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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 31
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Neuseeland

Nach Robert Lendenfeld, »Neuseeland«. (Bibliothek der Länderkunde.)

1. Auckland und Rotorua

Unter dem 37. südlichen Polarkreis sind in der Nordinsel von Neuseeland zwei gegenüber liegende Buchten, so tief eingeschnitten, daß nur eine schmale Landzunge zwischen ihnen übrig bleibt. Diese Buchten, der Hauraki-Golf im Nordosten und die Manukau-Bai im Südwesten, zeigen eine reichgegliederte Strandlinie und entsenden kleine, schmale Ausläufer – Creeks – ins Land hinein. Diese schneiden in den etwa zehn Kilometer breiten Isthmus an zwei Stellen tief ein. An einem Punkt nähern sich die gegenüber liegenden Creeks bis auf eineinhalb Kilometer. Über diese und über noch eine andere Stelle, wo das Land ebenfalls sehr schmal ist, haben seiner Zeit die eingeborenen Maoris Boote von dem Hauraki nach dem Manukau-Golf geschafft und umgekehrt.

Zwischen diesen beiden Einschnürungen liegt die Stadt Auckland. Ihre Umgebung ist sehr reich an Vulkankegeln. Einer derselben, der Mount Eden, ist ein häufig besuchter Aussichtspunkt. Seinen Krater füllt ein kleiner See aus. Nach außen ziehen grasbewachsene Hänge von seinem Walle herab zu den von schwarzen Basaltmauern abgegrenzten Feldern, die sich an seinem Fuße ausbreiten. Weiterhin sieht man die Obstgärten und Parkanlagen, die Häuschen und Villen der nächstliegenden Vorstädte. Den langen Meeresarm, welcher den Hafen von Auckland bildet, entlang, breitet weißglänzend die Stadt sich aus. Wie künstlich in den Boden eingelegte Spiegel schimmern etwa dreiundsechzig kreisrunde Seen in den umliegenden Kratern. In unzähligen Armen dringt das Meer in das Land ein. Im Norden, jenseits des Hafens, erhebt sich der stattliche Kegel des Rangitoto und rechts sehen wir den mit zahllosen Inseln geschmückten Hauraki-Golf. Fern im Norden schließt die im blauen Duft verschwimmende kleine Barrier-Insel das herrliche Bild ab. Im Osten sieht man die durch ihren Goldreichtum berühmten Hügelreihen der Koromandel-Halbinsel. In der weiteren Umgebung von Auckland breitet sich das Gebiet der Kauriwälder und jener Sumpfflächen aus, wo die Pechgräber zu Tausenden umher wandeln, den Boden mit ihren Spießen untersuchend und die Klumpen des kostbaren Harzes mühsam ausgrabend.

Eine Eisenbahn führt von Auckland nach Rotorua, dem Hauptorte des Thermengebiets. Die Fahrt nimmt acht bis zehn Stunden in Anspruch. Sechzig Kilometer weit führt die Bahn durch reich kultivierte Gegenden mit Dörfern und Ortschaften in südwestlicher Richtung der Mitte der Nordinsel zu. Bei der Station Mercer kommt man an den Waikato-Fluß heran, hier ein breiter, wasserreicher Strom. Einige Kilometer weit folgt die Bahn dem Flußufer. Dann verläßt man den Strom, um ihn erst bei Huntley wieder zu erreichen. Fünfzehn Kilometer weiter wird Ngaruawahia, die einstige Residenz des Maorikönigs Potatau erreicht, ein an der Vereinigungsstelle des Waipa mit dem Waikato malerisch gelegenes Dorf. Die westliche Talwand ist hier dicht bewaldet, 500 Meter hoch und ziemlich steil. Auf schöner Eisenbahnbrücke wird der Maikato überschritten. Jenseits des Flusses wird die Gegend öde und unfruchtbar. Vor Hamilton, dem Hauptort des Maikatogebiets, teilt sich die Bahn: in südlicher Richtung geht es nach Mokau, in östlicher nach Te Aroha oder nach Cambridge. Der Rotoruareisende folgt der Linie Te Aroha bis Morrimsville. Hier zweigt die Linie nach Südosten ab. Man kommt da an einen festen, mit Schießscharten versehenen Turm von ganz mittelalterlichem Aussehen vorüber, der zum Schutz gegen die Maori erbaut, aber nie benützt worden ist, und erreicht Okoroire. Nicht sehr weit entfernt finden sich einige heiße Quellen, und es ist da eine Badanstalt mit Hotel errichtet worden. Nun wird die Wasserscheide überschritten und vor uns liegt der Rotorua-See.

Das am Ufer gelegene gleichnamige Dorf macht einen freundlichen Eindruck. Das bedeutendste Gebäude ist das Sanatorium mit hübschen Anlagen; auch von den Hotels haben einige beträchtliche Größe. Besonders sehenswert ist die 2½ Kilometer von der Bahnstation Rotorua entfernte Gruppe von heißen Quellen. Da finden sich ein Teich, dessen Wasser eine Temperatur von nahezu 100° C. hat, ein mit heftig kochendem Schlamm erfüllter Krater, eine Gruppe von kleinen Dampfstrahlen, welche die Eingeborenen zum Kochen benützen und dergleichen mehr. Vielerorts ist der Boden mit Kieselsinter (Absatz von Kieselsäure, durch heiße Quellen gebildet) bedeckt. Auf einer kleinen Anhöhe befindet sich ein von einer niedrigen Ringmauer umgebenes Loch, welches kochendes Wasser enthält. In diesem hat einmal ein erzürnter Maori einen jungen Mann, der seine Tochter entführt hatte, gekocht und dann sein Gehirn und seine Augen verspeist, worauf die Stätte von dem alten Herrn mit einer Mauer umgeben und für unberührbar – » tabu« – erklärt wurde.

Dort finden sich auch zwei Löcher, die unterirdisch mit einander zusammenhängen. Das eine ist breit und mit kochendem Wasser gefüllt, welches abwechselnd steigt und sinkt; es steigt, bis es den Beckenrand erreicht hat, wallt dann auf und sprudelt wohl auch an einzelnen Stellen in Springbrunnengestalt mehrere Meter hoch empor, worauf es wieder sinkt. Wenn in diesem Becken der Wasserspiegel zu sinken anfängt, pflegt in dem andern ein Geyser-Ausbruch stattzufinden, welcher 20 Minuten bis drei Stunden dauert. Während derselben steigt hier das Wasser bis zu einer Höhe von 25 Meter empor. Diese Ausbrüche pflegen zweimal am Tag stattzufinden; sie setzen jedoch bisweilen auch mehrere Tage aus.

In der Umgebung des Rotorua-Sees liegen mehrere andere Seen, die sehenswürdig sind. Wie hübsch auch der Rotorua-See mit der Mokoia-Insel in der Mitte sein mag, so besitzen doch die andern Wasserbecken Reize, die ihm fehlen. Nichts ist angenehmer, als im Sommer am Ufer des malerischen Rotoiti-Sees zu biwakieren. Dieser 14 ½ Kilometer lange See hat eine reichentwickelte Strandlinie; lange Landzungen reichen weit in den See hinein, und dazwischen liegen liebliche Buchten. Im Osten zieht stellenweise dichter Wald bis zum Wasser hinab, und zwischen den Waldstrecken ragen Felswände auf. Ein 3 Kilometer langer Pfad führt vom Rotoiti-See durch üppigen Urwald zum Rotoehu-See. Der kleine Rotoma-See zeichnet sich durch die intensiv blaue Farbe seines Wassers aus. Üppiger Wald schließt ihn auf allen Seiten ein; der Strand selbst ist zum Teil sandig, zum Teil felsig.

Interessanter als diese Seen ist die Höllenpforte von Titikere, ein breites Tal, dessen Boden von heißem Wasser und Dampf ganz durchwühlt ist. In der Mitte liegen zwei kleine siedende Seen, von denen dichte Dampfwolken und Schwefelwasserstoffgas emporsteigen. Eine schmale Landbrücke trennt die beiden Seen von einander. Eingehüllt in den giftigen vulkanischen Dampf und zitternd unter der vulkanischen Kraft, welche sich hier so nahe der Erdoberfläche betätigt, erscheint diese von den kochenden Wassermassen der beiden Seen eingefaßte Brücke in der Tat wie die Pforte in der Unterwelt. Nördlich von diesen Seen breiten sich schwefelreiche Sümpfe aus, jenseits derselben gähnt ein dunkler Abgrund, auf dessen Boden ein bös aussehender Schlammgeyser brodelt und zischt.

Sehr interessant ist auch die Stätte des Tarawera-Ausbruchs von 1886. Überall sieht man die vulkanischen Auswurfsmassen, welche seither vom Wasser tief durchfurcht worden sind. Ein langer von einer Kraterreihe gekrönter Spalt durchzieht die Gegend. Das ist der Spalt, in dem der berühmte Rotomahana-See versunken ist. An Stelle dieses Sees befand sich nach dem Ausbruche ein gewaltiger Abgrund, in dessen Tiefe siedende Schlammassen brodelten. Jetzt füllt sich dieser Schlund immer mehr mit Wasser; es ist dort ein neuer See in Bildung begriffen.

2. Im Fjordgebiet der Südinsel.

Jeden Sommer kommen mehrere Dampfer der neuseeländischen Dampfschiffahrtsgesellschaft der Reihe nach in die interessantesten dieser Fjorde, so daß es sehr leicht ist, sie zu besuchen. Auch über Land vom östlichen Seegebiet aus können einige erreicht werden; doch ist das eine sehr mühsame, zeitraubende und teure Sache, auch lernt man nur einige Fjorde kennen. Jene Dampfer pflegen von Dunedin auszugehen und über den Bluff d. h. den Hafen von Invercargill zur Südwestspitze der Südinsel hinabzufahren. Diese wird umschifft und dann in den südlichsten der Fjorde eingefahren. Ein ziemlich enger Eingang führt in das Innere des Fjords hinein.

Niedrige, von dichtem Urwald bekleidete Hügel umgeben auf allen Seiten den Fjord, und auf seinem Spiegel ruhen zahlreiche, gleichfalls dicht bewaldete Eilande. Diese Inseln sind abgerundete, wenig über den Meeresspiegel vorragende Felsen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffene Rundhöcker. Von der mittleren Erweiterung dieses Fjords geht ein ziemlich schmaler Arm nach Nordosten, in dessen Hintergrund schon höhere Berggipfel sichtbar werden. In diesen fährt der Dampfer ein, um dann wieder zum offenen Meer zurückzukehren und die Küste entlang in nördlicher Richtung bis zum Eingang in den Dusky-Sund weiter zu fahren. Hier sind die Berge höher und kühner gestaltet. Er steht in Verbindung mit dem Breaksea-Sund. Dicht bewaldete Abhänge umgeben diesen scheinbar rings eingeschlossenen, einem Gebirgssee ähnlichen Meeresarm, in den mehrere Wasserfälle sich stürzen. Der Dampfer fährt wieder ins offene Meer und setzt seinen Weg weiter der Küste entlang nach Norden. Der Reihe nach passiert er den Doubtful-, Thompson-, Nancy-, Charles-, Caswell- und Georgsfjord, wo er wieder einfährt. Dieser Fjord ist wieder ungleich großartiger als die weiter südlich gelegenen. Die höchsten Gipfel der Berge, die ihn einfassen, ragen 2000-2300 Meter über das Meer auf. Ihre Abhänge sind steil, in ihren unteren Teilen mit Wald bedeckt und gekrönt mit Firnfeldern und Gletschern. In der Südostecke des Fjords stürzt ein wasserreicher Wasserfall von einem kanzelartig vorspringenden Felsen herab, hinter welchem ein herrlicher Waldsee liegt.

Am nächsten Bligh-Sund wird wieder vorbeigefahren und dann der nördlichste und zugleich schönste, der Milford-Sund, besucht. Da das Hochland, in dem diese Fjorde eingeschnitten sind, nach Norden hin ansteigt, sind die Abhänge, die den Milford-Sund einschließen, und die Berggipfel, die ihn umgeben, höher als die Einfassungen der südlichen Sunde. Fast überall steigen diese Abhänge unmittelbar vom Meeresspiegel auf. Nur am oberen Ende, wo die Flüsse Cleddau und Poseidon münden, findet sich eine größere Delta-Ebene, auf der neuerdings ein Unterkunftshaus errichtet worden ist. Von den Berggipfeln der Umgebung ist namentlich der Mitre Peak im Süden zu erwähnen. Er zeichnet sich durch außerordentliche Steilheit und Schlankheit aus. Allenthalben stürzen Wasserfälle Silberfäden gleich über die dunklen Fjordwände in das Meer; überall ziert üppiger, immergrüner Urwald die weniger steilen Stufen und Absätze der unteren Wandpartieen, und häufig schmücken glänzende Schneefelder und Gletscher mit bläulich schimmernden Schründen die Bergeshäupter, die von schwindelnder Höhe herabschauen auf den ruhigen, dunkelgrünen Spiegel des Sundes. Alle Besucher des Fjords schwärmen von seiner Großartigkeit und landschaftlichen Schönheit. Ich selbst habe ihn »Juwel der Antipoden« genannt; er ist jedenfalls das Schönste, was ich in Australien und Neuseeland gesehen habe. Von den vielen Wasserfällen, die sich in ihn stürzen, ist der 160 Meter hohe Bowenfall im Norden der bedeutendste.

Hier verlassen wir den Dampfer, um dem Tal des Poseidon zu folgen. Es ist ein der Küste und der Hauptwasserscheide parallel laufendes Längstal, das weitaus größte von allen, die in einen Fjord münden. Der Boden des unteren Tales ist breit, flach und dicht bewaldet; fast eben geht es hinauf bis zu einem See, dem Ada-See, der die ganze Breite des Tales einnimmt. In einem der dort befindlichen Boote fahren wir zu dem Südende des langgestreckten Sees hinauf. Steile, zerrissene Felswände fassen seitlich den See ein. Jenseits geht es noch eine kurze Strecke im Boot durch den Poseidonfluß hinauf bis zu der Stelle, wo das Talgefälle zuzunehmen beginnt. Von hier führt ein rauher, dicht bewaldeter Pfad weiter hinauf. Nach einem ziemlich mühsamen Marsch erreichen wir die Hütte, von wo aus der Weg zum Kinnanpaß führt. Anderthalb Kilometer jenseits dieser Hütte liegt der berühmte, 600 Meter hohe Southerland-Fall. Es ist dies kein freier Fall, sondern das Wasser schießt über einen steilen, teilweise bewaldeten, an zwei Stellen durch Stufen unterbrochenen Abhang hinab. Die obere dieser Stufen ist 40 Meter breit. Man kann den ganzen Fall gut auf einmal überblicken, und er macht einen großartigen Eindruck. Aber auch die Umgebung ist sehr schön. Hohe Wälder schließen die breite Talmulde ein. Namentlich die Südwand ist von unvergleichlicher Schönheit.

Im Osten ragt die Felspyramide des Mount Balloon auf, an dem der Weg zum Te Anausee vorbeiführt. Der erste, dem es gelang, über den steilen Abhang zum oberen Ende des Southerlandfalles emporzusteigen, war ein gewisser Quill. Er ist später bei dem Versuch, einen Übergang vom Milford-Sund zum Wakatipu-See zu finden, abgestürzt. Im Hintergrund des Cleddautales erhebt sich der Mount Tutoko zu einer Höhe von 2758 Meter. Er ist wohl der höchste Gipfel des ganzen Fjordgebiets. Hodkings und die Gebrüder Roß haben ihn 1895 erstiegen. Sie gingen vom Milford-Sund das Cleddautal entlang, bis es sich spaltet, folgten dem linken Talast, und erreichten, den Urwald durchbrechend und den Fluß durchwatend, eine Talweitung. Hohe Felswände schließen sie ein, und durch die schmale Schlucht, zu der das Tal sich nach oben hin verengt, hinaufblickend, sieht man den Tutoko mit seinem schmalen, bis zu 300 Meter Meereshöhe nach Süden hinabsteigenden moränen-armen Gletscher.

Eine kurze Strecke unterhalb der Stirne dieses Eisstroms wurde das Lager aufgeschlagen und dann von hier aus über einen vom Tutoko nach Südwesten abgehenden Kamm angestiegen. An einem hübschen Eisfall vorübergehend, erreicht man ein Firnplateau mit nur unbedeutenden Spalten und über dieses den Fuß des noch 600 Meter emporragenden Gipfels. Nun muß eine Wandstufe erklettert und weiter durch eine steile Schneerinne an den zackigen Gipfelfelsen angestiegen werden.

Das Gebirge im Nordosten zwischen dem Fjordgebiet und dem Aorangi gehört wohl zu den ungangbarsten Teilen der Erdoberfläche. 1000 Meter tief eingerissene Schluchten, deren schmale Sohlen von haushohen Felstrümmern erfüllt sind, zerschneiden das Land. In der Tiefe bekleidet üppiger, verfilzter Urwald die weniger breiten Talmulden. In den höheren Regionen breiten sich wildzerklüftete Gletscher aus. Eines der wildesten Täler ist das Twaintal, zu dem vom Mount Seston aus der Douglasgletscher in unvergleichlicher Schönheit niedersteigt.

3. Einst und jetzt in Neuseeland

Vor etwa 500 Jahren wurde Neuseeland von den Maoris, Polynesiern, die vom Norden, vielleicht von der Samoagruppe her einwanderten, besiedelt. Rasch breiteten sie sich über die beiden Inseln aus. Sie nährten sich von Pflanzen und den Moa-Vögeln. Als diese ausgerottet waren, wurden sie aus Not Kannibalen. Ihre Tapferkeit und kriegerische Geschicklichkeit zeigten die Maoris beim ersten Zusammenstoß mit Europäern. 1642 wurde Neuseeland von Tasman entdeckt, dabei wurde ein Boot überfallen und vier Europäer fanden ihren Tod.

127 Jahre lang wurde die unwirtliche Küste gemieden. 1769 besuchte Kapitän Cook Neuseeland. Er wiederholte seinen Besuch 1773 und 1777. Dem Kannibalismus ist er am wirkungsvollsten dadurch entgegengetreten, daß er die Kartoffel und das Schwein dorthin verpflanzte. So freundlich die Beziehungen der Maoris zu Cook waren, so sehr haßten sie die Franzosen, die gleichzeitig landeten. Kapitän De Surville hatte 1769 einen Häuptling entführt; die Maoris überfielen daher 1772 die Mannschaft eines französischen Schiffes, töteten und verspeisten 16 Franzosen, darunter den Kapitän Maron, eine Tat, die dann von den Franzosen wieder blutig gerächt wurde. Durch diese Kämpfe, die von beiden Seiten mit großer Grausamkeit geführt wurden, kam Neuseeland wieder in Mißkredit.

Dagegen wurde der Handel von Sydney immer rühriger. Auch kamen entflohene Verbrecher aus den australischen Strafkolonien, verbanden sich mit Maori-Weibern und führten ein wildes, abenteuerliches Leben. Trieb es einer zu bunt, so wurde er ohne weiteres gelyncht, aufgehängt und dann erschossen. Der Haupthandelsartikel war der Rum. Und womit bezahlten ihn die Eingeborenen? Mit den Erzeugnissen ihrer Felder, mit Schweinen, mit ihren Frauen und Töchtern. Endlich hatten sie nichts mehr, und nun begannen sie zu morden, um die abgeschnittenen Köpfe den Europäern zu liefern, die sie gut absetzen konnten, weil die anthropologischen Sammlungen in Europa solche Köpfe sehr gut bezahlten.

Das klingt wie ein wüster Traum, so greulich ist es, und doch ist es buchstäblich wahr.

Eine Wendung zum Bessern trat ein, als die anglikanische Mission 1814 nach Neuseeland kam. An ihrer Spitze stand Marsden. Er brachte Pferde, Rinder, Schafe, Geflügel mit und fand bei einigen Häuptlingen freundliche Aufnahme. Am Weihnachtstage 1814 wurde von ihm die erste christliche Predigt gehalten. Der Einfluß der anglikanischen Mission wuchs mit jedem Jahr, und schon 1820 schien es, als ob Neuseeland sich in einen christlichen Maoristaat verwandeln werde.

Ein Häuptling, Hongi, der treueste Anhänger der Missionare, kam nach England und wurde hier sehr gefeiert. Er hörte von Napoleons Siegeslaufbahn und beschloß, ihn nachzuahmen und ganz Neuseeland unter sein Szepter zu beugen. Mittelst der reichen Geschenke, die er erhalten hatte, kaufte er sich Gewehre und Munition, und an der Spitze von 3000 Mann unternahm er seine Kriegsfahrt, die bis 1828 dauerte, d. h. bis er einer Wunde erlag. Das unterbrochene Missionswerk konnte nun wieder beginnen; Schulen wurden errichtet und der Kannibalismus so bekämpft, daß er seit 1843 ganz erlosch.

Nun wurde auch England auf den Wert dieser Gebiete aufmerksam. Unter dem Vorsitz des Lord Durham wurde trotz alles Protestes der Missionare eine Gesellschaft zur Kolonisation von Neuseeland gegründet. Am 22. Januar 1840 brachte die »Aurora« die ersten Einwanderer nach Port Nicholson, andere folgten, und im Laufe eines Jahres zählte die Ansiedelung 1200 Personen. Außerdem schickte die Regierung den Vertreter Gobson, der Auckland als Residenz wählte und Verträge mit den Häuptlingen abschloß. Um Flinten, Rum, Tabak, Decken, Spielereien kaufte man ihnen weite Gebiete ab. Doch bald merkten sie, daß sie betrogen werden. Schon 1843 kam es zu blutigen Aufständen. Endlich 1848 gelang es dem Kapitän Grey, einen Frieden zu erzwingen. Doch die letzte entscheidende Auseinandersetzung sollte erst 1859 bis 1870 kommen. Elf Jahre lang tobte der Kampf, in dem die Maoris um ihre Existenz kämpften mit wechselndem Glück. Besonders zähen Widerstand leistete der Häuptling Te Kuti, dem es gelungen war, der Gefangenschaft auf den Chatham-Inseln zu entrinnen, und die letzten Getreuen, Todesmutigen um sich zu scharen. Endlich im März 1870 eroberten die kolonialen Truppen die Verschanzungen Te Kutis in Maraetahi, wobei die meisten seiner Anhänger getötet oder gefangen genommen wurden. Te Kuti selbst aber entkam auch diesmal mit einer Hand voll Leuten. Vergebens waren alle Bemühungen, seiner habhaft zu werden; er blieb frei und unbezwungen. Amtlich hörte seine Verfolgung erst 1883 auf, in welchem Jahr er »begnadigt« wurde.

Im Jahr 1887 kam es wieder zu einem kleinen Aufruhr. Doch streckten sie vor einer Abteilung von Freiwilligen und Polizei ohne Schwertstreich die Waffen. Ihre Widerstandskraft ist gebrochen; sie gehen friedlich und resigniert ihrem unausbleiblichen, tragischen Schicksal entgegen. Ihre Zahl beträgt heute noch etwa 40 000.

Rasch und kräftig hat sich die Kolonie inzwischen entwickelt. Längst hat der letzte englische Soldat Neuseeland verlassen. 1864 wurde Wellington, am Südende der Nordinsel gelegen, als Sitz der Zentralregierung bestimmt. 1870 erhielt Neuseeland eine Universität. 1872 wurden vom Statthalter zwei Maorihäuptlinge zu Mitgliedern des Oberhauses ernannt. Seit 1876 verbindet ein Kabel Neuseeland mit Australien, 1877 wurde der allgemeine Schulzwang eingeführt und das Schulgeld abgeschafft, 1885 fand eine Gewerbeausstellung statt und 1893 wurde auch den Frauen das Wahlrecht erteilt. Neuseeland ist ein reiches Land und erfreut sich eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes. Seine Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus tüchtigen, unternehmenden anglo-sächsischen Germanen.

An der Spitze der Regierung steht ein von England ernannter Statthalter, der den Vorsitz im Ministerium führt und der Höchstkommandierende der neuseeländischen Streitkräfte ist. Tatsächlich hat er gar keinen Einfluß auf die inneren Angelegenheiten. Er vertritt in Neuseeland die Gesamtinteressen des großbritannischen Weltreichs im allgemeinen und des englischen Mutterlandes im besonderen und kann in Anbetracht der äußerlich lockeren Verbindung der Kolonie mit Großbritannien nicht mit Unrecht als ein großbritannischer Gesandter angesehen werden.

Die eigentliche Regierung liegt beim Parlament. Es besteht aus dem Oberhaus, dessen Mitglieder vom Statthalter auf sieben Jahre gewählt werden und das gegenwärtig 45 Mitglieder, darunter 2 Maoris zählt, und dem Unterhause, dessen 74 Mitglieder (darunter 4 Maoris) auf Grund des allgemeinen Stimmrechts, das sich auch auf die Frauen erstreckt, auf drei Jahre gewählt sind.

Eine wichtige Rolle spielt der Generalagent der Kolonie, der seinen Sitz in London hat und in ähnlicher Weise die Rolle eines neuseeländischen Gesandten in Großbritannien spielt wie der Statthalter die Rolle eines englischen Gesandten in Neuseeland.

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