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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 30
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Australien.

In Nord-Queensland bei den Australnegern.

Nach Lumholtz, »Unter Menschenfressern«.

Mein Bestimmungsort war Herbert Vale, eine verlassene Viehstation bei Herbert River, und ich hatte geglaubt, über Cardwell reisen zu können, eine kleine Stadt nördlich von Herbert Rivers Mündung, während ich von Dungeneß, welches an der Mündung liegt, viel weiter nach Herbert Vale zu reisen hatte. Aber ich wurde vor Cardwell gewarnt; außerdem hatte ich eine Empfehlung an einen großen Plantagenbesitzer der dortigen Gegend, und da ich weiß, wie wertvoll eine solche Bekanntschaft in wilden Distrikten ist, entschied ich mich für Dungeneß.

Glücklicherweise traf ich auf dem Schiff einen Landsmann, der als Matrose diente, und der mich insbesondere gegen die Roheiten des allezeit betrunkenen Kapitäns schützte. Am folgenden Abend langten wir in Dungeneß an; ich nahm gleich ein Boot und fuhr flußaufwärts. Meilenweit sind die Ufer mit Mangrovewaldungen bewachsen; nach und nach erweitert sich die Landschaft und dort wird mit vielem Fleiß ein ausgezeichnetes Zuckerland bearbeitet. Hoch oben sind große, mit Gummibäumen bewachsene Ebenen.

Vor der fortschreitenden Kultur zieht sich die Fauna Australiens immer mehr zurück; nur das Krokodil läßt sich nicht stören. Kurz vor meiner Ankunft war ein Eingeborener, der seine Kleider wusch, von einem solchen ins Wasser gezogen worden, und als seine Kameraden herbeieilten, bezeichnete ein Blutstrom die Stelle, wo er verschwunden war.

Hier erfuhr ich, daß ein Dr. Gardener in der Nähe wohne, der sich für Naturforschung interessiere; ich besuchte ihn eines Tages und nahm seine Einladung, auf einige Zeit sein Gast zu sein, dankbar an.

Bei ihm lernte ich zuerst die Neger von Nord-Queensland kennen. Viele Männer und Weiber hatten ihr Lager auf seinem Hofplatz; sie waren fast alle nackend. Es interessierte mich zu sehen, wie Gardener mit ihnen verkehrte. In den unzivilierterten Gegenden ist das Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen meist ein sehr schlechtes. Die Kanaken werden wie Tiere behandelt. Aber es gibt einzelne Farmer, die sich ihrer annehmen. Zu ihnen gehörte Gardener. Das ganze Lager lebte auf seine Kosten; er verstand es, die trägen Leute zur Arbeit anzuspornen, ging selber mit ihnen in den Wald und ließ ihnen als Lohn jeden Abend Mehl, Zucker, Fleisch, Tabak verteilen. Sie lernten so allmählich kochen und benützten Gardeners Küchengeräte, was nicht ganz nach meinem Geschmack war. Gardener liebte es, stets von Wilden umgeben zu sein; aber es war keine leichte Sache, sie in Ordnung zu halten. Sah man ihn im Verkehr mit ihnen, so spürte man nichts von seinem guten Herzen; er schalt sie tüchtig aus, wenn sie es verdienten, und trieben sie es nachts gar zu bunt, so schreckte er sie mit einem Flintenschuß. Aber im Grunde seines Herzens war er die personifizierte Güte und blieb es auch trotz aller Enttäuschungen. Wie oft wurde er von ihnen bestohlen, und vierzehn Tage vor meiner Ankunft hatten sie einen Schwarzen getötet und mit großem Appetit verzehrt, was sie später lachend und triumphierend erzählten.

So interessant dieser Aufenthalt war, so sehnte ich mich doch nach meinem Bestimmungsort Herbert Vale, und Gardener war so liebenswürdig, mir ein altes Pferd als Packpferd und sein eigenes Pferd als Reitpferd anzubieten.

So erreichte ich mein Hauptquartier Herbert Vale. Für meine Exkursion sah ich mich vor allem nach sogenannten »zivilisierten« Negern um. Die ganze Zivilisation besteht in der Regel darin, daß sie wissen: auf Tötung eines Weißen ist die Todesstrafe gesetzt, daß sie ein Hemd und einen Filzhut tragen und mit tiefer Verachtung auf ihre wilden Brüder herabsehen. Der Aufseher in Herbert Vale, Scott, war ein mürrischer, eigensinniger Greis, der sich um nichts kümmerte und alles dem Küchenmädchen Nelly überließ. Alle Versuche, Abwechslung in den Küchenzettel zu bringen, wurden von Scott und Nelly mit Entrüstung zurückgewiesen. Ihre Speisen schwammen in altem Fett, so daß mir aller Appetit verging. Ein Hauptfest war für sämtliche Eingeborenen der Nachbarschaft, wenn ein Ochse geschlachtet wurde. Von allen Seiten stürmten sie herbei, Männer, Weiber und Kinder, alle gleich begierig, vom Schlachten etwas zu erwischen. Sobald das Tier aufgeschlitzt ist, gilt es, sich bereit zu halten, um die größten Stücke der Eingeweide und der Haut zu erwischen, die allein den Schwarzen zufallen. Unter einem ohrenzerreißenden Lärm beginnt der Kampf zwischen den herbeieilenden Männern, Weibern und Kindern. Jeder will das längste Stück von den Gedärmen haben; die stärksten haben sich darüber geeinigt, wer die größten Leckerbissen, Leber, Lunge und Herz, bekommen soll. Wenn die Schwarzen alles an sich gerissen haben, so begibt sich die ganze Schar nach dem Lager, wo der Fraß beginnt. Gedärme, Magen, Haut werden ungereinigt in Stücke zerschnitten, auf Kohlen gelegt, einigemal umgewendet und darauf gefressen. Das sind die Höhepunkte im Leben eines Kanaken, denn des Lebens höchstes Gut sehen sie darin, so viel als möglich essen zu können.

Auf meinen Forschungsreisen habe ich den Australneger als den geschicktesten Kletterer kennen gelernt. Aus der Rohrpalme macht er sich ein sechs Meter langes Teil, Kamin genannt, das er am einen Ende mit einem Knoten versieht. Nachdem er seine Hände im Gras abgetrocknet hat, ergreift er mit der Linken den Knoten, schlingt den Kamin um den kolossalen Baumstamm und erfaßt mit der rechten Hand das freie Ende des Seiles. Er windet es mehreremale um den rechten Arm, stemmt den rechten Fuß gegen den Baum, streckt die Arme vorwärts, biegt den Körper rückwärts und beginnt nun das Aufsteigen. Stoßweise wirft er den Kamin nach oben und erklettert gleichzeitig den Baumstamm. Es gibt keinen Baum, der für den Australneger zu glatt und zu hoch wäre, nur der Umfang darf nicht zu groß sein.

Man braucht nicht lange mit den Australnegern zu verkehren, um zu merken, daß ihre Hauptneigung der Hang zum Betteln ist. Gibt man einem Schwarzen etwas, so hat er zehn andere Dinge zu fordern, und gäbe man ihm alles, was man hat, so hört er nicht auf zu betteln. Dankbarkeit ist ihm ein unbekanntes Gefühl. Er verrät seinen besten Freund, und nie darf man ihn hinter sich gehen lassen, immer voran. Bei aller Trägheit zeigt er doch auf der Jagd eine merkwürdige Zähigkeit und Ausdauer. Den Weibern wird alle Arbeit zugeschoben; deshalb gilt der für den Reichsten, der die meisten Frauen hat. Sie haben ein offenes Auge für das Komische und wären munter und sorglos, wenn sie nicht von beständiger Furcht vor anderen Stämmen geplagt würden. Denn sie kennen keine größere Delikatesse als schwarzes Menschenfleisch; das Fleisch der Weißen sei ihnen zu salzig. Im ganzen haben sie wenig Bedürfnisse; Kleider werden nicht gebraucht, weder im Sommer noch im Winter. Wasser ist ihr einziger Trank, am höchsten schätzen sie unter allen Genußmitteln den Tabak. Er gilt für so gesund, daß selbst Mütter ihren kleinen Kindern, welche sie auf der Schulter tragen, die Pfeifen in den Mund stecken.

Den größten Respekt hatten sie vor meinem Revolver; denn sie glaubten, er höre gar nicht auf zu schießen. Natürlich ließ ich sie bei diesem Glauben. Man hat sich oft darüber gewundert, daß ich von meinen eigenen Leuten nicht getötet wurde; ich verdanke dies vor allem meinem Revolver, den ich jeden Abend vor Schlafengehen abfeuerte. Auch hatte ich nie zu lange dieselben Begleiter; die Schwarzen dürfen mit dem weißen Mann nicht zu vertraut werden, da sie sonst alle Furcht verlieren und man jeden Augenblick eines Überfalls gewärtig sein müßte. Ein großer Schutz lag auch für mich in ihrem Glauben, daß ich nie schlafe. Oft stand ich während der Nacht auf und ging durchs Lager.

Es ist bekannt, wie wenig empfänglich die Australneger für religiöse Anregungen sind, und daß es selten glückt, ihnen mehr als den äußeren Schein des Christentums beizubringen, übrigens haben sie wenig Gelegenheit, mit dem Christentum in Berührung zu kommen; es gibt wenig Missionare in Australien und diese haben mit doppelten Schwierigkeiten zu kämpfen: mit der Unempfänglichkeit der Schwarzen und mit dem übelwollen der Weißen. Nach meiner Überzeugung kann aus den Australnegern nur ein Christ werden, wenn er von Kindesbeinen an von den Weißen erzogen wird. Dann kann er es auch in geistiger Entwicklung ziemlich weit bringen. Im Hause werden meistens Frauen verwendet, die geschickt zum Aufwarten, aber unbrauchbar zum Kochen sind. Sehr geschickt sind die Neger als Schaf- und Viehhirten und im Zureiten wilder Pferde. Die zivilisierten Schwarzen gewöhnen sich sehr leicht die Sitten und Manieren der Weißen an. Einige bringen es sogar soweit, daß sie sich rasieren, waschen und Handtücher benutzen. Aber auf der ganzen Welt gibt es niemand, der sich mehr einbildet, als ein zivilisierter Australneger, wenn er wohlgekleidet mit angezündeter Pfeife zu Pferde sitzt, die Tasche voll Tabak und Zündhölzern. Die wilden Eigenschaften brechen immer wieder durch, auch erstirbt nie in ihnen die Sehnsucht nach der früheren Freiheit und nach den Wäldern, mögen sie es bei den Weißen noch so gut haben.

Nach Herbert Vale, dem Ausgangspunkt für meine Expeditionen, kam ich selten, das Verhältnis zu Scott und Nelly wurde immer unfreundlicher, und als ich eines Tages Nellys Liebling, einen einäugigen, bissigen, kläffenden Köter prügelte, zog ich mir den Haß Nellys in einem Maße zu, daß meines Bleibens nicht länger in Herbert Vale sein konnte. Unter meinen schwarzen Begleitern war mir der liebste und treueste Jokkai. Was ihn am meisten an mich knüpfte, war der heiße Wunsch, »weißer Mann« zu werden. Die Kost des weißen Mannes essen, Tabak rauchen, Kleider tragen und englisch sprechen, das war sein Ehrgeiz. Er setzte mich auch immer in Kenntnis von den unheimlichen Plänen, welche die anderen schmiedeten. Da war z. B. der böse Jimmy, der seine junge Frau ermordet und einen Naturforscher erschlagen hatte, weil dieser ihm nicht sofort von dem Tee angeboten hatte, den er ihm hatte bereiten helfen. Ich beschloß, diesen Mord durch die schwarze Polizei sühnen zu lassen.

Es gelang mir, den schwarzen Richter an Ort und Stelle zu bringen, den Fall untersuchen zu lassen und ein Todesurteil gegen Jimmy auszuwirken. Aber auf dem Transport entfloh Jimmy auf Nimmerwiedersehen. Dadurch erlitt mein Ansehen einen furchtbaren Stoß. Die Wilden sahen, daß mir doch nicht alles gelinge, und weil ich mich nie dazu entschließen konnte, nach einem Kanaken zu schießen, so erklärte mir Jokkai eines Tages: Du bist ein kleiner, weißer Mann, du schießest ja keinen. In meiner Kleidung war ich auch mehr und mehr herunter gekommen, und das trug nicht dazu bei, den Respekt zu erhöhen. Die Eingeborenen haben nämlich gerade wie die Kinder ein scharfes Auge für alle Äußerlichkeiten, und sie sahen in den zerlumpten Kleidern ein Zeichen der abnehmenden Größe.

Der tägliche Verkehr mit den Wilden hatte mich weniger vorsichtig gemacht, und so ging ich einst ins Bad, ohne meinen Revolver mitzunehmen. Während meiner Abwesenheit wurde förmlicher Kriegsrat gehalten. Einer meinte, es sei jetzt so leicht, mich im Wasser zu überfallen, und als Jokkai protestierte, erklärte er, den Mord mit seiner Frau allein auszuführen. Glücklicherweise war das Wasser so kühl, daß ich schon auf dem Heimweg war, als sie sich dem Fluß näherten. Sie gaben deshalb ihren mörderischen Plan auf.

Später erzählte mir Jokkai den ganzen Fall, und als ich fragte, ob denn die Wilden gar keine Furcht vor der Polizei hätten, antwortete er: »Der Wald ist groß«. Man hatte schon alle Sachen meines Eigentums unter die einzelnen verteilt und beschlossen, meinen Körper nicht zu essen, sondern ins Wasser zu werfen. Das eine Pferd wollte man verzehren, das andere laufen lassen. Das Ganze kam so naiv und treuherzig heraus, als spräche Jokkai von einem Mann, der schon tot sei.

All das trug dazu bei, mir den Aufenthalt in Herbert Vale doch etwas zu entleiden, und ich beschloß, nach Zentral-Queensland zurückzukehren. Mit großer Sorgfalt wurden alle meine Effekten eingepackt, Jokkai begleitete mich. Als Lohn für seine treuen Dienste hatte ich ihm einen vollständigen Anzug geschenkt. Er war überglücklich, fühlte sich auch viel sicherer; denn die Schwarzen scheuen sich, einen gekleideten Neger anzugreifen, aus Furcht, sein Herr könne sie erschießen. Jokkai hatte in letzter Zeit oft den Wunsch geäußert, mich nach Norwegen zu begleiten, er hoffte, dort Tabak und Mehl in Hülle und Fülle und eine weiße Frau zu finden; und doch, je näher die Entscheidung kam, desto unsicherer wurde er. Ich hatte Sorge für ihn, ob er in seiner Heimat um seiner Treue willen nicht verfolgt werde und fragte ihn daher, als ich das Schiff bestieg, ob er mit mir nach Norwegen reisen wolle. Er zuckte mit den Schultern und gab ein bestimmtes Nein zur Antwort, worauf ich ihm mit einem Händedruck Lebewohl sagte. Kein Zeichen der Bewegung machte sich bei ihm bemerkbar; er starrte mich nur mit seinen großen, braunen Augen an. Das Schiff glitt langsam stromabwärts, und nicht ohne Wehmut folgte ich meinem schwarzen Freund, der einsam am Ufer zurückblieb.

Voll Sympathie für den Australneger war ich nach Herbert Vale gekommen, aber nach langen Monaten des Zusammenseins war alle Liebe verschwunden und nur das wissenschaftliche Interesse zurückgeblieben. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß die Menschen nicht allein unter zivilisierten Verhältnissen weniger gut sind, als sie sein könnten, und ich war von allen Rousseau'schen Träumereien gründlich geheilt.

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