenswerteste Glück erschien, von Alkibiades geliebt zu werden, so gewiß war ihn zu lieben das schlimmste Mißgeschick! –

Die Mündigsprechung des jungen Alkibiades war wenige Tage nach der Rückkehr des Perikles und seiner Gattin von der elischen Reise erfolgt. Obgleich nun der Jüngling, in den Besitz seines väterlichen Erbes tretend, aufhörte, ein Hausgenosse des Perikles zu sein, führte doch Gewohnheit und Neigung, und der Zauber, welchen Aspasia auch auf ihn auszuüben nicht verfehlen konnte, häufig genug ihn zurück an die Schwelle des Hauses, in welchem er herangewachsen war.

Bedarf es der Erwähnung, daß der verwegene Liebling der Charitinnen es wagen zu dürfen glaubte, auch der noch immer sieghaft schönen Gattin des Perikles mit einem Anfluge jener Art von Huldigung zu begegnen, welche er in der Schule Theodotas gelernt hatte? Aber die schöne Milesierin war noch immer zu jung, um die unentwickelte Mannesblüte verlockend, zu verständig, um sie überhaupt begehrenswert zu finden, und viel zu stolz, um sich, selbst wenn sie die außerordentliche Schönheit des Jünglings in Betracht zog, vor den Triumphwagen eines flaumbärtigen Weiberhelden spannen zu lassen. Sie wußte, daß kein Weib, auch nicht sie selbst, diesen beflügelten Gaukler in der Tat haschen, in Bande schlagen und beherrschen würde. Größer als das zweideutige Vergnügen, die Zahl der Weiberherzen, welche er eroberte, zu vermehren, war für sie der Reiz des Gedankens, ihr Geschlecht an ihm zu rächen, und ihn für einen Flattersinn zu bestrafen, welchen an ihr selbst zu erproben, sie ihm nicht einmal Gelegenheit gab. Es kam ihr daher auch nicht in den Sinn, gegen den Jüngling jenen mütterlich zärtlichen, angeblich durch den Unterschied des Alters gerechtfertigten Ton anzuschlagen, in welchem sich oft die Liebeswerbung alternder Frauen birgt, oder die Rolle einer Vertrauten bei ihm zu suchen. Sie erwiderte die Artigkeiten des Jünglings einfach dadurch, daß sie dieselben völlig übersah, daß sie ihm zwar nicht mit mütterlicher Zärtlichkeit, wohl aber mit mütterlichem Ernste begegnete. Dies verblüffte den siegbewußten, verwöhnten Eroberer. Er empfand heimlichen Unmut, aber die Hochschätzung, welche er der Milesierin zollte, wurde dadurch nicht vermindert, sondern wuchs im Gegenteile, ohne daß er sich dessen völlig bewußt war. So fühlte er zu Aspasia sich immer wieder zurückgetrieben und drang ihr jene Vertrautenrolle auf, welche zu suchen sie weit entfernt gewesen war.

Eines Tages verbreitete sich durch Athen die Nachricht von einem neuen Streiche des Alkibiades, welcher mehr als alle früheren geeignet war, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und alle Zungen zu beschäftigen. Es hieß nämlich, Alkibiades habe auf einem Ausfluge, den er mit den erlesensten seiner Genossen nach Megara gemacht, sich dort in Händel eingelassen, zuletzt gar ein Mädchen geraubt und mit sich fortgeführt, das er nun bei sich zu Athen wie eine Gefangene verborgen halte. Nicht gering sei, so erzählte man, die Erbitterung der den Athenern schon immer feindlich gesinnten Megarer.

Manche sprachen bereits von den öffentlichen Feindseligkeiten, welche infolge dieses Streiches der athenischen Jünglinge zwischen Athen und der dorischen Nachbarstadt zum Ausbruche gelangen würden.

Alkibiades leugnete, wenn er gefragt wurde, die Sache keineswegs und erzählte zuletzt den ganzen Hergang ausführlich, ja mit Behagen seiner mütterlichen Freundin Aspasia.

»Wir waren müde geworden«, sagte er, »des langweiligen Peribolendienstes in den ländlichen Gauen – wenn wir auch zuweilen eine Abwechslung in denselben dadurch brachten, daß wir mit den Strolchen und Räubern zechten, die wir fangen sollten, und, statt auf diese, lieber Jagd machten auf eine Thrakermagd in den Phelleusbüschen, oder auf eine kernige Acharnerin.

So beschloß ich denn in Gesellschaft meiner Freunde Kallias und Demos wieder einmal eine kleine Meerfahrt auf etliche Tage zu unternehmen. Wir hatten uns schon vor längerer Zeit eine schöngeschmückte, geräumige Lustbarke auf gemeinschaftliche Kosten erbauen lassen, die wir zuweilen auch zum Fischfange benutzten. Diese Barke bestiegen wir und nahmen drei junge Ionierinnen mit uns, welche sich nebst ihrer Schönheit vortrefflich auf Musik und Gesang verstanden; ferner ein paar Jagdhunde, nebst Fangnetzen und Wurfspießen, denn wir hatten die Absicht, längs der Küste hinzurudern, und hie und da auch ein wenig ans Land zu steigen, um zu jagen. Wir fuhren durch die Meerenge von Salamis. Die »Bacchantin«, so hieß unsere Barke, tanzte lustig über die Wellen hin. Ihr buntbemaltes Vorderteil, welches in ein vergoldetes Panthertier auslief, auf welchem eine Bacchantin ritt, funkelte in der Sonne. Den Mast hatten wir wie einen Thyrsusstab mit Efeu und Blumen umwunden. Der Grund des Fahrzeuges war belegt mit Teppichen und bequemen Ruhekissen. Wir plauderten und scherzten und sangen; von den drei Schönen blies eine die Flöte, die andere spielte die Zither, die dritte schlug die Zimbel, so daß das Meer von Sang und Klang und heiterer Fröhlichkeit widerhallte, und wir die neugierigen Delphine mit Ruderschlägen auf die Köpfe vertreiben mußten, wenn wir nicht wollten, daß sie uns die Barke zerstießen oder umwarfen.

Am Strande hinfahrend, kamen wir an vielen Landhäusern vorüber. Vor einem derselben hielten wir ein wenig, um der Schönen, welche es bewohnt, ein Ständchen zu bringen, wir sangen und musizierten. Die Schöne freute sich, als sie den Liederklang vom Meere herauf vernahm und die schön bekränzten jungen Freunde erblickte. Lächelnd stand sie auf dem Söller des Hauses: wir warfen ihr Kränze hinauf und Kußhände. Nun ging es weiter in die See hinaus. Die Sonne brannte, aber wir wußten uns zu helfen, wir spannten die Obergewande unserer Freundinnen und die eigenen gegen die Sonne über unseren Köpfen aus. Das gab ein schön bewimpelt und besegelt Fahrzeug, und der Widerschein des Purpurs in der See färbte die Wellen. Es schien, als müsse man jetzt das helle, glockenreine Lachen einer Sirene vernehmen. Es waren gerade die halkyonischen Tage, während welcher Windstille herrscht und der Eisvogel brütet. Wir hatten die Enge von Salamis hinter uns und den megarischen Strand zur Rechten vor Augen. Hier begannen die Gestade einsam und einförmig zu werden, von Zeit zu Zeit drang zu uns der Klang einer Hirtenflöte von den Bergeshöhen herunter, und man sah Rinder-, Lämmer- und Ziegenherden grasen. Wir legten hie und da an und ergötzten uns auf mannigfache Weise, wir fingen Fische mit Angeln, die wir von Felsen des Ufers an langen Fäden ins Meer hinuntersenkten, erbeuteten auch einige wilde Gänse, Enten und Trappen mit Schlingen.

Als wir eben wieder unser Schiff bestiegen hatten, um den Weg in der Richtung gegen Megara fortzusetzen, begegnete uns ein Lustfahrzeug, das dem unsern an Zierlichkeit und üppigem Schmucke nichts nachgab. In dieser Prachtbarke saß ein betagter Mann mit einem reizend schönen Mädchen an der Seite. Der Anblick dieses Mädchens entflammte mich. Aber allzu flüchtig war die Begegnung. Rasch glitten die beiden Fahrzeuge an einander vorüber; der megarische Lustfahrer bog unmittelbar darauf um einen Felsvorsprung und entschwand so unseren Blicken.

Wir stiegen wieder ans Land, an einer Stelle, die uns besonders anlockte. Es gab da einiges Gehölz, welches unsere Hunde sogleich durchstöberten. Nach wenigen Minuten scheuchten sie einen Hasen auf, wir griffen nach unsern Fangnetzen und Wurfspießen, und in der Hoffnung, das Tier zu erbeuten, folgten wir demselben und ließen unsere Freundinnen zurück in der Nähe des Fahrzeugs. Der Hase wurde durch die Hunde vom Walde weg in die Felder und Weidetriften gescheucht; indem aber jene mit heftigem Gebell über die Triften und Felder jagten, brachten sie das Volk der Hirten und die Herden selber in Aufruhr. Einem Ziegenhirten aber geschah es, daß seine Herde vor den mitten durch sie hinstürmenden Hunden auseinanderstob, und die erschreckten Ziegen sich einzeln bis ans Meer herunter verliefen. Erzürnt über diese Zerstreuung seines Weideviehes, griff der Wicht nach einem spitzen Steine, der ihm gerade vor Augen lag, warf ihn nach einem der Hunde und verwundete denselben tödlich am Haupte. Es war der treue Phylax, ausgestattet mit allen Eigenschaften eines vortrefflichen Fängers.

Als wir den Vorgang aus der Ferne wahrgenommen, ließen wir den Hasen und eilten zornglühend auf den Ziegenhirten los. Dieser aber hatte inzwischen andere Hirten zu seinem Schutze herbeigerufen, und wir sahen uns, als wir hinkamen, einer drohenden Schar gegenüber. Wir machten jedoch Miene mit unseren Wurfspießen auf sie loszugehen. In diesem Augenblicke kam aus einem nahe gelegenen Landhause ein Sklave herbeigerannt, welcher im Namen seines Herrn erkunden wollte, was dieser Aufruhr bedeute. Als wir aus den Reden des Sklaven entnommen, daß der Ziegenhirt im Dienste des Herrn jenes Landhauses stehe, verlangten wir mit diesem selbst zu sprechen, um Genugtuung für das verwundete Tier von ihm zu erhalten. Wir folgten dem Sklaven, und als wir uns dem Landhause näherten, welches ein stattliches Ansehen hatte und als der Besitz eines begüterten Mannes sich darstellte, erstaunten wir nicht wenig, in einem neben dem Hause gelegenen Garten eben jenen Greis und jenes reizende Kind lustwandeln zu sehen, welchen wir kurz vorher auf dem Meere begegnet waren. Wir erzählten dem Manne den Vorfall und sagten, daß wir Rache an dem Hirten zu nehmen gedächten. Der Alte, als ein Megarer und Feind der Athener, antwortete mit unfreundlichen Worten. Die Hirten, von welchen ein großer Teil uns auf dem Fuße gefolgt war, klagten mit heftigem Geschrei uns der Verwüstung ihrer Gefilde, der Zerstreuung ihrer Herden an. Vereinigt mit den Sklaven des Hauses, welche durch Winke ihres Herrn ermuntert worden waren, zwangen sie uns, unter Schmähreden gegen die übermütigen Athener auf uns eindringend, vor ihrer Überzahl ohne erlangte Genugtuung vom Platze zu weichen.

Wie sehr auch der Vorgang mich aufregte, hatte ich doch nicht versäumt, einige Blicke nach der jugendlichen Schönen zu werfen, welche vom Garten aus den Streit nicht ohne ein Gemisch von Neugier und Schrecken mit angesehen hatte. Zurückgekehrt mit meinen Genossen, gab ich diesen sogleich zu wissen, welchen Entschluß ich schon gefaßt hatte, mich an dem nichtswürdigen Megarer zu rächen. Das schöne Kind hielt ich für eine gekaufte Lieblingssklavin. Mein Anschlag war, mich mit den Genossen eine Zeitlang in der Nähe verborgen zu halten und den Augenblick zu erlauern, wo das Landhaus unbewacht wäre und das Mädchen allein im Gartengehege verweilte, dann uns rasch auf sie zu werfen und sie zu entführen.

Früher als wir gehofft, fand sich die erwünschte Gelegenheit. Bevor der zweite Tag noch verstrichen, hatten wir das Mädchen erspäht, ergriffen, durch eine um den Mund geschlungene Binde am Schreien verhindert und in fliegender Hast auf das unter Felsgeklipp verborgene Schiff hinabgebracht.

Im Schutze der eingebrochenen Dämmerung entflohen wir, die holde Beute an Bord, mit eiligem Ruderschlag den megarischen Küsten.«

»Und das Mädchen?« fragte Aspasia.

»Fand sich in sein Los«, erwiderte Alkibiades, »obgleich es nicht, wie wir gedacht, eine erkaufte Lieblingssklavin war, sondern eine Freigeborne, die Nichte jenes verwünschten Megarers. Simaitha ist ihr Name und ich nenne sie die reizendste der hellenischen – nicht der hellenischen Frauen, aber doch gewiß die reizendste der hellenischen Jungfrauen!«

Megara! Das Wort hatte einen eigenen Klang für das Ohr Aspasias. Mit unverkennbaren Zeichen des Anteils hatte sie die Erzählung des verwegenen Jünglings angehört.

Sie erkundigte sich nach den Eigenschaften des Mädchens mit vielen Fragen. Alkibiades entwarf eine fast schwärmerische Schilderung von ihr.

Aspasia verlangte Simaitha zu sehen. Gern fand der Entführer sich bereit, ihrem Wunsche zu willfahren. Er brachte Simaitha zu ihr. Das Mädchen war von außerordentlicher Schönheit, so daß Aspasia selbst erstaunte. Aber das Wesen derselben glich einem ungeschliffenen Edelsteine, war sie doch in Megara erzogen worden. Es war Zeit gewesen, daß sie entführt wurde, wenn nicht diese Perle in der Verborgenheit glanzlos untergehen sollte.

Der reiche Megarer hatte sie als zartes Kind in sein Haus aufgenommen. Er hatte sie besser gehalten als eine Sklavin, aber auch nicht wie eine Tochter.

Er schien, im Hinblick auf ihre vielversprechende Schönheit, sie nur zum willenlosen Werkzeug seines Vergnügens erziehen zu wollen. In keiner weise glich der alte Megarer jenem herrlichen Greise von Milet, jenem Philammon, welchen Aspasia in der Erzählung ihrer Jugendgeschichte dem Perikles mit solcher Wärme gepriesen. Simaitha haßte ihn und erklärte, daß sie lieber sich töten, als jemals wieder in das Haus des Erziehers zurückkehren würde.

Aspasias durchdringender Blick erspähte die Keime weiblicher Vorzüge höchsten Ranges in dem Wesen des Mädchens, welches das fünfzehnte Lebensjahr kaum überschritten hatte. Aus seinen Augen leuchtete ebenso viel Geist, als Schönheit aus seinen Zügen. Aspasia brannte vor Begier, diese herrlichen Keime zu entwickeln. Rasch war ihr Entschluß gefaßt. Sie sagte dem Alkibiades:

»Das Mädchen ist dein: nicht sowohl durch den Raub, den du verübt, als durch seinen eigenen festen Entschluß, nicht mehr in das Haus des Megarers zurückzukehren. Aber du bist seiner noch nicht wert. Für Knaben deiner Art sind edlere Mädchenblüten, ja selbst das zimperliche Töchterlein des Hipponikos viel zu gut. Weiber vom Schlage Theodotas sind vorhanden für dich und deinesgleichen: an diesen mögt ihr euch sozusagen die Hörner eures Uebermutes ablaufen. Im übrigen würdest du des Besitzes Simaithas, wie sie nun ist, nur halb dich erfreuen. Bald würdest du ihrer überdrüssig werden, denn unentwickelt liegen in ihr noch die Keime jener Eigenschaften, welche nötig sind, wenn der Ueberdruß nicht zuletzt die Herrschaft über die Liebe erlangen soll. Ueberlaß mir das Kind auf einige Zeit. Hinterlege bei mir den Schatz, den du erbeutet, lege gleichsam auf Zinsen deinen Besitz: du wirst ihn, wenn die Zeit um ist, verzehnfacht an Wert aus meinen Händen zurückempfangen.«

Alkibiades war allzu jung und allzu flatterhaft, als daß es ihm hätte schwer fallen sollen, das erbeutete Mädchen für einige Zeit aus seinem Hause in das Aspasias auszuliefern.

»Ich bin bereit«, sagte er, »meinen kostbaren Schatz bei dir auf Zinsen zu legen. Ich weiß zum voraus, daß diese Zinsen mich reichlich entschädigen werden für die kurze Entsagung, die ja auch nicht eine völlige sein wird, da du mir ohne Zweifel gestattest, das schöne Kind in deinem Hause zu sehen.«

»Warum nicht?« erwiderte Aspasia; »du magst ein beständiger Zeuge ihrer Fortschritte sein.«

Simaitha wurde zu Aspasia gebracht. Perikles hatte zuerst seine Einwilligung verweigert; aber seiner Seele war eine wundersame Milde eingepflanzt, und auf das immer wiederholte Andringen Aspasias machte er zuletzt das verlangte Zugeständnis, knüpfte es jedoch an die Bedingung, daß der Aufenthalt des Mädchens in seinem Hause nur so lange währe, bis über die Auslieferung oder Nichtauslieferung desselben bestimmt entschieden sein würde, wären die Megarer nicht so sehr zu Athen verhaßt gewesen, man hätte die Nachgiebigkeit des Perikles, welcher aus Liebe zu Aspasia dem Mädchen eine Freistätte in seinem Hause gewährte, ohne Zweifel schärfer beurteilt, als es in der Tat geschah.

Man hatte schon vor längerer Zeit angefangen, zu Athen von einer Schule der Aspasia zu sprechen, und mehr als je war von jetzt an dieser Name gerechtfertigt.

Es gab nun in der Tat nicht weniger als vier, in erster Jugendblüte stehende Mädchen, welche im Hause Aspasias unter der unmittelbaren Zucht der Milesierin lebten. Den schon längere Zeit bei ihr weilenden milesischen Nichten und der von der elischen Reise mitgebrachten arkadischen Kora hatte jetzt das Mädchen aus Megara sich angereiht.

Völlig entsprechend war der Name einer Schule den innersten Absichten Aspasias. Ihre persönlichen Bemühungen, das Frauentum zu Athen veredelnd und befreiend umzugestalten, waren von sehr zweifelhaftem Erfolge gewesen. Der lebendige Drang ihrer Seele aber gönnte ihr nicht Ruhe. Sie glaubte sich überzeugt zu haben, daß es ein vergebliches Bemühen sei, das gereifte, fertige Weib umformen zu wollen. Im knospenden Alter, meinte sie, müsse die Einwirkung beginnen.

Nicht Hetären wollte sie erziehen, sondern Kämpferinnen und Helferinnen, welche durch Geist und Schönheit, in ähnlicher Art wie sie selbst, Einfluß zu erringen geeignet wären. In der Schule, welche sie gründete, sollte ihre Ueberlieferung lebendig erhalten und von da aus weiter verbreitet werden. Durch ein Wirken vereinigter Kräfte in ihrem Sinne sollten endlich die Vorurteile erschüttert, der Sieg, des Geistes, der Schönheit und der Weiblichkeit völlig entschieden werden.

Nicht im Vordergrunde stehend, aber doch auch nicht fremd war der hochstrebenden, kühl berechnenden Milesierin der Gedanke an die Vorteile, welche in anderer Hinsicht dieser ihrer Schule entsprießen konnten. Ihre Schülerinnen konnten, der Meisterin gleich, mächtige und hervorragende Männer zu Gatten gewinnen, die perikleische Herrschaft sichern und befestigen helfen und durch ihren Einfluß das Aufstreben seiner Gegner bekämpfen.

Trug die Gattin des Perikles kein Bedenken, eine Anzahl jugendlich reizender Mädchen unter den Augen ihres Gatten bei sich zu versammeln? Erhaben war diese stolze, kühne, nach lebendiger Wirkung strebende Seele über feige Rücksichten und kleinliche Gefühle; nicht war sie, wie ein gewöhnlich Weib, zufrieden mit persönlichen Erfolgen, sondern für einen großen Gedanken lebte und wirkte sie. Und sie wußte, daß Aphrodites Gürtel noch immer in ihrer Gewalt war, daß er in ihrer Hand noch nichts von seinem Zauber eingebüßt. Sie wußte, daß sie noch lange die Meisterin unter ihren Schülerinnen bleiben werde, und daß diese erst werden müßten, was sie war. Und was insonderheit den Perikles betraf, so hatte sie die Ueberzeugung, daß nichts in der Welt die Kraft des Bannes brechen oder mindern würde, mit welchem sie sein Herz bestrickt hatte, und der durch die Gewöhnung nur immer fester geworden.

Eine Laune der Natur hatte Aspasia die Freuden der Mutterschaft versagt. Sie ertrug es ohne Klage, war es ihr nicht vergönnt, weibliche Sprossen ihres Leibes zu ihren Ebenbildern heranzuziehen, so führte ihr das Schicksal in jenen vielverheißenden Mädchenblüten einen Ersatz entgegen, an welchem sie nach Herzenslust die Zauberkraft ihrer bildenden Meisterhand erproben konnte.

Die Musen und die Charitinnen schienen vom Olymp herabzusteigen und sich gleichsam als Lehrmeisterinnen in der Schule Aspasias zu verdingen. Da wurde die hohe Lehre gedeutet, wie die Natur zur edlen Kunst geläutert, und die Kunst wieder Natur werden müsse. Da wurde die Einheit alles Schönen begriffen und verwirklicht: da wurde die Musik zum Tanz der Seelen und der Tanz eine Musik der Glieder – da wurde die Schönheit Poesie und die Poesie Schönheitszauber.

Aspasias Bemühen war, in ihren Schülerinnen durch die Schönheit und um der Schönheit willen den Geist zu erwecken und den erweckten zu befreien.

Als geisterweckend aber diente ihr nicht bloß jede Art von Kunst, auch manches von Weisheit, von Erkenntnis, von der Ausbeute des Wissens, wurde wie befruchtender Samenstaub auf den Flügeln der Eroten in die Schule Aspasias getragen. Ausgeschlossen war nur das Ernste, das Strenge, das Düstere. Heiterkeit blieb verkündet als der Schönheit und des Lebens oberstes Gesetz.

Was Aspasia ihre Schülerinnen vor allem lehrte, war dies, wie töricht es wäre, allen Erfolg von ihren Reizen zu erwarten. Sie zeigte ihnen, daß diese noch lange nicht für sich allein das Liebenswürdige seien. Sie sagte ihnen, Schönheit sei eine Tugend und müsse wie jede andere erlernt, geübt und ausgebildet werden. Sie machte ihnen klar, daß auch nur der Geist die Würze sei, welcher, der Schönheit beigemischt, sie frisch erhalte. »Eine blöde Schönheit altert schnell«, sagte sie, »und bald verwelkt auch der Reiz, den die Gemeinheit wie ein trüber Sumpf umgibt. Nichts zerstört so rasch die Blüte, als ein stumpfsinnig Hinleben in geistloser Alltäglichkeit. Schön sein«, sagte sie, »ist kein Zustand, sondern ein Tun, ein Wirken. Schönheit ist die höchste Wirksamkeit und ihr Tun beruht auf der Zusammenstimmung aller edelsten Wirksamkeiten – auf einer anmutigen und harmonischen Regsamkeit des Leibes und der Seele. Sie ist kein totes Schaustück, kein regungsloses Licht, sondern wie das Sonnenrad, ein lebendiges Strahlenspiel, ein Funkensprühen.«

»Man kann sich die Schönheit nicht unmittelbar geben«, pflegte sie auch zu sagen, »aber man kann überall das Häßliche ersticken, dämpfen, mildern. Nicht allzu oft könnt ihr einen Blick in den Spiegel werfen: nicht um zu sehen, wie schön ihr seid, sondern um euch auf der Häßlichkeit zu ertappen. Nur so werdet ihr erfahren, daß niemand immer schön und niemand immer häßlich ist – daß die Blüte jeder Schönheit wohl hundertmal in des Tages Lauf Gestalt und Farbe wechselt, daß sie, sich selbst überlassen, halt- und bestandlos schwankt, daß eine Schönheit, welche, ihrer selbst sicher, die Hand in den Schoß legen darf, ein Traum der Törinnen, und daß schön zu sein eine schwere Kunst ist auch für die Schönsten. Lasset in keiner Gestalt das Häßliche an euch kommen! Zahllos sind seine Gestalten, seine Verkleidungen. Das Häßliche ist ein Dämon, mit welchem wir alle Tage ringen müssen, wenn er uns nicht schleichend überwältigen soll. Am öftesten aber wendet er vom Hinterhalt der Seele aus gegen des Leibes Blüte seine tödliche Waffe.«

Aber nicht mit ermahnenden Worten bloß, auch tätig unterstützte Aspasia ihre Schülerinnen im Kampfe gegen jenen tückisch bedrohlichen Dämon. Sie war hinter den Keimen und Spuren jeder Häßlichkeit her, gleich dem Häscher hinter dem Diebe, wie Meister der Schule einen Stab oder eine Rute, so trug sie einen kleinen Silberspiegel in der Hand, und hielt ihn der Schuldigen vor, in welcher ein Funke leiblicher oder seelischer Häßlichkeit aufblitzte. So lehrte sie jene Mädchenblüten Selbstbeherrschung, Unterdrückung jeder entstellenden Laune und Leidenschaft, Ruhe, Heiterkeit, edles Gleichmaß des Leibes und der Seele.

Von den beiden Nichten Aspasias entwickelte die eine, Drosis, eine glänzende Naturanlage für den mimischen Tanz, Prasina dagegen glänzte vornehmlich durch Fertigkeit in Gesang und Saitenspiel. Aber Aspasia litt nicht, daß die eine oder die andere sich etwa ganz auf die Ausbildung einer solchen einseitigen Fertigkeit legte. Sie verlangte von jeder, daß sie nicht durch eine bestimmte Kunstausübung, sondern durch eine harmonisch entwickelte Persönlichkeit zu gefallen suche. »Einseitige Kunstausübung«, sagte sie, »veranlaßt immer eine Vernachlässigung der Persönlichkeit selbst und ihrer harmonischen Ausbildung.«

Drosis war von Natur bezaubernd durch ihre Anmut. Ihre Gestalt war schlank und zierlich, so ätherisch leicht und schwebend, daß sie, einer Nymphe gleich, keinen Halm und keine Blume im Hinwandeln über das Gefilde knicken zu können schien. Ihre Glieder waren von jener Schlankheit, von jener jugendlichen Feinheit und anmutigen Zartheit, welche die Sinne noch weit mehr berückt als plumpe Ueppigkeit.

Prasina war ihr ähnlich an Schönheit, aber sie hatte den Vorzug der hellen Silberstimme voraus, mit welcher sie, die Lieder Sapphos zur Laute singend, jedes Ohr entzückte. Gibt es überhaupt etwas Süßeres, als den jungfräulichen Klang einer sechzehnjährigen Mädchenstimme? Prasinas Stimme übertraf an Lieblichkeit, Schmelz und süßem Feuer die Nachtigallstimmen der Kephissostäler.

Aber die reizende Drosis, die feurige Prasina, sie wurden bald überflügelt durch die herrlich sich entfaltende Blüte Simaithas. In Simaithas Gestalt, in ihren Zügen fand der edelste hellenische Formenzauber in reinster Verkörperung sich ausgeprägt. Züge von dieser wunderbaren Reinheit der Linien hatten selbst die Meister der Bildkunst kaum geträumt, Sie besaß jene unbeschreibliche Klarheit, jene glanzvolle und doch etwas träumerisch angehauchte Frische des Auges, welche zuweilen bei Mädchen in zarter Jugendblüte mit hinreißender Wirkung hervortritt. Aber wie an Wohlgestalt, so stand auch an Geist und Seele Simaitha der Meisterin Aspasia am nächsten. Innig verwandt erschien sie ihr durch die ganze sich entwickelnde Art des Denkens und Empfindens. Nicht weniger als die Milesierin versprach sie eine Verkörperung des echten sinnenfreudigen und schönheitseligen Hellenengeistes Zu werden. Mit glühender Begeisterung erfaßte sie die Gedanken Aspasias. Sie übertraf an hellem Verstande bei weitem ihre Gespielinnen. Sie liebte die Künste, und für die Bildkunst schien sie das unvergleichlich sinnige und verständnisvolle Auge Aspasias Zu besitzen. Auch darin glich sie ihrer Meisterin, daß sie auf keine einzelne persönliche Kunstbefähigung Gewicht legte, sondern alle Fähigkeiten in schöner Harmonie entwickelte. So war sie denn die Perle der Schule der Milesierin, welche fast mit der Zärtlichkeit einer Mutter sie liebte und ihre schönsten Hoffnungen auf sie setzte.

Und Kora, das Mädchen aus Arkadien? Es war schwer zu sagen, ob man sie zur Schule Aspasias rechnen durfte. Als Aspasia sie ihrer arkadischen Heimat entführt hatte, reizte sie eben die Sprödigkeit des Stoffes, ihre bildende und erziehende Kunst daran zu versuchen. Aber die Sprödigkeit des Stoffes erschien bald größer noch als die Meisterschaft der bildenden Kunst Aspasias. Kora diente den Gespielinnen zum Gespött, und man erniedrigte sie fast zur Dienerin. Aber das Mädchen aus Arkadien hatte doch auch wieder etwas in seinem Wesen, was es nicht ganz zur Sklavin herabsinken ließ. Nicht reizend war sie, nicht von edler Wohlgestalt, auch nicht heiteren Geistes, sondern ernst und nachdenklich, und was sie Eigentümliches in ihrem Wesen nach Athen mit sich gebracht, das blieb unverändert. Aber sie überraschte durch Blitze und Funken des Geistes und des Gemütes, welche immer etwas Ursprüngliches und Ungewöhnliches hatten und dadurch einen Anteil besonderer Art für sie erweckten, wie ein Wesen erschien sie aus einer fremden, bis jetzt noch unbekannten Welt.

Aspasia fand es geraten, ihre Zöglinge, der athenischen Sitte zuwider und ihres jugendlichen Alters ungeachtet, in den freien bildenden Verkehr mit der Welt und den Menschen zu bringen. Nach wie vor besuchten ihr Haus Männer von hervorragendem Geiste, durch deren Gespräche die Seelen der Mädchen frühzeitig über die dumpfe Alltäglichkeit erhoben werden konnten. Aber auch weibliche Besuche waren nicht ausgeschlossen, wer von jenen hervorragenden Männern eine schöne Freundin in diesen Kreis einführen wollte, dem war es gern gewährt, unter denjenigen, welche von dieser Freiheit Gebrauch machten, befand sich der junge Bildhauer und Architekt Kallimachos, welcher ein verwaistes, durch Schönheit ausgezeichnetes junges Mädchen, Philandra mit Namen, von Korinth nach Athen gebracht hatte. Er liebte das Mädchen zärtlich und schien entschlossen, es zu seiner Gattin zu machen. Aber von ärmlicher Herkunft und noch im zarten Alter stehend, entbehrte Philandra einer des Freundes würdigen Bildung. wie konnte ihr diese besser zu teil werden, als durch den Verkehr mit dem Kreise Aspasias? Diese verschmähte es durchaus nicht, den Kreis ihrer Schule über den Bann ihres Hauses hinaus zu erweitern.

Philandra war eine Schönheit von üppigen aber edlen Formen der Glieder. Sie verriet eine leidenschaftliche, heftige Natur und erschien ihres stattlichen Ansehens wegen reifer als sie war.

So hatte sich denn, man mochte sagen ein weiblicher Olymp in dem Hause Aspasias zusammengefunden. Der junge Alkibiades pflegte die Mädchen nach den Göttinnen zu benennen, welchen sie am ähnlichsten waren. Künstler begeisterten sich in diesem Olymp zu schönen Gebilden, Dichter zu anmutigen Gesängen. Aber der Uebermut und alles Unedle blieb verbannt aus diesem Kreise. Aspasias Blick wußte selbst den kühnen, sprudelnden Alkibiades im Zaume zu halten, und immer behielt die Priesterin der Schönheit auch die Zügel des edlen Maßes in der Hand. Eingedenk blieb Aspasia immer, was sie der Ehre des Hauses ihres Gatten schuldig sei. Und zu verhüten wußte sie, daß in betreff der Schule, die sie um sich versammelt hatte, die Bedenken ihres Gatten sich bis zur Entfremdung, bis zum Zerwürfnis fort sich steigerten.

Eines Tages lud der junge Alkibiades Aspasia und ihre Mädchen zu einer Meerfahrt auf sein Lustfahrzeug. Aspasia nahm die Einladung des Jünglings an unter der Bedingung, daß er darauf verzichte, einen seiner übermütigen Altersgenossen mit sich zu nehmen.

An einem Sommermorgen voll leuchtender Frische bestieg Aspasia mit Drosis, Prasina, Simaitha und Kora das Schiff des jungen Alkibiades. Ihnen schloß noch Kallimachos mit Philandra sich an, und im Geleite Philandras eine Freundin derselben, Pasikompsa mit Namen, welche, gleich Philandra selbst, bei Aspasia eingeführt und von dieser würdig erachtet war, eine Gespielin ihrer Schülerinnen abzugeben. Außer diesen Genannten und einigen Rudersklaven befand sich niemand auf dem Schiffe.

Man fuhr den Strand entlang und gelangte bald in die schöne Bucht von Salamis. Zur Linken hatte man die grüne, im Taue des Morgens funkelnde Insel, zur Rechten das attische Gestade, an welches die ägaleischen Hügel herantraten.

Nichts vermag die Seele lieblicher und harmonischer anzuregen, als das Vergnügen einer Kahnfahrt über einen sonnigen blauen Meeresgolf. Kein herrlicheres Meeresblau aber gibt es, als das der Bucht von Salamis. So fühlte denn auch die Gesellschaft auf dem Schiffe des Alkibiades sich von des Meeres und der Freude Wellen anmutig geschaukelt. Ueber den Häuptern das Blau des Aethers, unter sich das ätherische Blau des Meeres, schwammen sie gleichsam zwischen zwei Himmeln, sich wiegend in einem sel'gen Blau. Ob das des Aethers lieblicher, oder das des Meeres, wußten sie nicht zu sagen, noch fragten sie danach: sie sahen nur, daß zuweilen die Vögel auf einen Augenblick aus dem Aetherblau herab in das des Meeres tauchten, wie um seinen Reiz zu verkosten, die Fische dagegen aus ihrem Meeresblau zuweilen für einen Moment lustig emporschnellten ins Aetherblau, wie um einen flüchtigen Wonnetrunk daraus zu tun.

Die Gesellschaft auf dem Schiffe des Alkibiades glich diesen munteren, am Reize des Meeres und des Aethers sich erquickenden Fischen und Vögeln. Sie sogen alles Wonnige in sich und machten sich dabei so wenig Gedanken, als die Vögel und die Fische. Die jugendlich reizenden Gespielinnen Aspasias sahen vom Schiffsrand in die schöne Meereswelle hinunter, aber nur um ihre lieblichen Gesichter darin zu spiegeln. Nur Kora sah, wenn sie in die Flut hinunter blickte, nicht ihr Gesicht, sondern das Meer selbst. In ihrem Gemüte allein wurde der Meereszauber lebendig und seiner selbst bewußt.

Die anderen Mädchen spiegelten sich im Meer, das Meer aber spiegelte sich in Kora.

Fast bis zum Schrecken stieg in ihrem Gemüte der Eindruck. Denn sie begann zuletzt mit einer Art von Angst in den Zügen nach dem Meeresgrunde hinunter zu horchen. Und als man sie lächelnd fragte, ob sie etwa die Stimmen lockender Sirenen aus der Tiefe herauf vernehme, so bejahte sie dies, und das helle Gelächter ihrer Gespielinnen klang auf ihre Kosten weithin übers Meer.

Vielleicht angelockt von der Musik dieser Stimmen, begleitete die Lustfahrer ein Delphin, der ganz auf der äußersten Oberfläche der Wellen dahinglitt. Ein Vögelchen, das sich zu weit vom Lande ins Meer hinaus verirrt hatte, setzte sich einen Augenblick, wie um zu rasten, auf den Rücken desselben, ohne daß er es merkte.

Gerade als das silberstimmige Lachen über Kora wieder auf dem Fahrzeuge des Alkibiades erklang, kam an der Lustbarke ein großes Kauffahrerschiff vorbei. Da der Kauffahrer an der Barke ganz nahe vorüberfuhr, so konnte die Bemannung desselben und die Gesellschaft in der Barke des Alkibiades mit Blicken sich mustern. Die Männer auf dem Kauffahrer hatten ein rauhes, wildes Ansehen und blickten aus buschigen Brauen finster, fast bedrohlich wie Habichte auf die Taubenschar im Schiffe des Alkibiades herüber. Da aber der Kauffahrer weit schneller ruderte, ließ er bald die Barke hinter sich, und die muntere Gesellschaft achtete auf ihn nicht weiter. Ein Megarerfahrzeug wollte Kallimachos in demselben erkannt haben.

In einer kleinen Bucht wurde angehalten, und man beschloß zu landen, um sich da eine Zeitlang auf dem lieblich anlockenden Gestade zu vergnügen. Es war eben die Stelle, wo man den Felsenstuhl des Perserkönigs Xerxes zeigt, auf einem gegen das Meer hin abfallenden Hange der ägaleischen Berge, jenen Felsenstuhl, den der große König, als er seine Flotte hier zur Entscheidungsschlacht entfaltete, an erhöhter Uferstelle einnahm, und von welchem aus er erst mit stolzer Siegeszuversicht und dann mit wachsendem Grausen dem salaminischen Schlachtgewitter zusah.

Kallimachos und Alkibiades geleiteten Aspasia und die Mädchen hinauf zu diesem Felsensitze, und Alkibiades forderte Aspasia auf, sich als die würdigste auf demselben niederzulassen. Aspasia folgte der Aufforderung. Kallimachos nahm an ihrer Seite Platz. Die Mädchen mit Alkibiades blieben in anmutiger Gruppe um sie gelagert.

Büschel von Meergras und Myrtengesträuch voll dunkler und Heller Beeren sproßten zwischen den Klippen.

Es lag ein wunderbarer Friede über das sonnige Land und das flimmernde Meer gebreitet. Doppelt lieblich erschien von dieser erhöhten Stelle aus gesehen das gegenüber liegende Salamis. Zwischen der Insel und dem Festlandufer blaute das regungslose Meer. Silberhelle, glitzernde Streifen durchfurchten hie und da das tiefe Blau wie schimmernde Brücken. Kein Laut in der ganzen Weite, als das leise Rauschen und Knirschen der breiten, in gleichmäßigem Rhythmus langsam heranziehenden und wieder zurückweichenden Wellen drunten im Ufersande und von Zeit zu Zeit das Gekreisch einer Möve, welche den Klippenstrand umschwirrte.

»Bei allen Meeresnymphen!« sagte Alkibiades, »es ist hier so friedlich, so idyllisch-still, wie am sikelischen Meergestade. Man meint, es müsse hier in der Nähe irgendwo der verliebte Kyklop Polyphemos sitzen, aufs Meer hinausstarrend, wo das Bild der Galathea in der Flut sich spiegelt, indem sie darüber hinwegwandelt. Des plumpen Schäfers Hund rennt bellend an den Strand hinab ihr entgegen, die Nymphe aber bespritzt lachend den Liebesboten mit einer rollenden Schaumwoge, so daß er winselnd zurückläuft« ...

In der Tat, es herrschte eine wonnige Stille, von welcher man nicht glauben konnte, daß sie jemals unterbrochen worden sei, noch daß sie jemals unterbrochen werden könne.

Aspasia warf von ihrem Felsensitze aus einen Blick hinüber nach den Bergen des Peloponnesos.

»Wenn es möglich ist«, sagte sie, »alles widerwärtig Düstere, was ich jenseits der Berge dort gesehen und erlebt, aus meiner Seele hinwegzuspülen, so ist es in dieser Stunde möglich. Zu lichtvoll ist das Meer an diesem Gestade und der Aether darüber, als daß hier das Düstere jemals wie dort drüben zum Siege gelangen könnte. Ich fordere dich mutig heraus zum Kampfe, rauher Peloponnesos!«

»Ich mit dir!« rief Alkibiades und ballte die Faust gegen die Berge von Argolis.

»Wir alle!« riefen lachend die Mädchen.

In diesem Augenblicke fiel Aspasias Blick, rechtshin schweifend, auf das Megarerfahrzeug. Es erschien jetzt klein in der Entfernung. Es schien still zu stehen. Aspasias stolzer, beinahe verachtender Blick glitt rasch wieder davon ab. In ihren Augen blitzte jetzt etwas von jenem Uebermute, der das Herz des Perserkönigs erfüllte, als er auf diesen Felsenstuhl sich niederließ.

Ein Sklave brachte auf den Wink des Alkibiades einen Schlauch mit köstlicher Labung, und bald erklangen die Becher und ein hellstimmiger Rundgesang dazu. Reizvoll klang das Freudenlied in der schönen Meereseinsamkeit, und weithin widerhallte die friedliche Seebucht.

Getrieben von dionysischem Geiste, zerstreuten sich die Mädchen teils am muschelreichen Strande, teils auf den Hängen, wo zwischen dem Gestein duftige Kräuter sproßten. Gaukelnden Faltern waren sie zu vergleichen, geneckt, gehascht von Alkibiades.

Bald liefen sie mit hellem Ausruf zusammen, um ein totes Meergetier, einen Polypen etwa oder einen Delphin, der früher, die Salzflut durchjagend, die kleinere Meeresbrut in Schrecken gesetzt und des Nereus Töchter auf seinem Rücken getragen, und den eine schäumende woge im Sturm ans Felsengestade geworfen. Dann wieder saßen sie, und Alkibiades erzählte den Aufhorchenden wunderliche Jagdgeschichten, etwa: wie er kürzlich einmal am Meergestade einen großen Polypen und einen Hasen zugleich erbeutete, indem er angelnd den Polypen aus dem Gewässer ans Land schleuderte, dieser aber auf einen Hasen fiel, der im Meergrase schlummernd versteckt lag, und der sofort von den hundert Armen des Polypen umstrickt ward.

Inzwischen unterredete sich Kallimachos mit Aspasia.

Die Stellung des Kallimachos zu der schönen Gattin des Perikles war von sonderlicher Art. Herzliche Freundschaft vereinigte ihn mit Alkamenes, und durch diesen unterrichtet von allem, was zwischen dem Nebenbuhler des Agorakritos und der schönen Milesierin jemals vorgefallen, hatte er aus Korinth, woher er kam, ein Vorurteil, ja fast einen geheimen Groll gegen Aspasia nach Athen im Herzen mitgebracht. Nach der heftigen Scene, welche zwischen Alkamenes und Aspasia in Olympia sich ereignet hatte, und von welcher Kallimachos ebenfalls Kenntnis erhalten, hatte er mit seinem Freunde zu einer Art von Rachebund gegen Aspasia sich verschworen. Zu Athen näherte er sich der Milesierin, und, von ihrem Zauber angezogen, vergaß er halb, doch eben nur halb, jener Rachegedanken.

Aspasia selbst brachte die Rede auf Alkamenes und rühmte den Flug seiner gestaltenden Phantasie.

»Du tust wohl«, sagte sie, »daß du Freundschaft hältst mit diesem Manne, und mich dünkt, daß eine gewisse Seelenverwandtschaft euch zusammengeführt hat. Denn so wie ihn, scheint auch dich ein gewisser Drang zu beseelen, die Kunst auf neue Bahnen zu lenken.«

Aspasia spielte mit diesen Worten darauf an, daß dem Kallimachos der Meißel schon nicht mehr genügte, daß er mehr mit dem Bohrer als mit dem Meißel arbeitete und die Einzelheiten seiner Werke mit einem so wunderbaren Fleiße, einer so glänzenden Kunstfertigkeit ausführte, wie man es vor ihm nicht gesehen. »Wenn man mir zugesteht«, sagte Kallimachos, »die Bildkunst durch fleißige Anwendung des Bohrers weiter gefördert zu haben, so möchte ich mich auch der verschwisterten Baukunst nützlich erweisen. Schon lange beschäftigt mich eine Sache, die, wie es scheint, sehr leicht und einfach ist, in der Tat aber – du wirst lächeln, wenn du es hörst – mir durchaus nicht gelingen will. Die fortschreitende Kunst scheint mir für unsere Säule einen reicheren Schmuck zu fordern. Die ionische Schnecke ist das äußerste, wozu wir es gebracht haben. Damit begnügen wir uns seit Jahrhunderten. Liegt es nicht nahe, mit einem kühnen Griffe sich darüber hinaus zu wagen?«

»Im Morgenlande«, versetzte Aspasia, »sah ich Blätter- und Blumenformen mit seiner Phantasie zum Schmuck der Kapitäler verwendet. Wir sind schüchtern, wie du mit Recht bemerkst. Warum wagst du nicht, was du doch für nötig hältst?«

»Wirst du es glauben«, erwiderte Kallimachos, »daß nun schon seit Jahren um dieser Sache willen mein Gehirn sich zermartert? Hundert Formen habe ich ausgesonnen, keine hat bisher mir ganz genügt!«

»Warum willst du die neue Form ersinnen und erklügeln und ganz aus dir selber schöpfen?« fragte Aspasia. »Die Natur ist eine große Lehrmeisterin, ihr muß der Baumeister wie der Bildner sein Bestes ablauschen. Halte die Augen offen, und was du suchst, wird dir begegnen. Du brauchst es dann nur recht zu erfassen und mit klugem Sinn völlig auszugestalten.«

In diesem Augenblicke wurden Kallimachos und Aspasia durch die herbeikommenden Mädchen unterbrochen, welche erzählten, daß sie an einer verborgenen, lieblichen Stelle des Felsufers ein kleines Grabdenkmal entdeckt hätten. Sie wünschten es Aspasia zu zeigen.

Aspasia und Kallimachos folgten der Aufforderung und ließen von den Mädchen sich an die Stelle führen, wo das kleine Denkmal sich befand. Es lag zwischen den Uferfelsen verborgen und war durch überhängendes Gestein beinahe verdeckt. Aus einem einfachen, schmalen Steine bestand es, auf welchem eine kurze Inschrift eingegraben war. Ueber der Steinplatte stand ein zierlicher Korb, gefüllt mit welken Blumen und Kränzen. Aspasia versuchte die Inschrift zu lesen und entzifferte halb einen Mädchennamen, aber es fiel ihr schwer, denn reichlich sprossender Akanthus hatte mit seinem großen edelgeformten Laube nicht bloß den Denkstein selbst schon fast überwuchert, sondern rankte auch an dem Korbe sich empor. Bedeutsam stach sein frisches, lebendiges Grün gegen die traurig-welken Blumen ab, welche in dem Korbe lagen.

Aspasia und die Mädchen sprachen ihre Verwunderung aus, an dieser Stelle ein Grabdenkmal zu finden. Kallimachos aber sagte: »Mir war das Vorhandensein dieses kleinen Denkmals kein Geheimnis.«

Als hierauf die Mädchen neugierig nach dem Ursprunge desselben forschten, erwiderte Kallimachos:

»Derjenige, welcher dies Denkmal mit dem Korbe hier stiftete, war mein Freund, und ich bin einer der wenigen, welchen er die Geschichte desselben anvertraute.«

»Der Freund, von welchem ich spreche«, fuhr er fort, »war ein trefflicher athenischer Jüngling und betrieb die Bemalung von Gefäßen und Graburnen mit großer Tüchtigkeit zum Erwerbe seines Unterhaltes. Während er zu Korinth verweilt, begegnet seinem Auge das reizendste Blumenmädchen jener Stadt, und er entbrennt in Liebe für dasselbe. Aber auch ein junger Sparter, der eben zu Korinth mit einigen Freunden sich aufhielt, liebt das Mädchen und will es besitzen. Durch Gewalt und Drohungen weiß er es einzuschüchtern und steht auf dem Punkte, es von Korinth zu entführen. Der Athener, entflammt von leidenschaftlichem Zorne, stellt sich dem Nebenbuhler zum Kampfe und tötet ihn. Hierauf, um der Rache der Freunde des Getöteten zu entgehen, zieht er das willig folgende und seine Liebe erwidernde Mädchen mit sich fort, besteigt ungesäumt einen Kahn mit ihr und entflieht nach dem heimischen Athen.

Heiter fährt das Liebespaar den Strand entlang: voll seliger Lust das Herz des Jünglings, und das Mädchen strahlend in der Blüte seiner bräutlichen Jugend und Schönheit. Sie besitzt außer ihrem Liebreiz nichts als das Blumenkörbchen, gefüllt mit frischen Blumen, wie sie es auf dem Markte zu Korinth am Morgen jenes Tages eben in Händen trug, als der Geliebte sie entführte. Die Perlen des Meeres sprühen um den Kahn und benetzen die Rosen im Korbe, während aber der Jüngling einen mutwilligen Kuß auf die Lippen des Mädchens drückt, entgleitet der Blumenkorb über den Rand des Kahns ins Meer hinab, das Mädchen bückt sich hastig, ihn wieder zu erhaschen; indem sie allzu weit die Hand ausstreckt, schwankt der Kahn, und die Ahnungslose folgt aus dem halbumgestürzten Fahrzeug dem Korbe hinab in die Meerflut. Mit verzweifeltem Ausruf wirft der Jüngling sich in die Wogen, erfaßt, eine Zeitlang mit diesen ringend, den Leib des Mädchens und schwimmt damit dem nahen Ufer zu. Dort klettert er mühsam an Geklipp empor, den Leib der Geliebten mit der Linken fest an sich gedrückt. Nun bettet er sie auf eine flache Stelle des Felsgestades. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Antlitz bleich, vergebens ruft er tausend Liebesworte ihr ins Ohr. Er hat nur einen Leichnam gerettet.

Den Tag lang starrt er regungslos auf die Entseelte, dann schickt er sich an, sie zu bestatten. Er höhlt ihr das Grab an der Stelle, wo er sie ans Land gebracht. Was begegnet da plötzlich seinem Auge zwischen den Felsen? Der Blumenkorb des Mädchens ist, auf den Wellen schwimmend, dieser Uferstelle zugetrieben worden und ruht nun da festgehalten zwischen den Klippen. Er steigt hinab, und traurig seufzend hebt er das zierliche, mit den frischen Blumen gefüllte Körbchen empor und stellt es, betaut von seinen Tränen, auf des Mädchens Grab. Er geht nach Athen und kehrt bald wieder zur verborgenen, vom Meer umrauschten Grabesstelle mit diesem einfachen Denkstein. Er richtet ihn hier auf, und darüber stellt er wieder den Korb mit den welkenden Blumen. Die Verborgenheit der Stelle sichert ihn vor unfrommen Händen, und auch der Akanthus hat, wie ihr seht, die Rolle des Beschützers übernommen, indem er Denkstein und Korb mit den Ranken seines herrlichen Laubes fast bedeckt.« –

Aufmerksam hörten die Mädchen die Erzählung des Kallimachos, und laut beklagten sie des jugendlichen Paares Trauerlos.

Aspasia aber sagte nach einer Pause: »Wie sehr deine Geschichte, Kallimachos, das Gemüt zum Mitleid anregt, kann ich doch auch dem Eindrucke mich nicht verschließen, welchen dieser schmale, flache Stein, dieses Grabdenkmal, für welches die Natur weit mehr als die Kunst getan, auf mich und gewiß auf alle machen wird, die es schauen. Wie zierlich rankt das vom Boden aufsprießende Laub des Akanthus sich um den anmutigen, mit welken Blättern gefüllten Korb über der weißen Marmorplatte! Ist dies nicht eine jener Gestaltungen, welche der Natur gleichsam in spielender Laune gelingen, und welche kaum ein Bildner jemals so reizend ersinnen würde?«

Kallimachos antwortete nicht, aber er war von einem Gedanken wie von einem Blitze durchzuckt. Er starrte eine Zeitlang auf den laubumrankten Korb, dann rief er, zur Milesierin gewendet: »In der Tat, o Aspasia – dieser anmutvoll umrankte Korb ist eines jener Gebilde, für welche, wie du früher sagtest, der Bildner die Augen offen behalten muß, weil er von ihnen lernen kann« ...

»Und weil er vielleicht in ihnen finden kann«, fiel Aspasia lächelnd ein, »was er mit vergeblicher Anstrengung lange gesucht hat.«

Begeistert verbreitete sich Kallimachos nun sogleich über das, was seine Seele erfüllte.

Während er aber der Milesierin die in ihm erweckte Idee des neuen Säulenschmuckes auseinandersetzte, welcher in der Tat berufen war, siegreich in der Welt des Schönen hervorzutreten, und dessen Ruhm mit dem Namen des Kallimachos für immer verknüpft bleibt, verloren die Mädchen sich, um Blumen zu pflücken, mit welchen sie das Grab der jungen Korintherin zu schmücken gedachten.

Bald gaukelten sie wieder fröhlich umher am Gestade, Nymphen des Meeres ähnlich, unter welchen die Rolle des neckenden und haschenden Triton Alkibiades erneuerte.

Allmählich aber begann die Sprödigkeit und Zurückhaltung der an einsamer Uferstelle zurückgebliebenen Kora auf den mutwilligen Jüngling einen größeren Reiz zu üben, als die Munterkeit ihrer Gespielinnen.

Daß er eine scherzende Unterredung mit dieser suchte, daß er gegen ihren Willen mit ihr sich belustigte, merkte die reizende Simaitha ohne irgend welche Regung der Eifersucht; denn auch darin war sie das Ebenbild ihrer Meisterin, daß sie für solche Leidenschaft nur wenig Raum hatte in ihrer siegesstolzen Seele. Auch sie schien nur jener Liebe fähig, welche die heitere Ruhe des Gemütes nicht bedroht. Und welche verächtliche Nebenbuhlerin war überdies das Hirtenkind für die glänzendste Perle der Schule Aspasias! –

Weltentrückt erfreuten sich jene dort der holden Stille dieser Meeresbucht, welche, wie es schien, durch nichts in der Welt gestört werden konnte.

Und doch waren auf die zwanglos Fröhlichen feindselige Augen fernher lauernd gerichtet.

Als jenes Megarerfahrzeug an der Lustgondel des Alkibiades vorübergefahren war, hatten die Männer, welche sich darauf befanden, einen spähenden Blick in dieselbe geworfen.

Nachdem sie daran vorbeigekommen, sagte einer von ihnen erregt und hastig zu seinen Genossen:

»Habt ihr den Athenerjüngling gesehen, der da mit jungen Hetären auf dem Meere sich umhertreibt? Das eben ist jener freche, nichtswürdige Mädchenräuber Alkibiades! Ich erkenne ihn! Mehrmals habe ich zu Athen ihn gesehen. Und unter den jungen Mädchen war Simaitha – die geraubte Simaitha!«

»Wie?« riefen die megarischen Männer, heftig erglühend, »wie? dies ist jener Verwegene, der das Mädchen aus dem Landhause des Psaumias raubte, und der seines Raubes noch immer ungestraft sich erfreut?«

»In der Tat«, sagte jener, »freut er sich noch seines Raubes ungestraft, denn er steht unter mächtigem Schutze. Vergebens waren, wie ihr wißt, alle Bemühungen des Psaumias und seiner Mitbürger, welche die Auslieferung des Mädchens von den übermütigen Athenern verlangten. Glauben diese Athenerhunde nicht von jeher, des megarischen Gemeinwesens spotten zu dürfen? Es wird die Zeit kommen, ihnen zu beweisen, daß sie mit Unrecht die Dorerstadt an ihren Grenzen verachten. Für jetzt aber, Freunde, müssen wir, was Simaitha betrifft, die Genugtuung uns nehmen, zu welcher die Gelegenheit in dieser Stunde sich bietet. Auf jenem Lustfahrzeuge befinden sich neben dem unbärtigen Mädchenräuber, einem andern unbewehrten Manne und den wenigen Rudersklaven, nur Weiber. Unser aber sind genug, um das ganze Schiff, wenn wir es angreifen, wegzunehmen, jedenfalls aber Simaitha zurückzurauben und sie nach Megara mit uns zu entführen.«

Dieser Anschlag gefiel den megarischen Männern. Während sie aber berieten, wie sie das Schiff angreifen wollten, war die Genossenschaft des Alkibiades in der kleinen Felsbucht gelandet. Die Megarer bemerkten dies aus der Ferne.

»Desto besser!« sagte ihr Führer, »wir werden hier unser Schiff am Strande verbergen und unsere Beute auf dem Lande verfolgen. Der größere Teil von uns wird das Fahrzeug verlassen, um jenen einzeln sich näher zu schleichen und dann etwa zu zweien am klippenreichen Gestade, wo jene sich zerstreut umhertreiben, in den Hinterhalt zu legen. Leicht wird es uns fallen, im rechten Augenblick hervorzubrechen und des Mädchens, auf welches wir es abgesehen haben, uns zu bemächtigen, ohne daß die beiden athenischen Jünglinge und ihre Rudersklaven es verhindern können, ja vielleicht ohne daß sie es merken. Denn wenn wir den Moment erlauern, wo Simaitha getrennt von ihren Gespielinnen und die Aufmerksamkeit der Männer anders wohin gewendet ist, so gelingt es uns vielleicht, Simaitha völlig unbemerkt aufzuheben, und wir sind dann vor jeder Verfolgung sicher. Jene wissen dann nicht, wohin das Mädchen gekommen, bis wir den Raub in Sicherheit gebracht. Müßten wir aber Gewalt anwenden, so wäre zu fürchten, daß jene Jünglinge doch vielleicht durch ein des Weges kommendes athenisches Fahrzeug Verstärkung erhalten, und daß man uns den Raub noch bevor wir das Schiff erreicht haben oder auf dem Meere selbst wieder abjagt. Darum also lasset uns Vorsicht brauchen und aus dem Hinterhalte die günstige Gelegenheit erlauern!«

So sprach der Führer des megarischen Fahrzeuges, und die Männer taten, wie er sie anwies. Sie verbargen sich einzeln oder zu zweien am Ufer und auf den Hügeln und blickten aus ihrem Versteck scharf beobachtend auf die arglos Schwärmenden.

Lange wollte der für die Megarer günstige Augenblick nicht kommen. Endlich geschah es, daß Simaitha, Drosis und Prasina, Blumen pflückend, einem umbuschten Felshange sich näherten, hinter welchem einige von den Megarern sich verborgen hielten. Alkibiades war in weiter Entfernung mit Kora beschäftigt und Kallimachos noch immer in Gesellschaft Aspasias bei dem Grabdenkmale des korinthischen Mädchens.

Die Megarer stürzten hervor, um sich geradeswegs auf Simaitha zu werfen. Diese, als sie die wild aussehenden Männer plötzlich auf sich zukommen sah, entfloh mit Angstgeschrei, Drosis und Prasina folgten ihr, nicht weniger die Lüfte mit lautem Hilferuf erfüllend.

Simaitha aber kam den beiden Gespielinnen weit voraus auf ihrer Flucht. Schon hatte sie beinahe die Stelle erreicht, wo Alkibiades verweilte. Dieser, sowie Kallimachos und auch die Ruderer unten bei dem Schiffe vernahmen das Angstgeschrei der Mädchen und eilten rasch herbei. Alkibiades trug beständig einen Dolch, diesen zog er hervor, auf die Räuber in Gesellschaft der mit Ruderstangen bewaffneten Sklaven loszugehen.

Aber nicht ohne Beute wollten die Megarer vom Platze weichen. Sie haschten und ergriffen, da ihnen Simaitha entgangen war, die Genossinnen derselben, Drosis und Prasina, welche in ihrer Angst, gescheuchten Tauben ähnlich, nicht so sicher den Weg der Flucht gefunden hatten.

Gefahr in der Säumnis erkennend, und aus den früher erwähnten Gründen offenen Kampf vermeidend, rissen die Megarer Drosis und Prasina mit sich fort, hinunter ans Gestade, warfen sich mit den beiden in ihr Schiff und eilten der Bucht von Megara zu, bevor Alkibiades mit den Helfern seine Barke zu ihrer Verfolgung besteigen konnte. Dennoch wollte der Zornentbrannte sich blindlings in sein Fahrzeug stürzen, um den Räubern nachzueilen. Aber als er sich dazu anschickte, erhoben die Mädchen ein lautes Geschrei, wehklagend, daß sie am Ufer verlassen und vielleicht noch lauernden Feinden preisgegeben würden. Sie aber mit sich ins Fahrzeug zu nehmen und so den Feinden nachzusetzen, war ihm nicht minder verwehrt durch die Angst der Mädchen, welche in solcher Art dem Feinde als Beute gleichsam entgegengeführt zu werden vermeinten. Kallimachos, die Ruderer und Aspasia vor allen, gaben ihm zu bedenken, daß die Verfolgung unmöglich, und daß der Mittel und Wege genug sich finden würden, den Uebermut der Megarer zu züchtigen.

Aspasia war beim Anblick jener Tat der Megarer bleich geworden, und rasch war dem Erbleichen ein zorniges Erröten gefolgt. Nun aber war sie die erste wieder gefaßt und ruhig; fast lächelnd forderte sie den Alkibiades zur unverweilten Heimkehr auf. Eilig bestiegen alle das Fahrzeug wieder, zu schleuniger Rückkehr nach Athen.

»Rache den Megarern!« rief Alkibiades und schleuderte, aufrechtstehend im Fahrzeug, während es vom Ufer stieß, einen Becher gegen das scharfe Felsgeklipp.

»Wie dieser Becher am Geklipp, wird Megaras Zwergentrotz und der Trotz aller seiner Stammesgenossen schmählich zerschellen an der Felsenstirn der athenischen Akropolis!« –

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