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Robert Hamerling: Aspasia - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Hamerling
titleAspasia
publisherMax Hesses Verlag
printrunSechste durchgesehene Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071227
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XI. Samos.

Hätt' es nicht gedacht«, rief der alte Kallippides in einer der zahlreichen Gruppen des Athenervolkes, welche, auf dem großen Markte des Piräus zusammenstehend, sich mit Eifer besprachen – »hätt' es nicht gedacht, als ich neulich an der Vorkämpferin Athene auf der Burg vorüberging. Ich sah den Speer der Göttin voll Baumgrillen, welche darauf saßen und zirpten. Das bedeutet Friede, sagte ich zu mir selbst. Aber freilich, den nächsten Tag ist kurz vor der Volksversammlung ein Wiesel über die Pnyx gelaufen« ...

»Du willst doch nicht Unheil krächzen, alte Dohle?« riefen die andern.

»Samos kann andere Bundesgenossen zum Abfall verleiten«, entgegnete der Alte, »es kann eine Empörung gegen uns erregen, Sparta kann sich einmischen, ein allgemeiner Hellenenkrieg kann entbrennen. Es liegt, wie man zu sagen pflegt, viel Zunder aufgehäuft, was kümmert es uns so eigentlich, ob die Samier oder die Milesier Priene besitzen?«

»Das Ansehen Athens muß aufrecht erhalten werden!« fiel ein jüngerer heftig ein, indem er die Hand ausstreckte und den Kopf über den stramm gehaltenen Nacken emporwarf. »Samos und Milet haben als Angehörige des Bundes ihre Streitsachen der Entscheidung Athens, als des Hauptes der Bundesgenossenschaft, anheimzustellen. Samos verweigert dies. Und darum ist Perikles in Wut entbrannt gegen die Samier« ...

»Und in seiner Wut hat er den sanften Sophokles von der Volksversammlung zum Mitfeldherrn sich ausgebeten!« sagte lächelnd einer von den Männern.

»Der Antigone wegen!« riefen andere. »Er hat recht getan. Es lebe Sophokles!«

»Ihr wißt alle nichts!« sagte hinzutretend der Bartscherer Sporgilos, den die Neugier und die Aufregung des Zeitlaufs in den Hafen getrieben. »Ihr wißt alle nichts in dieser ganzen Angelegenheit: ihr wißt nicht, wie dieser ganze samische Handel entstanden, und wer ihn eigentlich angezettelt!« –

»Es lebe Sporgilos!« riefen einige. »Hört den Sporgilos! Der ist einer von denjenigen, welche immer des Morgens genau wissen, was Zeus mit der Hera in der Nacht geplaudert hat!«

»Gleich soll eine Lügenblase faustgroß auf der Nase mir auffahren«, rief Sporgilos, »wenn das, was ich euch jetzt erzählen werde, nicht die volle Wahrheit ist! Aspasia, die Milesierin, hat den Perikles beschwatzt. Ich weiß es ganz genau – hört mich nur an! Am Tage nachdem die milesische Gesandtschaft hier eingetroffen war, stand ich eben auf dem Markte, als die Gesandten vorbeikamen und dabei um sich sahen, wie Leute, die nach etwas fragen wollen. In der Tat kam einer von ihnen auf mich zu und sagte: »Heda, athenischer Freund, kannst du uns nicht die Behausung der jungen Milesierin Aspasia weisen?« Die Männer glaubten gewiß, ich kenne sie nicht: ich kannte sie aber – schon an ihren geschmeidigen Manieren und kostbaren Gewändern würde ich sie erkannt haben, wenn ich sie nicht sonst schon gesehen hätte. Ich erwies mich ihnen so höflich als ich konnte und beschrieb ihnen aufs genaueste das Haus der Milesierin und den Weg dahin, worauf sie sich schönstens und bestens bedankten und schnurstracks den weg einschlugen, den ich ihnen gewiesen. Es war schon dämmernder Abend. Sie schlichen in die Behausung der Milesierin. Merkt ihr's nun? Die Gesandten, sag' ich euch, haben mit der Milesierin heimlich verhandelt; sie hat hernach dem Perikles das Kinn gestreichelt und ihm den großen Zorn eingeflößt gegen die Samier« ...

»Da habt ihr's!« rief einer von den Zuhörern. »Sporgilos weiß also in der Tat, was die Hera mit dem Zeus geplaudert hat. Doch – da seht den Perikles, mit seinem Gefährten Sophokles – er drillt ihn ohne Zweifel soeben für sein neues Amt!«

In der Tat sah man die beiden Männer abseits an ziemlich menschenleerer Stelle zwischen den Säulen wandeln. Sie hatten sich in ein vertrauliches Gespräch vertieft.

»Wahrhaftig!« sagte Sophokles, »du überraschest die Athener; man hätte den Perikles in diesem Augenblicke zu allem eher geneigt geglaubt, als dazu. Denn völlig aufgegangen schien er jetzt in den Werken des Friedens, in der Förderung des inneren Gedeihens und – in der Liebe zur schönen Aspasia« ...

»Freund!« sagte Perikles lächelnd, »ist es denn zu verwundern, wenn den Strategen die Lorbeern seiner mit Kelle, Meißel und Griffel arbeitenden Freunde nicht ruhen lassen? Schon lange, ich gestehe es dir, fühlte ich in meinem Innern mich befangen und unruhig. Ich dünkte mich müßig unter all' diesen rastlos Tätigen, und fast beschämend erschienen mir bisweilen die weichlichen Rosenbande, die mich fesselten.«

»Wie?« entgegnete Sophokles, »daß du in Wirklichkeit doch der Rastloseste bist unter den Rastlosen, daß alles, was getan und geschaffen wird, nur durch dich möglich gemacht, gefördert und zu gutem Ende hinausgeführt wird, das rechnest du für nichts?«

»Es genügt nicht den Forderungen, die einer von uns, wie wir da sind, an sich selber stellen mag!« erwiderte Perikles. Ich will nicht bloß Helfer sein, ich will etwas Eigenstes vollbringen, und da kann ich als Stratege eben nur wieder zum Schwerte greifen. Warum sollte ich allein vom schönen Feuer der Ehrbegier, das rings um mich entbrannt ist, unberührt bleiben?«

»Und du willst diesmal durchaus deinen Kriegsruhm mit mir teilen?« fragte nach einer kleinen Pause der Dichter.

»Lieber als – die Gunst eines reizenden Weibes!« entgegnete Perikles, und faßte dabei den Freund scharf ins Auge.

Dieser stutzte. »In meinem Haupte«, sagte er dann, »beginnt es plötzlich zu tagen, und ein wunderbares Licht verbreitet sich über die wahre Ursache meiner Wahl zum Strategen« ...

»Alles, was in der Welt geschieht, liebster Freund«, versetzte Perikles lächelnd, »hat nicht eine, sondern hundert Ursachen, wer mag immer sagen, welche die nächste?« –

»Willst du nicht lieber mich zurücklassen, und die Schöne mit dir nach Samos nehmen?« fragte der Dichter.

Perikles lächelte nur wieder. »Sei getrost«, sagte er dann; »es ist nur eine kleine Fahrt zu unserm Vergnügen, die wir unternehmen, ein Seezug von wenigen Wochen; denn an einen ernsten Widerstand der Samier gegen das mächtige Athen ist nicht zu denken. Samos ist eine prächtige Stadt, die dir gefallen wird; Melissos, der Befehlshaber des samischen Geschwaders, das wir uns gegenüber haben werden, ist, wie du weißt, ein namhafter Philosoph aus der eleatischen Schule, dessen Bekanntschaft du vielleicht mit Vergnügen machen wirst; und wenn wir an Chios vorübersegeln, so wollen wir deinen Dichtergenossen Ion, den Tragiker, besuchen, der dort hauset in schöner behaglicher Muße.«

»Du willst Ion besuchen?« rief Sophokles; »erinnere dich, daß er nichts Gutes von dir hält, seit du sein Nebenbuhler bei der schönen Chrysilla gewesen.«

»Mein Verhalten gegen einen Menschen«, erwiderte Perikles, »wird niemals dadurch bestimmt, was er von mir hält, sondern dadurch, was ich von ihm halte, Ion ist ein wackerer Mann. Er wird uns mit der besten Sorte seines einheimischen Chiers bewirten, obgleich du sein Nebenbuhler in der Tragödie gewesen.«

»Und du, ich wiederhole es«, fiel Sophokles ein, »sein Nebenbuhler bei der schönen Chrysilla, die jetzt, so viel ich weiß, auf Chios in seiner Gesellschaft lebt« ...

»Laß die Chrysillal« sagte Perikles.

Der Dichter ergab sich heiter in sein Schicksal, Perikles begann ihn über das, was sein neuer Beruf mit sich brachte, zu unterrichten.

Wenn man in jenen Tagen ein beschriebenes Blatt in den Händen des Sophokles sah, so war es kein tragischer Entwurf, kein Chorgesang, kein Hymnus auf den Eros oder Dionysos, sondern die Liste der seepflichtigen Mannschaft, die er einberufen, der reichen Bürger, welche er auffordern mußte, als Trierarchen die einzelnen Schiffe zu führen und zum Teil auch auszurüsten. Aus der lieblichen Einsamkeit seines grünen Kephissostales sah er sich jetzt von Perikles mit hinausgeschleppt in die Zeughäuser und Kriegshäfen von Zea und Munychia, in den Lärm des Piräus, wo die gefürchteten Meeresdiachen der Athenerflotte aus ihren Behältern wieder in die Flut gezogen wurden, ins Getümmel der Arsenale, wo es ein Scharren gab und ein Hobeln, Hämmern, Nageln, Kreischen ohne Rast. Schier unheimlich wurde es im Beginne dem schönheitseligen Dichter dort beim Geschrei der Ruderknechte und Matrosen, den zurzeit noch müßigen, unter welchen es Streit gab um Flötenmädchen und zuweilen auch Löcher in den Köpfen. Das Ohr gellte ihm von den schrillen Bootmannspfiffen, Rudertaktrufen, Fanfaren: denn mit denjenigen Trieren, deren Ausrüstung bereits vollendet war, stellten ihre Trierarchen täglich kleine Wettfahrten im Golfe an, um zu erproben, welches von den Schiffen am besten und raschesten segle.

Als nun aber der Tag zu der Abfahrt herangekommen war, und man die hochgebordeten Schiffe mit ihren drei übereinander sich erhebenden, umlaufenden Ruderreihen, mit den ragenden, schwanenhalsartig emporgetürmten Vorder- und Hinterteilen, dem Schmuck ihrer Bemalung, den goldglänzenden Pallasbildern und anderen Emblemen, den drohend zugespitzten Balken des Schiffskiels, frei und kühn in wohlgeordneten Reihen auf der blauen Welle schweben sah, und auf das Zeichen einer Trompete eine feierliche Stille eintrat, während welcher der Herold mit lauter Stimme vom Bord des Admiralschiffes ein Gebet sprach, welches alle von den einzelnen Schiffen aus nachsprachen, und in welches selbst das Volk vom Ufer aus mit einstimmte, und Opferrauch emporstieg vom Verdeck der Schiffe in die blaue Morgenluft, das gesamte Heer aus goldenen und silbernen Bechern Trankopfer ausgoß und einen Päan zu singen begann, zuletzt aber die Flotte sich in Bewegung setzte, die Segel sich im Winde entfalteten, das Meer unter dem Schlage unzähliger Ruder erbrauste, und, begleitet von Segenswünschen der Nachblickenden, die lange Reihe der Fahrzeuge aus dem Hafen auf die offene See hinauszog – da war der Dichter Sophokles zum Strategen geworden mit ganzer Seele, und nicht hochgemuteter kann sein Held Ajas aus Salamis gen Troja gezogen sein, als jetzt er selber aus dem Gau von Kolonos gen Samos zog. –

Nach Verlauf einiger Wochen lief ein Schnellsegler mit Berichten des Perikles für den Rat und die Volksversammlung in den Piräus ein. Der Befehlshaber desselben Schiffes, das diese Nachrichten überbrachte, bestellte insgeheim, nicht als Trierarch, sondern als persönlicher Freund des Strategen Perikles, ein Schriftstück, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Es war ein Schreiben des Perikles an seine Freundin Aspasia.

Das Schreiben lautete:

»Ich weiß nicht, wie es zuging, daß meine Brust kaum jemals höher schlug, als in dem Augenblicke, da ich mit der Flotte den Hafen von Athen verließ und wieder die hohe See unter mir fühlte. Als ich auf dem Verdeck des Schiffes stand und die Winde des Ägäermeeres meine Stirne bestrichen, da war es, als ob mit ihnen ein Hauch der Freiheit mich umwehte, und als ob ich mich selbst wiedergewonnen hätte, wiedergewonnen? Ein törichtes Wort! Hatte ich mich denn verloren? Ich wüßte nicht – wenn nicht etwa an dich, Aspasia! Einen Augenblick schien es mir damals in der Tat, als hätte ich in dieser letzten Zeit ein wenig zu weichlich und zu willenlos auf das Rosenlager der Liebe mich hingestreckt. Ich zürnte dir beinahe. Aber als ich mich besser besann, da mußte ich mir sagen, daß ich dir das größte Unrecht tat, und daß ganz im Gegenteil gerade das, was von deinem Wesen ausgeht, und was niemals ein Erschlaffendes, sondern immer ein bewußt oder unbewußt Spornendes, Treibendes ist, mich beherrschte und aus dem stillgewordenen Athen mich auf das Feld der Taten hinauszog.

So brauche ich mich denn nicht mehr meiner Liebe zu dir, noch des Verlangens, das ich schon jetzt wieder nach dir empfinde, zu schämen.

Schlecht gerüstet fand ich die Samier und in halber Vorbereitung überrascht. Ich schämte mich fast des leichten Sieges. Zu tun schien bald nichts mehr übrig, ich schickte mich also an, nach Athen zurückzukehren, in der Hoffnung, es würde mir bei der Einfachheit der zum Erfolge aufgewendeten Mittel wenigstens die Raschheit des Erfolges zum Ruhme gereichen. Ob an dieser beschleunigten Heimkehr nicht auch das Verlangen, das, was ich in Athen zurückgelassen, sobald als möglich wiederzufinden, einigen Anteil hatte? Ich bin mir dieser unmännlichen Regung nicht geradezu bewußt, aber ich wage es nicht, die Möglichkeit davon zu leugnen. Jedenfalls aber erwies sich die Eile, mit welcher ich zurückkehren wollte, nicht als so vorteilhaft, wie die, mit welcher ich ausgezogen war. Ich lernte, daß man im Kriege mit Eile ins Feld rücken, aber bedachtsam heimkehren müsse.

Doch wozu soll ich dir von Dingen berichten, welche nun wohl zu Athen in aller Munde sind? Unsere Flotte brennt vor Eifer, den früher versäumten Seekampf nachzuholen; selbst der sanfte Sophokles glüht in diesem Augenblicke vom Feuer des Ares. Ich habe ihn nach Chios und Lesbos gesendet, um die Schiffe der Verbündeten von dort herbeizuholen; andere Verstärkungen sind unterwegs.

Sende mir Nachrichten von dir und den Freunden zu Athen durch denselben mir befreundeten Trierarchen, der dir dies Schreiben übermittelt hat, und wisse, daß ich auf deine Nachrichten nicht weniger gespannt bin, als du auf die meinigen. Sage dem Pheidias, daß er sich nicht stören lasse durch den Lärm des Krieges in seiner ruhigen Friedensschöpfung. Des Heimkehrenden schönste Freude wird es sein, wenn ihm die hohen Tempelsäulen des Burgberges der Vollendung nahegerückt entgegenleuchten.« –

Dies also war der Inhalt des Schreibens, welches Perikles an Aspasia sandte. Die Milesierin erwiderte dasselbe wie folgt:

»Es freut mich, daß du so rasch von dem Gedanken zurückgekommen bist, das Wesen des kühnen Perikles sei in letzter Zeit durch Aspasia verweichlicht worden. Muß ich nicht im Gegenteile mir den Vorwurf machen, daß ich durch Fürsprache, die ich für meine Landsleute bei dir einlegte, dich hinaustreiben half auf das Feld der Taten, wie du es nennst?

Nicht unvorteilhaft dünkt mich eine solche kurzwährende Trennung; denn ein wenig überdrüssig scheinst du bereits des Friedens geworden, und des Genusses, und der Liebe zu Aspasia. Aber das frühe Verlangen, mich und die Freunde wiederzusehen, hast du dir schon deshalb nicht zum Vorwurfe zu machen, weil die Sehnsucht, Liebgewordenes wiederzusehen, ja immer am stärksten ist unmittelbar nachdem man es verlassen oder verloren hat. Ich fürchte, du wirst die Entfernung immer leichter ertragen, je länger sie dauert, und am Ende, wie Agamemnon vor Troja, zehn Jahre lang, wenn es sein muß, in zunehmender Gemütsruhe vor Samos liegen.

Mein Verlangen nach dir dagegen kann nicht schwächer werden durch die Zeit, denn es wird genährt durch Tatlosigkeit und Einsamkeit. Du hast mich hier beinahe so vereinsamt zurückgelassen, als ob ich deine Gemahlin wäre; du hast den mildheitern Sophokles mit dir fortgenommen und den glänzenden Protagoras mit einer Kolonie ins ferne Ausland gesendet. Nur Sokrates ist da, und dieser sucht zuweilen meine Gesellschaft. Aber sei es nun aus Mißtrauen gegen mich, oder gegen sich selbst, oder gegen dich – er wagt sich nicht ohne fremdes Geleit in meine Nähe und erscheint an meiner Schwelle immer in Gesellschaft eines Kauzes, der beinahe so wunderlich ist als er selbst. Es ist der Tragödiendichter Euripides, unseres Sophokles jüngerer Nebenbuhler. Er und Sokrates sind unzertrennliche Freunde und man sagt sogar, dieser helfe ihm bei Abfassung seiner Tragödien, weil dieselben so reich sind an sinnigen Sprüchen. Aber das ist töricht. Die beiden sind einander so ähnlich von Natur, daß ich nicht weiß, was einer von dem andern zu entnehmen brauchte. Sie triefen alle beide von Weisheit, was Sokrates unter den Denkern, das ist Euripides unter den Dichtern: ein Grübler und ein Sonderling. Auch ein Bücherwurm: er hat sich eine große Büchersammlung angeschafft und lebt da ganz den Musen. Im übrigen sieht er aus wie alle Poeten: ein von Anbeginn altes Gesicht auf einem ewig jugendlich beweglichen Leibe. Er ist zurückgezogen, mürrisch und schroff in seinem Wesen und geht nur mit Sokrates und den Sophisten um. Indessen vermochte Sokrates doch so viel über ihn, daß er begierig wurde, mich zu sehen.

»Dieser Mann hier«, sagte Sokrates, als er ihn mir vor Augen brachte, »ist der vortreffliche Tragödiendichter Euripides, den du, wie ich hoffe, doppelt bewundern wirst, wenn du hörst, daß sein Vater Mnesarchos ein Schenkwirt, und seine Mutter Kleito eine Gemüsehändlerin gewesen. Auch mußt du wissen, daß er gerade am Tage der großen Perserschlacht von Salamis auf dieser Insel selbst geboren wurde.«

»Eine große Vorbedeutung!« sagte ich.

»Das ist möglich«, nahm Euripides selbst das Wort; »aber was die Götter ursprünglich mit mir wollten, ist noch nicht völlig klar.«

Dann erzählte er mir ausführlich – denn nachdem er einmal zu reden angefangen, wurde er wider Erwarten ziemlich gesprächig – wie seinem Vater durch ein Traumgesicht die Verheißung zu teil geworden, daß sein eben gebornes Söhnlein dereinst als Sieger aus rühmlichen Wettkämpfen hervorgehen werde. Sein Vater habe dies als ein echter Hellene auf Siege zu Olympia oder Nemea gedeutet, und habe ihn mit Sorgfalt in den gymnastischen Künsten unterrichten lassen; auch habe er dann wirklich schon als Knabe einen schönen Sieg bei den Panathenäen davongetragen, aber er habe allmählich mehr Geschmack an Bücherrollen als an Faustriemen und an Wurfscheiben gefunden und sei zuletzt, statt eines preisgekrönten olympischen Athleten, ein Bewerber um tragische Siegespreise geworden.

»Wie kommt es«, fragte ich ihn, »daß du in jede deiner Tragödien Aussprüche gegen die Frauen einflichtst, und daß man dich allgemein als einen Weiberfeind bezeichnet?«

»Ich bin verheiratet!« erwiderte er.

»Ist dies ein Grund«, sagte ich, »alle Frauen zu hassen, auch diejenigen, mit welchen du nicht durch Bande dieser Art verbunden bist?«

»Sokrates hat mich zu dir geführt«, versetzte er, »um mich von meinem Weiberhasse zu heilen. Vorläufig schätze ich nur ein einzig Weib, das Weib, das mich gebar: die vormalige Gemüsehändlern Kleito – ich sage vormalige, denn gegenwärtig habe ich sie veranlaßt, den Gemüsehandel aufzugeben und ein kleines Landgütchen zu verwalten, was ich besitze.«

Ich zeigte Verlangen, diese Frau kennen zu lernen.

»Wenn es dich nicht langweilt«, gab er zur Antwort, »die Geschichte, wie ich auf Salamis während der großen Schlacht in einer Ufergrotte von ihr geboren worden bin, erzählen zu hören – denn mit dieser Erzählung verschont sie keinen Sterblichen, der sich ihr nähert – so ist es ein Leichtes, dein Verlangen zu befriedigen.«

Ein paar Tage später suchte ich, begleitet von einer Sklavin, das abgelegene, bescheidene Landhaus auf, in welchem Mutter Kleito waltet, und dessen Stille nur manchmal durch die erdröhnenden Trimeter ihres dichtenden Sohnes unterbrochen wird, wenn er, um ganz ungestört zu sein, in die ländliche Einsamkeit sich zurückzieht. Ich fand die gute Frau unter ihren Hühnern, Enten und Ferkelchen, und sagte ihr, daß ich die Geschichte, wie ihr berühmter Sohn auf Salamis während der großen Seeschlacht von ihr geboren wurde, zu hören wünschte.

Herzlich erfreut und mit sichtlichem Stolze sagte das Mütterchen:

»Das ist eine Geschichte, Frau, welche sich sogar der große Themistokles von mir hat erzählen lassen!«

Dann lud sie mich ein, auf einem Rasensitze mitten im Garten Platz zu nehmen, nachdem sie zuvor die Hühner und Tauben, welche auf demselben saßen, hinweggescheucht hatte.

»O Kind«, sagte sie dann, »das war ein Tag des Grausens, als die Perserscharen hereinbrachen in unser heiliges Athen und alles niederbrannten, und die Menschen an den Altären erwürgten, und pechgetränkte Feuerpfeile vom Areshügel aus gegen die Akropolis warfen, bis alle Tempel droben in Flammen standen, und ein ungeheurer Rauch in schwarzen Wolken über das Meer flog. Aber während die Stadt verbrannte, und alle Männer schwuren, sie wollten mit der Waffe in der Hand sterben unter den rauchenden Trümmern, und die Weiber dazwischen heulten, und ein unermeßliches Wehklagen erscholl, weil Athen, das heilige Athen verbrannt, vertilgt sei von der Erde, da kam Themistokles daher, Themistokles, der Seeheld, und streckte die Hand aus gegen das Meer und gegen die Flotte und rief: Dort ist Athen! und trieb alles, was männlich war, auf die Schiffe. Und neben ihm stand der langbärtige Priester aus dem Erechtheustempel auf der Burg und verkündete, ein hochbedeutsames Wunder sei geschehen: die heilige Burgschlange sei von selbst aus dem brennenden Tempel verschwunden, zum Zeichen, daß die Stadtschirmerin Pallas Athene selber und alle Götter von hinnen gewichen, und daß des Atheners Vaterland in diesem Augenblicke nirgends sei als auf der See, auf den Schiffen der Flotte des Themistokles.

Während nun die Männer alle auf die Schiffe gingen, war es ein Jammer zu sehen, wie sich die Weiber, die Kinder und die Greise durcheinander gewirrt in die Boote warfen, die da bereit standen an der Küste, und auch drunten an der Furt von Salamis, und von welchen viele umschlugen, weil sie die Menge der Flüchtenden nicht zu fassen vermochten.

Nicht einmal die Hunde wollten zurückbleiben in der verlassnen Stadt: sie stürzten sich ins Meer und schwammen neben den Schiffen ihrer Herren einher, solange sie konnten. Du mußt aber wissen, Kind, daß ich damals hochschwangeren Leibes war, und in diesem Zustande erreichte ich mit einem ganzen Schwarme glücklich das Gestade von Salamis, und dort schlugen in einer Felsgrotte am Ufer einige Frauen und Kinder, darunter ich, ihre Nachtherberge auf. Die Nacht war über die Maßen unruhig, denn es sammelten sich nächtlicherweile um Salamis alle Griechensegel, und es schollen die Zurufe unablässig von Schiff zu Schiff die ganze Nacht hindurch, so daß es auch den Sorglosen unmöglich gewesen wäre, ein Auge zu schließen. Es war aber zufällig eben auch die Zeit des Jakchosfestes, an welchem das Bild des Gottes bei einbrechender Nacht von Aegina herüber nach Eleusis gebracht wird übers Meer, bei Fackelgeleucht, in großem Feierzuge, und Themistokles hatte nicht gewollt, daß man diese Feier des Schreckens halber unterlasse, und eben als die Griechen ihre Schiffe ordneten, kam das festlich geschmückte Fahrzeug mit den heiligen Bildern der Aeakiden von Aegina herüber, und vom Fackelschein erglänzte die ganze Bucht, so daß alle Griechen auf den Schiffen noch mehr befeuert wurden, weil sie sahen, daß die Heimatgötter noch lebendig walteten. Und als nun der helle Morgen angebrochen war, und ich mich mit anderen Frauen ans Ufer hinausschleppte, da sah man schon die vereinten Schiffe der Hellenen kampfgerüstet dastehen im Morgenglanz, und der ganze Euripus wimmelte, und die große Perserflotte segelte langsam, unabsehbar von Phaleron herüber.

Mir aber vergingen die Sinne, ich mußte in die Grotte zurückkehren. Des Mutterleibes Not und Drangsal überwältigte mich. Und nun lag ich da, verlassen auf dem Lager von Seegras, denn die Frauen, welche die Nachtherberge mit mir geteilt hatten, liefen alle hinweg, und was da war von Weibern und Kindern auf Salamis, das wußte die Gatten und die Väter auf den Schiffen, und da standen sie denn alle dichtgedrängt auf dem hohen Ufer draußen und blickten nach den Fahrzeugen hinüber und rangen die Hände und flehten zu den Göttern. Jetzt hörte ich ein gellendes Trompetengeschmetter, und einen Päan hört' ich singen von vielen tausend Stimmen – fernher klang es gedämpft bis an mein Schmerzenslager. Da war es, wie wenn ein fürchterlicher Orkan in einen dichten Oelbaumwald sich stürzt, und als ob tausend brechende Wipfel krachten – es war aber das Gekrach der Schiffe, die aneinander prallten, und dazwischen scholl immer dumpf aus der Ferne das Kampfgeschrei der Unsrigen und der Barbaren. Wie lange dies so gewährt – ich weiß es nicht, und die Schlacht kann ich dir nicht erzählen, Tochter, denn ich sah sie nicht, ich wand mich hilflos den langen Tag auf meinem Lager und lechzte nach Labung, und sank verschmachtend zuletzt in einen Schlaf, der wohl mein letzter gewesen wäre. Da hört' ich plötzlich durch meinen todmatten Halbschlummer hindurch ein helles Jubelgeschrei der Weiber und ich gewann mein Bewußtsein wieder und besann mich, daß ich auf Salamis liege. Aber es mischte sich mancher plötzlicher Jammerruf in das Jubelgeschrei, denn nicht bloß unzählige Schiffstrümmer wurden herangewälzt an das salaminische Gestad', sondern auch Leichen, unter welchen manche von den Frauen ihren Sohn oder Gatten erkannte. Aber auch viele von den im Kampfe Verwundeten und viele von der Mannschaft jener Schiffe, welche zertrümmert worden waren und welche dem Strande von Salamis näher waren als dem jenseitigen athenischen Ufer, retteten sich auf die Insel, und brachten die Botschaft: der Perser ist geschlagen und flüchtet tödlich getroffen übers Meer und entweicht aus den rauchenden Trümmern Athens, und noch heute dürfen wir zurückkehren in die befreite Vaterstadt. – Nun denke dir aber, Kind, wie mir erst zu Mute ward, da unverhofft, als ob ihn die Götter selber herbeigeführt hätten, mein Gatte Mnesarchos, der unter jenen Gelandeten war, in die Grotte hineinstürzte mit dem Ausrufe: »Athen ist wieder frei, Athen ist wieder unser!« und so wollte er fortfahren mit freudigem Geschrei, aber nun stelle dir das Schauspiel vor, wie er mich plötzlich erblickte und neben mir das nackte, neugeborne, wimmernde Knäblein. Da konnte er gar nicht mehr sprechen, er faßte nur das Knäblein heftig, und hob es auf seinen Arm, und tanzte damit umher in seiner Sieges- und Vaterfreude, lief dann mit dem Kinde hinaus ans Meer und wusch es ab, und dann rannte er fort und brachte mir Wasser und anderes Labsal, so daß ich mich endlich, wiewohl langsam, erholte von der tödlichen Ermattung, in welche ich versunken war.

Den nächsten Tag wurde ein großes Siegesfest auf der Insel gefeiert. Bekränzte Jünglinge tanzten um die Trophäen, während der Perser abzog und heimflüchtete mit dem Reste seiner Scharen nach dem fernen Morgenlande. Da ging Mnesarchos mit dem neugebornen Knäblein auf den Armen im festlichen Gedränge umher und zeigte es allen Griechen und erzählte, wie es zur Welt kam in der Stunde des Kampfes. Und als Themistokles selber hinzutrat und die Sache, wie sie war, vernahm, sagte er: »Gepriesen seien die athenischen Mütter, welche uns neue Bürger gebären noch während des Kampfes, zum Ersatz für jene, welche gefallen sind fürs Vaterland!« So sprach er und befahl, dem Mnesarchos hundert Drachmen auszuzahlen. Da ging es fröhlich her, und Mnesarchos nannte den Knaben Euripides, zum Gedächtnis dessen, daß er geboren ward am Siegestage im Euripus, in der Meeresfurt von Salamis!« –

So erzählte mir das ehrliche Mütterchen Kleito, genau so, wie ich es für dich niedergeschrieben.« –

Wenige Tage, nachdem das Schreiben Aspasias an Perikles abgesendet war, kamen Siegesnachrichten aus Samos und mit ihnen neue schriftliche Botschaft an Aspasia. Sie lautete:

»Du bist unvergleichlich, Aspasia, und immer ganz du selbst. War es Zufall oder geheime Absicht, daß du mir in deinem Briefe von jenem Mütterchen und von Salamis erzähltest? Als mit der verlangten Verstärkung aus Athen deine Zeilen an mich eintrafen, stand ich mit meiner Flotte der samischen bereits gegenüber. Ich las die Erzählung deines Mütterchens, und, salaminischer Begeisterung voll, gab ich das Zeichen zum Angriff.

Wir siegten. Aber ich werde mich wohl hüten, dir von der Schlacht eine Schilderung zu geben. Wie könnte es mir beifallen, jenem Bilde gegenüber, mit welchem du mir so lebendig die Erinnerung an die Großtat von Salamis heraufbeschworen, mit meinem kleinen samischen Erfolge zu prahlen, durch welchen die Samiersflotte unschädlich gemacht, der Widerstand der Stadt selbst aber noch nicht gebrochen ist. Wir umlagern sie zu Wasser und zu Lande. Dieses Samos ist eine gewaltige Stadt und prächtig von Ansehen; aber ihr größter, altberühmter Tempel ist, wie du weißt, der Ehegöttin Hera gewidmet, und in diesem Tempel werden ganze Herden jener Vögel gemästet, welche der Göttin heilig, uns beiden aber verhaßt geworden sind ...

Auch Sophokles hat dein Schreiben gelesen, mit großer Freude über die Erzählung des Mütterchens. Da er selbst unter den bekränzten Jünglingen und Knaben gewesen, welche beim Siegesfeste, von welchem das Mütterchen spricht, um die Trophäen tanzten, Aischylos aber unter den Kämpfern, so haben diese tragischen Poeten sämtlich ihren Teil an den Ehren von Salamis – den kleinsten freilich dein Euripides, der sich eben nur geboren werden ließ.

Ich habe mich im übrigen auch nach dem Wesen des Euripides bei Sophokles erkundigt und ihn gefragt, was er von der Weiberfeindschaft desselben halte. Sophokles erwiderte mir, Euripides hasse die Weiber nur, weil er sie liebe. Denn wenn er sie nicht liebte und ihrer entraten könnte, so würde er sich nicht um sie kümmern, er würde von ihnen nicht reden, und es würde ihm gleichgültig sein, ob sie gut oder böse. So weit Sophokles: ich denke also, der Ruhm, den Euripides von seinem Weiberhasse zu heilen, wird für dich nur ein geringer sein.« –

Dies Schreiben des Perikles beantwortete Aspasia in folgender Weise:

»Du hast mit deinem Siege vor Samos den Athenern Anlaß zu großem Jubel gegeben, in welchen ich im stillen von Herzen mit einstimmte; nur hast du meinen Teil der Freude mir durch die Bescheidenheit verkümmert, mit welcher du in deinem Schreiben die Schilderung deines Seegefechtes mir vorenthältst. Ich bin im allgemeinen einverstanden, wenn du deine Blätter an mich nicht mit Staats- und Kriegsangelegenheiten füllst und dich auf das beschränkst, was deine Person betrifft: aber man sagt, daß eben diese Schlacht dich in deines Waltens und Wirkens Glanz gezeigt, daß du persönlich das Schiff des feindlichen Feldherrn in den Grund gebohrt. Nicht um die Dinge ist es mir zu tun, sondern um dich, um das helle Bild eines Wesens, das mir daraus entgegentritt, so daß ich wie mit leiblichen Augen dich schaue.

Der Bau des Parthenon nimmt seinen Fortgang mit einer fast unglaublichen Raschheit. Freilich, bei vollen Kassen ist gut bauen, wie Kallikrates zu sagen pflegt.

Vor einigen Tagen ereignete sich auf der Akropolis ein Unglücksfall, der Aufsehen erregte. Ein Arbeiter fiel vom Gerüst und wurde tödlich verletzt; und daß dies gerade an der Stelle geschah, welche Diopeithes als eine »unterweltliche«, als eine Unglücksstelle in Verruf gebracht, hat die Gemüter und die Zungen der Abergläubischen zu Athen gewaltig erregt. Triumphierend weist der Erechtheuspriester auf seine erfüllte Prophezeiung hin und stellt weiteres Unheil in Aussicht, welches die Götter verhüten mögen.

Er blickt von der Schwelle seines alten Tempels noch immer finster und grollend auf den munteren Kallikrates herüber und wünscht ihm den Sonnenstich aufs Haupt. Aber die heißesten Pfeile Apollons prallen ab an der Stirn des Unermüdlichen. Pallas Athene hält ihren Schild über ihn. Er neckt den Gegner, wo er es vermag, und wenn die mißgünstigen Blicke desselben ihm allzu unbequem werden, so weiß er es so einzurichten, daß seine Leute eine Staubwolke in der Nähe des Erechtheions aufwirbeln, welche den Priester zwingt, sich augenreibend in das Innere des Heiligtums zurückzuziehen.

Jetzt ist sogar auch ein Maulesel in den Hader dieser beiden verflochten worden. Unter den Maultieren nämlich, welche nun schon einige Jahre lang beschäftigt sind, Tag für Tag den Abhang der Akropolis auf und nieder zu trotten, Gestein und andere Lasten auf die Höhe derselben zu schleppen, befand sich auch eines, das teils durch sein Alter, teils durch eine Verletzung, die es in seiner Berufstätigkeit sich zuzog, untüchtig zur Arbeit wurde. Sein Treiber wollte es schonen und es im Stalle zurücklassen. Damit aber war das wackere Tier nicht zufrieden und ließ sich selbst durch Schläge nicht abhalten, zu tun was es gewohnt war seit so langer Zeit, und mit seinen Gefährten, wenn auch unbelastet, zur Akropolis hinauf und wieder hinabzutrotten. Und dies tut es nun getreulich Tag für Tag, und alle Welt kennt den »Maulesel des Kallikrates«, wie man ihn nennt, da Kallikrates das unbrauchbar gewordene, aber noch immer dienstwillige Tier unter seinen besonderen Schutz nimmt. Da aber dieser Maulesel auf der Akropolis müßig geht, und umherschlendernd zuweilen dem Tempelbezirke des Erechtheion zu nahe kommt, auch schon ein paarmal Miene gemacht hat, heilige Kräuter, welche dort gepflanzt werden, mit unheiliger Schnauze zu beschnuppern, so haßt Diopeithes diesen getreuesten aller Arbeiter des Parthenon beinahe noch mehr, als den Kallikrates selbst, und es ist nicht abzusehen, welche Verwicklungen aus dieser Sache noch hervorgehen werden.

Lebe wohl, mein Held, und denke nicht immer bloß an die Erzählung des Mütterchens, an Salamis und Themistokles, sondern auch an deine Aspasia. Nicht Hera und nicht alle Pfaue von Samos sollten mich abhalten, zu dir zu eilen, wenn du es wolltest.« –

Nicht lange nachher empfing Aspasia von Perikles folgende Zeilen:

»Du zürnst mir, daß ich dir die Beschreibung meines Seegefechtes vorenthalte? Du willst nicht völlig darauf verzichten, mich vor Samos waltend und wirkend und handelnd zu schauen? An und für sich ist eine Seeschlacht vielleicht das sehenswerteste von allen Schauspielen, und ich gestehe, daß ich, so oft ich veranlaßt war, mich als Stratege auf der See mit einem Feinde zu messen, wie sehr auch mein Feldherrnamt mich in Anspruch nehmen mußte, doch immer einen Blick der Bewunderung übrig hatte für das Schöne und Gewaltige des Anblicks, den ein Kampf segelbeschwingter Kolosse auf offener See gewährt. Dir hat das Mütterchen Kleito zum Glück nur die Nebenumstände der Schlacht von Salamis, nicht die Schlacht selber schildern können, und so will ich es nun doch wagen, dir die Geschichte des Kampfes der Schiffe vor Samos kurz zu berichten: mit dem Bedeuten aber, daß diese Erzählung von kriegerischen Dingen die einzige sein soll, die du während des Feldzuges mir entlockst.

Bei der Insel Tragia war ich der von Milet herkommenden Samierflotte begegnet. Meines Angriffs gewärtig, nahm sie sofort eine feste Kreisstellung ein, um mich zu hindern, das zu tun, worauf ich im Seekriege stets mein Hauptaugenmerk zu richten pflege: die feindlichen Schiffe in rascher unvermuteter Wendung von der Seite anzugreifen. Ich sandte einige kühne Segler aus, um die Kreisstellung der Feinde umschwärmend zu verwirren, durch Scheinangriffe und verstellte Flucht hier und dort ein feindliches Fahrzeug aus seiner Reihe herauszulocken. Auch erhob sich ein ziemlich heftiger Wind, was ebenfalls dazu beitrug, bei wogender See den geschlossenen Kreis der Samierflotte zu lockern.

Unsere Flotte stand von Anfang an mit vorgestreckten, gegen die feindlichen Flanken zu gekrümmten Flügeln, bereit, jedes aus der feindlichen Linie sich vorwagende Schiff von der Seite zu fassen.

Indessen gelang es dem Samier-Feldherrn, während sein Vordertreffen bereits in einen ziemlich heftigen Kampf sich verwickelte, aus dem rückwärts stehenden Teile des erschütterten und halb aufgelösten Kreises ein gerades Treffen zu bilden, mit welchem er plötzlich, während die Schiffe des Vordertreffens auf seinen Befehl sich zurückzogen, in geschlossener Ordnung hervorbrach.

Für einen Augenblick setzte der Anprall dieser geschlossenen Phalanx unsere vordersten Reihen in Verwirrung. Die bauchigen Fahrzeuge der Samier mit ihren rüsselförmig gestalteten Vorderteilen und den unzähligen flink bewegten Rudern waren wie Ungetüme anzusehen, welche mit tausend Füßen gegen uns herangekrochen kamen. Nur war dies Kriechen ein flügelschnelles, windbeschwingtes. Aber nach wenigen Augenblicken, während welcher auch ich die zerstreuten Segel in Eile ordnend zurückzog, stand unsere Phalanx der samischen ebenso geschlossen und ebenso ehern gegenüber.

Jetzt entbrannte der eigentliche Kampf in wilder Erbitterung. Mit hellem Geschrei aufeinander losgehend, bohrten sich gleichsam die Vorderreihen der Unseren und der Samier ungestüm in einander, so daß jedes attische Fahrzeug nach zwei Seiten hin angriff, jedes feindliche nach zwei Seiten hin sich verteidigte. Glichen die Samierschiffe drohend vorgestreckten Schweinerüsseln, so waren die unseren Seeschlangen vergleichbar, welche zwischen jenen Rüsseln behend und mit tödlichen Bissen nach links und rechts sich hindurch zu winden verstanden. In der gedrängten Ordnung aber begannen von Schiff zu Schiff die gewaltigen Kriegswerkzeuge zu spielen, die geschoß-schleudernden Katapulte und Skorpione, und die furchtbaren Delphine, lange Balken mit Erzblöcken an der Spitze, welche, emporgehoben über dem feindlichen Fahrzeug, in wohlberechnetem Niedersturz den Mast zertrümmerten, oder das Verdeck durchschlugen, und das wie mit ehernen Klammern festgehaltene Schiff zur Beute der Angreifer machten. Und während die Aufmerksamkeit eines feindlichen Fahrzeuges durch einen Hagel von Pfeilen, mit welchen sein Verdeck überschüttet wurde, in Anspruch genommen war, umschwärmten es verwegene leichte Boote in der Tiefe, deren Bemannung mit Beilen sein Ruderwerk zertrümmerte.

Und wie zuletzt Kiel an Kiel immer näher gedrängt stand, und die hochragenden Borde der Unsern und der Feinde sich berührten, da bildeten die vereinigten Flächen der Verdecke bald ein Schlachtgefild, auf welchem die Schwerbewaffneten mit Lanze und Schwert, Mann gegen Mann, einander gegenüber standen. Die Kühnsten ließen sich nicht abhalten, über den Bord in die Fahrzeuge ihrer nächsten Gegner zu dringen. Einigen der Unsern gelang es hier und dort, die feindliche Bemannung niederzuhauen, den Trierarchen gefangen zu nehmen, sich des Steuers zu bemächtigen, und die wehrlosen Ruderknechte zu zwingen, das erbeutete Fahrzeug aus der samischen Linie in die athenische hinüber zu rudern.

Wie rühmlich auch in solchen Wagnissen heldenhafter Sinn sich bewährte, ich mißbilligte des persönlichen Mutes allzu eifriges Vordrängen, immer bedacht, im Seekampfe das Blut der Streiter so viel als möglich zu schonen, und mehr die Schiffe als die Menschen gegen einander kämpfen zu lassen, warum sollen diese sich würgen, wo jene mit kühnen, raschen, gewandten Bewegungen die Entscheidung herbeizuführen im stande sind? Ich fuhr zwischen den Schiffen der Flotte hin und rief den Trierarchen zu, sie sollten mehr mit Schiffsschnäbeln und ehernen Balkenspitzen, als mit Schwert und Lanzen kämpfen und ihr Schiff nicht als Burg, sondern als Waffe betrachten. Sie verstanden mich, und da die Samier zahlreiche untüchtig gemachte Schiffe aus dem Treffen zogen, mit dem Reste aber näher zusammenrückten, so wurde es uns um so leichter, mit den Schiffen der vorgestreckten Flügel enternd gegen ihre Flanken anzurennen.

Jetzt war alles Augenmerk nur darauf gerichtet, die feindlichen Schiffe in den Grund zu bohren. Es war in der Tat ein Kampf der Schiffe selbst geworden. Neben der Wucht anrennender Schiffsschnäbel, neben der Kraft eherner Balkenspitzen am Schiffskiel, bewährte sich in jenem Kampf auch die von mir selbst ersonnene Vorrichtung der »eisernen Hände«, die manches Samierfahrzeug faßten und festhielten in unlösbarer Umklammerung. Ins dumpfe Gedröhn aneinander prallender Schiffsbalken mischte sich das helle Geknatter zerbrechender Ruder, wenn in rascher, wohlberechneter Streiffahrt ein Fahrzeug, hart neben dem feindlichen hinsegelnd, das vorgestreckte Ruderwerk desselben zerbrach wie dürres Baumgeäst.

Die Samier schwankten, sie gerieten in Unordnung, aber sie wichen nicht. Erzürnt über diesen Trotz, überdrüssig des langen Kampfes, wollte ich soeben den Befehl geben, einige Transportschiffe, mit Werg und Reisig beladen, anzuzünden und in die feindlichen Reihen zu senden, um den Rest der widerspenstigen Samierflotte zu verbrennen, als plötzlich eine gewaltige Steinlast gegen den Mast meines eigenen Schiffes flog. Der Mast wurde nicht getroffen, wohl aber der Steuermann, der sogleich mit zerschmettertem Haupte von seinem Sitz am Steuer herabsank. Im Niederrollen hatte der Steinblock auch noch das Steuer selbst mit allem, was in der Nähe lag, zermalmt. Der Stein war aus dem Feldherrnschiff der Samier geschleudert worden, woraus ich ersah, daß der Samierfeldherr sich gleichsam mir selbst persönlich zum Kampfe stellen wollte. Aber mit dem steuerlosen Schiff war Widerstand unmöglich. Rasch, und ohne daß der Feind es merken konnte, stieg ich vom Hinterteil des Schiffes auf einer Leiter in ein Boot hinab, und warf mich von diesem aus mit beflügelter Hast in ein anderes Fahrzeug, die »Parthenos«, und während das samische Feldherrnschiff über jene steuerlose Beute sich hermachte, um sie, mit mir selbst, wie die Samier meinten, als Gefangenen an Bord, hinter sich her fortzuziehen, fuhr ich pfeilschnell mit der »Parthenos« gegen die Seitenwand des Samiers heran, so daß er durchlöchert augenblicklich Wasser fing, und, seitwärts geneigt, unter den Wasserspiegel herabsank. Der Samierfeldherr selbst war einer der wenigen, welche unter dem Pfeilregen der Unsern, die zugleich ein helles Siegesgeschrei erhoben, mit genauer Not sich schwimmend retteten. Jetzt erst wichen die Samier und der Sieg war unser.

Noch am Abend desselben Tages kam der samische Feldherr, Melissas, unter sicherem Geleite zu mir auf mein Schiff, um sich mit mir in Friedensverhandlungen einzulassen, stellte aber solche Bedingungen, daß man mich für besiegt hätte halten müssen, wenn ich sie angenommen hätte. Er erklärte, die Flotte der Samier sei zwar unterlegen, die Stadt aber bereit, eine lange Belagerung auszuhalten. Ueberdies sei phönizische Hilfe in Anzug und Geldunterstützung sei angeboten worden von dem persischen Satrapen in Sardes. Melissas entwickelte bei der ganzen Unterredung eine Zähigkeit und einen Eigensinn, wie ihn nur ein Philosoph zu entwickeln im stande ist. Er ist von hoher Gestalt, schon ziemlich vorgerückten Alters, und seiner Stirn ist der Stempel des tiefsinnigen Denkers so sehr aufgeprägt, daß es mir fast unglaublich schien, in ihm den Mann vor mir zu sehen, der noch eben eine Flotte gegen mich befehligte, und den ich mit der Behendigkeit eines Jünglings die trümmervolle Flut hatte durchschwimmen sehen. Bald erblickte ich in ihm nur den in ganz Hellas mit Ruhm genannten Weisen aus der Schule des Parmenides. Ich weiß es selbst nicht mehr zu sagen, wie es kam, daß unser Gespräch sich allmählich und unmerklich in ein philosophisches verwandelte. Tatsache ist, daß er mir zuletzt mit großer Lebhaftigkeit auseinandersetzte, wenn etwas sei, so sei es ewig, das Ewige aber sei auch räumlich unbegrenzt, und das wahrhaft Seiende sei eins und unendlich, und fasse alles in sich, denn wenn es zwei oder mehrere Unendlichkeiten gäbe, so müßten sie einander begrenzen, wären also nicht mehr unendlich und das All müsse ein in sich Gleichartiges sein, denn gäbe es wahrhaft Ungleichartiges, so bestünde nicht mehr eins, sondern vieles, vieles aber könne nicht bestehen, denn daß es bestehe, sei nur Schein, gelte nur für die sinnliche Wahrnehmung, nicht für die denkende Betrachtung des Geistes ...

Als zufällig einige andere Strategen und Trierarchen herzutraten, welche mit großer Neugier dem Ergebnis unserer Friedensberatungen entgegensahen, jetzt aber hörten, daß der Samierfeldherr und ich über die Unbegrenztheit des All und über die Unendlichkeit des ungewordenen Seins sprachen, so blieben sie ganz verblüfft und fast mit offenem Munde stehen, und wir selbst mußten lächeln, merkend, daß wir, die wir kurz vorher mit Schiffsschnäbeln und Todesgeschossen gegen einander gewütet, jetzt in einen Wortwechsel solcher Art verwickelt waren. Denn da ich dergleichen Sätze, wie sie Melissas vorbrachte, zu Athen aus dem Munde des Zenon oft gehört, und diese eleatischen Streitfragen mich immer lebhaft für sich eingenommen hatten, so war ich dem Melissos die Antwort nicht schuldig geblieben, und unser Gespräch hatte in der Tat beinahe die Gestalt eines philosophischen Streites angenommen.

»Wie viel besser wär' es«, sagte ich zu Melissos, »als wir Abschied nahmen, indem ich ihm die Hand schüttelte, »wenn wir Hellenen alle, so weit unsere Sprache reicht auf Küsten und Inseln, da wir doch durch ein geistiges Streben verbunden sind, auch durch ein politisches Gemeinwesen im Laufe der Zeiten vereinigt würden!«

Ein Blitz schoß bei diesen meinen Worten aus den grauen Augen des finster blickenden Samiers.

»Ohne Zweifel«, sagte er mit bitter spöttischem Lächeln, »hoffst du, daß es Athen sein wird, das alle Hellenen in sein Gehege lockt und, wollend oder nicht, zu einem Gemeinwesen vereinigt?« –

Ich verstand die Gefühle des für die Unabhängigkeit seiner Insel kämpfenden Mannes und ehrte sie.

Es ist nun einmal das Los aller wohlgemeinten Absichten und Gedanken, daß sie scheitern am Widerstand kleinlicher Vorteile, welche doch eigentlich bestimmt sind, in den größeren aufzugehen. Es lohnt sich schlecht, den Gedanken eines großen Ganzen ins Herz zu fassen, und dafür wirken zu wollen. Mahne ich die Hellenen zur Einigkeit, so wittern sie darin nur athenische Eroberungslust oder gar Absichten persönlichen Ehrgeizes. So fühlt man mit seinem besten Wollen und Wirken auf einen herkömmlichen, engsten Bereich sich zurückgetrieben und eingeschränkt. Hierdurch wird mir auf Augenblicke zuweilen alles äußere Tun und Streben nichtig, und ich flüchtete mich dann in die reine Sphäre des Gedankens, wo der Geist sich tummeln mag in schrankenlosem Fluge, wenn ich in stiller Nacht, hinaustrete auf das Verdeck des regungslosen Fahrzeugs, über mir den sternbesäten Himmel – die Masten unbewegt aufragend und über ihnen die ganze Unendlichkeit des Aethers ergossen – nichts vernehmlich als das träumerisch-leise Plätschern der Meerflut am Kiel im Hauche des Nachtwinds – dann erinnere ich mich des Melissos und denke nicht mehr bloß, sondern empfinde seine unendliche Ureinheit alles Daseins ...

Oefter als du es glauben magst, gedenke ich deiner, der Freunde zu Athen, und dessen, was unter ihren Händen dort der Vollendung entgegenreift. Jetzt, wo hier, wie es scheint, das Schwerste getan ist, und eine vielleicht lange, unerquickliche Belagerung mich zu einem Stillstande verurteilt, welcher beinahe der Untätigkeit gleich kommt, darf ich meine Sehnsucht nach Athen vielleicht gestehen, ohne mich derselben zu schämen.

Das Mißgeschick, welches den Arbeiter bei dem Baue des Parthenons getroffen, und welches Diopeithes in so boshafter Weise ausbeutet, ist mir sehr zu Herzen gegangen. Ich habe den Hippokrates ersuchen lassen, sich des verunglückten, wenn er noch am Leben, anzunehmen, und wenn es uns glückt, ihn zu retten und den Diopeithes zu beschämen, so gelobe ich, der Pallas Hygieia zum Dank einen Altar auf der Akropolis errichten zu lassen.

Was aber das wackere Maultier des Kallikrates betrifft, so bin ich der Meinung, daß dasselbe als ein Geschöpf zu betrachten sei, welches durch seine Unverdrossenheit sich verdient gemacht um das Gemeinwesen der Athener, und um zu verhüten, daß die Mißgunst des Diopeithes ihm gefährlich werde, habe ich ihm die Vergünstigung erwirkt, zu naschen und zu grasen, wo es ihm beliebt und alles, was es etwa von fremdem Eigentum sich aneignet oder schädigt, wird den Eigentümern ersetzt werden von Staats wegen.« –

Noch bevor Aspasia Gelegenheit gefunden hatte, dies Schreiben des Perikles zu erwidern, empfing sie neuerdings einige Zeilen von ihm, die Bestätigung des Unglücks enthaltend, welche das athenische Lager vor Samos betroffen, während Perikles der phönizischen Hilfsflotte entgegengezogen.

Nur mit wenigen Worten gedachte dieser Dinge Perikles in seinem Schreiben an Aspasia. Dann aber fuhr er fort: »Wirst du es für möglich halten, daß unter Hellenen noch immer sich ereignen kann, was mir begegnete, als ich mich zu den Landsoldaten begab, welche die Belagerung der Stadt von der Landseite betreiben und welche unter dem Ausfalle der Samier ebenfalls nicht wenig gelitten hatten? Laute Wehklage scholl mir entgegen, als ich das Kläger betrat. Den Priester des Heeres fand ich eben beschäftigt, dem rettenden Zeus ein Opfer zu bringen. In dem Kreise, welcher sich um den Altar und den Priester gebildet hatte, sah ich fünfzig gefangene Samier mit gebundenen Händen stehen. Ich fragte, was es mit diesen Leuten, die nicht anders als wie gebundene Opfertiere um den Altar standen, für eine Bewandtnis habe. Da erfuhr ich, der Seher, welcher von Staats wegen dem Heere beigegeben war, habe verkündet, es sei der Wille des rettenden Zeus, daß ihm die fünfzig samischen Gefangenen feierlich als Opfer geschlachtet würden. Und eben war man daran, den Ausspruch des Sehers zu vollziehen. Ich trat dem Priester und dem Seher entgegen, erklärte es vor dem gesamten Heere für eine Lüge, daß die Hellenengötter ein Menschenopfer wollen, und begnügte mich damit, die Stirnen der fünfzig Samier mit dem Mal eines Schweinerüssels in der Art samischer Schiffsvorderteile zu zeichnen, zur Wiedervergeltung für den Schimpf, welchen sie unsern Gefangenen kurz zuvor durch die eingebrannte Eule angetan.

Nun belagern wir aufs neue die Stadt, bestürmen sie von der Landseite mit Mauernbrechern und Wurfmaschinen.

Die Briefe, welche ich von Telesippe erhalte, sind voll von Klagen über den jungen Alkibiades.« –

Aspasia erwiderte die Nachrichten des Perikles wie folgt:

»Vieles und Gewichtiges, o teurer Perikles, haben deine beiden letzten Briefe mir gebracht: Manches, wobei ich aufjubeln konnte vor Freude, und anderes wieder, das ein, wenn auch nur vorübergehendes Bangen um dich über meine Seele verbreiten mußte. Aber warum soll ich den Wechsel der äußern Begebenheiten und Zufälle allzusehr beklagen, wenn in eben diesem Wechsel die Unveränderlichkeit deines eigenen trauten Bildes mir nur um so schöner entgegentritt? Du hast mir, wie ich es gewünscht, unabsichtlich dich selbst geschildert. Wie arm sind Worte, und wieviel feuriger würde ein Kuß, auf deine Stirn gedrückt, dir sagen, was ich empfinde! Mir schwindet der Tag, indem ich an dich denke und die Lieder der Sappho zum Klange der Saiten meiner Laute singe.

Pheidias und die Seinigen sind unermüdlich. Versenkt in ihre Aufgabe, und wie von einer dämonischen Macht ergriffen, hören sie nur mit halbem Ohr auf das, was außer ihrem Tun noch sonst in der Welt sich ereignet. Vergib ihnen, denn sie arbeiten ja doch auch für dich und deines Namens Ruhm in aller Folgezeit! –

Von dem Knaben Alkibiades vernehme auch ich so manches; denn er fängt an, die Aufmerksamkeit der Athener auf sich zu ziehen. Es gibt viele, die sich in der Ringbahn, oder wo er sonst zu sehen ist, an ihn drängen. Aber er hält sich nur an den Sokrates, vielleicht weil dieser ihm nicht schmeichelt. Als er kürzlich in Begleitung des Pädagogen über die Straße ging und eine Wachtel, sein Lieblingstier, im Busen versteckt mit sich trug, drängte wieder sich viel Volks an ihn. Während er nun auf diese Leute zu achten gezwungen war, entfloh ihm die Wachtel aus den Busen, und da der Knabe darüber in heftige Aufregung geriet, so machte das halbe Athen sich auf die Beine, um die Wachtel des Alkibiades wieder einzufangen. So sind die Athener! Indessen wenn sie den Knaben Alkibiades verhätscheln, so geschieht es zum Teil auch darum, weil er der Mündel des Perikles, des großen Perikles, der nach dem Siege bei Tragia wieder mehr als der Held des Tages ist.

Nur Diopeithes feindet insgeheim dich an, und die Schwester des Kimon, und dein Weib Telesippe. Auf ihrer Seite stehen die altväterischen Gesellen mit den wollebefransten Röcken, dem überm Scheitel zusammengebundenen Haarschopf, die eitlen, alten Marathonsschläger und eichenklötzigen Griesgrame, und die Spartergecken, welche langes Haar tragen, turnen, hungern, sich niemals waschen, mit dem Knotenstock auf den Steinen der Straße rasseln, auch manche von den weisheit-gespreizten Grüblern und Silbenstechern, welche barfuß und in durchlöchertem Mantel laufen, aber die Brauen hinaufziehen, die Nase in den ungekämmten Hängebart versenken, und das Kinn in der würdevoll darunter aufgebauschten Haut wie in einem Sacke tragen. Alle diese Leute denken in deiner Abwesenheit, wie man zu sagen pflegt, »unbewachten Wein zu lesen«.

Theodota fährt, wie ich höre, fort, zu schwören, der Schwertfisch Perikles werde noch in ihrem Netze zappeln. Geheime Fäden scheinen noch immer zwischen diesem Weibe und unseren Feinden gesponnen. Elpinike läuft sich die Zehen wund, um ihre Freunde und Freundinnen gegen mich aufzuhetzen. Von ihr und deinem Weibe werde ich offen verfolgt; sie sehen, daß ich wehrlos und schutzlos dastehe und halten mich für eine leichte, sichere Beute.

Euripides scheint das, was dein Gefährte Sophokles von ihm sagte, Lügen strafen zu wollen. Ich sehe ihn immer nur ernst, finster, mürrisch. Doch machte er mich in Gegenwart des Sokrates zum Vertrauten seines Ehegeschicks. Er gab mir eine Schilderung des Wesens seiner Gattin, eine Schilderung, die ich dir nicht zu wiederholen brauche, denn jene Angetraute des tragischen Poeten ist das getreue Spiegelbild von Frau Telesippe. Nun aber höre, welchen Entschluß der Poet kundgab, um sich von dieser unerträglichen Gesellschaft zu befreien. Er gedenkt das Weib fortzuschicken und einen besseren, dem Bedürfnisse seines Herzens entsprechenden Bund zu schließen. – Teurer Held Perikles, was sagst du zu solch' mannhaftem Entschlusse des Poeten?« –

Nach einiger Zeit schrieb Perikles an Aspasia:

»Ich weiß nicht, ob ich das Lob des Edelmuts verdiene, das du mir spendest. Ich bin des bitteren Unmuts voll gegen diese starrköpfigen Samier und werde sie, wenn die Zeit dazu gekommen, ihren Trotz empfindlich büßen lassen.

In den Tagen des Stillstandes und der Ungeduld ist mir der edle, heitere Sophokles ein doppelt erwünschter Genosse, der auch sonst als Mit-Stratege sich trefflich bewährt. Immer ist er aufs beste zu verwenden, insonderheit zu friedlichen Sendungen. Als Vermittler und Unterhändler wirkt er allenthalben so, als ob ein Zauber ihm zu Gebote stünde, was mich nicht wundert, denn so ganz anmutig ist sein Wesen, daß er ohne Einschränkung von allen geliebt wird. Er steht mir getreulich zur Seite, um der Verwilderung der Gemüter entgegenzuarbeiten, welche bei längerer Dauer des Krieges so leicht im Kriegsvolke sich einschleicht. Da gilt es bald die Gesetze der Menschlichkeit aufrecht zu halten, bald ein ärgerliches Vorurteil zu zerstreuen. Du weißt, wieviel in diesem Sinne selbst bei unserem Athenervolke noch zu tun ist.

Wenn ein Gewitter losbricht und ein Blitz uns mitten ins Lager fällt, oder der Steuermann meines Schiffes bei eintretender Sonnenfinsternis den Kopf verliert, so muß ich alles, was ich über natürliche Entstehung solcher Erscheinungen von Anaxagoras weiß, aus meinem Gedächtnisse hervorholen, um die Erschreckten zu beruhigen.

Doch ich erzähle dir, wie ich beflissen bin, die Vorurteile anderer auszurotten, und vergesse, daß du mir zuweilen schuld gibst, selbst noch solchen zu frönen. Du fragst den Gemahl Telesippens, was er sage zur mannhaften Entschließung des Euripides? – Ich werde dir mündlich Rede stehen, wenn ich heimgekehrt bin nach Athen.«

So schrieb Perikles.

Neun Monate lang widerstand die trotzige Inselstadt, und noch manches Blatt ging zwischen Samos und Athen, zwischen Perikles und Aspasia mit neuer Kunde hin und her.

Endlich meldete der Athener-Feldherr seiner milesischen Freundin:

»Samos ist erstürmt, der Trotz des Melissos gebrochen, der Friede geschlossen. Die Samier liefern ihre Schiffe aus und schleifen ihre Mauern. Dennoch ist es mir nicht möglich, sofort nach Athen zurückzukehren. Ich muß vorher nach dem nahen Milet unter Segel gehen, wo manches zu ordnen ist. Nur kurz ist dieser Aufschub, und wir werden binnen wenigen Wochen uns wiederfinden.

Auf der Flotte herrscht Jubel, und die Trierarchen erfreuen sich des Sieges zum Teil in Gesellschaft ihrer Freundinnen, deren einige schon während der langwierigen Belagerung von Athen nach Samos herübergekommen. Diese Schönen haben gelobt, nach der Eroberung von Samos in der Stadt des berühmten Heratempels auf ihre Kosten nun auch der Liebesgöttin einen Tempel zu bauen. Sie scheinen entschlossen, dieses Gelöbnis wirklich auszuführen. Vor wenigen Tagen ist auch Theodota hier eingetroffen, auf den Wunsch ihres Freundes Hipponikos, welcher ebensowohl Patriot als Lebemann ist und sich auf dem Schiffe, dessen Trierarchie ihm zufiel, nicht durch einen anderen vertreten ließ, sondern den Seezug persönlich mitmachte.

Lebe wohl! Zu Milet, in deiner Vaterstadt, werde ich unablässig deiner gedenken!« –

Als Aspasia das Schreiben des Perikles gelesen hatte, wurde sie nachdenklich. Dann faßte sie einen raschen Entschluß.

Einen Tag später sah man sie reisefertig mit einer Dienerin sich in den Piräus begeben und ein Fahrzeug besteigen, welches im Begriff stand, aus dem Hafen Athens nach der ionischen Küste zu segeln.

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