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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
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Die Eröffnung der Bahn an den See Genezareth.

Nach J. Walker in Jerusalem (jetzt Stuttgart).

Ein Brief aus Jerusalem vom 21. Okt. 1903. Das erste Gewitter hat sich nach langem, regenlosen Sommer über Jerusalem entladen und damit den Beginn der Regenzeit eingeleitet, früher als in vergangenen Jahren und ohne den gefürchteten langen Sirrokko. Die Ziegeldächer der Vorstadt strahlen vom Staube gewaschen in sattem Rot, und die ganze Umgebung sieht wieder freundlicher aus. Der vergangene Sommer war einer der mittelheißen und hat auch in dem Leben des Heiligen Landes nicht viel Neues gebracht; es ging im allgemeinen alles in den gewohnten Bahnen und Geleisen weiter. Die Scharlachepidemie, die beinahe ein volles Jahr unter der Kinderwelt Jerusalems Verheerungen angerichtet, ist allmählich zurückgegangen und scheint jetzt in Jerusalem erloschen zu sein.

Das einzige Ereignis von größerer Bedeutung für das Land ist wohl die Einweihung der Bahn von Haifa über den See Genezareth bis zur Hedschasbahn (Mekkabahn) im Ostjordanland, die programmäßig am 16. Oktober, dem Geburtstag des Sultans stattfinden sollte. Es war in den letzten Monaten energisch daran gearbeitet worden, um einigermaßen an dem gegebenen Termin fertig zu werden. Zum vollständigen Ausbau fehlt auch dann noch so viel, daß die Arbeiten wohl ein ganzes Jahr, vielleicht noch länger, nicht beendigt sein werden. Im Jarmuktale, das von der Jordanebene zur Hochebene des Ostjordanlandes hinaufführt, mußte sogar eine Variante auf weniger günstigem Gelände für die Eröffnung der Bahn gebaut werden, die dann nach der Fertigstellung der noch ungebauten, längere Zeit in Anspruch nehmenden tracierten Strecke wieder abgebrochen werden soll. Die Schwierigkeiten des Bahnbaues waren überhaupt keine geringen: es mußte viel Sumpfland, besonders in der Ebene Jesreel, überschritten werden. Im Ostjordanland boten dann die Bergabhänge nicht die nötige Stütze, weshalb starke Unterbauten nötig waren; Kehrtunnel wurden gebohrt – die Bahn hat vom See Genezareth bis zur Anschlußstation der Hedschasbahn einen Höhenunterschied zu überwinden, welcher den vom Lago Maggiore bis Airolo und noch mehr den vom Vierwaldstätter Tee bis Göschenen, wenn auch um weniges, übertrifft.

Um der sumpfigen Gegenden willen hat der Bau auch manche Opfer an Menschenleben gefordert. Die Hitze ist in den von der Seeluft abgeschlossenen Tälern unerträglich, und so ist es bei feuchtem Boden nicht zu verwundern, wenn sich starke Fieber entwickeln, die ausländische und inländische Arbeiter hinwegrafften. Der Unternehmer einer Strecke soll daher sein Barackenlager für die Arbeiter 300 m über der Talsohle errichtet haben. Die Bahn war schon bisher befahrbar bis an die Südspitze des Sees Genezareth. In den letzten Monaten gingen Montags, Donnerstags, Samstags je ein Zug hin und her, Güterwagen mit Bahnmaterial und einige Personenwagen 3. und 2. Klasse enthaltend, letztere mit rohem Plüsch ausgeschlagen.

Die Fahrt bis zum See dauert im allgemeinen vier Stunden; die Schnelligkeit erreicht keineswegs die europäischer Bahnen; ist doch die Bahn schmalspurig, weshalb auch die bekannten Zweigeisenbahnidyllen nicht fehlen. Besonders malerisch nehmen sich, wenigstens jetzt noch, die Bahnwarthäuschen aus; sie bestehen aus zerrissenen weißen Zelten. Später werden sie wohl solideren Behausungen weichen müssen. – Sehr große Freude scheinen die Maschinenführer am Pfeifen zu haben. Haifa ertönt von morgens früh an von ihrem Pfiff, als ob eine Menge von Fabriken aus dem Boden gewachsen wären. Freilich, das Pfeifen ist eine notwendige Sache. Nenn die Beduinen, besonders im Jordantale, sind mit dem Wesen einer Bahn noch nicht vertraut, und an den Beduinenlagern vorbei muß deshalb die Dampfpfeife ohne Aufhören arbeiten, vollends, wenn es einem solchen palästinensischen Hirten auch noch einfällt, seine Herde beim Herannahen des Zuges über den Bahndamm zu führen.

Die Bahn hat für den Reisenden noch den besonderen Vorzug, daß sie an einer großen Zahl bekannter Orte vorbeiführt. Da ist rechts der Berg Karmel zu sehen, auf dem das wunderbare Opfer Elias entbrannte, und unten dran der Hügel, an dem die 450 Baalspriester abgeschlachtet wurden; im Tale fließt der Bach Kison, weiterhin erscheint der Hügel von Meggido, in dessen Nähe 609 Josia von Pharao Nerso geschlagen wurde. Dann kommt Jesreel, die Königsstadt, in der Naboth gesteinigt, Ahabs Haus ausgerottet wurde; dahinter steigt das Gebirge Gilboa auf, auf dessen Höhe nach verlorener Schlacht Saul sich ins Schwert stürzte; links erblickt man Nazareth, Tabor, die Kapelle am Nain, den kleinen Hermon, das Dörflein Summ.

So fährt man dahin zwischen lauter Zeugen alter und ans Herz gewachsener Geschichten über die historische Schlachtenebene in schnurgerader Linie ansteigend, bis sich die Bahn bei Jesreel hinabsenkt zum heißen Jordantal. Und dort, wo einst die Midianiter in wilder Flucht von Gideon auseinanderstoben, macht jetzt ein friedlicher moderner Eisenbahnzug seinen Weg. Der Brunnen Harob grüßt von rechts herunter, dessen Wasser dem Gideon einst so wohl geschmeckt hat, und Bethsan ist Station, die Stadt, an deren Mauern einst die Philister Sauls Leichnam aufhingen; gegenüber, jenseits des Jordans ist die Bergterrasse deutlich zu erkennen, auf der einst der Zufluchtsort der Judenchristen im Jahr 70, die Stadt Pella lag.

Die Bahn biegt hier nach Norden, indem sie vollends ins Jordantal hinunterführt. Der merkwürdigste Augenblick ist es aber, wenn der Zug donnernd auf massiver Steinbrücke über den alten heiligen Jordan rollt. Es will nicht recht zusammenpassen der Fluß, der so verborgen vor aller Welt dahinfließt und in stiller Einsamkeit seine großen Erinnerungen bewahrte, und der moderne Zug mit seinem Rauch und Getöse, wie er sich aus den Mergelhügeln hinaufarbeitet auf die breite Jordanebene, um dann mit gesteigerter Schnelligkeit vollends dem See zuzufahren. Das ganze Stilleben ist vernichtet; die laute, große Welt hat auch hierher ihren Weg gefunden. Und welche Zukunft wird der See nun haben? Ob die toten Ufer bald wieder freundliche Dörfer und Städte tragen werden? Eine Eisenbahn bringt Wunder zuwege in kurzer Zeit, warum auch nicht dieses?

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