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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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XII. Ionischer Honigmond.

Von Samos herüber hatte Perikles mit zweien seiner Trieren die kurze Fahrt nach Milet gemacht.

Der Trierarch des zweiten Schiffes war kein anderer als Hipponikos. Dieser hatte es sich von Perikles erbeten, ihn nach Milet begleiten zu dürfen. Im Geleite des Hipponikos aber war die schöne Theodota.

So rückte die reizende Tänzerin wieder bedrohlich in den Gesichtskreis des Perikles.

Die Milesier empfingen den athenischen Strategen mit Jubel. Mit rauschenden Festen feierten sie seine Ankunft, und mit einem goldenen Lorbeerkranze ehrten sie den Sieger von Samos.

Perikles fühlte wie von einem schwülen Hauche sich angeweht, seit er Kleinasiens Küste betreten. War es doch das Land der Dianenbilder mit den tausend Brüsten, was er betrat, mit den Riesentempeln, welche hellenische Formen mit der ins Kolossale, Ungeheuerliche sich verlierenden Weise des Morgenlandes vereinigten, das Land der Aphrodite-Priesterinnen, welche sich preisgaben, das Land der weichlichen, weibischen Tonweisen, das Land der Göttermutter, deren Festreigen auf dem Tmolos orgiastischen Taumel bis zur mystischen Raserei des Orients beflügelte, das Land auch ihres Pflegesohnes, des Freudengottes Dionysos, der schon durch sein Wesen und äußeres Ansehen, zart und weichlich von Gestalt, und doch voll Mut und Feuer, weichgelockt, und des Haares üppigen Reichtum gekrönt durch eine lydische Mitra, in buntfarbigen, weiten Gewändern, als Kleinasiens echten Sohn sich erwies.

Und wenn irgendwo an den ionischen Küsten Asias, so wehte dieser schwüle Hauch, den der Athener Perikles empfand, in den Straßen des reichen, prächtigen, rosenberühmten Milet. Hier hörte man von den Persern und von den Satrapen zu Sardes reden wie zu Athen etwa von den Megarern oder Korinthiern. Man sah Perser und andere Morgenländer auch wandeln in den Straßen. Reich und bunt, wie das Gefieder morgenländischer Vögel, und doch geschmackvoll erschien die Kleidung der Männer von Milet und ihrer reizvoll üppigen Frauen. Gewandungen erblickte hier der Athener, welche den Persern, andere, welche den Aegyptern entlehnt waren; er sah sie von allen Farben: purpurn, krokusgelb, meerblau, er sah sie von der Farbe der Veilchen und der Hyazinthen, er sah sie sogar in grellen Feuerfarben. Er sah die Milesier umhüllt mit den Geweben Persiens, behängt mit den Edelsteinen Indiens, von den Salben Syriens triefend.

Perikles und Hipponikos genossen während ihres Aufenthalts zu Milet der Gastfreundschaft des reichsten und angesehensten Bürgers, des Artemidoros. Dieser führte sie auf sein prächtiges Landgut in der Nähe der Stadt. Unferne diesem ländlichen Sitze stand ein Myrtenhain, von welchem die Sage ging, daß in seinem von süßen Vogelstimmen durchtönten Dämmerschatten zuweilen die Göttin Aphrodite in leibhafter Gestalt sich zeige.

In den Gemächern des Artemidoros herrschte die Pracht des Morgenlandes. Mit bunten persischen Geweben prunkten die Wände und das Gerät wie die Leiber. Es flimmerte von Gold, es blinkte von Elfenbein, es duftete von Sandelholz. Eine Schar von schönen Sklavinnen schwärmte im Hause umher. Es gab welche unter ihnen von den Gestaden des kaspischen Meeres stammend, blendend weiß im Gesicht, wie die Marmorbilder, andere braun wie die Erzfiguren im Hause des Artemidoros, und noch andere glänzend schwarz, wie die mit Gold eingelegten Ebenholztische in seinen Gemächern. Mit Bildwerken und Gemälden war das Haus des Artemidoros reich geschmückt. Es fehlte nichts, was das Gemüt eines asiatischen Griechen in der Vaterstadt Aspasias befriedigen konnte.

»Ihr anderen Griechen nennt unser Ionien eine Brutstätte der Ueppigkeit«, sagte Artemidoros zu seinen Gästen, als er sie an köstlicher Tafel bewirtete; »und wie ich vernehme, sollen in der Tat unsere schönen Milesierinnen der Tugend athenischer Männer noch gefährlicher sein, als die galanten Milesier den athenischen Frauen« ...

Perikles lächelte.

»Vergeßt nicht«, fuhr Artemidoros fort, »daß unser Ionien nicht bloß die Brutstätte der Ueppigkeit, sondern auch der Poesie, ja sogar der Weisheit ist, da wir euch anderen Hellenen neben schönen Frauen auch den Thales, den Herodotos, und, wenn wir uns nicht zu viel anmaßen, auch den Homeros gegeben.«

»Wer zweifelt daran«, erwiderte Perikles, »daß des Hellenengeistes kräftige Blüte nie und nirgend erschlafft, selbst nicht in der Schwüle des Rosenlagers der Freude?«

»Sage, daß sie nirgends glänzender sich entfaltet als eben da!« rief Artemidoros. »Es gibt keinen Fortschritt der Menschen und Völker ohne das, was die Zeloten Ueppigkeit nennen.«

Am Abende des zweiten Tages führte Artemidoros seine Gäste in jenen Myrtenhain, welcher an sein prunkendes Landhaus grenzte und welchen er selbst in der Art eines Lustgartens mannigfach hatte ausschmücken lassen. Die schöne Theodota war als Freundin und Begleiterin des Hipponikos von dem geschmeidigen Artemidoros mit eingeladen worden. Sie erschöpfte die Macht ihrer dunklen Augen, um den Freund Aspasias zu entflammen.

Im Geleite ihres Wirtes durchwandelten Perikles, Hipponikos und Theodota die reizende Wildnis blühender Myrten. Da der weitgedehnte Hain sich über eine sanfte Anhöhe hin erstreckte, so hatte man an manchen Stellen, wo der Grund von Bäumen entblößt war, einen herrlichen Ausblick auf die Stadt, auf das blaue Meer und die Inseln, die wie zum Schutze vor den vier Häfen von Milet lagen. An solchen Stellen ließ der reiche Artemidoros durch die Sklaven, die seinen Schritten folgten, morgenländische Teppiche ausbreiten oder ein Purpurzelt aufschlagen, um da zu rasten, Erfrischungen zu nehmen oder dem weichen Klange lydischer Flöten zu lauschen, welche auf des Artemidoros Geheiß mit den Nachtigallen im Haine wetteiferten, das Ohr zu ergötzen.

Die Sklaven und Sklavinnen des Artemidoros bevölkerten den Wald als Silene, die hier und dort den Lustwandelnden aus Weinschläuchen volle Becher kredenzten, und als Heben, die ein gleiches taten, wie auch als Nymphen, die aus Füllhörnern Blumen und würzige Früchte darboten. Drei der schönsten unter den letzteren schlangen auf einem freien Rasenplatze einen reizvollen Reigen, wozu die asiatische, bei den Kybelefesten gebräuchliche Handpauke in lärmender Weise geschlagen wurde, so daß der Sinne sich eine Art von Verwirrung und Trunkenheit bemächtigte.

Ein kleiner See in der Mitte des Haines war bevölkert mit allen Gestalten der hellenischen Meeresfabel. Fischgeschwänzte Meerweiber erblickte man, die sich mit Schilf bekränzten, und Sirenen, auf Felsen gelagert, und diese sangen im Wettkampfe mit Tritonen, welche auf Muscheln bliesen, leise, verlockende Lieder. Auch der prophetische, gestalten-wechselnde Meergreis Proteus fehlte nicht, welcher allen weissagte, die es verlangten. Auch Perikles trat zu ihm und wünschte einen Schicksalsspruch von ihm zu vernehmen.

»Ich will, wenn es nötig ist, nicht versäumen, dich festzuhalten«, sagte er scherzend, »wie es Brauch ist bei denjenigen, welche dich fragen, damit du nicht in immer neuen Verwandlungen dem Frager entschlüpfest.«

Willig stand der Meergreis dem Perikles Rede und erteilte ihm folgenden Orakelspruch:

»Dort, wo die Nachtigall nistet, am üppigsten duftet die Rose,
Schlagen in Bande für dich günstige Götter das Glück!
Halt' es fest nur, o Held, mit der tapferen Faust, wie du mich hältst!
So nur gehalten entschlüpft nimmer das flüchtige dir.«

Perikles verstand nicht, was der Meergreis sagen wollte. Als er nach der Unterredung mit ihm nach seinen Gefährten sich umsah, waren dieselben verschwunden. Er ging also allein eine Strecke weiter fort. Die Vögel, welche von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum hüpften, und dabei ihre schmelzendsten Lieder anstimmten, lockten ihn immer tiefer in den Wald hinein. Aber auch Elstern, Stare, Papageien saßen hie und da in den Zweigen, welche den Perikles mit »Sei gegrüßt!« und »Freue dich!« und »Komm nur, komm!« und andern verwunderlichen Reden ansprachen und neckten. Schwatzend hüpften sie so immerfort neben dem Lustwandelnden einher. Bald aber glaubte Perikles statt der einzelnen Vögel einen ganzen Chor von Nachtigallen in einiger Entfernung zu vernehmen. Zugleich drang ein starker Rosenduft, wie von den Lüften aus der Ferne hergetragen zu ihm: er mußte von einem großen, blühenden Rosengehege kommen. Und seltsamerweise schien in dies Rosengedüft sich das Arom indischer Salben zu mischen. Halb unwillkürlich setzte Perikles seinen Weg in der Richtung fort, von welcher der Rosenduft und der schmetternde Gesang der Nachtigallen kam. Er tat es absichtslos und an die Weissagung des Meergreises dachte er nicht mehr. Hie und da sah er in der Dämmerung des Haines aus der Ferne etwas Hellfarbiges durch die Zweige schimmern. Die Vögel, welche dem Lustwandelnden, von Zweig zu Zweig hüpfend, singend, gleichsam das Geleite gaben, verstummten jetzt und schienen mit schalkhaften Augen auf ihn herabzublicken. Und statt ihres Gesanges erklang hie und da in den Wipfeln der Bäume ein stärkeres Flügelrauschen, und Laute, die einem leisen Kichern ähnlich waren, wie von flatternden und den Wanderer neckenden Liebesgöttern ...

Nun erblickte Perikles das üppige Rosengehege selbst, dessen Düfte zuvor schon aus der Ferne ihm berauschend zugeströmt waren. Zwischen den Zweigen des Geheges aber sah er nun deutlicher jenes Geheimnisvolle schimmern, wie von Purpur und Gold und blendend weißer Gewandung. Er näherte sich und es war ihm möglich, eben von der Seite, von welcher er kam, den Blick tiefer in die Laube dringen zu lassen. Inmitten dieser üppigen Rosenpracht nun sah er die reizendste Scene vor seinen Augen verwirklicht.

Umgeben von einer Schar holder Knaben, welche purpurn gekleidet und mit goldenen Flügeln an den Schultern ausgestattet waren, auch goldene Pfeile in silbernen Köchern an der Seite trugen, stand eine Frauengestalt in weiß schimmerndem Gewande, mit goldenem Gürtel um die Mitte des Leibes und von Rosenkränzen umschlungen. Das Antlitz der Schönen war Perikles nicht im stande deutlich zu erblicken, denn eben, während er sich näherte, waren die kleinen Liebesgötter mit dem übermütigsten Eifer beschäftigt, das Haupt, die Brust und den ganzen Leib des Weibes immer dichter mit Rosenketten zu umflechten, so daß es darunter fast verschwand. Perikles dachte an die Sage, die sein milesischer Gastfreund ihm mitgeteilt hatte, daß in diesem Haine die Göttin Aphrodite zuweilen leibhaft erscheine, und er war nicht abgeneigt, jene unter Rosen fast begrabene Schöne für eine Göttin zu nehmen.

Nachdem die goldgefiügelten Knaben die schlanke Frauengestalt ganz mit den Rosenketten umwunden hatten, zogen sie dieselbe an eben diesen Ketten nieder auf ein Blumenlager, banden scherzend die Enden der Kränze an Stämmen und Gezweig der Sträucher fest, und überstreuten dann die Gefesselte, in fröhlichen Sprüngen um sie tanzend, noch immer mit Rosen, die sie von den schwer belastet niederhängenden Zweigen des dichten Geheges brachen.

Beim Anblick des Fremden sprangen die kleinen Eroten insgesamt lächelnd davon und ließen die Gefesselte allein. Perikles trat in die Laube. Jetzt erklang aus dem Blumengrabe hervor die Bitte der Gefangenen an den fremden Ankömmling, sie zu befreien.

Perikles zerriß eine der Rosenketten, schob die Rosen beiseite, welche Haupt und Angesicht des Weibes verdeckten, und seinem Blicke begegneten die strahlenden Augen Aspasias ...

Das Gefühl des ersten Moments bei diesem Anblick war im Herzen des Perikles das der schrankenlosen Freude. Im nächsten Augenblicke aber machte das Erstaunen sich geltend, das eine Ueberraschung dieser Art in ihm hervorrufen mußte. Und schon schwebte eine bedenkliche Frage nach den Umständen, durch welche ein so unerwartetes Wiedersehen möglich geworden, auf seinen Lippen.

Aber nun erhob sich Aspasia, die Rosenfesseln um sich her abschüttelnd, und sagte mit dem süß betörenden Klange ihrer Silberstimme:

»Wisse, teurer Perikles, daß auch ich, wie Sokrates, meinen Dämon habe, der in entscheidenden Augenblicken mir zuflüstert, nicht bloß, was ich lassen, sondern auch was ich tun soll. Dieser Dämon nun hat, als dein letztes Schreiben aus Samos an mich gelangt war, jenes Schreiben mit der Kunde des geschlossenen Friedens, der Ankunft Theodotas in Samos und deiner bevorstehenden Reise nach Milet, sich augenblicklich in mir vernehmen lassen und mir geboten, unverweilt ein Schiff zu besteigen, um in Samos, oder, wenn du dort nicht mehr zu finden wärest, in Milet dich aufzusuchen. Vielleicht wollte der Dämon mir das schönste Doppelglück bescheren, Milet nicht ohne dich, und dich nur in Milet wiederzusehen. Ich kam nach Milet, ich wendete mich an deinen Gastfreund Artemidoros, ich hörte von Ueberraschungen, welche dir die schöne Theodota auf eigenen wie fremden Antrieb in diesem aphrodisischen Haine bereiten wollte. Ich hörte von den Vorbereitungen, welche unter dem Beistande des großmütigen Artemidoros bereits gemacht waren, aber ich fand für gut, im geheimen Einverständnisse mit eben demselben Artemidoros, die Rolle der Ueberraschenden, welche Theodota spielen wollte, auf dieser Bühne selbst zu übernehmen. Dem Artemidoros also hast du es zuzuschreiben, wenn nicht Theodota, sondern mich die Liebesgötter an dieser Stätte dir gebunden überlieferten.«

»Für mich«, erwiderte Perikles, »hast du die Sage vom Erscheinen der Liebesgöttin in diesem Haine wahr gemacht; für mich bist du die Göttin der Liebe, die Göttin des Glücks, und vor allem, erlaube mir dies hinzuzufügen, die Göttin der Ueberraschungen« ...

»Gibt es ein Glück ohne Ueberraschungen?« rief Aspasia.

Ein trauliches Gespräch vereinte die beiden noch eine geraume Zeit an jener lieblichen Stelle. Sie hatten, wie alle Liebenden nach langer Trennung, in vielfach abschweifender Rede sich tausend Dinge zu sagen.

Als aber Küsse die Worte zu verdrängen drohten, und die Dämmerung einbrach, da sprangen plötzlich wieder jene Liebesgötter aus den Büschen hervor und machten Miene, mit den neuen Kränzen, welche sie inzwischen geflochten hatten, nun auch den Perikles umschlingend zu fesseln.

»Hüte dich vor diesen Kleinen!« sagte Aspasia. »Es ist Zeit aufzubrechen und für heute Abschied zu nehmen. Dein Weg ist weit, kürzer der meine; denn zur Wohnung ist von Artemidoros mir jenes kleine reizende Gartenhaus eingeräumt, das wenige Schritte von hier entfernt und nur durch das dichte Myrtengebüsch von hier aus vor unsern Blicken zur Hälfte versteckt ist. Dahin will ich mich begeben. Du aber, mein teurer Perikles, kehre zurück zu Artemidoros, zu deinem Freunde Hipponikos, und zur schönen Theodota, der feueräugigen Korintherin!« –

Bei diesen Worten Aspasias brachen die Liebesgötter in ein helles, fröhliches Gelächter aus, ihre Ketten um den Perikles noch dichter schlingend, und dieser stimmte ein in ihr Gelächter, und zuletzt Aspasia selbst; die Liebesgötter aber verflochten sich und Perikles und Aspasia zu einer lachenden Gruppe, die sich, rosengefesselt und von den kleinen Genien fortgezogen, verlor zwischen den Myrten- und Rosengebüschen, während es nächtlich still geworden war im verödeten Haine und nur noch die Nachtigallen sangen und die Rosen dufteten.

Und Perikles fand ein süßeres Glück bei Aspasia, als er es gefunden hätte bei der feueräugigen Korintherin.

Denn nicht der Moment, in welchem ein feurig liebend Paar zum erstenmal sich in schrankenloser Wonne begegnet, ist der süßeste des Liebelebens; derjenige ist es, in welchem es nach langer Trennung, nach langer Entbehrung sich wiederfindet. Der Flamme des grünen Holzes gleicht die Lust der allerersten Umarmung, nicht ohne trübenden Rauch und ohne heftiges Knistern; den sich Wiederfindenden aber lodert die Freudenlohe hoch und hell und ungetrübt empor.

Als am Morgen nach jener Nacht Perikles und Aspasia aus dem Gartenhause des Artemidoros Hand in Hand heraustraten in den taufunkelnden Gartenhain, da glichen sie selbst zwei herrlichen Menschenblüten, vom funkelnden Taue morgenfrisch benetzt. Und so wenig die süße Tonkunst in den Kehlen der Vögel, oder die verschwenderisch ausströmende Würze des Duftes in den schwellenden Rosenkelchen sich erschöpft hatte, so wenig hatte die Liebe sich erschöpft in den Herzen dieser beiden.

Sie bestiegen eine der kleinen Anhöhen, von welchen man einen freien Ausblick hatte auf Stadt und See und Strand, auf das Gefild des Mäander mit Palmen, Rosenlorbeer und Keuschlamm an seinen gewundenen Ufern, und den blauen Latmos in der Ferne, und den See Biblis, aus dessen Schilfe buntbefiederte Wasservögel aufflatterten. Perikles aber ließ seine Blicke über die Zinnen der Stadt hinschweifen, ließ sie einen Augenblick ruhen auf den stolzen athenischen Trieren, die im Hafen lagen, und dann weiter dringen in die Meeresferne hinaus, wo Samos lag, in Nebelduft gehüllt, die Stätte, an welcher er ein Jahr seines Lebens in männlichem Bemühen dem Vaterlande geopfert. Dann wieder zurückkehrend mit den Blicken zur schön gebauten Stadt, rühmte er die heitere stattliche Pracht ihres Ansehens, den aufgeweckten, lebensfreudigen Geist ihrer Bewohner.

»Noch ist Milet stattlich und ihre Bewohner lebensfroh«, erwiderte Aspasia. »Aber die Patrioten gedenken der Zeit, wo Milet die Beherrscherin dieser Meere, wo es nicht bloß reich und üppig, sondern auch mächtig und unabhängig war, wo es seine Kolonien aussandte bis an die fernen Küsten des Pontos. Diese Zeit ist dahin: Milet ist nicht mehr unabhängig, und muß sich beugen vor dem mächtig aufgeblühten Athen.«

»Du sprichst diese Worte fast mit Bitterkeit«, erwiderte Perikles lächelnd, »aber bedenke, daß, wenn Milet nicht athenisch wäre, es persisch wäre. Nicht der stammverwandte Hellene hat eure Macht gebrochen, sondern der Perser, als er diese Küsten verheerend überschwemmte. Und hätten nicht die Athener drüben bei Salamis und Marathon gekämpft, ein persischer Satrap herrschte jetzt zu Milet so gut wie in Sardes. Zürne nicht der Athenerflotte, welche schirmend ihren Arm über diese Gestade hält!«

»So muß ich also«, sagte Aspasia, »statt dem Athener zu grollen, dankend seine Stirne küssen?«

Damit drückte sie einen Kuß auf die Stirn des Perikles und dieser versetzte: »Deine goldbeflügelten Liebesgötter haben gestern dies Milet gerächt an dem Führer der mächtigen Athenerflotte.«

»Laß dich's nicht gereuen«, sagte Aspasia, »diesem milesischen Strande eine Woche deines tatenreichen Lebens zu weihen. Ehre die Stätte, welche nicht bloß als die Heimat der üppigsten Rosen und der zartesten Wolle der Welt, sondern auch als die der schönsten Märchen berühmt ist. Oder wäre zärtlichen Herzen etwas teureres ersonnen worden, als unsere milesische Liebesfabel von Eros und Psyche?«

»Du hast recht«, erwiderte Perikles; »aber«, fuhr er schalkhaft lächelnd fort, »soviel ich weiß, ist unter diesem Himmelsstrich auch die Fabel der »Witwe von Ephesus«, wenn es eine Fabel ist, ersonnen worden« ...

»Deren Sinn«, fiel ihm Aspasia ins Wort, »dem gewöhnlichen Verständnis zufolge darin liegt, daß die Frauen wortbrüchig, wankelmütig, treulos sind? Aber eine schlechte Fabel ist die, welche nicht mehr als einen Sinn zuläßt, nicht mehr als eine Wahrheit in sich schließt. Erlaube mir, daß ich die ephesische Witwe in Schutz nehme. Sie wurde nur dem toten Gatten ungetreu. Die Liebe hängt so sehr mit dem Leben zusammen, daß eine Liebe und eine Treue über das Grab hinaus, ein Leben, das sich mit einem Leichnam zusammenkoppeln läßt, ein Unding ist. Die blutlosen Schatten des Hades dürfen sich nicht vom Blute der Lebendigen nähren.«

So unterhielten sich in heiterem Gespräche die beiden. Dann kam Artemidoros und machte Aspasia scherzhafte Vorwürfe, daß sie ihm den Gast entwendet, und nachdem er beide auf einen Imbiß zu sich geladen, führte er sie auf zierlichem, mit weißen Rossen bespanntem Wagen zum weitberühmten Tempel des Apollon, welcher in einiger Entfernung von der Stadt gelegen war, und zum Tempelgehege der Kypria an des Seeufers flachem Gelände, von zartsprossendem Rohr umgrünt und von gelben Halkyonen umflattert. Die schöne Meeresküste fuhren sie entlang und auf dem Rückwege bestiegen sie eine Barke, um über die samtweiche, tiefblaue Welle sich hinüberrudern zu lassen nach einer reichbebüschten Insel, welche die begleitenden Sklaven des Artemidoros sogleich wieder zu einem kleinen Paradiese umgestalteten, bunte, weiche Teppiche ausbreitend und jede Art von köstlicher Labe bietend. In solcher Art verging der Tag so rasch als die Nacht vergangen war, und wieder gehörten die beiden sich selbst an in der von Nachtigallen umtönten Einsamkeit ihres Gartenhaines.

Artemidoros hatte Aspasien seinen Gast nun völlig abgetreten, und seiner Verehrung des Perikles nicht bloß, sondern auch der verschwenderischen Großmut, welche ihm eigen war, gereichte es zur Genugtuung, die schöne Landsmännin mit all' den äußeren Behelfen auszustatten, deren sie bedürfen konnte, um ihrem Freunde die idyllische Einsamkeit des Myrtenhains mit dem wechselnden Zauber einer unerschöpflich erfindsamen Liebe zu würzen.

Und Aspasia machte nicht weniger Gebrauch von diesen Behelfen, als von denjenigen, welche die Natur selbst, noch verschwenderischer als der reiche Artemidoros, in ihr reizvolles, jedes schönen Zaubers kundiges Wesen gelegt hatte.

Das gesteigertste, veredeltste Genußleben des Geistes und der Sinne feierte in diesen beiden göttergeliebten Seelen ihr selt'nes Wonnefest. Vieles und Großes hatte Perikles geschaffen und vollbracht, vieles Schöne und Unvergängliche Aspasia wirksam angeregt, indem sie die zündenden Funken ihres Geistes und ihrer Schönheit nach allen Seiten sprühend warf. Aber das Schönste und Höchste vollzogen sie beide, indem sie sich liebten und glücklich waren: so glücklich, wie es nicht die Stumpfsinnigen, sondern nur die götterähnlichen Menschen zu werden vermögen. Dessen, was sie anregten, schufen, wirkten, mochten sich die Sterblichen erfreuen; auf ihr Liebesleben aber schauten die seligen Olympier selbst mit Befriedigung herab. Das Ideal des menschlichen Glückes in schöner Lebens- und Liebesfreude zu verwirklichen, erschien in jenen halkyonischen Tagen von Milet den beiden selbst als der beste Teil ihrer Bestimmung ...

In der Tat genossen Perikles und Aspasia zum ersten Male ganz das Glück ihrer Liebe in dieser Verborgenheit. Aber das schönste Asyl der ungestörten Einsamkeit, ein schöneres und ungestörteres, als der Hain und das Gartenhaus gewähren konnte, hatte die Zauberhand Aspasias geschaffen. Das offene, flache Dach des Hauses, umsäuselt von den Wipfeln hoher Linien und Cypressen, war von ihr in einen kleinen Lustgarten umgewandelt worden. Den Blicken der Außenwelt war dieses Asyl durch blühendes Strauchwerk und auf hohen Stengeln sich schaukelnde Blumen, welche den Rand nach allen Seiten umsäumten, und durch Purpurlinnen entzogen, mit welchen man zeltartig die ganze Terrasse bedecken konnte. In diesem von der Welt abgeschlossenen, nur den beiden Liebenden allein zugänglichen Blumenasyle brachten sie wonnevolle Stunden hin. Hier genossen sie die sichere Einsamkeit eines verschlossenen Gemachs, ohne die dumpfe Schwüle eines solchen; sie hatten den freien Aether über sich und fühlten sich angeweht von den süßen, duftgewürzten und erfrischenden Lüften des Haines. Die Einsamkeit der Myrten, die Einsamkeit des Hauses genügte ihnen nicht; zärtlichen Tauben ähnlich entflatterten sie zum Dache, zur wonnigen, in den blauen Aether hinauf entrückten Stätte, und nur was schwingenbegabt war, vermochte ihnen dahin zu folgen: die Tauben, die Pfaue, die zwitschernden Singvögel. Hier ruhten sie zwischen den Blüten, hier gab Aspasia dem Freunde die Gesänge der Poeten zu hören, die in ihrem Munde einen wunderbaren Reiz gewannen, hier umstrickte sie ihn, zum Schall der Saiten singend, mit dem Silbernetz ihrer Töne, mit der Magie ihrer tief einschmeichelnden, das Gemüt des Hörers wonnevoll aufregenden Stimme, hier erzählte sie ihm reizende milesische Märchen, hier plauderten sie bald töricht wie Kinder, bald weise wie graubärtige Grübler. Hier konnten sie die Purpurtücher um sich und über sich zusammenziehen, und wie Götter, in ein olympisches Rosenlicht getaucht, mit verklärten Leibern in purpurner Dämmerung atmen. Oder sie konnten dem hellen Glanze des Tagesgestirnes von oben herein zu strömen vergönnen, und der liebende konnte Antlitz und Glieder der Geliebten, von blendend weißem Glanze übergossen, von den Reflexen der grünen Sträucher zauberisch umspielt, in erhöhtem Reiz wie ein ätherisches Gebilde bestaunen.

Aspasia kleidete sich nach milesischer Sitte jetzt purpurn, jetzt meerblau, jetzt feuerfarbig, jetzt krokusgelb. Sie liebte es, dem Freunde in wechselnder Gestalt zu erscheinen. Sie entlehnte Gewandung, Haltung, Ausdruck, Wesen jetzt von dieser, jetzt von jener Göttin oder Heroine, und auf den Wunsch des Perikles gab sie ihm mimische Tänze zu schauen, die diesen wechselnden Gestalten entsprachen, und die an kunstvollem Reize alles übertrafen, was die schöne Theodota in dieser Art hatte bewundern lassen.

Bei diesen Verwandlungen seiner unvergleichlichen Freundin konnte Perikles nicht umhin, jener Verse des Meergreises Proteus zu gedenken, welche dieser ihm auf den Weg gegeben, als er, ohne es zu wissen, ausging, Aspasia zu finden. Jene Verse, die ihm das schönste Glück versprachen, und ihn aufforderten:

»Halt' es nur fest, o Held, mit der tapferen Faust, wie du mich hältst:
So nur gehalten entschlüpft nimmer das flüchtige dir!«

»Ich werde dich festhalten müssen, wie den weissagenden, gestalten-wechselnden Proteus, damit du nicht auch in einer deiner Verwandlungen mir entschlüpfest!« sagte Perikles scherzend zu Aspasia.

»Wie willst du es anfangen, mich festzuhalten?« fragte die Milesierin.

»Das hoffe ich von dir selbst zu hören!« versetzte Perikles.

»Etwa nach athenischem Brauche im streng vergitterten Käfig?« fragte Aspasia.

»Welchen Käfig meinst du?« sagte Perikles.

»Jenen Käfig«, versetzte Aspasia, »den ihr Männer das Frauengemach in eurem Hause zu nennen pflegt.«

»In diesen Käfigen«, sagte Perikles nach einer kleinen Pause, »sind vielleicht nur Telesippen, nicht aber Aspasien festzuhalten.«

Die Milesierin antwortete nur mit einem Lächeln.

Ihr genügte es, jenes Wort hingeworfen zu haben, um es in der Seele des Perikles nachwirken zu lassen.

Es begab sich eines Tages, daß Perikles mit Artemidoros in Abwesenheit Aspasias über diese selbst sich unterredete.

»Die Sagen und Geschichten aller Zeit«, sagte Artemidoros, »berichten von Helden genug, welche auf längere oder kürzere Frist der Gewalt schöner Frauen anheim fielen. Den nach seiner Heimat schmachtenden Odysseus hielt die schöne Nymphe Kalypso in ihrer Grotte jahrelang zurück. Den frommen Aeneas wußte die liebende Dido zu gewinnen, sogar den stärksten der Starken bannte die tückische Omphale eine Zeitlang an ihren Spinnrocken. Aber alle diese Weiber verstanden es nicht, den Gewonnenen für immer zu fesseln: ihr Zauber erlosch, die Fesseln sprangen, der überdrüssige Held holte das rostige Schwert oder die vergessene Keule wieder aus dem Winkel hervor, besserte eines Morgens sein halbmorsches Fahrzeug wieder aus und ging mit flüchtigem Abschiedsgruß von der Schönen fort auf neue Abenteuer. So würde wohl auch Aspasias Reiz erlöschen, wenn du in diesem freudenreichen Asyl beständig mit ihr verweilen müßtest!«

»Gewiß«, sagte Perikles, »wenn Aspasia Theodota wäre, wenn sie nichts besäße, als den wonnigen Reiz ihrer Glieder. Aber es gibt etwas, das einen Liebenden wohl auch für immer zu fesseln vermöchte. Ich spreche nicht von den Mitteln gemeiner Weiber, welche durch verstellte Sprödigkeit oder durch Unruhe und Qualen und Schwierigkeiten des Besitzes, die sie dem Liebenden bereiten, dieses zu erreichen glauben. Es gibt bevorzugte weibliche Naturen, welchen es vergönnt ist, den Liebenden trotz schrankenloser Hingebung, durch welche das Glück gewöhnlicher Weiber scheitert und eben durch diese, mit immer festeren Banden zu umstricken. Sollte ich jenes Unsagbare nennen, wodurch ihnen solches gelingt, so könnte ich es nur die Charis nennen: jene wundersame Mischung von Reiz und Huld, einschmeichelnd ohne Aufdringlichkeit, das Gemüt durchsonnend, wie ein olympisches Götterlächeln. Diese Charis, glaube ich, ist der Zauber, welchen Aphrodite verwahrt in ihrem goldenen Gürtel. Tausend trübende Wölkchen steigen auf am Himmel der Liebenden: nur die Charis weiß sie zu bannen: nur im Strahl der leuchtenden, lächelnden Seelenanmut verschwindet alles Trübe. Nur durch ihren Anhauch mildert sich alles Schroffe und Harte. Ihr wird alles erlaubt und alles verziehen, weil sie keine Wunde schlägt, ohne sie augenblicklich zu heilen. Aspasia besitzt diese Seelenanmut, diese Charis, diesen Gürtel der Aphrodite, und mit diesem allein vereitelt sie spielend alle Bemühungen Theodotas! Denn ich kenne die Weiber, und weiß, wie selten, wie einzig in der Welt das ist, was Aspasia besitzt.«

»Ich verstehe dich ganz«, sagte Artemidoros; »was du sagst, habe ich oft empfunden. Der Prüfstein des Weibes und seiner Zaubermacht ist nicht der Genuß, den es bereitet, sondern die Art, wie es die Pausen zwischen den Genußmomenten eines Honigmondes auszufüllen weiß!«

»Aspasia versteht es«, erwiderte Perikles, »in jedem Augenblick einen glänzenden Funken ihres Geistes aufsprühen zu lassen, etwas wie eine Rakete oder auch nur wie eine schillernde Seifenblase, etwas, wonach man haschen muß, und was die schleichende Stunde beflügelt. Und dies alles tut Aspasia ohne Anstrengung, ohne Zwang und Künstelei; sie tut es, weil es ihr natürlich ist. Und eben nur weil es ihr natürlich ist, wirkt es unwiderstehlich. Der Honigmond der Geistesarmen ist eine Sinnenhetze, gemischt mit tödlicher Langeweile; nur aus der Seele quillt, was dem Süßesten Wert und Dauer gibt.«

Der Tag, an welchem Perikles mit seinen beiden Schiffen wieder nach Samos zurückkehren sollte, um von dort aus noch einen kurzen Besuch auf Chios zu machen, kam heran. Das Entgegenkommen der Milesier hatte es dem Perikles leicht gemacht, die Absichten, die ihn nach Milet geführt, zu verwirklichen; und so war es ihm vergönnt gewesen, nur den geringsten Teil der Zeit seines milesischen Aufenthaltes politischen Unterhandlungen, den großen Rest aber seinem geheimen Glücke zu leben.

Der gastfreundliche Artemidoros gab dem scheidenden Athenerfeldherrn ein Gastmahl, an welchem auch Aspasia teilnahm.

Bei diesem Festmahle sagte Perikles zu seinem Wirte Artemidoros:

»Kein Wunder, wenn der geheime Zauber dieses Himmelstriches auch mich erfaßt hat, und ich sieben Tage lang schier unbewußt einem glücklichen Müßiggange mich hingab. Man merkt es, daß ihr Griechen dieser Küste den heißblütigen Phöniziern nahe wohnet, welche zuerst die Liebesgöttin verehrten, und jener kyprischen Insel, welche dieser üppigen Göttin auf ihrem Siegeszuge aus der sidonischen Bucht nach Hellas die Stätte der ersten Wegesrast geboten. Und wie von Süden her die Festbegeisterung der kyprischen Götter, so dringt von Norden, von den Höhen des Tmolos, der Festlärm des Dionysos und seiner göttlichen Amme Rhea zu euch. Und so seid ihr gleichsam umzingelt und umbrandet von den Wogen der Festlust jener Freudengötter. Wie aus übervollen Eutern die Milch, wird hier der Tau der Ueppigkeit ausgeschüttet aus dem Füllhorn jener Götter und aus den tausend quellenden Brüsten der Artemis. Euch Milesiern mögen die grausig-schwärmerischen Orgien auf dem Tmolos wohl nicht bloß vom Hörensagen bekannt sein. Es sollte mich wundern, wenn nicht den einen oder den anderen von euch die Neugier einmal getrieben hätte, zur Festzeit sich in die Nähe jener geheimnisvollen Stätte im nachbarlichen Lydien zu wagen und, wenn auch vielleicht nur aus scheuer Entfernung, die Raserei der Korybanten zu belauschen.«

Bei diesen Worten des Perikles verdüsterten sich ein wenig die Züge des Artemidoros, und ein leiser Seufzer entrang sich seiner Brust, so daß Perikles ihn verwundert und fast betroffen anblickte.

»Mich selbst«, begann Artemidoros, »hat das Verhängnis einst dorthin geführt, und ich würde dir das, was ich erlauschte und erlebte, gern erzählen, wenn sich nicht so viel Düsteres mit diesen Erinnerungen für mich verknüpfte.«

Diese Worte vermehrten die Spannung des Perikles, und als Artemidoros es merkte, fuhr er fort:

»Ich sehe es wohl, ich muß auch wider Willen sprechen und meine Befangenheit mit der Rechtfertigung bezahlen, die deine Mienen, o Perikles, von mir heischen. So vernimm.

Wenige Jahre sind es her, daß ich noch den reizendsten Jüngling von Milet meinen Sohn nannte. Er war ausgestattet mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers, aber auch mit einer beschwingten Phantasie, die keinen Zügel kannte, mit einem bis zur Schwärmerei entzündlichen Gemüte. Es hat nie an Jünglingen zu Milet gefehlt, welche durch die Erzählung von den rasenden Orgien auf dem Tmolos zu freventlicher Neugier aufgestachelt wurden, und mancher ist der Hut seiner sorgsamen Erzeuger entflohen, um jenem wilden Reigen sich anzuschließen; ja Zeiten gab es, in welchen dieser Drang wie eine Art von Seuche um sich griff. Ich erwog, wie ich eine ähnliche Verirrung von meinem allzu empfänglichen Chrysanthes abzuwenden vermöchte. Wie ich befürchtet hatte, zeigte auch er sich bald von jener Krankheit mitergriffen. Die Zeit der lydischen Feste kam heran. Chrysanthes wurde auffallend schweigsam, nachdenklich, seine Wangen bleichten, und er sah aus, wie von einer geheimen, fieberhaften Ungeduld verzehrt. Schon war ich entschlossen, ihn als Gefangenen im Hause zu behandeln, ihm Wächter beizugeben, die jeden seiner Schritte im Auge behalten sollten. Dennoch ließ der Zustand, in welchem ich ihn sah, mich sein Entweichen befürchten und bald kam mir das Bedenken, daß der Jüngling infolge des gänzlich ungestillten Verlangens in gefährlichen Trübsinn oder in eine tödliche Krankheit verfallen könne, und daß es heilsamer wäre, wenn ich dem Drange seiner, wie es schien, immer wachsenden Neugier zum Teil, aber in einer Weise Befriedigung verschaffte, welche ohne persönliche Gefahr für ihn wäre. Ich eröffnete ihm, daß ich selbst mich mit ihm auf den Tmolos begeben, die mystischen Gebräuche der Korybanten mit ihm belauschen werde. In meiner Gesellschaft, unter meiner unmittelbaren Obhut, mußte ja der Jüngling vor jeder Gefahr gesichert sein.

Eine Reise von mehreren Tagen brachte uns ans Ziel. Wir bestiegen im Geleite eines Sklaven, der Lebensmittel für einen Tag trug, den waldbewachsenen, noch verödeten Tmolos und erwarteten den Augenblick, wenn der wilde Schwarm der Korybanten von Sardes her den Bergeshang heraufkommen würde.

Begonnen hatte das orgiastische Frühlingsfest schon am vorigen Tage damit, daß man die größte Riesenfichte des Tmolos fällte, sie umwand mit Kränzen unzähliger Frühlingsveilchen, die in den Gründen des Tmolos sproßten, und die so bekränzte unter wildem Festjubel hinunterschleppte bis in den Tempel der Kybele, um sie der allgebärenden Göttermutter als Frühlingsopfer darzubringen.

Nun war des Festes größter und geräuschvollster Teil noch übrig. Ein dumpfes Getöse scholl an unser Ohr noch früher, als wir den in der Abenddämmerung heranziehenden Schwarm der Korybanten erblicken konnten. Wir verbargen uns bei ihrer Annäherung im dichten Gebüsch, um, selbst unbemerkt, von hier aus ihres Treibens Zeugen zu sein.

Der Schwarm kam näher, das Getöse wurde betäubend. Ein jeder dieser Korybanten, von welchen manche ganz nackt, andere nur mit dem zottigen Fell eines wilden Tieres um die Lenden bekleidet waren, trug eine Handpauke, die er mit aller Gewalt in dumpfen Tönen schlug, oder eine lärmende Zimbel, oder blies auf einem Horne, wieder andere hatte Schwerter und Schilde in den Händen, die sie dumpf zusammenschlugen. Aber all diesen Lärm des Erzes und der Tonwerkzeuge übertönte noch das Geschrei, das Gebrüll vielmehr, welches einen Jubelgesang zu Ehren des verlorenen und nun wiedergefundenen Jünglings Attis, des Lieblings und Boten der allzeugenden Mutter Rhea, nur in abgerissenen Lauten vernehmen ließ. Vom verlorenen und wiedergefundenen Attis sangen sie, aber es war die aus ihrem Todesschlafe wiedererwachte, wildgärende Triebkraft der Natur, welche diese Menschen nicht bloß feierten, sondern in sich selbst aufschäumen ließen bis zu wahnsinnigem Taumel. Angeführt wurde der Schwärmerzug von Kybelepriestern, welche, hellflammende Kienfackeln in einer Hand, in der andern scharfgeschliffene, krumme Messer trugen, die sie mit fanatischen Blicken schwangen. Ein großer Phallos wurde vorangetragen. Das Gehen dieser Menschen war nicht ein Schreiten zu nennen, sondern ein vom Getöse jener Lärmwerkzeuge begleitetes, wüstes Springen und Tanzen mit wild verrenkten Gliedern. Die Gesichter aller waren hochgerötet, manche auch bis zu tiefem Dunkelblau unterlaufen, die Augen schienen aus ihren Höhlen zu quellen, und nicht wenigen stand der Schaum vor dem Munde. Dabei schüttelten sie wild die langen Locken, die ihnen, meist aus fremden Haaren künstlich angefügt, um die Schläfe hingen, und die ihnen ein mann-weibliches Ansehen gaben. Was auf dem Wege von wilden oder zahmen Tieren in ihre Hände gefallen war, schleppten sie mit sich. An der Spitze des Zuges wurde ein Panther geführt. Einige sahen wir mit Schlangen in den Händen, die sie aufgegriffen hatten, und mit welchen sie so unbefangen wie mit Kränzen oder Bändern spielten.

Während der tosende Zug an uns vorüber stürmte, sah ich den jungen Chrysanthes neben mir von einer immer wachsenden Aufregung ergriffen. Er schwieg, aber sein Angesicht erglühte, sein Auge blickte starr auf die rasende Festschar, und er begann einige von den Bewegungen, die er an jenen Tollen bemerkte, unbewußt zu wiederholen.

Unfern der Stelle, wo wir im Gebüsche versteckt waren, dehnte sich eine große, von ungeheuren Fichten umschlossene, kräuterbewachsene Fläche. Hier machte der Schwarm Halt, aber nicht um zu rasten, sondern um noch toller zu wüten. Der Phallos und die mitgeschleppten Tiere wurden in die Mitte gebracht, auch die Priester traten in die Mitte, und in der Runde umher scharten sich die Korybanten.

Einem ermunternden Worte der Priester folgend, stürzten sie sich auf den Panther und auf die übrigen Tiere, zerrissen dieselben erst mit den Händen, dann mit den Zähnen, schlürften ihr warmes Blut und steckten die Reste des blutenden Fleisches auf ihre Thyrsusstäbe wie auf Spieße. Dann begannen sie unter dem verstärkten Getöse der Pauken und Zimbeln und des geschlagenen Erzes den Phallos zu umtanzen, die große, allzeugende Göttermutter preisend, und die alllebendige Zeugungskraft, die unerschöpfliche Lust und Liebeskraft, deren Bild unter ihnen vor aller Augen emporragte ...

Die wilden Tiere flüchteten sich vor dem Lärm in die entferntesten Gründe: ein Löwe brach erschreck in eiligem Laufe hart neben mir und Chrysanthes durch das Gebüsch. Und in der Tat, die fanatischen Ausrufe, das rauchende Opferblut, die lodernd geschwungenen Fackeln, vor allem das Getöse des Tympanons, mußten jedes Tier- und Menschengemüt in Angst oder in den wildesten Aufruhr bringen. Ich selbst verlor fast die Besinnung. Da machte plötzlich Chrysanthes neben mir den Versuch, von mir sich loszureißen. Entsetzt sah ich auf ihn und merkte, daß er in seinem ganzen Wesen schon jenen Rasenden ähnlich war. Ich hielt ihn fest, aber, Riesenkraft in den jugendlichen Gliedern entwickelnd, machte er sich frei, und fortstürmend sprang er hinab über eine Felswand, so hoch und schroff, daß nur durch ein Wunder seine Glieder unzerschmettert blieben – hinab, mitten unter jene Rasenden sprang er, und wie die schäumende Flut einen Tropfen, verschlang ihn der taumelnde Reigen.

Vor Schrecken starr, ratlos, fast besinnungslos stand ich da.

Der rasende Tanz ging weiter vor meinen schwindelnden Augen. Einige stürzten wie tot zusammen, erhoben sich wieder und begannen von neuem.

Wieder brachen Ausrufe der Entflammtesten, begleitet von winkenden Zeichen, wunderlich tollen Gebärden, durch den Lärm sich Bahn. Und als der Taumel aufs höchste gestiegen, traten einige hervor und verschafften sich Gehör mit Worten, von welchen an mein Ohr nur weniges vernehmlich drang. Sie wiesen nach dem Phallos hin, sie riefen mit aufgeregten Gebärden, das tote Scheinbild auf jener Stange müsse nach altheiligem Gebrauche ersetzt werden durch die Blutwärme der Wirklichkeit, und den Begeistertsten im Reigen gezieme, zur Feier der alllebendigen Kraft die persönliche darzubringen, als freudiges Dankopfer der allzeugenden Göttin ...

Unheimlich blinkte das scharfgeschliffene krumme Messer, die uralte asiatische Harpe, in den Händen der Kybelepriester – –

Mir schwanden die Sinne, ich sah nur mehr einen wüsten Knäuel sich durcheinander bewegen, in welchem die Rasendsten sich mit blitzender Klinge verwundeten, verstümmelten – ich gedachte meines Chrysanthes – es wurde Nacht vor meinen Augen, ich sank zu Boden.

Als ich die Besinnung wieder erlangte, war der Mond taghell aufgegangen, die Korybantenschar war weitergezogen, das Getöse des Tympanons scholl aus dem Innern des Waldgebirges wie ferne verrollender Donner.

Ich begab mich nach dem nahen Sardes, der Stätte des Priestertums der Kybele, weil ich dort am ersten hoffen konnte, vom Schicksal meines Chrysanthes etwas zu vernehmen, den geliebten Verlornen wieder zu erhalten.

Und ich erhielt ihn wieder: er wurde mir zurückgebracht auf einer aus Fichtenzweigen des Tmolos geflochtenen Bahre, verwundet, verstümmelt, verblutet – –

Der Jüngling voll blühender Kraft und Schöne lag vor meinen Augen da, jener veilchenbekränzten Fichte vergleichbar, gefällt auf dem Tmolos vom Messer der Korybanten, als Dankopfer der »allzeugenden Göttin« ...

So lautete die Erzählung des Artemidoros.

Die Heiterkeit des Festmahls war getrübt.

Als es vorüber war, und Perikles mit Aspasia sich allein befand, sagte er:

»Milet ist schön, und die Erzählung des Artemidoros wird mir die Erinnerung der wonnigsten Tage nicht gänzlich trüben, welche die Götter mir hier zu durchleben vergönnten. Aber ich fühle, daß es Zeit ist, den Fuß von diesem heißen Strande hinweg wieder auf das schwebende Meerschiff zu setzen, und meine fast beklemmte Brust wird erst wieder völlig frei aufatmen in den heimischen, mildkräftigen, attischen Lüften!« –

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