Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Wilhelm Grube >

Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
Schließen

Navigation:

In Ost-Sibirien.

Nach Georg Kennan, Zeltleben in Sibirien.

In den Jahren 1865-1867 machte eine amerikanische Gesellschaft den Versuch, zwischen Amerika und Europa eine Telegraphenverbindung herzustellen, die über Alaska, die Beringstraße und Sibirien führen sollte. Im Verlauf von zwei Jahren erforschten die Angestellten dieser Gesellschaft fast 10 000 Kilometer ununterbrochener Wildnis. Was unter ungeheuren dreijährigen Mühen und Leiden geleistet worden, erwies sich zuletzt als nutzlos. Als alle Vorbereitungen getroffen waren, kam die Kunde, daß die Legung des atlantischen Kabels gelungen sei und deswegen alle Arbeiten der Gesellschaft eingestellt und das Unternehmen aufgegeben werde. Von den Wanderungen durch Kamtschatka hat einer der Teilnehmer, der Amerikaner Kennan, eine anziehende Darstellung gegeben, aus der wir ein Abenteuer heraus heben wollen.

Gereist wurde in jenen unwirtlichen Gegenden teils mit Renntier-, teils mit Hundeschlitten. Schon in Kamtschatka hatte der Reisende diese Hunde kennen gelernt, über deren Verwendung er folgende Schilderung gibt:

Dieses sibirische Tier ist eigentlich nichts mehr als ein halbgezähmter arktischer Wolf, der noch all seine wölfischen Eigenarten behalten hat. Ein stärkeres, ausdauernderes Tier dürfte es in der ganzen Welt nicht geben. Man mag ihn zwingen, im Schnee bei einer Kälte von 72 Grad zu übernachten; man mag ihn so schwer belasten, daß seine Füße aufbrechen und den Schnee blutig färben; man mag ihn hungern lassen, bis er sein Sattelzeug auffrißt – seine Kraft, sein Mut bleibt unerschütterlich. Ich trieb ein Gespann von neun Hunden in einem Tag und einer Nacht mehr als 150 Kilometer weit und habe sie oft 48 Stunden lang anstrengend ziehen lassen, ohne sie füttern zu können. Gewöhnlich werden sie täglich einmal gefüttert und zwar erhält jeder einen getrockneten Fisch von ungefähr anderthalb oder zwei Pfund. Sie erhalten ihn abends, so daß sie am andern Tag mit leerem Magen zu ihrer Tagesarbeit gehen.

Der Schlitten, an den sie gespannt werden, ist aus Birkenholz verfertigt und ungefähr drei Meter lang und nicht ganz einen Meter breit und vereinigt in sich in überraschendster Weise die zwei erwünschtesten Eigenschaften: Stärke und Leichtigkeit. Ein einfaches Holzgestell, das mit Riemen aus Seehundsleder verbunden ist und das auf breiten gebogenen Läufen ruht. Eisen wird dabei nicht verwendet und der ganze Schlitten wiegt kaum mehr als 20 Pfund; aber nichtsdestoweniger kann er Lasten von 4-500 Pfund tragen und die stärksten Erschütterungen einer Bergfahrt aushalten. Die Anzahl der Hunde, die an den Schlitten gespannt wird, schwankt zwischen sieben und fünfzehn, je nach der Bodenbeschaffenheit und dem Gewicht der Ladung. Unter günstigen Umständen legen elf Hunde mit einer Ladung von einem Mann und 400 Pfund Fracht 30-50 Meilen den Tag zurück. Die Hunde sind mittelst eines in der Mitte befindlichen Riemens, mit dem jeder Hund durch einen anderen Riemen verbunden ist, paarweise hintereinander gespannt; sie werden gelenkt und geführt durch die Stimme des Fahrenden und durch einen Leithund, der für diesen Zweck abgerichtet wurde.

In langer mühevoller Schlittenfahrt zogen die Reisenden durch das östliche Sibirien und erreichten endlich Anadyrsk, vier kleine von Russen und Eingeborenen bewohnte Dörfer in der Nähe des Polarkreises, das letzte Glied der großen Kette von Niederlassungen, die sich vom Ural bis zur Beringstraße erstrecken. Der kleine Ort, der doch fast auf jeder Karte verzeichnet ist, hat nur etwa 200 Einwohner. Schon unterwegs hatten sie ein Gerücht vernommen, daß mit Beginn des Winters eine kleine Abteilung Amerikaner an der Anadyr-Mündung erschienen sei und dort aus Treibholz und Brettern, die sie selbst mitgebracht hatten, ein Haus errichtet hätten. Offenbar mußte das eine Abteilung derselben Gesellschaft sein, der die Reisenden angehörten. In Anadyrsk erkundigte man sich weiter nach den seltsamen Amerikanern, die das ungemütliche Winterquartier Hunderte von Kilometern von dem nächsten bewohnten Ort Anadyrsk entfernt in ganz holzloser Gegend aufgesucht hatten. Sie erfuhren, daß die Hütte ganz vom Schnee begraben sei und nur eine merkwürdige eiserne Röhre, aus der Rauch und Funken aufstiegen, den Wohnort der weißen Männer anzeige. Das mußte wohl ein Ofenrohr sein, und damit hatten sie den Beweis der Wahrheit des Erzählten. Kein sibirischer Eingeborener hätte den Begriff eines Ofenrohrs je erfinden können. Sie mußten es daher wirklich gesehen haben. Kennan beschloß, die eingeschneiten Landsleute aufzusuchen, so kühn das Unternehmen war. Man wußte nicht, wie weit die Bucht entfernt war, ob 400, 600, 1000 Kilometer. Man mußte für die ganze Reise Hundefutter mitnehmen, das bei der weiten Entfernung ausgehen konnte. Und wie sollte man herausfinden, wo sich die Amerikaner an der Anadyr-Bucht aufhielten? Wenn wir nicht zufällig einer Bande Tschutschken begegnen würden, könnten wir vielleicht einen Monat lang auf dieser öden Steppe umherirren, ohne das Ofenrohr, das einzig sichtbare Zeichen ihrer Existenz, zu finden. Dennoch wurde das Unternehmen ausgeführt.

Alles war zum Aufbruch bereit. Unsere Schlitten waren mit Vorräten für dreißig Tage hoch beladen, unser Pelzzelt fertig und eingepackt, um bei großer Kälte benutzt zu werden, Säcke, Überschuhe, Masken, dicke Schlafröcke, Schaufeln, Äxte, Flinten und lange sibirische Schneeschuhe waren auf die verschiedenen Schlitten verteilt, kurz alles, was Gregorie, Dodd oder ich ersinnen konnten, um den Erfolg unserer Expedition zu sichern, war getan.

Montag morgens versammelte sich die ganze Gesellschaft vor des Popen Haus. Die ganze Bevölkerung kam herbei, um unserer Abreise beizuwohnen, und die Straße vor des Popen Haus war versperrt von einer Menge dunkelhäutiger Männer, ängstlich dreinschauender Frauen, die unruhig hin und her liefen, um von ihren mitziehenden Männern oder Brüdern Abschied zu nehmen, von elf langen, schmalen, hochbeladenen Schlitten und endlich von hundertfünfundzwanzig zottigen Wolfshunden, deren wildes, ungeduldiges Heulen jeden anderen Ton überschallte.

Unsere Mannschaft ging in des Popen Haus, bekreuzte sich und betete vor des Erlösers Bild, wie es bei ihnen vor Antritt einer längeren Reise stets Brauch ist. Dodd und ich nahmen von dem freundlichen Geistlichen Abschied und erhielten ein » S'bogom!« (Mit Gott!) als Abschiedsgruß. Dann sprangen wir auf die Schlitten, gaben den wilden Hunden freien Lauf und flogen in einer Schneewolke dahin, die wie Demantstaub im roten Sonnenschein glitzerte.

Jenseits der großen Schneewüste, die vor uns lag, sahen wir im Geiste aus einer weißen Schneebank ein Ofenrohr hervorragen, der »heilige Gral«, nach dem wir arktischen irrenden Ritter auszogen.

Tagsüber fuhren wir auf der Eisdecke des Flusses oder über unfruchtbare Steppen, nachts lagerten wir im Schnee, wie immer das Wetter sein mochte. Diese traurige Einförmigkeit wurde nur belebt durch die Hoffnung, unseren seinen Freunden wieder zu begegnen, und durch das befriedigende Bewußtsein, daß wir ein Gebiet durchquerten, das bisher noch nicht von zivilisierten Menschen besucht wurde. Tag um Tag wurde das mit Erlengebüsch umfaßte Ufer niedriger und dürftiger und die großen Steppen an dem Ufer wurden weißer und unfruchtbarer, je mehr der Fluß gegen die Mündung hin sich ausbreitete. Schließlich lag jede Spur der Vegetation hinter uns, und es begann eine Reise von zehn Tagen entlang des Flusses, der eine englische Meile breit geworden war, auf einer Ebene, die nicht die geringste Spur von Leben aufwies und, soweit man sehen konnte, in ununterbrochener Schneefläche sich dahinzog. Nicht ohne Beunruhigung dachte ich an die Möglichkeit, in dieser Region von einem Sturm überrascht zu werden. Seit Anadyrsk hatten wir beiläufig 220 Kilometer zurückgelegt, aber wir hatten die Seeküste noch immer nicht in Sicht, noch war es uns möglich zu bestimmen, ob wir bald dahin gelangten. Das Wetter war seit einer Woche im allgemeinen recht klar und nicht sehr kalt, aber in der Nacht des 1. Februar sank das Thermometer auf 35 Grad, und wir konnten just nur so viel grünes Strauchwerk zusammenbringen, als zum Kochen unseres Teekessels nötig war. Wir gruben überall im Schnee nach Holz, fanden jedoch nichts als Moos und einige kleine Preiselbeersträuche, die jedoch nicht brennen wollten. Ermüdet von der langen Tagesreise und dem vergeblichen Suchen nach Holz kehrten Dodd und ich ins Lager zurück, streckten uns auf die Bärenfelle und tranken Tee. Kaum jedoch hatte Dodd die Tasse zu den Lippen geführt, als seine Mienen sich verzogen, just als ob er etwas Unangenehmes zu kosten bekommen hätte. Schon wollte ich eine Frage an ihn richten, als er überrascht und freudig ausrief: »Brackwasser! Der Tee schmeckt salzig!« Er war zweifellos salzig! Wir hatten das Brackwasser des Stillen Ozeans erreicht, die See konnte daher nicht mehr weit entfernt sein. Eine weitere Tagereise mußte uns sicherlich zur Hütte der amerikanischen Abteilung bringen. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften wir kein Holz mehr finden. Bestrebt, das gute Wetter möglichst auszunutzen, schliefen wir nur sechs Stunden und setzten um Mitternacht bei hellem Mondschein unsere Reise fort.

Am elften Tage unserer Abreise von Anadyrsk kam unser kleiner Zug von elf Schlitten zu der Stelle, wo nach den Angaben der Tschutschken unsere eingeschneiten Genossen sich befinden mußten. Die Nacht war klar, ruhig und durchdringend kalt; das Thermometer zeigte bei Sonnenuntergang 44 Grad und sank, während im Westen der rosige Schein erblaßte und Dunkelheit auf die Steppe sich lagerte, auf 50 Grad. Oft schon hatte ich in Sibirien und Kamtschatka die Natur in ihrer Strenge kennen gelernt, allein noch nie hatten sich Kälte, Öde und Unfruchtbarkeit zu einem derartig traurigen Bilde vereint wie hier. So weit das Auge das tiefe Dunkel durchbrechen konnte, dehnte sich die öde Steppe nach jeder Richtung hin wie ein schrankenloses Schneemeer aus, in dem vorhergegangene Stürme wellenartige Erhöhungen zusammengetragen hatten. Kein Baum, kein Busch, noch sonst ein Zeichen tierischen oder pflanzlichen Lebens, das dem Reisenden bekundet hätte, er befinde sich anderwärts als auf einem starren Ozean. Stille und Verlassenheit rings umher! Dieses Gebiet schien von Gott und Menschen den arktischen Geistern überlassen zu sein, deren Banner als Zeichen der Eroberung und Macht als Nordlicht aufzuckte. Gegen 8 Uhr erhob sich der Vollmond groß und rot im Osten, einen düsteren Schein auf das weite Schneegefilde werfend. Aber, als ob auch er im Banne der arktischen Geister stände, – es war eher ein Truggebilde, das wiederholt die phantastischen Formen annahm. Man vermag sich kaum vorzustellen, in welchem Maße dieses blutrote, verzerrte Mondbild das Ungewöhnliche und Wilde der Szenerie noch vermehrte. Uns war, als wären wir in eine frosterstarrte, verlassene Welt geraten, wo die allgemeinen Naturgesetze und -Erscheinungen aufgehoben sind, alles tierische und pflanzliche Leben erloschen und der selbst die Gnade des Schöpfers versagt wurde. Die heftige Kälte, die Einsamkeit, das beklemmende Schweigen und der rote, düstere Mondschein, der dem Scheine einer fernen Feuersbrunst glich, – das alles vereinigte sich, um den Geist mit Bangen zu erfüllen, das vielleicht noch verstärkt wurde durch das Bewußtsein, daß bisher, einige nomadisierende Tschutschken ausgenommen, kein Mensch in dieses Reich des Eiskönigs sich gewagt habe. Stunde auf Stunde schlich langsam dahin, bis es Mitternacht wurde. Mehr als dreißig Kilometer waren wir bereits von der Stelle entfernt, wo die Amerikaner sich aufhalten sollten, aber nichts ließ die unterirdische Hütte mit dem hervorragenden Ofenrohr erkennen, und die große Steppe lag vor uns, weiß, geisterhaft, unermeßlich wie zuvor. Ununterbrochen 24 Stunden fuhren wir, just nur vor Sonnenaufgang unseren Hunden ein Weilchen Rast gönnend; die Kälte, Ermüdung, Angst und Mangel an warmer Nahrung ließen sich bereits an unsern schweigsam duldenden Leuten erkennen. Zum ersten Male erkannten wir, welch abenteuerliches Unternehmen wir gewagt hatten, und wie aussichtslos unsere Hoffnung auf Erfolg wäre. Wie sollten wir um Mitternacht in dieser Schneewüste eine vergrabene Hütte finden, deren Lage wir auf 75 Kilometer nicht annähernd feststellen konnten, ja deren Vorhandensein uns nicht einmal gewiß war!

Etwa 75 Kilometer hinter uns befand sich die Stelle, wo wir das letzte Holz vorfanden, und durchfroren und erschöpft, wie wir waren, konnten wir ohne Feuerung nicht lagern. Wir mußten vorwärts oder rückwärts ziehen, innerhalb vier Stunden die Hütte auffinden oder die Absicht aufgeben und so schnell wie möglich zur Stelle zurückkehren, wo das nächste Holz sich befand. Unsere Hunde zeigten bereits die untrüglichen Zeichen der Erschöpfung, und ihre Füße, geschwollen von den Anstrengungen der langen Reise, waren zwischen den Zehen aufgesprungen und färbten bei jedem Schritt den Schnee blutrot. Wir zauderten, so lange noch ein Schimmer von Hoffnung vorhanden war, unsern Plan aufzugeben und fuhren immer ostwärts, entlang des hohen und kahlen Ufers, in beträchtlichen Zwischenräumen, um das Gebiet unserer Betrachtungen möglichst zu vergrößern.

Wir alle litten entsetzlich unter der Kälte; unsere Pelzmützen und die Brustseite unserer Pelzröcke waren mit einer Eisdecke, die unsere Atemzüge hervorgebracht hatten, bedeckt. Ich hatte zwei schwere Renntierfellkuklankas angelegt, die etwa 30 Pfund wogen, sie fest um den Leib gebunden, die dicken Kapuzen über den Kopf gezogen und das Gesicht mit einer Maske aus Eichhörnchenfell bedeckt, und trotzdem konnte ich mich vor dem Erfrieren nur schützen, indem ich neben dem Schlitten einherlief. Dodd sprach kein Wort, war aber ersichtlicherweise ganz entmutigt und halb erstarrt. Die Eingeborenen saßen schweigend auf ihren Schlitten, als ob sie nichts erwarteten und auch nichts mehr zu erhoffen hätten.

Nur Gregorie und ein alter Tschutschke, den wir als Führer mitgenommen hatten, zeigten noch einige Energie und schienen noch Vertrauen auf die endliche Auffindung unserer Abteilung zu haben. Sie gingen voraus, suchten überall im Schnee nach Holz, beobachteten aufmerksam das Ufer und machten gelegentlich auch eine Abschweifung auf das Schneegefilde in nördlicher Richtung. Plötzlich übergab Dodd ohne ein Wort zu sagen seinen Lenkstock einem Eingeborenen, steckte Kopf und Arm in den Pelzrock und legte sich auf seinen Schlitten, um zu schlafen, ungeachtet meiner Warnungen und ohne meine Frage zu beantworten. Sicherlich hatte ihm die tödliche Kälte, die durch alles Pelzwerk ging und von den Füßen immer höher zum Sitz des Lebens drang, die Besinnung geraubt. Wenn es nicht gelang, ihn wach zu rütteln, so mußte er zweifellos in kurzem eine Leiche sein. Entmutigt durch unsere dem Anschein nach hoffnungslose Lage, erschöpft von den Anstrengungen mich warm zu halten, verlor ich endlich die Hoffnung und beschloß, die Nachforschungen einzustellen und ein Lager aufzuschlagen. Wenn wir auf der Stelle Halt machen würden, einen Schlitten als Brennmaterial opfern und dabei einen Tee kochen wollten, dann, dachte ich mir, dürfte Dodd noch zu retten sein. Ich hatte just den Eingeborenen die entsprechenden Befehle gegeben, als von der Ferne her ein schwacher Freudenruf zu mir drang. Alles Blut in meinen Adern drang da mächtig zu meinem Herzen, als ich die Kapuze abnahm und lauschte. Wieder ertönte ein schwacher langgezogener Ruf durch die Stille der Luft. Bei diesem überraschenden Laut spitzten meine Hunde die Ohren und hasteten dann vorwärts. Einen Augenblick später gelangte ich zu unseren vorausfahrenden Kutschern, die am Ufer um ein halb im Schnee vergrabenes Walfischboot standen. Wenn wir jemals Gott von Herzensgrund aus dankten, so geschah es damals. Ich fegte mit meinen Handschuhen die Eiszäpfchen von meinen Lidern fort und blickte spähend umher. Aber Gregorie war flinker als ich; ein Freudenschrei von einer etwas ferner liegenden Stelle flußabwärts verkündete mir eine andere Entdeckung. Ich überließ es meinen Hunden, nach Belieben zu laufen, warf den Lenkstock von mir und rannte der Stelle zu. Gregorie und der alte Tschutschke standen vor einem niedrigen Schneehügel und untersuchten einen hervorragenden schwarzen Gegenstand. Es war die vielbesprochene und langersehnte Ofenröhre! Die Anadyrabteilung war somit aufgefunden.

Diese unerwartete nächtliche Auffindung unserer Landsleute, just da wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, ja beinahe auch unser Leben, erschien unseren entmutigten Herzen als eine Fügung Gottes, und ich wußte in meiner Aufregung kaum, was ich tat. Ich erinnere mich nur, daß ich vor dem Schneehügel hastig auf und nieder rannte und bei jedem Schritte ausrief: »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« Wir konnten jedoch kein Lebenszeichen an dem Hügel entdecken, die Bewohner, wenn deren überhaupt vorhanden waren, mußten wohl schlafen. Ein Eingang war nicht aufzufinden. Ich bestieg daher den Hügel und schrie so laut ich nur konnte durch das Ofenrohr: »Halloh! das Haus!« Eine erschreckte Stimme unter meinen Füßen fragte: »Wer da?«

»Komm heraus und sieh! Wo ist die Türe?« Meine Stimme schien den entsetzten Amerikanern aus dem Ofen zu kommen, ein Phänomen, das ganz außerhalb ihrer Erfahrungen lag; aber sie dachten wohl mit Recht, daß ein Ofen, der mitten in der Nacht in gutem Englisch nach der Tür fragt, sicherlich das Recht habe, eine Antwort zu erhalten und so antworteten sie denn, die Türe befinde sich »in der südöstlichen Ecke.« Die Bewohner hatten als Torweg einen tiefen, etwa zehn Meter langen Graben errichtet, den sie mit Stangen und Renntierfellen bedeckten, um das Verschneien zu verhindern. Auf diese schwache Hecke trat ich zufällig und fiel durch in demselben Augenblick, wo einer der Männer leichtgekleidet mit einem Licht in der Hand heraustrat, um zu sehen, wer da eintreten wolle. Das plötzliche Erscheinen einer Gestalt, wie damals die meinige war, durch das Dach, konnte auf erregte Nerven nicht beruhigend wirken. Ich hatte zwei schwere Kuklankas angelegt, die meiner Gestalt riesige Formen gaben, über meinem Kopfe waren zwei Kapuzen, und eine mit einer Eisschicht bedeckte Maske lag auf meinem Gesicht; nichts als die aus der Masse beeister, wirrer Haare hervorblickenden Augen bekundeten, daß dahinter ein menschliches Wesen stecke. Der Mann wich entsetzt einige Schritte zurück und ließ beinahe seine Leuchte fallen. Ich kam nun wirklich auch in einem Zustande daher, daß Zweifel ob meiner Absicht ganz gerechtfertigt gewesen wären. Als ich jedoch ihn erkannte und auf englisch ansprach, stutzte er und dann nahm ich die Maske ab und nannte meinen Namen. Die Freude, die nun in der kleinen unterirdischen Hütte herrschte, konnte nicht größer sein; ich erkannte in beiden Anwesenden zwei meiner alten Kameraden und Freunde, denen ich acht Monate früher, als die »Olga« aus dem »Goldenen Tor« von San Francisko segelte, ein herzliches Lebewohl zugerufen. Sobald wir unsere schweren Pelze abgelegt hatten und uns zum Feuer setzten, empfanden wir die Reaktion, welche nach einem vierundzwanzigstündigen Zustand der Gefahr, der Leiden und der Angst folgen mußte. Unsere überspannten Nerven erschlafften und etwa zehn Minuten lang war ich unfähig, die Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Beschämt von solcher weibischen Schwäche, versuchte ich sie vor den Amerikanern zu verbergen und ich glaube, sie wissen bis heute nicht, daß Dodd und ich damals innerhalb zwanzig Minuten öfters einer Ohnmacht nahe waren, infolge plötzlichen Übergangs der Temperatur von 50 Grad unter Null auf 70 Grad über Null und der durch Schlaflosigkeit und Sorgen hervorgetretenen Erschöpfung. Wir fühlten ein unwiderstehliches Verlangen nach kräftigem Reizmittel und ersuchten daher um Branntwein, der aber ebensowenig wie eine andere derartige Flüssigkeit vorhanden war. Jedoch diese Schwäche ging bald vorüber, und wir erzählten nun einander unsere Erlebnisse und Abenteuer, während unsere Leute sich in der Ecke zusammendrängten und mit Tee erquickten. Diese Abteilung, die wir hier im Schnee vergraben fanden, landete im September mit einem Schiffe der Gesellschaft. Sie beabsichtigten, in einem Walfischboot stromaufwärts bis zur nächsten Ansiedelung zu fahren und von hier aus versuchen, mit uns in Verbindung zu treten. Aber der Winter trat so urplötzlich ein und der Fluß fror so unerwartet bald, daß dieser Plan nicht ausgeführt werden konnte. Da sie außer ihrem Boote keine Transportmittel hatten, konnten sie nichts anderes tun, als ihr Haus bauen und Winterquartier beziehen mit der geringen Hoffnung, Major Abaza werde ihnen noch vor dem Frühling Beistand senden. Aus Strauchwerk, Treibholz und einigen mitgebrachten Brettern bauten sie eine Hütte, wo sie nun seit fünf Monaten bei Lampenschein lebten, ohne ein zivilisiertes Geschöpf zu Gesicht zu bekommen. Die nomadisierenden Tschutschken fanden sie auf, besuchten sie auf Renntierschlitten und brachten ihnen frisches Fleisch und Tran für die Beleuchtung; aber sie waren nicht zu bewegen, infolge eines unter ihnen herrschenden Aberglaubens, lebendige Renntiere für den Transport abzulassen.

Nach drei Tagen der Rast, die auch zum Ausbessern und Packen unserer Reiseeffekten verwendet wurden, fuhren wir nach Anadyrsk zurück, wo wir am 6. Februar eintrafen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.