Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
projectidfbf3a7c3
Schließen

Navigation:
.

XVII. Das Mädchen aus Arkadien.

Einige Jahre waren so hingegangen. Aspasia hatte mutig gekämpft, aber sie durfte sich nicht rühmen, gesiegt zu haben. Die ungestüme Scene im Thesmophorientempel war stadtkundig geworden, und Aspasia hatte die Beschämung zu ertragen, welche unter allen Umständen mit einer Niederlage verknüpft ist. Es fehlte auch fernerhin nicht an solchen, die ihr anhingen, der größere Teil ihres Geschlechtes aber war durch Neid, Verblendung und die boshaften Ausstreuungen ihrer Feindinnen wider sie entflammt.

Eine schwermütige Stimmung bemächtigte sich zuweilen des Perikles. Er gedachte des ungetrübten Glückes, welches er mit der Milesierin in der kurzen, aber wonnigen Zurückgezogenheit am Strande Ioniens genossen. Es überkam ihn zuweilen, als müsse er wieder einmal den Sorgen des Tages sich entreißen, hinweg sich flüchten aus dem geräuschvollen Athen, wo sein bestes Glück durch die vielzüngige, wie mit Bienengesumm sein Haupt umschwirrende Gehässigkeit der Menschen verleidet wurde.

Als die Kunde nach Athen gelangte, Pheidias habe in Elis sein Gold- und Elfenbeinbild des olympischen Zeus vollendet, das größte und erhabenste seiner Werke, wie verlockend erschien für Perikles dieser Anlaß zu einer kurzen Fahrt mit Aspasia ins Dorerland! Aber allzu beschwerlich dünkte Aspasia die Wanderung durch das Gebirgsland von Argos und Arkadia; und nur als ein anmutiger Scherz war der Gedanke einer solchen Fahrt, als er zuerst zwischen den beiden auftauchte, zu betrachten.

Im Volke von Athen hatte jene Art von Abneigung gegen die Gattin des Perikles sich eingeschlichen, mit welcher schöne und einflußreiche Frauen, deren Geschick mit dem eines hochstehenden Mannes verknüpft ist, fast immer zu kämpfen haben. Man fuhr fort, ihr geheimen Einfluß auf die staatsmännischen Pläne und Unternehmungen des Perikles zuzuschreiben und zu behaupten, sie reize den Perikles, sich zum Tyrannen von ganz Hellas aufzuwerfen. Die ausgelassenen Dichter der Komödie, an ihrer Spitze Kratinos, des Polygnotos Freund, der noch vom Festmahle des Hipponikos her der Milesierin grollte, spitzten ihre Pfeile gegen sie nur immer schärfer zu. Die attische Muse glich der Biene: sie troff von Honigseim, aber sie führte auch einen scharfen Stachel.

Perikles zürnte und machte einen Versuch, den Uebermut der Komödie einzuschränken.

Der Versuch wurde vor aller Welt dem Einfluß Aspasias zugeschrieben.

»Halten sie mich für einen alten Löwen«, sagte Kratinos, »welchem die Zähne ausgefallen und der nur mehr geifern kann?«

Und in seiner nächsten Komödie schleuderte er ungescheut vor den gesamten Athenern ein gemeines Schmähwort nach dem Haupte Aspasias.

Das Schmähwort des Kratinos war frech über alles Maß, es war bis ins Mark verletzend, beinahe vernichtend. In ihm gipfelte die Mißgunst der geheimen und offenen Verfolger Aspasias. Die spottlustige Menge griff es auf und wiederholte es. Der Boden Athens begann heiß zu werden unter den Füßen der Milesierin ...

Von jenem Tage an war die Reise nach Elis zwischen Perikles und Aspasia eine beschlossene Sache. Sie ahnten nicht, daß sie manches Bedeutungsvolle, das sich von außen wie in ihrem eigenen Innern vorbereitete, durch diesen Schritt nicht verzögerten, sondern beschleunigten.

Zu Athen war das Wesen der Milesierin geteilt unter viele, die gleichsam am Strahle ihres Geistes und ihrer Schönheit sich sonnten. Auf den ernst-stillen Fluren von Argos, auf den idyllischen Höhen Arkadiens, selbst im Getümmel Olympias würde sie, so dachte Perikles, gänzlich nur wieder seinem und ihrem Glücke leben.

Rasch wurden die Vorbereitungen der Reise getroffen, und bald konnte die aller Dinge zuerst kundige Schwester des Kimon dem redseligen Athen davon erzählen, daß Perikles im Begriffe sei, nach Olympia zu gehen, und daß der weibische Held seine geliebte Aspasia, welche im übrigen wohl tue, sich der Schmach, die zu Athen sie bedecke, zu entziehen, nicht missen wolle. Es gab viele, welche scherzten über die Unzertrennlichkeit des Paares. Manche freilich gab es auch, welche dasselbe im stillen beneideten ...

Ein leichtes Gefährt trug die beiden Unzertrennlichen bis an den Isthmos. Sklaven und Maultiere waren bis Korinth vorausgesendet worden, um von dort an für die Wanderung auf den beschwerlichen Pfaden des Peloponnesos zu dienen.

Wie atmeten jetzt die beiden auf, als sie das sonst so geliebte Athen hinter sich hatten! – Willkommener schien der grollenden Milesierin jetzt der rauhe Grund der verhaßten Peloponeshalbinsel, als der brennende Boden Athens ...

Von den prächtigen Land- und Meeransichten, die im beständigen Wechsel ihrem Auge sich boten, bis herab zu den Denkmälern an den Seiten des Weges, den Hermessäulen und den Hekatehäuschen an den Scheidewegen, war den jetzt wieder Neubeglückten alles anregend, alles bedeutend.

Sie fanden die breite Straße von Eleusis voll von Wanderern. Man sah Frommgesinnte und Menschenfreundliche vor die Bilder und Kapellen der Wegegötter Früchte und andere Speisen hinlegen, damit arme und hungernde Wanderer sich daran erquicken konnten. Hier und da standen Obstbäume gepflanzt zur Seite des Weges, deren Früchte ebenfalls Gemeingut aller Dürstenden waren. Auch an Herbergen gebrach es nicht.

»Ein wanderlustig Volk sind wir Hellenen«, sagte Perikles zu Aspasia. »Vielverzweigte Gastfreundschaft und fröhliche Feste locken von Ort zu Ort. Und für den Wanderer ist, wie du siehst, gesorgt.«

An Berghängen zur Seite des Weges sprang manch lustiger Quell aus dem Gestein. In den Riesenstamm der Pappel, welche den Quell beschattete, hatte mancher rastende Wanderer zum Dank einen Spruch, einen Vers eingeschnitten, oder ein Weihegeschenk daran aufgehängt.

Blühende, tempelreiche, säulengeschmückte Städte und Flecken zogen an den Blicken der beiden vorüber. Zuerst Eleusis, die heilige Stadt der Mysterien, wo auf des Perikles Betrieb soeben ein neues, prangendes Haus der Mysterienfeier unter des Iktinos Händen emporstieg. Dann Megara, die Dorerstadt, deren Anblick dem Geiste Aspasias unerfreuliche Erinnerungen weckte. Ihr liebliches Antlitz verdüsterte sich; sie schwieg, aber unvergessenes Leid und ungesühnte Schmach erpreßte ihr eine Träne des Unmuts. Perikles verstand sie und sagte: »Sei getrost! Deine Feinde sind auch die meinigen. Megara wird büßen, was es verbrach!«

Angelangt in dem menschenwimmelnden Korinth, begab sich Perikles in das Haus seines Gastfreundes Amynias, der ihn und seine Gemahlin mit hohen Ehren bei sich empfing.

Allzu verlockend winkte den Ankömmlingen die Höhe des weitschauenden Akrokorinth, die Akropole der Stadt Korinth, der von Blumen und Kräutern dicht überwucherte Felsberg, steil abfallend gegen die Stadt, eine Hochwarte des hellenischen Landes. Von seinem Gipfel leuchtete der allberühmte Tempel der Liebesgöttin. Denn wie das geistbelebte Athen unter dem Schutze der sinnigen Pallas Athene stand, so stellte die reiche, genußliebende Handelsstadt sich unter den Schutz der Freudenspenderin Aphrodite. Wie Pallas Athene dort, war hier Aphrodite Beherrscherin der Burg, und bewaffnet stand sie in ihrem Heiligtume. Von der höchsten Felskuppe glänzten ihre Tempelzinnen weit hinaus ins Meer, auch sie ein Wahrzeichen den Schiffern. Tausend Hierodulen, Dienerinnen der Göttin, reizende und willfährige Töchter der Freude, wohnten im Tempelbezirk auf der Bergeshöhe, die durch angebaute Terrassen, Säulenhallen, Gärten, Haine, Bäder und Gastwohnungen zu einem auf so weitschauender Fläche doppelt anmutenden Eden umgeschaffen war.

Von dieser Höhe nun, im Mittelpunkte der hellenischen Länder und Meere stehend, überschauten Perikles und Aspasia alle die wunderbar geformten, in eigentümlichem Farbenzauber leuchtenden Bergesgipfel, erblickten im Norden das Schneehaupt des Parnassos und weiter ostwärts den Helikon, grüßten die sämtlichen Berge von Attika, und mit nicht geringer Herzensfreude sahen sie sogar die holdvertraute Felswarte der athenischen Akropolis durch die reinen Lüfte aus weiter Ferne herüberwinken. Südwärts schweifte ihr Blick über die Höhen Nordarkadiens. Sie sahen zwischen den unzähligen Bergen und Tälern die schimmernden Seebuchten und Küsten, auch grünende oder felsig-weiß blinkende Meereilande, alles vom Reiz eines unvergleichlichen Lichtes übergossen.

In dieser holden Schau wurden Perikles und Aspasia einigermaßen gestört durch die Schwärme der Hierodulen, welche sich in der Nähe des Tempelbezirkes in den Säulengängen und Hainen umhertrieben.

»Ihr habt zu Athen«, sagte der korinthische Gastfreund, welcher das Paar begleitete, mit einem Blicke auf diese Schönen zu Perikles, »solche Art von Götterdienst noch nicht, und ihr seid vielleicht nicht geneigt, in diesen Priesterinnen, welche zu Gunsten des Tempelschatzes sich preisgeben, geheiligte Personen zu erblicken. Bei uns steht solches Priestertum seit langer Zeit in hohem und ehrwürdigem Ansehen. Diese gastlich heiteren Mädchen, welche, des Dienstes der Aphrodite waltend, »aufwärts streben im Gemüt zur Mutter der Liebe«, sind bei Opfern und anderen religiösen Verrichtungen gegenwärtig, nehmen an Festaufzügen der Bürger teil und singen dabei den Päan der Aphrodite. Man wendet sich an sie um Fürsprache bei der Göttin, der Beschützerin unserer Stadt. Ihr lächelt? Nun, ihr Athener mögt der Pallas Athene mehr zu verdanken glauben. Bei euch ist das Gemeinwesen reich und vielvermögend, bei uns sind es die einzelnen Bürger. Jeder ist ein Kroisos, ein König für sich, und freut sich der durch Handel und Seefahrt errungenen Güter des Lebens. Wir streben nicht nach Macht und Reichtum in Griechenland, wir verwenden unsere Schätze nicht auf den Bau von Festungswerken oder Flotten und ähnliche Dinge, aber wir leben bequem und glauben, daß am Ende doch nur der Einzelne lebt, die Gesamtheit aber ein bloßer Begriff ist. Mag sich das verhalten wie es will, und mögt ihr Athener noch so verachtend auf uns herunterblicken, die Bahn habt ihr doch eingeschlagen, die euch uns näher bringt. Ihr liebt und pflegt das Schöne, mit welchem immer auch die Liebe zu den Annehmlichkeiten des Lebens sich einstellt.«

Diese Worte des Korinthers machten einen tiefen Eindruck auf Perikles, ohne daß er viel darauf zu achten schien. Er blickte nach den Bergen des Peloponnesos hinüber und sagte nach einiger Zeit, mit einem flüchtigen Lächeln zu Aspasia gewendet:

»Es ist bedeutungsvoll, daß uns eben hier, gleichsam an der Schwelle des ernsten, strengen Peloponnesos, noch das Bild einer auf ihrem Höhepunkte angelangten Ueppigkeit hellenischen Lebens begegnet. Wer sollte glauben, wenn er von dem heiteren, kunstliebenden, gedankenhellen Athen herkommt, oder wenn er hier im genußfrohen Korinth, von verführerischen Hierodulen umschwärmt, auf der Höhe des Aphroditetempels steht, daß so ganz unferne jenseits des Isthmos und jener düsterragenden Berge auf den Höhen Arkadias ein unverderbtes Hirtenvolk in vorzeitlicher Lebenseinfalt hauset, daß, diesen Stätten eines schönen, genußreichen Müßiggangs gegenüber, da drüben jenseits der Berge der rauhe Sparter und der finster-grollende Messenier, zottigen Löwen oder Wölfen gleich, in grausen Schluchten oder dunklen Wäldern sich würgend befehden? Welch eine Ringstätte wilder, heldenhafter Kraft ist von uralten Zeiten her dieser Erdstrich jenseits der ragenden Berge! Aus Burgen, mit übereinander gewälzten Felsen aufgebaut, zogen die Argiverfürsten gen Ilion. Auf den Pfaden des Peloponnesos gingen Herakles und Perseus ihren Heldenweg, erwürgten die Löwen und bekämpften die Brut der Schlangen im Gesumpf und das Gezücht unheimlicher Vögel in der Luft. Und ringt nicht auch heute noch auf den Auen der Pelops-Halbinsel, auf dem Isthmos, zu Nemea, zu Olympia männliche Tatkraft um den Preis? Wandern nicht dorthin die Männer von ganz Hellas, welchen nach dem Lorbeer heldenhafter Stärke gelüstet? Düster, drohend und rauh erscheint er, dieser Peloponnesos, und die Wasser des Styx bespülen nicht umsonst sein finsteres Berggelände. Aber wir wollen seinen Schrecken trotzen, wir wollen uns in die Höhle des Löwen wagen. Und wenn wir zu weichlich geworden, so wollen wir mit neuer Kraft uns stählen in jenen rauheren Lüften.«

»Seit wann«, sagte Aspasia lächelnd, »ist Perikles zum Bewunderer und selbst zum Neider der rauhen und einfältigen Männer jenseits des Isthmos geworden? Sei nur getrost, Freund! laß jene dort ringen und kämpfen, wie sie mögen. Ueber ihren düsteren Bergeshöhen leuchtet nicht wie über Athens Akropole das siegreiche Licht der Pallas Athene!« –

Mit einem starken Geleite brachen die Reisenden am nächsten Morgen von Korinthos auf, um frohen Mutes ihre Wanderung ins Dorerland über die argolischen Berge anzutreten. Aspasia verschmähte meist die Sänfte, welche Perikles in liebreicher Sorgfalt für sie hatte anfertigen lassen, und welche von Sklaven oder Maultieren über die beschwerlichen Strecken des Gebirges getragen werden konnte. Sie zog es vor, auf einem Maultier zur Seite des Gatten zu reiten. Und so wanderten sie denn, sich traulich unterredend, durch die säuselnden Gebirgswälder, dem Laufe der Bäche, welche den Schlünden zustürzten, entgegen, gelangten über steile Hänge und waldige Gipfel zu freien Hochflächen, dann wieder durch Engpässe und Täler, wo Oleander- und Lentiskussträucher und wilde Birnbäume über den dunklen Pfad ihr schattiges Gezweig in einander schlangen.

In solchen düsteren Gründen drang denn doch mancher Blick aus den Augen der mutigen Aspasia etwas ängstlich spähend ins Gestrüpp, ob nicht eines Räubers dunkle Gestalt daraus hervortrete. Dann lächelte Perikles und sagte mit einem Blick auf das wohlbewehrte, pfadkundige Gefolge einheimischer Männer, welche er zur Begleitung durch das Gebirge angeworben hatte:

»Fürchte nichts, Aspasia! Längst sind die wilden Riesen auf diesen Pfaden ausgetilgt, und dahin ist längst auch der Fichtenbeuger Sinis, der tückische Wütrich. Nur vor den Schlänglein dieser Höhen und Täler mögen wir uns hüten; denn du gedenkst wohl, was hier ganz nahe auf Nemeas Au geschah, als die Amme das Knäblein ins Gras hinlegte, um für die vorbeiziehenden Sieben gegen Theben auf ihr Verlangen einen Trunk erfrischenden Wassers zu holen.«

Nach einer angestrengten Tagreise fanden sich die Wanderer an der Schwelle der Inachosebene und sahen zwischen zwei grauen, spitzen Bergen des Agamemnon sagenberühmten Herrschersitz, die uralte Hüterin dieser Bergstraßen, die Burg von Mykenä, lauernd in ihrer Felsenecke liegen – »im Winkel von Argos«, nach den Worten des homerischen Liedes. Zur Rechten starrte der kahle Kegelberg mit der alten Burg Larisa empor, die Akropole der Stadt Argos, die zu den Füßen des Berges auf weitem Raum in der Ebene sich erstreckte, noch immer blühend, und nicht minder stark als die Stadt der Athener bevölkert. Ueber die langgedehnte Strandebene des »rossenährenden Argos« herüber glänzte die blaue Meeresbucht von Nauplia, Bergketten, in die Farben des Sonnenuntergangs getaucht, ragten hier mit scharfgezackten Gipfeln gen Himmel, liefen dort in hochgeschwungenen Bogen bis ans Meer. Auch jenseits des schimmernden Golfes tauchten die dämmernden Umrisse mächtiger Bergeshäupter auf.

Eine wunderbare Empfindung bemächtigte sich der Reisenden. Ihre Blicke hingen an der grauen Felshöhe von Mykenä, die Spuren der Königsburg der Pelopiden suchend, und all der anderen unzerstörbaren Reste kyklopischer Schatzhäuser, Gräber, Mauern und Gewölbe der Urzeit.

Als sie Mykenä selbst erreicht hatten, war das Dunkel eingebrochen. Sie standen auf der Felshöhe, wo das graue, von Moos und Efeu überwucherte, aus riesigen, aber regelrecht behauenen Felsblöcken aufgewälzte Mauerwerk in der Dämmerung fast unheimlich und beängstigend ragte. Dennoch verschmähten sie es, hinunter zu wandern zu den Wohnstätten der wenigen Mykenäer, welche in der längst verfallenen und verödeten Königsstadt der Atriden noch hausten. Perikles und Aspasia beschlossen, die laue Sommernacht der Nähe dieser ehrwürdigen Ueberreste der Vergangenheit unter einem Zelte zuzubringen. Aber der Mond ging auf und übergoß das Mauerwerk und die Höhe selbst und alle Bergeskuppen von Argos ringsumher und die Ebene dazwischen bis an den fernen Golf mit weißglänzendem Lichte. Obgleich ermüdet, konnten Perikles und Aspasia der Verlockung dieser zauberischen Mondeshelle nicht widerstehen. Sie schöpften neue Kraft aus der wundersamen Erregung ihrer Gemüter. Vor wenigen Tagen noch umgab sie das geräuschvolle Athen, und jetzt standen sie auf Mykenäs Trümmern, von den Schauern der sternenhellen Nacht umgraut, in der totenstillen Einsamkeit der argolischen Berge. Der Geist des Homeros kam über sie. Im Rauschen des Windes, im Säuseln der Baumkronen vernahmen sie etwas wie einen leisen Nachhall jenes unsterblichen Heldengesanges. Das Vollmondlicht, das ringsumher auf den Kuppen der Berge von Argos brannte, gemahnte sie an die Feuer, die einst von einem dieser Berggipfel bis zum anderen aufloderten, um die Botschaft des Hellenensieges von Ilion über Meer und Gebirg hieher zu bringen bis an die Burg Agamemnons, wo die wilde Klytaimnestra, den Buhlen Aigisthos an der Seite, der Heimkehr des siegreichen Hellenenführers mit heimlich geschärftem Todesstahl entgegensah. Und innerhalb dieser verödeten Burgtrümmer, die da vor ihnen lagen in der grabstillen, nachtumgrauten Einsamkeit, ward er gezückt, dieser Mordstahl. Hinter diesen Mauern verhallte dumpf das Todesröcheln des heimgekehrten Völkergebieters ...

Perikles und Aspasia schritten den mächtigen Mauerring entlang, der dem Rande des schroffen Burghügels mit zahlreichen Ecken und Winkeln folgte. Sie gelangten an das altberühmte Löwentor, die ehrwürdige Pforte der Atridenburg, über welcher des Weltteils ältestes Bildwerk ragt. Durch dieses Tor betraten sie den Burgraum und standen vor den inneren Mauerzügen, hinter welchen die Atriden unangreifbar hausten; aber nur noch die Grundfesten bezeichneten ihnen die Stelle der eigentlichen Fürstengemächer. Sie setzten ihre Wanderung fort und erreichten weiterhin, nicht mehr auf der Höhe des Berges, sondern auf seiner Abdachung, das ehrwürdige, noch unversehrte Rundgebäude, welches ein Schatzhaus und die Gruft der Pelopiden zugleich war.

Als Perikles und Aspasia sich diesem Rundbau näherten, erschreckte sie die Gestalt eines riesigen Mannes, welcher an der Pforte lag, und welcher bei der Annäherung der Fremden sich mit halbem Leibe emporrichtete. Der Mann erinnerte an die Reckengestalten des Homeros, welche sich mit Felsblöcken bewarfen, deren Wucht die später Gebornen nicht mehr vom Boden zu erheben vermochten. Perikles sprach ihn an und merkte nach kurzer Unterredung, daß er es mit einem in den Bergen von Argos umherschweifenden Bettler zu tun habe. Die Glieder desselben waren kärglich mit Lumpen bedeckt, sein dunkelfarbiges Antlitz war wie zernagt von Wind und Wetter. So vielleicht war der vielduldende Irrfahrer Odysseus anzusehen, in dem Augenblicke, als er sich schiffbrüchig ans Festland rettete, nachdem er tagelang schwimmend mit dem Meere gerungen und die scharfe Salzflut ihm die Glieder verwüstet hatte.

Der greise, wunderliche, hünenhafte Bettler behauptete, er hüte den Schatz des Atreus und ohne seine Einwilligung dürfe niemand der Pforte des Schatzhauses sich nähern. Von ungeheuren goldnen Schätzen begann er zu faseln, welche in geheimen Verstecken dieser Felskammern noch immer verborgen lägen, und welche den Finder zum reichsten aller Sterblichen, zum Führer und König in Hellas, zum Erben und Nachfolger des Hellenenfürsten Agamemnon machen würden.

Lächelnd sagte Perikles zu Aspasia: »Wohl war Mykenä in Urzeiten berühmt als die goldreichste Hellenenstadt; aber ich denke, das Gold Mykenäs ist längst nach Athen geflossen, und wir brauchen es nicht mehr zu suchen. Dennoch lockt mich diese wunderbare Felsgruft der Atriden unwiderstehlich.«

»Führ' uns heute noch in das Schatzhaus, das du bewachst!« fuhr Perikles fort, zu dem Hünen gewendet, »wir sind Athener und in die Berge von Argos gekommen, dem Staube der göttlichen Atriden unsere Verehrung zu bezeugen!«

Dann befahl er einigen Sklaven, Fackeln anzuzünden. Der Bettler, auf welchen das Wesen des Perikles eine gewisse Macht zu üben schien, zeigte sich schweigend bereit, als Führer zu dienen. Mit wuchtiger Hand schob er, seine Riesenkraft betätigend, ein großes Felsstück beiseite, das vor dem Eingang lag und denselben völlig versperrte. Aber auch so noch war es nicht leicht, über Schutt und Geröll hinweg durch die fast verschüttete Pforte dem Weg ins Innere des tief in die Erde hinabreichenden Gewölbes zu folgen.

Durch den aus mächtigen Quadern gebildeten Torweg gelangten Perikles und Aspasia in das hohe, düstere Rundgewölbe, dessen Wände sie nicht in der gewöhnlichen Art eines Gewölbes errichtet sahen; in immer enger werdenden Ringen fanden sie die Steinschichten übereinander gelagert und oben durch eine kegelförmige Wölbung abgeschlossen. Sie fanden die Spuren alter Erzverkleidung an den Wänden; ein beliebter Wandschmuck jener Zeiten, von welchen Homeros meldet, wie möchte in den Fürstengemächern die geglättete, blanke Erzwand im Widerschein helllodernder Fackeln geschimmert haben! Aber gewaltsam herabgerissen waren hier schon die Platten des Erzes, unverkleidet starrten die grauen Steinmassen der mächtigen, übereinander aufgetürmten Ringe den Beschauern entgegen.

Aus dem Rundbau traten Perikles und Aspasia durch eine engere Pforte in eine Felsenkammer, welche, ganz in den lebendigen Fels gehauen, im Viereck sich verbreitete.

Sinnend standen die beiden. Nur dämmerig erhellte das trübe Licht der brennenden Fackeln die düsteren Steingewölbe.

»Ein kühner Gedanke wär' es«, sagte Perikles zuletzt, »in dieser von wunderbaren Schauern durchwehten Steingruft eine Nachtherberge aufzuschlagen!«

Aspasia schauderte ein wenig, aber im nächsten Augenblicke lächelte sie und konnte sich des Zaubers nicht erwehren, welchen der Schauer erweckende und doch verlockende Gedanke auf sie übte, eine Nacht zuzubringen in der tausendjährigen Pelopidengruft, zu ruhen über dem Staube des Atreus und des Agamemnon.

Manches Bedenken wurde noch erwogen, zuletzt aber schritt man zur Ausführung des kühnen Gedankens. Teppiche wurden auf den Steinboden der kleineren Felskammern von den Sklaven ausgebreitet und auf denselben das Lager bereitet. Im Rundgewölbe streckte der reckenhafte Bettler sich zum Schlummer hin, die Sklaven lagerten sich um den äußeren Eingang.

Nun fanden Perikles und Aspasia sich allein in dem schauerlichen, ganz in den Felsen gehauenen Gemache. Der ungewisse Schein der in den Boden gesteckten Fackel spielte gespenstisch auf den grauen, fensterlosen Felswänden. Um sie herrschte Totenstille. Es war die wirkliche Ruhe einer Gruft, die sie umgab.

»In dieser Nacht«, sagte Perikles, »und in diesem Raume tritt mir der Gedanke an Verwesung und Vernichtung beinahe in leibhafter Gestalt mit titanischer Uebergewalt entgegen. Wie zart und veränderlich und hinfällig erscheint alles Lebendige, und wie starr und zähe trotzt dem Zahne der Zeiten das, was wir das Tote zu nennen pflegen! Atreus und Agamemnon sind längst dahin, und wir trinken vielleicht die unsichtbaren Atome ihres Staubes mit dem Odem, welchen wir einziehen. Diese toten Mauern aber, welche jene Menschen aufgetürmt haben, umragen uns noch heute und werden vielleicht auch jene noch umragen, welche die Atome unseres tausendjährigen Staubes trinken!« –

»Nicht ganz wie du, o Perikles«, erwiderte Aspasia, »finde ich, daß das flüchtig-lebendige Menschendasein Grund hat zum Neide gegenüber dem unverwüstlichen Leben des Toten. Der stürzende Felsblock begräbt die Blumen, aber die Blumen kehren wieder mit jedem Frühling und schlingen ihre Ranken um den Stein, und zuletzt verwittert nach Jahrtausenden der Stein, die Blumen aber sind immer wieder da. So liegt das Leben auch begraben unter Städtetrümmern, aber zwischen den Trümmern schlüpft es heimlich hervor und umspinnt das mit seiner Dauer sich brüstende Gestein: sein treibendes Gezweig durchwächst sogar und sprengt den Fels, und so ist zuletzt doch nur das scheinbar Flüchtige und Vergängliche wahrhaft ewig.«

»Du hast recht«, sagte Perikles; »das Leben würde bald müde und seiner selbst überdrüssig werden, wenn ihm die Unveränderlichkeit des Toten beschieden wäre. Unvergänglichkeit ist schon eins mit dem Tode, nur der Wechsel ist Leben.«

»Der Heldensinn des Agamemnon«, sagte Aspasia, »erneuert er sich nicht in tausend Leiden? Und lebt die Liebe des Paris und der Helena nicht in unzähligen Liebespaaren ewig wieder auf?«

»Allerdings kommt und geht das Leben«, erwiderte Perikles, »und in ewigen Verwandlungen kehrt es wieder. Sind wir aber gewiß, daß es bei diesem Kommen und Gehen nicht doch zuletzt etwas einbüßt von seiner Urkraft? Sollte das Große in der Welt nicht ein wenig den Steinringen gleichen in der Wölbung dieser Gruft, welche nach oben hin sich zwar wiederholen, aber immer enger werden? – Der Heldensinn Agamemnons scheint zwar wiedergekehrt, und wir haben die Perser geschlagen, aber es will mich bedünken, als ob wir gegen die Helden Homers doch ein wenig eingeschrumpft wären.«

»Manches«, erwiderte Aspasia, »mag schwächer werden in der Wiederkehr: aber verkennst du, daß vieles noch kräftiger und herrlicher sich erneuert? Die Kunst, welche mit diesen Trümmern unterging, ist wiedergekehrt und hat die bildgeschmückten Marmorzinnen des Parthenon gemeißelt!«

»Wenn aber«, sagte Perikles, »auch jene bildgeschmückten Zinnen einst in Schutt gesunken sind – wenn das herrliche Viergespann der Pallas vielleicht, vom Giebel des Parthenon hinunter stürzend, mit Donnergekrach zerschellt ist am Felshang, bist du gewiß, daß auch dann die Kunst nur immer herrlicher wiederkehrt? Oder kommt eine Zeit, deren Ruhm nur noch zehrt vom Abglanz unsterblicher Trümmer?«

»Darum mögen die späteren Geschlechter sich kümmern!« erwiderte Aspasia.

»Du hast auch von der Liebe jenes schönsten Paares der Vorzeit gesprochen«, fuhr Perikles fort, »und wie sie sich erneuert in unzähligen Paaren?«

»Zweifelst du daran?« sagte Aspasia.

»Nein!« rief Perikles, »und ich glaube, daß die Liebe, und eben nur die Liebe, immer da ist mit gleicher Kraft, mit gleicher Lebensfrische, mit gleicher Beseligung!«

»Die Liebe und die Freude!« fiel Aspasia lächelnd ein.

»So ist es!« wiederholte Perikles. »Zwar muß ich mit Beschämung wandeln auf dieser Stätte und bin vielleicht nicht würdig, auch nur eine Nacht über dem Staube homerischer Helden zu ruhen. Aber wenn ich mit schmerzlichem Neide verzichten muß auf die Heldenehre des Achill, so teile ich doch das Glück des Paris: den Besitz des schönsten hellenischen Weibes!« –

Die Miene, mit welcher Perikles dies sprach, war nicht ganz in Uebereinstimmung mit den Worten selbst. Er hatte das Ansehen, als ob er zweifelte, daß es dem Manne gezieme, auf den Ruhm Achills zu verzichten und sich zu begnügen mit dem Glücke des Paris ...

Aber mit dem Zauber des schönsten hellenischen Weibes wußte Aspasia die Gedanken einzulullen, welche in der männlichen Seele des Perikles sich regten. Ihr Auge streute einen magischen Glanz in die düst're Felsgruft, von ihren Wangen schien der Rosenschein sich durch den ganzen Raum zu verbreiten. Die Fackel, welche zuvor so düster geflackert, wie vielleicht jene, welche einst zur Bestattung des getöteten Agamemnon hier geleuchtet, schien plötzlich heiter aufzuflammen wie eine Hochzeitsfackel. Durch den Strahl der Schönheit, der in die finstere Tiefe fiel, schien selbst die Gruft nun verwandelt in ein Brautgemach, und die ewige Frische des Gebens und der Liebe gewann die Oberhand über die Schauer des Todes und der Verwesung, über den tausendjährigen Moderstaub der Atriden. –

Als Perikles und Aspasia die Stätte ihrer nächtlichen Rast verließen und aus der düsteren Felskammer hervortraten, glänzte ihnen der Morgen tauig von allen Fluren und Hängen entgegen. Aber es war auch in dem glänzenden Lichte des Tages nicht weniger einsam und totenstill unter den Trümmern der Atridenburg. Nur ein Geier schwebte regungslos mit weit ausgebreiteten Fittichen über Mykenä hoch im Blau.

Während hierauf die Reisenden von dem mitgebrachten Vorrate und dem Weine, den ein Sklave in geißledernem Schlauche trug, einiges zum Morgenimbiß zu sich nahmen, fragte Perikles Aspasia, ob sie nicht einen Traum gehabt während des nächtlichen Schlummers in der Atridengruft.

»In der Tat«, versetzte Aspasia, »hat mich ein Morgentraum mitten unter das Heldengetümmel von Ilion versetzt. Ich habe den Achill leibhaft gesehen, und er schwebt mir noch immer vor Augen. Es war eine wild-schöne Jünglingsgestalt von fast dämonischem Ansehen, hoch und schlank, das im reinsten Eirund geschnittene Antlitz von dunklen Locken umrahmt, die Augen schwarz wie eine Kohle und beinahe kreisrund, was seinem Gesichte bei allem Adel der Züge etwas Gorgonenhaftes, Schreckliches gab; der Mund ungewöhnlich schmal, die Lippen aber kräftig ausgeprägt – überall die Züge jugendlicher Schönheit mit dem Ausdrucke wilder, fast übermenschlicher Heldenkraft vereinigt erscheinend. So sah ich ihn an den Schiffen stehen mit funkensprühendem Haupte, durch seinen Kampfruf allein schon Entsetzen verbreitend innerhalb der Mauern von Ilion.«

»Auch mich«, sagte Perikles, »hat der Traum zur selben Zeit in die homerische Welt entführt, aber seltsamerweise nicht unter die Helden, sondern ich sah Penelope, und was noch seltsamer ist, ich sah sie nicht so wie Homer sie schildert, als des Odysseus in Treue harrendes Eheweib, sondern als jugendliche Braut im Lichte einer Sage, die mich noch sinniger anmutet als alles, was Homer von ihr gesungen hat. Du kennst gewiß die Sage von des Odysseus Werbung: wie der Sparterkönig Ikarios seine Tochter Penelope dem werbenden Odysseus zwar zusagte, hoffend, diesen zu bewegen, sich in Lakedaimon niederzulassen, als dies ihm aber nicht gelang, die zärtlich geliebte Tochter dem Freier wieder abspenstig machen wollte, ja als Odysseus die Braut nach Ithaka hinwegführte, dem Wagen mit väterlichem Flehen nacheilte, bis Odysseus die Jungfrau aufforderte, sich zu erklären, ob sie ihm freiwillig folgen oder lieber mit ihrem Vater nach Sparta zurückkehren wolle. Und wie dann Penelope nichts erwiderte, sondern nur schamhaft ihr Angesicht verhüllte; worauf Ikarios sie ziehen ließ und an der Stelle, wo dies sich ereignet hatte, eine Bildsäule der jungfräulichen Scham aufrichtete. Welch ein liebliches Bild ist diese stumm errötende, in jungfräulicher Verschämtheit das Haupt verhüllende Penelope! Und eben in dieser jungfräulichen Gestalt habe ich sie heute Nacht im Traume gesehen!«

So erzählten Perikles und Aspasia sich die Träume, welche ihnen zu teil geworden über dem Staube der Atriden, und erwogen halb scherzend, halb im Ernste, ob etwa eine Vorbedeutung, ein geheimer Sinn in diesen Traumgesichten sich berge.

Noch einen Blick sandten sie von der Trümmerhöhe Mykenäs auf die Inachosebene hinab und auf das alte Argos. Dann brachen sie auf, um ihren Weg fortzusetzen und die Wanderung aus den argolischen Bergen in die arkadischen hinüber anzutreten.

Perikles und Aspasia fanden ein Vergnügen darin, große Strecken zu Fuße zu durchwandern und, gleichsam lustwandelnd auf den Pfaden des grünen Waldgebirges, traulichen Gespräches zu pflegen.

Aspasia war bisher nur auf Polstern und Teppichen zu ruhen gewohnt; nun erfuhr sie, daß es möglich sei, auch auf grünen Rasen, auf Moos, Kräuter, Fichtennadeln zur Rast sich hinzulagern. Wenn sie so bisweilen an einer anmutigen Stelle sich niederließen, so brachte ein Sklave auf den Wink des Perikles eine von den Bücherrollen herbei, welche die Gesänge des Homeros enthielten, und Aspasia las dem Gatten auf sein Verlangen Stellen daraus mit ihrer süßen, hellen Stimme vor. Nicht ohne den Sänger hatten sie die Ueberreste des alten Atridenreiches besuchen wollen, und in der Tat, seit sie diese Trümmer gesehen, erschien jener ihnen in seiner Wahrhaftigkeit.

Es knüpfte daran von Zeit zu Zeit sich ein flüchtiges, kleines Zerwürfnis, wenn Perikles allzu begeistert in das Lob der patriarchalischen Heldenzeit sich verlor, während Aspasia das Ideal des Menschheitlebens lieber in der Gegenwart oder gar in der Zukunft suchte.

»Bei Homer«, sagte Perikles einmal, »glaube ich eine merkwürdige Lehre zu finden: daß nämlich der Mensch einmal Tier gewesen und allmählich zum Menschen geworden. Man sieht bei ihm, namentlich in der Odyssee, wie die Menschwerdung allmählich vor sich gegangen. Er legt überall das Hauptgewicht auf den Sieg der Menschlichkeit über das Rohe, Tierische. Ueberall dieser Kampf des Menschentums mit den noch nicht völlig überwundenen Resten der Tierheit. Er zeigt uns in den wilden Lästrygonen und Kyklopen, was wir einst gewesen. Er malt dann sinnig diesen wilden Halbmenschen gegenüber das menschlich-edle Empfinden aus, stellt den Menschenfressern die gastfreundlichen Phäaken gegenüber, und um das Menschliche vor dem Rückfall ins Tierische zu bewahren, knüpft er es so innig als möglich ans Göttliche an. Pallas Athene, die Göttin der menschlich besonnenen Einsicht, der durch Menschlichkeit geadelten Tatkraft, ist seiner Helden stete Begleiterin und Lenkerin. Menschlichkeit ist's, was er predigt, Menschlichkeit im Gegensatze zur Tierheit. Bei ihm ist reines Menschentum ausgeprägt in reiner Poesie. In reinem, klarem Aether schwimmen bei ihm alle Gegenstände. Beredter sprach erhabene Einfalt aus keinem Munde, als aus dem seinigen.«

Hier unterbrach Aspasia den Perikles in seiner Lobrede.

»Erlaube«, sagte sie, »dir ist da ein Wort entschlüpft, welches ich nicht gelten lassen darf, und welches du vielleicht selbst gerne zurücknimmst. Homer ist weder einfältig noch einfach, wenigstens nicht in dem Sinne, wie etwa die Bildner vor Pheidias gewesen. Mit Homer sprang, um ein altes Gleichnis zu gebrauchen, die Poesie in voller Reife aus dem Haupte des Zeus. Seine Rede ist breit, reich, volltönend. Seine Schilderungen sind zuweilen ebenso pomphaft als lebendig, und es gibt Stellen in der Ilias und Odyssee, welche kein später Geborner an rhetorischer Pracht des Ausdrucks übertreffen wird. Und seine Beredsamkeit! Sind die Reden, mit welchen der grollende Achill zur Wiederkehr in den Kampf bewogen werden soll, und die Antwort, die er gibt, nicht Meisterstücke? Und dies nicht etwa durch den Schwung allein, sondern auch durch die Anordnung und durch die schlagende Kraft der Beweisführung bleiben sie Muster einer ausgebildeten Redekunst.«

»Was du da vorbringst, ist die Wahrheit!,« sagte Perikles, »Dennoch besitzt Homer in einem gewissen Sinne wieder das, was ich erhabne Einfalt nenne. Vielleicht ist es das Geheimnis der höchsten Kunst, daß sie durch den ausgebildeten Prachtstil jene hohe Einfachheit noch hindurchklingen läßt und mit der Reife der Gegenwart urweltliche Naturfrische vereinigt.« –

Nach einer fortgesetzten Wanderung von einigen Tagen befanden sich die Reisenden mitten in dem rauhen, gebirgigen Teile des Hirtenlandes Arkadien. Sie durchwandelten das Gebirg im Geleit einheimischer Hirten, welche ihnen nicht bloß als Führer, sondern, mit Keulen und wuchtigen Lanzen gerüstet, als Beschützer zugleich dienten. Sie sahen in der Einsamkeit der Berge über sich die Adler in den Wolken kreisen, sie sahen andere scharfkrallige und krummschnablige Vögel auf zackigem Felsen mit lautem Gekrächz sich befehden, sie sahen Schwärme von Kranichen, von Staren und Dohlen vor dem Habicht flüchten, der von den Gipfeln der Berge her auf sie herunterstieß. Hier und da schollen Schläge der Axt aus der Tiefe des Waldes, und das Gekrach uralter Stämme unter den Händen holzhauender Männer. Von den reißenden Tieren, welche meist nur in der Nacht aus ihren Höhlen hervorbrechen, kreuzte keines ihren Pfad. Nur von helläugigen Schildkröten, welche zwischen Kräutern und Gestein schwerfällig sich wälzten oder in der Sonne sich wärmten, fanden sie den Boden der Wälder Arkadiens überall bedeckt.

So wandelten Perikles und Aspasia auf stillen Fluren, und während sie Fremdes, Neues mit ruhigen Sinnen als ein Zufälliges flüchtig aufzunehmen glaubten, war doch das alles für sie von schicksalvoller, heimlicher Wirkung, fügte der Ordnung ihres Daseins wie ein vorherbestimmtes Glied sich ein, und gleichsam lustwandelnd schritten sie den neuen Wendungen, Wandlungen, Entscheidungen ihres inneren Gebens und äußeren Geschickes entgegen. –

Ueber wolkennahe Hochflächen ziehend, gewannen die Reisenden oft wunderbare Ausblicke in die Weite von Hellas. Von den fernsten Grenzen her sahen sie zuweilen die Gipfel schneebedeckter Berge leuchten. Eines Tages waren sie vor dem Morgengrauen aufgebrochen und zogen über das noch nächtlich umgraute Gebirge.

»Dich fröstelt im kühlen Morgenwinde?« fragte Perikles die schauernde Aspasia.

»Mich schaudert vor dieser nachtdunklen, öden Bergeseinsamkeit!« erwiderte sie. »Mir ist, als ob wir nicht mehr auf hellenischem Boden wandelten, und als ob wir verlassen wären von allen Hellenengöttern!«

In diesem Augenblicke haftete das Auge des Perikles auf einem Goldwölkchen, das am Rande des Horizonts im fernen Norden sichtbar wurde. Er lenkte auch den Blick Aspasias darauf. Das Goldwölkchen vergrößerte sich ein wenig, stand aber immer fest an seiner Stelle und hob von dem übrigen gleichförmigen Grau des Nachthimmels wunderbar sich ab. Allmählich gewann die Oberfläche des Wölkchens eine merkwürdige Deutlichkeit und festere Umrisse, welche gar nicht mehr als die einer Wolke erschienen. Es hatte das Ansehen einer fernen goldnen Au, auf welcher selige Götter wandelten. Und in der Tat, als der Morgen graute, und die Linien ferner Gebirgszüge hervortraten, da verbreitete jener Glanz sich in die Tiefe, und die Wanderer merkten, daß es nicht ein feststehendes, lichtes Wölkchen gewesen, was sie geschaut, sondern die schneebedeckte Gipfelfläche eines fernen Berges im Norden, beleuchtet von der noch nicht sichtbaren Sonne.

»Es ist, denk' ich, der Gipfel des thrakischen Olymps, des Götterberges!« sagte Perikles heiter zu Aspasia. »Siehst du, daß die Hellenengötter uns noch nicht verlassen haben? Fernher von dem Sitze, wo sie in ewiger Heit're thronen, senden sie durch einen Spalt des Hochgebirges uns einen Gruß in diese unerfreuliche Einsamkeit.«

»Sie wollen uns sagen«, erwiderte Aspasia lächelnd, »vergesset unser und alles Schöne nicht ganz im düstern Dorerlande!« –

Alsbald aber gelangten die Reisenden von kahlen Hochflächen in den baumreichen, quellsprudelnden Westen des arkadischen Landes. Hier ergossen sich unzählige kleine Flüßchen, lieblich anzusehen, bald rauschend, bald nur leise murmelnd, von den waldigen Hängen herunter. Auf den Matten stand selbst in der Sommerglut das üppig sprossende Grün beständig frisch und unversengt. Hochauf grünten zum Himmel, die Ulmen, die Buchen, die Platanen und Eichen. Vom Gebrüll der Rinderherden widerhallten die Täler. Ueberall merkten die Reisenden, daß sie im Bereiche des rauhschenkligen Gottes sich befanden, welchem um die Schultern das rötliche Fell des Luchses hing und welchem auf allen diesen Höhen ringsumher das Opferblut purpurn schäumte aus der zottigen Brust des Widders.

Ueberall fand man sein schlichtes Bild aufgestellt, aus dem Holz der Ulme geschnitzt; überall seine Spuren. Hier war ein struppig Eberfell zu schauen, ihm zu Ehren an eine Platane gehängt, dort das Zackengeweih eines Hirsches, ihm zum Dank an eine Buche genagelt. An den Quellen aber sah man Nymphenbilder, von den Hirten gestiftet: dabei aufgehangene Weihegeschenke.

Perikles und Aspasia wanderten durch hochgelegene Eichwälder, welche das auf- oder untergehende Tagesgestirn mit einem Meer von goldnem Schimmer übergoß, und wo ein Stück Sonne durch den Spalt einer Baumkrone wie ein Karfunkel glomm, lange Strahlen sprühend, die man glaubte mit Händen greifen zu können. Das alles war ihnen so neu, so wunderbar. Sie hatten auf Dinge dieser Art niemals geachtet.

Eines Tages merkten die Pilger, einen Wald durchwandernd, der viele Stunden weit ihren Pfad begleitete, ein ungewöhnlich starkes Rauschen in den Zweigen.

»Ich erinnere mich, von einem arkadischen Eichwalde gehört zu haben«, sagte Perikles, »welcher Pelagos, das Meer, genannt wird, von dem meerähnlich starken Rauschen seiner unzähligen Wipfel. Es ist vielleicht der Hain, den wir durchwandern.«

Die einheimischen Führer aber, die Begleiter der Reisenden, erklärten, dies Rauschen des tiefen Waldes sei nicht das gewöhnliche, und wiesen zugleich nach dem Himmel hinauf, der kurz vorher noch völlig heiter gewesen, jetzt aber glanzlos geworden war wie angelaufener Stahl. Die Arkadier schlossen auf einen nahenden Sturm. Die Reisenden beflügelten ihre Schritte, um vor dem Ausbruch desselben noch den Ort zu erreichen, in welchem sie die Nacht zuzubringen gedachten. Bald aber ging das Rauschen des Haines in ein wildes Brausen über, und die Wipfel begannen zu krachen. Einzelne kleine, aber nachtschwarze und regenschwere Wolken flogen, vom Winde gepeitscht, durch den dunstig grauen Aether hin. Die vorher noch golden strahlende Sonne stand schwefelgelb über den hochgescheitelten Bergen, deren Gipfel noch einmal aufleuchteten in fahlem Scheine. Von den Wipfeln der Bäume stieg die Windsbraut auf den Boden herab und fegte Laub und Sand und kleine Zweige wirbelnd vor sich her. Jetzt begannen einzelne Tropfen zu fallen, und wenige Augenblicke später stürzte die Regenflut, anfangs gemischt mit Hagelkörnern, prasselnd hernieder. Eilig flüchteten die Reisenden unter das breite Schirmdach einer riesigen Eiche. Plötzlich erschütterte ein ungeheurer Donnerschlag das Gebirge. Und von da an folgte Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag, und die Wetter schienen von verschiedenen Gegenden des Himmels her sich zu begegnen. Die blaugelben Blitze kreuzten sich über den Häuptern der erschrecken Wanderer, und die Donner fanden ein Echo in den hundert Tälern und Gründen. Dabei strömte der Regen unaufhörlich, der Sturm brauste, die Raubvögel kreischten, und aus weiter Entfernung vernahm man das Geheul eines Wolfes.

Mit ängstlichen Augen blickten die Wanderer von ihrem Asyl unter dem Blätterdach der Eiche hinaus in das Grausen des Ungewitters, welches sie von allen Seiten her umgab.

Da fiel plötzlich vor ihren Augen aus einer schwarzen Wolke, die über dem Kamm eines zackigen Felsberges hing, der Blitz in einen der höchsten Bäume des Waldes. In schauriger Pracht loderte der Riesenstamm empor und erschien im Augenblick vom Fuß bis zum Wipfel gehüllt in Flammen: ein Funkenregen stob hernieder aus den knisternden Aesten, Schwefelgedüft durchwitterte die Luft. Von der brennenden Eiche aber züngelten die Flammen hinüber zu anderen Wipfeln und bedrohten auch schon das Asyl der Reisenden. Die arkadischen Männer versprachen, die Flüchtenden zu den nächsten Ansiedelungen zu führen, wo sie die Nacht zubringen könnten. Fort durch unwegsame Gründe eilten sie, abwärts gewendet, den Führern folgend.

Nach einiger Zeit hatte die Gewalt des Regens ausgetobt; aber man hörte das dumpfe Gebraus angeschwollener Gießbäche, welche von den Höhen in die Talschluchten hinunterstürzten, Geröll und Sand, gebrochene Aeste und Felsstücke sogar wurden durch die Gewässer weggeschwemmt und in die Abgründe mit hinuntergerissen.

Inzwischen war der Abend eingebrochen, aber während die Wanderer durch die Waldgründe dahineilten, wich das Gewitter. Bald war das Gewölk von den Winden zerstreut, und der Mond ging ruhig auf über den Waldhöhen, welche noch eben der wilde Kampf der Elemente durchtobte.

Nun gelangten die Flüchtenden zu einer großen Lichtung des Waldes, zu einer kräuterreichen Halde, welche über einen sanften Abhang hinunter sich erstreckte. Ein großes Rundbild eigentümlicher Art erschloß sich hier in der Nachtstille den Blicken. weit umher ragten alle die Felswarten der Berge und zackigen Gipfel empor in die Helle des Mondes, der bald ganz klar am reinen Himmel stand, bald dämmrig durch flatternde Wölkchen brach. Das Auge hatte viel aufzufassen, und die Wegmüden schritten wie in wachen Träumen hin. Dazwischen rauschten die Bergströme mächtig hinab. In der Mitte der freien Lichtung lag einsam das Gehege und Gehöft eines Hirten. Als die Reisenden sich anschickten, auf dasselbe zuzugehen, trat ihnen plötzlich ein Mann entgegen, der bewaffnet und in Tierfeile gekleidet war, und der offenbar das Gehöft vor den nächtlichen Angriffen wilder Tiere bewachte. Ein paar gewaltige Hunde gingen bellend an seiner Seite.

Rasch verständigten sich mit ihm die einheimischen Männer. Sie begehrten Gastfreundschaft für die athenischen Reisenden. Der Wächter führte die Fremden, mit Steinwürfen die kläffenden Hunde verscheuchend, hinter die mit schützendem Hagdorn umzäunte Mauer, welche, das Gehöft umschließend, einen weiten Hof bildete, in dessen Mitte ein Wachtfeuer brannte. Der Eigner des Gehöftes, ein schlichter Hirte, kam herbei und hieß die Gäste willkommen, ohne nach ihrer Herkunft, oder nach ihrem Namen, oder nach ihrem Reiseziel zu forschen. Er ließ einen Hammel schlachten, um denselben zur Bewirtung der Gäste am Feuer zu schmoren.

Nachdem er die Reisenden in solcher Art gelabt, wies er den Sklaven ihr Nachtlager in den Scheunen an, dem Perikles und der Aspasia aber trat er seine und seines Weibes eigne Kammer ab und stellte ein reinliches Lager für sie her, indem er kleines Reisig und dürres Gekraut auf den Boden streute und weichwollige Schafvliese darüber breitete. Zur Decke gab er ihnen einige Ziegenfelle und überdies seinen Mantel.

Die wechselnden Zufälle, die kleinen Abenteuer, und selbst das Ungemach einer Reise vermehren die Lust der vereinigt Wandernden, anstatt sie zu vermindern. Der laute Wechsel von Bildern und Begebnissen ergötzt zuletzt, und aus den freien Lüften des Himmels strömt den Müden nicht bloß Stärkung und Erfrischung zu, sondern auch fröhliche Laune.

Perikles fühlte sich niemals heiterer als hier in der Hütte des Hirten im Angesichte des ärmlichsten Lagers. Das silberhelle Lachen Aspasias mischte sich gar eigen in das idyllische Gebrüll der Rinder aus den dampfenden Ställen ...

»Wie viel Wunderbares bescheren uns die Götter, welchen wir uns wandernd anvertraut!« sagte Perikles. »Vor wenigen Tagen hatten wir zum Schlafgemach eine uralte Königsgruft, die uns mitten in die Ilias versetzte, und heute scheint es, daß wir die Abenteuer der Odyssee erleben sollen. Der Geist Homers umschwebt uns, seit wir über den Isthmos gegangen; ich glaube, wir werden uns wandernd verändern, und wenn wir zurückkehren, nimmer passen zu den verfeinerten, fast weichlichen Athenern!«

Als Perikles und Aspasia, früh geweckt durch Hundegebell und das gedehnte Brüllen der Rinder, sich von ihrem Lager erhoben und in den geräumigen Hof hinaustraten, sahen sie ungeschlachte Hirtenknechte zu den Ställen schreiten. Ein großer zottiger Hund spielte mit einer Kröte, die er in dem noch regenfeuchten Grase gefunden. Er griff sie unter gewaltigem Bellen und Springen bald mit der Tatze, bald mit der Schnauze an, und zerrte sie umher bis sie tot auf dem Rücken lag. Ein anderer Hund kämpfte oder spielte vielmehr mit einem Schafbock. Der Bock stieß ihn mit den Hörnern, der Hund aber schnappte nach dem Barte des Bocks und versuchte, ihn in die Schnauze zu beißen. Am Brunnen saß ein nacktes Kind und warf mit Steinchen nach der glänzenden Sonnenscheibe, welche in dem Brunnen sich spiegelte.

Jetzt kam aus den Ställen die Rinderherde schweren Schrittes gewandelt: voran, seiner Kraft froh, der Zuchtstier; die Kälber sprangen mit Geblök um die Mütter. Zwei Knechte folgten mit krummen Hirtenstäben in der Hand, von zwei gewaltigen Hunden begleitet. Dann kamen, von Knaben geleitet, die meckernden Ziegen. Den voranschreitenden Geißbock faßte der herantretende Hirt am struppigen Kinn und liebkoste ihn. »Dieser Treffliche«, sagte er zu Perikles und Aspasia gewendet, »zeigt immer in finsteren Nächten den Wolf oder den Fuchs an, der das Gehöft beschleicht, wenn selber die Hunde schlummern und säumen, das Getier zu verscheuchen.«

Die blökende Lämmerherde aber versammelte sich um ein braunes Mädchen, dessen Haupt von einem breitrandigen Hute umschattet war, und das einen Hirtenstab in der Hand hielt. Das Mädchen hatte etwas an sich, was im ersten Augenblick die Aufmerksamkeit erregte, einen Eindruck hervorbrachte, über den man nicht sogleich Rechenschaft geben konnte. Sah man aber näher zu, musterte ihre Gestalt und das ärmliche Gewand, welches sie umhüllte, so fand man, daß es ein Schäfermädchen war, welches sich kaum von andern unterschied, und erblickte nichts Eigentümliches an ihr, als blonde Haarflechten und Augen von einer sonderbaren Art. Diese Augen waren nämlich merkwürdig tief und träumerisch und schienen selbst in diese dem Mädchen wohlbekannte und gewohnte Welt mit einer Art von kindlicher Verwunderung zu blicken.

Die Lämmer drängten sich blökend um sie und sprangen an ihr empor. Eines der jüngsten, von schimmernder Weiße, beleckte des Mädchens liebkosend ausgestreckte Hand.

Als die versammelte Lämmerherde durch das Tor des Hofes, geleitet von dem Mädchen, hinausgezogen war, trat der gastfreundliche Hirt zu Perikles und Aspasia, und von ihm erfuhren sie, daß die junge Hirtin seine Tochter war, sein einzig Kind, und daß sie Kora hieß. Er setzte ihnen jetzt verschiedenes von seinem ländlichen Vorrat zum Morgenimbiß vor, wobei sein Weib, Glykaina, ihm behilflich war.

Perikles fragte den Hirten, ob er ihm gestatten wolle, mit den Seinigen einen Tag lang bei ihm Rast zu halten, deren sie nach den Anstrengungen der letzten Wanderung sehr bedürftig waren.

Mit Freuden bewilligte dies der Hirt, lief zu seinem Weibe hinaus und sagte geheimnisvoll:

»Glykaina, ich glaube immer, daß jene beiden Fremden, die uns da ins Gehöft gekommen, keine Sterblichen sind, was Ansehen und Schönheit der Gestalt betrifft, scheinen sie mir verkleideten Göttern ähnlich, wie sie doch schon manches Mal bei armen Hirten eingekehrt. Auch rühren sie gar wenig an den Speisen, welche man ihnen vorsetzt.«

»Und die Sklaven«, sagte Glykaina, »hältst du diese auch für Götter?« »Nein«, sagte der Hirt, »diese essen und trinken menschlich. Aber jene beiden – nun gleichviel! Bewirte du sie mir nur, so gut du es vermagst.«

Darauf kehrte der Wirt zu seinen Gästen zurück, führte sie überall umher, zeigte ihnen seine Ställe und seine Fruchtspeicher, auch seine glattgebohnten Melkeimer, die mit der Molke bis zum Rande gefüllten Näpfe und die von Käse strotzenden Körbe. Er führte sie auch zu den in ihren Kofen zurückgebliebenen weißzahnigen Mutterschweinen und Ferkeln, rühmte das blühende Fleisch derselben und fütterte sie vor ihren Augen mit Steineichfrüchten und roten Kornellen. Wenn Aspasia Miene machte, sich ermüdet irgendwo niederzulassen, so war der Hirt rasch mit einem gesprenkelten Gemsenfelle zur Hand, um es ihr unterzubreiten, und lächelte dabei klug, als ob er merken lassen wollte, er wisse wohl, welche Behandlung verkleidete Göttinnen von Sterblichen heischten.

Felle und Köpfe von getöteten Raubtieren waren an der Umfriedung des Gehöftes, sowie an den Bäumen, welche dasselbe umgaben, zahlreich aufgehangen, und nachdem Perikles und Aspasia auch diese betrachtet, atmeten sie, ins Freie hinauswandelnd und sich selbst überlassen, höher auf im würzigen Kräuterduft der Bergeshalde. Morgendlich erglänzten im frischen Grün, wie vom Guß des Regens rein gewaschen, die Berge. Die taunassen Gräser blitzten auf ihrer der Sonne zugekehrten Seite wie geschliffene Klingen. Ein Schwarm von Krähen flog, wie in geschäftiger Hast, über die Waldwiese, ließ auf einen einzeln stehenden Baum sich nieder, flog nach wenigen Augenblicken ebenso hastig wieder auf und verlor sich in der Bläue des Aethers. Ueber die entfernten Bergspitzen sah man Hirten mit ihren Herden ziehen. Die Täler dazwischen waren ganz mit weißem Nebel und Höhenrauch gefüllt, der wie Meereswellen wallte, und in welchen die von den Höhen herabkommenden Herden untertauchend zu verschwinden schienen. Lämmer und Rinder sah man in allen Niederungen weiden, und muntere Ziegen kletterten empor zu den Felshängen. Hier und da scholl Syringengetön, auch Gesang, der Zeitverteib des Hirten auf dem Gefilde. Von einer bestimmten Gegend her vernahmen die beiden Lustwandelnden Töne, deren Lieblichkeit sie anlockte. Sie schlugen den Weg in jener Richtung ein und fanden eine Gruppe von Hirten, welche um den trefflichsten Bläser der Hirtenflöte lauschend versammelt war. Bald aber trat aus der Mitte der Lauschenden einer hervor, um sich in einen Wettstreit mit jenem einzulassen. Als Perikles und Aspasia sich näherten, entsank den beiden Wettbläsern die Schalmei aus dem Munde und fast auch aus den Händen, und alle Hirten umher standen betroffen vor der fremden Erscheinung. Als aber Perikles in freundlichen Worten sie aufforderte, ihren Wettkampf fortzusetzen, und ihnen sagte, daß er und seine Gattin Athener seien, welche, nach Elis reisend, durch ein heftiges Ungewitter hierher verschlagen worden, so nahmen die beiden kunstfertigen Hirten mit noch größerem Eifer als zuvor ihr Wettspiel wieder auf und baten den Athener und seine Gattin, das Richteramt zu übernehmen.

Perikles und Aspasia waren entzückt durch das wetteifernde Getön der Hirtenflöten. Sie erstaunten, daß unter so rauhen, ungeschlachten Menschen, wie diese bergbewohnenden Arkadier waren, dennoch eine, wenn auch armselige Kunst zu solcher Feinheit und Vollendung sich hatte ausbilden können. Aspasia fragte die Hirten, ob sie nicht auch in nachahmenden Tänzen mit einander zu wetteifern verständen. Da wiesen sie auf den jüngsten unter ihnen, einen schlanken Knaben, der auf des Perikles Verlangen hervortrat und halb drollig, halb anmutig einen ländlichen Tanz zum besten gab, in welchem er bestimmte Verrichtungen des Landlebens in nachahmenden Tanzbewegungen darzustellen wußte.

»Könntest du nicht auch einen Tanz zu zweien versuchen?« fragte Aspasia den Knaben.

»Wenn Kora wollte –« sagte dieser, in fast traurigem Tone und mit schwermütigen Augen in die Ferne hinausblickend.

»Kora?« riefen die anderen Hirten lachend. »Törichter Junge! was redest du von Kora? Kora will nichts von dir wissen!«

Der Knabe seufzte und schlich beiseite.

Weiter wandelnd gelangten Perikles und Aspasia zur Lämmertrift, einer traulich verborgenen, von Bäumen rings umgebenen Waldwiese. Hier fanden sie Kora unter ihren Lämmern sitzend. Von den jungen, weißwolligen, vergaßen einige der Weide und zogen es vor, um Kora gelagert, die Köpfe auf ihre Kniee legend, zu ruhen. Kora selbst aber war, mit gesenktem Haupte dasitzend, ganz in den Anblick einer Schildkröte vertieft, welche in ihrem Schoße lag, und welche den Blick des Mädchens mit ihren schönen klugen Augen erwiderte.

»Wo fandest du dieses Tier?« fragte Perikles, welcher sich mit Aspasia genähert hatte. Das Mädchen war so sehr in seine träumerische Betrachtung versunken gewesen, daß es die beiden Fremden erst bemerkte, als sie vor ihr standen. Nun blickte sie auf, maß jene beiden mit einem Blicke aus ihren großen, rundlichen Kinderaugen und sagte:

»Aus dem nahen Walde kommen diese Tiere selber zu mir herangekrochen. Besonders eine von ihnen, diese da, kommt immer wieder und ist so wenig scheu, daß sie ihren Hals und Kopf, statt sie zu verbergen, wenn ich sie anfasse, immer so weit als möglich vorstreckt, und mir mit den hellen Augen beständig entgegenblickt. Die alte Baubo sagt, daß zuweilen Pan selbst in der Gestalt einer Schildkröte sich verbirgt. Ich glaube«, fuhr das Mädchen leise fort, »daß auch diese da etwas Geheimnisvolles in sich birgt, denn seit sie immer zu mir aus dem Walde kommt und den Tag bei mir und den Lämmern zubringt, vermehrt sich und gedeiht die ganze Herde auf eine wunderbare Weise.«

Einmal zu erzählen veranlaßt, ließ das arkadische Mädchen sich durch Fragen Aspasias gerne verleiten, fortzufahren mit wunderlichem und kindlichem Geplauder. Lieblich zu hören war die Erzählung des Hirtenkindes mit den ernsten Augen von dem Wald- und Hirtengotte Pan, wie sein Flötenspiel aus weiter Ferne so wundersam in den einsamen Bergen erklinge, wie er sich bald gnädig, bald tückisch erweise. Sie erzählte auch von den bocksfüßigen, walddurchschweifenden Satyrn, welche nicht bloß die Nymphen, sondern auch die Hirtenmädchen neckend verfolgen, und von welchen einer auch ihr einmal nachstellte, bis sie ihn mit einem Feuerbrande verscheuchte, den sie aus dem im Walde angezündeten Wachtfeuer gerissen; auch von den Nymphen, welche sich wie die Satyrn in den Wäldern aufhalten, und welche zuweilen im Mondlichte dem Menschen begegnen, was aber ein Unglück sei, denn wer eine Nymphe im tiefen Walde erblicke, der werde von Wahnsinn befallen und ihm sei nimmer zu helfen.

Die Seele des Mädchens war ganz erfüllt von den seltsamen Sagen und Geschichten seines arkadischen Heimatlandes. Sie sprach von wildem Gesümpf und von grausigen Schluchten, von götterverfluchten Seen im Walde, in deren Gewässer kein Fisch gedeihe, von Höhlen, in welchen böse Geister ihre Schlupfwinkel haben, von merkwürdigen Heiligtümern des Pan auf einsam-düsteren Bergeshöhen. Und je schauerlicher die Erzählung des Mädchens wurde, desto weiter öffneten sich seine kindlich-ängstlichen Augen.

»In Stymphalos«, sagte sie, »da schweben unter dem Tempeldache aufgehangen die toten stymphalischen Vögel, wie sie der Held Herakles erlegte. Mein Vater selbst hat sie gesehen. Und hinter dem Tempel stehen Marmorbilder von Jungfrauen mit Vogelfüßen. Jene toten stymphalischen Vögel sind so groß wie Kraniche, und sie flogen auf die Menschen zu, als sie noch lebten, und zerhackten ihnen die Köpfe mit ihren Schnäbeln und verzehrten sie. Ihre Schnäbel waren so stark, daß sie sogar das Erz damit zerbeißen konnten.«

Von den götterverfluchten Seen im Waldesgrunde, in welchen kein Fisch leben könne, und in welchen selbst die zufällig darüber hinfliegenden Vögel, wie sie sagte, tot herunterstürzen, kam sie auf das grausige Gewässer des Styx zu sprechen, welches in der schauerlichsten Bergschlucht Arkadiens hoch vom wüsten Felsgestein herunterträuft; und von den grausen Gewässern auf die wilden Tiere der Bergwälder und auf die Jagden, welche die arkadischen Männer auf dieselben anstellen. Da aber verlor ihr Auge den kindlich-ängstlichen Ausdruck, und eine mutige Seele schien daraus hervorzuleuchten. Sie erzählte, wie die Hirten, wenn ein Raubtier in der Nähe der Gehöfte sich aufhalte, so manche stürmische Regennacht im Freien durchwachen müßten, wie man weithin glänzende Feuer des Nachts in den Höfen unterhalte, wie man das heißhungrige Brüllen des Tieres in der Nachtstille fernher aus dem Walde vernehme, und wie dann alles sich aufmache, um seine Spur zu verfolgen, oder wie man ihm in einem Hinterhalt auflauere, und wenn es im Sprunge über die Ringmauer des Gehöftes setzen will, plötzlich aus dem Versteck hervor auf dasselbe eindringe mit geworfenen Speeren und Steintrümmern und Feuerbränden, bis es erliegt, überwältigt von der Schar seiner Angreifer.

Perikles und Aspasia waren überrascht von dem Ausdrucke mutigen Anteils, der bei diesen Erzählungen aus den Blicken und Mienen des Hirtenkindes leuchtete, in dessen Gemüte noch eben außer dem sagengenährten Aberglauben seiner Heimat nichts mehr Raum zu haben schien.

»Es scheint ja, daß du selbst an solchen Kämpfen nicht ungern teilnehmen würdest!« sagte Aspasia.

»O wie gerne!« rief das Mädchen. »Ich habe außer jenem bösen, mutwilligen Satyr auch schon zweimal einen Wolf, der meiner Herde sich nähern wollte, mit Feuerbränden weggescheucht.«

»Das Mädchen gemahnt mich«, sagte Perikles zu Aspasia, »wie sie in diesem Augenblick vor uns steht, an jene berühmte Tochter des arkadischen Landes, Atalante, welche, von ihrem Vater ausgesetzt als Kind, weil er keine Töchter, nur Söhne haben wollte, von einer Bärin genährt und von Jägern auferzogen ward, und dann in den arkadischen Wäldern, mit Speer und Bogen bewaffnet, hinlebte, ein Schrecken der wilden Tiere, eine kühne, jungfräuliche Jägerin, die von keiner zarten Regung wissen wollte.«

»Bist du denn immer so einsam hier bei den Lämmern?« fragte Aspasia. »Gibt es nichts, was du liebst, und was du immer um dich haben möchtest?«

»O freilich!« sagte Kora und blickte der Fragerin wieder mit jenem kindlich verwunderten Ausdrucke ihrer Augen ins Gesicht. »Ich liebe die Schildkröte da mit den klugen Augen, die mich immer anblickt, und die sich vielleicht plötzlich einmal verwandelt und anfängt mit mir zu sprechen, denn ich träume zuweilen des Nachts von ihr, und dann spricht sie immer. Ich liebe auch die Lämmer; und auch diese wohlbekannten, rauschenden Bäume ringsumher liebe ich, und stundenlang höre ich ihrem Rauschen zu. Ich liebe auch den Sonnenschein; aber auch der auf die Blätter klatschende Regen ist mir lieb, und das Gewitter, das so schön im Gebirge dahinrollt. Auch die Vögel liebe ich, sowohl die großen, die Adler und die Kraniche, die mir hoch über dem Haupte hinfliegen, als auch die kleineren, welche in den Zweigen singen. Am meisten aber liebe ich die fernen Berge, besonders des Abends, wenn sie rosenrot leuchten, oder in der Nacht, wenn ihre Gipfel, während alles still, ganz stille ist, so ruhig im weißen Lichte stehen.«

Perikles und Aspasia lächelten. »Es scheint, daß wir neuerdings geirrt«, sagte Perikles, »indem wir ein Hirtenmädchen, das so viele Dinge liebt, für unfähig aller zarten Regungen hielten.«

Aspasia zog den Perikles beiseite und sagte:

»Was für Augen würde diese einfältige, arkadische Hirtentochter machen, welche mit der Schildkröte im Schoße dasitzt und darauf wartet, daß der Gott Pan sich daraus entpuppe, wenn man sie plötzlich nach Athen versetzte? Wie drollig würde sie sich gebärden, wenn ich sie jenen beiden mir anvertrauten Mädchen zugesellte, die ich bei mir aufgenommen, und die man zu Athen schon anfängt meine Schule zu nennen?«

»Sie würde wie ein Rabe unter Tauben erscheinen!« versetzte Perikles.

Immer aufs neue aber fühlten sich die beiden angezogen von dem Geplauder des Mädchens, aus welchem eine fremdartige Phantasie und eine ebenso eigentümliche Art von Empfindung ihnen entgegentrat. Bald aber fing Aspasia an, mit der Arkadierin die Rolle zu tauschen, indem sie aus der Hörerin zur Erzählerin wurde. Sie begann dem Hirtenmädchen von Athen zu erzählen, bis Perikles sie veranlaßte, das Gespräch abzubrechen, indem er sie aufforderte, den eingeschlagenen Weg in seinem Geleite weiter zu verfolgen. Bald verloren sie sich lustwandelnd im Walde. Es war Mittag geworden, die Sonne hatte die Feuchtigkeit des Morgens aufgezehrt und, die Tiefen des Gesträuchs durchwärmend, alle würzigen Düfte desselben entfesselt. Auf den Waldwiesen und in den Holzschlägen stand hochaufgeschossenes, blühendes Kräuterdickicht, dessen Gedüft, vereinigt mit den Aromen des Baumharzes, die Bergluft erquickend, fast berauschend machte. Von Zikaden schwirrte das Gehölz unter der brennenden Sonne.

Als die Lustwandelnden in der Abgeschiedenheit des Bergwaldes rasteten, krochen auch zu ihnen die Schildkröten heran, welche Kora liebte; auch über ihren Häuptern flogen die großen Vögel und sangen in den Zweigen die kleinen; das Rauschen der Wipfel, welches Kora stundenlang belauschte, wehte auch über ihnen, und Koras geliebter Sonnenschein umspielte sie.

»Das tiefe Rauschen dieser arkadischen Bergwälder«, sagte Perikles, »das wie aus unendlicher Ferne zu kommen scheint und in unendlicher Ferne sich wieder verliert, durchweht mich mit einem eigentümlichen Schauer. Ich habe dergleichen niemals im Leben empfunden. Ich habe niemals nach den Stimmen eines Waldes hingehorcht, ich bin gleichgültig vorübergezogen an Dingen, welche mir nun plötzlich etwas sagen zu wollen scheinen. Da sieh nur einmal den feinen, in der Sonne glänzenden Faden, der von der Spitze des Windhaferhalms zur Kronenspitze der blauen Glockenblume gespannt ist: hast du das wunderfeine, silberig schimmernde Werk der Spinne schon einmal aufmerksam betrachtet? Dieses arkadische Mädchen belehrt uns, daß man auch Dinge betrachten und lieben lernen kann, welche man gewöhnlich kaum bemerkt und deren man so ohne Bewußtsein sich erfreut, so ohne Dank, wie man den Atem in sich trinkt.«

»Dein Gemüt, mein Perikles«, erwiderte Aspasia, »öffnet neuen Eindrücken, wie es scheint, sich allzu leicht! Nun hat dich ein arkadisches Hirtenkind mit einer ganz neuen und unerhörten Art von Liebe angesteckt, mit der Liebe zu Bäumen und ziehenden Wolken und hoch hinfliegenden Vögeln, und der Duft der arkadischen Bergeskräuter erscheint dir vielleicht schon lieblicher, als der Duft aller Rosengehege von Milet!«

»Gib nur zu«, sagte Perikles, »daß dieser würzige Waldesduft das Herz erfrischt, unter schwül-duftenden Rosen aber der Sinn des Menschen zuletzt ermattet. In der Tat, ich fühle mich hier von einem Hauche erneuerten Lebens angeweht. Als wir einst auf der Akropolis in der Pansgrotte standen, und du über den Hirtengott die Nase rümpftest, da ahnten wir nicht, daß dieser Gott uns später einmal so freundlich zu Gaste laden, so schön bewirten würde. Friedliches Glück umgibt uns hier, und wenn ich im Geiste aus dieser urweltlichen Stille mich nach dem geräuschvollen Athen zurückversetze, so erscheint mir das ungestüme Tun und Jagen und Hasten jener Menschen beinahe eitel, der göttlichen Ruhe dieser Hirten gegenüber auf ihren einsamen Bergeshalden.«

»Ich teile nur halb dein Wohlgefallen an den Genüssen, welche die Gastfreundschaft des Hirtengottes uns hier bereitet«, sagte Aspasia. »Diese Menschen sind plump und einfältig, die fernen Schneehäupter der Berge frösteln mich an, und das nahe Gebirge beängstigt mich, als wollte es mit seinen Gipfeln über mich herstürzen. Das ernst-eintönige Rauschen dieser hochstarrenden Fichtenwipfel berührt mich unangenehm und scheint mir geeignet, im Menschengemüte ein düsteres, nachdenkliches und schwärmerisches Wesen anzufachen. Ich lobe mir offene, besonnte Fluren, blühende Auen, Gestade mit weitem Ausblick auf die See. Ich lobe mir jene Stätten, wo der heiter waltende Geist in schöner Reife sich entfaltet. Du möchtest, wie es scheint, hier bei diesen Hirten zurückbleiben, ich dagegen möchte sie alle von hier mit mir hinwegführen, um sie zu Menschen zu machen. Wohlan, tue, wie Apollon tat, dem es ja auch einmal gefiel, zu den Hirten sich zu gesellen und Herden zu weiden. Bleibe hier! Du kannst da wie eine Zikade leben: weise, leidlos und blutlos. Und gelüstet's dich doch noch manches Mal nach Tätigkeit, so kannst du Grillenfallen flechten oder Leimruten sacht zwischen den Baumzweigen empor schieben, um Vögel zu fangen, oder mit Kieseln, von der Schleuder geworfen, die Stare und Kraniche von den Saatfeldern scheuchen. Oder du kannst die Lämmer Koras hüten, welche mich nach Athen begleiten wird.«

Perikles lächelte. »Du denkst also in der Tat daran«, sagte er, »Kora mit dir zu entführen?«

»Allerdings, ich denke daran«, erwiderte Aspasia, »und hoffe, daß du deine Einwilligung dazu mir nicht versagen wirst.«

Perikles war überrascht. »Meine Einwilligung«, sagte er, »wird dir nicht fehlen; aber welche Absicht hast du bei dieser Sache?«

»Es ist ein Scherz!« versetzte Aspasia. »Diese drollige Arkadierin wird zu meiner Belustigung dienen. Es bringt mich zum Lachen, wenn ich in ihre großen, rundlichen, ängstlich blickenden Augen sehe.«

Es war, wie Aspasia sagte. Sie wollte mit dem Mädchen sich einen Scherz machen, sie wollte sich belustigen, sie wollte sehen, wie seltsam sich das abergläubische, unerfahrne Hirtenkind gebärden würde, wenn man es plötzlich in das überfeinerte Leben Athens versetzte.

Die Erkrankung eines seiner Sklaven veranlaßte den Perikles, noch für einen zweiten Tag des Hirten Gast zu bleiben.

Auch diesen verlebte das athenische Paar meist in des braunen Hirtenmädchens Gesellschaft. Wieder plauderte Kora, erzählte Hirtengeschichten, ja, sie sang auch einige wunderliche, kindische Lieder, die sie selber gedichtet, wie das folgende:

Das Bächlein kommt vom Felsenhang
Zur Schlucht herabgestürzt,
Und grasen die Rehe im Waldestal,
So sieht es zu und lacht.

Es besprengt die Blumen mit seinem Tau
Und löscht der Tiere Durst,
Und kommt der rauhe Winter dann,
So ist es klares Eis.

Sie erzählte auch vom liebekranken Daphnis, welcher in Schwermut und Sehnsucht verging, und den hernach alle Tiere betrauerten. Diese schwermütige Erzählung aber fand nicht den Beifall Aspasias: sie nahm dieselbe mit spöttischem Lächeln der rosigen Lippen naserümpfend auf ...

Wenn sie lustwandelnd zu einer von saftigen Kräutern umgebenen Quelle kamen, welche ein kleines, kristallhelles Becken bildete, und Aspasia sich darin spiegeln wollte, so zog Kora sie ängstlich zurück und warnte sie, indem sie sagte, daß einer, der sich in einer Quelle beschaut, zuweilen plötzlich ein anderes Bild als das seine darin erblicke, nämlich das einer Nymphe, die ihm über die Schulter sieht, und dann sei er verloren.

Als die Sonne im Zenit stand und das Getön einer Syrinx in der brütenden Mittagsstille vernehmlich wurde, sagte Kora: »Pan wird wieder zürnen; er will nicht, daß man ihn zur Mittagszeit, wenn er ruht, mit Syringen oder anderem Getön aus dem Schlummer wecke.« – Das Getön aber rührte von dem Hirtenknaben her, welcher den Tag zuvor, von Perikles und Aspasia aufgefordert, einen ländlichen Tanz ausgeführt hatte. Wohl wußte der Knabe, daß Pan das mittägliche Syringengetön nicht liebe; aber er spielte immer die Syrinx, wenn er merkte, daß Kora in der Nähe sei, weil er ihr damit zu gefallen glaubte. Kora aber schalt den armen Knaben. Und doch hatte sie ein weiches Herz. Sie rettete vor Perikles und Aspasias Augen mitleidig eine Zikade, die sich in das Netz einer Spinne verwickelt hatte.

Ernst horchte das Mädchen wieder auf, als Aspasia neuerdings begann, ihr von Athen zu erzählen.

In wohlbewußter Absicht malte Aspasia in den Gesprächen, welche sie mit Kora noch im Laufe des Tages pflog, das Leben der Athenerstadt in verlockenden Farben. Sie störte den Frieden dieser idyllischen Natur, sie weckte einen Zwiespalt in der harmonischen Welt dieses kindlichen Herzens. Zuletzt forderte sie Kora auf, ihr nach Athen zu folgen. Kora schwieg, aber sie schien in tiefe Gedanken versunken.

Aspasia wendete sich an Koras würdiges Elternpaar und erklärte ihnen, daß sie Kora mit sich nach Athen nehmen würde, daß ihre Tochter dort ein glückliches Los erwarten dürfe.

»Wollten die Götter!« sagte der redliche Hirt. »Wollten die Götter!« erwiderte die Hirtin. Aber sie sagten nicht Ja. ... Und so oft auch Aspasia die Frage nach ihrer Einwilligung erneuern mochte, immer sagten die beiden nur: »Wollten die Götter!«

Man sah, daß es dem väterlichen und mütterlichen Herzen kein Leichtes war, ihr einzig Kind, wenn auch zum glücklichsten Lose, von sich zu lassen.

Am Abende desselben Tages wurde Kora plötzlich vermißt, nachdem sie doch mit ihrer Lämmerherde bereits heimgekehrt, und lange Zeit wurde sie vergebens gesucht. Endlich sahen Perikles und Aspasia, unfern dem Eingange des Gehöftes stehend, das Mädchen den Abhang heraufkommen. Aber sie kam in sehr auffallender Gestalt und Haltung. Sie hatte nämlich die gehobenen Hände zu beiden Seiten fest an die Ohren gedrückt. In einiger Entfernung von Perikles und Aspasia standen, außerhalb des Gehöfts, die Sklaven des Perikles, zu einer Gruppe vereinigt. Als das Mädchen dieser Gruppe ganz nahe gekommen war, zog es plötzlich die Hände von den Ohren weg und schien nach den Worten der sich unterredenden Sklaven zu lauschen. Fast in demselben Augenblicke schrak sie ein wenig zusammen, drückte die Hand gegen die Brust und blieb einen Augenblick wie in den Boden gewurzelt stehen.

Perikles und Aspasia näherten sich ihr und fragten sie nach der Ursache ihrer Befangenheit.

»Ich habe Pan gefragt, ob es die Götter wollen oder nicht, daß ich euch nach Athen folge«, versetzte sie.

»Wie das?« fragten die beiden.

»Dort unten im Talgrunde«, sagte das Mädchen, »liegt ein Grottenheiligtum des Pan. Dort steht des Gottes Bild, aus Eichenholz geschnitzt, in der Höhle. Dahin gehen die Hirten alle, wenn sie etwas Geheimes erfragen wollen. Man flüstert dem Gott die Frage still ins Ohr, dann hält man sich die eigenen Ohren mit den Händen zu, bis man unter Menschen kommt, die sich eben unterreden. Dann zieht man die Hände plötzlich weg und das erste Wort, das man vernimmt, ist der Wahrspruch Pans, des Gottes Antwort auf die Frage, die man ihm ins Ohr geflüstert.«

»Und welches Wort hast du zuerst unter jenen Sklaven vernommen?« fragte Aspasia.

»Das Wort Athen!« erwiderte Kora und zitterte dabei vor Erregung.

»Pan will also, daß ich nach Athen gehe«, fuhr sie seufzend fort.

»Er gestattet dir auch, deine Lieblingsschildkröte mit dir zu nehmen!« sagte Aspasia lächelnd.

Die Eltern Koras kamen herbei.

»Pan will, daß ich nach Athen gehe!« sagte das Mädchen in traurigem aber entschiedenem Tone. Und sie wiederholte die Erzählung, wie sie in der Grotte Pans das Orakel sich geholt.

Der Hirt und die Hirtin vernahmen die Erzählung, blickten einander bestürzt an und wiederholten dann nicht minder traurig als das Mädchen die Worte:

»Pan will, daß Kora mit den Fremden nach Athen gehe!«

Dann gingen sie auf die Weinende zu und küßten sie.

»Kora wird belohnt werden für den Gehorsam gegen den Gott!« sagte Aspasia. »Sie wird häufige Boten senden, welche euch Nachrichten und Geschenke von ihr bringen und wenn ihr Greise geworden, so wird sie euch zu sich berufen, damit ihr den Rest eurer Tage bei ihr verlebet.«

»Gestern geschah schon ein Vorzeichen im Hause«, sagte der Hirt nachdenklich, »indem eine Schlange, welche das Nest der Schwalbe am Dachgesims beschlich, durch das Rauchloch mitten auf den Herd herunterfiel!«

Aspasia sprach noch weiter mit ermunternden und verheißungsvollen Worten zu dem Hirtenpaare, und schweigend fügte dies zuletzt, wiewohl schmerzbewegt, sich dem Götterwillen.

In traurigen Tönen klang aus der Ferne die Syrinx des liebenden Hirtenknaben, während tiefer der Schatten die stillen Pfade des ländlichen Plans umdunkelte.

Nun gingen alle mitsammen hinein ins Gehöfte, um die Nacht da zuzubringen, welche für Perikles und Aspasia die letzte war in den arkadischen Bergen. Denn mit dem dämmernden Morgen dachten sie aufzubrechen, und ihre Wanderung nach Elis fortzusetzen, wo größere Dinge ihrer harrten, als in dem stillen Hirtenlande.

.
 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.